Schadensbegrenzung

Liebe Lesende,
seit dem 3.11.2018 gab es auf diesem Blog keine neuen Kapitel meiner WebSerie zu lesen. Das sind 6 ausgefallene Updates. Die ersten und hoffentlich einzigen 6 Samstage in diesem Jahr, an denen ich nicht wie gewohnt 8 bis 12 Seiten einer Novelle oder eines Kurzromans hochgeladen habe.
6 Samstage, an denen ich mein selbstgestelltes Ziel verfehlt habe.
Das betrübt mich und vor gar nicht so langer Zeit hätte mich dieser Fehlschlag an meinen Qualitäten als Schreiber, an meiner Hingabe und an meiner eigenen Disziplin zweifeln lassen.
Heute kann ich dagegen sagen, dass ich mein bestes gegeben habe. Ich werde diese Umstände akzeptieren und weitermachen, statt daran zu verzweifeln.
Insbesondere, da sich scheinbar höhere Mächte gegen mich verschworen hatten.

Am 9.11 wurde meine Webseite gehackt. Dem Schaden waren meinen rudimentären Fähigkeiten leider nicht gewachsen und ich war gezwungen, die Seite kurzzeitig ganz vom Netz zu nehmen. Ein BackUp der WordPress-Installation erwies sich auch als unmöglich, was die Sache komplizierter gestaltete (die Texte habe ich natürlich gesichert und werde sie über die Feiertage wieder hochladen).

Das alles natürlich mitten im National Novel Writing Month, den ich Dummkopf mit einem Doppelprojekt gestartet habe: Geständnisse einer Leichenfresserin, ein Murder Mystery das in der Welt von Blut und Rost spielt und einige unserer alten Bekannten in einer einzelnen Geschichte zusammen bringen sollte. Leider habe ich davon nur 25.000 Wörter oder 125 Normseiten geschafft, da mir mein zweites Projekt wieder einmal über den Kopf wuchs. Meine Abschlussarbeit schlägt mit aktuell 30.000 Wörtern oder 150 Seiten zu Buche. Ich habe das verdammte Ding jetzt drei oder vier Mal komplett neu aufgestellt. Zuletzt von August bis September in nur 6 Wochen komplett neu geschrieben, vom Deckblatt bis zum Anhang. 150 Seiten harte ästhetische Philosophie in 6 Wochen. Im November musste der erste Entwurf komplett überarbeitet werden. Ich hatte einiges an Literatur nachzuholen, einzufügen, ganze Kapitel neu zu schreiben, umzugestalten und großflächig zu streichen und zu ersetzen. Das alles neben dem wahnsinnigen Vorhaben, einen ganzen Roman in 30 Tagen zu schreiben und den Blog am Laufen zu halten.
Die Webserie viel dazwischen schlicht hinten unter.
Was opfert man nicht alles für einen Abschluss mit Auszeichnung.

Als ich mich Anfang Dezember dann daran machen wollte, die Webseite neu aufzusetzen und die bis zu diesem Zeitpunkt verpassten Updates nachzuholen, kam der nächste Schicksalsschlag: Das Internet in unserer WG fiel aus. Für drei geschlagene Wochen, vom 31.11 bis zum 18.12 hatte ich keinen Internetzugang. Die Gründe sind komplizierter und involvieren ausziehende Mitbewohner, schlechte Planung und zerschnittene Leitungen. Belassen wir es dabei, sonst erleide ich Flashbacks.
Ich hatte die Absicht, derweil in Kaffeehäusern das freie Internet zu nutzen oder die Bibliotheken der Stadt zu besuchen.

Das wurde leider vereitelt von, ich gebe zu, menschlicher Schwäche und ökonomischen Sachzwängen. Seit dem 3.12 habe ich endlich, nach mehr als einem Jahr Suche und Lückenstopferei einen Job. Es ist kein großer Sprung. Drei Tage die Woche stehe ich in einem barocken Palais im Zentrum von Wien und sage den Besuchern, dass sie die Finger von den millionenschweren Bildern lassen sollen. Aber es zahlt meine Miete, mein Essen und meine Versicherung – und das ist mehr, als ich die letzten 16 Monate sagen konnte. Unglücklicherweise bedeutete das genau dann mehr Streß und weniger Zeit, als ich mich mit meiner Webseite beschäftigen wollte.

Heute ist seit einigen Wochen der erste Tag, an dem ich wirklich die Ruhe habe, mich damit zu befassen.
Ich bin also traurig, dass es so lange gedauert hat. Aber ich schäme mich nicht dafür, denn ich habe in dieser Zeit einiges geschafft. Nicht alles, was ich wollte, aber vieles. Und das ist immerhin ein Anfang.

Ich danke euch also allen für eure Geduld, für eure lieben Worte in dieser Zeit und vor allem: Dafür, dass ihr wieder hier seid und das lest.

Der Neuaufbau der Webseite wird leider ein wenig dauern. Ich möchte die Gelegenheit wahrnehmen und mich einmal etwas in Design und Bearbeitung einfuchsen, um eine möglichst schicke Seite bieten zu können.
Die Wiederherstellung der Texte und die Wiederaufnahme wird dagegen recht zügig vor sich gehen. Heute und in den nächsten Tagen lade ich die 8 dieses Jahr abgeschlossenen Novellen mit ihren insgesamt 42 Kapiteln neu hoch. Das wird ein paar Stunden dauern, da ich zumindest eine schnelle Rechtschreibprüfung nachlegen möchte.
Mit Samstag, dem 22.12.2018, nehme ich den Faden der letzten Erzählung wieder auf mit einem brandneuen Kapitel. Die Geschichte wird noch etwa den Januar über andauern. Im Februar 2019 dann möchte ich euch meine Pläne für das Projekt und das nächste Jahr präsentieren, an denen ich während des Novembers bereits einiges vorbereitet habe. Da ich dann wohl endlich, nach mehr als einem Jahr, meine Abschlussarbeit an der Alma Mater Rudolphina eingereicht haben werde, halte ich diesen Zeitpunkt für ideal.
Bleibt also dabei.

Um euch die Wartezeit etwas zu verkürzen, möchte ich noch auf ein Projekt hinweisen, bei dem ich das Glück hatte, mitwirken zu dürfen. Nora Bendzko, mit der ich in meinem Schreibsalon zusammen arbeiten durfte, hat mir die Ehre erwiesen, mich in die Widmung ihres aktuellen Romans aufzunehmen. Schaut es euch an!

Entzündung – Teil III: Eine letzte Anstrengung

¨Dein Geheimnis. Verrat es mir.¨


Jakob war gefangen, nicht ganz bei sich. Er spürte alles wie durch Watte, als hätte er einen leichten Kater oder hätte die Nacht durchtanzt. Es tat nichts weh, nichts schmerzte. Aber die Energie war ihm ausgegangen, alles war leicht und locker und selbst die Luft war seltsam zäh-viskos, als hätte sie sich um ihn verdichtet und widerstünde den einfachsten Bewegungen. Es kostete ihn Kraft, nur diese Frage zu stellen, seine Lippen und Zähne zu bewegen.


Er träumte wohl. War sich fast sicher, dass er träumte. Das Licht fiel so komisch durch sein Arbeitszimmer, so grau und trist, wie von abgedämpftem Mondlicht. Und Benedikt saß neben ihm auf der Couch, auf der Jakob immer schlief.

Wie konnte er da nicht träumen?


¨Was sollten das für ein Geheimnis sein?¨, fragte seine Traumstimme. Sie klang, wie in den Träumen zuvor. Rau und irgendwie erdig, als schleife sie etwas auf den Stimmbändern.
¨Woher du kommst. Wer du warst.¨
¨Ein Niemand von Nirgendwo. Wohin wir alle wieder gehen¨, war die Antwort. Jakob spürte, wie sich Falten in seine Stirn gruben und seine Augenbrauen sich hoben, mühsam und schwer, irgendwie losgelöst von ihm.

Er war zur Seite gesunken, im Lauf der Nacht. Er erinnerte sich, wie er wieder lange im Büro geblieben war, jedenfalls schwach erinnerte er sich an den Tag. Eine endlose Reihe von Papieren, wie die letzten Wochen schon. Papiere und Unterlagen, die ihn diesmal bis auf die Couch begleitet hatten, wo er unter einer schmuddeligen Decke eingeschlafen war.

Jetzt lag er dort, zur Seite weg gesunken, den Kopf auf dem Schoß eines Knaben und den Blick nach oben gerichtet, zur Decke. Wie in müßiger Überlegung. Wie, als wäre es ein fauler Sommernachmittag, den er in der Sonne verbrachte.

Nur dass es Nacht war und er zu schlafen glaubte.

Über ihm…das Gesicht von Benedikt. Die scharfen, Züge, das kräftige Kinn, die feinen Marmorierungen auf den Wangen und der Stirn, wo Adern bläulich durch die Haut schimmerten. Die schwarzen Locken, nach denen er fassen, in denen er seine Finger vergraben wollte. Nur seine Augen sah Jakob nicht. Die hielt der tote Knabe auch in seinen Träumen noch geschlossen.

Es wirkte leer, nicht lebendig sondern schlafend. So groß war die Macht seiner Träume offenbar nicht, dass Jakob die Toten wieder leben lassen konnte. Aber er konnte sie sprechen lassen.

Der Junge hatte eine Hand auf seine Schulter gelegt, strich ihm über den Nacken. Küsste ihn mit kühlen Lippen das Fleisch zwischen Schlüsselbein und Hals.

Jakob zitterte unter den Berührungen, vibrierte trotz seiner Schwäche darunter, schmiegte sich an das kühle Fleisch Benedikts.


¨Wie hat Segato dich konserviert?¨, verlangte er zu wissen. ¨Verrat es mir. Woher kommst du, wie bist du in meinem Archiv gelandet und zu meiner Qual geworden?¨
¨Qual?“ Der Körper, dem die Stimme gehörte, schüttelte sacht das Haupt. Als lachte er, aber ohne einen Ton von sich zu geben. „Ist es so grausam, mich nicht zu kennen?¨


Jakob zögerte einen Augenblick, überdachte seine Möglichkeiten. Was er die letzten Tage und Nächte herausgefunden oder besser gesagt nicht herausgefunden hatte. Er hatte grandiose Behauptungen gemacht über die Natur seiner Beobachtungen, über die absolut unzweifelhafte Echtheit des Objekts, die ins Haus stehenden Tests und Laboruntersuchungen, die ihm und einem Team an ausgesuchten Wissenschaftlern Ruhm und Ehre bringen würden.

Das jedenfalls hatte er gesagt, um sich Boris und seine Familie vom Leib zu halten.

Die Wahrheit war: Jakob bewegte sich auf der Stelle.

Es war nichts aufzutreiben, kein Beweis. Er hatte nichts von Benedikt, als diesen Namen, der eines Abends in seinem Geist aufgetaucht war und mit dem er einen leblosen Kadaver betitelte. Nichts als den Namen und die Gewissheit, dass er mit Segato zu tun hatte.

Schließlich nickte er.
¨Es ist grausam, dich zu kennen, aber nicht zu wissen, wo du her kommst.¨
Die Lippen des Körpers, den er Benedikt nannte, zuckten.
¨Ich kannte Girolamo Segato“, wiederholte die Stimme und Jakob nickte.
„Ich weiß, ich weiß“, unterbrach er ihn.
„Ich starb vor mehr als zweihundert Jahren“, sagte Benedikt weiter und Jakob bekam den Eindruck eines Lächelns, eines feinen, verschmitzten Ausdruckes um die Mundwinkel..
„Ich weiß, ich weiß“, stimmte Jakob eifrig zu. „Du musst, wenn du Segato kanntest. Aber wie bist du dann hier gelandet?“
„Du hast nur eine falsche Annahme gemacht¨, sagte die Traumstimme, ohne das Lächeln zu unterbrechen.
¨Ja?¨, fragte Jakob zittrig, spürte, wie sich alles in ihm anspannte. Er war auf dem Weg, ein weiteres Geheimnis zu erfahren. Stück für Stück würde er die Rätsel schon lösen, und wenn es ihn Monate und seinen Verstand kostete: Er würde die Geheimnisse der Medusa von Florenz schon noch dem Vergessen entreißen.
¨Welche?¨, fragte er atemlos.

Benedikt antwortete mit erdiger Stimme:
¨Du denkst noch, ich sei eine Schöpfung Girolamos. Dabei war er meine Kreatur. All seine Kunst ist mein Verdienst.¨


—-


Der Anatom Dr. Gottfried hatte schlecht geschlafen, natürlicherweise. Die Träume ließen ihn nicht los, sondern wurden nur echter und fesselnder. Auch tagsüber schlichen sie sich in sein Leben. Als drifte er langsam ab, verabschiedete er sich aus dem frustrierenden Alltag, in dem er keine Lösungen fand. Immer öfter fand er sich in seinen wachen Stunden eine Hand auf seinen Nacken legen, dort, wo er die Hand Benedikts im Traum zu spüren geglaubt hatte.


Womöglich war es nur die Müdigkeit. Er schlief eben sehr schlecht und zu wenig. Entweder sackte er am Schreibtisch in sich zusammen, über seinen Büchern, oder schaffte es mit Müh und Not auf die harte Couch. Sein Rücken schmerzte, seine Augen brannten und er hatte einige Verspannungen den ganzen Rücken runter. Seine Schultern waren steif und hart. Wenn er nicht bald ein richtiges Bett und ein Wochenende Schlaf bekäme…

Der Besuch, der ihn mit seinem Mittagessen belästigte und von der Arbeit abhielt, tat sein übriges.

Jakob schnaubte, klappte gleichzeitig seinen Katalog zu und griff sich den nächsten vom Stapel. Er hatte sich Arbeit aus dem Archiv mitgenommen. Wobei mitgenommen auch ein eigentümliches Wort dafür war. Er hatte mehr große Teile der Aufzeichnungen über die Jahre 1920 bis 1950 in sein Büro geschafft. Kistenweise stapelten sie sich vor den Bücherregalen, mehrere lagen auf dem Tisch. In diesem Fall die Jahre 1920 bis ’23. Er vermutete, dass Benedikt in diesem Zeitraum das erste Mal ins Archiv gekommen war. Die Aufzeichnungen müssten im Krieg untergegangen sein, verschüttet irgendwie. Von den Russen eingekistet und dann nicht mitgenommen oder irgendein übereifriger SS-Mann hatte womöglich noch einige davon verbrannt.

Wenn dem so war, dann müsste es Notizen geben, Randbemerkungen, irgendwo Verweise auf etwas fehlendes oder vernichtetes…oder schlicht eine Beschreibung von Benedikt als Teil einer Ausstellung oder Inventur, das wäre das beste Szenario.


Für ihn selbst hätte es keinen Beweis gebraucht, natürlich nicht. Er wusste, dass es sich um Segatos Meisterwerk handelte, nicht um ein Imitat, noch weniger um eine moderne Plastik. Aber für den akademischen Betrieb…musste er sich durch die handschriftlichen Inventurlisten wühlen.


Sollte in diesen Katalogen nichts verzeichnet sein, das in etwa einer Beschreibung der Kiste entsprach, hätte er noch einige weitere Möglichkeiten. Er plante durchaus, sich etwa mit den Russen in Beziehung zu setzen, die ’45 einen großen Teil sämtlichen Kulturschatzes der Stadt als Beute mitgeschleppt hatten. Natürlich würden sie nicht erklären können, wann das Stück aufgetaucht war. Aber wenn es bis Mai des Jahres schon im Insitut gewesen wäre, dürfte irgendeiner seiner Kontakte eine Notiz darüber gefunden haben, als sie wertvolles und wertloses trennten.

Seiner Erfahrung nach waren die Sovjets mehr an den technologischen Errungenschaften interessiert gewesen, der Eisernen Lunge etwa oder mechanischem Ersatz für organische Funktionen. Benedikt wäre zu harmlos für sie gewesen, zu wenig bedeutsam als technische Errungenschaft. Wenn Jakob sich nicht sehr irrte, hatten einige ihrer Forscher sogar einen vollständigen Blutkreislauf imitieren und einige Stunden lang stabil halten können. Anatomisch durchaus eine Leistung, die sogar Boris in seinem grotesken Kabinett gefallen hätte.
Das wäre doch ein Schauspiel für die Kinder gewesen: Der noch zuckende Leichnam eines Tieres, aufgespalten und Inneres nach Außen verkehrt, künstlich am Leben gehalten durch Pumpen, Schläuche, Blasebälge, den Mund leblos öffnet, angetrieben von irgendeiner elektrischen Teufelei

¨Du siehst scheiße aus¨, unterbrach Sarah seine Überlegungen. ¨Du schläfst in deinem Büro, Jacques, und ernährst dich von Pizza und Papier. Wann warst du zuletzt draußen? Nein, richtig draußen, mit anderen Menschen. Es stinkt hier drinnen, als wärst du allergisch gegen Wasser.¨

Ein müdes Lächeln schlich sich auf sein Gesicht und er zuckte mit den Schultern, desinteressiert und schwächlich.
„Wenn ich nicht raus gehe, dann stört es keinen“, sagte er, ohne aufzublicken.
Seine Schwester stampfte auf, trat gegen eine der vielen Kisten an der Wand, die seit ihrem letzten Besuch nur noch mehr geworden waren. Er wusste, dass sie ihm wieder diesen garstigen Blick zuwarf. Dafür musste er sie überhaupt nicht sehen. Er spürte ihn als so ein Kribbeln unter der Kopfhaut.
¨Du telefonierst nicht mehr mit Mutter“, sagte sie. „Die Alte macht mich irre mit ihren dauernden Anrufen. Ob ich was von dir gehört habe, was tu tust, ob du jetzt zu wichtig bist, um mit deiner Mutter zu sprechen.“


„Nur ein paar Tage noch“, sagte Jakob, „dann bin ich fertig. Dann hat Mama wieder Grund, mit mir anzugeben, ohne mit mir zu reden.“
¨Scheiß auf ihr behämmertes Selbstwertgefühl. Ich mache mir Sorgen um dich, Mann. Du lebst wie ein Tier hier drinnen. Schlimmer eigentlich, Tiere haben keine andere Wahl.“
Jakob schüttelte den Kopf. Das war es nicht wert, sich aufzuregen, wütend zu werden und zu schreien. Nur weil sie einmal mehr nicht verstand, weil sie das alles für kranke Spielereien hielt, was er „so trieb“. Benedikt war wichtiger, als sie. Wichtiger als das fragile Ego der Familie, das sich nur am Leben halten konnte, wenn es ihn immer und immer wieder auf seine Andersartigkeit hinwies.

„Mir geht es gut“, sagte er.

Es war wie eine Aufnahme, die er abspielte. In dem selben Tonfall, den er die letzten Tage ihr gegenüber verwendet hatte. Den er auch bei Boris benutzte und bei allen anderen, die ihn fragten.

¨Sacre…¨, schimpfte Sarah und fischte einen handtellergroßen Spiegel aus ihrer Handtasche. Sie schnappte ihn mit einer Handbewegung auf, hielt ihn vor seinem Gesicht.

¨Schau genau hin¨, befahl sie.
Ihr kleiner Bruder folgte nur widerwillig. Etwas in diesem kleinen, ausschnitthaften Spiegelbild füllte ihn mit einem Unbehagen, auf das er nicht direkt deuten konnte. Er hatte tiefe, braune Ringe unter den Augen, die von wenig Schlaf und schlechtem Licht gerötet waren. Seine Wangen waren eingefallen, bleich, unter einem stoppeligen, dunkelblonden und ungepflegten Bart, der etwa drei Wochen gebraucht hatte, um zu wachsen.


Jakob wandte den Blick ab, zuckte mit den Schultern. Hätte er seine Füße durch die Arbeitsplatte seines Sekretärs hindurch sehen können, er hätte sie betreten angestarrt.
„Meine Güte, ja, ich achte nicht gut auf mich. Aber was soll ich sagen? Das hier ist wichtig, Sarah. Sehr wichtig. Wie kann ich mich um mich kümmern, wenn ich mich um…“

Er biss sich auf die Lippe. Beinahe hätte er gesagt, wenn er sich um Benedikt kümmern musste.

„Wenn ich mich um mein Projekt kümmern muss. Ich habe so viel zu tun“, sagte er. „Boris droht, mich zu feuern, wenn ich nicht mehr an seiner hirnrissigen Ausstellung arbeite. Ich versinke jetzt schon bis über beide Ohren. Ich muss einfach fertig werden hiermit, verstehst du? Dann…dann wird es besser werden. Ganz bestimmt.“

Der Spiegel schnappte mit einem bösartigen Geräusch zu. Sarah versetzte ihrem Bruder einen spielerischen Klapps auf den Hinterkopf, nahm ihre Tasche in die Armbeuge und ging zur Tür hinüber. Sie hatte ausgerichtet, wozu sie gekommen war und Jakob war klarerweise in irgendetwas vergraben, das sie weder interessierte noch verstand. Wenn er sich jetzt nicht am Riemen riss, käme der nächste Besuch von Vater und das wäre…es wahrscheinlich nicht einmal für ihn wert.
„Mutter erwartet dich Sonntag zum Kaffee. Das ist in zwei Tagen, klaro, Doktor Immerschlau? Einen Tag wirst du einmal rauskommen diesen Monat, und wenn Vater dich zu ihr schleifen muss.“
„Hmh“, machte Jakob abwesend und nahm sich den nächsten Katalog vor.

Ehe Sarah die Tür ins Schloss warf fauchte sie:
¨Und schaff mir Mutter vom Hals.¨

Es knallte mit einer Wucht, als hätte sie Jakob eine Ohrfeige auf die Entfernung verpassen wollen. Fast hatte sie damit auch Erfolg. Das Geräusch riss Jakob für einen Augenblick aus seinen Gedanken, hinein in die Sorgen, die Sarah vor ihm ausgebreitet hatte.

Er starrte auf die Tür, durch die seine Schwester eben verschwunden war. Für einen kurzen Augenblick verspüre er Schuld, die ihm die Eingeweide zusammen zog.

Jakob hatte nicht gelogen. Boris hatte wirklich gedroht, ihn zu feuern. Aber nicht für seine fehlende oder unerledigte Arbeit. Er fand es „unprofessionell“, wie Jakob seine Arbeit angeblich vernachlässigte und sich dafür einem „Hobbyprojekt“ zuwandte.

Hobbyprojekt! Als wäre Benedikt irgendeine Modelleisenbahn und nicht…und nicht das einzige, was ihn die letzten Wochen zusammen gehalten hatte.

Boris hatte, in sehr eindeutigen Worten, seinen Unmut darüber ausgedrückt. Worte wie ekelhaft waren gefallen, auch pervers. Er hatte ihn besessen genannt von diesem Kadaver, den Boris sich schließlich doch angesehen hatte.

Also hatte er gedroht, ihn zu feuern, wenn er bis nächste Woche seine Angelegenheiten nicht in Ordnung hatte und ein „professionelleres Arbeitsverhalten“ an den Tag legen würde.

Ein Umstand, den er Sarah verschwiegen hatte. Warum, wusste er selbst nicht genau. Vielleicht, weil sie nie großes Interesse an seiner akademischen Arbeit gezeigt hatte. Vielleicht, weil sie ihn dafür schelten würde. Vielleicht, weil er befürchtete, dass sie damit im Recht wäre.

Jakob löste sich von seinen Gedanken, kehrte wie von selbst zu seiner Arbeit zurück. Zu Benedikt. Verdammt sollte Boris sein mit seinen Beschwerden. Der fand überhaupt alles „unprofessionell“ – wie Jakob unbezahlte Überstunden schob, wie er die Arbeit seiner eigentlichen Anstellung immer mehr für sein „Hobbyprojekt“ vernachlässigte und stattdessen eilig in der Nacht erledigte, bis er darüber in seinem Büro einschlief. Wie sich das Lieferessen im Müll und der Büroküche stapelte.

Die Arbeit wurde gemacht, war das nicht genug? Er erledigte sie, Boris hatte sie am nächsten Morgen auf dem Tisch, manchmal auch erst zum Mittag, aber immer rechtzeitig, wenn sie gebraucht wurde.

Er verbrachte diesen Tag, wie alle anderen auch. Es hatte keinen Zweck, sich jetzt darüber den Kopf zu zerbrechen. Nicht, wenn er so nah an der Lösung des Rätsels dran war. An einem Beweis dafür, dass Benedikt nicht nur ein Scherz war, eine Laune, sondern echt. Wirklich. Morgen früh würde er sich in Ordnung bringen. Das Wochenende vielleicht frei nehmen, um Sarah ihren Wunsch zu erfüllen, oder wenigstens den Sonntag. Morgen wäre genug Zeit dafür.

Solange schob er die Ablenkung beiseite und versank erneut in seiner Arbeit. Sie nahm den Rest des Nachmittags in Anspruch, ohne wirklich Ergebnisse zu bringen. Die Kiste oder eine Beschreibung Benedikts oder auch nur die Erwähnung eines außergewöhnlichen Ganzkörperpräparats war unauffindbar. In den Katalogen der dreißiger Jahre, den paar Notizen der Kriegszeit, in den elektronischen Aufzeichnungen und große Blöcke der Nachkriegszeit fehlten ebenso in seinen Aufzeichnungen. Wahrscheinlich würde er also den ehemaligen Archivar, Professor von Falkenrath, aufsuchen müssen. Dann würde er ohnehin einmal heraus kommen.

Jakob holte sich einen Kaffee aus der Küche. Einen frischen aus der Maschine, so viel Zeit und Geduld war er sich schuldig. Er vertrat sich dabei ein wenig die Beine, streckte das Kreuz durch und machte einen Spaziergang durch den Keller des Instituts, wo auch sein Büro lag. Seine Schulter schmerzte, wie sein ganzer Nacken. Besonders, wenn er die Hand darauf legte, um die steifen Muskeln ein wenig zu massieren. Vielleicht hatte Sarah ja Recht, vielleicht hatte selbst Boris Recht und er verbrachte zu viel Zeit im Büro und zu wenig an der Sonne. Er fühlte sich matt, ausgelaugt und müde. Ein Mangel an Vitaminen vielleicht, so selten, wie er in den letzten Wochen die Sonne gesehen hatte.

Diese kleinen Spaziergänge zwischen der Suche nach Benedikts Ursprüngen und der langweiligen Arbeit für Boris waren Jakobs liebste Beschäftigung. Sie erinnerten ihn daran, weshalb er ursprünglich für das Charoninstitut hatte arbeiten wollen. Sie führten ihn an den Reihen und Regalen voller anatomischer Präparate vorbei. An den wunderlichen und gefälschten Ausstellungsstücken, mit denen die Mediziner und Hexer früherer Jahrhunderte eine Beherrschung von Leben und Tod vorgespielt hatten. Das Archiv des anatomischen Museums war voll von Dingen, die die Öffentlichkeit nie gesehen hatte, die selbst den meisten Professoren und Studierenden am Institut unbekannt waren oder sie abstoßen würden.

Dingen wie Benedikt in seiner Ecke.

Jakob fand sich am Ende seines Spaziergangs am spartanischen Sarg des Jungen wieder. Er legte eine Hand auf das dunkle Holz, das er auf gute hundert Jahre Alter schätzte. Der Deckel glitt leicht hinunter, wie die letzten Male auch, und offenbarte den hübschen Jungen darunter. Es beruhigte Jakob, auf das starre, tote Antlitz des Knaben zu blicken. Er wirkte nicht wie tot, nicht einmal wie schlafend. Er wirkte, als hätte er die Augen geschlossen, nur für einen Augenblick, um besser der Stimme eines Freundes zu lauschen. Jakob wollte ihn berühren, wollte die Hand nach seiner bleichen Wange ausstrecken, die Finger durch seine Haare fahren…aber er beherrschte sich, begnügte sich mit einem kurzen, allzu kurzen Blick.

Für nur einen Augenblick wünschte er sich, dass er den Jungen selbst zum sprechen bringen könnte. Seine Schwester hatte Recht gehabt, oder nicht? Er warf sein Leben weg. Nein, er opferte es, um genau das zu erreichen: Um die Geschichte des Jungen zu hören, um sie und ihn wieder zum Leben zu erwecken, wenigstens für einige Zeit.

Nachdem er seinen kalten Kaffee ausgetrunken hatte, ging er zurück in sein Büro. Dass er wieder abzusperren vergaß, bemerkte er nicht.

Zwischen den Katalogen und Büchern in seinem Büro suchte er nach einer Liste, einige Blatt dick, die er in den letzten Wochen angelegt hatte. Er fand sie nicht augenblicklich, auch, weil sein Blick an einigen der Bücher hängen blieb, die er sich vor einiger Zeit zur Recherche bestellt hatte.

Mit den Büchern und der Liste verzog er sich auf die schäbige Couch in seinem Arbeitszimmer. Er warf Mantel und Wechselkleidung auf seinen Sessel am Schreibtisch, dann schob er sich Es war spät, bereits kurz nach Sonnenuntergang, aber das kümmerte ihn selten. Im künstlichen Licht der Neonlampen hier im Keller verloren Rhythmen wie Sonnenauf- und untergang rasch ihre Bedeutung.


Jakob vergaß, seine Familie anzurufen. Er würde sie in den nächsten Tagen besuchen und ihren albernen Forderungen nachkommen. Das würde genug sein, dachte er, wenn er erst einmal mit seiner Arbeit fertig wäre. Lange würde es nicht mehr dauern. Er hatte so eine Ahnung, ein ganz unbestimmte, die er nicht erklären konnte. Schon den ganzen Tag war sie da gewesen, hatte sich die letzten Tage und Wochen über angekündigt: Die Gewissheit, das Geheimnis bald zu lüften. Daher hatte ihn auch wenig von dem berührt, was sie ihm vorgeworfen hatte. Jakob war durch den Tag geschwebt, wie auf Watte, immer zuversichtlich, dass seine wochenlange Tortur nicht umsonst gewesen wäre. Das Wochenende über, bis zum Montag, wäre er allein im Institut. Niemand würde ihn stören in den nächsten drei Tagen, er hatte alle Zeit der Welt, um die Spur zu finden, die ihn zum Geheimnis des toten Jungen führen würde. Und er würde sie finden. Er wusste es.

Er hatte diese Stimme im Kopf gehabt. Nein, besser gesagt: Dieses Echo. Er hatte wie stets in seinen struppigen Bart hinein gebrummt bei der Arbeit, hatte wie üblich Selbstgespräche geführt. Hatte mit sich geredet und mit Benedikt, als ob er ihn hören könnte.

Nur dass er heute Antwort erhalten hatte, das erste Mal nicht nur in seinen Träumen Gewissheit und Sicherheit erfuhr, sondern auch im Wachen. Ein Echo, ein ganz leises, in seinen Gedanken. Wie ein Tropfen in einer Höhle oder bloße Sohlen auf körniger Erde.

Ihm brannten die Augen und lange schon starrte er nur noch auf die Seiten seiner Bücher, ohne sie wirklich zu lesen. Oder er starrte auf die Decke seines Büros, wechselte unruhig die Haltung, blickte dann den Schreibtisch oder die Tür an, neben der sich die Unterlagen stapelten. Das Licht in seinem Büro hielt ihn wach, aber nicht konzentriert.

Stück für Stück bemerkte er, wie er in einen ungesunden Schlaf absackte. In einen mühsamen, auf dem er wieder und wieder aufschreckte.

In den anderen Nächten war er vor Müdigkeit zur Seite gefallen, auf seine Unterlagen. Dass es eine unbequeme und harte Couch voller Unterlagen war, war ihm gleichgültig gewesen. Die Erschöpfung hatte Schlaf von ihm gefordert und er war mit Freude gefolgt. Denn dort, in seinem Schlaf, in seinen Träumen, harrte stets und ständig schon Benedikt. Ein Fragment seines Unterbewusstseins, das im Schlaf noch mit ihm die Dinge durch dachte, die Jakob beschäftigten.

Dieser Schlaf hier war anders, er fühlte es.

Schreckensstarr lag Jakob da, sah zur Tür. Sein Kopf war schwer, seine Gedanken und sein Geist lasteten auf ihm. Er war unfähig, sich auf etwas zu konzentrieren, selbst auf seinen Schlaf.

Seine Träume waren zerrissen, flüchtig und flatterhaft. Er erinnerte sich an Fetzen, wenn er aufschreckte und in die Dunkelheit starrte. Hatte er das Licht gelöscht? Er musste es wohl, denn es war dunkel im Zimmer, nicht einmal der Mond schien durch das schmale Oberlicht und nur ein dünner Rest von Tageslicht erlaubte ihm zu sehen.

Jakob schauderte, warf sich mühsam umher. Seine Träume und sein Schlaf zerfielen ihm unter den Händen, undeutlich und ungeformt. Wie Embryonen. In seinem Traumbrocken begegnete ihm Benedikt nur für einige Augenblicke, nur für mühsame, undeutliche Sätze, die ihn beunruhigten.

Er erinnerte sich an Küsse, an zärtliche Berührungen, die sich verflüchtigten, sobald er zu lange aus seinem Schlaf erwachte. An den Schmerz in seinem Nacken, als er sich streckte und verzerrte. An das Blut an seiner Hand, als er nach seiner Schulter griff.

Etwas hatte ihn aus dem Schlaf gerissen, etwas undeutliches, unerkanntes, das in der Gestalt des Bekannten ereilt hatte. Ein unbestimmbares Rasen seines Herzens, wie ein letzter, verzweifelter Schrei. Ein Aufbäumen gegen die Last seines Lebens, mit dem es ihn in Schweiß und Kälte gebadet hatte. Eine Weigerung, so zu Grunde zu gehen, kampflos im Schlaf zu verrecken, sein Leben für einen Leichnam auszubluten.

Seine geröteten Augen starrten in die Dunkelheit. Die Nacht warf Schatten an seine Wände, vor denen er sich fürchtete, ohne ihnen eine Form oder seiner Angst einen Namen geben zu können.

Am anderen Ende des Zimmers, zwischen den Kisten und Unterlagen die Schatten, die ihn an Benedikt erinnerten.

Entzündung – Teil II: Von Toten Träumen

Girolamo Segato. Es roch nach Angst, wie über den Mann geschwiegen wurde. Nach dem ehrfürchtigen Gefühl der Minderwertigkeit, das alle Schüler den Meistern gegenüber empfanden. Von den Professoren war kein Wort darüber zu hören gewesen, nicht einmal der Verachtung.

Jakob hatte von ihm im Studium erfahren. Das heißt während des Studiums, wie nebenher. Eine jener Schauergeschichten, die unter Studenten gerne umgingen, selbst unter denen der echten Wissenschaft. Der Kommilitone Aschebach hatte sich den Spaß erlaubt, sie damit im anatomischen Theater zu unterhalten bei einer seiner „Zusammenkünfte“ – jenen konspirativen Treffen einer kleinen Clique von Medizinern, die sich nachts im Anatomietheater einfanden, um der Reihe nach Schauergeschichten zu erzählen. Eine amüsante und meist harmlose Aktivität, die Jakob sehr lieb gewonnen hatte, allen lächerlichen Kostümen und Ritualen zum Trotz.

Segato war Italiener gewesen, vor knapp zweihundert Jahren, und ohne rechte Bedeutung. Ein Wissenschaftler und Kartograph jener Zeit, ausgebildet in diversen Kleinstädten am Golf von Venedig – keine überragende Begabung, keine berüchtigten Lehrer. Bis er von einer Expedition nach Ägypten zurück kehrte und – das ist alles, was man weiß – Wunder vollbrachte. Zauber der grauenhaftesten und betörendsten Art. Ihm war es gelungen, den Verwesungsprozess aufzuhalten, die unversehrte Schönheit des Lebens über den Tod hinaus zu retten. Gott zu spielen, flüsterte man.
Als er mit vierundvierzig Jahren starb, einsam und verstoßen in Florenz, war er Gerüchten zufolge dabei gewesen, das Geheimnis des Steins der Weisen zu lüften; seine unheiligen Künste auf die Lebenden anzuwenden und die Vergänglichkeit des menschlichen Leibes in Stein zu verwandeln.

Interesse hatte Jakob durchaus an dem Mann, aus rein akademischer Sicht natürlich. Unabhängig von dem Aberglauben über schwarze Magie aus dem Morgenland hatte er erfolgreich einige der schwierigsten Prozesse des Körpers gemeistert, hatte Biochemie beherrscht, noch ehe Bakterien gefunden worden waren, noch ehe Moleküle oder komplexe Wechselstoffbeziehungen erdacht, geschweige denn erforscht worden waren. Prozesse, die die moderne Medizin und Biochemie noch immer nicht vollständig geklärt hatte.

Das heißt, bis heute.
Denn Jakob war nicht nur überzeugt, dass dieser seltsame Fund, den er vor einigen Tagen gemacht hatte, ein verschollenes Präparat von Girolamo Segato, der Medusa von Florenz, war – sondern auch, dass sie das besterhaltene und großartigste von allen war. Segatos Sohn womöglich oder ein Vertrauter, den er aus Liebe für die Ewigkeit erhalten hatte.

Jakob war sicher, dass eine ordentliche Untersuchung endlich herausfinden könnte, wie der Versteinerungsprozess ausgesehen hatte.
Bei diesem Objekt war der Prozess offensichtlich bis zur Vollendung durchgeführt. Restspuren der Chemikalien waren nach all der Zeit zwar unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen. Nein, in der Hauptsache stützte Jakob sich auf die schlichte Tatsache, dass es sich bei diesem Exemplar um das einzige vollständige Präparat handelte. In mehr als einer Hinsicht war das Stück perfekt.
In seinen Gedanken und Selbstgesprächen hatte Jakob begonnen, ihm – dem Jungen, dem Leichnam in der Kiste – den Namen Benedikt zuzuweisen. Zu dieser Benennung war Jakob gezwungen worden, nachdem er in seinem Kopf nach einigen Tagen nicht länger vom ¨Ding in der Kiste¨ sprechen konnte, ohne sich wie ein Totenschänder anzuhören. Zudem vermenschlichte er damit den Leichnam und hoffte – ein Aberglaube, aber ein verzeihlicher – ihm damit näher zu kommen.

Benedikt war also der Name gewesen, nach jenem seligen Mann der Familie Ricasoli, der dreihundert Jahre nach seinem Tode noch frisch und unverwest aufgefunden worden war. Wie dieses Exemplar hier – wenngleich es bei diesem Benedikt sich um ein wissenschaftliches, nicht um ein göttliches Wunder handelte.

Boris sah die Sache völlig anders.
Anfangs noch neugierig, ob dieses neue Fundstück womöglich noch mehr Aufmerksamkeit auf seine Ausstellung lenken könnte – ein Leichnam, vollständig von schwarzer Magie erhalten, ein Rätsel für die modernste Wissenschaft? Phantastisch! – hatte sein Interesse schnell ein Ende gefunden.

Er fand das Stück und seine Geschichte ‚zu akademisch‘. War das zu glauben? Zu akademisch! Ein vollständig und perfekt erhaltenes Objekt der Medusa von Florenz, unbekannt bis letzte Woche, makellos, lebensecht und Boris Schalk fand es, in einfacheren Worten, zu langweilig.
Ihm fehlte das Groteske, das abstoßend Unheimliche daran.


¨Für Geschichte¨, sagte Boris, ¨ist das Alte Museum zuständig, für hübsche Leichen die Körperwelt. Wir, lieber Jakob, verdienen unser Geld mit dem Makabren. Mit der dünnen Grenze zwischen Mensch und Dämon, mit abartigen Taxidermien, mit eingelegten Embryonen, mit künstlich am Leben erhaltenen und beatmeten Köpfen ohne Körper. Mit den Schrecken der modernen und halbmodernen Wissenschaft.¨


Und das war das gewesen. An der Sache mit der ägyptischen Magie war er schwach interessiert gewesen, aber nicht an Benedikt selbst und auch nicht an diesem Anatom Segato. Er empfahl Jakob, mit Florenz in Kontakt zu treten und das Stück gegen ein anderes einzutauschen. Eine echte Medusa am besten oder wenigstens eine dieser Schimären, die irgendein britischer Pfuscher aus Affen und Fischkadavern zusammen genäht hatte.


Den Teufel würde Jakob tun!


Hier vor ihm, direkt unter seiner Nase, in jener unscheinbaren Kiste, der er Stunde um Stunde das Geheimnis ihrer Herkunft zu entreißen versuchte, lag eines der größten medizinischen Geheimnisse der letzten Jahrhunderte. Zum greifen nahe, berührbar nahe, war der Beweis, dass es noch immer weiße Flecken auf der Landkarte der Wissenschaft gab. Es gab noch immer Dinge zu entdecken, Dinge wie den geheimnisvollen Leichnam. Weiter nichts war zu tun, als seine Herkunft einwandfrei zu klären wäre echter Anerkennung würdig.

Aus dem Anatomischen Institut in Florenz war es kaum entwendet worden, denn ein Diebstahl dieser Art machte seine Runden. Jakob hätte wohl davon gehört, auf die ein oder andere Weise. Aschebach hätte es durchaus als Gelegenheit für eines seiner Schauerspiele genutzt oder Professor Wurm die Degeneration und Respektlosigkeit der Jugend beklagt.

Wo also war es hergekommen? Im Museum selbst gab es keine Aufzeichnungen bisher, jedenfalls keine leicht zugänglichen. Das elektronische Verzeichnis – unzulänglich, wie es war, hatte es doch zumindest die wichtigsten Exemplare aufgeführt – war keine Hilfe. Die älteren, handschriftlichen Inventare listeten Benedikt ebenfalls nicht und Jakobs Vorgänger stand für Rückfragen nicht zur Verfügung. Das heißt er wäre wohl ansprechbar gewesen, wenn Jakob den Drang verspürt hätte, sich das halb wirre Gebrabbel und ein Dutzend Anekdoten eines greisen Wissenschaftlers anzuhören. Der alte Doktor von Falkenrath war an guten Tagen zu nichts zu gebrauchen, an schlechten war er gar nicht anzusprechen und vertiefte sich in seinem Anwesen in seine Wahnvorstellungen.

Jakob arbeitete daher oft bis spät in die Nacht hinein und wälzte selbst alte Inventurlisten, Verzeichnisse und mottenzerfressene Kataloge. Boris‘ elende Ausstellung nahm einen guten Teil seiner eigentlichen Arbeitszeit in Anspruch und er konnte, durfte, sie nicht einfach beiseite schieben.

Boris war misstrauisch deswegen. Noch war er nicht offen ablehnend, noch hatte er ihm seine privaten Studien nicht verboten. Aber es füllte ihn wohl mit Unbehagen. Jakob bemerkte seine Blicke, wenn er mit Boris sprach. Er bemerkte, wie der Mann ihn aus den Augenwinkeln anblickte, mit einem Hauch von Ekel um den Mund. Als ob schmutzig wäre, was Jakob tat. Als ob seine akademische Neugier und Forschergeist pervers wären – bloß, weil das Präparat zufällig ein Knabe war. Als ob seine Intimität mit Benedikt ihn verstörte.

So betrieb Jakob das bloße Minimum an Arbeit für die makaber-groteske Blasphemie, die sein Vorgesetzter geplant hatte, und machte eine Menge unbezahlter Überstunden für seine private Forschung.

Zugegeben: Das störte ihn nur bedingt.

Ab dem späten Nachmittag war das Museum weitgehend leer, leerer noch als sonst, und er hatte eine himmlische Ruhe in seinem Büro und dem Archiv, wo er in aller Ruhe Bruchstücken von Informationen hinterher jagen konnte. Nicht, dass es viele gab. Aber Jakob war geduldig. Diese Sache hier war eine Erfahrung, die er noch nie gemacht hatte, eine Besessenheit, die er weder in der Liebe noch in der Leidenschaft je kennen gelernt hatte. Es war ein Rausch, wie er ihn selten zuvor erlebt hatte: Die völlige Hingabe an eine Sache, einen notwendigen Aspekt seines Lebens, der alles verdrängte.


Sie war allumfassend, insofern sie ihn ganz verschlang. Es gab keinen Gedanken mehr in seinem Kopf, der sich nicht um Benedikt drehte, kein Gespräch – nicht mit Laien oder Fachleuten, die eigentlich wegen einer völlig anderen Sache befragt werden sollten – das nicht auf ihn kam irgendwann.
Er brannte für den jungen Benedikt, der reglos im düstersten Teil des Archivs hockte, sorgsam vor jedem neugierigen Blick außer Jakobs selbst verborgen. Ohne es zu merken, war Jakob ihm verfallen. Oder besser gesagt: Es war ihm nicht gelungen, sich von dem ersten Eindruck der Schönheit und Unvergänglichkeit des Knaben zu lösen.

Ein Umstand, der seinen wenigen sozialen Kontakten wenig verborgen geblieben war. Zu seinem Leidwesen. Auch sie hatten immer öfter diese Blicke in letzter Zeit. Diese Seitenblicke, wenn er zu schwärmen begann von dem Jungen in seiner Kiste, von der morbiden Neugier, von den Schwierigkeiten. Ihre Versuche, das Thema auf etwas triviales zu lenken – ihre Familie, Freunde, weiß Gott was für andere Langweiligkeiten – ödeten ihn dagegen an.

Bis er sich langsam aber sicher von ihnen zurück zog. Er versank er in seiner Suche nach den Ursprüngen dieses Knaben, entschlossen, sich erst mit eindeutigen Ergebnissen wieder ans Licht zu wagen. Mit einem Erfolg, der die Medizin revolutionieren würde.

Unverstanden und vergessen von allen, bis auf einer einzelnen Person, die ihn nicht so sehr langweilte als viel mehr in dieser Jagd nach Geheimnissen störte.

¨Jacques¨, sagte Sarah ein Mal streng und riss ihn aus seinen Gedanken. Jakob zuckte zusammen, wie als kleiner Junge, wenn sie ihn dabei erwischt hatte, wie er Frösche quälte oder Fische oder Ameisen. Wenn sie ihn im Innenhof in irgendeinem Gebüsch gefunden hatte, beschmiert mit Erde und Eingeweiden kleiner Tierchen, wie er seiner Neugier nachging.

Er hasste diesen Namen. Sie benutzte ihn ausschließlich, um ihn zurechtzuweisen.

¨Jacques¨, wiederholte sie. ¨Sieh dich mal um.¨
Mit müdem Blick sah Jakob von seinem Papier auf und ließ sich aus seiner Suche reißen.

Die eine Wand seines Büros war voll gestellt mit Kisten voller Kataloge, der Tisch war übersäht mit Notizen und einigen Stapeln an Korrespondenz. Da waren die Listen aus Florenz, die offiziellen und die inoffiziellen, die alten Unterlagen über die Erbmasse und das Testament von Segato, außerdem einige aus Mailand und aus Prag, wo ein Teil der Stücke hin gelangt war im Lauf der letzten zweihundert Jahre. Die Couch war ein Chaos von alten Klamotten, seinem Mantel und einer schmuddeligen Decke.


¨Es ist etwas unordentlich, ja, meine Güte…ich habe wichtige Arbeit zu tun und gewisse Leute halten mich von der Arbeit ab¨, brummte er.

Sie blickte ihn mit diesem Blick an. Nicht wie die anderen von der Seite, ihn verstohlen verurteilend. Sarah kritisierte ihn immer offen, gerade heraus. Einer der wenigen Gründe, warum er sie in seinem Büro duldete. Sie versteckte ihre Meinung nicht hinter seinem Rücken.

„Das ist absurd“, sagte sie, „selbst für deine Verhältnisse. Du bist kein Jugendlicher mehr und es ist unanständig, wie einer zu leben. Hast du dich wieder verguckt? Dein ganzes Leben weggeworfen für irgendein hübsches Flittchen mit einem kurzen Rock und blonden Haaren, das du beeindrucken willst?“

Jakob verzog das Gesicht. Er lehnte sich in seinem Arbeitssessel zurück, blinzelte die Müdigkeit aus seinen Augen.

„Nein. Ich werfe mein Leben nicht weg, das hier ist mein Leben. Nicht so glamourös, wie du es dir vorstellst, nicht so edel, wie Mutter es sich wünscht. Aber das hier ist mein Leben. Ich gehe meinen eigenen Gelüsten und Trieben nach, ohne mich dafür vor Mutter oder Vater rechtfertigen oder verstecken zu müssen.“

Bitternis war in seine Stimme gekrochen, als er weiter gesprochen hatte. Ein Widerwillen, der ihn überkam, sobald er sich von seiner Arbeit, von Benedikt, abwendete. Er hatte immer schon zu einem gewissen Hedonismus geneigt. War immer schon schnell in den Dingen versunken, die ihn interessierten – gleichgültig, wie unverständlich das für seine verstockten Eltern und alle anderen gewesen war.

Sarah ließ die Plastiktüte in ihrer Hand auf seinen Schreibtisch fallen. Sein Mittagessen, das sie ihm vorbei gebracht hatte. Wie schon einige Male in den letzten Tagen, die er sich mehr und mehr zurück gezogen hatte.

„Jacques, selbst für deine Verhältnisse ist das hier nicht normal.“

Sie warf sich in den Stuhl ihm gegenüber, die Bücher, die darauf gelegen hatten, im Schoß. Ihre Lippen bewegten sich, als sie stumm die Buchtitel entzifferte: „Borellus. Die essentiellen Salze und wie sie zu beschwören seyen. Von Löwenstern. Von flüchtigen und fixen Salzen.“

Jakob griff nach seiner Kaffeetasse, nahm einen Schluck und schüttelte sich. Der Kaffee war kalt, schon einige Zeit.

„Ich arbeite“, wiederholte er, jedes Wort betonend, „an einer bedeutenden Sache.“

Seine Schwester rümpfte die Nase, hielt mit spitzen Fingern eine Photographie in die Höhe, die sie zwischen Borells Abhandlung hervor gepflückt hatte.

Es zeigte ein Unikat aus Florenz, ein späteres Stück von Segato, das wundervoll erhalten war. Eine Frau, rund, schön, wohlgeformt. Zartrosa Farbe, die lebendig war und das Fleisch echt und schrecklich wundervoll. Ihr Busen war im Fokus, elegant geschwungen,zart. Man hätte die Hand ausstrecken und sie liebkosen wollen – wäre es nicht bloß ihr Brustkorb gewesen, der aus ihrem verwesenden Leib heraus geschnitten und konserviert worden war.

„Sie ist ekelhaft“, sagte Sarah und warf ihm die Bücher und das Foto auf seinen Schreibtisch.

„Außerdem ist es greulich anzuschauen. Alles hier. Auch wie du lebst.“

Mit einer Bewegung deutete sie auf das Chaos auf seinem Schreibtisch. Mit einer wischenden, angewiderten Bewegung, die das alles von sich schieben wollte.

„Wie ein Ghoul“, flüsterte sie.

Jakob starrte auf die Fotographie.

Die unbekannte Dame war ein spätes Präparat des italienischen Anatoms gewesen. Von einer makellosen Eleganz, gewissermaßen filigran, noch mit den Musterungen des Lebens versehen, wohingegen die früheren Stücke krude und kindlich wirkten. Wie ganz gewöhnliche Mumien.

Hatte Segato selbst sich so gefühlt? Unverstanden und verstoßen? Die abergläubische Bevölkerung von Florenz hatte ihn als Hexer gebrandmarkt und vertrieben. Er war gezwungen, sämtliche seiner Aufzeichnungen, Apparaturen und Tinkturen zu vernichten, in einer Feuersbrunst aufgehen zu lassen.

Der Vertraute, der ursprünglich auf Segatos Totenbett die Geheimnisse empfangen sollte, starb früh und unter mysteriösen Umständen.

¨Was ich tue, ist wichtig“, sagte er. „Du verstehst das nicht.“
¨Versuch, es mir zu erklären¨, bat sie, mühsam beherrscht.
¨Ich habe eine der wichtigsten Entdeckungen dieses Jahrhunderts vor mir.¨
¨Oh?¨, fragte sie, die Brauen spöttisch hochgezogen. ¨Was ist es? Ein Heilmittel gegen Krebs? Aids? Der Stein der Weisen?¨
Jakob legte die Arme auf den Tisch vor sich, bemühte sich um Haltung. Er hob die Nase und versuchte es mit einem stolzen Blick, der ihm aber nicht halb so gut wie Sarah gelang.
¨Das unschätzbar wertvolle und einzigartige Präparat eines künstlich mineralisierten Kadavers, der das letzte und besterhaltenste…¨


¨Eine Leiche?!¨, Sarah warf den Kopf in den Nacken und lachte. Ein hohes, affektiertes Lachen, das mehr als Untermalung ihres Spottes denn als echte Emotion gedacht war. ¨Junge, hast du beschissene Prioritäten. Tote haben Zeit. Kümmer dich nach deiner Mutter drum.“

Jakob sah sie an, als hätte sie ihm eine Ohrfeige verpasst.

„Die modernsten, kompliziertesten Verfahren der Konservierung“, sagte er, „die Flüssigplastinationen, mit der dieser Hagen so viele Hallen füllt derzeit und Aufsehen erregt, sind barbarisch im Vergleich mit dem hier. Abbilder, billige Imitate der echten Körper. Ich bin hier an Geheimnissen dran, die seit zweihundert Jahren kein Mensch begriffen hat.“

„Wir machen uns Sorgen um dich, Jakob. Du meldest dich nicht, du kommst nicht mehr vorbei, du reagierst nicht auf Anrufe. Wir glauben, dir ist irgendetwas passiert…und du wirfst dich weg, weil du dich in eine verdammte Leiche verknallt hast?“

„Das ist es nicht! Ich meine, ja, auch, das ist es auch, vielleicht, aber eben nicht nur. Der Mann ist eine mystische Gestalt für die Medizin. Der Verantwortliche, meine ich, Segato. Wird überall nur die Medusa von Florenz genannt, selbst auf seinem Grabstein in der Santa Croce steht er unter diesem Namen. Willst du den Grund wissen? Weil er Menschen in Stein verwandelt hat, mineralisiert. Lebende, echte Menschen in Stein verwandelt.

Ich dachte, du müsstest das verstehen. Du müsstest es doch wissen. Ich erinnere mich an diese Geschichte, die wir einmal gelesen haben, als wir Kinder waren. Die von dem gelben König“

„Nicht“, stieß Sarah hervor. „Nicht, ich kenne dieses verdammte Buch nicht.“

„Du kennst es. Du kennst auch die Geschichten, die man davon erzählt. Erinnerst du dich an diesen Yvain, diesen verrückten Bildhauer, der die Moiren in Marmor schuf? Aus dem Fleisch und Leib seiner Geliebten?“

Jakob tippte mit der Fingerspitze auf die Bücher vor sich, auf die Kopien von Folianten des achtzehnten und siebzehnten Jahrhunderts, die alchemistischen Abhandlungen und Theorien.

„Nur dass das hier nicht die Einbildungen eines opiumsüchtigen Amerikaners des vorletzten Jahrhunderts sind, sondern die Wirklichkeit.

Ich weiß doch, dass ich mich vernachlässige, dass ich weniger esse. Ich bin doch nicht blind für die Rückenschmerzen und den schlechten Schlaf und dass ich einen Bart bekomme, weil ich seit Wochen kein Badezimmer mit Spiegel gesehen habe. Ich bin dankbar, dass du dich um mich kümmerst, Sarah, glaube mir. Auch Aschebach, dass er noch immer nach mir fragt, mich bei jedem Treffen der Gesellschaft aufs Neue fragt. Aber er versteht es. Er versteht, dass ich ein paar unserer Treffen verpasse, weil das hier wichtig ist.

Das hier ist das Material aus dem Nobelpreise gemacht werden. Die Petrifikation, die Versteinerung des menschlichen Leibes, seine Entfernung aus dem vergänglichen Reich des Organischen.

Wieso kannst du es nicht verstehen?“


Er würde Zeit genug haben, sich zu pflegen und präsentabel zu machen, wenn er dieses Geheimnis gelüftet hatte, sagte er sich. Wenn er erst die Feder in der Hand hielt, um seinen Namen in die Geschichtsbücher einzuschreiben. Bis dahin gab es genug Arbeit zu verrichten.

Sarah verstand es nicht. Sie hatte es noch nie verstanden. Ihre Leidenschaften waren – fand er – oberflächlich. Sie liebte die Vorstellung, eine Künstlerin zu sein, aber nicht die Kunst. Was sie Besessenheit nannte, waren kurze, hitzige Affairen, die sie selten länger als zwei Tage in ihrem Griff hielten und von einer Mode in die nächste trieben, ohne tieferen Eindruck zu hinterlassen.

Sie hatte sich noch eine Weile dagegen gewehrt, hatte ihn mit ihren Sorgen und Bitten überschüttet, während er gegessen hatte. Sie hatte darauf bestanden, dass er mit irgendjemandem sprach, um nicht völlig zu vereinsamen. Wenigstens mit seinen Freunden, wenn schon nicht mit seiner Familie.

Jakob hatte ihr zumindest diese Bitte gewährt.

„Benedikt ist ein grandioser Zuhörer“, hatte er mit einem diebischen Lächeln gesagt, als sie gegangen war.

Und es stimmte. In den langen, einsamen Stunden der nächlichen Recherche, wenn Jakob Katalog um Katalog wälzte, Zeitungsartikel nachverfolgte, Briefe und Mails nach Florenz, Montecassino, Pisa, Livorno, Istanbul, Kairo und ein Dutzend anderer Orte schrieb – in diesen einsamen Stunden redete er mit Benedikt mindestens so sehr, wie mit sich selbst. Er merkte kaum, wie seine Gedanken, in denen er über Boris und seinen unnütz verbrauchten Tag schimpfte, aus seinem Mund schlüpften. Wie alles, was er tat und dachte, Benedikt erzählte, ganz als wäre dieser ein Teil seines Lebens.


Er hatte schon früher Selbstgespräche geführt, in dieser Hinsicht war das also verzeihlich. Ganz gewöhnlich fand er das vielleicht nicht, aber die Eigenart half ihm beim Denken, half halb geformte Gefühle auszustaffieren und ihnen eine Richtung zu geben. Neu war nun lediglich, dass jener Gegenpart, mit dem er sich in seinem Kopf oder auch wenn er alleine war unterhielt, nicht mehr auch von Jakob selbst ausgefüllt wurde.

Benedikt war mit der Zeit an diese Stelle seines Unterbewusstseins getreten.
Wo er vorher stumm seine Gedanken gegen sich selbst gespielt und lediglich in der Leere seines Kopfes Listen und Anweisungen an sich selbst gegeben oder gewisse Aufgaben, die zu erledigen waren, wiederholt hatte – da gab es jetzt das warme und willkommene Gefühl einer zweiten Partei. Jemand, an den er seine nur unklaren Gedanken richten konnte. Das war ein gutes Stück besser, als mit sich selbst zu reden, fand er.
Benedikt war eben ein großartiger Zuhörer.

Seine Träume…ja, selbst seine Träume waren erfüllt von dem schrecklich wundervollen Ding in der Kiste, das seine Gedanken nie verließ. Das ihn noch verfolgte, wenn er für einige Stunden von seiner Seite wich, um einen unruhigen Schlaf in seinem Büro zu suchen. Oft, wenn der Tag einfach zu lang gewesen und die Arbeit zu wichtig war, dann schlief er dort auf seiner Couch, eingehüllt in seinen Mantel und sich unruhig hin und her wälzend.
Seine Träume waren die einzigen Augenblicke, in denen Benedikt ihm antwortete, in denen er etwas von sich preis zu geben schien.
Trotzdem fühlte Jakob sich verhöhnt. Noch in seinen Träumen blieb Benedikt stumm. Seine schöne Gestalt setzte sich oft nur neben ihn auf das Sofa, streichelte ihm durch das Haar, hörte seine Theorien und Sorgen und nickte verständig oder schüttelte den Kopf mit einem stummen Lächeln.

Nächtelang kam der Junge in seinen Träumen. Jakobs Gewissheit wuchs mit jeder Wiederkehr des immer sehr ähnlichen Traumes.

Benedikt war das Meisterwerk von Girolamo Segato, der Medusa von Florenz, und der Schlüssel zu seinem ganzen Werk. Zu Geheimnissen der Medizin, die selbst von den aufgeklärtesten Geistern als Hexerei verschrien wurden.

Irgendwann gab Benedikt selbst ihm Recht. Zwei Wochen, nachdem jene unsägliche Kiste von ihm gefunden worden war, sprach er endlich zu ihm.
Seine Stimme überraschte den Anatom. Er hätte mit einer klaren und hellen Knabenstimme gerechnet, seine war aber tief und erdig. Körnig, wie Grabeserde, rieb sie sich an den Gehörgängen. Der eine Satz, den Benedikt sprach, verstörte Jakob in dem Maße, in dem er ihn beflügelte:
¨Als ich lebte, kannte ich den Girolamo Segato und seine Geheimnisse, die schwarze Magie, mit der er den Tod aufhielt.¨

ch Angst, wie über den Mann geschwiegen wurde. Nach dem ehrfürchtigen Gefühl der Minderwertigkeit, das alle Schüler den Meistern gegenüber empfanden. Von den Professoren war kein Wort darüber zu hören gewesen, nicht einmal der Verachtung.

Jakob hatte von ihm im Studium erfahren. Das heißt während des Studiums, wie nebenher. Eine jener Schauergeschichten, die unter Studenten gerne umgingen, selbst unter denen der echten Wissenschaft. Der Kommilitone Aschebach hatte sich den Spaß erlaubt, sie damit im anatomischen Theater zu unterhalten bei einer seiner „Zusammenkünfte“ – jenen konspirativen Treffen einer kleinen Clique von Medizinern, die sich nachts im Anatomietheater einfanden, um der Reihe nach Schauergeschichten zu erzählen. Eine amüsante und meist harmlose Aktivität, die Jakob sehr lieb gewonnen hatte, allen lächerlichen Kostümen und Ritualen zum Trotz.

Segato war Italiener gewesen, vor knapp zweihundert Jahren, und ohne rechte Bedeutung. Ein Wissenschaftler und Kartograph jener Zeit, ausgebildet in diversen Kleinstädten am Golf von Venedig – keine überragende Begabung, keine berüchtigten Lehrer. Bis er von einer Expedition nach Ägypten zurück kehrte und – das ist alles, was man weiß – Wunder vollbrachte. Zauber der grauenhaftesten und betörendsten Art. Ihm war es gelungen, den Verwesungsprozess aufzuhalten, die unversehrte Schönheit des Lebens über den Tod hinaus zu retten. Gott zu spielen, flüsterte man.
Als er mit vierundvierzig Jahren starb, einsam und verstoßen in Florenz, war er Gerüchten zufolge dabei gewesen, das Geheimnis des Steins der Weisen zu lüften; seine unheiligen Künste auf die Lebenden anzuwenden und die Vergänglichkeit des menschlichen Leibes in Stein zu verwandeln.

Interesse hatte Jakob durchaus an dem Mann, aus rein akademischer Sicht natürlich. Unabhängig von dem Aberglauben über schwarze Magie aus dem Morgenland hatte er erfolgreich einige der schwierigsten Prozesse des Körpers gemeistert, hatte Biochemie beherrscht, noch ehe Bakterien gefunden worden waren, noch ehe Moleküle oder komplexe Wechselstoffbeziehungen erdacht, geschweige denn erforscht worden waren. Prozesse, die die moderne Medizin und Biochemie noch immer nicht vollständig geklärt hatte.

Das heißt, bis heute.
Denn Jakob war nicht nur überzeugt, dass dieser seltsame Fund, den er vor einigen Tagen gemacht hatte, ein verschollenes Präparat von Girolamo Segato, der Medusa von Florenz, war – sondern auch, dass sie das besterhaltene und großartigste von allen war. Segatos Sohn womöglich oder ein Vertrauter, den er aus Liebe für die Ewigkeit erhalten hatte.

Jakob war sicher, dass eine ordentliche Untersuchung endlich herausfinden könnte, wie der Versteinerungsprozess ausgesehen hatte.
Bei diesem Objekt war der Prozess offensichtlich bis zur Vollendung durchgeführt. Restspuren der Chemikalien waren nach all der Zeit zwar unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen. Nein, in der Hauptsache stützte Jakob sich auf die schlichte Tatsache, dass es sich bei diesem Exemplar um das einzige vollständige Präparat handelte. In mehr als einer Hinsicht war das Stück perfekt.
In seinen Gedanken und Selbstgesprächen hatte Jakob begonnen, ihm – dem Jungen, dem Leichnam in der Kiste – den Namen Benedikt zuzuweisen. Zu dieser Benennung war Jakob gezwungen worden, nachdem er in seinem Kopf nach einigen Tagen nicht länger vom ¨Ding in der Kiste¨ sprechen konnte, ohne sich wie ein Totenschänder anzuhören. Zudem vermenschlichte er damit den Leichnam und hoffte – ein Aberglaube, aber ein verzeihlicher – ihm damit näher zu kommen.

Benedikt war also der Name gewesen, nach jenem seligen Mann der Familie Ricasoli, der dreihundert Jahre nach seinem Tode noch frisch und unverwest aufgefunden worden war. Wie dieses Exemplar hier – wenngleich es bei diesem Benedikt sich um ein wissenschaftliches, nicht um ein göttliches Wunder handelte.

Boris sah die Sache völlig anders.
Anfangs noch neugierig, ob dieses neue Fundstück womöglich noch mehr Aufmerksamkeit auf seine Ausstellung lenken könnte – ein Leichnam, vollständig von schwarzer Magie erhalten, ein Rätsel für die modernste Wissenschaft? Phantastisch! – hatte sein Interesse schnell ein Ende gefunden.

Er fand das Stück und seine Geschichte ‚zu akademisch‘. War das zu glauben? Zu akademisch! Ein vollständig und perfekt erhaltenes Objekt der Medusa von Florenz, unbekannt bis letzte Woche, makellos, lebensecht und Boris Schalk fand es, in einfacheren Worten, zu langweilig.
Ihm fehlte das Groteske, das abstoßend Unheimliche daran.


¨Für Geschichte¨, sagte Boris, ¨ist das Alte Museum zuständig, für hübsche Leichen die Körperwelt. Wir, lieber Jakob, verdienen unser Geld mit dem Makabren. Mit der dünnen Grenze zwischen Mensch und Dämon, mit abartigen Taxidermien, mit eingelegten Embryonen, mit künstlich am Leben erhaltenen und beatmeten Köpfen ohne Körper. Mit den Schrecken der modernen und halbmodernen Wissenschaft.¨


Und das war das gewesen. An der Sache mit der ägyptischen Magie war er schwach interessiert gewesen, aber nicht an Benedikt selbst und auch nicht an diesem Anatom Segato. Er empfahl Jakob, mit Florenz in Kontakt zu treten und das Stück gegen ein anderes einzutauschen. Eine echte Medusa am besten oder wenigstens eine dieser Schimären, die irgendein britischer Pfuscher aus Affen und Fischkadavern zusammen genäht hatte.


Den Teufel würde Jakob tun!


Hier vor ihm, direkt unter seiner Nase, in jener unscheinbaren Kiste, der er Stunde um Stunde das Geheimnis ihrer Herkunft zu entreißen versuchte, lag eines der größten medizinischen Geheimnisse der letzten Jahrhunderte. Zum greifen nahe, berührbar nahe, war der Beweis, dass es noch immer weiße Flecken auf der Landkarte der Wissenschaft gab. Es gab noch immer Dinge zu entdecken, Dinge wie den geheimnisvollen Leichnam. Weiter nichts war zu tun, als seine Herkunft einwandfrei zu klären wäre echter Anerkennung würdig.

Aus dem Anatomischen Institut in Florenz war es kaum entwendet worden, denn ein Diebstahl dieser Art machte seine Runden. Jakob hätte wohl davon gehört, auf die ein oder andere Weise. Aschebach hätte es durchaus als Gelegenheit für eines seiner Schauerspiele genutzt oder Professor Wurm die Degeneration und Respektlosigkeit der Jugend beklagt.

Wo also war es hergekommen? Im Museum selbst gab es keine Aufzeichnungen bisher, jedenfalls keine leicht zugänglichen. Das elektronische Verzeichnis – unzulänglich, wie es war, hatte es doch zumindest die wichtigsten Exemplare aufgeführt – war keine Hilfe. Die älteren, handschriftlichen Inventare listeten Benedikt ebenfalls nicht und Jakobs Vorgänger stand für Rückfragen nicht zur Verfügung. Das heißt er wäre wohl ansprechbar gewesen, wenn Jakob den Drang verspürt hätte, sich das halb wirre Gebrabbel und ein Dutzend Anekdoten eines greisen Wissenschaftlers anzuhören. Der alte Doktor von Falkenrath war an guten Tagen zu nichts zu gebrauchen, an schlechten war er gar nicht anzusprechen und vertiefte sich in seinem Anwesen in seine Wahnvorstellungen.

Jakob arbeitete daher oft bis spät in die Nacht hinein und wälzte selbst alte Inventurlisten, Verzeichnisse und mottenzerfressene Kataloge. Boris‘ elende Ausstellung nahm einen guten Teil seiner eigentlichen Arbeitszeit in Anspruch und er konnte, durfte, sie nicht einfach beiseite schieben.

Boris war misstrauisch deswegen. Noch war er nicht offen ablehnend, noch hatte er ihm seine privaten Studien nicht verboten. Aber es füllte ihn wohl mit Unbehagen. Jakob bemerkte seine Blicke, wenn er mit Boris sprach. Er bemerkte, wie der Mann ihn aus den Augenwinkeln anblickte, mit einem Hauch von Ekel um den Mund. Als ob schmutzig wäre, was Jakob tat. Als ob seine akademische Neugier und Forschergeist pervers wären – bloß, weil das Präparat zufällig ein Knabe war. Als ob seine Intimität mit Benedikt ihn verstörte.

So betrieb Jakob das bloße Minimum an Arbeit für die makaber-groteske Blasphemie, die sein Vorgesetzter geplant hatte, und machte eine Menge unbezahlter Überstunden für seine private Forschung.

Zugegeben: Das störte ihn nur bedingt.

Ab dem späten Nachmittag war das Museum weitgehend leer, leerer noch als sonst, und er hatte eine himmlische Ruhe in seinem Büro und dem Archiv, wo er in aller Ruhe Bruchstücken von Informationen hinterher jagen konnte. Nicht, dass es viele gab. Aber Jakob war geduldig. Diese Sache hier war eine Erfahrung, die er noch nie gemacht hatte, eine Besessenheit, die er weder in der Liebe noch in der Leidenschaft je kennen gelernt hatte. Es war ein Rausch, wie er ihn selten zuvor erlebt hatte: Die völlige Hingabe an eine Sache, einen notwendigen Aspekt seines Lebens, der alles verdrängte.


Sie war allumfassend, insofern sie ihn ganz verschlang. Es gab keinen Gedanken mehr in seinem Kopf, der sich nicht um Benedikt drehte, kein Gespräch – nicht mit Laien oder Fachleuten, die eigentlich wegen einer völlig anderen Sache befragt werden sollten – das nicht auf ihn kam irgendwann.
Er brannte für den jungen Benedikt, der reglos im düstersten Teil des Archivs hockte, sorgsam vor jedem neugierigen Blick außer Jakobs selbst verborgen. Ohne es zu merken, war Jakob ihm verfallen. Oder besser gesagt: Es war ihm nicht gelungen, sich von dem ersten Eindruck der Schönheit und Unvergänglichkeit des Knaben zu lösen.

Ein Umstand, der seinen wenigen sozialen Kontakten wenig verborgen geblieben war. Zu seinem Leidwesen. Auch sie hatten immer öfter diese Blicke in letzter Zeit. Diese Seitenblicke, wenn er zu schwärmen begann von dem Jungen in seiner Kiste, von der morbiden Neugier, von den Schwierigkeiten. Ihre Versuche, das Thema auf etwas triviales zu lenken – ihre Familie, Freunde, weiß Gott was für andere Langweiligkeiten – ödeten ihn dagegen an.

Bis er sich langsam aber sicher von ihnen zurück zog. Er versank er in seiner Suche nach den Ursprüngen dieses Knaben, entschlossen, sich erst mit eindeutigen Ergebnissen wieder ans Licht zu wagen. Mit einem Erfolg, der die Medizin revolutionieren würde.

Unverstanden und vergessen von allen, bis auf einer einzelnen Person, die ihn nicht so sehr langweilte als viel mehr in dieser Jagd nach Geheimnissen störte.

¨Jacques¨, sagte Sarah ein Mal streng und riss ihn aus seinen Gedanken. Jakob zuckte zusammen, wie als kleiner Junge, wenn sie ihn dabei erwischt hatte, wie er Frösche quälte oder Fische oder Ameisen. Wenn sie ihn im Innenhof in irgendeinem Gebüsch gefunden hatte, beschmiert mit Erde und Eingeweiden kleiner Tierchen, wie er seiner Neugier nachging.

Er hasste diesen Namen. Sie benutzte ihn ausschließlich, um ihn zurechtzuweisen.

¨Jacques¨, wiederholte sie. ¨Sieh dich mal um.¨
Mit müdem Blick sah Jakob von seinem Papier auf und ließ sich aus seiner Suche reißen.

Die eine Wand seines Büros war voll gestellt mit Kisten voller Kataloge, der Tisch war übersäht mit Notizen und einigen Stapeln an Korrespondenz. Da waren die Listen aus Florenz, die offiziellen und die inoffiziellen, die alten Unterlagen über die Erbmasse und das Testament von Segato, außerdem einige aus Mailand und aus Prag, wo ein Teil der Stücke hin gelangt war im Lauf der letzten zweihundert Jahre. Die Couch war ein Chaos von alten Klamotten, seinem Mantel und einer schmuddeligen Decke.


¨Es ist etwas unordentlich, ja, meine Güte…ich habe wichtige Arbeit zu tun und gewisse Leute halten mich von der Arbeit ab¨, brummte er.

Sie blickte ihn mit diesem Blick an. Nicht wie die anderen von der Seite, ihn verstohlen verurteilend. Sarah kritisierte ihn immer offen, gerade heraus. Einer der wenigen Gründe, warum er sie in seinem Büro duldete. Sie versteckte ihre Meinung nicht hinter seinem Rücken.

„Das ist absurd“, sagte sie, „selbst für deine Verhältnisse. Du bist kein Jugendlicher mehr und es ist unanständig, wie einer zu leben. Hast du dich wieder verguckt? Dein ganzes Leben weggeworfen für irgendein hübsches Flittchen mit einem kurzen Rock und blonden Haaren, das du beeindrucken willst?“

Jakob verzog das Gesicht. Er lehnte sich in seinem Arbeitssessel zurück, blinzelte die Müdigkeit aus seinen Augen.

„Nein. Ich werfe mein Leben nicht weg, das hier ist mein Leben. Nicht so glamourös, wie du es dir vorstellst, nicht so edel, wie Mutter es sich wünscht. Aber das hier ist mein Leben. Ich gehe meinen eigenen Gelüsten und Trieben nach, ohne mich dafür vor Mutter oder Vater rechtfertigen oder verstecken zu müssen.“

Bitternis war in seine Stimme gekrochen, als er weiter gesprochen hatte. Ein Widerwillen, der ihn überkam, sobald er sich von seiner Arbeit, von Benedikt, abwendete. Er hatte immer schon zu einem gewissen Hedonismus geneigt. War immer schon schnell in den Dingen versunken, die ihn interessierten – gleichgültig, wie unverständlich das für seine verstockten Eltern und alle anderen gewesen war.

Sarah ließ die Plastiktüte in ihrer Hand auf seinen Schreibtisch fallen. Sein Mittagessen, das sie ihm vorbei gebracht hatte. Wie schon einige Male in den letzten Tagen, die er sich mehr und mehr zurück gezogen hatte.

„Jacques, selbst für deine Verhältnisse ist das hier nicht normal.“

Sie warf sich in den Stuhl ihm gegenüber, die Bücher, die darauf gelegen hatten, im Schoß. Ihre Lippen bewegten sich, als sie stumm die Buchtitel entzifferte: „Borellus. Die essentiellen Salze und wie sie zu beschwören seyen. Von Löwenstern. Von flüchtigen und fixen Salzen.“

Jakob griff nach seiner Kaffeetasse, nahm einen Schluck und schüttelte sich. Der Kaffee war kalt, schon einige Zeit.

„Ich arbeite“, wiederholte er, jedes Wort betonend, „an einer bedeutenden Sache.“

Seine Schwester rümpfte die Nase, hielt mit spitzen Fingern eine Photographie in die Höhe, die sie zwischen Borells Abhandlung hervor gepflückt hatte.

Es zeigte ein Unikat aus Florenz, ein späteres Stück von Segato, das wundervoll erhalten war. Eine Frau, rund, schön, wohlgeformt. Zartrosa Farbe, die lebendig war und das Fleisch echt und schrecklich wundervoll. Ihr Busen war im Fokus, elegant geschwungen,zart. Man hätte die Hand ausstrecken und sie liebkosen wollen – wäre es nicht bloß ihr Brustkorb gewesen, der aus ihrem verwesenden Leib heraus geschnitten und konserviert worden war.

„Sie ist ekelhaft“, sagte Sarah und warf ihm die Bücher und das Foto auf seinen Schreibtisch.

„Außerdem ist es greulich anzuschauen. Alles hier. Auch wie du lebst.“

Mit einer Bewegung deutete sie auf das Chaos auf seinem Schreibtisch. Mit einer wischenden, angewiderten Bewegung, die das alles von sich schieben wollte.

„Wie ein Ghoul“, flüsterte sie.

Jakob starrte auf die Fotographie.

Die unbekannte Dame war ein spätes Präparat des italienischen Anatoms gewesen. Von einer makellosen Eleganz, gewissermaßen filigran, noch mit den Musterungen des Lebens versehen, wohingegen die früheren Stücke krude und kindlich wirkten. Wie ganz gewöhnliche Mumien.

Hatte Segato selbst sich so gefühlt? Unverstanden und verstoßen? Die abergläubische Bevölkerung von Florenz hatte ihn als Hexer gebrandmarkt und vertrieben. Er war gezwungen, sämtliche seiner Aufzeichnungen, Apparaturen und Tinkturen zu vernichten, in einer Feuersbrunst aufgehen zu lassen.

Der Vertraute, der ursprünglich auf Segatos Totenbett die Geheimnisse empfangen sollte, starb früh und unter mysteriösen Umständen.

¨Was ich tue, ist wichtig“, sagte er. „Du verstehst das nicht.“
¨Versuch, es mir zu erklären¨, bat sie, mühsam beherrscht.
¨Ich habe eine der wichtigsten Entdeckungen dieses Jahrhunderts vor mir.¨
¨Oh?¨, fragte sie, die Brauen spöttisch hochgezogen. ¨Was ist es? Ein Heilmittel gegen Krebs? Aids? Der Stein der Weisen?¨
Jakob legte die Arme auf den Tisch vor sich, bemühte sich um Haltung. Er hob die Nase und versuchte es mit einem stolzen Blick, der ihm aber nicht halb so gut wie Sarah gelang.
¨Das unschätzbar wertvolle und einzigartige Präparat eines künstlich mineralisierten Kadavers, der das letzte und besterhaltenste…¨


¨Eine Leiche?!¨, Sarah warf den Kopf in den Nacken und lachte. Ein hohes, affektiertes Lachen, das mehr als Untermalung ihres Spottes denn als echte Emotion gedacht war. ¨Junge, hast du beschissene Prioritäten. Tote haben Zeit. Kümmer dich nach deiner Mutter drum.“

Jakob sah sie an, als hätte sie ihm eine Ohrfeige verpasst.

„Die modernsten, kompliziertesten Verfahren der Konservierung“, sagte er, „die Flüssigplastinationen, mit der dieser Hagen so viele Hallen füllt derzeit und Aufsehen erregt, sind barbarisch im Vergleich mit dem hier. Abbilder, billige Imitate der echten Körper. Ich bin hier an Geheimnissen dran, die seit zweihundert Jahren kein Mensch begriffen hat.“

„Wir machen uns Sorgen um dich, Jakob. Du meldest dich nicht, du kommst nicht mehr vorbei, du reagierst nicht auf Anrufe. Wir glauben, dir ist irgendetwas passiert…und du wirfst dich weg, weil du dich in eine verdammte Leiche verknallt hast?“

„Das ist es nicht! Ich meine, ja, auch, das ist es auch, vielleicht, aber eben nicht nur. Der Mann ist eine mystische Gestalt für die Medizin. Der Verantwortliche, meine ich, Segato. Wird überall nur die Medusa von Florenz genannt, selbst auf seinem Grabstein in der Santa Croce steht er unter diesem Namen. Willst du den Grund wissen? Weil er Menschen in Stein verwandelt hat, mineralisiert. Lebende, echte Menschen in Stein verwandelt.

Ich dachte, du müsstest das verstehen. Du müsstest es doch wissen. Ich erinnere mich an diese Geschichte, die wir einmal gelesen haben, als wir Kinder waren. Die von dem gelben König“

„Nicht“, stieß Sarah hervor. „Nicht, ich kenne dieses verdammte Buch nicht.“

„Du kennst es. Du kennst auch die Geschichten, die man davon erzählt. Erinnerst du dich an diesen Yvain, diesen verrückten Bildhauer, der die Moiren in Marmor schuf? Aus dem Fleisch und Leib seiner Geliebten?“

Jakob tippte mit der Fingerspitze auf die Bücher vor sich, auf die Kopien von Folianten des achtzehnten und siebzehnten Jahrhunderts, die alchemistischen Abhandlungen und Theorien.

„Nur dass das hier nicht die Einbildungen eines opiumsüchtigen Amerikaners des vorletzten Jahrhunderts sind, sondern die Wirklichkeit.

Ich weiß doch, dass ich mich vernachlässige, dass ich weniger esse. Ich bin doch nicht blind für die Rückenschmerzen und den schlechten Schlaf und dass ich einen Bart bekomme, weil ich seit Wochen kein Badezimmer mit Spiegel gesehen habe. Ich bin dankbar, dass du dich um mich kümmerst, Sarah, glaube mir. Auch Aschebach, dass er noch immer nach mir fragt, mich bei jedem Treffen der Gesellschaft aufs Neue fragt. Aber er versteht es. Er versteht, dass ich ein paar unserer Treffen verpasse, weil das hier wichtig ist.

Das hier ist das Material aus dem Nobelpreise gemacht werden. Die Petrifikation, die Versteinerung des menschlichen Leibes, seine Entfernung aus dem vergänglichen Reich des Organischen.

Wieso kannst du es nicht verstehen?“


Er würde Zeit genug haben, sich zu pflegen und präsentabel zu machen, wenn er dieses Geheimnis gelüftet hatte, sagte er sich. Wenn er erst die Feder in der Hand hielt, um seinen Namen in die Geschichtsbücher einzuschreiben. Bis dahin gab es genug Arbeit zu verrichten.

Sarah verstand es nicht. Sie hatte es noch nie verstanden. Ihre Leidenschaften waren – fand er – oberflächlich. Sie liebte die Vorstellung, eine Künstlerin zu sein, aber nicht die Kunst. Was sie Besessenheit nannte, waren kurze, hitzige Affairen, die sie selten länger als zwei Tage in ihrem Griff hielten und von einer Mode in die nächste trieben, ohne tieferen Eindruck zu hinterlassen.

Sie hatte sich noch eine Weile dagegen gewehrt, hatte ihn mit ihren Sorgen und Bitten überschüttet, während er gegessen hatte. Sie hatte darauf bestanden, dass er mit irgendjemandem sprach, um nicht völlig zu vereinsamen. Wenigstens mit seinen Freunden, wenn schon nicht mit seiner Familie.

Jakob hatte ihr zumindest diese Bitte gewährt.

„Benedikt ist ein grandioser Zuhörer“, hatte er mit einem diebischen Lächeln gesagt, als sie gegangen war.

Und es stimmte. In den langen, einsamen Stunden der nächlichen Recherche, wenn Jakob Katalog um Katalog wälzte, Zeitungsartikel nachverfolgte, Briefe und Mails nach Florenz, Montecassino, Pisa, Livorno, Istanbul, Kairo und ein Dutzend anderer Orte schrieb – in diesen einsamen Stunden redete er mit Benedikt mindestens so sehr, wie mit sich selbst. Er merkte kaum, wie seine Gedanken, in denen er über Boris und seinen unnütz verbrauchten Tag schimpfte, aus seinem Mund schlüpften. Wie alles, was er tat und dachte, Benedikt erzählte, ganz als wäre dieser ein Teil seines Lebens.


Er hatte schon früher Selbstgespräche geführt, in dieser Hinsicht war das also verzeihlich. Ganz gewöhnlich fand er das vielleicht nicht, aber die Eigenart half ihm beim Denken, half halb geformte Gefühle auszustaffieren und ihnen eine Richtung zu geben. Neu war nun lediglich, dass jener Gegenpart, mit dem er sich in seinem Kopf oder auch wenn er alleine war unterhielt, nicht mehr auch von Jakob selbst ausgefüllt wurde.

Benedikt war mit der Zeit an diese Stelle seines Unterbewusstseins getreten.
Wo er vorher stumm seine Gedanken gegen sich selbst gespielt und lediglich in der Leere seines Kopfes Listen und Anweisungen an sich selbst gegeben oder gewisse Aufgaben, die zu erledigen waren, wiederholt hatte – da gab es jetzt das warme und willkommene Gefühl einer zweiten Partei. Jemand, an den er seine nur unklaren Gedanken richten konnte. Das war ein gutes Stück besser, als mit sich selbst zu reden, fand er.
Benedikt war eben ein großartiger Zuhörer.

Seine Träume…ja, selbst seine Träume waren erfüllt von dem schrecklich wundervollen Ding in der Kiste, das seine Gedanken nie verließ. Das ihn noch verfolgte, wenn er für einige Stunden von seiner Seite wich, um einen unruhigen Schlaf in seinem Büro zu suchen. Oft, wenn der Tag einfach zu lang gewesen und die Arbeit zu wichtig war, dann schlief er dort auf seiner Couch, eingehüllt in seinen Mantel und sich unruhig hin und her wälzend.
Seine Träume waren die einzigen Augenblicke, in denen Benedikt ihm antwortete, in denen er etwas von sich preis zu geben schien.
Trotzdem fühlte Jakob sich verhöhnt. Noch in seinen Träumen blieb Benedikt stumm. Seine schöne Gestalt setzte sich oft nur neben ihn auf das Sofa, streichelte ihm durch das Haar, hörte seine Theorien und Sorgen und nickte verständig oder schüttelte den Kopf mit einem stummen Lächeln.

Nächtelang kam der Junge in seinen Träumen. Jakobs Gewissheit wuchs mit jeder Wiederkehr des immer sehr ähnlichen Traumes.

Benedikt war das Meisterwerk von Girolamo Segato, der Medusa von Florenz, und der Schlüssel zu seinem ganzen Werk. Zu Geheimnissen der Medizin, die selbst von den aufgeklärtesten Geistern als Hexerei verschrien wurden.

Irgendwann gab Benedikt selbst ihm Recht. Zwei Wochen, nachdem jene unsägliche Kiste von ihm gefunden worden war, sprach er endlich zu ihm.
Seine Stimme überraschte den Anatom. Er hätte mit einer klaren und hellen Knabenstimme gerechnet, seine war aber tief und erdig. Körnig, wie Grabeserde, rieb sie sich an den Gehörgängen. Der eine Satz, den Benedikt sprach, verstörte Jakob in dem Maße, in dem er ihn beflügelte:
¨Als ich lebte, kannte ich den Girolamo Segato und seine Geheimnisse, die schwarze Magie, mit der er den Tod aufhielt.¨

Entzündung – Teil I: Boy in a Box

Doktor der Medizin Jakob B. Gottfried – welch ein Name! Was für eine Größe, welche Leistung, sich durch die Jahre des Studiums und der Ausbeutung im Spital zu quälen und am Ende die Herren von der Kommission zu überzeugen, ihm einen Zettel in die Hand zu drücken und seinem Namen einen weiteren, sinnlosen Titel voranzustellen.
Aber wert war es das doch alles gewesen.

Mutter erzählte seitdem jedem stolz ihr Sohn sei Arzt, ungeachtet der Tatsache, dass er kein Mediziner sondern Doktor der Anatomie war. Eine durchaus andere Angelegenheit, die aber niemanden außer ihm scherte. Vater konnte beruhigt in den Ruhestand gehen, denn der Sohn war nun ein Jemand in einer Welt voller Irgendwer. Schwesterherz Klara konnte etwas sorgenloser ihrer Selbstfindung nachgehen. Jetzt, wo Jakob die Familienehre hochhielt und Herr Papa womöglich mit sich reden ließ, eine brotlose Künstlerin in der Familie zu unterhalten.
Und Jakob selbst?
Der stapelte Kisten mit seinem schicken neuen Doktortitel an die Brust gepinnt.

Das heißt, wenn es nach Boris Schalk ging, war er „kuratorisch-wissenschaftlicher Mitarbeiter“ am anatomischen Museum und ein wichtiger Mann mit einer dankbaren Aufgabe – eine Art Verwalter und Galerist gleichermaßen. Das Museum am Alexanderufer war gewissermaßen abhängig von ihm, von der guten Seele im Keller, die dreihundert Jahre an historischen und unersetzbaren Lehrmitteln verwaltete.
Allerdings war Boris ein Idiot und Jakobs Job bestand in Wirklichkeit zu einem großen Teil im stapeln, katalogisieren und archivieren von „eingelagerten Ausstellungsstücken und Präparaten“ – Kisten voller Leichenteile, vielfältigst konserviert.

Zu Beginn seiner Arbeit war er ekstatisch gewesen. Das Museum war Teil des Charoninstituts, dem medizinisch-biologischen Arm der größten Akademie des Landes. Teil desselben Instituts, an dem Jakob zehn Jahre für seinen Doktortitel geschuftet hatte.

Sechs oder sieben oder acht Monate waren inzwischen vergangen, so genau wusste er es gar nicht mehr. Seitdem stand die Zeit seltsam still für ihn hier unten im Archiv. Ein Monat bedeutete soviel als ein Tag, fühlte sich genau so lange an.

Die Luft war stickig und staubig, wegen der Luftreinigung trocken und kratzig im Hals. Durch die dicken Wände verstummte auch die geschäftige Metropole über seinem Kopf. Selbst der normale Museumsbetrieb bloß zwei Stockwerke höher war nicht zu hören. Hier unten in den düsteren Korridoren, gebildet von Regal um Regal voller schauriger Gläser, nur beleuchtet von alten Funzeln – hier herrschte die Ewigkeit.

Zu Beginn hatte Jakob noch eine gewisse Spannung verspürt, eine heimliche Ehrfurcht, wenn er hier herunter kam.
Soviel Neues gab es im Archiv zu entdecken. Nicht nur für ihn, sondern für das einige hundert Jahre alte Charoninstitut selbst, das die meisten seiner Aufzeichnungen im Lauf der Spaltung der Stadt, zwei Weltkriegen und einigen Reformen und Umzügen verloren hatte.
Liegengelassene Präparate aus den vierzigern, die nirgendwo verzeichnet waren. Manchmal auch Erbmasse aus diversen Privatsammlungen, die im Lauf der Zeit zwar eingelagert, aber nie katalogisiert worden waren. Seltener entdeckte er in den letzten Regalreihen, verborgen hinter den widerlichen Exponaten der Nazis, dem esoterischen Firlefanz der Kaier und den okkulten Zaubereien der Königszeit falsch einsortiert auch echte Schätze. Präparate von Virchow selbst oder gar eines der letzten erhaltenen Objekte von Johann Gottlieb Walter. Objekte wie die mit Kupfer ausgegossenen Äderchen, die mehr an ein Korallenriff als einen menschlichen Körperteil erinnerten.
Einige dieser Stücke waren zum ersten Mal seit Jahrzehnten von einem menschlichen Auge betrachtet worden und es war nur an ihm gewesen, das Rätsel ihrer Herkunft zu lösen. Sie existierten und waren alt, so viel stand außer Frage. Hin und wieder stand fest, um was für Körperteile es sich handelte oder dass das Präparat völlig unbrauchbar war – etwa wenn durch feine Risse Luft oder Schimmel eingedrungen oder die Methode der Konservierung schlicht unzureichend gewesen war, um den natürlichen Verfall aufzuhalten.
Viel mehr war aber selten bekannt. Die Etikette waren unleserlich oder fehlten oft genug.
Er hatte ihrem unbekannten Inhalten nachgespürt. Er hatte die Geschichten und Wanderungen einiger Dutzend Mumien aus den Anden, Ägypten und Arabien nachvollzogen, hatte durch die halbe Welt telefoniert, Kataloge gewälzt. Kuratoren aus Kairo und Grabungsleiter aus Sibirien hatte er an den Apparat bekommen und ihnen die Geheimnisse einiger Ausstellungsstücke abgepresst, die irgendwann von den Deutschen aus Polen, der Ukraine und Russland gestohlen worden waren, oder gekauft oder geschmuggelt oder – in einigen wenigen Fällen – ordentlich beschafft.
Keine so aufregende Archäologie, wie sie gewisse peitschenschwingende Abenteurer praktizierten, aber deutlich bequemer. Und nicht weniger spannend, wenn man seine Erwartungen vernünftig einstellte.
Jakob war durchaus zufrieden damit gewesen. Er reiste ohnehin nicht gern, wurde schnell krank und vertrug den Streß nicht. Seine Arbeit führte ihn dennoch an ferne Orte und schickte ihn auf Entdeckungsreisen. Er konnte all die Geschichten erleben, für die mancher nach Afrika oder Asien reisen musste, aber ohne die Bequemlichkeit seines Lehnsessels zu verlassen.
Im anstrengendsten Falle musste er die archaisch organisierten Aufzeichnungen zu Rate ziehen – was davon noch vorhanden war zumindest – und einige Stunden Reiseberichte lesen oder in fehlerhaften Katalogen nachschlagen, von welcher Humboldtschen Reise dieses oder jenes Stück stammen könnte, was womöglich der abenteuerliche und infame Prof. Wurm angeschleppt haben könnte.
Es gab, fand Jakob, schlechtere Beschäftigungen, als sich stundenlang durch die fragwürdigen Abenteuer einiger zwielichtiger Wissenschaftler zu lesen.
Vor einer Weile aber war Boris auf die geniale Idee verfallen, von dem Furore um die jüngste Ausstellung der Körperwelten und die Zurschaustellung der Mumie Nofretete in der Stadt zu profitieren. Das neue Jahrtausend war gerade einen Winter alt und mit ihm schien auch eine neue Gier nach makabrem und groteskem einzusetzen.
Seitdem bestand Jakobs Arbeit aus Kisten. Endlosen Reihen von Kisten und Telefonaten mit deutschen Museen. Er entdeckte nicht mehr, sondern verschacherte nur noch. Es gab nichts aufregendes an diesen Dingern, die nun hier ankamen. Keine neuen Verfahren, keine Aufregenden Geschichten über gefährliche Expeditionen. Was er nun bekam – in Formaldehyd aufbewahrte Hybride und Embryonen, Geschlechtsteile und dergleichen uninteressantes Blendwerk mehr – war vollkommen gewöhnlich, hier ebenso zu finden wie in Heidelberg oder Rostock oder sogar Hamburg.
Bloß der fade Alltag eines akademischen Geschäfts, das Augenwischerei betreiben sollte, um Besucherzahlen abzugreifen.
Irgendjemand im Charoninstitut hatte beschlossen, dass das anatomische Museum mit dem Alten Museum zusammenarbeiten und für diese neun Monate des Jahres eine makabere Ausstellungsstätte sein sollte.
Wo die Körperwelten auf einen gewissen Schockfaktor setzten, darauf mit nackten, menschlichen Körpern zu verstören und zu verunsichern; wo das Museum auf das übliche trockene Historiengewäsch setzte und alte Steintafeln, mysteriöse Grabkammern usw., da wollte Boris das Makabre bedienen. Die grauenhaften Anfänge der Anatomie, die Leichendiebstähle und Verkäufe an Universitäten, die Experimente am lebenden Objekt, die Vivisektion Gefangener, letztlich die Besessenheit der sogenannten Aufklärung, die Geheimnisse der Magie und der Unsterblichkeit des menschlichen Leibes zu erkunden.
Er wollte, in aller Kürze, die akademische Geschichte der Anatomie dramatisieren und die moderne Medizin mit einem Hauch von Verbotenheit umgeben.
So jedenfalls der Plan.
Letzten Endes bedeutete es bloß, dass Jakob weniger exotische Präparate und mehr Kuriositäten heran holte. Langweilige Stücke, ganz gewöhnliche Leichname, eingelegte Embryonen, ein Imitat des Homuncuklus-Prozesses und der Palingenesis. Scharlatanerie, alles, und eigentlich als Betrug abzulehnen. Allein der Gedanke, die Anmaßung, noch fünfzig Jahre nach Hegel einem Hirngespinst wie der Wiederauferstehung aus Asche hinterher zu jagen, hätte Jakob als Student noch in Rage gebracht.
Heute ging er stumm mit seinem Klemmbrett durch das Archiv und überlegte, welche der kostbaren Stücke des Museums er gegen den Humbug eintauschen wollte, den Boris ihm aufgedrückt hatte. Darauf lief es nämlich hinaus: Endlose, zähe Verhandlungen mit anderen Museen und Instituten, die prestigeträchtige oder wertvolle Stücke der angesehenen Charité oder der umfassenden okkulten Sammlung des Charoninstituts gegen Jahrmarktskuriositäten eintauschen wollten.
Er notierte sich den Bestand der neu eingetroffenen Objekte, kontrollierte, ob es sich um die richtigen Stücke handelte, notierte sie und verzog sich dann gegen Nachmittag in sein Büro, nur den Gang vorm Archiv herunter, wo er Zeit mit Telefonaten vertrödelte oder alle paar Tage einem interessanten Stück nachforschte, das fehlerhaft gekennzeichnet war. Meist endete es damit, dass seine Meinung über die sogenannten Aufklärer und ihre mathematische Metaphysik weiter sank.
Er hatte in den letzten Monaten hier alles mögliche und unmögliche an Körperteilen gesehen, präpariert, taxidermiert, aufgeschnitten, gewürfelt, eingelegt, künstlich am Leben gehalten, mit dem plastischen Verfahren konserviert. Alles erdenkliche, das selbst seine wilde Studienzeit und seine eher sadistischen Forschungen zahm wirken ließ.
Professor Wurm, der renitente alte Sack, hatte allen Vorschriften zum Trotz noch nach der alten Methode der Vivisektion gelehrt. Irgendetwas an den zuckenden Innereien des sich auf Stecknadeln gespießt windenden Frosches hatte ihn in dem Maße neugierig gemacht, wie es andere abgeschreckt hatte.
Ein, zwei Mal hatte Jakob sich auch in das anatomische Theater einer Autopsie geschmuggelt. Während des Studiums hatte er sich bei diversen weniger legalen Tatortreinigern ein kleines Taschengeld verdient. Er hatte daher einen starken Magen, war vertraut mit dem Gesicht des Todes, der Verwesung und schließlich Auflösung in allen erdenklichen Stadien.
Nicht zuletzt deswegen hatte er sich mit dieser faden Beschäftigung abfinden können, die diese Neugier in ihm befriedigte, die ihm die Chance gab, seinen morbiden Neigungen nachzugeben.
Was er jetzt gefunden hatte allerdings…
Es handelte sich um eine unscheinbare Kiste unbestimmten Alters. Rechteckig und ungefähr zwei mal einen Meter von der Grundfläche, reichte sie ihm kaum bis zu den Knien. Sie war nicht markiert, nicht mit Zollstempeln versehen und auf keiner der Lieferlisten zu finden, die Jakob zur Verfügung stand. Ihre Machart mit dünnen aber massiven Brettern aus echtem Holz – nicht aus Pressspan – und Zimmermannsnägeln implizierte ein Herkunft aus dem neunzehnten Jahrhundert.
Das hier…das…das Ding in der Kiste verstörte und entzückte ihn gleichermaßen. Es sprach eine morbide und widerwärtige Ader an, von deren Existenz Jakob natürlich gewusst hatte – mit Ende zwanzig und leichtem Zugriff auf Pharmazeutika hatte er bereits genug Möglichkeiten gehabt, diese Abgründe zu erforschen – die ihm in dieser Form aber unbekannt war.
Und diese Feststellung machte ihm Angst. Mehr, als einige widerliche Bilder oder ein Rascheln im dunklen Archiv es vermocht hätten.
Was sich in der unmarkierten Kiste am hinteren Ende des Archivs befand, war schlicht: Ein Junge.
Noch nicht wirklich postpubertär, aber auch nur wenig älter als siebzehn oder sogar sechzehn Jahre alt. Eine schmale Gestalt, um die 60 Kilogramm womöglich auf eine Höhe von 170cm, schmale Schultern, feine Glieder. Notdürftig bekleidet um die Hüften.
Sein Gesicht dagegen…schmal, hohle Wangen, niedrige Stirn. Weiches Kinn, das in einen feinen Kiefer überging. Volle Lippen. Wunderschöne braune Locken, die ihm über die Wangen und die Schulter fielen. Das Gesicht eines Künstlers, vielleicht, oder eines beginnenden Musikers. Eine zarte Seele, zu früh aus aus dem Leben geschieden.
Das aber war nicht das seltsame. Vielmehr…er war statuenhaft. Perfekt.
Der Junge war tot, das stand außer Frage, und durchaus eine Weile. Er hatte die graue Farbe eines Verstorbenen, allerdings ging kein Geruch von ihm aus. Seine Haut war wie Stein und kalt. Sie gab kein bisschen nach unter dem sanften Druck von Jakobs Fingerspitzen. Mund und Augen ließen sich nicht öffnen und nach einigen weiteren Berührungen kam Jakob in seiner Funktion als Doktor der Anatomie zu der Überzeugung, dass der Leichnam vollständig mineralisiert war.
Jakob fand seine eigene Reaktion darauf ebenso seltsam, wie fürchterlich. Er war nicht schwul und, wahrscheinlich, auch nicht pädophil. Das eine war schlicht nicht sein Fall gewesen, das andere unnötig riskant und reizte ihn auch nicht sonderlich. Sexuelle Anziehung – widerwärtig wie sie in diesem Fall gewesen wäre, hätte er sie doch verstanden, hätte gewissermaßen eine emotionale Antwort darauf gehabt, hätte Ekel empfinden können.
Sexuelle Anziehung gegenüber dem wunderschönen Leichnam wäre insofern eine Erleichterung gewesen, als dass es eine bekannte Emotion gewesen wäre.
Stattdessen empfand der Anatom etwas, das er sich nicht erklären konnte. Er betrachtete den Jüngling bloß, alles um sich herum vergessend. Seine Arbeit, die dröge Langeweile, selbst die spannenderen Präparate und den Ärger über Boris, vergaß er.
Es gab nichts weiter für ihn an diesem Nachmittag, als den hübschen Knaben. Nur seine makellose Gestalt und das Rätsel, wie sie so gut erhalten geblieben war. Er bemerkte es erst, als der Hausmeister seine letzte Runde drehte und ihn am späten Abend aus der Trance weckte. Als die stählerne Tür sich quietschend öffnete und das Licht der erbärmlichen Funzel, die jene hintere Ecke des Archivs beleuchtet hatte, in den Flur entfloh.
Hastig verschloß Jakob die Kiste wieder und fing den Mann ab. Er machte irgendwelche Ausreden, wusste gar nicht mehr, welche oder worüber, und versicherte, alles sei in Ordnung. Überstunden habe er schieben müssen, Boris‘ dämlicher Idee wegen. Abschließen werde er noch selbst, da brauche er sich nicht drum zu kümmern.Tatsächlich löschte Dr. Gottfried noch das Licht und schloss sorgfältig ab, versicherte sich selbst mehrmals, alle Riegel an Ort und Stelle waren.
Jakob lehnte die Stirn gegen das kühle Metall der Tür zum Lager. Er glühte und brauchte einige Minuten, um sich zu fangen. Er ignorierte sein Büro weitgehend, schaltete lediglich den Zentralschalter aus, griff sich Aktentasche und Mantel und verschwand eilig. Er ignorierte seine Schritte über das Kopfsteinpflaster, die Studenten und ehemaligen Kollegen, die ihn auf dem Weg zum Bahnhof grüßten.
Seine Fahrt nach Hause war belanglos und bloß von wiederholten Unterbrechungen gekennzeichnet. Er konzentrierte sich nicht, wie üblich, auf seine Zeitung oder die Leute in seiner Umgebung. Er verfiel nicht in eine Plauderei mit der hübschen Blondine neben sich, sondern starrte aus dem Fenster. Die Gegend rauschte langsam an der Stadtbahn vorbei, nur begleitet vom Rattern seiner Gedanken.
Noch ehe er zuhause angekommen war, noch während Jakob der untergehende Sonne über den alten Gemeindebauten Schönebergs zusah, wusste er, was er zu tun hatte. Der Anatom wusste, dass er nicht mehr zum Schlafen kommen würde. Er konnte es fühlen, wie es in seinen Eingeweiden rumorte. Die Aufregung einer neuen Jagd erfasste ihn, wie er sie seit Monaten nicht verspürt hatte. Die Jagd nach Geheimnissen.
Ein Name spukte über die scharlachroten Dächer und dröhnte in seinen Ohren.
Girolamo Segato, die Medusa von Florenz.

Zähnchen – Teil III: Gefressen

Die Katze war nirgends aufzutreiben.
Erst dachte Julius, der Kater hätte sich frustriert von den beutelosen Nächten im Flur oder in der Küche auf die Lauer gelegt. Vielleicht, um das Ungeziefer mit seiner Abwesenheit in Sicherheit zu wiegen und hervor zu locken oder mit einem Wechsel seiner Gewohnheiten zu verwirren und so doch noch siegreich zu jagen.
Dann hielt er es für möglich, dass das Tier eingeschnappt sei. Dass es sich – gekränkt von Julius‘ kurzer Abwesenheit – versteckt hatte vor ihm und ihn nun in Panik das Zimmer durchsuchen ließ.
Aber weder in der Küche auf einem der Schränke oder dem Fensterbrett, noch auf dem Vorsprung über der Tür im Flur oder dem Regal war Nigel aufzufinden. Nicht einmal unter dem Bett war auch nur eine Spur von ihm.

Obwohl Julius sicher war, ihn in der Nacht aufspringen und durch die Wohnung jagen gehört zu haben. Ganz so, als hätte der Kater in dieser Nacht erneut vom Jagdfieber gepackt und als hätte er versucht, einige Ratten mehr zu erlegen. Aber wie in den letzten Tagen schon hatten keine Opfer da gelegen, als Julius aufgestanden war.
Nigel war noch da gewesen, kurz bevor Julius zum Einkauf gegangen war. Er wusste es ganz genau, schließlich hatte er das Tier fast gewaltsam von seinem Bein nehmen und ihm ernst und eindringlich versichern müssen, dass er in kaum dreißig Minuten zurück wäre.

Aber Nigel blieb verschwunden. Selbst die Katzenminze, die ihn sonst immer für seine Tapferkeit belohnte, lockte das Tier nicht hervor.
Dann erst, als er seine Jacke und das Portemonnaie ablegte, fiel Julius auf, dass er seinen Schlüssel noch immer in der Tasche hatte. Für gewöhnlich war es aber eine Bewegung für, die Tür von außen aufzuschließen und von innen wieder zu verschließen. Das Schloss funktionierte nämlich nicht richtig und es musste von innen mit dem Schlüssel abgeschlossen werden – sonst stand die Tür immer einen Spalt breit offen.
Julius stutzte und stellte fest, dass die Tür nur angelehnt, nicht aber fest verschlossen war. Schloss und Tür waren vollständig intakt, nicht einmal zerkratzt oder Auch in der Wohnung fehlte nichts, alles war an seinem Platz. Jedenfalls war bei der Suche nach Nigel nichts aufgefallen.
Dennoch hatte er die Tür nicht aufschließen müssen, um in die Wohnung zu gelangen.

Hatte er vergessen, abzuschließen?
Besorgt drehte er um und ging hinaus in den Flur.
Es schien wie immer. Die Wände waren leicht verschmutzt, die Nachbarn hatten ihren Müll vor die Tür gestellt. Ein schwarzer Sack voller Unrat, der einen vagen, erdrückend süßen Duft verströmte. Wie faulendes Obst.
Ein gewisser Verfall strömte durch den schmalen Gang, der sich von der Treppe aus in zwei Halbbögen um den schmalen Innenhof erstreckte. „Lichthof“ nannte man den kümmerlichen Schacht, der für trübes Tageslicht im Flur sorgte. Tageslicht, das mit jeder Minute schwächer wurde, die die Sonne sich weiter von ihrem Zenit entfernte.

Julius ging zu den Fenstern, die den Wohnungstüren gegenüber lagen, und blickte hinunter. Als erwarte er, den Kater im Innenhof sehen zu können, wie er auf einer der Mülltonnen saß und in den Himmel starrte.
Aber nichts. Dort unten war nur der länger werdende Schatten, den das Haus auf sich selbst warf.

Dann sah er es.
Das kleine Knäuel Fell, das sich zwischen den Dielen zu seinen Füßen verfangen hatte. Gräulich Braun und kränklich dünn. Wie von den Ratten. Wie von den Ratten, die sich durch das ganze Haus zogen und hier überall ihre Spuren hinterließen.
Er folgte ihnen. Folgte den dünnen Fellknäueln, den Spuren von…von Blut und Klauen und sogar den Brocken von Fleisch, die sich den Flur über verteilt hatten.

Die Wendeltreppe, die von seiner Wohnung aus noch zwei Etagen nach oben führte, verengte sich nach unten hin, bis im Keller kaum ein Mann allein Platz darauf hatte. Alles hier war schmal, düster und schnürte ihm die Luft ab. Nicht nur des Rattenkots und der Ungepflegtheit wegen, der er folgte.

Dabei war es nicht einmal besonders staubig oder stickig hier unten. Feucht ein bisschen, ja. Die ganze Luft war dick und feucht. Es roch nach einer Mischung aus Schimmel – kratzig, ganz tief hinten im Hals – und fauligem Wasser, das vorn in der Nase kitzelte.
Vor Julius erstreckte sich das Netz der Gänge in die Dunkelheit.

Es war mindestens so alt, wie das Gebäude selbst. Womöglich älter. Die Kellerabteile, in denen Julius sich nie viel herum getrieben hatte, weil er nichts besaß, das er hier unten hätte verstauen können, waren wohl einst als Bunker gegen Artilleriefeuer angelegt worden. Sie gruben sich mehrere Meter unter die Erde, tief ins Fundament der Stadt. Die Wände waren alt, aus unverputztem Ziegelstein und dick mit Schmutz überzogen, der eine unbestimmbare Farbe irgendwo zwischen grau und braun angenommen hatte.

Julius stand davor, noch im Pullover. In seiner Hand drückte sich der Schlüssel schmerzhaft in sein Fleisch, stach ihm in die Handballen.
Er wusste, dass der Kater irgendwo da drinnen war.
Er wusste es nicht wegen der Spur von gejagten und zerlegten Ratten, der er gefolgt war. Sondern wegen dieses Gefühls in seiner Brust. Dieses enge, ziehende Gefühl, das ihn jetzt auf dieser Schwelle überkam, das ihn dort hinein zog und von ihm verlangte, in die Dunkelheit zu steigen.

Einen Augenblick lang zögerte er, schloss die Augen. Er umklammerte die Taschenlampe, die er in der Tasche trug und biss die Zähne aufeinander.
Es ekelte ihn, so viel musste er sich eingestehen. Nicht nur vor dem Keller, vor der Dunkelheit. Sondern weil er sicher war, dass sich dort drinnen das Nest der Ratten befand. Oder jedenfalls eines der Nester musste sich dort unten befinden.
Das war vielleicht auch der Grund gewesen, warum Nigel sich dorthin begeben hatte: Um nach Tagen des Hungerns erneut eines dieser Viecher zu erlegen oder auch Dutzende und zwar dort, wo er am meisten davon finden würde: In ihrem Nest.

Julius schüttelte sich. Nein, es war nicht nur Ekel.
Es war Angst. Eine greifbar gewordene Angst, die ihn daran hinderte, über die Schwelle zu treten. Seine eigene Angst vielleicht oder die aller Bewohner des Hauses, die die Wände herab tropfte und sich im Keller sammelte.
Er hatte nicht verstanden, warum der Vermieter und auch niemand sonst etwas gegen die Biester unternahm, die das ganze Haus für sich beansprucht hatten. Warum niemand mit ein paar Fallen, mit Gift und Feuer sich der Plage annahm. Jetzt verstand er.
Man müsste dazu in den Keller gehen.

Ihm war, als könnte er den Kater hören, irgendwo da unten. Ein erbärmliches Geräusch, als hätte er sich verlaufen oder stecke er irgendwo fest.
Langsam zog Julius die Lampe hervor, schaltete sie an. Tief atmete er ein, dann wieder aus. Er zog sich den Pullover über die Nase – und überwand sich.
Wenigstens einen kurzen Blick schuldete er dem Tier.

Einige Teile des Kellers waren sicherlich älter als die zu Bunkern umfunktionierten Keller, wahrscheinlich älter als Bunker überhaupt, denn Julius ließ die Keller schnell hinter sich, kam aber an kein Ende.
Es ging immer nach unten, mit einer leichten Schräge. Tief, tief unter die Erde, mit vielen schmalen Gängen, die untereinander verbunden waren und mehr als einen Zugang hatten. Alle paar Kellerabteile, alle zehn, fünfzehn Meter ging eine Abzweigung ab. Die sich wieder irgendwo in der Dunkelheit verzweigte.

Es war sogar denkbar, dass die ganze Mietskaserne, der gesamte Block, mit diesem Netzwerk verbunden war. Dass er von hier mit der richtigen Karte ungesehen quer über den Hof, unter den Nachbarhäusern durch, bis zur einige Blöcke entfernten K.Straße gelangen konnte. Ohne auch nur einmal Tageslicht zu sehen.

Julius sich an einen Pilz erinnert, ohne den genauen Grund zu kennen.
Der eigentliche Pilz war nämlich nicht das, was man gemeinhin dafür ansah. Der große, fleischige Auswuchs war bloß der Fruchtkörper, der zum Verteilen der Sporen diente, und nicht einmal der größte Teil des Organismus. Dieser lag tiefer unter der Erde, wo es dunkel, feucht und warm war. Was wie eine Pilzkolonie aussah, mit einem Dutzend oder mehr Pilzen, war in Wirklichkeit ein einziger Organismus, tausende kleiner Fäden, die sich mit allem umliegenden verbanden und daran fest saugten.
So fühlte sich dieses Netzwerk von Bunkern und Kellern an. Wer vermochte schon zu sagen, wo es endete? Ob es sich wirklich nur unter diesem einen Hof erstreckte und nicht doch noch über die nächste Straßenseite? Die danach? Ob es sich nicht unter dem neuen Supermarkt an der Ecke einst ein Keller befunden, ganz wie dieser hier, der nur versiegelt aber nicht vollständig zugeschüttet worden war?

Über ihm verliefen die Rohre, keine Handbreit Platz war zwischen seinem Kopf und der Decke aus Hohlräumen. So dicht und eng zogen sie sich kreuz und quer und längs, dass hinter ihnen kaum die echte Decke auszumachen war und es nichts über ihm gab, als die fauligen, bisweilen geplatzten Röhren aller möglichen Macharten.
Zu Beginn waren sie noch ummantelt gewesen, mit einer Schicht aus grauem Kunststoff. Je tiefer er aber in den Untergrund eindrang, desto ungepflegter wurden sie. Und desto älter. Nach der vierten oder fünften Abzweigung waren es Kupferrohre, grünstichig vom Alter und der feuchten Luft. An einigen Stellen waren die Dichtungen völlig durchgerostet und eine übelriechende Brühe ergoss sich in die Gänge, wo ein echter, schimmliger Pilz sich grün und kränklich in die Wände fraß.

Julius machte einen Umweg, ging eine Abzweigung zurück und nahm die nächste. Er fragte sich aber doch, wie viele der Rohre überhaupt mit den Wohnungen verbunden waren.
Es waren einfach viel zu viele davon. Unmöglich konnte jeder Wohnung eine zugeordnet werden. Nicht einmal jedem Zimmer, auch nicht im gesamten Block. Hunderte der Rohre kamen aus den Wänden, der Decke, in einigen der seit Ewigkeiten unbenutzten Keller auch aus dem Boden und verschwanden in der unentwirrbaren Masse über seinem Kopf.

Viele der hinteren Keller schienen gar nicht mehr benutzt zu werden. Sein eigenes Abteil lag im zweiten oder dritten Quergang – er befand sich schon im siebten und der Keller wollte kein Ende nehmen.

Beständig hinter und um Julius war dieses Rascheln. Dieses teuflische Rascheln, wie von winzigen Pfoten, die auf den glitschigen Rohren entlang huschten. Wie von Fell, das sich in der Dunkelheit an den Wänden und einander rieb. Wie von einem Huschen außerhalb seines Gesichtsfeldes.
Mehr als einmal vermeinte er wieder das Stechen zu fühlen, das ihn in seinen Träumen heimgesucht hatte. Und er glaubte, dass von den Rohren über ihm ein pelziges Etwas herunter und etwa in seinen Nacken…dass etwas an seinen Fersen oder Knöcheln zwickte.

Er schüttelte sich, sprang auf der Stelle umher, schlug nach seinem Rücken. Nichts, natürlich war da nichts. Seine Einbildung, redete er sich ein und zog trotzdem die Kapuze seines Pullis über den Kopf – nicht, ohne sich vorher zu vergewissern, ob nicht doch etwas darin lauerte.

Verzagt ging sein Blick in die Dunkelheit jenseits seiner Taschenlampe. In sich spürte er einen Widerwillen, weiter zu gehen. Der so stark war, dass er ihm körperliche Übelkeit brachte. Als greife eine unsichtbare Hand nach seinem Magen und zerre an seinen Innereien und verlange, dass er sich übergab und seinen Unrat zu dem des Kellers hinzufügte.

Er wollte so wenig weiter, dass er für einen Moment inne hielt. Genau dort wo er eben panisch herum gesprungen war. Seit fünfzehn Minuten, verriet seine Armbanduhr ihm, schlich er durch die Dunkelheit. Seit fünfzehn Minuten wagte er es kaum, einen Ton von sich zu geben – als ob er sich fürchtete, bemerkt zu werden.
Dabei war genau das seine Absicht, oder nicht? Nigel, dieser hinterhältige Kater, war abhanden gekommen und sollte ihn bemerken. Mit seinen feinen Ohren sollte er Julius hören und ihn riechen und schnell zu ihm zurück kommen, damit er endlich diesem Ort den Rücken kehre und nie wieder kommen könnte.
Aber er kam nicht. Und Julius gingen die Ideen aus.

Unschlüssig für einen Augenblick schwenkte er den Lichtkegel hin und her. Muffige Kellerabteile und rottendes Holz auf beiden Seiten für drei, vier Meter. Dahinter einige Meter Zwielicht, dann die schwarze Finsternis, die sich tief unter dem Asphalt der Stadt befand.
Flach sog er die faule Luft durch den Mund, um sie nicht riechen zu müssen, schloss einen Moment die Lider und beobachtete seinen Atem beim Zittern.

Schließlich öffnete er seine Augen wieder und ging in die Richtung, in die er eben schon gegangen war. Weiter in die Tiefe.

Er weigerte sich noch, sich einzugestehen, dass er es dem Kater schuldete. Noch hielt er es für seine bloße Pflicht, das ihm anvertraute Lebewesen zumindest nach bestem Wissen und Gewissen zu suchen. Als ob er sich wirklich noch die Hoffnung machen würde, der Kater hätte sich bloß bei einem Spaziergang verlaufen, wäre bei einer Erkundung des Hauses verloren gegangen.

Tatsächlich spielte Schuld aber eine ganz beträchtliche Rolle. Klein, wie der Kater auch war: Er hatte Julius diese letzte Woche zumindest vor dem bewahrt, was der noch immer für Neurose und Nervosität hielt. Das lebende, gesellige Tier hatte seinen Auftrag gut erfüllt und Ruhe zu Julius gebracht.
Ihn jetzt aufgeben würde heißen, ihn zu verraten. Und gewissermaßen auch, sich wieder seinen Alpträumen hinzugeben. Es hieße, die Schlaflosigkeit wieder in sein Leben zu lassen.

Dort und damals hatte es gegolten, sich der Angst zu stellen. Der Angst vor den Ratten und den Geräuschen im Haus, die natürlich unsinnig war…
Ha! Das war, dachte Julius während er weiter stapfte, vielleicht überhaupt der Plan des Katers gewesen. Um ihn endgültig mit seiner Furcht zu konfrontieren und davon zu heilen, hatte er sich hier unten versteckt. Er musste wohl die offene Tür genutzt haben, auf die er die letzten Tage so gelauert hatte.

Wie dumm von ihm, je an dem Tier gezweifelt zu haben! Der Kater war ein gewitztes Vieh, aber für diesen Streich würde Julius ihm das Fell über die Ohren ziehen.
Das jedenfalls beschloss er grimmig, während er sich tiefer in den Keller wagte.
Ganz auf Art und Weise, auf die ein Kind wohl beschließen mochte, dass es in Wahrheit gar nicht im Wald verloren, sondern alles nur ein böser Scherz war. Dass in jedem Moment die verschollenen Freunde aus dem Dickicht springen sie alle befreit lachen würden.
Bis fast zum Schluss hielt Julius an diesem Beschluss fest.

Bis der Keller und die Bunker plötzlich endeten. Bis da eine freie Fläche war, die sich vor ihm öffnete, wo die Decke weit über ihm lag und die hinteren Wände gar nicht mehr zu erkennen waren.

Julius atmete kurz und oberflächlich. Die Luft hier unten stank – nach Staub und Tier und… Er schämte sich, das zu denken, diese überholten, furchtbaren Worte zu denken – nach Angst.
Konnte man Angst denn riechen? Von Hunden sagte man das vielleicht und anderen Tieren, aber von einem wie ihn? Konnte sie eine solche Konzentration erreichen, dass sie wie Miasma oder eine Art von Pilzgeflecht sich unter der Erde festsetzen konnte?

War es nicht eher seine Einbildung, dass er wusste oder zu wissen meinte, zu was diese Kellerräume während des Krieges genutzt worden waren? Dass er wusste, wie viel älter als er selbst sie waren und was für eine Zeit das gewesen war, in der diese Anlage angelegt worden war? Es musste doch viel mehr an seiner Einbildungskraft liegen, dass er Angst zu schmecken glaubte. Seine Einbildung, die ihn in die Nischen und Ecken zusammen gekauerte Familien sehen ließ.

Was es auch war, es drängte sich wie feuchtes, schleimiges Gas in seine Nase, seine Kehle, bis in seine Brust, die sich krampfhaft zusammenzog und ihn keuchen ließ.
Als würde es von ihm Besitz ergreifen.

Er konnte auch den Kater noch fauchen hören. Irgendwo in der Dunkelheit. Nigels Schreie, panische, schrille Geräusche der Angst, hallten durch den Saal.

Der Raum war groß, die Luft darin dick und schwer. Seit Jahren konnte sie keine lebende Seele mehr geatmet haben.Vielfach und grausam vergrößert warf der Stahl und der Beton das Kreischen des Katers zurück zu Julius, dröhnte in seinen Ohren wie die unter dem Lärm vibrierenden Rohre.
Die Rohre…

Hunderte Röhren lief hier zusammen über seinem Kopf, ein Gewirr aus Rohren, Leitungen, Kabeln für Abwasser, Strom, Gas, die hier wie Adern in einem morbiden Herz zusammen liefen. Sie mussten in fast jedes Haus, jede Wohnung des Viertels führen.
Julius hatte sich gefragt, wie die Tiere in seine Wohnung gelangt waren, obwohl er keine Löcher in den Wänden gefunden hatte, keine Schlupfwinkel aus denen sie hätten kriechen können.
Jetzt hatte er seine Antwort: Rohre.

Julius blickte atemlos auf und sah, dass sie tatsächlich vibrierten, aber nicht von dem Lärm, sondern von winzigen Füßen und knotigen Schwänzen, die sich daran rieben, die über den Rost schabten und die Luft zum Rauschen brachten.
Er sah, wie die Tiere sich näherten. Fett und vollgefressen waren sie von den Abfällen. Nie in seinem Leben hatte er so großes Ungeziefer gesehen. So aufgedunsen und rot, wie von…wie von…
Seine Hand glitt unwillkürlich zu der kaum verheilten Wunde in seinem Nacken, er weigerte sich, den Gedanken zu beenden.
Die Ratten huschten über ihn hinweg. Die Rohre entlang, dorthin, wo die Schreie der Katze langsam schwächer wurden.

Seine Augen hatten sich nur schlecht an die tiefe Finsternis gewöhnt. Sein Herz raste. Furcht kroch in ihm nach oben, lähmte ihn in seiner Ecke, in die er rücklings gestolpert war, ohne es zu bemerken. In der er katatonisch hockte, so weit als möglich weg von der Flut aus Ungeziefer, das sich über ihm in den Saal ergoss.
Seine Hand packte die Lampe fester, seine Beine verkrampften sich. Trotzdem zwang er sich vorwärts, zwang sich Schritt für Schritt weiter in den Saal unter dem Fundament des Hauses hinein.

Ratten. Hunderte, die sich versammelten. Stumm, fast bewegungslos, sobald sie einmal ihren Platz gefunden hatten. Ein See aus Fell und Ekel erstreckte sich vor ihm in der Finsternis, die nur von der ein oder anderen blinkenden Leuchte den Korridor hinunter für Momente erhellt wurde.

Etwas Unheiliges geschah hier, etwas Unmenschliches. Ein Geräusch erhob sich, das durch den dröhnenden Lärm schnitt. Selbst das Geschrei des Katers irgendwo jenseits der schummrigen, rötlichen Lichtblitze von Warnlampen endete abrupt.
Da war nur dieses Geräusch. Dieses dunkle, düstere Glucksen, das aus den Tiefen zu kommen schien. Ein Geräusch, das wie das Gefühl war, das sich in seine Kehle drängte: Schleimig, feucht, wie von Schimmel auf lange faulig gewordenem Wasser.
Das Geräusch schwappte über die Unmenge an Ungeziefer vor Julius und auch über ihn. Es traf ihn wie eine Welle, die ihn zu ersticken drohte.

Worte. Es waren Worte, die dort aus der Mitte der Tiere aufstiegen wie aus einem Sumpf.

Julius verstand sie nicht, wusste nicht einmal, ob er es eine Sprache nennen sollte, der das Ungeziefer dort lauschte.
Aber er begriff sie.
Das Zischen berührte einen Teil von ihm. Jenen Teil, der von den Ratten geträumt hatte, der mit dem Kater gesprochen hatte wie mit einem besten Freund – voller Mitgefühl und Vertrautheit. Als wäre Verstand hinter den grünen Augen von Nigel gewesen, der dort nicht hingehört hatte. Ein Verstand, der Dinge begriffen hatte, die hier vor sich gingen, die Julius selbst noch immer ein Rätsel waren. Es berührte jenen Teil von ihm, der nicht menschlich sondern älter war, primitiver.

Dann erhob sich etwas aus dem Sumpf. Etwas anderes als nur Worte.
Es hätte ein Mensch sein können, wenn er nicht so vornüber gebeugt gehen würde, dass sein Kopf fast auf Hüfthöhe sein müsste. Wenn sein Buckel nicht so groß wäre und wenn ihm mehr als nur einige Fetzen am gräulichen Leib haften würden.

Julius sah erstarrt zu, wie sich das unförmige Etwas aus dem Meer von Leibern erhob.
Wie…die Kreatur in klauenförmigen Händen etwas hielt, das wie Nigel aussah. Wie sie es schüttelte, bis ein Knacken grausam die Luft durchschnitt, und wie sie es fort schleuderte.
Während dieses Zischen anhielt.

Sie sprach zu diesem Teil in ihm, der von diesem Ort hier angezogen worden war. Der in den Dreck gezogen war, um dort er selbst zu sein und wie eine Maus dem Leben echter Menschen beiwohnen zu können, an ihren Gefühlen teilhaben zu können, an ihrer Liebe, ihrem Streit.
Es sprach zu dem erbärmlichen Ungeziefer in ihm, das sich in dieses Loch begeben hatte, um die Nase in fremde Angelegenheiten zu stecken.

Alle Augen richteten sich auf ihn. Auf die Ecke, in der er hockte und den Atem anhielt.

Das schlimmste waren die Augen dieser Kreatur. Nicht die Reißzähne oder die Klauen, nicht einmal die vage menschliche Gestalt, sondern die Augen. Denn sie waren ganz anders als das restliche Gesicht, ganz anders als dieses fellige, verzerrte Spottbild, das ihn unter den Lumpen anstarrte.
Sie waren menschlich.

Zähnchen – Teil II: Gefürchtet

Julius lag in seinem Bett. Um ihn her war – trotz der späten Stunde – alles hell erleuchtet. Jede Birne in seinem Zimmer glühte: Die Schreibtischlampe, die Deckenleuchte, die kleine Lampe am Lesesessel, selbst der kleine Fernseher brummte vor sich hin. In ihrem matten, warmen Licht lag er nun in seinem Bett, die Decke bis zum Kinn gezogen und in die Ecke gekauert, die am weitesten von den Wänden entfernt war.
Er wusste, dass gesunder Schlaf so kaum möglich wäre, dass die Helligkeit ihn nur noch mehr Stress aussetzen würde. Er glaubte allerdings nicht, dass die Lage viel schlimmer, er viel erbärmlicher werden könnte, wenn er im Tageslicht schliefe.
Seit Tagen – genau genommen seit dem Vorfall vor einigen Tagen – fürchtete er sich vor seinen eigenen Gedanken, ängstigte sich vor seinem Schlaf. Denn dann kamen die Träume.
Seine eigene Angst davor ließ ihn starr werden. Sein Herz raste, ohne ersichtlichen Grund, und er warf sich herum.
Es war kindisch, durchaus kindisch, den Alpträumen und Nachtmahren entgehen zu wollen, indem er sich dem Schlaf verweigerte. Zu diesem Zeitpunkt aber hatte er bereits drei oder vier Nächte durchgewacht.

Stets war es das gleiche Spiel:
Todmüde schleifte er sich gegen den frühen Abend ins Bett, unerklärlich müde und lethargisch schon seit dem Mittag. Bei laufendem Fernseher, der die gefühlt tausendste Wiederholung einer bekannten Serie zeigte, nur um sich nicht einsam zu fühlen, schlief er ein, ohne es wirklich merken. Weder dass er eingeschlafen war, noch dass er geschlafen hatte, machte sich irgendwie bemerkbar. Nicht einmal, dass er aufgewacht war. Vielmehr war es, als säße er noch immer dort und sähe dem ununterbrochenen Rauschen zu in einer endlosen Reihenfolge monotoner Augenblicke.
Nach einigen Minuten bemerkte er dann, dass die Schatten der Abendsonne ein Stück weiter sein Zimmer entlang gekrochen waren.
Das wiederholte sich und wiederholte sich, oft für zwei oder drei Stunden, bis die Sonne endgültig untergegangen. Bis das Haus für einige Minuten still geworden war.
Dann erst sackte er in einen tiefen, bleiernen Schlaf. Rasch sank er, schlaff und müde, in die Dunkelheit. Hierbei war ihm, als schrecke er wieder und wieder auf. Anders als zuvor war ihm dann sehr deutlich, dass er aus dem Schlaf gerissen wurde. Der kalte Schweiß auf seiner Haut, die Schwere in seinen Armen und Beinen – all das sagte ihm, dass er aus irgendeinem schlechten, schwachen Schlaf erwacht war.

Was ihn zuvor am Einschlafen gehindert hatte, verfolgte ihn nun bis in seine Träume. All jene Geräusche, die ihn zuvor aus dem leichten Schlaf gerissen hatten – das verhasste Knacken der Rohre, die scheinbar geflüsterten Ängste der Nachbarn, das verfluchte Rascheln in den Wänden und die ausgelassenen Freuden des Fräuleins nebenan.
Das verfolgte ihn. In seinen erschöpften, unruhigen Träumen quälte es ihn weiter. Er bildete sich ein, dass das Rascheln in den Rohren von den Ratten käme. Die Ratten, großer Gott, die Ratten in den Wänden!
Die alten Kupferrohre, die dick wie seine Faust durch die Wände und Decken strebten, die jeden Quadratmeter durchzogen auf die ein oder andere Weise, die bebten und knackten. Wo sein wacher Verstand – wie müde und erschöpft er auch war – Erklärungen für diese Geräusche fand, sich in Erinnerung rief, dass das Haus alt, die Wände dünn und hohl und ausgezeichnete Schallkörper waren, dass sie wohl auch undicht und das Haus selbst auf eine gewisse Weise lebendig waren und jedes noch so kleine Geräusch verstärkte – seine Träume spannen daraus eine von tausend Phantastereien.
Eine tollkühner als die Andere. Das Tröpfeln der Leitungen wurde ihm zum Tapsen kleiner, winziger Pfoten auf den Rohren, vorsichtig, vorsichtig, schoben sie sich durch die Wände und kleine, knotige Schwänze schlugen gegen die Rohre und brachten sie zum Singen und Brummen, dass das ganze Haus davon erbebte.

Am fünften Tag seines schlaflosen Leidens hatte er genug. Die Vermietung hatte gelobt, etwas gegen die Ratten zu unternehmen, die sich dreister und immer dreister am helllichten Tag durch das Haus wagten. Angelockt von den Abfällen der Nachbarn, dem süßen Geruch verderbenden Fleisches, das in den Müllsäcken auf dem Flur lagerte.
Er beschloss, eine Katze zu kaufen.

Sie war pechschwarz von Kopf bis Fuß, bis auf einen kleinen, weißen Flecken auf der Stirn. Als er im Heim nach einem geeigneten Tier gesucht hatte, war sie ihm sofort als die richtige ins Auge gesprungen.
Sie…das hieß er, wie man Julius glaubhaft versicherte, besaß einen tiefsinnigen, intelligenten Blick, der für Tiere ein Tabu hätte sein sollen. Während alle anderen Tiere sich ganz so benommen hatten, wie er es von Katzen erwartete, hatte er stumm auf einem erhöhten Platz gesessen und ihn beobachtet.
Die Augen allein…diese grünen, wundervoll tiefen Augen hatten ihn davon überzeugt: Dieses Tier und kein anderes.

Nigel, wie er den sieben Jahre alten Kater taufte, erwies sich schnell als ein seltsamer Kater. Er schien sich äußerst unwohl in der Wohnung zu fühlen, was an sich noch kein großes Wunder war. Julius hatte gelesen, dass Katzen territoriale Tiere waren und solche Ortswechsel kaum vertrugen. Das Heim hatte ihn daher auch mit einigen Lockmitteln ausgestattet, die er dem Tier bei besonders lobenswertem Verhalten geben und ihn rasch an seine neue Umgebung gewöhnen sollte.
Auch wenn sie nicht sofort anschlugen.

Aus dem Käfig, in dem Julius ihn durch die Stadt transportiert hatte, wagte er sich überhaupt erst hinaus, als Julius aus dem Zimmer ging und drohte, den Kater alleine zurück zu lassen. Dann erst huschte Nigel, wie von einer Panik gestochen, hinaus und heftete sich seinem neuen Freund und Besitzer an die Fersen.

Ganz allgemein schien er Julius in demselben Maße anzuhängen, in dem er die Wohnung verabscheute. Seltsam wie es war, wich er ihm kaum von der Seite. Er blieb den gesamten Nachmittag eng an Julius geschmiegt, saß auf seinem Schoß, während er schrieb, und ließ sich nicht erweichen, ihn für einen Einkauf zu verlassen.

Nur einmal schreckte er Julius auf und ließ ihn sich wundern, ob er über der Arbeit eingeschlafen war, ob die Ruhe und Gelassenheit der letzten Stunden mit der Katze auf seinem Schoß nur ein Traum gewesen waren.
Wie ein schwarzer Blitz war Nigel aufgesprungen und in die Ecke des Zimmers gejagt. Er machte einen Buckel, hieb in das Nichts. Er sprang gegen die Wände, schlug seine Klauen in die Tapete und scharrte wie ein Hund an der Fußleiste, raste wie irre über das Regal und jagte etwas, das nur er sah.
Die Ratten, möglicherweise, deren Löcher irgendwo dort sein mussten. Die durch irgendwelche geheimen Winkel in seine Wohnung eindrangen und deren Geruch und Geräusche die Katze nun irre machten.

Aber er fing nichts und kam ohne Beute zurück zu Julius zurück, der ihm mit gerunzelter Stirn und schweren Augen zugesehen hatte.

In jener Nacht, als er Nigel aus dem Heim geholt hatte, schlief Julius so ruhig und friedlich, wie noch nie.
Mit der Katze zu seinen Füßen, die dort thronte und in die Dunkelheit starrte – fast als hielte sie Wache über ihn und seinen nervösen Geist – fielen alle Sorgen von ihm ab. Es war ihm erlaubt, in einen tiefen und heilsamen Schlaf zu sinken, die Wachsamkeit fahren zu lassen und sich ganz dem süßen Vergessen anheim zu geben, nachdem er sich seit Tagen sehnte.

Einmal war ihm zwar, als wache er auf. Einmal meinte er, Nigel fauchen und aufspringen zu fühlen. Halb nur und Schlaf trunken, noch kaum bei Bewusstsein, spürte er wie das Gewicht auf seinen Beinen verschwand. Wie der Kater sich aufrichtete, die Ohren gespitzt auf irgendetwas in der Dunkelheit.
Ein Schaben vielleicht, ein kleines, erbärmliches Kratzen auf dem Parkett. Nicht wirklich ein Lärm, mehr eine Andeutung, eine düstere Ahnung oder Befürchtung, dass die Alpträume der letzten Tage sich in die Wirklichkeit gestohlen hatten.
Dann ein Poltern und Fauchen – das letzte Geräusch, für diese Nacht – das Julius endgültig aus dem Schlaf riss.

Mit klopfendem Herzen starrte er in die Finsternis. Aber selbst im dünnen Streulicht der Straßenlaternen vor seinem Fenster erkannte er weniger als Nigel jenseits der Dunkelheit sehen musste.
Das Geräusch wiederholte sich nicht. Der Kater kehrte zwar nicht auf das Bett zurück, aber Julius sank dennoch beruhigt auf sein Kissen zurück.
„Eine Ratte¨, dachte er und lächelte in sich hinein. ¨Die Geräusche werden ihn geweckt haben und nun jagt er sie, so wie ich es wollte.¨
In dieser Nacht kamen keine Träume mehr.

Sechs. Sechs tote Ratten lagen vor Julius, aufgebahrt und säuberlich nebeneinander aufgereiht, wie Fische auf dem Markt. Dahinter Nigel, stolz den Hals gereckt wie eine alte Gottheit. Seine grünen Augen lagen funkelnd auf Julius und beobachteten, wie er die Präsentation der Beute aufnahm.

Einen Augenblick ratlos starrte er die toten Nager an. Dann, langsam und bedächtig, schwang er sich aus dem Bett, bemüht nicht auf die Kadaver davor zu treten, und ging zu seinem Schreibtisch herüber. Er holte eine kleine, blecherne Dose heraus und – unter vielem Lob – reichte er dem tapferen Kater zwei jener Belohnungen, die ihm das Heim mitgegeben hatte.
Das hier war durchaus ein Verhalten, das er bei Nigel stärken wollte.

Dann erst wandte er sich – unter den wachsamen Augen des Katers – den toten Nagetieren zu.
Die Tiere waren fett über Gebühr, wohl gemästet von dem ganzen Elend und Schmutz der Gegend.
Abscheuliche Kreaturen mit ihrem lückenreichen Fell, unter dem das rohe Fleisch glänzte, denen das Blut noch aus dem Maul lief und von denen ein erbärmlicher Gestank ausging. Nach Nässe und Muff und Moder. Nigel hatte sie wohl im Genick gepackt und geschüttelt, bis alles in ihnen geplatzt war.

So oder so ähnlich spielte es sich an jedem folgenden Morgen ab.
Julius, der die Nacht bis auf eine kleine Unterbrechung gegen Mitternacht ruhig durchgeschlafen hatte, erwachte und fand Nigel vor seinem Bett.Stolz präsentierte der Kater den nächtlichen Fang, für den Julius ihn erst belohnte und dann mit Kneifzange und Müllschaufel entfernte.

Es war ein stolzer Fang, jedes Mal. Selbst wenn es mit den Tagen weniger Tiere wurden, die Nigel erlegte. Bis schließlich die erste Nacht kam, in der Nigel vergeblich durch die Wohnung huschte. Nichts fing er in dieser Nacht. Nach einigen Minuten fühlte Julius das warme Gewicht der Katze wieder auf seinen Beinen und schlief umso beruhigter ein, sicher in der Gewissheit, dass Nigel seine Pflicht erfüllte.
Am nächsten Morgen belohnte er den Kater trotzdem.

Je mehr Ratten der Kater erlegte, desto selbstsicherer wurde er. Zwar blieb er noch immer in Julius‘, schien ihn keinen Augenblick lang aus den Augen zu lassen. Aber er wurde ruhiger dabei, zischte und fauchte nicht länger die Luft an sondern beobachtete stumm und lauerte. Julius fand, dass er sich doch ganz ausgezeichnet an die neue Umgebung gewöhnte. Und dass Nigel die Wohnung umso mehr zu der seinen machte, je mehr er sie von Ungeziefer säuberte.

Auch Julius selbst gewöhnte sich langsam an die Katze und beglückwünschte sich insgeheim zu diesem Einfall. Seit Nigel die Wohnung sauber hielt von dem Getier und über seinen Schlaf wachte, schlief Julius nicht nur wieder, auch die Alpträume und mit ihnen der Stress verschwanden.
Er bekam sogar ein wenig Farbe zurück. Die Augenringe zogen sich zurück, die Wangen verloren ein Stück weit ihre Bleiche und in seine stumpfen Augen kehrte ein wenig die Lebenslust zurück.
Fast fühlte er sich wieder wie ein Mensch. Fast.

Denn unbestreitbar war auch, dass er sich der Katze immer mehr annäherte und glaubte, ohne sie kaum leben zu können.
Er war zuvor schon nicht viel ausgegangen. Julius war immer schon überaus zufrieden damit gewesen, stumm zu beobachten und seiner Kunst im stillen Kämmerlein nachzugehen. Auch deswegen hatte er diese Wohnung gewählt – um sich in der Umgebung zu suhlen, im Dreck und Lärm dieser Mietskaserne, von den Erfahrungen und Gefühlen der Menschen um ihn herum zu zehren, ohne seinen Komfort zu verlassen.

Seit einigen Tagen aber bemerkte er, wie diese Angewohnheit stärker und umfassender wurde. Dass er für Tage kein Wort mit einem Menschen wechselte, höchstens mit Nigel oder sich selbst sprach, während er über Manuskripten brütete. Dass er selbst den Einkauf nur höchst unwillig machte und Ausreden erfand, bloß um so wenig wie möglich das Haus verlassen zu müssen. Dass er sich sein Essen fast nur noch fertig liefern ließ.
Selbst der Weg zu den Mülltonnen, den er doch alle paar Tage gehen musste, war weit.
Denn dazu müsste er Nigel alleine lassen. Und dieser Gedanke ängstigte ihn über alle Maße.
Er wusste nicht einmal sicher, was genau er daran so fürchtete. Die Menschen draußen waren ihm nicht feindlich gesonnen, wenn auch gleichgültig, und die Sonne war warm und hell.

Vielleicht war es wegen dieser Ahnung, die ihn fast noch mehr ängstigte in manchen Nächten als die Alpträume, die Julius veranlasst hatte, Nigel zu sich zu holen.
Ein dräuendes Gefühl, das über seinem Kopf schwebte wie die bleierne Müdigkeit, die er in den letzten Tagen mühsam von sich geworfen hatte. Das ihn in jedem Moment überkam, wenn er sich von seinen Manuskripten oder dem Kater abwandte. Wenn er Zeit hatte, sich mit sich selbst zu beschäftigen und was in ihm vorging. Dann kam sie.
Diese Ahnung, dass die Katze alles war, was ihn von seinen Alpträumen fern hielt.

Nach Tagen aber, die er von nichts anderem als Lieferservice gelebt hatte, musste er doch einmal hinaus. Alles, was er zum Leben brauchte war aufgebraucht – das Katzenfutter ging zur Neige, Haushaltsmittel waren aufgebraucht und selbst die letzten Konserven waren geplündert. Nichts war mehr in seiner Wohnung, das sich zum Leben geeignet hätte.

Also quälte Julius sich gegen Mittag mit knurrendem Magen hinaus. Er kaufte große Mengen, genug für zwei Wochen oder mehr. Nicht in der Absicht, sich weiterhin in seiner Wohnung zu verschanzen. Natürlich nicht. Vielmehr wollte er seine Vorräte auffüllen und all das ersetzen, was er in den letzten acht Tagen vollständig verbraucht hatte. Selbstverständlich fand er diesen Gedanken absurd, als er in der klaren Mittagssonne über die gefüllten Straßen ging, den schweren Rucksack auf dem Rücken.
Die Wahrheit aber war: Er fürchtete sich ohne den Kater.

Als Julius schließlich nach Hause kam, stellte er sich diesem Gedanken.

Über dem gesamten Haus hing ein Geruch, wie…ein nur schwer zu beschreibender Geruch. Es war nicht direkt der Gestank, der im Hausflur lagernden Müllsäcke. Der schwamm erst über ihn, als er die Tür öffnete und den Flur betrat.
Es war auch nicht der leicht faulig-modrige Geruch, den er vor Nigel mit dem Flur in Verbindung gebracht hatte. Der Geruch, der wohl auch die Ratten angelockt hatte und auf wundersame Weise mit dem Eintreffen des Katers verschwunden war.
Was genau es war, verstand Julius erst wirklich, als er den Flur entlang schlich und die alten, gewohnten Gerüche ihn wieder in die Erinnerungen der vorletzten Woche zogen. Als er sie das erste Mal seit einigen Tagen wieder roch, da er sich weder aus der Festung traute, die er sich geschaffen hatte.

Da erst fiel ihm auf, was fehlte. Denn das war es: Nicht die Anwesenheit eines neuen Geruchs, den er nicht einzuordnen vermochte, sondern die Abwesenheit eines kaum bemerkten Duftes verstörte ihn. Der Geruch, der seinem Bett hätte anhaften müssen und dem Schreibtisch. Der ihn in den letzten Tagen stets und ständig begleitete hatte und immer umgeben hatte. Der Geruch, der nur in seiner Wohnung war und nicht dort draußen in der Welt, vor der Julius sich so versteckt hatte, fehlte.
Nigels Geruch fehlte.

Zähnchen – Teil I: Gebissen

Die kleine Sophie in der Wohnung nebenan schrie wie gequält. Das dritte oder vierte Mal diese Nacht, scheinbar ohne Grund. Sie plärrte einfach, sog Luft in ihre kleinen Lungen und stieß sie so lange wieder aus, bis ihr die Kraft ausging. Zwecklos riss sie das Maul auf und verlangte etwas, was sie selbst nicht genau kannte.
Sie schrie einfach.
Etwas wie bei einer Diebstahlsicherung im Auto. Ein impotenter, mechanischer Lärm, der auf und wieder abschwoll, ohne etwas zu erreichen. Der nicht einmal auf eine konkrete Ursache hinwies, nur auf ein ganz allgemeines Symptom. Ein Unwohlsein vielleicht, das sich unmerklich tief eingegraben hatte, das nur als ‚dieses Gefühl‘ beschrieben werden konnte.

So in etwa ging es Julius Nagel, dessen Bett auf der anderen Seite der Wand von Klein-Sophies Kinderzimmer lag. Er lag wach ohne noch den Grund zu wissen. Sophies Geschrei war nicht der Auslöser gewesen, obwohl es ihn ganz sicher am Einschlafen hinderte.
Ein Gefühl von Anspannung hatte ihn vor einiger Zeit schon überfallen – vielleicht ganz ähnlich wie auch die kleine Sophie – und aus dem Schlaf gerissen. Seitdem lag er wach und starrte an die Decke.

An sich war das nicht weiter ungewöhnlich.
Er schlief schlecht in jener Zeit und war es gewohnt, sich einige Stunden herum zu wälzen. Ein recht bedauerlicher Zustand, der sich heute aber noch weniger als damals beheben ließ. Nicht so sehr, weil etwa Alpträume oder Stress ihn damals schon geplagt hätten. Julius konnte sich nicht einmal daran erinnern, je geträumt zu haben vor diesen Tagen. Auch sein übriges Leben verlief ruhig, fast belanglos.

Eine kleine Erbschaft und was man ihm an Waisenrente zusteckte reichte aus, um recht sorglos in einer kleinen Wohnung am Stadtrand zu leben. Es war kein Palast, sicher nicht. Dreckig und klein, so wie das ganze Haus, ein Relikt älterer Zeiten, und versteckt im dritten Hinterhof einer wuchernden Mietskaserne.
Aber er war jung, er war frei und seine Ansprüche nicht hoch. Was er wollte, konnte er sich durchaus leisten, wenn er einmal eines seiner Stücke verkaufte. Tatsächlich wollte er kaum mehr als so zu leben: Diese Freiheit genießen und jugendliche Gespenster von Kunst und Unabhängigkeit jagen.
Der Grund für seine … Nervosität, lag also nicht in irgendeinem schwächlichen oder angespannten Zustand, in dem seine Nerven sich befunden hätten. Auch, wenn er nur allzu gerne daran geglaubt hätte.

Julius rollte auf die Seite, langte nach dem Wecker. In der Dunkelheit glommen die blauen Ziffern ominös und leicht verschwommen. Näher und immer näher hielt er sie sich vor das Gesicht, bis seine kurzsichtigen Augen die Uhrzeit entziffern konnten. 4:30. Mit einem Seufzen ließ er den Wecker fallen. Jetzt konnte er genau so gut auch aufstehen.

Der Boden knurrte unter seinen nackten Schritten, die ihn in die Küche trugen. Parkett, altes Holz auf noch älteren Balken, das zwar hübsch war, aber an jeder Stelle einen anderen Ton von sich gab. Einige der Dielen bogen sich durch, waren an den Rändern aber so sehr abgeschliffen, dass sich eigentlich nur eine unebene Stelle gebildet hatte.
Keiner der letzten hundert Mieter hatte das Holz irgendwie gepflegt, das über die Jahre dunkel geworden war und glatt von hunderten Füßen.

In der Küche, rund um den Gasherd, hatte man den Boden irgendwann ersetzt. Das Holz war dort um einiges Heller, außerdem aus schlichten, geraden Bohlen gefertigt, die wie ein Dorn ins Auge stachen, während der Rest der Wohnung mit ineinander greifenden Fischgrätenmustern ausgelegt war.

Julius warf die Kaffeemaschine an. Während der Kaffee durch die Maschine kochte, fuhr er den Herd auf. Einen Moment später strömte der Geruch von Speck, Eiern und Toast durch die kleine Küche. Seine müden Augen öffneten sich ein Stück weit, als könne er den Geruch sehen.
Unter dem Fenster, das zur Straße hinaus ging, begann langsam der erste Lärm der Frühschichten. Autos wurden beladen. Die letzten Säufer aus der Kneipe unten im Haus geworfen, die zur Sperrstunde auch die Stammgäste nach Hause schickte.

Wer einmal in einem alten Gebäude gewohnt hat – nicht in diesen Ungeheuern aus Glas und Beton, wie sie in den letzten Jahren immer öfter aus dem Boden sprießen, sondern in einem ehrwürdigen Haus. Eines, das mit Holz und Stein errichtet wurde, das lebt und atmet und einen eigenen Charakter besitzt.
Wer einmal darin gewohnt hat, der weiß: Man ist nie wirklich allein.

Selbst in seiner einsamen Garconniere ist man als einziger Bewohner doch immer umgeben von einer Vielzahl Geräusche und anderen Kreaturen. Die knarrenden Dielen, die sich über Jahre streckenden und biegenden Wände, sodass sie am Ende krumm und schief die Decke näher an den Boden ziehen, der durch Ritzen im Mauerwerk heulende Wind, die dünnen Wände und darin die bisweilen singenden Rohre.
All das ist geneigt, die Einbildung eines Spuks oder von Gesellschaft zu erzeugen.

Julius lebte noch dazu in der Großstadt, direkt unter dem Dach einer alten Mietskaserne. Das Leben dort war gewöhnlich eng, laut und dreckig. Gleichwohl Mauern die fast fünfzig Wohnungen seines Wohnflügels voneinander trennten, hatten sie doch wie unausweichlich alle Anteil am Leben aller Anderen.
Es ließ sich nicht vermeiden, den Ehestreit der Nachbarn den Gang entlang zu belauschen, wenn die Wände aus kaum mehr als alten Rohren, Staub und Tapete bestanden und die verzogenen Türen dicke Spalten zwischen den . Genauso wenig, wie ihrer hitzigen Versöhnung auszuweichen war.
Es ließ sich nicht vermeiden, jeden einzelnen Besucher des Fräuleins eine Tür weiter ebenso intim wie sie kennenzulernen. Nicht bei dem quietschenden Metallgestell von Bett, das überaus nahe an der Wand stand.

Nun, diese Geräusche waren normal. Man gewöhnte sich gewissermaßen rasch daran, lernte das Treiben sogar schätzen. Für Julius war es sogar ein großer Anreiz gewesen, um ehrlich zu sein. Damals fand er die Nähe zu all diesen Leuten seiner Kunst sehr zuträglich, da er selbst nicht viele Bekanntschaften besaß. Er hatte keine große Freude an sozialem Umgang und war immer schon ein Einzelgänger gewesen. Ein einsamer Wolf, wie er gerne dachte, ohne sich der Ironie der Sache bewusst zu sein.
Allein zu leben, aber am Rand eines lebendigen Treibens von Menschen, die er beobachten und an denen er aus der Ferne Anteil nehmen konnte, genügte ihm völlig.

In jener Nacht war es anders gewesen. Es war nicht der Lärm der kleinen Sophie, die gerade ihre Zähne bekam und oft in den Nächten weinte und schrie; nicht der rhythmische Lärm des Fräuleins nebenan, der ihn wach hielt.
Tatsächlich hatte er sich bereits einige Stunden unruhig herum gewälzt, hatte auch rat- und schlaflos Ablenkung in seinen Büchern gesucht, ehe das Kind überhaupt das Mäulchen öffnete, um Herz erweichend zu schreien.

Irgendetwas anderes war dort, das ihm den Schlaf raubte. Ein Rascheln oder Rauschen in der Nacht, schien es mir. Wann immer er einzuschlafen gedachte, kurz bevor ihm die Lider zu fielen oder schon zugefallen waren, nur Momente, bevor sein Verstand in die weit entfernten Gegenden des Traumlandes flüchtete – immer in jenem dämmrigen Zwischenzustand schlichen ihm diese Geräusche in die Ohren.
Sie ließen ihn auch jetzt noch nicht los. ‚Dieses Gefühl‘ hielt sich hartnäckig, noch im orangenen Dunst der Kochnische und über dem Duft des Kaffees fühlte er diese Unruhe.
Als bewege sich etwas in der Dunkelheit, dort am Rande seines Gesichtsfeldes, jenseits des kleinen Leuchtkreises, den die Straßenlaternen in sein Zimmerchen warfen.
Ein kleines, fast unschuldiges Geräusch, das einzuordnen ihm nicht recht gelang; das ihn aber fesselte.
Je länger er wach lag, je öfter es ihn aus dem Dämmerzustand riss, desto mehr dachte er darüber nach.
Er wünsche, er hätte es ignoriert.

Julius aß und achtete auf die Geräusche. Ihretwegen war er hierher gezogen, auch wenn sie ihn manchmal wach hielten. Sie verwandelten die dreckige Bude in ein Zuhause, einen eigenen Ort mit Charakter und Leben. Trotz seiner Einsamkeit als seltsamer, etwas verquerer Künstler ließen sie ihn Anteil haben an den Bewegungen der Gesellschaft um ihn her.

Er selbst war behütet aufgewachsen, in einem Einfamilienhaus vor der Stadt. Eine furchtbar miefige Angelegenheit, der er bei der ersten Gelegenheit hierhin entflohen war. Perfekt war die Flucht auch nicht gelaufen, natürlich. Aber sie hatte ihn in seine eigene Wohnung geführt, seine eigenen vier Wände, in denen er der Herr war. Es sah genau so unordentlich und dreckig aus, wie er es wollte.
Er mochte die alte, ausgebleichte Fassade aus der Vorkriegszeit, die enge Wendeltreppe im Treppenhaus, die hohen Türen von denen die Farbe abblätterte. Er mochte sogar die Sprachverwirrung und die dünnen Wände – wie nervig es auch war, ständig das polnische oder nigerianische Geplapper mit anzuhören, das er nicht verstand.
Was er aber verstand, das bereicherte ihn.

So fühlte er sich nicht allein. So fühlte er sich als Teil einer Gemeinschaft, in der es kaum Anonymität gab. Er roch, was Frau Nachbarin abends kochte; hörte, wenn ihr Mann fremd ging – Sie tat es aber auch. Julius hörte wenn das Fräulein einen anstrengenden Tag auf der Arbeit hatte und den Stress und die Sorge mit Wein und Rockmusik vertrieb.
Ihn zumindest befriedigte das, auf eine Art und Weise, die wenig sexuelles hatte. Vielmehr befriedigte es seinen Drang nach Sozialleben, das er nicht selbst führen, sondern nur beobachten wollte.
Zudem war der Preis unschlagbar. Er brauchte kaum zu arbeiten, um sich sein Leben hier zu leisten, und konnte all seine Zeit für seine Leidenschaft aufwenden.

Julius beendete sein Frühstück, spülte den Kaffee hinunter, ehe er kalt werden konnte, und begann mechanisch, das Geschirr fort zu räumen und zu spülen. Seine Gedanken waren nicht bei der Sache, aber das waren sie beim Haushalt nie.
Er benutzte diese Momente gern, um sich seine heutigen Aufgaben in Erinnerung zu rufen. Da er keinem geregelten Tagesablauf folgen musste, da er – wenn ihn kein Geschrei weckte – vollständig Herr über seine eigene Zeit war, verwandte er einen guten Teil seines Tages darauf, herauszufinden, wonach ihm heute der Sinn stand.
Ein Bild wollte er heute beenden, das ihn die Nacht über angestarrt hatte, und sich des vorwurfsvollen Gesichtes entledigen, das von der Leinwand blickte. Er hatte bereits eine Szene im Kopf, das Gefühl, das er hinein legen wollte und…

Ein Quieken unterbrach ihn.
Eine Ratte starrte ihn von der Spüle aus an. Sie war groß noch dazu, widerlich groß. Die Gerüche mussten sie angelockt haben, das frische Futter, das Fett.
Das Tier ekelte ihn zwar an, es musste Keime und Krankheiten mit sich herum tragen. Aber auch nicht mehr, als der im Innenhof herum liegende Müll oder der Gestank des ganzen Hauses. Kein Grund, sich zu fürchten. Er wollte es nicht töten, aber er wollte es loswerden. Dass es sich nicht vertreiben ließ mit einigem Scheuchen und Gedrohe, irritierte ihn mehr als das Tier selbst.

Julius griff nach der noch mit Resten von Ei und Speck bedeckten Pfanne. Zimperlich war er noch nie gewesen, es gab keinen Grund das jetzt zu ändern.
Er schwang die Pfanne, hieb nach der Ratte. Die huschte zur Seite, sprang behände auf seine Hand, seinen Arm, war rasch in seinem Hemd, seinem Nacken, irgendwo. Er kreischte auf, taumelte nach hinten, versuchte die Ratte zu packen, von sich zu schleudern.

Erneut schrie er auf. Ein scharfer Schmerz an seinem Nacken, wie ein Stechen oder ein Biss vielleicht von winzigen Zähnen oder die Einbildung, das widerwärtige Ding auf seiner Haut zu wissen, die Pfoten zu spüren und den Schwanz unter seinem Hemd.
Julius prallte gegen den Esstisch, fiel auf den Boden..

Das Nagetier ließ von ihm ab. War mit wenigen Sätze in Richtung der Tür gehastet.
Für einen Augenblick schien es, als starrte das Tier ihn an, verspottete ihn. Es saß dort, außerhalb seiner unmittelbaren Reichweite.
Julius wurde zornig. Er fasste zur Seite, tastete nach dem Griff der Pfanne, die er in seiner Panik hatte fallen lassen, ohne den Blick vom Tier zu nehmen.
Rasch hieb er danach, das Tier blieb an Ort und Stelle, zehn Zentimeter von der Pfanne entfernt. Es stellte sich auf die Hinterpfoten, wie um ihn zu verhöhnen, und putzte sich das blutige Maul.

Er hechtete nach vorne, hieb ein weiteres Mal nach dem Tier, war sicher es dieses Mal zu treffen…aber es hastete davon. Leise, leise, auf seinen flinken Pfoten sprang es durch das Vorzimmer. Julius kam notdürftig auf alle Viere, strauchelte ihm hinterher.

Er kam im Bad zum stehen, gebeugt über den Spülkasten, die eiserne Pfanne noch in der Hand.
Eben noch war es hier gewesen. Eben noch hatte er es vor der Nase gehabt, hatte das widerliche Ding fliehen sehen. Jetzt war es weg. Fort, als wäre es nie dagewesen, und es gab keinen Beweis, dass es das Tier je gegeben hätte.
Keinen außer dem Stechen in Julius‘ Nacken und dem Blut an seinen Fingern, als er danach fasste.