Zähnchen – Teil III: Gefressen

Die Katze war nirgends aufzutreiben.
Erst dachte Julius, der Kater hätte sich frustriert von den beutelosen Nächten im Flur oder in der Küche auf die Lauer gelegt. Vielleicht, um das Ungeziefer mit seiner Abwesenheit in Sicherheit zu wiegen und hervor zu locken oder mit einem Wechsel seiner Gewohnheiten zu verwirren und so doch noch siegreich zu jagen.
Dann hielt er es für möglich, dass das Tier eingeschnappt sei. Dass es sich – gekränkt von Julius‘ kurzer Abwesenheit – versteckt hatte vor ihm und ihn nun in Panik das Zimmer durchsuchen ließ.
Aber weder in der Küche auf einem der Schränke oder dem Fensterbrett, noch auf dem Vorsprung über der Tür im Flur oder dem Regal war Nigel aufzufinden. Nicht einmal unter dem Bett war auch nur eine Spur von ihm.

Obwohl Julius sicher war, ihn in der Nacht aufspringen und durch die Wohnung jagen gehört zu haben. Ganz so, als hätte der Kater in dieser Nacht erneut vom Jagdfieber gepackt und als hätte er versucht, einige Ratten mehr zu erlegen. Aber wie in den letzten Tagen schon hatten keine Opfer da gelegen, als Julius aufgestanden war.
Nigel war noch da gewesen, kurz bevor Julius zum Einkauf gegangen war. Er wusste es ganz genau, schließlich hatte er das Tier fast gewaltsam von seinem Bein nehmen und ihm ernst und eindringlich versichern müssen, dass er in kaum dreißig Minuten zurück wäre.

Aber Nigel blieb verschwunden. Selbst die Katzenminze, die ihn sonst immer für seine Tapferkeit belohnte, lockte das Tier nicht hervor.
Dann erst, als er seine Jacke und das Portemonnaie ablegte, fiel Julius auf, dass er seinen Schlüssel noch immer in der Tasche hatte. Für gewöhnlich war es aber eine Bewegung für, die Tür von außen aufzuschließen und von innen wieder zu verschließen. Das Schloss funktionierte nämlich nicht richtig und es musste von innen mit dem Schlüssel abgeschlossen werden – sonst stand die Tür immer einen Spalt breit offen.
Julius stutzte und stellte fest, dass die Tür nur angelehnt, nicht aber fest verschlossen war. Schloss und Tür waren vollständig intakt, nicht einmal zerkratzt oder Auch in der Wohnung fehlte nichts, alles war an seinem Platz. Jedenfalls war bei der Suche nach Nigel nichts aufgefallen.
Dennoch hatte er die Tür nicht aufschließen müssen, um in die Wohnung zu gelangen.

Hatte er vergessen, abzuschließen?
Besorgt drehte er um und ging hinaus in den Flur.
Es schien wie immer. Die Wände waren leicht verschmutzt, die Nachbarn hatten ihren Müll vor die Tür gestellt. Ein schwarzer Sack voller Unrat, der einen vagen, erdrückend süßen Duft verströmte. Wie faulendes Obst.
Ein gewisser Verfall strömte durch den schmalen Gang, der sich von der Treppe aus in zwei Halbbögen um den schmalen Innenhof erstreckte. „Lichthof“ nannte man den kümmerlichen Schacht, der für trübes Tageslicht im Flur sorgte. Tageslicht, das mit jeder Minute schwächer wurde, die die Sonne sich weiter von ihrem Zenit entfernte.

Julius ging zu den Fenstern, die den Wohnungstüren gegenüber lagen, und blickte hinunter. Als erwarte er, den Kater im Innenhof sehen zu können, wie er auf einer der Mülltonnen saß und in den Himmel starrte.
Aber nichts. Dort unten war nur der länger werdende Schatten, den das Haus auf sich selbst warf.

Dann sah er es.
Das kleine Knäuel Fell, das sich zwischen den Dielen zu seinen Füßen verfangen hatte. Gräulich Braun und kränklich dünn. Wie von den Ratten. Wie von den Ratten, die sich durch das ganze Haus zogen und hier überall ihre Spuren hinterließen.
Er folgte ihnen. Folgte den dünnen Fellknäueln, den Spuren von…von Blut und Klauen und sogar den Brocken von Fleisch, die sich den Flur über verteilt hatten.

Die Wendeltreppe, die von seiner Wohnung aus noch zwei Etagen nach oben führte, verengte sich nach unten hin, bis im Keller kaum ein Mann allein Platz darauf hatte. Alles hier war schmal, düster und schnürte ihm die Luft ab. Nicht nur des Rattenkots und der Ungepflegtheit wegen, der er folgte.

Dabei war es nicht einmal besonders staubig oder stickig hier unten. Feucht ein bisschen, ja. Die ganze Luft war dick und feucht. Es roch nach einer Mischung aus Schimmel – kratzig, ganz tief hinten im Hals – und fauligem Wasser, das vorn in der Nase kitzelte.
Vor Julius erstreckte sich das Netz der Gänge in die Dunkelheit.

Es war mindestens so alt, wie das Gebäude selbst. Womöglich älter. Die Kellerabteile, in denen Julius sich nie viel herum getrieben hatte, weil er nichts besaß, das er hier unten hätte verstauen können, waren wohl einst als Bunker gegen Artilleriefeuer angelegt worden. Sie gruben sich mehrere Meter unter die Erde, tief ins Fundament der Stadt. Die Wände waren alt, aus unverputztem Ziegelstein und dick mit Schmutz überzogen, der eine unbestimmbare Farbe irgendwo zwischen grau und braun angenommen hatte.

Julius stand davor, noch im Pullover. In seiner Hand drückte sich der Schlüssel schmerzhaft in sein Fleisch, stach ihm in die Handballen.
Er wusste, dass der Kater irgendwo da drinnen war.
Er wusste es nicht wegen der Spur von gejagten und zerlegten Ratten, der er gefolgt war. Sondern wegen dieses Gefühls in seiner Brust. Dieses enge, ziehende Gefühl, das ihn jetzt auf dieser Schwelle überkam, das ihn dort hinein zog und von ihm verlangte, in die Dunkelheit zu steigen.

Einen Augenblick lang zögerte er, schloss die Augen. Er umklammerte die Taschenlampe, die er in der Tasche trug und biss die Zähne aufeinander.
Es ekelte ihn, so viel musste er sich eingestehen. Nicht nur vor dem Keller, vor der Dunkelheit. Sondern weil er sicher war, dass sich dort drinnen das Nest der Ratten befand. Oder jedenfalls eines der Nester musste sich dort unten befinden.
Das war vielleicht auch der Grund gewesen, warum Nigel sich dorthin begeben hatte: Um nach Tagen des Hungerns erneut eines dieser Viecher zu erlegen oder auch Dutzende und zwar dort, wo er am meisten davon finden würde: In ihrem Nest.

Julius schüttelte sich. Nein, es war nicht nur Ekel.
Es war Angst. Eine greifbar gewordene Angst, die ihn daran hinderte, über die Schwelle zu treten. Seine eigene Angst vielleicht oder die aller Bewohner des Hauses, die die Wände herab tropfte und sich im Keller sammelte.
Er hatte nicht verstanden, warum der Vermieter und auch niemand sonst etwas gegen die Biester unternahm, die das ganze Haus für sich beansprucht hatten. Warum niemand mit ein paar Fallen, mit Gift und Feuer sich der Plage annahm. Jetzt verstand er.
Man müsste dazu in den Keller gehen.

Ihm war, als könnte er den Kater hören, irgendwo da unten. Ein erbärmliches Geräusch, als hätte er sich verlaufen oder stecke er irgendwo fest.
Langsam zog Julius die Lampe hervor, schaltete sie an. Tief atmete er ein, dann wieder aus. Er zog sich den Pullover über die Nase – und überwand sich.
Wenigstens einen kurzen Blick schuldete er dem Tier.

Einige Teile des Kellers waren sicherlich älter als die zu Bunkern umfunktionierten Keller, wahrscheinlich älter als Bunker überhaupt, denn Julius ließ die Keller schnell hinter sich, kam aber an kein Ende.
Es ging immer nach unten, mit einer leichten Schräge. Tief, tief unter die Erde, mit vielen schmalen Gängen, die untereinander verbunden waren und mehr als einen Zugang hatten. Alle paar Kellerabteile, alle zehn, fünfzehn Meter ging eine Abzweigung ab. Die sich wieder irgendwo in der Dunkelheit verzweigte.

Es war sogar denkbar, dass die ganze Mietskaserne, der gesamte Block, mit diesem Netzwerk verbunden war. Dass er von hier mit der richtigen Karte ungesehen quer über den Hof, unter den Nachbarhäusern durch, bis zur einige Blöcke entfernten K.Straße gelangen konnte. Ohne auch nur einmal Tageslicht zu sehen.

Julius sich an einen Pilz erinnert, ohne den genauen Grund zu kennen.
Der eigentliche Pilz war nämlich nicht das, was man gemeinhin dafür ansah. Der große, fleischige Auswuchs war bloß der Fruchtkörper, der zum Verteilen der Sporen diente, und nicht einmal der größte Teil des Organismus. Dieser lag tiefer unter der Erde, wo es dunkel, feucht und warm war. Was wie eine Pilzkolonie aussah, mit einem Dutzend oder mehr Pilzen, war in Wirklichkeit ein einziger Organismus, tausende kleiner Fäden, die sich mit allem umliegenden verbanden und daran fest saugten.
So fühlte sich dieses Netzwerk von Bunkern und Kellern an. Wer vermochte schon zu sagen, wo es endete? Ob es sich wirklich nur unter diesem einen Hof erstreckte und nicht doch noch über die nächste Straßenseite? Die danach? Ob es sich nicht unter dem neuen Supermarkt an der Ecke einst ein Keller befunden, ganz wie dieser hier, der nur versiegelt aber nicht vollständig zugeschüttet worden war?

Über ihm verliefen die Rohre, keine Handbreit Platz war zwischen seinem Kopf und der Decke aus Hohlräumen. So dicht und eng zogen sie sich kreuz und quer und längs, dass hinter ihnen kaum die echte Decke auszumachen war und es nichts über ihm gab, als die fauligen, bisweilen geplatzten Röhren aller möglichen Macharten.
Zu Beginn waren sie noch ummantelt gewesen, mit einer Schicht aus grauem Kunststoff. Je tiefer er aber in den Untergrund eindrang, desto ungepflegter wurden sie. Und desto älter. Nach der vierten oder fünften Abzweigung waren es Kupferrohre, grünstichig vom Alter und der feuchten Luft. An einigen Stellen waren die Dichtungen völlig durchgerostet und eine übelriechende Brühe ergoss sich in die Gänge, wo ein echter, schimmliger Pilz sich grün und kränklich in die Wände fraß.

Julius machte einen Umweg, ging eine Abzweigung zurück und nahm die nächste. Er fragte sich aber doch, wie viele der Rohre überhaupt mit den Wohnungen verbunden waren.
Es waren einfach viel zu viele davon. Unmöglich konnte jeder Wohnung eine zugeordnet werden. Nicht einmal jedem Zimmer, auch nicht im gesamten Block. Hunderte der Rohre kamen aus den Wänden, der Decke, in einigen der seit Ewigkeiten unbenutzten Keller auch aus dem Boden und verschwanden in der unentwirrbaren Masse über seinem Kopf.

Viele der hinteren Keller schienen gar nicht mehr benutzt zu werden. Sein eigenes Abteil lag im zweiten oder dritten Quergang – er befand sich schon im siebten und der Keller wollte kein Ende nehmen.

Beständig hinter und um Julius war dieses Rascheln. Dieses teuflische Rascheln, wie von winzigen Pfoten, die auf den glitschigen Rohren entlang huschten. Wie von Fell, das sich in der Dunkelheit an den Wänden und einander rieb. Wie von einem Huschen außerhalb seines Gesichtsfeldes.
Mehr als einmal vermeinte er wieder das Stechen zu fühlen, das ihn in seinen Träumen heimgesucht hatte. Und er glaubte, dass von den Rohren über ihm ein pelziges Etwas herunter und etwa in seinen Nacken…dass etwas an seinen Fersen oder Knöcheln zwickte.

Er schüttelte sich, sprang auf der Stelle umher, schlug nach seinem Rücken. Nichts, natürlich war da nichts. Seine Einbildung, redete er sich ein und zog trotzdem die Kapuze seines Pullis über den Kopf – nicht, ohne sich vorher zu vergewissern, ob nicht doch etwas darin lauerte.

Verzagt ging sein Blick in die Dunkelheit jenseits seiner Taschenlampe. In sich spürte er einen Widerwillen, weiter zu gehen. Der so stark war, dass er ihm körperliche Übelkeit brachte. Als greife eine unsichtbare Hand nach seinem Magen und zerre an seinen Innereien und verlange, dass er sich übergab und seinen Unrat zu dem des Kellers hinzufügte.

Er wollte so wenig weiter, dass er für einen Moment inne hielt. Genau dort wo er eben panisch herum gesprungen war. Seit fünfzehn Minuten, verriet seine Armbanduhr ihm, schlich er durch die Dunkelheit. Seit fünfzehn Minuten wagte er es kaum, einen Ton von sich zu geben – als ob er sich fürchtete, bemerkt zu werden.
Dabei war genau das seine Absicht, oder nicht? Nigel, dieser hinterhältige Kater, war abhanden gekommen und sollte ihn bemerken. Mit seinen feinen Ohren sollte er Julius hören und ihn riechen und schnell zu ihm zurück kommen, damit er endlich diesem Ort den Rücken kehre und nie wieder kommen könnte.
Aber er kam nicht. Und Julius gingen die Ideen aus.

Unschlüssig für einen Augenblick schwenkte er den Lichtkegel hin und her. Muffige Kellerabteile und rottendes Holz auf beiden Seiten für drei, vier Meter. Dahinter einige Meter Zwielicht, dann die schwarze Finsternis, die sich tief unter dem Asphalt der Stadt befand.
Flach sog er die faule Luft durch den Mund, um sie nicht riechen zu müssen, schloss einen Moment die Lider und beobachtete seinen Atem beim Zittern.

Schließlich öffnete er seine Augen wieder und ging in die Richtung, in die er eben schon gegangen war. Weiter in die Tiefe.

Er weigerte sich noch, sich einzugestehen, dass er es dem Kater schuldete. Noch hielt er es für seine bloße Pflicht, das ihm anvertraute Lebewesen zumindest nach bestem Wissen und Gewissen zu suchen. Als ob er sich wirklich noch die Hoffnung machen würde, der Kater hätte sich bloß bei einem Spaziergang verlaufen, wäre bei einer Erkundung des Hauses verloren gegangen.

Tatsächlich spielte Schuld aber eine ganz beträchtliche Rolle. Klein, wie der Kater auch war: Er hatte Julius diese letzte Woche zumindest vor dem bewahrt, was der noch immer für Neurose und Nervosität hielt. Das lebende, gesellige Tier hatte seinen Auftrag gut erfüllt und Ruhe zu Julius gebracht.
Ihn jetzt aufgeben würde heißen, ihn zu verraten. Und gewissermaßen auch, sich wieder seinen Alpträumen hinzugeben. Es hieße, die Schlaflosigkeit wieder in sein Leben zu lassen.

Dort und damals hatte es gegolten, sich der Angst zu stellen. Der Angst vor den Ratten und den Geräuschen im Haus, die natürlich unsinnig war…
Ha! Das war, dachte Julius während er weiter stapfte, vielleicht überhaupt der Plan des Katers gewesen. Um ihn endgültig mit seiner Furcht zu konfrontieren und davon zu heilen, hatte er sich hier unten versteckt. Er musste wohl die offene Tür genutzt haben, auf die er die letzten Tage so gelauert hatte.

Wie dumm von ihm, je an dem Tier gezweifelt zu haben! Der Kater war ein gewitztes Vieh, aber für diesen Streich würde Julius ihm das Fell über die Ohren ziehen.
Das jedenfalls beschloss er grimmig, während er sich tiefer in den Keller wagte.
Ganz auf Art und Weise, auf die ein Kind wohl beschließen mochte, dass es in Wahrheit gar nicht im Wald verloren, sondern alles nur ein böser Scherz war. Dass in jedem Moment die verschollenen Freunde aus dem Dickicht springen sie alle befreit lachen würden.
Bis fast zum Schluss hielt Julius an diesem Beschluss fest.

Bis der Keller und die Bunker plötzlich endeten. Bis da eine freie Fläche war, die sich vor ihm öffnete, wo die Decke weit über ihm lag und die hinteren Wände gar nicht mehr zu erkennen waren.

Julius atmete kurz und oberflächlich. Die Luft hier unten stank – nach Staub und Tier und… Er schämte sich, das zu denken, diese überholten, furchtbaren Worte zu denken – nach Angst.
Konnte man Angst denn riechen? Von Hunden sagte man das vielleicht und anderen Tieren, aber von einem wie ihn? Konnte sie eine solche Konzentration erreichen, dass sie wie Miasma oder eine Art von Pilzgeflecht sich unter der Erde festsetzen konnte?

War es nicht eher seine Einbildung, dass er wusste oder zu wissen meinte, zu was diese Kellerräume während des Krieges genutzt worden waren? Dass er wusste, wie viel älter als er selbst sie waren und was für eine Zeit das gewesen war, in der diese Anlage angelegt worden war? Es musste doch viel mehr an seiner Einbildungskraft liegen, dass er Angst zu schmecken glaubte. Seine Einbildung, die ihn in die Nischen und Ecken zusammen gekauerte Familien sehen ließ.

Was es auch war, es drängte sich wie feuchtes, schleimiges Gas in seine Nase, seine Kehle, bis in seine Brust, die sich krampfhaft zusammenzog und ihn keuchen ließ.
Als würde es von ihm Besitz ergreifen.

Er konnte auch den Kater noch fauchen hören. Irgendwo in der Dunkelheit. Nigels Schreie, panische, schrille Geräusche der Angst, hallten durch den Saal.

Der Raum war groß, die Luft darin dick und schwer. Seit Jahren konnte sie keine lebende Seele mehr geatmet haben.Vielfach und grausam vergrößert warf der Stahl und der Beton das Kreischen des Katers zurück zu Julius, dröhnte in seinen Ohren wie die unter dem Lärm vibrierenden Rohre.
Die Rohre…

Hunderte Röhren lief hier zusammen über seinem Kopf, ein Gewirr aus Rohren, Leitungen, Kabeln für Abwasser, Strom, Gas, die hier wie Adern in einem morbiden Herz zusammen liefen. Sie mussten in fast jedes Haus, jede Wohnung des Viertels führen.
Julius hatte sich gefragt, wie die Tiere in seine Wohnung gelangt waren, obwohl er keine Löcher in den Wänden gefunden hatte, keine Schlupfwinkel aus denen sie hätten kriechen können.
Jetzt hatte er seine Antwort: Rohre.

Julius blickte atemlos auf und sah, dass sie tatsächlich vibrierten, aber nicht von dem Lärm, sondern von winzigen Füßen und knotigen Schwänzen, die sich daran rieben, die über den Rost schabten und die Luft zum Rauschen brachten.
Er sah, wie die Tiere sich näherten. Fett und vollgefressen waren sie von den Abfällen. Nie in seinem Leben hatte er so großes Ungeziefer gesehen. So aufgedunsen und rot, wie von…wie von…
Seine Hand glitt unwillkürlich zu der kaum verheilten Wunde in seinem Nacken, er weigerte sich, den Gedanken zu beenden.
Die Ratten huschten über ihn hinweg. Die Rohre entlang, dorthin, wo die Schreie der Katze langsam schwächer wurden.

Seine Augen hatten sich nur schlecht an die tiefe Finsternis gewöhnt. Sein Herz raste. Furcht kroch in ihm nach oben, lähmte ihn in seiner Ecke, in die er rücklings gestolpert war, ohne es zu bemerken. In der er katatonisch hockte, so weit als möglich weg von der Flut aus Ungeziefer, das sich über ihm in den Saal ergoss.
Seine Hand packte die Lampe fester, seine Beine verkrampften sich. Trotzdem zwang er sich vorwärts, zwang sich Schritt für Schritt weiter in den Saal unter dem Fundament des Hauses hinein.

Ratten. Hunderte, die sich versammelten. Stumm, fast bewegungslos, sobald sie einmal ihren Platz gefunden hatten. Ein See aus Fell und Ekel erstreckte sich vor ihm in der Finsternis, die nur von der ein oder anderen blinkenden Leuchte den Korridor hinunter für Momente erhellt wurde.

Etwas Unheiliges geschah hier, etwas Unmenschliches. Ein Geräusch erhob sich, das durch den dröhnenden Lärm schnitt. Selbst das Geschrei des Katers irgendwo jenseits der schummrigen, rötlichen Lichtblitze von Warnlampen endete abrupt.
Da war nur dieses Geräusch. Dieses dunkle, düstere Glucksen, das aus den Tiefen zu kommen schien. Ein Geräusch, das wie das Gefühl war, das sich in seine Kehle drängte: Schleimig, feucht, wie von Schimmel auf lange faulig gewordenem Wasser.
Das Geräusch schwappte über die Unmenge an Ungeziefer vor Julius und auch über ihn. Es traf ihn wie eine Welle, die ihn zu ersticken drohte.

Worte. Es waren Worte, die dort aus der Mitte der Tiere aufstiegen wie aus einem Sumpf.

Julius verstand sie nicht, wusste nicht einmal, ob er es eine Sprache nennen sollte, der das Ungeziefer dort lauschte.
Aber er begriff sie.
Das Zischen berührte einen Teil von ihm. Jenen Teil, der von den Ratten geträumt hatte, der mit dem Kater gesprochen hatte wie mit einem besten Freund – voller Mitgefühl und Vertrautheit. Als wäre Verstand hinter den grünen Augen von Nigel gewesen, der dort nicht hingehört hatte. Ein Verstand, der Dinge begriffen hatte, die hier vor sich gingen, die Julius selbst noch immer ein Rätsel waren. Es berührte jenen Teil von ihm, der nicht menschlich sondern älter war, primitiver.

Dann erhob sich etwas aus dem Sumpf. Etwas anderes als nur Worte.
Es hätte ein Mensch sein können, wenn er nicht so vornüber gebeugt gehen würde, dass sein Kopf fast auf Hüfthöhe sein müsste. Wenn sein Buckel nicht so groß wäre und wenn ihm mehr als nur einige Fetzen am gräulichen Leib haften würden.

Julius sah erstarrt zu, wie sich das unförmige Etwas aus dem Meer von Leibern erhob.
Wie…die Kreatur in klauenförmigen Händen etwas hielt, das wie Nigel aussah. Wie sie es schüttelte, bis ein Knacken grausam die Luft durchschnitt, und wie sie es fort schleuderte.
Während dieses Zischen anhielt.

Sie sprach zu diesem Teil in ihm, der von diesem Ort hier angezogen worden war. Der in den Dreck gezogen war, um dort er selbst zu sein und wie eine Maus dem Leben echter Menschen beiwohnen zu können, an ihren Gefühlen teilhaben zu können, an ihrer Liebe, ihrem Streit.
Es sprach zu dem erbärmlichen Ungeziefer in ihm, das sich in dieses Loch begeben hatte, um die Nase in fremde Angelegenheiten zu stecken.

Alle Augen richteten sich auf ihn. Auf die Ecke, in der er hockte und den Atem anhielt.

Das schlimmste waren die Augen dieser Kreatur. Nicht die Reißzähne oder die Klauen, nicht einmal die vage menschliche Gestalt, sondern die Augen. Denn sie waren ganz anders als das restliche Gesicht, ganz anders als dieses fellige, verzerrte Spottbild, das ihn unter den Lumpen anstarrte.
Sie waren menschlich.

Zähnchen – Teil II: Gefürchtet

Julius lag in seinem Bett. Um ihn her war – trotz der späten Stunde – alles hell erleuchtet. Jede Birne in seinem Zimmer glühte: Die Schreibtischlampe, die Deckenleuchte, die kleine Lampe am Lesesessel, selbst der kleine Fernseher brummte vor sich hin. In ihrem matten, warmen Licht lag er nun in seinem Bett, die Decke bis zum Kinn gezogen und in die Ecke gekauert, die am weitesten von den Wänden entfernt war.
Er wusste, dass gesunder Schlaf so kaum möglich wäre, dass die Helligkeit ihn nur noch mehr Stress aussetzen würde. Er glaubte allerdings nicht, dass die Lage viel schlimmer, er viel erbärmlicher werden könnte, wenn er im Tageslicht schliefe.
Seit Tagen – genau genommen seit dem Vorfall vor einigen Tagen – fürchtete er sich vor seinen eigenen Gedanken, ängstigte sich vor seinem Schlaf. Denn dann kamen die Träume.
Seine eigene Angst davor ließ ihn starr werden. Sein Herz raste, ohne ersichtlichen Grund, und er warf sich herum.
Es war kindisch, durchaus kindisch, den Alpträumen und Nachtmahren entgehen zu wollen, indem er sich dem Schlaf verweigerte. Zu diesem Zeitpunkt aber hatte er bereits drei oder vier Nächte durchgewacht.

Stets war es das gleiche Spiel:
Todmüde schleifte er sich gegen den frühen Abend ins Bett, unerklärlich müde und lethargisch schon seit dem Mittag. Bei laufendem Fernseher, der die gefühlt tausendste Wiederholung einer bekannten Serie zeigte, nur um sich nicht einsam zu fühlen, schlief er ein, ohne es wirklich merken. Weder dass er eingeschlafen war, noch dass er geschlafen hatte, machte sich irgendwie bemerkbar. Nicht einmal, dass er aufgewacht war. Vielmehr war es, als säße er noch immer dort und sähe dem ununterbrochenen Rauschen zu in einer endlosen Reihenfolge monotoner Augenblicke.
Nach einigen Minuten bemerkte er dann, dass die Schatten der Abendsonne ein Stück weiter sein Zimmer entlang gekrochen waren.
Das wiederholte sich und wiederholte sich, oft für zwei oder drei Stunden, bis die Sonne endgültig untergegangen. Bis das Haus für einige Minuten still geworden war.
Dann erst sackte er in einen tiefen, bleiernen Schlaf. Rasch sank er, schlaff und müde, in die Dunkelheit. Hierbei war ihm, als schrecke er wieder und wieder auf. Anders als zuvor war ihm dann sehr deutlich, dass er aus dem Schlaf gerissen wurde. Der kalte Schweiß auf seiner Haut, die Schwere in seinen Armen und Beinen – all das sagte ihm, dass er aus irgendeinem schlechten, schwachen Schlaf erwacht war.

Was ihn zuvor am Einschlafen gehindert hatte, verfolgte ihn nun bis in seine Träume. All jene Geräusche, die ihn zuvor aus dem leichten Schlaf gerissen hatten – das verhasste Knacken der Rohre, die scheinbar geflüsterten Ängste der Nachbarn, das verfluchte Rascheln in den Wänden und die ausgelassenen Freuden des Fräuleins nebenan.
Das verfolgte ihn. In seinen erschöpften, unruhigen Träumen quälte es ihn weiter. Er bildete sich ein, dass das Rascheln in den Rohren von den Ratten käme. Die Ratten, großer Gott, die Ratten in den Wänden!
Die alten Kupferrohre, die dick wie seine Faust durch die Wände und Decken strebten, die jeden Quadratmeter durchzogen auf die ein oder andere Weise, die bebten und knackten. Wo sein wacher Verstand – wie müde und erschöpft er auch war – Erklärungen für diese Geräusche fand, sich in Erinnerung rief, dass das Haus alt, die Wände dünn und hohl und ausgezeichnete Schallkörper waren, dass sie wohl auch undicht und das Haus selbst auf eine gewisse Weise lebendig waren und jedes noch so kleine Geräusch verstärkte – seine Träume spannen daraus eine von tausend Phantastereien.
Eine tollkühner als die Andere. Das Tröpfeln der Leitungen wurde ihm zum Tapsen kleiner, winziger Pfoten auf den Rohren, vorsichtig, vorsichtig, schoben sie sich durch die Wände und kleine, knotige Schwänze schlugen gegen die Rohre und brachten sie zum Singen und Brummen, dass das ganze Haus davon erbebte.

Am fünften Tag seines schlaflosen Leidens hatte er genug. Die Vermietung hatte gelobt, etwas gegen die Ratten zu unternehmen, die sich dreister und immer dreister am helllichten Tag durch das Haus wagten. Angelockt von den Abfällen der Nachbarn, dem süßen Geruch verderbenden Fleisches, das in den Müllsäcken auf dem Flur lagerte.
Er beschloss, eine Katze zu kaufen.

Sie war pechschwarz von Kopf bis Fuß, bis auf einen kleinen, weißen Flecken auf der Stirn. Als er im Heim nach einem geeigneten Tier gesucht hatte, war sie ihm sofort als die richtige ins Auge gesprungen.
Sie…das hieß er, wie man Julius glaubhaft versicherte, besaß einen tiefsinnigen, intelligenten Blick, der für Tiere ein Tabu hätte sein sollen. Während alle anderen Tiere sich ganz so benommen hatten, wie er es von Katzen erwartete, hatte er stumm auf einem erhöhten Platz gesessen und ihn beobachtet.
Die Augen allein…diese grünen, wundervoll tiefen Augen hatten ihn davon überzeugt: Dieses Tier und kein anderes.

Nigel, wie er den sieben Jahre alten Kater taufte, erwies sich schnell als ein seltsamer Kater. Er schien sich äußerst unwohl in der Wohnung zu fühlen, was an sich noch kein großes Wunder war. Julius hatte gelesen, dass Katzen territoriale Tiere waren und solche Ortswechsel kaum vertrugen. Das Heim hatte ihn daher auch mit einigen Lockmitteln ausgestattet, die er dem Tier bei besonders lobenswertem Verhalten geben und ihn rasch an seine neue Umgebung gewöhnen sollte.
Auch wenn sie nicht sofort anschlugen.

Aus dem Käfig, in dem Julius ihn durch die Stadt transportiert hatte, wagte er sich überhaupt erst hinaus, als Julius aus dem Zimmer ging und drohte, den Kater alleine zurück zu lassen. Dann erst huschte Nigel, wie von einer Panik gestochen, hinaus und heftete sich seinem neuen Freund und Besitzer an die Fersen.

Ganz allgemein schien er Julius in demselben Maße anzuhängen, in dem er die Wohnung verabscheute. Seltsam wie es war, wich er ihm kaum von der Seite. Er blieb den gesamten Nachmittag eng an Julius geschmiegt, saß auf seinem Schoß, während er schrieb, und ließ sich nicht erweichen, ihn für einen Einkauf zu verlassen.

Nur einmal schreckte er Julius auf und ließ ihn sich wundern, ob er über der Arbeit eingeschlafen war, ob die Ruhe und Gelassenheit der letzten Stunden mit der Katze auf seinem Schoß nur ein Traum gewesen waren.
Wie ein schwarzer Blitz war Nigel aufgesprungen und in die Ecke des Zimmers gejagt. Er machte einen Buckel, hieb in das Nichts. Er sprang gegen die Wände, schlug seine Klauen in die Tapete und scharrte wie ein Hund an der Fußleiste, raste wie irre über das Regal und jagte etwas, das nur er sah.
Die Ratten, möglicherweise, deren Löcher irgendwo dort sein mussten. Die durch irgendwelche geheimen Winkel in seine Wohnung eindrangen und deren Geruch und Geräusche die Katze nun irre machten.

Aber er fing nichts und kam ohne Beute zurück zu Julius zurück, der ihm mit gerunzelter Stirn und schweren Augen zugesehen hatte.

In jener Nacht, als er Nigel aus dem Heim geholt hatte, schlief Julius so ruhig und friedlich, wie noch nie.
Mit der Katze zu seinen Füßen, die dort thronte und in die Dunkelheit starrte – fast als hielte sie Wache über ihn und seinen nervösen Geist – fielen alle Sorgen von ihm ab. Es war ihm erlaubt, in einen tiefen und heilsamen Schlaf zu sinken, die Wachsamkeit fahren zu lassen und sich ganz dem süßen Vergessen anheim zu geben, nachdem er sich seit Tagen sehnte.

Einmal war ihm zwar, als wache er auf. Einmal meinte er, Nigel fauchen und aufspringen zu fühlen. Halb nur und Schlaf trunken, noch kaum bei Bewusstsein, spürte er wie das Gewicht auf seinen Beinen verschwand. Wie der Kater sich aufrichtete, die Ohren gespitzt auf irgendetwas in der Dunkelheit.
Ein Schaben vielleicht, ein kleines, erbärmliches Kratzen auf dem Parkett. Nicht wirklich ein Lärm, mehr eine Andeutung, eine düstere Ahnung oder Befürchtung, dass die Alpträume der letzten Tage sich in die Wirklichkeit gestohlen hatten.
Dann ein Poltern und Fauchen – das letzte Geräusch, für diese Nacht – das Julius endgültig aus dem Schlaf riss.

Mit klopfendem Herzen starrte er in die Finsternis. Aber selbst im dünnen Streulicht der Straßenlaternen vor seinem Fenster erkannte er weniger als Nigel jenseits der Dunkelheit sehen musste.
Das Geräusch wiederholte sich nicht. Der Kater kehrte zwar nicht auf das Bett zurück, aber Julius sank dennoch beruhigt auf sein Kissen zurück.
„Eine Ratte¨, dachte er und lächelte in sich hinein. ¨Die Geräusche werden ihn geweckt haben und nun jagt er sie, so wie ich es wollte.¨
In dieser Nacht kamen keine Träume mehr.

Sechs. Sechs tote Ratten lagen vor Julius, aufgebahrt und säuberlich nebeneinander aufgereiht, wie Fische auf dem Markt. Dahinter Nigel, stolz den Hals gereckt wie eine alte Gottheit. Seine grünen Augen lagen funkelnd auf Julius und beobachteten, wie er die Präsentation der Beute aufnahm.

Einen Augenblick ratlos starrte er die toten Nager an. Dann, langsam und bedächtig, schwang er sich aus dem Bett, bemüht nicht auf die Kadaver davor zu treten, und ging zu seinem Schreibtisch herüber. Er holte eine kleine, blecherne Dose heraus und – unter vielem Lob – reichte er dem tapferen Kater zwei jener Belohnungen, die ihm das Heim mitgegeben hatte.
Das hier war durchaus ein Verhalten, das er bei Nigel stärken wollte.

Dann erst wandte er sich – unter den wachsamen Augen des Katers – den toten Nagetieren zu.
Die Tiere waren fett über Gebühr, wohl gemästet von dem ganzen Elend und Schmutz der Gegend.
Abscheuliche Kreaturen mit ihrem lückenreichen Fell, unter dem das rohe Fleisch glänzte, denen das Blut noch aus dem Maul lief und von denen ein erbärmlicher Gestank ausging. Nach Nässe und Muff und Moder. Nigel hatte sie wohl im Genick gepackt und geschüttelt, bis alles in ihnen geplatzt war.

So oder so ähnlich spielte es sich an jedem folgenden Morgen ab.
Julius, der die Nacht bis auf eine kleine Unterbrechung gegen Mitternacht ruhig durchgeschlafen hatte, erwachte und fand Nigel vor seinem Bett.Stolz präsentierte der Kater den nächtlichen Fang, für den Julius ihn erst belohnte und dann mit Kneifzange und Müllschaufel entfernte.

Es war ein stolzer Fang, jedes Mal. Selbst wenn es mit den Tagen weniger Tiere wurden, die Nigel erlegte. Bis schließlich die erste Nacht kam, in der Nigel vergeblich durch die Wohnung huschte. Nichts fing er in dieser Nacht. Nach einigen Minuten fühlte Julius das warme Gewicht der Katze wieder auf seinen Beinen und schlief umso beruhigter ein, sicher in der Gewissheit, dass Nigel seine Pflicht erfüllte.
Am nächsten Morgen belohnte er den Kater trotzdem.

Je mehr Ratten der Kater erlegte, desto selbstsicherer wurde er. Zwar blieb er noch immer in Julius‘, schien ihn keinen Augenblick lang aus den Augen zu lassen. Aber er wurde ruhiger dabei, zischte und fauchte nicht länger die Luft an sondern beobachtete stumm und lauerte. Julius fand, dass er sich doch ganz ausgezeichnet an die neue Umgebung gewöhnte. Und dass Nigel die Wohnung umso mehr zu der seinen machte, je mehr er sie von Ungeziefer säuberte.

Auch Julius selbst gewöhnte sich langsam an die Katze und beglückwünschte sich insgeheim zu diesem Einfall. Seit Nigel die Wohnung sauber hielt von dem Getier und über seinen Schlaf wachte, schlief Julius nicht nur wieder, auch die Alpträume und mit ihnen der Stress verschwanden.
Er bekam sogar ein wenig Farbe zurück. Die Augenringe zogen sich zurück, die Wangen verloren ein Stück weit ihre Bleiche und in seine stumpfen Augen kehrte ein wenig die Lebenslust zurück.
Fast fühlte er sich wieder wie ein Mensch. Fast.

Denn unbestreitbar war auch, dass er sich der Katze immer mehr annäherte und glaubte, ohne sie kaum leben zu können.
Er war zuvor schon nicht viel ausgegangen. Julius war immer schon überaus zufrieden damit gewesen, stumm zu beobachten und seiner Kunst im stillen Kämmerlein nachzugehen. Auch deswegen hatte er diese Wohnung gewählt – um sich in der Umgebung zu suhlen, im Dreck und Lärm dieser Mietskaserne, von den Erfahrungen und Gefühlen der Menschen um ihn herum zu zehren, ohne seinen Komfort zu verlassen.

Seit einigen Tagen aber bemerkte er, wie diese Angewohnheit stärker und umfassender wurde. Dass er für Tage kein Wort mit einem Menschen wechselte, höchstens mit Nigel oder sich selbst sprach, während er über Manuskripten brütete. Dass er selbst den Einkauf nur höchst unwillig machte und Ausreden erfand, bloß um so wenig wie möglich das Haus verlassen zu müssen. Dass er sich sein Essen fast nur noch fertig liefern ließ.
Selbst der Weg zu den Mülltonnen, den er doch alle paar Tage gehen musste, war weit.
Denn dazu müsste er Nigel alleine lassen. Und dieser Gedanke ängstigte ihn über alle Maße.
Er wusste nicht einmal sicher, was genau er daran so fürchtete. Die Menschen draußen waren ihm nicht feindlich gesonnen, wenn auch gleichgültig, und die Sonne war warm und hell.

Vielleicht war es wegen dieser Ahnung, die ihn fast noch mehr ängstigte in manchen Nächten als die Alpträume, die Julius veranlasst hatte, Nigel zu sich zu holen.
Ein dräuendes Gefühl, das über seinem Kopf schwebte wie die bleierne Müdigkeit, die er in den letzten Tagen mühsam von sich geworfen hatte. Das ihn in jedem Moment überkam, wenn er sich von seinen Manuskripten oder dem Kater abwandte. Wenn er Zeit hatte, sich mit sich selbst zu beschäftigen und was in ihm vorging. Dann kam sie.
Diese Ahnung, dass die Katze alles war, was ihn von seinen Alpträumen fern hielt.

Nach Tagen aber, die er von nichts anderem als Lieferservice gelebt hatte, musste er doch einmal hinaus. Alles, was er zum Leben brauchte war aufgebraucht – das Katzenfutter ging zur Neige, Haushaltsmittel waren aufgebraucht und selbst die letzten Konserven waren geplündert. Nichts war mehr in seiner Wohnung, das sich zum Leben geeignet hätte.

Also quälte Julius sich gegen Mittag mit knurrendem Magen hinaus. Er kaufte große Mengen, genug für zwei Wochen oder mehr. Nicht in der Absicht, sich weiterhin in seiner Wohnung zu verschanzen. Natürlich nicht. Vielmehr wollte er seine Vorräte auffüllen und all das ersetzen, was er in den letzten acht Tagen vollständig verbraucht hatte. Selbstverständlich fand er diesen Gedanken absurd, als er in der klaren Mittagssonne über die gefüllten Straßen ging, den schweren Rucksack auf dem Rücken.
Die Wahrheit aber war: Er fürchtete sich ohne den Kater.

Als Julius schließlich nach Hause kam, stellte er sich diesem Gedanken.

Über dem gesamten Haus hing ein Geruch, wie…ein nur schwer zu beschreibender Geruch. Es war nicht direkt der Gestank, der im Hausflur lagernden Müllsäcke. Der schwamm erst über ihn, als er die Tür öffnete und den Flur betrat.
Es war auch nicht der leicht faulig-modrige Geruch, den er vor Nigel mit dem Flur in Verbindung gebracht hatte. Der Geruch, der wohl auch die Ratten angelockt hatte und auf wundersame Weise mit dem Eintreffen des Katers verschwunden war.
Was genau es war, verstand Julius erst wirklich, als er den Flur entlang schlich und die alten, gewohnten Gerüche ihn wieder in die Erinnerungen der vorletzten Woche zogen. Als er sie das erste Mal seit einigen Tagen wieder roch, da er sich weder aus der Festung traute, die er sich geschaffen hatte.

Da erst fiel ihm auf, was fehlte. Denn das war es: Nicht die Anwesenheit eines neuen Geruchs, den er nicht einzuordnen vermochte, sondern die Abwesenheit eines kaum bemerkten Duftes verstörte ihn. Der Geruch, der seinem Bett hätte anhaften müssen und dem Schreibtisch. Der ihn in den letzten Tagen stets und ständig begleitete hatte und immer umgeben hatte. Der Geruch, der nur in seiner Wohnung war und nicht dort draußen in der Welt, vor der Julius sich so versteckt hatte, fehlte.
Nigels Geruch fehlte.

Zähnchen – Teil I: Gebissen

Die kleine Sophie in der Wohnung nebenan schrie wie gequält. Das dritte oder vierte Mal diese Nacht, scheinbar ohne Grund. Sie plärrte einfach, sog Luft in ihre kleinen Lungen und stieß sie so lange wieder aus, bis ihr die Kraft ausging. Zwecklos riss sie das Maul auf und verlangte etwas, was sie selbst nicht genau kannte.
Sie schrie einfach.
Etwas wie bei einer Diebstahlsicherung im Auto. Ein impotenter, mechanischer Lärm, der auf und wieder abschwoll, ohne etwas zu erreichen. Der nicht einmal auf eine konkrete Ursache hinwies, nur auf ein ganz allgemeines Symptom. Ein Unwohlsein vielleicht, das sich unmerklich tief eingegraben hatte, das nur als ‚dieses Gefühl‘ beschrieben werden konnte.

So in etwa ging es Julius Nagel, dessen Bett auf der anderen Seite der Wand von Klein-Sophies Kinderzimmer lag. Er lag wach ohne noch den Grund zu wissen. Sophies Geschrei war nicht der Auslöser gewesen, obwohl es ihn ganz sicher am Einschlafen hinderte.
Ein Gefühl von Anspannung hatte ihn vor einiger Zeit schon überfallen – vielleicht ganz ähnlich wie auch die kleine Sophie – und aus dem Schlaf gerissen. Seitdem lag er wach und starrte an die Decke.

An sich war das nicht weiter ungewöhnlich.
Er schlief schlecht in jener Zeit und war es gewohnt, sich einige Stunden herum zu wälzen. Ein recht bedauerlicher Zustand, der sich heute aber noch weniger als damals beheben ließ. Nicht so sehr, weil etwa Alpträume oder Stress ihn damals schon geplagt hätten. Julius konnte sich nicht einmal daran erinnern, je geträumt zu haben vor diesen Tagen. Auch sein übriges Leben verlief ruhig, fast belanglos.

Eine kleine Erbschaft und was man ihm an Waisenrente zusteckte reichte aus, um recht sorglos in einer kleinen Wohnung am Stadtrand zu leben. Es war kein Palast, sicher nicht. Dreckig und klein, so wie das ganze Haus, ein Relikt älterer Zeiten, und versteckt im dritten Hinterhof einer wuchernden Mietskaserne.
Aber er war jung, er war frei und seine Ansprüche nicht hoch. Was er wollte, konnte er sich durchaus leisten, wenn er einmal eines seiner Stücke verkaufte. Tatsächlich wollte er kaum mehr als so zu leben: Diese Freiheit genießen und jugendliche Gespenster von Kunst und Unabhängigkeit jagen.
Der Grund für seine … Nervosität, lag also nicht in irgendeinem schwächlichen oder angespannten Zustand, in dem seine Nerven sich befunden hätten. Auch, wenn er nur allzu gerne daran geglaubt hätte.

Julius rollte auf die Seite, langte nach dem Wecker. In der Dunkelheit glommen die blauen Ziffern ominös und leicht verschwommen. Näher und immer näher hielt er sie sich vor das Gesicht, bis seine kurzsichtigen Augen die Uhrzeit entziffern konnten. 4:30. Mit einem Seufzen ließ er den Wecker fallen. Jetzt konnte er genau so gut auch aufstehen.

Der Boden knurrte unter seinen nackten Schritten, die ihn in die Küche trugen. Parkett, altes Holz auf noch älteren Balken, das zwar hübsch war, aber an jeder Stelle einen anderen Ton von sich gab. Einige der Dielen bogen sich durch, waren an den Rändern aber so sehr abgeschliffen, dass sich eigentlich nur eine unebene Stelle gebildet hatte.
Keiner der letzten hundert Mieter hatte das Holz irgendwie gepflegt, das über die Jahre dunkel geworden war und glatt von hunderten Füßen.

In der Küche, rund um den Gasherd, hatte man den Boden irgendwann ersetzt. Das Holz war dort um einiges Heller, außerdem aus schlichten, geraden Bohlen gefertigt, die wie ein Dorn ins Auge stachen, während der Rest der Wohnung mit ineinander greifenden Fischgrätenmustern ausgelegt war.

Julius warf die Kaffeemaschine an. Während der Kaffee durch die Maschine kochte, fuhr er den Herd auf. Einen Moment später strömte der Geruch von Speck, Eiern und Toast durch die kleine Küche. Seine müden Augen öffneten sich ein Stück weit, als könne er den Geruch sehen.
Unter dem Fenster, das zur Straße hinaus ging, begann langsam der erste Lärm der Frühschichten. Autos wurden beladen. Die letzten Säufer aus der Kneipe unten im Haus geworfen, die zur Sperrstunde auch die Stammgäste nach Hause schickte.

Wer einmal in einem alten Gebäude gewohnt hat – nicht in diesen Ungeheuern aus Glas und Beton, wie sie in den letzten Jahren immer öfter aus dem Boden sprießen, sondern in einem ehrwürdigen Haus. Eines, das mit Holz und Stein errichtet wurde, das lebt und atmet und einen eigenen Charakter besitzt.
Wer einmal darin gewohnt hat, der weiß: Man ist nie wirklich allein.

Selbst in seiner einsamen Garconniere ist man als einziger Bewohner doch immer umgeben von einer Vielzahl Geräusche und anderen Kreaturen. Die knarrenden Dielen, die sich über Jahre streckenden und biegenden Wände, sodass sie am Ende krumm und schief die Decke näher an den Boden ziehen, der durch Ritzen im Mauerwerk heulende Wind, die dünnen Wände und darin die bisweilen singenden Rohre.
All das ist geneigt, die Einbildung eines Spuks oder von Gesellschaft zu erzeugen.

Julius lebte noch dazu in der Großstadt, direkt unter dem Dach einer alten Mietskaserne. Das Leben dort war gewöhnlich eng, laut und dreckig. Gleichwohl Mauern die fast fünfzig Wohnungen seines Wohnflügels voneinander trennten, hatten sie doch wie unausweichlich alle Anteil am Leben aller Anderen.
Es ließ sich nicht vermeiden, den Ehestreit der Nachbarn den Gang entlang zu belauschen, wenn die Wände aus kaum mehr als alten Rohren, Staub und Tapete bestanden und die verzogenen Türen dicke Spalten zwischen den . Genauso wenig, wie ihrer hitzigen Versöhnung auszuweichen war.
Es ließ sich nicht vermeiden, jeden einzelnen Besucher des Fräuleins eine Tür weiter ebenso intim wie sie kennenzulernen. Nicht bei dem quietschenden Metallgestell von Bett, das überaus nahe an der Wand stand.

Nun, diese Geräusche waren normal. Man gewöhnte sich gewissermaßen rasch daran, lernte das Treiben sogar schätzen. Für Julius war es sogar ein großer Anreiz gewesen, um ehrlich zu sein. Damals fand er die Nähe zu all diesen Leuten seiner Kunst sehr zuträglich, da er selbst nicht viele Bekanntschaften besaß. Er hatte keine große Freude an sozialem Umgang und war immer schon ein Einzelgänger gewesen. Ein einsamer Wolf, wie er gerne dachte, ohne sich der Ironie der Sache bewusst zu sein.
Allein zu leben, aber am Rand eines lebendigen Treibens von Menschen, die er beobachten und an denen er aus der Ferne Anteil nehmen konnte, genügte ihm völlig.

In jener Nacht war es anders gewesen. Es war nicht der Lärm der kleinen Sophie, die gerade ihre Zähne bekam und oft in den Nächten weinte und schrie; nicht der rhythmische Lärm des Fräuleins nebenan, der ihn wach hielt.
Tatsächlich hatte er sich bereits einige Stunden unruhig herum gewälzt, hatte auch rat- und schlaflos Ablenkung in seinen Büchern gesucht, ehe das Kind überhaupt das Mäulchen öffnete, um Herz erweichend zu schreien.

Irgendetwas anderes war dort, das ihm den Schlaf raubte. Ein Rascheln oder Rauschen in der Nacht, schien es mir. Wann immer er einzuschlafen gedachte, kurz bevor ihm die Lider zu fielen oder schon zugefallen waren, nur Momente, bevor sein Verstand in die weit entfernten Gegenden des Traumlandes flüchtete – immer in jenem dämmrigen Zwischenzustand schlichen ihm diese Geräusche in die Ohren.
Sie ließen ihn auch jetzt noch nicht los. ‚Dieses Gefühl‘ hielt sich hartnäckig, noch im orangenen Dunst der Kochnische und über dem Duft des Kaffees fühlte er diese Unruhe.
Als bewege sich etwas in der Dunkelheit, dort am Rande seines Gesichtsfeldes, jenseits des kleinen Leuchtkreises, den die Straßenlaternen in sein Zimmerchen warfen.
Ein kleines, fast unschuldiges Geräusch, das einzuordnen ihm nicht recht gelang; das ihn aber fesselte.
Je länger er wach lag, je öfter es ihn aus dem Dämmerzustand riss, desto mehr dachte er darüber nach.
Er wünsche, er hätte es ignoriert.

Julius aß und achtete auf die Geräusche. Ihretwegen war er hierher gezogen, auch wenn sie ihn manchmal wach hielten. Sie verwandelten die dreckige Bude in ein Zuhause, einen eigenen Ort mit Charakter und Leben. Trotz seiner Einsamkeit als seltsamer, etwas verquerer Künstler ließen sie ihn Anteil haben an den Bewegungen der Gesellschaft um ihn her.

Er selbst war behütet aufgewachsen, in einem Einfamilienhaus vor der Stadt. Eine furchtbar miefige Angelegenheit, der er bei der ersten Gelegenheit hierhin entflohen war. Perfekt war die Flucht auch nicht gelaufen, natürlich. Aber sie hatte ihn in seine eigene Wohnung geführt, seine eigenen vier Wände, in denen er der Herr war. Es sah genau so unordentlich und dreckig aus, wie er es wollte.
Er mochte die alte, ausgebleichte Fassade aus der Vorkriegszeit, die enge Wendeltreppe im Treppenhaus, die hohen Türen von denen die Farbe abblätterte. Er mochte sogar die Sprachverwirrung und die dünnen Wände – wie nervig es auch war, ständig das polnische oder nigerianische Geplapper mit anzuhören, das er nicht verstand.
Was er aber verstand, das bereicherte ihn.

So fühlte er sich nicht allein. So fühlte er sich als Teil einer Gemeinschaft, in der es kaum Anonymität gab. Er roch, was Frau Nachbarin abends kochte; hörte, wenn ihr Mann fremd ging – Sie tat es aber auch. Julius hörte wenn das Fräulein einen anstrengenden Tag auf der Arbeit hatte und den Stress und die Sorge mit Wein und Rockmusik vertrieb.
Ihn zumindest befriedigte das, auf eine Art und Weise, die wenig sexuelles hatte. Vielmehr befriedigte es seinen Drang nach Sozialleben, das er nicht selbst führen, sondern nur beobachten wollte.
Zudem war der Preis unschlagbar. Er brauchte kaum zu arbeiten, um sich sein Leben hier zu leisten, und konnte all seine Zeit für seine Leidenschaft aufwenden.

Julius beendete sein Frühstück, spülte den Kaffee hinunter, ehe er kalt werden konnte, und begann mechanisch, das Geschirr fort zu räumen und zu spülen. Seine Gedanken waren nicht bei der Sache, aber das waren sie beim Haushalt nie.
Er benutzte diese Momente gern, um sich seine heutigen Aufgaben in Erinnerung zu rufen. Da er keinem geregelten Tagesablauf folgen musste, da er – wenn ihn kein Geschrei weckte – vollständig Herr über seine eigene Zeit war, verwandte er einen guten Teil seines Tages darauf, herauszufinden, wonach ihm heute der Sinn stand.
Ein Bild wollte er heute beenden, das ihn die Nacht über angestarrt hatte, und sich des vorwurfsvollen Gesichtes entledigen, das von der Leinwand blickte. Er hatte bereits eine Szene im Kopf, das Gefühl, das er hinein legen wollte und…

Ein Quieken unterbrach ihn.
Eine Ratte starrte ihn von der Spüle aus an. Sie war groß noch dazu, widerlich groß. Die Gerüche mussten sie angelockt haben, das frische Futter, das Fett.
Das Tier ekelte ihn zwar an, es musste Keime und Krankheiten mit sich herum tragen. Aber auch nicht mehr, als der im Innenhof herum liegende Müll oder der Gestank des ganzen Hauses. Kein Grund, sich zu fürchten. Er wollte es nicht töten, aber er wollte es loswerden. Dass es sich nicht vertreiben ließ mit einigem Scheuchen und Gedrohe, irritierte ihn mehr als das Tier selbst.

Julius griff nach der noch mit Resten von Ei und Speck bedeckten Pfanne. Zimperlich war er noch nie gewesen, es gab keinen Grund das jetzt zu ändern.
Er schwang die Pfanne, hieb nach der Ratte. Die huschte zur Seite, sprang behände auf seine Hand, seinen Arm, war rasch in seinem Hemd, seinem Nacken, irgendwo. Er kreischte auf, taumelte nach hinten, versuchte die Ratte zu packen, von sich zu schleudern.

Erneut schrie er auf. Ein scharfer Schmerz an seinem Nacken, wie ein Stechen oder ein Biss vielleicht von winzigen Zähnen oder die Einbildung, das widerwärtige Ding auf seiner Haut zu wissen, die Pfoten zu spüren und den Schwanz unter seinem Hemd.
Julius prallte gegen den Esstisch, fiel auf den Boden..

Das Nagetier ließ von ihm ab. War mit wenigen Sätze in Richtung der Tür gehastet.
Für einen Augenblick schien es, als starrte das Tier ihn an, verspottete ihn. Es saß dort, außerhalb seiner unmittelbaren Reichweite.
Julius wurde zornig. Er fasste zur Seite, tastete nach dem Griff der Pfanne, die er in seiner Panik hatte fallen lassen, ohne den Blick vom Tier zu nehmen.
Rasch hieb er danach, das Tier blieb an Ort und Stelle, zehn Zentimeter von der Pfanne entfernt. Es stellte sich auf die Hinterpfoten, wie um ihn zu verhöhnen, und putzte sich das blutige Maul.

Er hechtete nach vorne, hieb ein weiteres Mal nach dem Tier, war sicher es dieses Mal zu treffen…aber es hastete davon. Leise, leise, auf seinen flinken Pfoten sprang es durch das Vorzimmer. Julius kam notdürftig auf alle Viere, strauchelte ihm hinterher.

Er kam im Bad zum stehen, gebeugt über den Spülkasten, die eiserne Pfanne noch in der Hand.
Eben noch war es hier gewesen. Eben noch hatte er es vor der Nase gehabt, hatte das widerliche Ding fliehen sehen. Jetzt war es weg. Fort, als wäre es nie dagewesen, und es gab keinen Beweis, dass es das Tier je gegeben hätte.
Keinen außer dem Stechen in Julius‘ Nacken und dem Blut an seinen Fingern, als er danach fasste.