Grotesk – Teil VI: Abgerissen

Die Polizisten ließen ihn in seine Wohnung, nachdem Wagner ihnen seinen Personalausweis gezeigt hatte. Sein Name stand am Klingelschild, er war hier wohnhaft und gemeldet, alles hatte seine Ordnung.

Sie besaßen sogar den Anstand und die Nachsicht, ihn erst für einige Minuten in Ruhe zu lassen. Ihn durch das Chaos in seiner Wohnung waten zu lassen.

Sie war vollständig zerstört. Irgendjemand – oder irgendetwas – hatte die Einrichtung in kleine Teile zerlegt. In der gesamten Wohnung fand sich keine einzige spiegelnde Fläche mehr. Fernseher, Bildschirme, Spiegel im Bad und im Schlafzimmer, Glasflächen an den Vitrinen, in den Fenstern, die Glastische und gläsernen Bilderrahmen seiner Fotographien, waren zerschlagen worden. In kleine Teile zerlegt, die kaum größer als ein Daumen waren. Selbst die spiegelnde Metallfläche auf dem Kühlschrank war zerbeult und mit Messern zerkratzt worden.

Wer immer es gewesen war, dachte Wagner, hatte die Möbel und andere Gegenstände benutzt. Bücher, Lampen, Gläser, Stühle und Sessel – alles war wild durch einander geworfen oder als Hiebwaffe benutzt worden.

Selbst sein Computer war von seinem Platz am Schreibtisch fortgeschafft – alle Kabel hatte man mit brachialer Gewalt heraus gerissen – und in die Glasvitrinen geschleudert geschleudert worden.

Wagner tastete nach seiner Hosentasche, hinten am Gesäß. In der einen Tasche sein Briefbeutel. In der anderen…eine Sicherheitskopie seiner Arbeit, eine kleine, transportable Festplatte. Er wusste, vermutete wenigstens, was sie gesucht hatten. Wenn es denn nicht nur eine Einbildung gewesen war.

Er hatte seine Fotographien des Abends im Guignol noch, dort wo er sie gestern Abend erst gesichert hatte.

Die Verwüstung ließ ihn unsicher zurück. Er ging hindurch, hob Bruchstücke seiner Möbel auf, schob Glassplitter mit den Schuhen herum, befreite ein Buch aus einem Trümmerhaufen und blätterte sinnlos die Seiten durch.

Erst nach fünf oder zehn Minuten – es war für Wagner schwer zu sagen – näherte sich ihm der Mann, der die Wohnung inspiziert hatte.

„Herr Wagner?“, sagte er, vorsichtig, fast behutsam. „Wir müssen ihre Aussage zu Protokoll nehmen. Ordnungswidrigkeit und so weiter. Lassen Sie uns das jetzt machen, dann können wir Sie in Ruhe lassen.“

Wagner willigte ein, etwas durch den Wind. Er blieb stehen, während der Polizist sich einen der zwei verbliebenen Stühle nahm und an die Küchenzeile heran schob. Er holte Zettel und Stift aus seiner Brusttasche, daneben ein Tonbandgerät.

Wagner starrte es an, als wäre es eine geladene Waffe. Der Mann lächelte entschuldigend.

„Also, Herr Wagner. Wissen Sie, was hier geschehen ist?“

„Ich war das nicht“, murmelte Wagner und blickte auf seine Hände. Er schüttelte den Kopf.

„Ich war das nicht, ich war das nicht. Ich erinnere mich daran, das hier gewesen zu sein.“

Das Tonbandgerät wiederholte seine Aussage, warf sie zurück in den Raum. Seltsam, dachte Wagner für einen Augenblick. Sollte so ein Gerät das tun? Der Polizist störte sich nicht daran. Er notierte Wagners Personalien auf seinem Protokollzettel.

Was das Gerät wiederholte…Es war noch Wagners eigene Stimme, aber anders. Verzerrt und angestrengt, wie von einem Willen, sich von seinen tatsächlichen Worten zu lösen. Als…als ob die Stimme unabhängig werde wollte.

„Ich war das“, schallte es vom Tonband wieder. „Ich erinnere mich daran.“

Wagner starrte das Tonband an. Der Polizist schien es nicht zu bemerken. Er schrieb weiter auf seinem Protokoll herum, notierte Wagners Personalien.

„Sie…sie hören das auch, oder?“, fragte Wagner ihn, starrte das Gerät an. „Dass es…es sagt andere Dinge als ich?“

Der Polizist blickte ihn einen Augenblick verwirrt an.

„Das Gerät ist von der Behörde geprüft und geeicht“, erklärte er, langsam, als ob er es mit einem Idioten oder Verwirrten zu tun hätte.

„Doppelte Absicherung von Protokollen und all das. Wir werden ihre Aussage schriftlich und digital aufnehmen. Sie sprechen auf das Tonbandgerät, ich notierem it. Wir werden den Mitschnitt löschen, wenn er nicht länger benötigt wird. Kümmern Sie sich einfach nicht darum, das Gerät ist gar nicht da. Sprechen Sie mit mir.“

Wagner sah ihn mit zusammengezogenen Augenbrauen an. Er nickte langsam. Der Polizist stellte seine nächste Frage:

„Wo waren sie die letzten Stunden? Etwa seit sechzehn Uhr?“

Seine Stimme wurde von dem Tonband nicht wiederholt, stellte Wagner verwirrt fest. Als Wagner selbst sprach, als er antwortete, spulte das Gerät seine Stimme aber erneut ab. Einen Bruchteil einer Sekunde nach seiner eigenen Stimme. Wie ein Nachbild, als wäre es ein tonaler Abdruck seiner eigenen Stimme. Und wieder veränderte sich dieses Nachbild, noch während er sprach.

„Ich war unterwegs,“ sagte Wagner und sah in seine zerstörte Wohnung. „und habe einen Spaziergang gemacht. Das hilft bei Streß und Anspannung, wissen Sie? Da verlasse ich einfach gern das Haus. Nur, um einmal rauszukommen.“

„Ich war beim Arzt“, hörte er stattdessen die Stimme sagen, „und habe mir eine Überweisung in die Nervenklinik geholt. Schizophrenie, wissen Sie? Werde mich demnächst in das Sanatorium Schlüsselberg einweisen, um das in den Griff zu bekommen.“

Als es ihm dämmerte, erstarrte er.

Was er hörte, das war nicht das Tonbandgerät. Was er hörte, war seine eigene Stimme, wie sie später auf dem Tonbandgerät zu hören sein würde.

Wagner starrte den Polizisten an. Er konnte nichts davon bemerken, da er nur Wagners tatsächliche Stimme hörte, die die in diesem Augenblick aus seiner Kehle kam. Was auf dem Gerät festgehalten wurde, das wäre etwas vollständig anderes.

Klar und eindeutig stand es vor Wagner, was geschehen würde.

In wenigen Stunden oder Tagen, wenn ein Kollege das Protokoll mit dem Tonbandgerät verglich, würde es zu einiger Verwirrung kommen. Man würde die Abweichungen bemerken, sich für einen Augenblick wundern, weshalb das schriftliche Protokoll so dermaßen anders wäre – und dem audiellen Beweis von Wagners Aussage glauben.

Die Technik log schließlich nicht.

Mit jedem Wort, das er sprach, würde er sich mehr und mehr selbst beschuldigen. Mit jedem Wort würde er sich später verrückter anhören. Mit jedem Wort würde er der Stimme in seinem Kopf mehr Macht geben.

Also schwieg er und schüttelte den Kopf, als der Polizist ihn aufforderte, weiterzusprechen.

Er wandte ihm den Rücken zu, suchte mit den Blicken nach irgendetwas in der Wohnung.

War er tatsächlich schizophren, wie seine Stimme es behauptete, und bildete er sich bloß ein diese harmlosen Dinge zu sagen, während er in Wirklichkeit von Einweisung sprach, von seiner angeblichen Gewalttätigkeit?

War er…verrückt?

Der Beamte sah ihn an, als wäre er es.

Der Polizist legte Zettel und Stift beiseite und sah ihn geduldig an.

„Nun, Herr Wagner“, sagte er, vorsichtig und behutsam so als fürchtete er, seine Worte würden Wagner wieder in Rage versetzen. Als würde er glauben, dass Wagner selbst seine gesamte Wohnung in einem Wutanfall zertrümmert habe.

„Ich denke, wir sind für heute soweit fertig…Kommen Sie bitte morgen irgendwann im Präsidium vorbei. Ich verstehe, dass das alles sehr erschütternd für Sie sein muss, aber wir können Ihnen nur helfen, wenn Sie uns lassen. Hier haben Sie meine Karte.“

Wagner nahm die Visiten entgegen, ohne einen Blick darauf zu werfen. Er würde nicht zur Polizei gehen. Er würde einen Scheiß tun. Was wusste er schon, was er sagen würde, was seine Stimme gegen seinem Willen an Lügen und Unwahrheiten verbreiten würde?

Ohne dem Polizisten diese Befürchtungen mitzuteilen, nickte er lediglich, den Mund zu einem dünnen Strich gepresst.

Dann war sie wieder da. Kurz, bevor der Beamte das Tonbandgerät ausschaltete, hörte er sie. Ohne, dass er den Mund geöffnet hatte, war da diese Stimme in seinem Kopf. Seine Stimme, aber ohne, dass er sie dorthin gerufen hatte.

„Hauen Sie ab!“, sagte sie. „Ich brauche Ihre Hilfe nicht. Ich habe nichts getan, weswegen Sie mir meine Zeit und Nerven stehlen müssen. Und wenn dieses Flittchen sie geschickt hat, diese…diese Ombrage, dann sagen Sie ihr, dass ich mich nicht schikanieren lasse. Sagen Sie ihr das, ja? Ich lasse mich nicht schikanieren. Sie wollte es so, Sie hat mich angefleht, dass ich es ihr besorge.“

Wagner starrte den Beamten an, der in aller Seelenruhe seine Geräte einpackte, sich erhob und ihm einen guten Abend wünschte. Als ob er nichts gehört hätte. Als ob nicht gerade eine Stimme, Wagners eigene Stimme…

Es war Blödsinn, es war alles Blödsinn. Er hatte das Fräulein nie berührt, hatte Sie nie wieder gesehen nach diesem einem Abend. Weshalb war das in seinem Kopf? Weshalb hörte er diese Dinge dann, wenn er sie nicht sagte, wenn sie nicht einmal wahr waren? Weshalb…weshalb war er sich so sicher, dass genau diese eine Lüge keine Wahnvorstellung war, sondern auf dem Tonbandgerät auftauchen würde?

Er fühlte, wie es in seinen Ohren rauschte. Wie das Blut in ihm zu kochen begann, wie es erst vor wenigen Stunden der Fall gewesen war. Die Welt wurde kleiner, zog sich zurück von ihm oder er zog sich von ihr zurück, in eine kleine, sichere Blase, die nur aus seinem Kopf bestand.

Alles andere, alles um ihn her – seine zerstörte Wohnung, der Polizist, der sich durch den Schutt kämpfte, die Geräusche von der Straße – stürzte ein.

Er floh, so wie er erst vor wenigen Stunden aus seiner Wohnung geflüchtet war. Er war an den Polizisten vor seinem Eingang vorbei und in den Straßen der Stadt verschwunden, bevor man ihn aufhalten konnte.

Wohin er lief, welchen Weg er ging, selbst dass seine Füße sich bewegten, wusste er nicht. Überhaupt wusste er gar nichts in diesen Momenten, die er wie ein Tier durch die Straßen hastete, bis alle Augenblicke in diesem einen verschwammen und ineinanderliefen.

Es gab nichts weiter für ihn, als seinen Kopf, in dem alles rauschte und durcheinander taumelte. Und diese paar Worte. Diese Worte, die seine eigene Stimme geflüstert hatte, ohne dass er sie dazu angewiesen hatte.

Ich lasse mich nicht schikanieren, dröhnte es in seinem Kopf. Höhnisch, verächtlich, da er selbst es doch war, der schikaniert wurde, dem Lüge um Lüge angehängt wurde, bloß weil er ein Lügner und Aufreißer war.

Wie lange er erneut durch die Straßen taumelte, wusste er nicht. Sein Zeitgefühl hatte sich im Lauf des Tages vollständig aufgelöst, irgendwann zwischen seiner ersten Panikattacke am Nachmittag und der Warterei beim Arzt.

Erst, als er zu laufen aufhörte, kam er wieder zu sich. Ob er von selbst angehalten hatte, ob er noch genug Kontrolle über sich und sein Leben hatte, um den Weg hierher selbst gewählt und verfolgt zu haben, das konnte er nicht sagen.

Aber die Gegend, in der er zu sich kam, kannte er. Sie lag im Zentrum der Stadt, eine dieser alt ehrwürdigen Straßen, die nach dem einen oder anderen König oder einer Königin benannt worden war. Das Gebäude, vor dem er zum Stehen gekommen war, war eines dieser älteren Häuser mit einer klassizistischen Fassade, mit Gesichtern unter den Fenstern. Im dunklen Laternenlicht zogen sie ihre Fratzen und sahen ihn vorwurfsvoll an. Es mochte auch Mitleid sein, das in ihre langen Gesichter gemeißelt stand – im Halbdunkel konnte er das nicht erkennen.

Wagner fand sich vor dem Bureau von Dr. Mühsam wieder.

Vielleicht war Markus schon lange fort, nach Hause gegangen oder zu einem späten Geschäftsessen. Vielleicht aber war es einer dieser Tage, an denen er noch ein wenig länger blieb. An denen er nur ein paar Stunden mehr im Bureau zubrachte, weil er wichtige Telefonate zu führen hatte oder der Gattin aus dem Weg gehen wollte.

Die Tür zum Haus war, wie immer, geöffnet. Auch nach Sonnenuntergang wurde sie selten abgeschlossen. Es gab im ganzen Haus nicht eine einzige Wohnung, nur ein Dutzend oder mehr Bureaus für Anwälte, Medienvertreter, Impresarii, Werbeagenten und anderes Gesindel, das zu jeder erdenklichen Uhrzeit Besucher und zwielichtigere Klienten empfing.

Das Bureau der Agentur Mühsam lag am Ende der großen Treppe im Foyer, entlang einer kleinen Galerie, die über dem Durchgang zu den Hinterhöfen entlang führte.

Auch hier war die Eingangstür offen.

Nun, „Agentur“ war eigentlich schon zu viel gesagt. Es war eine ehemalige Wohnung, die in mehrere kleine Bureaus zerhackt worden war. Eine Sekretärin im ehemaligen Wohnzimmer, eine kleine Küche für die Belegschaft, die sich die vormaligen Raucher- und Schlafzimmer teilten.

Markus hatte das größere Bureau in Beschlag genommen, natürlich das Arbeitszimmer mit Blick in den ruhigen Innenhof. Eine Schande eigentlich, da er es nur zwischen zwei oder fünf Terminen benutzte. Und um Abends seiner Gattin zu entkommen.

Niemand hielt Wagner auf, als er hinein ging. Keine Assistentin wartete an der Rezeption, kein Mitarbeiter schob Überstunden oder aß in der Küche. Keine Polizei, die ihm hier auflauerte oder Markus zu ihm befragen wollte.

Nur eine Stimme flüsterte vom Ende des Ganges her. Aus Markus‘ Bureau.

Wagner fand dort Markus und erstarrte für einen Augenblick. Er telefonierte offenbar, in dieser leisen und gepressten Stimmlage, die einer hat, wenn er ein wichtiges und ernstes Gespräch führt.

Mehr als Fetzen waren trotzdem für Wagner nicht zu verstehen, auch wenn er sich anstrengte und an der nur einen Spalt geöffneten Tür lauschte. Erst war es Höflichkeit gewesen, die ihn am Eintreten gehindert hatte. Sein Freund telefonierte, was sollte er dort einfach zu so später Stunde ungebeten herein platzen?

Dann war es Neugier gewesen, ganz einfach. Neugier darüber, vor wem sich der stattliche und ansonsten sture Markus derartig in den Staub warf.

„Nein, Herr Direktor. Nein, ich bitte Sie. Ich…Ja. Ja, ich verstehe ihre Wut ja, Herr Direktor. Bitte, wenn Sie mich nur…Nein, wir haben nichts davon gewusst. Natürlich haben wir es nicht gewusst, mein Herr. Ich versichere Ihnen, wir hätten sonst nie…“

Markus stand am Fenster, etwas seitlich von dem dünnen Streifen Raum, den Wagner durch den Türspalt sehen konnte. Viel mehr als Markus‘ breiter Arm mit dem Telefon war für ihn nicht erkennbar.

„Nein, es wird natürlich nicht wieder…“, hörte er Markus sagen. „Wir sind untröstlich, Herr Direktor, und ebenso schockiert wie Sie…Natürlich. Ich verstehe. Lassen Sie mich Ihnen…Wie? Personale Konsequenzen, natürlich, natürlich.“


Dann Schweigen für einige Sekunden. Sekunden, in denen Wagner das das Herz bis zum Hals sprang und er fest überzeugt war, dass Markus ihn doch hören musste. Das dieses Schlagen in seiner Brust für ihn genau so dröhnend sein musste, wie für ihn. Dass dieses Rauschen in seinen Ohren auch ihn erfassen müsste bei diesen Worten, dieser Ungerechtigkeit, diesen Verleumdungen.

Markus unterbrach seine aufsteigende Panik mit einem Seufzer.

„Ihnen ebenfalls einen guten Abend, Herr Direktor“, sagte er und legte auf.

Für einen Augenblick schien es, als vergrübe er das massige Gesicht in den Händen. Stille herrschte wieder, bis auf das angestrengte Atmen von Markus. Seine Arme bewegten sich, als führe er mit der einen Hand mehrmals über sein Gesicht. Dann verschwand er vollständig aus dem dünnen Streifen Raum, der für Wagner einsichtig war.

Glas klirrte, ein Geräusch wie von fließendem Likör. In der einen Ecke des Bureaus, erinnerte sich Wagner, stand ein Kabinett mit allerlei Schnäpsen und dicken Kristallgläsern, die Markus „für besondere Gäste“ und späte Überstunden in seinem Arbeitszimmer aufbewahrte.

Markus hatte also einen Anruf erhalten. Vom Direktor des Guignol allen Anschein nach. Sie mussten über ihn gesprochen haben. Über Wagner und die Dinge, die er der Presse erzählt hatte, bevor…bevor was eigentlich? Bevor er den Verstand verloren hatte? Oder bevor man ihm garstige Streiche gespielt hatte, um ihn das nur glauben zu lassen?

Er schüttelte den Kopf und atmete flach, unhörbar, ein und aus. Mit einer Hand fuhr er sich durch das Haar, warf es aus der Stirn, und streckte den Rücken gerade.

Dann klopfte er und trat, ohne auf Antwort zu warten, ein.

Markus stand wieder am Fenster, starrte mit einem Glas, halb gefüllt mit bernsteinfarbener Flüssigkeit, in der Hand hinaus. Er drehte den Kopf, in seinen Augen eine Mischung aus Erleichterung und Überraschung. Seine Stimme war flach.

„Johann!“, sagte er . Unwillkürlich wich er ein Stück zurück. Unwillkürlich, sicherlich, bloß die Überraschung, Johann so unvermutet zu sehen. Keine Angst. Sicherlich war es keine Angst.

„Was hast du getan?“, fragte er. „Gott, Junge, was hast du angestellt?“

„Ich hätte auf dich hören sollen“, sagte Wagner. „Ich hätte einfach auf dich hören sollen.“

Er machte einige Schritte in den Raum hinein, verschloß die Tür hinter sich. Was für ein Gesicht er machte, konnte er nicht sagen. Aber er sah, wie Markus reagierte. Wie er ihm einen Arm um die Schulter legte, ihn in den Sessel vor dem Schreibtisch presste und ihm das eigene Glas in die Hand drückte.

Wagner musste elend aussehen.

„Meine Güte, Johann, vergiss das. Das ist doch egal. Du hättest auf mich hören sollen, hast du aber nicht. Was passiert ist, ist passiert, das hätten wir schon irgendwie…aber das?“

Markus nahm sich ein weiteres Glas aus dem Kabinett, ließ sich in seinen eigenen Sessel fallen. Auf dem Tisch stand noch die Karaffe, aus der er sich eingeschenkt hatte.

„Was? Was meinst du?“, fragte Johann. „Das Chaos mit der Presse hat sich erledigt, abgeblasen alles. Die WORT hält es für einen schlechten Scherz, einen erbärmlichen Schrei nach Aufmerksamkeit von einem Verrückten.“

Markus sah ihn an, als wäre er plötzlich und unvermutet gegen eine Ziegelmauer gefahren. Dann schüttelte er den Kopf und trank einen guten Teil seines Getränks. Brandy, dem Geruch nach zu urteilen.

„Ich habe gerade mit dem Direktor des Guignol telefoniert, Johann“, sagte er. „Er wird Anklage erheben. Nicht wegen deiner Bilder, nicht wegen der Presse. Sondern wegen…Unsittlichkeit.“

Wagner starrte ihn an.

„Was?“, fragte er.

Das Glas in seiner Hand fühlte sich schwer an. Zu schwer, um es zum Mund zu führen. Alles Blut war ihm in den Magen gesackt.

„Belästigung, Mann. Sexuelle Belästigung einer Mitarbeiterin. Einer Kuratorin, irgendeiner Ombrage. Er sagt, du hättest sie belästigt an dem Abend und später noch. Unangemessene Fotos von ihr machen wollen, sie erpresst. Er behauptet, sie hätten dich auf Band, wie du ihr drohst, sie solle besser ihren Mund halten.“

Sein Mund war plötzlich trocken geworden. Er stürzte einen teil seines Getränks hinunter. Es war scharf und beißend, half aber wenig.

„Das ist unmöglich“, sagte Wagner lahm. „Ich…ich habe diese…diese Demoiselle einmal gesehen in meinem Leben, an jenem Abend selbst. Sie war hübsch, ja, vielleicht sogar mein Typ. Aber ich hätte doch nie…ich könnte gar nicht.“

Er riss die Augen auf, als wäre der Gedanke erschreckend für ihn.

„Ich war unprofessionell, ja. Himmel, ja, aber doch nicht so. Ich wäre doch niemals so dumm und…“

Die Farbe war aus seinem Gesicht gewichen. Er fühlte es. Wie sein Gesichtsausdruck zu einer Maske wurde. Wie ihm das Blut und die Galle wieder aus dem Magen zu kriechen begann. Nach oben in seinen Kopf.

„Du glaubst mir also nicht.“

Markus blieb ruhig, entsetzlich ruhig.

„Ich will dir doch glauben, Johann. Aber meine Fresse, die haben dich auf Band. Dich, deine eigene Stimme, wie du diesen Mist von dir gibst. Wie du ihr drohst, sie ein Flittchen nennst, die alles wollte. Vier Tage, ganze vier, höre ich nicht ein Wort von dir, und aus heiterem Himmel tauchst du hier auf, die Hände voll blutigen Bandagen, und fängst an zu schreien.

Wie soll ich da wissen, was ich glauben kann?“

„Das weiß ich doch auch nicht! Ich kann mir nicht vorstellen, was passiert ist, wie sollst du es da können? Ich weiß nicht, woher diese Dinge kommen, weshalb…weshalb die Polizei vorhin bei mir war, weshalb meine Wohnung nur noch Schutt ist, weshalb du…woher diese Dinge kommen.

Ich weiß nur, dass ich es nicht war. Dass ich keines von diesen Dingen getan habe, die man mir hier unterstellt. Nicht willentlich, nicht wissentlich jedenfalls.“

Wagner biss sich auf die Unterlippe, sackte in seinem Sessel zurück.

„Vielleicht verliere ich ja den Verstand. Vielleicht wäre es das beste, wenn…Aber ich schwöre dir, ich wollte es nicht, selbst wenn ich es war.“

Wortlos griff Markus nach dem leeren Glas von Wagner, füllte es auf. Es kratzte über den Tisch und blieb kurz vor der Tischkante stehen. Wie eine Aufforderung, die Markus nicht auszusprechen brauchte.

Markus‘ Blick glitt zu den bandagierten Händen, mit denen Wagner sich die Schläfe massierte.

„Was ist passiert?“, fragte er.

Lange starrte Wagner auf das Glas vor sich, blickte dann unruhig durch das Büro. Es war wuchtig eingerichtet, wie sein Bewohner. Der Kabinettschrank aus dunklem Eichenholz in der Ecke, der Tisch eine einzige massive Platte mit einem Sortiment an Federhaltern und Papierstapeln bedeckt. An einer Ecke eine Zigarrenschachtel. Hinter Markus‘ Rücken eine einzige, massive Regalwand voller Bücher, die sich bis zur drei Meter hohen Decke stapelten.

Wagner fand nichts, an dem er sich festhalten konnte. Nichts, außer das Glas.

„Habe meine Wohnung zerlegt“, sagte er schließlich. „Jedenfalls das Bad, vielleicht auch den Rest. Ich weiß nicht, kann mich nicht daran erinnern. Alles ist zerschmettert, zertrümmert in kleine Teile. Jeder Spiegel, jedes Glas, selbst die Fernseher und Spiegelflächen am Kühlschrank. Findest in der ganzen Wohnung nicht ein Stück Glas, das größer als mein Daumen ist. Denke auch die Kamera und die Telefone hat es erwischt. Alles mit einem Mikrophon oder einer Kamera oder einem Lautsprecher. Alles, was Abbilder von mir machen oder sie wiedergeben konnte.“

Ein gequälter Ausdruck schlich sich auf sein Gesicht. Unschlüssig drehte er das Glas in seinen Händen, ein schiefes Lächeln auf den Lippen.

„Muss mich dabei geschnitten haben, böse. Als ich zu mir kam, stand ich irgendwo am anderen Ende der Stadt. Die Hände aufgefetzt und blutig, ohne Erinnerung an die letzte…Stunde? Zwei Stunden? Ich weiß nicht.“

„Ich verstehe nicht“, sagte Markus. „Wieso? Weshalb tust du so etwas?“

Zum ersten Mal, seit er das Bureau betreten hatte, sah er Markus in die Augen. Markus hatte die Stirn gerunzelt, einen Ausdruck von Sorge im Gesicht.

„Ich habe einen Anruf bekommen“, sagte Wagner, als wäre es das normalste von der Welt. „Von einem Reporter, weiß den Namen nicht mehr. Ich habe ihn ignoriert, so wie den ganzen Rest. Er rief wegen der Bilder an, so wie alle anderen. Wollte ein Interview. Ich bin nicht ran gegangen, aber…aber irgendjemand anderes hat mit ihm geredet. Mit meiner Stimme hat er mit ihm geredet. Als ob ich es gewesen wäre, aber ich war es nicht.“

Wagner schüttelte den Kopf. Er stürzte die Hälfte seines Brandys hinunter, schüttelte erneut den Kopf. Der Alkohol machte sich rasch bemerkbar. Den halben Tag hatte er nichts gegessen, fiel ihm auf. Dafür war keine Zeit gewesen zwischen seinem zerstörerischen Wutanfall und seiner Flucht zu Markus.

„Aber…wieso?“, fragte Markus wieder. „Was hat das mit dem Guignol zu tun? Oder mit diesem Vorwurf, den der Direktor hat?“

„Ich weiß es nicht“, sagte Wagner lahm. „Ich weiß es einfach nicht.“

„Die haben dich auf Band, Johann. Der Direktor hat es mir vorgespielt vorhin. Es ist deine Stimme, ganz sicher, die diese Frau bedroht. Die ihren Namen in sagt, sie beschimpft und bedroht.“

Wagner schüttelte den Kopf. Er stürzte den Rest seines Glases herunter.

„Ja. Meine Stimme, aber nicht ich.“

Er grinste schief.

„Ich weiß nicht, was hier läuft“, sagte er, „aber ich schwöre dir, ich habe eine fremde Stimme gehört, die ganz genau wie meine klang. Wer weiß schon, was die für technische Tricks haben. Die Kerle vom Guignol mein ich. Vielleicht haben sie das irgendwie gefälscht. Das geht, mit modernen Computern geht so etwas. Himmel, vielleicht war es sogar meine Stimme und ich verliere wirklich den Verstand. Vielleicht habe ich diese Dinge gesagt, bin ein verschissener Psycho und verdiene alles das hier, weil ich kaputt bin im Kopf.“

Eine bandagierte Hand klammerte sich um die Kante des Tisches. Wagner stemmte sich empor, das Kristallglas polterte zu Boden.

„Danke für deine Zeit, Markus“, sagte er und zwang sich zu einem Lächeln. Es schmerzte ihn, um die Mundwinkel herum. Dann wandte er sich zum gehen.

„Du hörst von mir. So oder so.“

Markus war überrascht davon und blieb sitzen, wo er war.

„Johann!“, rief er ihm hinterher. „Wo willst du hin? Johann!“

„Weg“, sagte Wagner und schwankte durch die Tür. Der Blutverlust, die Nerven, der Alkohol – alles betäubte ihn, ließ ihn schneller betrunken werden, als er je gedacht hätte.

„Ich muss raus, irgendwohin. Woanders hin.“

Grotesk – Teil V: Zerschlagen

Der Himmel stand in Flammen und mit ihm Johann Wagners Schädel. Der Smog, die Gifte in der Luft, wurden in Rot getaucht. Die Schatten wurden länger und dicker, bevor sie endgültig die Nacht erobern würden.

Ein sich anbahnender Sonnenuntergang, ein ganz gewöhnlicher, der Wagner trotzdem in Verwirrung stürzte. Sein Schädel hämmerte, unbestimmte Kopfschmerzen verweigerten ihm klare Gedanken. Das Licht stach ihm in den Augen, ja, aber da war noch mehr. Da war eine Art von Bewusstlosigkeit und geistiger Ohnmacht. Wie nach dem übermäßigen Konsum von Alkohol und anderen Rauschgiften.

Bloß war er nüchtern.

Ihm war vage bewusst, dass er durch Straßen ging, die er nicht kannte. In einem eiligen Tempo, die Hände in den Taschen vergraben, ging er umher. Irgendwohin. Gleich wo, er wollte es nicht wissen.

Die Straßenzüge, die Namen der Geschäfte und der Gassen, sagten ihm so wenig wie die Gesichter der Menschen oder die Schornsteine am Horizont. Er hätte seine Position in der endlos großen Stadt genau so gut nach dem Stand der untergehenden Sonne bestimmen können.

Seine Hände schmerzten ebenfalls, stellte er fest. So ein Klopfen, das von seinem Herzen ausging, seine Brust beben ließ, in seinen Händen pulsierte. Sie waren warm, in seinen Hosentaschen, heiß beinahe, und der raue Stoff seiner Jeans rieb unangenehm an ihnen.

Schrammen übersähten sie, als er sie hervor zog, um sie zu betrachten. Blut floß zwischen seinen Knöcheln hervor, aus Schnitten am Handrücken, auf den Seiten. Risse klafften im Fleisch seiner Handinnenfläche.

Natürlich. Er hatte seine Spiegel zerschlagen. Daran erinnerte er sich noch. Hatte mit bloßen Fäusten in seinem Badezimmer gewütet, die Schränke und Spiegelchen von den Wänden gerissen, wieder und wieder gegen die Emaille geschmettert. Das größte verbleibende Stück war kaum größer als sein Daumen gewesen.

Als ob das Objekt etwas für seine Wahnvorstellungen konnte, die sich darauf gerichtet hatten.

Seine Hände zitterten wieder, als er daran zu denken begann. Als die Erinnerung aus dem Nebel seiner Kopfschmerzen empor stieg.
Er stand unter der selben Spannung, die sich vor kurzem erst in diesem Wutanfall entladen hatte.

Ein Blick in den Himmel hinter den Häusern, jenseits der Straßen, die er ohne ein Ziel verfolgte, lenkte ihn davon ab. Nichts war da. Er hatte nichts anderes erwartet…und war trotzdem enttäuscht.

Kein großer Funkturm, der ihm den Weg wies. Keine Schornsteine eines Kraftwerks. Keine Kirche auf einem Hügel.

Nichts, woran er sich halten könnte.

In seinen Taschen fand er nicht viel. Sein Portemonnaie, wie immer in der Gesäßtasche verstaut. Eine halbe Packung Kaugummis. Ein Feuerzeug ohne Zigaretten, er war ja Nichtraucher. Kein Schlüssel. Auch kein Telefon.

Er musste gegangen sein, ohne an seinen Mantel zu denken oder auch nur die Wohnungsschlüssel.

Es wurde frischer, je weiter die Sonne sank, und ihm fröstelte ohne eine Jacke.

Wie lange er schon gelaufen war, konnte er schlecht sagen. Die Sonne stand tief, der Herbst stach ihm weiter in die Augen. Aber er hatte alles Zeitgefühl verloren.

Seine Hände bluteten und sein Kopf schmerzte – das war ihm genug.

Er war aus seinem alten Leben heraus gefallen, wie ein Bild aus einem zerstörten Rahmen.

Irgendetwas in ihm war zerbrochen, vielleicht auch um ihn herum. Er war sich da nicht mehr so sicher. Sein Badezimmer war wenig mehr als nur das sichtbare Anzeichen dessen, dass etwas in ihm, irgendetwas, kaputt war. Normale Menschen taten so etwas ja nicht. Normalen Menschen passierte das nicht, dass sie einfach in Hast und Panik aufsprangen und ihrem gesunden Verstand davon liefen.

Aber er war aus seinem Leben heraus gekommen.

Die Möglichkeit, dass er wirklich…dass sich ihm wirklich…Er verwarf diesen Gedanken. Sein Schatten hatte unmöglich mit ihm gesprochen und sich unmöglich von ihm gelöst.

Er war verrückt geworden vor Stress und Aufregung. Das war alles.

Ein Arzt. Ein Arzt würde ihm helfen. Selbst wenn er ihm nur die Hände verband und etwas gegen diese Kopfschmerzen tat, damit er wieder klar denken könnte.

Wagner hätte auf seinem Mobiltelefon nach einem in der Nähe gesucht, wenn er noch eines besessen hätte. Doch das lag in Einzelteilen in seiner Wohnung, im Anflug seines Anfalls zerschmettert.

Er zweifelte ohnehin, dass es ihm viel genützt hätte. Vermutlich hätte es nur einen weiteren Ausbruch provoziert.

Sein Blick senkte sich wieder, folgte den Schatten der Häuser.

Nichts. Wieder nichts. Auf dem Beton des Gehwegs zogen sich die Schatten länger, streckten sich und streckten sich. Die kurzen Knubbelbeine einer Dame im Pez wurden zu eleganten Stelzen, ihr dicker Mann zu einem Adonis.

Er zögerte, an sich selbst hinab zu blicken, seinen eigenen Schatten zu suchen. Vorsichtig vermied er es, seinen Blick auf sich selbst zu richten. Er wusste nicht, ob er diesen Anblick ertragen könnte.

In der Öffentlichkeit der Straße fühlte er sich nackt. Obwohl niemand ihn kannte, obwohl die wenigen Passanten des herbstlichen Abends sich ihren eigenen Geschäften und Sorgen widmeten und ihn kaum ein Blick berührte.

Trotzdem fühlte er sich von jedem Passanten beobachtet. Angefasst. Als würde jede Minute einer von Ihnen schreiend vor ihm zurück weichen und alle Aufmerksamkeit auf ihn lenken. Mit dem Finger auf ihn zeigen und alle Welt wissen lassen, dass er verrückt war. Abnormal auf eine Art und Weise, die sich äußerlich zeigte, auch wenn es alles nur in seinem Kopf war.

Als würde jederBlick sein Innerstes nach Außen kehren. Als ob sie alle wüssten…

Wagner schüttelte seinen Kopf, verbarg seine blutigen Hände wieder in den Taschen seiner Jeans. Er musste fort, an einen gesünderen Ort.

Für einen Urlaub war es zu spät. Er könnte, wenn er wollte. Könnte zum Bahnhof, ein Ticket nur irgendwohin kaufen. Weg. Nur weg von hier, von diesen Blicken. Weg von sich selbst und dem, was er an die Öffentlichkeit zu zerren drohte. Seine Abnormalität, seine Verrücktheit.

Er könnte fliehen vor diesen Blicken. Dorthin, wo niemand ihn kannte. Aber vor sich selbst? Konnte er vor seinem eigenen Schatten fliehen, falls er…

Ein Arzt, sagte er sich wieder. Im mindesten würde er sich normal fühlen und gesund zwischen all den wirklich Siechen und Sterbenden. Zwischen den Alten und Kranken.

Er betrat ein Kaffeehaus an der Ecke, vorbei an der Dame mit dem eleganten Schatten und ihrem schattenhaften Adonis. Vorbei an ihren leeren Blicken und oberflächlichem Gespräch miteinander.

Wagner verbarg seine Hände und seine Schmerzen. Der Kellner schien irritiert über seine Frage, war aber freundliche genug. Er zeigte ihm den Weg zu einer Praxis, keine drei Querstraßen weiter.

Sie fand sich leicht genug. Ein unscheinbares Gebäude, hässlich, mit bronzefarbenen Fenstern und braunem Plastik als Verkleidung. Eine ganze Reihe von Ärzten hatten sich darin niedergelassen. Zahnärzte, Chirurgen, Sexualärzte, ein Labor. Er ging zu einem der Allgemeinmedzinier.

Die Frau an der Rezeption wollte ihn abwimmeln. Die Kartei sei voll hieß es, der Herr Doktor nähme keine neuen Patienten an für dieses Jahr. Man könne ihm einen anderen empfehlen, der sicherlich nächste Woche Zeit und Geduld habe, sich seine Sorgen anzuhören.

Sie ließ ihn erst ein, als er ihr seine zerrissenen Hände zeigte.

Wortlos nahm sie sein Portemonnaie entgegen und entnahm seine Personalien selbst, ehe er Sie und ihre Papiere mit seinen Händen befleckte.

Immerhin gab Sie ihm eine Packung Taschentücher, um die ärgste Blutung zu stillen.

Die Zeit des Abends rauschte an Wagner vorbei, ohne dass er sie mit einer Stundenzahl hätte beziffern können. Er beobachtete die anderen Menschen im Wartesaal, unterhielt sich selbst damit, ihre Krankheiten zu erraten oder die Gründe für ihre Verletzungen.

Es war grausam von ihm, unmoralisch vielleicht, aber es erzielte die erhoffte Wirkung. Er fühlte sich besser, umgeben von so vielem echten Leid. Wenn er die Frau mit dem gelähmten Gesicht betrachtete, mit den dicken Pflastern am Hals und den Unterarmen, fühlte er sich gesünder.

Immerhin ging es ihm nicht dermaßen schlecht.

Irgendwann ertönte ein „Herr Johann Wagner in Untersuchungszimmer Zwei, bitte“ aus der Sprechanlage und schreckte ihn aus seiner gedankenlosen Starre.

Es war nicht seine Stimme, die ihn dazu aufgefordert hatte, sondern eine fremde. Eine, die zu einem Mann gehörte – vermutlich dem Herrn Doktor -, der sie auch benutzte. Einfach eine ganz normale Stimme, die aus einem ganz normalen technischen Gerät gedrungen war.

„Herr Johann Wagner, bitte, Zimmer Zwo“, wiederholte es.

Der Arzt, ein gewisser Doktor Edward Trip, war ein freundlicher Herr mittleren Alters. Ein kastiges Gesicht, eine unaufdringliche Frisur, eine dicke Brille. Er stieß Wagner sauer auf, obwohl er nichts tat, das ihn wirklich abstoßend machte.

Er verband ihm anstandslos die Hände, nachdem er sie mit einer betäubenden Salbe eingerieben hatte. Nur ein paar Fragen stellte er, die Wagner auch nicht irritierten. Er hatte mit Fragen dieser Art gerechnet, sie vielleicht sogar erhofft. Von sich aus könnte er es nicht erzählen.

Ob er einen Unfall gehabt hätte? Nein, nicht direkt. Viel Streß in letzter Zeit? Nicht mehr als gewöhnlich, das meiste davon selbst gemacht. Ob er schlecht schliefe, sich selbst medikamentierte? Nicht über die Maßen, nein. Er trank selten, ein Glas Wein am Abend, dann und wann auch mal zwei. Keine Drogen, nein, ganz sicher.

Wagner starrte auf seine Finger, die Doktor Trip ebenfalls verband. Ausbrüche seien normal, besonders wenn gewisse Dinge lange verborgen liegen, unterdrückt. Die menschliche Psyche fände einen Weg, sich Gehör zu verschaffen. Manchmal auch gewaltsam.

Seine Stimme war die Ursache, stellte Wagner fest. Es war seine Stimme, die ihn so irritierte. Sie war so mild und weich und verständnisvoll, so über alle Maßen zuvorkommend, dass es beinahe aggressiv war.

„Ich bin nicht verrückt“, sagte Wagner.

„Das wollte ich keinesfalls andeuten, Herr Wagner“, sagte der Arzt ohne aufzusehen. „Die meisten Menschen beginnen nur nicht spontan an den Händen zu bluten und sie sehen mir nicht wie ein Straßenkämpfer aus.“

Wagner kaute auf seiner Unterlippe, blickte aus dem Fenster. Schließlich brach es aus ihm hinaus.

„Ich bin gestresst, ja, Himmel. Natürlich, ich spiele ein nicht ganz ungefährliches Spiel und vielleicht, vielleicht auch nicht, ist eine Gruppe mächtiger Leute hinter mir her, um mich für dieses Spiel zu bestrafen. All der Medienrummel, den ich mir selbst aufgehalst habe, mag Druck auf mich ausüben, der mich streßt.“

Das brachte den Arzt dazu, aufzuhorchen. Nachdem er Wagner eine Wundsalbe gegeben hatte, setzte er sich hinter seinen Schreibtisch, öffnete eine dünne, dünne Akte.

„Die Nerven“, sagte Wagner. „Nichts weiter. Ein nervlicher Zusammenbruch…Ich weiß doch, dass diese Dinge, die ich erzähle, irrsinnig klingen müssen. Sie sind es sicherlich auch, aber das hilft mir nicht, wenn Sie verstehen? Nur weil ich weiß, dass es verrückt ist, macht es das nicht weniger real für mich, verstehen Sie? Da habe ich mich eben in einem Wutanfall entladen, habe mein Badezimmer zertrümmert, weil ich…weil ich…“

Doktor Trip sah ihn über den Rand seiner Brille hinweg verständnisvoll an. Mit so einem fragenden Unterton, der vielleicht noch schlimmer als Spott oder Unglaube war für ihn.

„Weil ich dachte, dass mein eigener Schatten sich gegen mich verschworen hat. Dass mein Spiegelbild mich töten will, verstehen Sie? Nicht nur einfach so, sondern wirklich, tatsächlich. Dass es sich geschworen hat, mich zu ruinieren und zu ermorden.“

Beschämt senkte er den Blick, starrte auf die verbundenen Hände in seinem Schoß. So viel wenigstens war wirklich. So viel konnte er für real halten.

Für einen Augenblick war nichts weiter zu hören als das kratzende Geräusch eines Federhalters auf Papier. Dann seufzte der Arzt und blickte ihn wieder an.

„Nun, Herr Wagner…das ist nichts ungewöhnliches, auch wenn Sie es glauben mögen. Ein momentaner Fall von paranoider Schizophrenie…Nicht Verrücktheit, beruhigen Sie sich. Eine kurzzeitige Umnachtung ist normal. Sie glauben nicht, wie viele Menschen ich jede Woche wegen solcher Dinge berate. Die Schuldgefühle und die Scham, sich mitzuteilen, machen diese Sache noch schlimmer. Es ist gut, dass sie so früh zu uns gekommen sind. Ehe diese Art von Gedanken Wurzeln schlagen und ihre Persönlichkeit nachhaltig verändern können. Sie müssen das als eine Warnung verstehen, einen Hilfeschrei ihrer Psyche, die nach Ruhe verlangt und Umsicht.“

Es folgte eine Reihe an Formalitäten. Man gab ihm eine Überweisung für einen Psychiater mit und empfahl ihm strengstens, für einige Tage völlig abzuschalten. Sich von der Hektik und dem Rummel, den er selbst geschaffen hatte, zu distanzieren. Digitale Entgiftung, nannte der Arzt das.

Neben einem unaussprechlichen Beruhigungsmittel mit gänzlich zu vielen Silben legte man ihm nahe, noch am nächsten Morgen einen Nervenarzt seiner Wahl aufzusuchen. Es müsste nicht gleich das Schlüsselburg Sanatorium sein, ein Therapeut in der Nähe seiner Wohnung sei ausreichend.

Wagner fand seinen Weg nach Hause im Licht der Straßenlaternen und Werbetafeln. Es war einfach genug, soald er erst einmal seinen Kopf beruhigt und an einer Haltestelle des öffentlichen Verkehrs eine Karte ausfindig gemacht hatte.

Er hatte ein gutes Stück Weg in seiner früheren Besinnungslosigkeit zurück gelegt. Eine gute Stunde dauerte es, bis er in einer ihm bekannten Gegend war. Noch einmal eine halbe, bis er in seine eigene Straße einbiegen würde.

Er ging zu Fuß. Nicht nur der Bewegung wegen. Auch wenn die Luft nicht unbedingt frisch zu nennen war bei dem ununterbrochenen Verkehr, aber sie kühlte ihm den Kopf. Er musste einmal hinaus. Das war es gewesen, der größte Teil jedenfalls. Er hatte sich selbst eingesperrt und wieder einmal ignoriert, dass sein Leib Forderungen an ihn stellte auch jenseits von Wasser und Brot.

Als er in die Kantstraße einbog, erstarrte er.

Er wohnte dort, in der Nummer 24, in einer kleinen Wohnung im vierten Stock, über einem kleinen Tabakladen und Kiosk.

Der Bürgersteig rund um den Eingang war abgesperrt. Um einige Möbel, die auf dem Asphalt zerschellt waren, lag Glas. Größere Brocken, die aus einem Fenster im vierten Stock stammen mussten. Auch die Möbel sahen seinen zum verwechseln ähnlich, abgesehen von den dunkelroten Flecken darauf. Flecken wie von roten Händen, die sie in Zorn gepackt und geschleudert hatten.

Aus dem Fenster, durch die Scheiben hindurch, die verteilt auf dem Gehweg lagen.

Unweit seiner Haustür stand ein Streifenwagen der Polizei, in diesem hässlichen Jagdgrün auf weiß. Er hatte seine Besetzung vor dem Haus ausgespien, wo sie warteten. Einer von ihnen sprach mit dem Besitzer des Lädchens unterhalb seiner Wohnung., der zweite lehnte am Hauseingang, beobachtete, rauchte.

Durch die Überreste seines Wohnzimmerfenster hindurch sah Wagner Bewegung. Ein dritter wahrscheinlich, der sich durch das vermutete Chaos in der Wohnung wühlte.

Wagner starrte in Unglauben hinauf. Er…erinnerte sich nicht an diese Szene. Nicht an die Möbel, nicht an seine Wut, nicht an seine völlige Zerstörung seiner Wohnung.

Der Polizist am Hauseingang löste sich von seiner Zigarette, kam herüber zu Wagner. Er trug ein unverbindliches Lächeln im Gesicht.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte er.

„Ich ähm…Nein, nein danke. Ich bin nur, nur neugierig.“

Das Lächeln des Polizisten blieb auf seinem Gesicht. Er schien Gaffer gewöhnt zu sein.

„Dann gehen sie bitte weiter, mein Herr. Es gibt hier nicht viel zu sehen. Wir kümmern uns schon darum, dass hier aufgeräumt wird, machen Sie sich da keine Sorgen.“

Sein Blick fiel auf die bandagierten Hände Wagners, in denen er das kleine Tütchen trug, das ihm der Arzt gegeben hatte. Das mit den Salben, dem Beruhigungsmittel und weiteren Bandagen.

„Sind Sie sicher, dass es Ihnen gut geht?“, fragte der Polizist mit erhobener Augenbraue.

Endlich löste Wagner den Blick von seinem zersplitterten Wohnzimmerfenster.

„Ich…ich wohne hier“, sagte er schlicht. „Denke ich.“

Grotesk – Teil IV: Eingesperrt

Sein Spiegelbild starrte ihn aus der Finsternis heraus an. Wagner starrte zurück, regungslos. Er atmete, gepresst und angestrengt.

„Was wollen Sie?“, fragte er.

Die verzerrte Stimme aus dem Telefon lachte, gluckste mehr. Es war ein bitteres, morastiges Geräusch. Als würd der Ton aus großer Tiefe sich langsam, unendlich langsam, einen Weg zur Oberfläche bahnen durch Matsch und Sumpf.

„Wir wollen nur, dass du zu reden aufhörst.“

„Sie wollen mich mundtot machen?“

„Sowas in der Art.“

Wagner blickte an seinem Spiegelbild vorbei, die Straße herauf und herunter. Die Stimme kam ihm bekannt vor. Er überlegte, wer es gewesen sein könnte, wer von den Männern, die er vor einigen Nächten im Grotesque Guignol fotografiert und nur wenige Tage darauf an die Öffentlichkeit verraten hatte, eine solche Stimme besaß. Sie war ihm bekannt, so viel wusste er. Vertraut wie ein Teil seiner selbst, aus irgendeinem Grund, und doch so völlig anders. Fremd irgendwie, wie ein Bekannter, den man für lange Jahre nicht gesehen hat und der unkennbar geworden war.

„Eigentlich“, fuhr die Stimme am Telefon fort, „Will ich dich zum Reden bringen. Aber mehr über ein paar Dinge, die du lieber nicht sprechen würdest. Ein paar andere…Lügen? Oder Halbwahrheiten, die du so verbreitet hast. Du weißt schon. An Stelle von denen, die du der Presse über uns erzählen willst.

Deine sind so viel spannender für die, findest du nicht auch?“

Wagner drückte den Anruf weg.

Seine Hand sank, zitternd, und mit ihm das ausgeschaltete Telefon. Er schloß die Augen, lehnte die Stirn gegen das kühle Fensterglas.

Sein Kopf schmerzte. Die Angelegenheit war soeben um einiges komplizierter geworden. Hatte er erwartet, dass die Leitung des Guignol seine Indiskretion einfach so hinnahm? Nein. Nein, natürlich nicht, das wäre idiotisch gewesen. Aber er hatte mit ein wenig mehr Zeit gerechnet. Und damit, dass man zuerst persönlich den Kontakt zu ihm suchen würde. Nicht, dass man direkt…tat was auch immer das gewesen war.

Er ging zu seinem Rechner hinüber, löste die Verbindung zum Internet und allen Funknetzwerken. Nur, um sicher zu gehen, kopierte er sämtliche seiner wichtigen Unterlagen auf seine tragbare Festplatte. Ein kleines Ding, das bequem in seine Hosentasche passte.

Wer wusste schon, worauf diese Leute aus waren? Es war besser, wenn er ein paar ihrer Gesichter auf einem Foto hatte. Nur, falls die Sache wirklich illegal werden sollte. Noch wusste er nicht, wie er reagieren sollte. Aber er war sicher, dass er etwas tun musste. Die Stimme hatte nicht gewirkt, als ob sie Dinge bei einer Warnung belassen würde.

Als er in dieser Nacht zu Bett ging, ging er mehrfach sicher, dass die Eingangstür abgeschlossen und sämtliche Fenster verriegelt waren.

Der nächste Tag verging in einem ereignislosen Brei aus Anrufen und Enttäuschungen.

Gegen Mittag hatte Wagner sich dazu durchgerungen, die Polizei einzuschalten. Man hatte ihn mehr oder minder bedroht und es wäre sicherlich das beste, diesen Schritt zuerst zu tun.

Das Gespräch verlief im Sand. Es klingelte eine Weile, dann meldete sich einer der Beamten der örtlichen Behörde. Wagner stellte sich und seinen Fall lang und breit vor, stieß aber auf taube Ohren. Der Mann hörte ihn nicht oder wollte ihn nicht hören. Statt sich seiner Sache anzunehmen, verwies er auf die „permanente Besetzung der Zentrale“ und dass man Anzeigen vor Ort aufgeben müsse.

Wagner war die Sache zunächst sehr seltsam vorgekommen. Der Mann hatte nicht den Eindruck gemacht, als hätte er ihn verstanden oder auch nur gehört. Gelangweilt und monoton hatte er eine einstudierte Litanei herunter geleiert, die überhaupt nicht auf Wagners Beschwerde einging.

Das Gefühl, nicht gehört zu werden, verstärkte sich im Lauf des Tages noch, als einige andere Anrufe bei ihm eingingen. Markus versuchte es zwei oder drei Mal, sehr überrascht, dass Wagner anscheinend doch dem Redakteur der WORT abgesagt hatte. Einige kleinere Zeitungen riefen an, um doch Interviews zu ergattern. Ebenso ein Galerist, mit dem er eine private Ausstellung geplant hatte.

Keiner von Ihnen schien ihn zu verstehen, wenn er abnahm und mit ihnen reden wollte. Sie alle wirkten, als ob sie auf ein Tonbandgerät sprechen würden.

Nach dem vierten Anruf dieser Art, sah Wagner es ein. Es war offensichtlich, dass seine Telefonleitung von dieser Stimme kontrolliert wurde.

Dennoch zögerte er, das Haus zu verlassen und selbst zur Polizei zu gehen. Vielleicht war es genau das, worauf diese Leute warteten? Auf seine kurze Abwesenheit, um einbrechen und seine Photographien stehlen zu können? Nicht, dass sie über Gebühr wertvoll wären. Aber er hatte immerhin noch einige eindeutigere Fotos von diesem Abend und wenn Sie verhindern wollten, dass er mehr als nur die schlechten verbreitete…

Da, wieder, hörte Wagner es und unterbrach seine Gedanken. Ein Klingeln. Ein impotentes, schrilles, nerviges Klingeln. Wie ein Kind, das in der verlassenen Wohnung schreit. Wie eine Alarmanlage, die in der Nacht anspringt, ohne von einem Dieb ausgelöst worden zu sein.

Das gleiche, exakt identische Geräusch, wie er es in den letzten Tagen so oft gehört hatte. Weil seine Nummer gefragt war, weil gefühlt tausend Leute ihn angerufen hatten wegen ihrer stupiden Fragen, wegen Gerüchten, Bitten um Interviews – und alle hatten Sie ihn ignoriert, wenn er doch einmal abgehoben hatte.

Er saß auf seiner Couch, eine Kaffeetasse umklammert, und starrte verärgert auf das Mobiltelefon auf seinem gläsernen Tischchen. Ihm gingen die Ideen aus, wie er reagieren sollte und so reagierte er überhaupt nicht. Er wartete, dass der Sturm an ihm vorbei zog.

Irgendwann, wenn sie niemanden erreichten, würden die Anrufe schon aufhören. Man würde ihn in Ruhe lassen, einfach aufgeben und sich interessanteren Dingen widmen.

Er musste nur lange genug nichts tun, redete er sich ein. Lange genug tot spielen. Solange sie von ihm nichts bekamen, wäre alles in Ordnung.

Es klickte, als die Mailbox wie gewohnt den Anruf für ihn engegen nahm. Die Stimme eines Journalisten ertönte, die Wagner schon einmal gehört hatte. Gestern oder wann auch immer.

¨Herr Wagner, tut mir Leid, Sie schon wieder zu stören. Andersen der Name, Andreas. Hören Sie, wir würden wirklich gerne Ihre Seite der Geschichte hören. Wir kennen solche Spielchen, lassen Sie uns das Geziere und Gezittere doch einfach überspringen, Herr Wagner. Lassen Sie mich Sie doch zu einem Kaffee einladen und wir können alles besprechen, keine Kameras oder Tonbandgeräte, Ehrenwort. Was hielten Sie von nächstem Dienstag, so gegen 16 Uhr, vielleicht im Stehely?“

Wagner starrte das Gerät weiterhin garstig an. Er hatte sich nicht bewegt, hielt seine Tasse fest, als wäre sie ein Rettungsring. Einfach ignorieren, dachte er. Einfach ignorieren, dann verlieren die irgendwann das Interesse, wenn die Geier nichts mehr bekommen.

Woher diese plötzliche Verachtung für die Presse kam, konnte er nicht sagen. Womöglich war es das Gefühl, das ihn bei jedem ihrer Anrufe seit gestern beschlich. Dieses Gefühl, dass all das ein schlechter Scherz war. Dass es nicht wirklich Journalisten waren, von denen er hörte. Sondern dass es diese Stimme war, die sich dafür ausgab. Um ihm Geheimnisse zu entlocken womöglich, auch wenn er diese von selbst teilen wollte – nur nicht mit ihm. Er konnte sich des Gedankens nicht erwehren, dass womöglich – nur womöglich – all das ein kompliziertes und unnötiges Spiel war. Eine Scharade, die um seinetwillen aufgeführt wurde.

Dann…ein weiteres Klicken, eine Art von Tuten, das ihn in seinen Gedanken doch noch erreichte. Als ob jemand den Anruf entgegen genommen und auf Lautsprecher umgestellt hätte. Der angebliche Journalist bemerkte es ebenfalls.

„Hallo? Hallo, Herr Wagner, sind Sie da?“

Wagner starrte das Gerät auf seinem Glastischchen an. ‚Telefonat läuft‘ stand dort in grünen Lettern auf dem Display, groß und eindeutig. Er hatte nicht abgenommen. Dann, Stück für Stück, überkam ihn eine Welle aus Furcht, deren Grund er nicht kannte. Sie bahnte sich ihren Weg von der Spitze seines Nackens aus, wo Wirbelsäule und Schädel zusammenwuchsen, und schwappte über seinen zusammengekauerten Körper. Seine Nackenhaare stellten sich auf.

Eine Stimme antwortete dem Journalisten, ohne dass Wagner den Mund geöffnet hätte. Die selbe Stimme, die er gestern Abend gehört hatte, die ihn verspottet hatte. Nur war sie weniger blechern. Weniger von Statik und Elektrik und Leitungen und der Übersetzung in elektrische Signale verzerrt. Sie war klarer, eindeutiger menschlich, auf eine seltsame Art und Weise.

Und es war seine eigene Stimme, die ihm und dem Journalisten aus dem Telefon entgegen schallte.

„Herr Andersen, bitte verzeihen Sie, ich war indisponiert. Schwer beschäftigt, leider. Nein, also Dienstag geht nicht. Was halten Sie davon, wenn wir das rasch jetzt machen? Haben Sie Zettel und Stift?“

Wieder der Journalist. Er schien leicht verwirrt, überrascht von so viel plötzlicher Offenheit nach so langem Schweigen. Wie auch Wagner.

„Ähm…Ja, ja natürlich. Warten Sie einen Augenblick. Also es geht uns in der Hauptsache um ehm, nun ja, um ihre…Wir haben natürlich das Bild gesehen, das Sie vom Guignol geschossen haben. Sehr interessant. Uns würde interessieren, wieso Sie sich entschlossen haben, das Schweigen zu brechen, gewissermaßen. Ihres sind die ersten Bilder, die wir aus dem Inneren erhalten haben seit bestimmt Mitte der siebziger Jahre…“

Hastig schob der Mann nach: „Und natürlich was Sie von Fotografie denken, warum Sie Künstler geworden sind. Womit Sie angefangen haben.“

„Ich habe als Modefotograf begonnen“, sagte seine Stimme, ohne dass Wagner etwas dagegen tun konnte. „Leicht verdientes Geld…und diese Leute lassen alles mit sich machen. Wenn Sie ein Prominenter sind wie ich und eine Kamera haben…Können Sie alles mit denen tun. Sie anfassen, angrabschen, sie in kompromittierenden Posen fotografieren. Ich weiß nicht, ob Sie wissen, wie das ist? Es ist leicht, sie zu etwas…freizügigeren Fotografien und Portraits zu überreden. Alle machen das, wissen Sie das nicht? Und überhaupt, manche müssen sich ein wenig anstrengen, um in dieser Branche weit zu kommen. Models müssen gut aussehen. Wie soll man das sonst sehen?“

Wagner war entsetzt. Er langte nach vorn, bemühte sich um Schadensbegrenzung. Er versuchte, das Gespräch abzubrechen, drückte den großen, roten Abbrechen-Knopf.

Weder das Telefon noch die Stimme, die sich an seinerstatt mit dem Journalisten unterhielt, ließen sich beirren.

Unverständig starrte Wagner auf das Gerät in seiner Hand, dessen Bildschirm noch immer leuchtete und ein laufendes Gespräch anzeigte, das er weder angenommen hatte noch überhaupt führte, das sich aber hier und jetzt in seinen eigenen Ohren abspielte. Er schrie es an, brüllte in das Mikrofon, dass der Scherz ein Ende finden sollte, dass es nicht lustig war für ihn. Dass all das infame Lügen wären, die er nie gesagt, nie getan hätte.

Ein Lachen ertönte aus den Lautsprechern. Sein eigenes, falsches Lachen, das er so oft in das Mikrofon seines Telefons gelacht hatte, wenn er mit Bekannten sich verabredet hatte oder mit der Sammlung von Kriechern und Speichelleckern, denen er ihrer Kontakte wegen nachgegangen war.

Seine eigene Stimme verspottete nun ihn und den Journalisten, der eine Story des Jahres witterte.

¨Ein schlechter Witz“, sagte der Journalist mit Ekel in der Stimme. „Sie waren also Modefotograf, bevor Sie Künstler wurden. Und ehm, wie sind sie in das Guignol gekommen?“

„Irgendwie muss man sein Geld ja verdienen, nicht? Fällt ja nicht vom Himmel, dieser Kunstscheiß verkauft sich ja nicht. Da muss man sich was einfallen lassen, um Aufmerksamkeit zu bekommen.“

„Wie meinen Sie das?“
„Sie wissen genau, wie ich das meine“, sagte Wagners Stimme. Der Eindruck eines Grinsens erschien vor Wagners geistigem Auge. „Das bleibt unter uns, nicht? Aber Sie glauben nicht wirklich…Ich hab es Ihrem Kollegen schon erzählt. Sie glauben nicht wirklich an diesen Menschenopfer-Scheiß, oder? Wie bei den Bilderbergern? Nein, nein, nein. Es funktioniert aber, oder nicht? Hier sind wir und sie wollen ein Gespräch mit mir abdrucken, des Skandals wegen. Der Aufregung wegen. Das macht Ihnen hoffentlich nichts aus, dass es gefälscht ist? Euch stört das ja nicht, oder?“

Wagners eigene Stimme fuhr fort, Lügen über ihn zu erzählen. Er war wie gelähmt, festgefroren mit einem entsetzten Starren im Gesicht. Erst, als sie von weiteren Fälschungen berichten wollte, löste sich seine Starre. Seine Fingernägel bohrten sich in die Plastikverkleidung. Zorn überlief ihn, heiß und stechend.

Er war ein Lügner, ja. Ein Fälscher, ja. Aber er hatte nie etwas anderes gefälscht als sich selbst, hatte nie etwas anderes fälschlich präsentiert als seinen eigenen Charakter und sein Leben. Seine Werke waren echt, allesamt echt und das hier war eine Beleidigung, ein Affront seiner gesamten Integrität.

Er schleuderte das Telefon fort. Das Gerät prallte auf die Wand, das Gehäuse zerplatzte. Die Stimme des Journalisten zerknackte wie eine Nuss, als das Gerät auf die Wand prallte. Akku und Bildschirm flogen in unterschiedliche Richtungen davon, schlitterten über das Parkett in eine dunkle Ecke.

Vorsichtig näherte sich Wagner dem Gerät, fast ängstlich, als ob es beißen würde. Oder gleich erneut Lügen spucken würde, mit einem Hohngelächter seiner eigenen Stimme, ob es erneut von selbst zum Leben erwachen und ihn mit seiner eigenen Stimme verspotten würde.

Es schwieg und mit ihm die länger werdenden Schatten des Nachmittags.

Es knackte aus den Lautsprechern in der Küche. Er fuhr zusammen, stieß mit dem Rücken an die Wand. Unter seinen Füßen knackten die Reste seines Telefons.

¨Keine Sorge, das Telefon ist normal. Um deinen Kopf würde ich mir aber Sorgen machen.¨

Erneut seine eigene Stimme, die ihn verspottete. Diesmal löste Wagner sich schneller aus seinem Entsetzen. Seine Faust krachte gegen die Lautsprecher, riss die Geräte aus der Halterung, mit der sie unter den Schränken verschraubt waren, zerrte sie aus der Steckdose und schleuderte sie zu dem Telefon auf den Boden.

Das unsägliche Lachen erstarb zusammen mit der Elektrizität.

Wagner floh. Er floh, wie er nur einmal in seinem Leben geflohen war. Vor Jahren, als seine Ex ihn verstoßen hatte wegen seiner Erbärmlichkeit.

Er rannte ins Badezimmer, stolperte auf dem Weg fast über den gläsernen Couchtisch, der sich ihm nur in den Oberschenkel rammte. Die Tür krachte hinter ihm ins Schloss.

Mit dem Rücken dagegen sank er zusammen, die Hände gegen die Ohren gepresst. Seine Nerven, sagte er sich. Seine Nerven, ganz sicher, waren nur überreizt. Er schlief wenig und er ging wenig hinaus, hatte bestimmt seit Tagen mit niemanden mehr gesprochen, der ihn nicht anödete. Er hatte zu lange und zu ausgiebig die Welt durch den Sucher seiner Kamera beobachtet. Hatte zu lange den kleinen, perversen Beobachter gespielt ohne sich normal zu benehmen. Und jetzt, jetzt fühlte er eben wie das war. Wie das war, beobachtet zu werden, verfolgt von jemandem, der alles festhielt, selbst die schmutzigsten Gedanken und Gefühle.

Und diese Ersatzmenschen, diese halben Figuren, als die sich mancher in seinem Umfeld zu präsentieren versuchte, waren eben nur das: Ersatzmenschen. Kaum fassbare, nicht greifbare Dinger, die Worte absonderten, die sie für clever hielten. Denen er Worte entgegen warf, die er für schlau hielt. Nichts echtes, fleischliches, nichts mit dem man sich berühren konnte.

Seine Hände lösten sich von seinen Ohren, er öffnete die Augen.

Er befand sich im Bad. So viel wusste er. Das war genug, darauf konnte er bauen, das war eine einzige, zuverlässige Sache. Wo er sich befand, was er sah und roch und spürte. Er sah die weißen Fliesen vor sich, die grau waren, und er sah das blickende Licht der Waschmaschine. Er roch den muffigen Abfluss, der falsch eingebaut worden sein musste und in dem das Wasser stand und faulte. Er spürte die Badezimmertür in seinem Rücken, die Stücke seines Telefons unter seiner Ferse.

Sein Atem beruhigte sich, während er in der Dunkelheit saß.

Johann Wagner stemmte sich auf, seine Hände tasteten nach dem Lichtschalter.

Nur eine kurze Ablenkung, sagte er sich. Vielleicht eine kleine Reise, nur für ein paar Tage. Um die Nerven zu beruhigen. Den Kopf frei zu kriegen und weg zu kommen für einige Zeit. Bis alles vorbei ist. Bis diese endlosen Telefonate aufhören und Anrufe und das Generve…

Das Licht flackerte ins Leben, leuchtete das Badezimmer aus mit diesem gräßlich kalten Licht, das sich von den weißen Fliesen zurück warf, von den weißen Wänden, der ganzen Keramik und den Spiegeln an den Türen des Medizinschränkchens über dem Waschbecken. Dieses helle, klinische Licht, das alles ausleuchtete und nichts zurück ließ, keine dunklen Ecken. Das jede noch so kleine Unreinheit seines Gesichts ausleuchtete.

Keine Zweifel, dass er sich im Bad befand.

Kaltes Wasser presste sich in sein Gesicht, wieder und wieder. Für einen kurzen Augenblick verdrängte es alle Gedanken aus seinem Kopf. Alle bis auf den einen, den primitivsten: Zu viel Wasser, keine Luft. Ein Gefühl wie Ersticken, schreiende Lungen.

Seine Gedanken waren klarer, sein Puls kälter geworden, schärfer. Er war sich seines Körpers bewusst, als er nach Luft schnappte, sich seiner Lebendigkeit bewusst wurde. Seine Nerven waren es, die ihm einen Streich spielten. Ganz sicher.

Ein kurzer Urlaub, sagte er zu sich selbst und griff blind, noch mit Wasser in den Augen, nach dem Handtuch. Er würde eine alte Bekannte, eine flüchtige Liebschaft, anrufen. Notfalls auch zwei oder drei, bis eine sich bereit erklärte, spontan mit ihm zu verreisen. Bloß fort von hier, für ein paar Tage jedenfalls. Wohin war gleichgültig, mit wem war gleichgültig. Hauptsache nicht allein sein mit sich selbst.

Er tupfte sich das Gesicht ab, sah in den Spiegel.

Und erstarrte.

Nicht etwa, weil er etwas gesehen hätte, das ihn verwirrt oder aus der Bahn geworfen hätte. Tatsächlich gab es nichts im Spiegel, das ihn verstörte.

Das war präzise das Problem: Dort in den Spiegeln über dem Waschbecken, in denen er sich täglich rasierte und frisierte, war nichts sichtbar als das etwas zu grelle Licht der Glühbirne, das sich von den weißen Fliesen und der Keramik weiter warf. Er sah die Badewanne mit dem albernen Duschvorhang mit den beiden Handabdrücken darauf, sah die Waschmaschine daneben, auf der sich so viele seiner Tinkturen, Cremes und Sprays befanden, die er sich dann und wann leistete. Und er sah die Toilettenschüssel hinter sich. Und den Spiegel hinter sich, in dem sich die Leere zwischen dem Badezimmerschränkchen und dem rückwendigen Spiegel endlos wiederholte, wie in den Spiegelsälen oder einem Kaleidoskop.

Dort, wo er sich befinden sollte, wo sein Spiegelbild ihm mit roten Augen und nassen Haaren entgegen sehen sollte – war nichts. Eine große Leere, durch die hindurch er ungehindert auf das Badezimmer blickte.

¨Man, du bist noch kranker im Kopf, als ich gedacht hätte. Vielleicht solltest du einen Urlaub nehmen. Irgendwo weit weg. In Amerika oder so.¨

Eine Stimme war von hinter ihm gekommen, aus dem abgeschlossenen Badezimmer, in das er sich geflüchtet hatte. Seine Stimme, seine ganz eigene, die ihn am Telefon verhöhnt hatte. Von der er sicher war, dass es Einbildung war oder ein technischer Trick.

Er starrte in das leere Glas vor sich. Starrte durch sich hindurch. Tastete mit der Hand danach.

Wagner sah seine Hand – aber nur einmal. Seine echte, fleischliche Hand, direkt vor sich. Jenseits des Glases…war nur das Badezimmer. Leer und ohne ihn.

Sein Spiegelbild betrat das Badezimmer von der Seite her. Vom Spiegel auf der Rückseite. Es bereitete ihm Kopfschmerzen, sich klar zu machen, was geschah. Sein Spiegelbild stand in der Reflexion des Spiegels, in dem er stand. Nur ein einziges Mal, nicht noch einmal gedoppelt, stand es in seinem Rücken. Es sah anders aus, als er sich selbst immer gesehen hatte. Es grinste, das selbe jugendliche Grinsen, das er an sich so mochte. Es wirkte obszön, wie bei einem Knaben, dem man die schmutzigen Gedanken ansah.

Wagner drehte sich langsam um. Dort hinter ihm, mit dem Gesicht spöttisch verzogen, stand er selbst. Das heißt sein Spiegelbild, das sich ohne sein Zutun bewegte.

¨Was bist du?¨, fragte er das offensichtlichste.

Sein Spiegelbild lehnte sich vor, als ob es aus dem Spiegel selbst heraus brechen wollte. Das Gesicht im Glas wurde ernster, unbewegter. Es wirkte wie eine schlechte Puppe. Als müsste es erst noch lernen, sich selbst zu kontrollieren, frei von Wagner selbst zu bewegen.

¨Ich bin du. Ich bin das Abbild von dir, das du so gerne ausstellst. Die zurecht gemachten Bilder, mit denen du Anderen ein glückliches Leben vorlügst. Ich bin die Lügen, die du dir morgens im Spiegel zuflüsterst, die Lügen, die du auf Tonband festhälst. Ich bin dein Schatten, Johnny. Alles, was von dir übrig bleibt, wenn du aus dem Raum gegangen bist.“

Wie einen Schlag traf es Wagner, der gegen das Waschbecken sank, sich daran festhielt wie an einem Rettungsring. Er wollte nicht verstehen. Er konnte nicht verstehen,was

„Nein“, flüsterte er. „Unmöglich, nein. Du…du bist meine Vorstellung, meine Einbildung, nichts weiter. Eine kranke Einbildung meiner Nerven.“

Ein Klingeln unterbrach Wagners hilfloses Gerede.

Das Telefon im Wohnzimmer, das Festnetz. Es klingelte. Die Augen seines Spiegelbildes begannen zu leuchten, huschten zur Seite, auf der sich die Tür zum Wohnzimmer befand.

¨Du wirst mich nie aufhalten, Johnny. Ich bin das bessere Du. Das wahre Du. Und bald werde ich der einzige von uns beiden sein.¨

Wagner starrte in den Spiegel, der wieder leer war. Der Spiegel, aus dem sein Spiegelbild verschwunden war, um erneut in seinem Namen Lügen zu verbreiten.

Es dauerte nur einen kurzen Moment der Fassungslosigkeit, dann hastete Wagner ihm hinterher.

22.Dezember 2017, vor dem Schreiben: 2327 Wörter Danach: 3433

Grotesk – Teil III: Besetzt

Das Klingeln seines Telefons riss Wagner aus seinen Gedanken. Er fuhr sich über die müden Augen, blinzelte. Es war Nacht geworden, spät in der Nacht. In seiner Wohnung war es finster, bis auf das leuchtende Rechteck seines Computermonitors und das bebende Licht seines Mobiltelefons.

Er hatte gar nicht bemerkt, dass er wieder Stunden vor seinen Bildern gesessen und sie manipuliert, sie retouchiert, aufgebessert und neu zusammen gesetzt hatte. Es war zum verrückt werden, wie viele Bilder er doch gemacht hatte, trotz seiner Hemmungen in dieser einen Nacht. Eine Menge davon war wertlos oder nur schwer zu retten. Viele von denen, die er von dem Fräulein Isabelle geschossen hatte, waren verschwommen, unscharf oder unfokussiert. Sie zu retten war ein langer, anstrengender Kampf.

Wagner blinzelte sich die Müdigkeit aus den Augen.

Markus‘ Name und Nummer erschienen auf dem Display seines Handys, in großen, grünen Buchstaben. Seit er ihn beim Mittagessen hatte sitzen lassen, hatte er nicht mehr mit ihm gesprochen. Hatte seine Anrufe ignoriert und hatte nicht das Bedürfnis verspürt, in der Agentur aufzutauchen.

Das war nicht nur gegen Markus gerichtet gewesen. Wagner hatte keinen einzigen Anruf entgegen genommen in den letzten Tagen und war auch nicht viel hinaus gegangen. Einen wirklichen Grund dafür gab es nicht. Er fürchtete sich nicht vor Markus oder vor seiner Schelte. Es gab nur auch keinen wirklichen Grund, die Wohnung zu verlassen. Außer als Selbstzweck, die Wohnung zu verlassen nur um die Wohnung zu verlassen.

Da Wagner es hasste, Dinge nur um ihrer Selbst willen zu tun, war er eben zuhause geblieben. Ohnehin hatte er hier alles, was er brauchte. Hier konnte er sich ungestört in seinen Fotografien verlieren, sie herrichten. Es war ein langer, aufwendiger Prozess, die Details richtig hinzubekommen. Das Bild selbst mit der Kamera vor Ort richtig und passend abzulichten war von zwar von einiger Bedeutung. Aber für ihn war es Rohmaterial, nicht mehr. Eine natürliche Beleuchtung war hübsch genug. Sie reichte aus, ein Kirchenschiff in eine Gruft zu verwandeln, ein gewisses Gefühl zu transportieren. Aber für echte Kunst, die die Grenze übertreten sollte zwischen Wirklichkeit und Traum? Dafür bedurfte es einiger kleiner Veränderungen hier und da.

Mit heutigen Mitteln war es ohnehin keine große Kunst, trotz seiner Isolation präsent zu sein auf die ein oder andere Weise. Er hielt mühelos das Image eines Lebemannes aufrecht, der auf den unterschiedlichsten Veranstaltungen zugegen war, Fotografien von den entrücktesten Orten anfertigte und teilte. Alles bequem von seinem Schreibtisch aus.

Er erlaubte es sich daher, sich zurück zu ziehen. Gleichgültig, ob es gesellschaftlich gern gesehen war. Niemand erfuhr ja davon, dass er sich vier Tagen in seiner Wohnung verkrochen und niemanden gesprochen hatte. Und wenn niemand etwas erfuhr, so war es auch nicht geschehen, soweit es ihn betraf.

Das erneute Klingeln des Telefons brachte ihn zurück in seine dunkle Wohnung.

Er verspürte keinen Drang, abzuheben, und ließ es ohnmächtig nach Aufmerksamkeit schreien. Er stand auf, schaltete das Licht an und machte sich einen Kaffee.

Die Mailbox übernahm Markus‘ Anruf und schaltete von selbst auf laut.

Seltsam, dachte Wagner für einen Augenblick. Er wusste gar nicht, dass die Mailbox das konnte. Aber er störte sich nicht weiter daran. So konnte er Markus‘ Offensive hören, ohne sich die Mühe machen zu müssen, sie später abzuhören. Dafür wäre er nicht in Stimmung gewesen.

„… unverantwortlich!“, plärrte es etwas blechern aus dem Wohnzimmer. „Geh an das gottverdammte Telefon, Johann, ich weiß dass du da bist. Charlie sagt sie kann deine Postings sehen und du bist nicht bei einem Matinee in der Staatsoper, du Lump.“

Wagner lächelte in seine Kaffeemaschine. Die Bilder waren älter, zwei oder drei Wochen. Aber unbestimmt genug, um eine beliebige Veranstaltung der High Society zu sein.


„Der Direktor rennt mir hier die Tür ein“, schimpfte Markus weiter. „Und ich werde nicht für deinen Mist gerade stehen, hörst du? Hör auf mich zu ignorieren, Gott verdammt, geh ans Telefon.“

Der Kaffee begann zu kochen, Wagner wanderte zurück ins Wohnzimmer, um Markus besser zu hören.

Mittlerweile musste das unfertige Bildchen, das er der Zeitung vor einigen Tagen zugespielt hatte, gedruckt worden sein. Er hatte es hier und dort in seinem eigenen kleinen Kreis an Bekannten wieder gesehen. Es erfreute sich einiger Beliebtheit – nicht nur, weil er ein begnadeter Fotograf mit einem Händchen für Stimmungen und Atmosphäre hatte. Er hatte damit ein Tabu gebrochen, mehrere sogar.

Jedenfalls wurde es in den Salons heiß diskutiert. Wie echt es war, wie real die Szenerie mit dem Sterbenden auf dem Altar, mit den Männern und Frauen in feiner Abendkleidung, die sich wie Geier um ihn herum versammelten. Wie ketzerisch die ganze Veranstaltung ausgerichtet worden war, welcher der Anwesenden zu Einflussreichen und Wohlhabenden der Stadt gehörte. Besondrs eine gewisse Art von Zweiflern und Skeptikern verbreitete ganz ohne Wagners zutun eine hübsche Menge an Gerüchten, die mit Bilderbergern und allerlei anderem Unsinn zu tun hatten.

„Ich habe dich gewarnt, Johann“, fuhr Markus aus dem Telefon fort. „Ich habe dich gewarnt und das ist deine Angelegenheit. Nicht meine. Du klärst das. Ich habe den Typen von der Presse deine Privatnummer gegeben, also geh gefälligst ran und kümmer dich da selber drum. Wir sind nicht deine Pressestelle für dumme Ideen.“

Markus beendete das Gespräch. Das Leuchten des Telefons erlosch, noch bevor Wagner es sich hatte greifen können.

Mit seinem frischen Kaffee setzte er sich auf die Couch, ging den Anrufbeantworter durch. Er löschte Markus‘ Nachricht. Er hatte sie gehört und das war es, worauf es ankam. In einigen Tagen würde er sich bei ihm melden. Morgen oder den Tag darauf, wenn er sich in dieser Sache klarer war.

Er fühlte sich nicht gut. Jedenfalls nicht gut genug, um den möglichen Konsequenzen jetzt schon ins Auge zu blicken. Zu sehr gefiel er sich in der Rolle des mysteriösen Künstlers, der unschuldig etwas provokatives veröffentlichte und dann nicht erreichbar war, weil er seinen Kopf tief in der eigenen Kunst vergraben hatte.

Das und weil er zerstreut war. Es kostete Arbeit und Anstrengung, auch ein öffentliches Bild seiner Person gezielt zu manipulieren. Anstrengung, die er nicht aufbringen konnte.

Er schlief schlecht in letzter Zeit, etwa seit er die Bilder weitergeleitet hatte. Dass es sein Unwohlsein über die Veröffentlichung und den Vertragsbruch war oder gar ein schlechtes Gewissen, glaubte er nicht. Er hatte Alpträume, das war alles. Und die hatten eine klare Ursache: Das furchtbare Bild selbst, die Szene, auf der es basierte, dieser ganze scheußliche Abend eigentlich. So viel war selbst ihm ersichtlich, auch ohne Quacksalber und Psychodoktor.

Er träumte wieder und wieder davon. Von dieser Frau, dieser Demoiselle Isabelle, wie sie auf den Altar stieg in ihrem schwarzen Abendkleid, mit ihrem verächtlichen Blick in ihrem kalkweißen Marmorgesicht.

Weshalb er ausgerechnet von ihr träumte und nicht von dem Sterbenden oder dem später hinaus getragenen Leichnam. Weshalb nicht von den kalten, gierigen Blicken der anderen Gäste, sondern von ihrem. Weshalb nicht von dem dementen, erschöpften Geplapper des alten Mannes, sondern von ihrer nüchternen Beschreibung seines Sterbens.

Am nächsten Morgen erinnerte er sich kaum an diese Träume. Sie waren schwache Abdrücke in seiner Erinnerung, die kaum mehr als ein ungreifbares Gefühl hinterließen in ihm. Eine Ahnung von Unwohlsein mehr als eine konkrete Furcht.

Er wusste nur, dass es nicht die Worte waren, die sie tatsächlich auf dieser Bühne gesprochen hatte. Sie waren düsterer, ominöser, und von seinen eigenen Ängsten durchdrungen. Von seiner Furcht, was das hier für sein Image bedeuten würde, von der Angst, von dieser Sache nicht profitieren zu können.

Ihre Worte waren ihm fremd, unheimlich. Wie in einer Sprache, die er nicht verstand.

Die Träume verstörten ihn in einem solchen Maß, dass er sich ein, zwei mal dabei erwischt hatte, wie er den abendlichen Schlaf fürchtete. Er blieb länger auf als für ihn üblich war, verbrachte mehr Zeit bei der Arbeit. Und trank wieder vermehrt, in der Hoffnung, seinen Träumen davon zu laufen.

Nein. Er würde die Sache aussitzen und erst in einigen Tagen aufklären. Wenn die Gerüchteküche ordentlich gebrodelt hätte und er noch einmal Aufmerksamkeit erregen könnte, wenn er „sein Schweigen brach“.

So wie er jetzt war, mit seinen Eindrücken frisch im Gedächtnis, mit seinen Gedanken derart in Unordnung…würde er alles nur noch schlimmer machen. Würde absurde Vorwürfe an ihn bekräftigen und ihnen Nahrung geben.

Ein Vorhaben, das unter einem schlechten Stern stand, jetzt wo Markus sich weigerte, sein Spiel weiter mitzuspielen und ihm die Presse und die Direktion vom Hals zu halten.

Noch am selben Abend rief ihn einer der Redakteure des Schmierblattes an, dem er das Foto zum Vorabdruck zugespielt und ein exklusives Interview versprochen hatte. Das Telefon riss Wagner erneut aus seiner Arbeit, zwang ihn zu einer Rückkehr in die Wirklichkeit seiner Wohnung.

Es war spät geworden, weit nach Sonnenuntergang mittlerweile.

Wagner warf dem unschuldigen Display einen zornigen Blick zu. Als könne das Gerät etwas dafür, wer es anwählte. Der Alte war ihm doch nützlicher, als er angenommen hatte, wenn er ihm solche Störungen vom Hals hielt.

Nur für einen kurzen Augenblick überlegte er, ob er das Telefonat annehmen sollte. Dann besann er sich und schüttelte den Kopf. Er stand auf, streckte sich nach einigen Stunden in der gleichen, ungesunden Haltung.

Der Anrufbeantworter schaltete sich erneut auf laut, er hörte eine fremde Stimme.

„Guten Abend Herr Wagner, bitte entschuldigen Sie die späte Störung. Kaiman hier, Redakteur der Wort. Sie hatten sich vor einigen Tagen bei uns gemeldet, wir konnten Sie leider nicht erreichen. Ihr Agent, Herr Mühsam?, hat uns Ihre Nummer gegeben, sagte wir sollten es gegen Abend bei Ihnen versuchen, Sie seien sehr beschäftigt.“

Wagner grinste schief. Humor immerhin hatte Markus auch in so einer Situation. Oder einfach nur eine gewisse Gehässigkeit. Er ließ das Telefon an seinem Platz auf dem Glastisch liegen, wo er es in der ganzen Wohnung hören konnte. Vor dem Fenster war es finster, bis auf eine Reihe Straßenlaternen, die ein halborangenes Licht verströmten. Das Fensterglas war kühl auf seiner Stirn. Er schloß die Augen, gönnte ihnen einen Augenblick der Ruhe.

„Wir sind sehr interessiert an der Geschichte, die Sie uns in Aussicht gestellt haben, Herr Wagner“, fuhr das Telefon in seinem Rücken fort. „Unsere Teaserstory ist eine der meistgelesensten diese Woche und hat nationale Aufmerksamkeit erlangt. Selbst einige französische und britische Zeitungen haben mit der Bitte um Weiterverwendung mit uns Kontakt aufgenommen. Uns schwebt etwas wie ein exklusives Interview mit Ihnen vor, vielleicht eine Art Homestory. Wenn Sie nebenher Ihre eigenen Bilder promoten möchten, wäre das für uns in Ordnung.

Melden Sie sich einfach bei uns, sobald Sie das hier hören. Meine private Nummer, unter der ich jederzeit erreichbar bin, ist die 0152…“

Ein oder zwei Tage, sagte Wagner sich. Die Kettenhunde von den Medien würden ungeduldig werden, selbst nach einer Story suchen, wenn sie keine bekamen. Sie würden alte Gerüchte über das Guignol aufwärmen und sie ein wenig ausschmücken, bis er ihnen seine eigene vorsetzen würde. Dann würden Sie die verbreiten und sich das Guignol vornehmen – oder jedenfalls seinen Namen ein paar Mal auf dem Titelblatt abbilden.

Ein Signalton erklang.

Wagner entspannte sich. Ein Lächeln zog über sein Gesicht. Er würde berühmt werden – erneut ohne wirklich eines seiner Bilder herumzeigen zu müssen.

Dann erstarrte er.

Der Journalist hatte nicht aufgelegt. Er sprach weiter, als würde er nicht an der Mailbox hängen. Und zu Johanns unendlicher Verwunderung antwortete ihm jemand.

„Jaja, sie müssen mir das nachsehen“, sagte eine fremde Stimme. „Die Presse rennt mir die Tür ein. Sehr gefragter Mann in letzter Zeit bei euch Aasgeiern.“

Der Journalist lachte nervös über diesen schlechten Scherz.

„Ah. Herr Wagner, nehme ich an? Wie schön. Haben Sie den Anfang gehört…?“

„Klar, wer sonst? Hat der Fettsack Ihnen noch eine andere Privatnummer seiner Klienten gegeben? Die seiner Frau vielleicht? Klar hab ich den Anfang gehört. Hören Sie: Die Story ist gestorben. Sagen Sie das auch den Franzacken, ja? Sie sind echt herrlich auf die Fälschung reingefallen. Haha. Haben Sie den Scheiß wirklich geglaubt? Bilderbergertreffen mitten in Berlin? Die Reichen und Schönen, die sich an Menschenopfern aufgeilen. Himmel, das war schon ‘99 ein alter Hut. Aber Danke, dass sie es trotzdem abgedruckt haben, war ein echter Lacher für uns.“

Der echte Johann Wagner, der am Fenster gestanden und mit geöffneten Augen hinaus auf die Straße gestarrt hatte, wirbelte herum.

Irgendjemand erlaubte sich einen schlechten Scherz mit ihm, wollte ihn sabotieren.

Er griff nach dem Telefon, presste es sich ans Ohr. Unruhig ging Wagner auf und ab, redete hektisch auf das Gerät ein.

„Herr Kaiman? Herr Kaiman, bitte verzeihen Sie, ein schlechter Scherz von jemandem. Ich weiß nicht, wem. Ich versichere Ihnen, die Story ist nicht gestorben. Sie wollen ein Interview, nicht? Wann passt es Ihnen, morgen direkt? Ich lade Sie ein, was halten Sie davon? 11 Uhr im…“

„Noch nie in meinem Leben bin ich so behandelt worden!“, schrie es Wagner von der anderen Seite her entgegen.

Es tutete. Der Journalist hatte aufgelegt.

Wagner blieb entgeistert vor dem Fenster stehen.

„Tut mir Leid, Johnny, er hat dich nicht gehört“, tönte es blechern aus seinem Handy. „Ich fürchte die ganze Sache liegt nicht mehr in deiner Hand.“

Wagner starrte entgeistert in die Dunkelheit, suchte nach einem Mann mit Telefon oder nach einem auffälligen weißen Van. Jemand…irgendjemand musste sich einen schlechten Scherz mit ihm erlauben. Musste sein Telefon angezapft haben oder gehackt haben und ihn jetzt…Das war es. Ein Trick. Er musste die Ruhe bewahren, vernünftig bleiben. Sein Mobiltelefon war gehackt worden oder seine Leitung angezapft. Weiter schwer konnte das nicht sein. Die Leute aus dem Guignol mussten jemanden angeheuert haben…

Im Glas des Fensters grinste ihm sein Spiegelbild entgegen. Es zwinkerte ihm zu. Gegen seinen Willen.

Grotesk – Teil II: Verfressen


„Doktor“ Mühsam war ein Mann von erstaunlichem Appetit und Umfang. Nichts, was er je tat, wäre in irgendeiner Art und Weise klein zu nennen. Weder bei seinen Plänen, noch bei einem einfachen Mittagessen kannte er so etwas wie Mäßigung.

Obwohl er dabei oft mit Klienten sprach und Geschäfte abschloss, verbrachte er exorbitant viel Zeit bei Tisch.

Nach den obligatorischen Vorspeisen – heute Ochsenschwanzsuppe und einem Salat – folgte ein reichhaltiger und fettiger Hauptgang. Für gewöhnlich ein gutes Pfund Steak mit Bratkartoffeln, Rippchen oder Eisbein, herunter gespült mit einer guten Quart Wein. Dessert gab es nur an schlechten Tagen, was er aber mit einem doppelten Whisky auszugleichen pflegte.

Heute war ein schlechter Tag. Mühsam rauchte mehr als gewöhnlich und kaute mit hörbarem Ärger.

Johann Wagner störte sich nicht daran, da es Mühsam war, der die Rechnung beglich. Die ersten Male hatte ihn diese Gewohnheit seines Agenten beinahe verstört. Die Monate der regelmäßigen Geschäftsessen hatten ihn aber daran gewöhnt. Auch wenn ihm immer noch für einige Tage danach der Appetit schwand.

Er schwieg in seine Zeitung vertieft. Ihm war nicht nach Reden zu Mute, er glaubte den größten Teil seiner Sache bereits gesagt zu haben und wartete nur darauf, dass Mühsam sein Essen beendete. Und sich ein wenig beruhigte.

Die „WORT“ eine Zeitung zu nennen war dabei eine Beleidigung. Die „WORT“ war, wenn man ihren Lesern glaubte, so viel mehr: Ein Einblick in die echte Welt, die ungeschönte Wahrheit, die die Lügenpresse nie erwähnen würde.

Glaubte man jedem anderen, so war sie ein Schmierblatt der übelsten Sorte, das vor privaten Schmutzkampagnen genau so wenig wie vor politischer Agitation zurück schreckte.

Wagner scherte sich wenig darum. Das Blatt bewahrte ihn davor, sich gegen Mühsam stellen zu müssen, der eindeutig an einer langen und wütenden Erklärung arbeitet.

Das – und er wollte ein besseres Gefühl für das Schmierblatt entwickeln. Er wusste, dass er früher oder später eine gewisse Öffentlichkeit brauchen würde. Als Fotograf und Künstler, wenn nicht als Mensch. Und er hatte eine gewisse Schwäche für die unsinnige Skandalträchtigkeit.

Tatsächlich war genau diese Idee von ihm der Grund dafür, dass sein Agent ihn grimmig anstarrte, als Johann den Fehler machte über den Rand der „WORT“ hinweg zu sehen.

Seinen Blickkontakt nahm Mühsam zum Anlass, loszulegen.

„Schlechte Idee, Johnny“, sagte er zwischen zwei Bissen. „Gefällt mir nicht.“

„Welchen Sinn soll es dann haben, bei einer exklusiven Veranstaltung der Reichen und Eingebildeten dabei zu sein, wenn niemand davon weiß? Gar keinen. Dann wird es sein, als wäre ich niemals da gewesen.“

„Ich weiß es“, konterte Mühsam. „Und deine nächsten Kunden werden es wissen. Sie werden auch wissen, wenn du deine Verabredung brichst.“

„Es ist ein Foto, Markus, um Himmels Willen. Ein verschwommenes, verwackeltes Foto, auf dem nichts zu sehen ist.“

Nicht einmal das Fräulein Isabelle, dachte Wagner und warf die Zeitung frustriert auf den Tisch. Tatsächlich war sie auf keinem einzigen der mehreren Hundert Bilder gewesen, die er in jener Nacht geschossen hatte. Entweder er hatte irgendetwas verwackelt, hatte ihren Platz am Rand der Bühne vom Bild geschnitten, oder sdas ganze Bild war verwischt, unscharf.

Als ob sich die Kamera schlicht geweigert hätte, ein Bild von ihr zu machen.

„Darum geht es nicht.“

Mühsam stoppte sein Essen für einen Augenblick. Er sah ernst aus, den Blick auf Wagner gerichtet, als hätte er das Verbrechen begangen.

„Du hast eine Verabredung mit diesen Leuten gehabt“, sagte Mühsam. „Eine, für die ich lange gearbeitet habe. Brich Sie und die werden dir nie wieder einen Auftrag geben.“

„Soll mir Recht sein.“

„Was zum Henker soll das jetzt wieder?“

„Das soll, dass es mir egal ist, ob ich wieder in diesen Laden gehe.“

Mühsam sah ihn an, als ob er den Verstand verloren hatte. Wagner konnte es ihm kaum verdenken. Für Tage hatte er von nichts anderem geredet als von den Möglichkeiten. Von seinem goldenen Ticket in die hohe Welt der Kunst.

# Heute war ihm schlecht, wenn er daran dachte.

Wagner griff nach der halb leeren Schachtel, die auf Mühsams Seite des Tisches lag. Er zündete eine davon an, lehnte sich zurück.

„Schon einmal drin gewesen?“, fragte er, als er Mühsams Blick bemerkte. „Im Guignol, meine ich.“

„Kenne einige, die mal drin waren. Seltsamer Klub, hab ich gehört. Klang mehr nach einem Irrenhaus als einem Theater.

„Aber du selbst warst nicht dort?“

„Nein, Johann. Nein, ich bin nicht schlank und schön und reich genug, um da rein zu kommen, danke, dass du es erwähnst.“

„Hm“, machte Wagner und rauchte weiter.

Mühsam unterbrach sein Essen. Besteck klirrte auf dem Teller. Er zündete sich ebensfalls eine Zigarette an. Die fünfte für den Mittag, wenn Wagner sich nicht verzählt hatte.

„Wieso fragst du?“

Wagner zuckte mit den Schultern.

„Ist schwer zu erklären. Weißt du…jemand hat an diesem Abend gesagt, dass die Gerüchte und das Hörensagen darüber nicht wirklich an das herankommen, was dort geschieht. Ich meine…Du weißt das genau so gut wie ich, vielleicht besser. Die Gerüchte über die geheimen Logen, über die…animalischen Geräusche daraus. Die Gerüchte über die abartigen Dinge, die dort vor sich gehen. Die illegalen Sachen. Dass die Schauspieler oft genug sterben bei den Aufführungen.“

Seine Kiefer mahlten angestrengt. Als ob die Worte nicht aus seinem Mund wollten. Als ob sich etwas in ihm weigerte, es auszusprechen. Wagner drückte seine Zigarette aus, schüttelte den Kopf.

„Das mit eigenen Augen zu sehen und zu fotografieren ist tatsächlich schlimmer. Ich lege keinen Wert auf die Fortführung dieser Geschäfte, Markus.“

Schweigen. Eine ganze Zeit lang nichts als Schweigen. Mühsam rauchte seine Zigarette ungewöhnlich langsam. Wagner mied seinen Blick. Er hatte sich zur Seite gedreht, die Beine übergeschlagen, und sah sich im Kaffeehaus um.

Es war nicht sonderlich gefüllt und ohnehin mehr eine Art…Geheimtipp. Ein herunter gekommenes Etablissement mit verschlissener Einrichtung. Gelbe, nikotinschwere Vorhänge vor zugigen Fenstern; durchgesessene ehemals blaue Polster vor weißen Marmortischen. Es war modisch, irgendwie, hatte einen gewissen Flair, den Wagner sehr mochte. Wie eine abgerissene Künstlerbar.

Er hatte keine Angst, hier Bekannten zu begegnen oder gar Leuten aus dem Guignol. Trotzdem fühlte er sich unwohl dabei, diese Dinge hier zu bereden. Schmutzig. Als ob er die Geschehnisse jener Nacht damit in den Tag zerren würde, wohin sie jedenfalls nicht gehörten.

„Was hast du gesehen?“, fragte Mühsam schließlich.

„Was auf dem Bild ist“, sagte Wagner tonlos.

„Das habe ich nicht gesehen.“

„Wirst du, sobald die Zeitung es bekommt.“

Mühsam schnaubte. Sein Tonfall verriet, wie wenig er immer noch von dieser Idee hielt.

Er schob den Teller von sich. Offenbar war ihm der Appetit vergangen.

Wagner hatte sich die Einwände durch den Kopf gehen lassen. Alles, was Markus ihm gesagt hatte, hatte er sich selbst in den letzten paar Tagen schon selbst vorgesagt. Es war ein Bruch seines Wortes, es würde seinen Ruf schädigen, es würde garantieren, dass er nie wieder vom Guignol angeheuert würde. Vielleicht würde es ihn andere Jobs kosten und einige Käufer seiner Bilder verschrecken.

Dennoch hatte er heute Morgen eine Mail an die Redaktion der „WORT“ gesendet. Mit einer kleinen Vorschau und der Bitte um baldigen Rückruf, um mögliche – natürlich exklusive – Bildrechte zu besprechen.

Es waren harmlose Bilder, alles in allem. Er hatte die in Auftrag gegebenen Portraits für sich behalten, genau wie alle anderen, auf denen irgendjemandes Gesicht zu erkennen war. Den Auftrag des Guignols würde er noch beenden. Was er als Appetitanreger an die Presse gesendet hatte, war…belanglos, eigentlich. Eine gut gesetzte, aber leblose Aufnahme der letzten Momente aus dem Leben von Georg Schneider.

Der alte Mann auf dem Altar, umringt von Geistern in Leinengewändern. Um ihn her die Kerzen und die Blumen, die die Aufnahme überwucherten.

Das eigentliche Bild war wertlos: Nur das übergroße Gemälde war scharf gewesen, als ob der Engel, der die Teufel und den Altar unter sich in die Hölle trat, der eigentliche Mittelpunkt der Szenerie gewesen wäre. Aber ihm haftete eine gewisse Atmosphäre an. Es transportierte ein Stück des Unwohlseins, das Wagner beim Gedanken an das Guignol empfand.


Es würde ein hübsches, kleines Skandälchen lostreten. Es würde das Guignol erneut in die Presse bringen als einen dekadenten Ort der Sünde, der wieder einmal zu weit ging in seinem Anliegen – und mit ihm auch Wagner.

Die Idee war gut, egal was Mühsam sagte. Der war ein Segen für Wagner, keine Frage. Er war der beste Agent, den er sich wünschen konnte – ein Mann mit Kontakten und einem gewissen hinterhältigen Gespür. Aber er war alt und kam mit der heutigen Zeit nicht zurecht. Vor allem nicht damit, wie wichtig es war, im Gespräch zu bleiben.

12.12, 16 Uhr

„Was hast du gesehen?“

Mühsams Frage riss ihn aus seinen Gedanken. Wagner schüttelte den Kopf, vermied seinen Blick.

„Du wirst es sehen“, sagte er. Sein Mund verzog sich beim Gedanken daran. Als hätte er auf etwas Bitteres gebissen. „Du wirst es sehen, wenn es an der Öffentlichkeit ist. Keine Angst, es wird nichts…nichts ernstes sein. Nur der Beweis. Ich denke am Ende wird es ihnen vielleicht noch gefallen.“

Er lachte, tonlos, und warf sich das Haar zurück.

„Man wird darüber reden, ohne viel unternehmen zu können. Bei solchen Dingen unternimmt niemals jemand etwas. Die werden verurteilt und unter den Tisch gekehrt. Irgendjemand tritt zurück und dann, ein paar Monate später, ist er wieder da. Und ich kann kaum zurück treten von einem Job, der dann schon fertig ist, oder?

Mach dir keine Sorgen, Markus. Es wird nicht auf dich zurückfallen. Es sind Kleinigkeiten, harmlose Kleinigkeiten, über die man reden wird. Die einem schlecht werden lassen und auf so eine perverse Art doch irgendwie erlauben sich besser zu fühlen als Gesindel, das solche Dinge nötig hat. Die bürgerliche Presse wird schimpfen, wie sie es immer tut. Ich werde einige Interviews geben, um mich schadlos zu halten an der ganzen Sache…und dann wird es vorbei sein.“

Mühsam ließ seine Zigarette sinken.

„Meine Güte, Johann. Du bist ganz bleich, was ist mit dir? Geht es dir gut? Was hast du gesehen, dass du…“

„Ich weiß es nicht“, sagte Wagner nur. Er drückte eine weitere Zigarette aus, holte seinen Geldbeutel hervor und warf einige Scheine auf den Tisch. Ihm war die Lust vergangen, Markus zu unterhalten.

„Ich weiß nicht, was ich gesehen habe. Ich weiß ja nicht einmal, was ich nicht gesehen habe. Ob es diese Frau wirklich gab, die auf keinem einzigen meiner Bilder zu sehen ist. Ob es den Mann, den wir wie Geier umkreist haben, wirklich gab in dieser Kirche, unter diesem verdammten Bild. Wenn du dort gewesen wärst, Markus…“

Wagner erhob sich abrupt, ohne seinen Satz zu einem Ende zu bringen. Er hatte Mühsams Blick gesehen. Dass er nicht verstand. Nicht verstehen würde, egal, was Wagner ihm sagte. Markus war ein Relikt, ein Mann der alten Schule für den das Wort alles galt, auch wenn er es gegeben hatte ohne alle Einzelheiten zu kennen. Selbst wenn er herein gelegt worden war würde sein Wort alles gelten.

Nicht für ihn. Für ihn galt, was die Welt von ihm wusste. Und sie würde von ihm wissen, dass er im Guignol gewesen war.

„Tut mir Leid, Markus. Ich muss das tun. Du wirst es verstehen.“

Ohne auf ein weiteres Wort seines Agenten zu warten, griff Wwagner sich seine Jacke und ging.

Grotesk – Teil I: Abgeblitzt


Niemand konnte guten Gewissens die Wörter „Kunst“, „Schönheit“ oder auch nur Anstand mit dem in Verbindung bringen, was am Abend des dreizehnten August in einer alten Kirche am Landwehrkanal geschah.

Die gesamte Einrichtung war mehr ein Mahnmal gegen alles, was in anständiger Gesellschaft als Kunst galt. Sie war gefüllt mit Personen, die einer Art Gottesdienst beiwohnen würden, der alles bisher da gewesene in den Schatten stellen würde. Nichts so naives wie eine Predigt oder ein unschuldiges Gebet. Derlei war seit mehr als dreißig Jahren nicht mehr in dem alten Backsteingebäude erklungen. Hier huldigte man einem anderen Götzen und sein Name war Eitelkeit.

Das „Grotesque Guignol“ war widerwärtig in jedem Sinne.

Und Johann Wagner liebte jeden einzelnen Augenblick, den er dort verbrachte.

Er hatte oft genug Gerüchte gehört, was in diesem sogenannten „Schauspielhaus“ vor sich ging. In der ganzen Stadt wusste man von den Lauten, die bisweilen über den Hof drangen.Von den Logen in der Galerie über der Bühne, über dem entweihten Altar, und von den Maskierten und Unbekannten, die sich dort herum trieben.

Man wusste, dass ein Stück selten mehr als einmal aufgeführt wurde, weil selbst die liberalste Staatsgewalt sie wieder und wieder verbot. Man wusste von den Verhören und den Durchsuchungen, bei denen nie irgendetwas gefunden wurde, abgesehen von einer offenen Verachtung für den Anstand der Gesellschaft.

Trotz allem wusste kaum jemand wirklich, wie wiederwärtig das Guignol hinter seiner berüchtigten Fassade war. Selbst Johann Wagner hatte es erst einige Tage darauf erfahren, was für eine Schlangengrube dort zusammenkam.

Am Abend des dreizehnten August selbst war er noch geblendet davon. Er hatte lange und hart um eine Einladung gekämpft – denn nur so kam man hinein: Mit einer persönlichen Einladung der Direktion oder einer gehörigen Menge einflußreicher Bekanntschaft.

Wagner besaß nichts davon. Er besaß lediglich eine Kamera und einen gewissen Ruf in gewissen Kreisen als ein Fotograf der Exklusivität. Seine Kunst – und das waren seine Bilder, entgegen aller Verleumdung durch die bürgerliche Presse – war eine einmalige Angelegenheit, die hinter verschlossenen Türen stattfand. Die breite Öffentlichkeit hatte von ihm nur durch exzentrische Interviews Kenntnis, konnte sich von ihm nur ein Bild machen durch die verschwommenen Ausschnitte und Mosaik-Bilder, die er selbst anonym in den Medien verteilte.

Er war, worüber viele redeten, ohne wirklich etwas davon zu wissen.

Und das hatte ihm immerhin ein Engagement im Guignol eingebracht. Er war in die Halle des Guignol eingelassen worden, vom Direktor persönlich, und über seine Aufgabe in Kenntnis gesetzt.

Was an diesem besonderen Abend aufgeführt werden sollte, wusste er nicht. Aber er sollte die Bilder dazu liefern, sollte einen „einmaligen, vergänglichen Augenblick in Ewigkeit verwandeln“, wie der Direktor ihn hatte wissen lassen.

Viele der Gäste ließen sich bereitwillig von ihm fotografieren, ohne ihm dabei großartige Beachtung zu schenken. Sie genossen die Gelegenheit, einmal Portraits von sich anfertigen zu lassen. Ihre vielseitigen und unerwarteten Kostüme zu präsentieren, sich zur Schau zu stellen und – immerhin für die Zeit einer kurzen Fotoserie – der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu sein.

Wer keinen Wert auf solche Fotografien legte, verschwand rasch über die Treppen im hinteren Bereich auf der Galerie, wo Wagner der Zutritt verboten war.

Es schien, als kämen die meisten von ihnen aus einer anderen Zeit als er. Aus mehreren anderen Zeiten, um genau zu sein. Zeiten jedenfalls, in denen es noch Könige gab und eine Aristokratie, die mit jeder Bewegung und jedem Blick das Selbstbewusstsein ausstrahlte, etwas besseres sein zu müssen. Der beinahe raubtierhafte Gang eines gewissen „Wolfgang. Einfach nur Wolfgang“ im Punker-Outfit, das arrogante Schweben der Cocktailkleidchen, die adrette Perfektion eines „Fräuleins Melissa“.

Alles zeugte von diesem Drang zur Repräsentation. Von der Notwendigkeit für diese Leute, selbst hier im geheimen Guignol noch ein Bild von sich zu entwerfen. Eines, das gesehen werden wollte.

Wagner…Wagner war mehr ein Spanner mit einer Kamera, als ein Teil dieser Gesellschaft. Und er war nur allzu willig, die Abbilder dieser Leute zu betrachten. Sie waren faszinierend in ihrer Buntheit, ihrer Zusammenhangslosigkeit. Jedes einzelne für sich genommen war sorgfältig entworfen, jede Person eine Kunstfigur, wie man sie selten sah. Aber hier, zusammen im Guignol verband sie für seine Augen nichts weiter, als eben das Guignol.

Das „Schauspielhaus des Makaberen und Grotesken“, wie es sich nannte, war der eigentliche Star des Abends. Jedenfalls soweit es Wagner betraf. Das Guignol war die Galerie, durch die alle Bilder in ihr erst Bedeutung als Kunst erlangten.

Wagner hatte Zeit, sich umzusehen, nachdem das Gros der Gäste eingetroffen war. Er schlich durch das alte Kirchenschiff, das weitgehend in Takt geblieben war, seine Kamera in der Hand und einen Blick immer in die Höhe geworfen.

Die Architektur der Kirche war unangetastet, bis auf einen Holzboden, der die Galerie in ein eigenes Stockwerk verwandelte. Dort befanden sich die Logen für Gäste, die Wert auf eine gewisse Anonymität oder Intimität legten. Dennoch war die Decke sechs oder sieben Meter hoch.

Nur über der „Bühne“ brach die Galerie auf und erlaubte einen Blick auf die Kuppel (?) über ihnen, zwanzig Meter in luftiger Höhe.

Die Bühne selbst…war schlicht der Altarraum der Kirche. Der massive Marmortisch aus dem neunzehnten Jahrhundert, die Kandelaber, die Leuchter, die Figuren an den Wänden und all das war nicht entfernt worden. Eine Reihe von entzündeten Kerzen und eine massive Menge an Blumen war um den Altar herum aufgestellt worden.

Wagner ließ die Kamera sinken. Es gab nichts, was sein Bild hier in Kunst verwandelt hätte. Rein äußerlich war die Bühne mit dem Altar einer protestantischen Kirche des vorletzten Jahrhunderts identisch. Sämtliche Stücke, die dort aufgeführt wurden, mussten diesen Fakt in Betracht ziehen und um die Kirchenrelikte herum spielen.

Selbst das Altarbild hing noch darüber. Ein überlebensgroßes Monumentalbild eines italienischen Malers, ursprünglich für eine vollkommen andere Kirche angefertigt.

Es zeigte einen Engel in der üblichen Rüstung, der sein Schwert siegreich in die Sonne, in den Himmel, reckte. Sein Blick war verächtlich nach unten gerichtet, wo sich unter seinen Sandalen eine Gruppe Dämonen wand. Seine Tritte beförderten die Elenden gerade in den Abgrund, der sich unter ihnen in Rauch und Blut auftat. Über ihre zerschmetterten Grimassen hinweg stieg der Engel in den Himmel auf, während seinen Widersachern Hufe wuchsen, Teufelshörner, gespaltene Zungen und Schuppen sprossen, die sie vielleicht noch mehr als seine Tritte und Hiebe schmerzten.

„Luca Giordanos Erzengel“, sagte eine Stimme in einem recht gelangweilten Tonfall. „Ziemlich aufdringliche Staffage, finden Sie nicht?“

Wagner zuckte zusammen. Er fand einen Mann neben sich stehen, den er vor kurzem erst portratiert hatte. Er hatte sich nicht mit Namen vorgestellt und nur ein einziges Foto zugelassen, das aber von einer lässigen Perfektion seinerseits zeugte. Er war schlank, in seinem dunklen Samtanzug mit hohem Kragen wirkte er noch schlanker. Seine manikürten Finger lagen auf dem Samt seiner Oberarme, als wären sie Juwelen in der Auslage. Er war jung, jünger als Wagner.

Neid stach Wagner für einen Augenblick ins Herz.

„Ich finde Sie phantastisch“, sagte er. „Ich kann mir gut vorstellen, was hier gespielt wird.“

Der Mann lächelte und schaffte es dabei bevormundend zu wirken. Er schüttelte die blonden Haare, ohne Wagner dabei anzusehen.

„Nein. Nein, das können Sie nicht“, sagte der Mann. „So viel muss ich der Demoiselle lassen: Was sie üblicherweise aufführt, übertrifft meist das Vorstellungsvermögen gewöhnlicher Menschen.“

Wagner wusste nicht recht, ob er sich beleidigt fühlen sollte. Ob der Mann nur zu ihm gekommen war, weil er offensichtlich keiner der üblichen Besucher war und damit ein leichtes Ziel für ihn. Oder ob mehr dahinter steckte. Wollte er sich erkundigen, ob sein Foto gut geworden war? Bestätigung für sein Aussehen, sein entworfenes Selbstbild haben?

Bevor Wagner etwas antworten konnte, sprach der Mann das offensichtliche aus.

„Sie sind nicht oft hier.“

„Ja. Mein erstes Mal hier. Eigentlich nur als Fotograf, nicht als Gast. Wagner, mein Name. Johann Wagner. Stehe den ganzen Abend zu Ihrer Verfügung, Herr….“

Er kramte in seiner Tasche nach einer Visitenkarte, hielt sie dem Mann hin. Der runzelte die Stirn, weiterhin ohne Wagner anzusehen. Dann senkte sich sein Blick auf die Visitenkarte, die er nicht berührte. Ein anderer Mann, den er zunächst nicht bemerkt hatte, nahm sie entgegen.

„Thomas von Blankenfeld“, sagte der Mann im Anzug schließlich, ohne die Karte zu berühren. „Sie sollten nicht so fokusiert auf ihre Arbeit sein, Herr Wagner. Genießen Sie lieber Ihren flüchtigen Augenblick im Guignol. Genießen Sie, dass er flüchtig ist, meine ich.“

Das Lächeln des jungen Mannes wurde verspielter. Endlich warf er aus den Augenwinkeln einen Blick zu Wagner hinüber.

Der runzelte die Stirn. Als er dem Blick von Blankenfelds begegnen wollte, hatte dieser seine Aufmerksamkeit schon wieder auf die Bühne gerichtet.

„Wissen Sie, was hier heute Abend gespielt werden soll?“, fragte er.

„Nein“, gab Wagner irritiert zu. Die Visitenkarte verschwand wieder in seiner Tasche. „Aber witzig, dass sie es erwähnen. Es soll um Vergänglichkeit gehen, denke ich. Ich darf diese Vergänglichkeit festhalten und in der Ewigkeit eines Bildes einfangen, wie der Herr Direktor so schön gesagt hat.“

„Sie…und ihre Kamera?“, fragte von Blankenfeld.

Wagner war an der Reihe, wissend zu lächeln. Sein Blick glitt an dem jungen Mann herab, an seinem feinen Anzug, den manikürten Fingern. Dem Bild, das er von sich präsentierte.

„Zu einem gewissen Teil. Hauptsächlich ich. Die Kamera ist ein Werkzeug, aber nicht das einzige. Der Einfall des Lichts in die Szene, der Winkel der Abbildung…Der Blick des Fotografen ist das entscheidende. Die Kamera hält ihn nur fest. Alles weitere kommt dann im Postedit. Einfärbungen, Retouche, und dergleichen mehr. Ganz unter uns: Bilder werden heutzutage nicht mehr fotografiert, sie werden am Computer gemacht. Es ist künstlich, selbst wenn das Objekt real ist. Aber sie werden das wissen.“

Wagner sah, wie die Augenlider von Blankenfelds zuckten. Wie seine Augen zu Wagner hinüber huschten. Blaue, stechende Dolche.

„Was meinen Sie?“, fragte Thomas. Seine Stimme war höflich, aber kühl, Wagners Andeutung auf fruchtbaren Boden gefallen.

„Oh“, sagte Wagner. „Das Guignol. Sie wissen, dass solche Bilder gemacht werden. Von der Presse und Ihren Gerüchten. Das Guignol ist, was es ist, wegen all der Geschichten, die darüber verbreitet werden. Die Vorstellungen selbst sind nur der kleinste Teil davon, denke ich. Der Kontext, der Medienrummel drum herum, der macht es erst zu diesem grotesken Tempel.“

Von Blankenfeld lächelte. Wieder dieses bevormundende Lächeln, das nur umso schlimmer war,weil er um einiges jünger schien als Wagner.

„Glauben Sie mir, Johann – diese Gerüchte sind eine schwache Annäherung an das, was die Demoiselle Ombrage hier geschaffen hat.“

„Verzeihung, ich…Bin mit dieser Dame nicht bekannt. Sie meinen den Herrn Direktor?“

„Natürlich. Der Herr Direktor.“

Die Flügeltüren des Eingangsportals schwangen auf. Das Schaben des verzogenen Eichenholzes auf dem Fußboden unterbrach Wagner in seiner Antwort. Er drehte sich langsam um.

Die Gäste des Abends, die sich in kleinen Grüppchen zusammengestellt hatten, unterbrachen ihre Gespräche. Alle Augen richteten sich auf den Eingang, durch den eine Gruppe Menschen trat, die weiße Kutten trugen.

Leinengewänder, lang und weiß und edel, die ihnen bis auf die nackten Füße fielen. Mit Kapuzen, die sie so tief ins Gesicht gezogen hatten, dass ihre Gesichter nicht erkennbar waren. Sie waren Geister, die lautlos und gleichgültig in die Ausstellung schwebten. Die Gestalt, die die Eichentüren geöffnet hatte, schlug eine Glocke. Ihr tiefer Klang war das einzige Geräusch, das sie von sich gaben. Sie war tief und schwer, ein Geräusch, das Wagner bis ins Mark ging. Er kannte das Geräusch nicht, wusste aber sofort, was es damit auf sich hatte.

Es war eine Grabesglocke.

Die Gäste näherten sich neugierig dem Mittelschiff. Obwohl sie auf einen weiten Abstand zueinander achteten, zogen sie sich vor dem Altar zusammen. Sie beobachteten die Prozession, die sich langsam einen Weg durch die Kirche bahnte, hin zur Bühne. Zum Altar der Kirche.

Erst als die Gruppe näher heran war, sah Wagner, dass sie etwas mit sich trugen. Eine Bahre aus einfachem Holz, die mit dickem Stoff überzogen war.

Darauf ein Körper. Ein Mann, der unendlich hager war. Und reglos.

Er sah elend aus. Seine Sehnen und Knochen traten unter der Pergamenthaut hervor. Sein Schädel war lang und kahl und die Haare, die daraus hervor wuchsen, waren zerrissene, graue Strähnen.

Als die Bahre an Wagner vorbei getragen worde, konnte er einen Blick aus nächster Nähe in sein Gesicht werfen. Seine Augen waren gelblich, eingefallen. Wirkten nur um so kränklicher, als sie von Tränensäcken umgeben waren. Schwarz waren sie, als wären Adern in ihnen geplatzt und das Blut geronnen. Seine Augen starrten blicklos in den Raum, von einem feinen, weißen Film überzogen.

Dann war die Prozession an ihm vorüber und erklomm den erhöhten Altar mit gesetzten Schritten. Das elendige, durchdringende Geräusch der Glocke erstarb, als sie den Körper auf dem Altar ablegten.

Reglosigkeit ergriff von der Szene Besitz.

„Ist er…ist er…?“, fragte Wagner atemlos. Er wagte es nicht, den Blick vom Altar abzuwenden. Thomas von Blankenfeld ignorierte ihn. Er starrte nach vorn, gebannt wie Wagner, wie alle anderen in der Kirche.

Für endlose Augenblicke war es still in der Kirche. Nicht einmal der Atem der Anwesenden war zu hören.

Dann setzte das Röcheln ein.

Der Mann auf dem Altar erwachte ein letztes Mal zu einem hustenden, röchelnden Leben. Er warf sich zur Seite, umklammerte den Marmor unter seinem dünnen Leichentuch. Sein Blick ging in die versammelte Gesellschaft, wirr, hektisch, krank. Er hustete, spuckte wie ein zerrosteter Automotor. Wagner beobachte, wie Phlegma auf die Fliesen fiel.

Seine Stimme rasselte auf, ein verzweifeltes Greifen nach seinen letzten Atemzügen. Aus beinahe blinden Augen sah er durch den Dunstkreis der zahllosen Kerzen und Blumen hinweg in die Menge.

„Wer…wer sind Sie?“, röchelte der Mann.

Sein Kopf ruckte herum, von den Geistern um ihn her zu der Menge vor dem Altar. Zu der versprengten Versammlung von vielleicht zwei oder drei Dutzend Personen, die sich in einigem Abstand zueinander hielten.

Die ihn mit einer Mischung aus Neugier und Verachtung ansahen.

„Ich denke er ist unsere Abendunterhaltung“, hörte er Thomas von Blankenfeld seine eigenen Gedanken aussprechen. Gedanken, denen er sich nicht stellen wollte.

Er war nicht hier, um einzugreifen. Er war ein Beobachter und als solcher wurde er bezahlt. Um zu beobachten. Festzuhalten. Er könnte eingreifen, oder nicht? Er konnte aufschreien, wie grausam es wäre, diesen Mann dort…Wie pervers, sich davon unterhalten zu lassen.

Erneut flüsterte Thomas ihm ins Ohr.

„Deutlich pittoresker als zuvor, finden Sie nicht? Ein Anblick für die Ewigkeit. Eine kurze zumindest.“

Wagner wurde schlecht bei diesen Worten. Als hätte die Erkenntnis ihm einen Schlag in die Magengrube versetzt.

Eine einzigartige Vergänglichkeit in ewigen Bildern festhalten, das war seine Aufgabe für heute Abend.

Dem kurzen Moment des Sterbens Ewigkeit verleihen.

Seine Finger erstarrten auf dem Auslöser seiner Kamera, die er vor der Brust umklammert hielt. Er konnte nicht. Er konnte unmöglich. Das hier war zu real, zu greifbar, um in ein Bild verwandelt zu werden, um von ihm umgestaltet zu werden. Dazu war er zu überwältigt, zu ohnmächtig vor dem riesigen Gemälde des Engels und dem Sterbenden.

Erst das Auftreten einer Frau riss ihn aus seiner Lähmung. Sie hatte die Bühne von der Seite betreten, in sicherem Abstand zu den Geistern am Altar, zu den Kerzenflammen um sie herum.

Wagner hatte sie unter den Gästen gesehen, während er fotografiert hatte. Sie hatte es abgelehnt, von ihm und seiner Kamera abgebildet zu werden. Er hatte ihr keinen weiteren Gedanken geschenkt.

Dabei war sie durchaus schön und aufregend. Ein dunkles Abendkleid, mit vielen Rüschen und Verzierungen. Gestickte Muster über einem Hauch von Dunkelheit. Der Silberschmuck an ihren Ohren und in ihrem ansonsten rabenschwarzen Haar ließ sie anderweltlich wirken.

Es hatte nur das gewisse Etwas gefehlt. Das Etwas, das seine Aufmerksamkeit ganz für sich beanspruchte. Eine Szene, ein Bild gewissermaßen, zu dem er sich hingezogen fühlte.

Das bot sie ihm erst jetzt.

Sie, die Hände keusch vor der Brust gefaltet, einen Rosenkranz aus Silber umfassend, mit einem ernsten Blick. Eine Hand deutete auf den Altar mit dem Sterbenden darauf. Den Altar um den her eine Schar von Geistern geduldig wartete. Den Altar, über dem jener grauenhafte Engel die Teufel in die Hölle trat.

Wagner fand seine Finger am Auslöser seiner Kamera, noch bevor er vollends begriff, was geschah. Wie von selbst fotografierte er die Szenerie, erlag ihrem Ruf, alle moralischen Einwände hinfort gewischt.

„Willkommen im Grotesque Guignol“, sagte die Frau und wechselte anstrengungslos zwischen makellosem Deutsch und der französischen Aussprache einzelner Wörter hin und her.

„Es ist mir seine ganz besondere Ehre, meine verehrten und sehr verehrten Damen und Herren, Sie heute Abend in meinem Etablissement begrüßen zu dürfen.“

„Die Demoiselle Isabelle“, informierte ihn Thomas‘ Flüstern von der Seite. „Die eigentliche Herrin des Hauses.“

Von den einzelnen Flüstereien und dem Geraune im Publikum ungestört, fuhr die schwarze Dame fort.

„Das Exponat“, erklärte sie mit distanziertem Tonfall, ohne einen Blick auf den sich windenden „ist ist eine Idee des Monsieur Georg Schneider selbst. Als er vor einigen Jahren damit an die Öffentlichkeit trat, war der Widerstand groß. Zu riskant, zu extraordinaire für die bürgerlich-spießige Kunstwelt war seine Idee.

Das Guignol ist stolz darauf, ein Zufluchtsort für experimentelle Kunst zu sein, für alles gewagte und außergewöhnliche, und wir haben ihm mit großer Freude zugesichert, ihm diesen Wunsch zu erfüllen. Herr Schneider ist der Künstler, sein Kunstwerk…der eigene Tod.

Lassen Sie mich daher nicht viele weitere Worte verlieren. Zeit ist kostbar heute Nacht und aller Rest davon gehört ganz ihnen, Monsieur Schneider.“


Sie faltete erneut die Hände vor der Brust, ergriff ihr Kreuz in einer hämischen Verächtlichmachung von Demut, und wandte sich dem „Künstler“ zu.

Georg Schneider, der Mann auf dem Altar, schien nicht zu wissen, wo er sich befand. Offenbar hatte er sich vor einiger Zeit bereits ans Delirium verloren und rang nicht länger nur mit dem Tod, sondern auch mit seinem eigenen Verstand.

Ein Kampf, den er noch in dieser Nacht verlieren würden.

„Stellen Sie sich nur vor, was für Gerüchte die Presse über diese Wahrheiten in die Welt setzen würde“, hörte er Thomas von Blankenfeld an seinem Ohr flüstern. Eine fremde Hand legte sich auf Wagners Schulter, brachte ihn dazu, den Blick von der Demoiselle zu lösen.

Zum ersten Mal während des Abends blickte Thomas ihm in die Augen. Sie waren blau und klar wie frisch gefallener Schnee.

Und sie waren von einer Kälte, die Wagner diesen Satz in den Geist brannte.

„Stellen Sie sich nur vor, wie berühmt Sie mit einem Mal wären für ihren Mut, die Wahrheit zu teilen.“

Schadensbegrenzung

Liebe Lesende,
seit dem 3.11.2018 gab es auf diesem Blog keine neuen Kapitel meiner WebSerie zu lesen. Das sind 6 ausgefallene Updates. Die ersten und hoffentlich einzigen 6 Samstage in diesem Jahr, an denen ich nicht wie gewohnt 8 bis 12 Seiten einer Novelle oder eines Kurzromans hochgeladen habe.
6 Samstage, an denen ich mein selbstgestelltes Ziel verfehlt habe.
Das betrübt mich und vor gar nicht so langer Zeit hätte mich dieser Fehlschlag an meinen Qualitäten als Schreiber, an meiner Hingabe und an meiner eigenen Disziplin zweifeln lassen.
Heute kann ich dagegen sagen, dass ich mein bestes gegeben habe. Ich werde diese Umstände akzeptieren und weitermachen, statt daran zu verzweifeln.
Insbesondere, da sich scheinbar höhere Mächte gegen mich verschworen hatten.

Am 9.11 wurde meine Webseite gehackt. Dem Schaden waren meinen rudimentären Fähigkeiten leider nicht gewachsen und ich war gezwungen, die Seite kurzzeitig ganz vom Netz zu nehmen. Ein BackUp der WordPress-Installation erwies sich auch als unmöglich, was die Sache komplizierter gestaltete (die Texte habe ich natürlich gesichert und werde sie über die Feiertage wieder hochladen).

Das alles natürlich mitten im National Novel Writing Month, den ich Dummkopf mit einem Doppelprojekt gestartet habe: Geständnisse einer Leichenfresserin, ein Murder Mystery das in der Welt von Blut und Rost spielt und einige unserer alten Bekannten in einer einzelnen Geschichte zusammen bringen sollte. Leider habe ich davon nur 25.000 Wörter oder 125 Normseiten geschafft, da mir mein zweites Projekt wieder einmal über den Kopf wuchs. Meine Abschlussarbeit schlägt mit aktuell 30.000 Wörtern oder 150 Seiten zu Buche. Ich habe das verdammte Ding jetzt drei oder vier Mal komplett neu aufgestellt. Zuletzt von August bis September in nur 6 Wochen komplett neu geschrieben, vom Deckblatt bis zum Anhang. 150 Seiten harte ästhetische Philosophie in 6 Wochen. Im November musste der erste Entwurf komplett überarbeitet werden. Ich hatte einiges an Literatur nachzuholen, einzufügen, ganze Kapitel neu zu schreiben, umzugestalten und großflächig zu streichen und zu ersetzen. Das alles neben dem wahnsinnigen Vorhaben, einen ganzen Roman in 30 Tagen zu schreiben und den Blog am Laufen zu halten.
Die Webserie viel dazwischen schlicht hinten unter.
Was opfert man nicht alles für einen Abschluss mit Auszeichnung.

Als ich mich Anfang Dezember dann daran machen wollte, die Webseite neu aufzusetzen und die bis zu diesem Zeitpunkt verpassten Updates nachzuholen, kam der nächste Schicksalsschlag: Das Internet in unserer WG fiel aus. Für drei geschlagene Wochen, vom 31.11 bis zum 18.12 hatte ich keinen Internetzugang. Die Gründe sind komplizierter und involvieren ausziehende Mitbewohner, schlechte Planung und zerschnittene Leitungen. Belassen wir es dabei, sonst erleide ich Flashbacks.
Ich hatte die Absicht, derweil in Kaffeehäusern das freie Internet zu nutzen oder die Bibliotheken der Stadt zu besuchen.

Das wurde leider vereitelt von, ich gebe zu, menschlicher Schwäche und ökonomischen Sachzwängen. Seit dem 3.12 habe ich endlich, nach mehr als einem Jahr Suche und Lückenstopferei einen Job. Es ist kein großer Sprung. Drei Tage die Woche stehe ich in einem barocken Palais im Zentrum von Wien und sage den Besuchern, dass sie die Finger von den millionenschweren Bildern lassen sollen. Aber es zahlt meine Miete, mein Essen und meine Versicherung – und das ist mehr, als ich die letzten 16 Monate sagen konnte. Unglücklicherweise bedeutete das genau dann mehr Streß und weniger Zeit, als ich mich mit meiner Webseite beschäftigen wollte.

Heute ist seit einigen Wochen der erste Tag, an dem ich wirklich die Ruhe habe, mich damit zu befassen.
Ich bin also traurig, dass es so lange gedauert hat. Aber ich schäme mich nicht dafür, denn ich habe in dieser Zeit einiges geschafft. Nicht alles, was ich wollte, aber vieles. Und das ist immerhin ein Anfang.

Ich danke euch also allen für eure Geduld, für eure lieben Worte in dieser Zeit und vor allem: Dafür, dass ihr wieder hier seid und das lest.

Der Neuaufbau der Webseite wird leider ein wenig dauern. Ich möchte die Gelegenheit wahrnehmen und mich einmal etwas in Design und Bearbeitung einfuchsen, um eine möglichst schicke Seite bieten zu können.
Die Wiederherstellung der Texte und die Wiederaufnahme wird dagegen recht zügig vor sich gehen. Heute und in den nächsten Tagen lade ich die 8 dieses Jahr abgeschlossenen Novellen mit ihren insgesamt 42 Kapiteln neu hoch. Das wird ein paar Stunden dauern, da ich zumindest eine schnelle Rechtschreibprüfung nachlegen möchte.
Mit Samstag, dem 22.12.2018, nehme ich den Faden der letzten Erzählung wieder auf mit einem brandneuen Kapitel. Die Geschichte wird noch etwa den Januar über andauern. Im Februar 2019 dann möchte ich euch meine Pläne für das Projekt und das nächste Jahr präsentieren, an denen ich während des Novembers bereits einiges vorbereitet habe. Da ich dann wohl endlich, nach mehr als einem Jahr, meine Abschlussarbeit an der Alma Mater Rudolphina eingereicht haben werde, halte ich diesen Zeitpunkt für ideal.
Bleibt also dabei.

Um euch die Wartezeit etwas zu verkürzen, möchte ich noch auf ein Projekt hinweisen, bei dem ich das Glück hatte, mitwirken zu dürfen. Nora Bendzko, mit der ich in meinem Schreibsalon zusammen arbeiten durfte, hat mir die Ehre erwiesen, mich in die Widmung ihres aktuellen Romans aufzunehmen. Schaut es euch an!

Entzündung – Teil III: Eine letzte Anstrengung

¨Dein Geheimnis. Verrat es mir.¨


Jakob war gefangen, nicht ganz bei sich. Er spürte alles wie durch Watte, als hätte er einen leichten Kater oder hätte die Nacht durchtanzt. Es tat nichts weh, nichts schmerzte. Aber die Energie war ihm ausgegangen, alles war leicht und locker und selbst die Luft war seltsam zäh-viskos, als hätte sie sich um ihn verdichtet und widerstünde den einfachsten Bewegungen. Es kostete ihn Kraft, nur diese Frage zu stellen, seine Lippen und Zähne zu bewegen.


Er träumte wohl. War sich fast sicher, dass er träumte. Das Licht fiel so komisch durch sein Arbeitszimmer, so grau und trist, wie von abgedämpftem Mondlicht. Und Benedikt saß neben ihm auf der Couch, auf der Jakob immer schlief.

Wie konnte er da nicht träumen?


¨Was sollten das für ein Geheimnis sein?¨, fragte seine Traumstimme. Sie klang, wie in den Träumen zuvor. Rau und irgendwie erdig, als schleife sie etwas auf den Stimmbändern.
¨Woher du kommst. Wer du warst.¨
¨Ein Niemand von Nirgendwo. Wohin wir alle wieder gehen¨, war die Antwort. Jakob spürte, wie sich Falten in seine Stirn gruben und seine Augenbrauen sich hoben, mühsam und schwer, irgendwie losgelöst von ihm.

Er war zur Seite gesunken, im Lauf der Nacht. Er erinnerte sich, wie er wieder lange im Büro geblieben war, jedenfalls schwach erinnerte er sich an den Tag. Eine endlose Reihe von Papieren, wie die letzten Wochen schon. Papiere und Unterlagen, die ihn diesmal bis auf die Couch begleitet hatten, wo er unter einer schmuddeligen Decke eingeschlafen war.

Jetzt lag er dort, zur Seite weg gesunken, den Kopf auf dem Schoß eines Knaben und den Blick nach oben gerichtet, zur Decke. Wie in müßiger Überlegung. Wie, als wäre es ein fauler Sommernachmittag, den er in der Sonne verbrachte.

Nur dass es Nacht war und er zu schlafen glaubte.

Über ihm…das Gesicht von Benedikt. Die scharfen, Züge, das kräftige Kinn, die feinen Marmorierungen auf den Wangen und der Stirn, wo Adern bläulich durch die Haut schimmerten. Die schwarzen Locken, nach denen er fassen, in denen er seine Finger vergraben wollte. Nur seine Augen sah Jakob nicht. Die hielt der tote Knabe auch in seinen Träumen noch geschlossen.

Es wirkte leer, nicht lebendig sondern schlafend. So groß war die Macht seiner Träume offenbar nicht, dass Jakob die Toten wieder leben lassen konnte. Aber er konnte sie sprechen lassen.

Der Junge hatte eine Hand auf seine Schulter gelegt, strich ihm über den Nacken. Küsste ihn mit kühlen Lippen das Fleisch zwischen Schlüsselbein und Hals.

Jakob zitterte unter den Berührungen, vibrierte trotz seiner Schwäche darunter, schmiegte sich an das kühle Fleisch Benedikts.


¨Wie hat Segato dich konserviert?¨, verlangte er zu wissen. ¨Verrat es mir. Woher kommst du, wie bist du in meinem Archiv gelandet und zu meiner Qual geworden?¨
¨Qual?“ Der Körper, dem die Stimme gehörte, schüttelte sacht das Haupt. Als lachte er, aber ohne einen Ton von sich zu geben. „Ist es so grausam, mich nicht zu kennen?¨


Jakob zögerte einen Augenblick, überdachte seine Möglichkeiten. Was er die letzten Tage und Nächte herausgefunden oder besser gesagt nicht herausgefunden hatte. Er hatte grandiose Behauptungen gemacht über die Natur seiner Beobachtungen, über die absolut unzweifelhafte Echtheit des Objekts, die ins Haus stehenden Tests und Laboruntersuchungen, die ihm und einem Team an ausgesuchten Wissenschaftlern Ruhm und Ehre bringen würden.

Das jedenfalls hatte er gesagt, um sich Boris und seine Familie vom Leib zu halten.

Die Wahrheit war: Jakob bewegte sich auf der Stelle.

Es war nichts aufzutreiben, kein Beweis. Er hatte nichts von Benedikt, als diesen Namen, der eines Abends in seinem Geist aufgetaucht war und mit dem er einen leblosen Kadaver betitelte. Nichts als den Namen und die Gewissheit, dass er mit Segato zu tun hatte.

Schließlich nickte er.
¨Es ist grausam, dich zu kennen, aber nicht zu wissen, wo du her kommst.¨
Die Lippen des Körpers, den er Benedikt nannte, zuckten.
¨Ich kannte Girolamo Segato“, wiederholte die Stimme und Jakob nickte.
„Ich weiß, ich weiß“, unterbrach er ihn.
„Ich starb vor mehr als zweihundert Jahren“, sagte Benedikt weiter und Jakob bekam den Eindruck eines Lächelns, eines feinen, verschmitzten Ausdruckes um die Mundwinkel..
„Ich weiß, ich weiß“, stimmte Jakob eifrig zu. „Du musst, wenn du Segato kanntest. Aber wie bist du dann hier gelandet?“
„Du hast nur eine falsche Annahme gemacht¨, sagte die Traumstimme, ohne das Lächeln zu unterbrechen.
¨Ja?¨, fragte Jakob zittrig, spürte, wie sich alles in ihm anspannte. Er war auf dem Weg, ein weiteres Geheimnis zu erfahren. Stück für Stück würde er die Rätsel schon lösen, und wenn es ihn Monate und seinen Verstand kostete: Er würde die Geheimnisse der Medusa von Florenz schon noch dem Vergessen entreißen.
¨Welche?¨, fragte er atemlos.

Benedikt antwortete mit erdiger Stimme:
¨Du denkst noch, ich sei eine Schöpfung Girolamos. Dabei war er meine Kreatur. All seine Kunst ist mein Verdienst.¨


—-


Der Anatom Dr. Gottfried hatte schlecht geschlafen, natürlicherweise. Die Träume ließen ihn nicht los, sondern wurden nur echter und fesselnder. Auch tagsüber schlichen sie sich in sein Leben. Als drifte er langsam ab, verabschiedete er sich aus dem frustrierenden Alltag, in dem er keine Lösungen fand. Immer öfter fand er sich in seinen wachen Stunden eine Hand auf seinen Nacken legen, dort, wo er die Hand Benedikts im Traum zu spüren geglaubt hatte.


Womöglich war es nur die Müdigkeit. Er schlief eben sehr schlecht und zu wenig. Entweder sackte er am Schreibtisch in sich zusammen, über seinen Büchern, oder schaffte es mit Müh und Not auf die harte Couch. Sein Rücken schmerzte, seine Augen brannten und er hatte einige Verspannungen den ganzen Rücken runter. Seine Schultern waren steif und hart. Wenn er nicht bald ein richtiges Bett und ein Wochenende Schlaf bekäme…

Der Besuch, der ihn mit seinem Mittagessen belästigte und von der Arbeit abhielt, tat sein übriges.

Jakob schnaubte, klappte gleichzeitig seinen Katalog zu und griff sich den nächsten vom Stapel. Er hatte sich Arbeit aus dem Archiv mitgenommen. Wobei mitgenommen auch ein eigentümliches Wort dafür war. Er hatte mehr große Teile der Aufzeichnungen über die Jahre 1920 bis 1950 in sein Büro geschafft. Kistenweise stapelten sie sich vor den Bücherregalen, mehrere lagen auf dem Tisch. In diesem Fall die Jahre 1920 bis ’23. Er vermutete, dass Benedikt in diesem Zeitraum das erste Mal ins Archiv gekommen war. Die Aufzeichnungen müssten im Krieg untergegangen sein, verschüttet irgendwie. Von den Russen eingekistet und dann nicht mitgenommen oder irgendein übereifriger SS-Mann hatte womöglich noch einige davon verbrannt.

Wenn dem so war, dann müsste es Notizen geben, Randbemerkungen, irgendwo Verweise auf etwas fehlendes oder vernichtetes…oder schlicht eine Beschreibung von Benedikt als Teil einer Ausstellung oder Inventur, das wäre das beste Szenario.


Für ihn selbst hätte es keinen Beweis gebraucht, natürlich nicht. Er wusste, dass es sich um Segatos Meisterwerk handelte, nicht um ein Imitat, noch weniger um eine moderne Plastik. Aber für den akademischen Betrieb…musste er sich durch die handschriftlichen Inventurlisten wühlen.


Sollte in diesen Katalogen nichts verzeichnet sein, das in etwa einer Beschreibung der Kiste entsprach, hätte er noch einige weitere Möglichkeiten. Er plante durchaus, sich etwa mit den Russen in Beziehung zu setzen, die ’45 einen großen Teil sämtlichen Kulturschatzes der Stadt als Beute mitgeschleppt hatten. Natürlich würden sie nicht erklären können, wann das Stück aufgetaucht war. Aber wenn es bis Mai des Jahres schon im Insitut gewesen wäre, dürfte irgendeiner seiner Kontakte eine Notiz darüber gefunden haben, als sie wertvolles und wertloses trennten.

Seiner Erfahrung nach waren die Sovjets mehr an den technologischen Errungenschaften interessiert gewesen, der Eisernen Lunge etwa oder mechanischem Ersatz für organische Funktionen. Benedikt wäre zu harmlos für sie gewesen, zu wenig bedeutsam als technische Errungenschaft. Wenn Jakob sich nicht sehr irrte, hatten einige ihrer Forscher sogar einen vollständigen Blutkreislauf imitieren und einige Stunden lang stabil halten können. Anatomisch durchaus eine Leistung, die sogar Boris in seinem grotesken Kabinett gefallen hätte.
Das wäre doch ein Schauspiel für die Kinder gewesen: Der noch zuckende Leichnam eines Tieres, aufgespalten und Inneres nach Außen verkehrt, künstlich am Leben gehalten durch Pumpen, Schläuche, Blasebälge, den Mund leblos öffnet, angetrieben von irgendeiner elektrischen Teufelei

¨Du siehst scheiße aus¨, unterbrach Sarah seine Überlegungen. ¨Du schläfst in deinem Büro, Jacques, und ernährst dich von Pizza und Papier. Wann warst du zuletzt draußen? Nein, richtig draußen, mit anderen Menschen. Es stinkt hier drinnen, als wärst du allergisch gegen Wasser.¨

Ein müdes Lächeln schlich sich auf sein Gesicht und er zuckte mit den Schultern, desinteressiert und schwächlich.
„Wenn ich nicht raus gehe, dann stört es keinen“, sagte er, ohne aufzublicken.
Seine Schwester stampfte auf, trat gegen eine der vielen Kisten an der Wand, die seit ihrem letzten Besuch nur noch mehr geworden waren. Er wusste, dass sie ihm wieder diesen garstigen Blick zuwarf. Dafür musste er sie überhaupt nicht sehen. Er spürte ihn als so ein Kribbeln unter der Kopfhaut.
¨Du telefonierst nicht mehr mit Mutter“, sagte sie. „Die Alte macht mich irre mit ihren dauernden Anrufen. Ob ich was von dir gehört habe, was tu tust, ob du jetzt zu wichtig bist, um mit deiner Mutter zu sprechen.“


„Nur ein paar Tage noch“, sagte Jakob, „dann bin ich fertig. Dann hat Mama wieder Grund, mit mir anzugeben, ohne mit mir zu reden.“
¨Scheiß auf ihr behämmertes Selbstwertgefühl. Ich mache mir Sorgen um dich, Mann. Du lebst wie ein Tier hier drinnen. Schlimmer eigentlich, Tiere haben keine andere Wahl.“
Jakob schüttelte den Kopf. Das war es nicht wert, sich aufzuregen, wütend zu werden und zu schreien. Nur weil sie einmal mehr nicht verstand, weil sie das alles für kranke Spielereien hielt, was er „so trieb“. Benedikt war wichtiger, als sie. Wichtiger als das fragile Ego der Familie, das sich nur am Leben halten konnte, wenn es ihn immer und immer wieder auf seine Andersartigkeit hinwies.

„Mir geht es gut“, sagte er.

Es war wie eine Aufnahme, die er abspielte. In dem selben Tonfall, den er die letzten Tage ihr gegenüber verwendet hatte. Den er auch bei Boris benutzte und bei allen anderen, die ihn fragten.

¨Sacre…¨, schimpfte Sarah und fischte einen handtellergroßen Spiegel aus ihrer Handtasche. Sie schnappte ihn mit einer Handbewegung auf, hielt ihn vor seinem Gesicht.

¨Schau genau hin¨, befahl sie.
Ihr kleiner Bruder folgte nur widerwillig. Etwas in diesem kleinen, ausschnitthaften Spiegelbild füllte ihn mit einem Unbehagen, auf das er nicht direkt deuten konnte. Er hatte tiefe, braune Ringe unter den Augen, die von wenig Schlaf und schlechtem Licht gerötet waren. Seine Wangen waren eingefallen, bleich, unter einem stoppeligen, dunkelblonden und ungepflegten Bart, der etwa drei Wochen gebraucht hatte, um zu wachsen.


Jakob wandte den Blick ab, zuckte mit den Schultern. Hätte er seine Füße durch die Arbeitsplatte seines Sekretärs hindurch sehen können, er hätte sie betreten angestarrt.
„Meine Güte, ja, ich achte nicht gut auf mich. Aber was soll ich sagen? Das hier ist wichtig, Sarah. Sehr wichtig. Wie kann ich mich um mich kümmern, wenn ich mich um…“

Er biss sich auf die Lippe. Beinahe hätte er gesagt, wenn er sich um Benedikt kümmern musste.

„Wenn ich mich um mein Projekt kümmern muss. Ich habe so viel zu tun“, sagte er. „Boris droht, mich zu feuern, wenn ich nicht mehr an seiner hirnrissigen Ausstellung arbeite. Ich versinke jetzt schon bis über beide Ohren. Ich muss einfach fertig werden hiermit, verstehst du? Dann…dann wird es besser werden. Ganz bestimmt.“

Der Spiegel schnappte mit einem bösartigen Geräusch zu. Sarah versetzte ihrem Bruder einen spielerischen Klapps auf den Hinterkopf, nahm ihre Tasche in die Armbeuge und ging zur Tür hinüber. Sie hatte ausgerichtet, wozu sie gekommen war und Jakob war klarerweise in irgendetwas vergraben, das sie weder interessierte noch verstand. Wenn er sich jetzt nicht am Riemen riss, käme der nächste Besuch von Vater und das wäre…es wahrscheinlich nicht einmal für ihn wert.
„Mutter erwartet dich Sonntag zum Kaffee. Das ist in zwei Tagen, klaro, Doktor Immerschlau? Einen Tag wirst du einmal rauskommen diesen Monat, und wenn Vater dich zu ihr schleifen muss.“
„Hmh“, machte Jakob abwesend und nahm sich den nächsten Katalog vor.

Ehe Sarah die Tür ins Schloss warf fauchte sie:
¨Und schaff mir Mutter vom Hals.¨

Es knallte mit einer Wucht, als hätte sie Jakob eine Ohrfeige auf die Entfernung verpassen wollen. Fast hatte sie damit auch Erfolg. Das Geräusch riss Jakob für einen Augenblick aus seinen Gedanken, hinein in die Sorgen, die Sarah vor ihm ausgebreitet hatte.

Er starrte auf die Tür, durch die seine Schwester eben verschwunden war. Für einen kurzen Augenblick verspüre er Schuld, die ihm die Eingeweide zusammen zog.

Jakob hatte nicht gelogen. Boris hatte wirklich gedroht, ihn zu feuern. Aber nicht für seine fehlende oder unerledigte Arbeit. Er fand es „unprofessionell“, wie Jakob seine Arbeit angeblich vernachlässigte und sich dafür einem „Hobbyprojekt“ zuwandte.

Hobbyprojekt! Als wäre Benedikt irgendeine Modelleisenbahn und nicht…und nicht das einzige, was ihn die letzten Wochen zusammen gehalten hatte.

Boris hatte, in sehr eindeutigen Worten, seinen Unmut darüber ausgedrückt. Worte wie ekelhaft waren gefallen, auch pervers. Er hatte ihn besessen genannt von diesem Kadaver, den Boris sich schließlich doch angesehen hatte.

Also hatte er gedroht, ihn zu feuern, wenn er bis nächste Woche seine Angelegenheiten nicht in Ordnung hatte und ein „professionelleres Arbeitsverhalten“ an den Tag legen würde.

Ein Umstand, den er Sarah verschwiegen hatte. Warum, wusste er selbst nicht genau. Vielleicht, weil sie nie großes Interesse an seiner akademischen Arbeit gezeigt hatte. Vielleicht, weil sie ihn dafür schelten würde. Vielleicht, weil er befürchtete, dass sie damit im Recht wäre.

Jakob löste sich von seinen Gedanken, kehrte wie von selbst zu seiner Arbeit zurück. Zu Benedikt. Verdammt sollte Boris sein mit seinen Beschwerden. Der fand überhaupt alles „unprofessionell“ – wie Jakob unbezahlte Überstunden schob, wie er die Arbeit seiner eigentlichen Anstellung immer mehr für sein „Hobbyprojekt“ vernachlässigte und stattdessen eilig in der Nacht erledigte, bis er darüber in seinem Büro einschlief. Wie sich das Lieferessen im Müll und der Büroküche stapelte.

Die Arbeit wurde gemacht, war das nicht genug? Er erledigte sie, Boris hatte sie am nächsten Morgen auf dem Tisch, manchmal auch erst zum Mittag, aber immer rechtzeitig, wenn sie gebraucht wurde.

Er verbrachte diesen Tag, wie alle anderen auch. Es hatte keinen Zweck, sich jetzt darüber den Kopf zu zerbrechen. Nicht, wenn er so nah an der Lösung des Rätsels dran war. An einem Beweis dafür, dass Benedikt nicht nur ein Scherz war, eine Laune, sondern echt. Wirklich. Morgen früh würde er sich in Ordnung bringen. Das Wochenende vielleicht frei nehmen, um Sarah ihren Wunsch zu erfüllen, oder wenigstens den Sonntag. Morgen wäre genug Zeit dafür.

Solange schob er die Ablenkung beiseite und versank erneut in seiner Arbeit. Sie nahm den Rest des Nachmittags in Anspruch, ohne wirklich Ergebnisse zu bringen. Die Kiste oder eine Beschreibung Benedikts oder auch nur die Erwähnung eines außergewöhnlichen Ganzkörperpräparats war unauffindbar. In den Katalogen der dreißiger Jahre, den paar Notizen der Kriegszeit, in den elektronischen Aufzeichnungen und große Blöcke der Nachkriegszeit fehlten ebenso in seinen Aufzeichnungen. Wahrscheinlich würde er also den ehemaligen Archivar, Professor von Falkenrath, aufsuchen müssen. Dann würde er ohnehin einmal heraus kommen.

Jakob holte sich einen Kaffee aus der Küche. Einen frischen aus der Maschine, so viel Zeit und Geduld war er sich schuldig. Er vertrat sich dabei ein wenig die Beine, streckte das Kreuz durch und machte einen Spaziergang durch den Keller des Instituts, wo auch sein Büro lag. Seine Schulter schmerzte, wie sein ganzer Nacken. Besonders, wenn er die Hand darauf legte, um die steifen Muskeln ein wenig zu massieren. Vielleicht hatte Sarah ja Recht, vielleicht hatte selbst Boris Recht und er verbrachte zu viel Zeit im Büro und zu wenig an der Sonne. Er fühlte sich matt, ausgelaugt und müde. Ein Mangel an Vitaminen vielleicht, so selten, wie er in den letzten Wochen die Sonne gesehen hatte.

Diese kleinen Spaziergänge zwischen der Suche nach Benedikts Ursprüngen und der langweiligen Arbeit für Boris waren Jakobs liebste Beschäftigung. Sie erinnerten ihn daran, weshalb er ursprünglich für das Charoninstitut hatte arbeiten wollen. Sie führten ihn an den Reihen und Regalen voller anatomischer Präparate vorbei. An den wunderlichen und gefälschten Ausstellungsstücken, mit denen die Mediziner und Hexer früherer Jahrhunderte eine Beherrschung von Leben und Tod vorgespielt hatten. Das Archiv des anatomischen Museums war voll von Dingen, die die Öffentlichkeit nie gesehen hatte, die selbst den meisten Professoren und Studierenden am Institut unbekannt waren oder sie abstoßen würden.

Dingen wie Benedikt in seiner Ecke.

Jakob fand sich am Ende seines Spaziergangs am spartanischen Sarg des Jungen wieder. Er legte eine Hand auf das dunkle Holz, das er auf gute hundert Jahre Alter schätzte. Der Deckel glitt leicht hinunter, wie die letzten Male auch, und offenbarte den hübschen Jungen darunter. Es beruhigte Jakob, auf das starre, tote Antlitz des Knaben zu blicken. Er wirkte nicht wie tot, nicht einmal wie schlafend. Er wirkte, als hätte er die Augen geschlossen, nur für einen Augenblick, um besser der Stimme eines Freundes zu lauschen. Jakob wollte ihn berühren, wollte die Hand nach seiner bleichen Wange ausstrecken, die Finger durch seine Haare fahren…aber er beherrschte sich, begnügte sich mit einem kurzen, allzu kurzen Blick.

Für nur einen Augenblick wünschte er sich, dass er den Jungen selbst zum sprechen bringen könnte. Seine Schwester hatte Recht gehabt, oder nicht? Er warf sein Leben weg. Nein, er opferte es, um genau das zu erreichen: Um die Geschichte des Jungen zu hören, um sie und ihn wieder zum Leben zu erwecken, wenigstens für einige Zeit.

Nachdem er seinen kalten Kaffee ausgetrunken hatte, ging er zurück in sein Büro. Dass er wieder abzusperren vergaß, bemerkte er nicht.

Zwischen den Katalogen und Büchern in seinem Büro suchte er nach einer Liste, einige Blatt dick, die er in den letzten Wochen angelegt hatte. Er fand sie nicht augenblicklich, auch, weil sein Blick an einigen der Bücher hängen blieb, die er sich vor einiger Zeit zur Recherche bestellt hatte.

Mit den Büchern und der Liste verzog er sich auf die schäbige Couch in seinem Arbeitszimmer. Er warf Mantel und Wechselkleidung auf seinen Sessel am Schreibtisch, dann schob er sich Es war spät, bereits kurz nach Sonnenuntergang, aber das kümmerte ihn selten. Im künstlichen Licht der Neonlampen hier im Keller verloren Rhythmen wie Sonnenauf- und untergang rasch ihre Bedeutung.


Jakob vergaß, seine Familie anzurufen. Er würde sie in den nächsten Tagen besuchen und ihren albernen Forderungen nachkommen. Das würde genug sein, dachte er, wenn er erst einmal mit seiner Arbeit fertig wäre. Lange würde es nicht mehr dauern. Er hatte so eine Ahnung, ein ganz unbestimmte, die er nicht erklären konnte. Schon den ganzen Tag war sie da gewesen, hatte sich die letzten Tage und Wochen über angekündigt: Die Gewissheit, das Geheimnis bald zu lüften. Daher hatte ihn auch wenig von dem berührt, was sie ihm vorgeworfen hatte. Jakob war durch den Tag geschwebt, wie auf Watte, immer zuversichtlich, dass seine wochenlange Tortur nicht umsonst gewesen wäre. Das Wochenende über, bis zum Montag, wäre er allein im Institut. Niemand würde ihn stören in den nächsten drei Tagen, er hatte alle Zeit der Welt, um die Spur zu finden, die ihn zum Geheimnis des toten Jungen führen würde. Und er würde sie finden. Er wusste es.

Er hatte diese Stimme im Kopf gehabt. Nein, besser gesagt: Dieses Echo. Er hatte wie stets in seinen struppigen Bart hinein gebrummt bei der Arbeit, hatte wie üblich Selbstgespräche geführt. Hatte mit sich geredet und mit Benedikt, als ob er ihn hören könnte.

Nur dass er heute Antwort erhalten hatte, das erste Mal nicht nur in seinen Träumen Gewissheit und Sicherheit erfuhr, sondern auch im Wachen. Ein Echo, ein ganz leises, in seinen Gedanken. Wie ein Tropfen in einer Höhle oder bloße Sohlen auf körniger Erde.

Ihm brannten die Augen und lange schon starrte er nur noch auf die Seiten seiner Bücher, ohne sie wirklich zu lesen. Oder er starrte auf die Decke seines Büros, wechselte unruhig die Haltung, blickte dann den Schreibtisch oder die Tür an, neben der sich die Unterlagen stapelten. Das Licht in seinem Büro hielt ihn wach, aber nicht konzentriert.

Stück für Stück bemerkte er, wie er in einen ungesunden Schlaf absackte. In einen mühsamen, auf dem er wieder und wieder aufschreckte.

In den anderen Nächten war er vor Müdigkeit zur Seite gefallen, auf seine Unterlagen. Dass es eine unbequeme und harte Couch voller Unterlagen war, war ihm gleichgültig gewesen. Die Erschöpfung hatte Schlaf von ihm gefordert und er war mit Freude gefolgt. Denn dort, in seinem Schlaf, in seinen Träumen, harrte stets und ständig schon Benedikt. Ein Fragment seines Unterbewusstseins, das im Schlaf noch mit ihm die Dinge durch dachte, die Jakob beschäftigten.

Dieser Schlaf hier war anders, er fühlte es.

Schreckensstarr lag Jakob da, sah zur Tür. Sein Kopf war schwer, seine Gedanken und sein Geist lasteten auf ihm. Er war unfähig, sich auf etwas zu konzentrieren, selbst auf seinen Schlaf.

Seine Träume waren zerrissen, flüchtig und flatterhaft. Er erinnerte sich an Fetzen, wenn er aufschreckte und in die Dunkelheit starrte. Hatte er das Licht gelöscht? Er musste es wohl, denn es war dunkel im Zimmer, nicht einmal der Mond schien durch das schmale Oberlicht und nur ein dünner Rest von Tageslicht erlaubte ihm zu sehen.

Jakob schauderte, warf sich mühsam umher. Seine Träume und sein Schlaf zerfielen ihm unter den Händen, undeutlich und ungeformt. Wie Embryonen. In seinem Traumbrocken begegnete ihm Benedikt nur für einige Augenblicke, nur für mühsame, undeutliche Sätze, die ihn beunruhigten.

Er erinnerte sich an Küsse, an zärtliche Berührungen, die sich verflüchtigten, sobald er zu lange aus seinem Schlaf erwachte. An den Schmerz in seinem Nacken, als er sich streckte und verzerrte. An das Blut an seiner Hand, als er nach seiner Schulter griff.

Etwas hatte ihn aus dem Schlaf gerissen, etwas undeutliches, unerkanntes, das in der Gestalt des Bekannten ereilt hatte. Ein unbestimmbares Rasen seines Herzens, wie ein letzter, verzweifelter Schrei. Ein Aufbäumen gegen die Last seines Lebens, mit dem es ihn in Schweiß und Kälte gebadet hatte. Eine Weigerung, so zu Grunde zu gehen, kampflos im Schlaf zu verrecken, sein Leben für einen Leichnam auszubluten.

Seine geröteten Augen starrten in die Dunkelheit. Die Nacht warf Schatten an seine Wände, vor denen er sich fürchtete, ohne ihnen eine Form oder seiner Angst einen Namen geben zu können.

Am anderen Ende des Zimmers, zwischen den Kisten und Unterlagen die Schatten, die ihn an Benedikt erinnerten.

Entzündung – Teil II: Von Toten Träumen

Girolamo Segato. Es roch nach Angst, wie über den Mann geschwiegen wurde. Nach dem ehrfürchtigen Gefühl der Minderwertigkeit, das alle Schüler den Meistern gegenüber empfanden. Von den Professoren war kein Wort darüber zu hören gewesen, nicht einmal der Verachtung.

Jakob hatte von ihm im Studium erfahren. Das heißt während des Studiums, wie nebenher. Eine jener Schauergeschichten, die unter Studenten gerne umgingen, selbst unter denen der echten Wissenschaft. Der Kommilitone Aschebach hatte sich den Spaß erlaubt, sie damit im anatomischen Theater zu unterhalten bei einer seiner „Zusammenkünfte“ – jenen konspirativen Treffen einer kleinen Clique von Medizinern, die sich nachts im Anatomietheater einfanden, um der Reihe nach Schauergeschichten zu erzählen. Eine amüsante und meist harmlose Aktivität, die Jakob sehr lieb gewonnen hatte, allen lächerlichen Kostümen und Ritualen zum Trotz.

Segato war Italiener gewesen, vor knapp zweihundert Jahren, und ohne rechte Bedeutung. Ein Wissenschaftler und Kartograph jener Zeit, ausgebildet in diversen Kleinstädten am Golf von Venedig – keine überragende Begabung, keine berüchtigten Lehrer. Bis er von einer Expedition nach Ägypten zurück kehrte und – das ist alles, was man weiß – Wunder vollbrachte. Zauber der grauenhaftesten und betörendsten Art. Ihm war es gelungen, den Verwesungsprozess aufzuhalten, die unversehrte Schönheit des Lebens über den Tod hinaus zu retten. Gott zu spielen, flüsterte man.
Als er mit vierundvierzig Jahren starb, einsam und verstoßen in Florenz, war er Gerüchten zufolge dabei gewesen, das Geheimnis des Steins der Weisen zu lüften; seine unheiligen Künste auf die Lebenden anzuwenden und die Vergänglichkeit des menschlichen Leibes in Stein zu verwandeln.

Interesse hatte Jakob durchaus an dem Mann, aus rein akademischer Sicht natürlich. Unabhängig von dem Aberglauben über schwarze Magie aus dem Morgenland hatte er erfolgreich einige der schwierigsten Prozesse des Körpers gemeistert, hatte Biochemie beherrscht, noch ehe Bakterien gefunden worden waren, noch ehe Moleküle oder komplexe Wechselstoffbeziehungen erdacht, geschweige denn erforscht worden waren. Prozesse, die die moderne Medizin und Biochemie noch immer nicht vollständig geklärt hatte.

Das heißt, bis heute.
Denn Jakob war nicht nur überzeugt, dass dieser seltsame Fund, den er vor einigen Tagen gemacht hatte, ein verschollenes Präparat von Girolamo Segato, der Medusa von Florenz, war – sondern auch, dass sie das besterhaltene und großartigste von allen war. Segatos Sohn womöglich oder ein Vertrauter, den er aus Liebe für die Ewigkeit erhalten hatte.

Jakob war sicher, dass eine ordentliche Untersuchung endlich herausfinden könnte, wie der Versteinerungsprozess ausgesehen hatte.
Bei diesem Objekt war der Prozess offensichtlich bis zur Vollendung durchgeführt. Restspuren der Chemikalien waren nach all der Zeit zwar unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen. Nein, in der Hauptsache stützte Jakob sich auf die schlichte Tatsache, dass es sich bei diesem Exemplar um das einzige vollständige Präparat handelte. In mehr als einer Hinsicht war das Stück perfekt.
In seinen Gedanken und Selbstgesprächen hatte Jakob begonnen, ihm – dem Jungen, dem Leichnam in der Kiste – den Namen Benedikt zuzuweisen. Zu dieser Benennung war Jakob gezwungen worden, nachdem er in seinem Kopf nach einigen Tagen nicht länger vom ¨Ding in der Kiste¨ sprechen konnte, ohne sich wie ein Totenschänder anzuhören. Zudem vermenschlichte er damit den Leichnam und hoffte – ein Aberglaube, aber ein verzeihlicher – ihm damit näher zu kommen.

Benedikt war also der Name gewesen, nach jenem seligen Mann der Familie Ricasoli, der dreihundert Jahre nach seinem Tode noch frisch und unverwest aufgefunden worden war. Wie dieses Exemplar hier – wenngleich es bei diesem Benedikt sich um ein wissenschaftliches, nicht um ein göttliches Wunder handelte.

Boris sah die Sache völlig anders.
Anfangs noch neugierig, ob dieses neue Fundstück womöglich noch mehr Aufmerksamkeit auf seine Ausstellung lenken könnte – ein Leichnam, vollständig von schwarzer Magie erhalten, ein Rätsel für die modernste Wissenschaft? Phantastisch! – hatte sein Interesse schnell ein Ende gefunden.

Er fand das Stück und seine Geschichte ‚zu akademisch‘. War das zu glauben? Zu akademisch! Ein vollständig und perfekt erhaltenes Objekt der Medusa von Florenz, unbekannt bis letzte Woche, makellos, lebensecht und Boris Schalk fand es, in einfacheren Worten, zu langweilig.
Ihm fehlte das Groteske, das abstoßend Unheimliche daran.


¨Für Geschichte¨, sagte Boris, ¨ist das Alte Museum zuständig, für hübsche Leichen die Körperwelt. Wir, lieber Jakob, verdienen unser Geld mit dem Makabren. Mit der dünnen Grenze zwischen Mensch und Dämon, mit abartigen Taxidermien, mit eingelegten Embryonen, mit künstlich am Leben erhaltenen und beatmeten Köpfen ohne Körper. Mit den Schrecken der modernen und halbmodernen Wissenschaft.¨


Und das war das gewesen. An der Sache mit der ägyptischen Magie war er schwach interessiert gewesen, aber nicht an Benedikt selbst und auch nicht an diesem Anatom Segato. Er empfahl Jakob, mit Florenz in Kontakt zu treten und das Stück gegen ein anderes einzutauschen. Eine echte Medusa am besten oder wenigstens eine dieser Schimären, die irgendein britischer Pfuscher aus Affen und Fischkadavern zusammen genäht hatte.


Den Teufel würde Jakob tun!


Hier vor ihm, direkt unter seiner Nase, in jener unscheinbaren Kiste, der er Stunde um Stunde das Geheimnis ihrer Herkunft zu entreißen versuchte, lag eines der größten medizinischen Geheimnisse der letzten Jahrhunderte. Zum greifen nahe, berührbar nahe, war der Beweis, dass es noch immer weiße Flecken auf der Landkarte der Wissenschaft gab. Es gab noch immer Dinge zu entdecken, Dinge wie den geheimnisvollen Leichnam. Weiter nichts war zu tun, als seine Herkunft einwandfrei zu klären wäre echter Anerkennung würdig.

Aus dem Anatomischen Institut in Florenz war es kaum entwendet worden, denn ein Diebstahl dieser Art machte seine Runden. Jakob hätte wohl davon gehört, auf die ein oder andere Weise. Aschebach hätte es durchaus als Gelegenheit für eines seiner Schauerspiele genutzt oder Professor Wurm die Degeneration und Respektlosigkeit der Jugend beklagt.

Wo also war es hergekommen? Im Museum selbst gab es keine Aufzeichnungen bisher, jedenfalls keine leicht zugänglichen. Das elektronische Verzeichnis – unzulänglich, wie es war, hatte es doch zumindest die wichtigsten Exemplare aufgeführt – war keine Hilfe. Die älteren, handschriftlichen Inventare listeten Benedikt ebenfalls nicht und Jakobs Vorgänger stand für Rückfragen nicht zur Verfügung. Das heißt er wäre wohl ansprechbar gewesen, wenn Jakob den Drang verspürt hätte, sich das halb wirre Gebrabbel und ein Dutzend Anekdoten eines greisen Wissenschaftlers anzuhören. Der alte Doktor von Falkenrath war an guten Tagen zu nichts zu gebrauchen, an schlechten war er gar nicht anzusprechen und vertiefte sich in seinem Anwesen in seine Wahnvorstellungen.

Jakob arbeitete daher oft bis spät in die Nacht hinein und wälzte selbst alte Inventurlisten, Verzeichnisse und mottenzerfressene Kataloge. Boris‘ elende Ausstellung nahm einen guten Teil seiner eigentlichen Arbeitszeit in Anspruch und er konnte, durfte, sie nicht einfach beiseite schieben.

Boris war misstrauisch deswegen. Noch war er nicht offen ablehnend, noch hatte er ihm seine privaten Studien nicht verboten. Aber es füllte ihn wohl mit Unbehagen. Jakob bemerkte seine Blicke, wenn er mit Boris sprach. Er bemerkte, wie der Mann ihn aus den Augenwinkeln anblickte, mit einem Hauch von Ekel um den Mund. Als ob schmutzig wäre, was Jakob tat. Als ob seine akademische Neugier und Forschergeist pervers wären – bloß, weil das Präparat zufällig ein Knabe war. Als ob seine Intimität mit Benedikt ihn verstörte.

So betrieb Jakob das bloße Minimum an Arbeit für die makaber-groteske Blasphemie, die sein Vorgesetzter geplant hatte, und machte eine Menge unbezahlter Überstunden für seine private Forschung.

Zugegeben: Das störte ihn nur bedingt.

Ab dem späten Nachmittag war das Museum weitgehend leer, leerer noch als sonst, und er hatte eine himmlische Ruhe in seinem Büro und dem Archiv, wo er in aller Ruhe Bruchstücken von Informationen hinterher jagen konnte. Nicht, dass es viele gab. Aber Jakob war geduldig. Diese Sache hier war eine Erfahrung, die er noch nie gemacht hatte, eine Besessenheit, die er weder in der Liebe noch in der Leidenschaft je kennen gelernt hatte. Es war ein Rausch, wie er ihn selten zuvor erlebt hatte: Die völlige Hingabe an eine Sache, einen notwendigen Aspekt seines Lebens, der alles verdrängte.


Sie war allumfassend, insofern sie ihn ganz verschlang. Es gab keinen Gedanken mehr in seinem Kopf, der sich nicht um Benedikt drehte, kein Gespräch – nicht mit Laien oder Fachleuten, die eigentlich wegen einer völlig anderen Sache befragt werden sollten – das nicht auf ihn kam irgendwann.
Er brannte für den jungen Benedikt, der reglos im düstersten Teil des Archivs hockte, sorgsam vor jedem neugierigen Blick außer Jakobs selbst verborgen. Ohne es zu merken, war Jakob ihm verfallen. Oder besser gesagt: Es war ihm nicht gelungen, sich von dem ersten Eindruck der Schönheit und Unvergänglichkeit des Knaben zu lösen.

Ein Umstand, der seinen wenigen sozialen Kontakten wenig verborgen geblieben war. Zu seinem Leidwesen. Auch sie hatten immer öfter diese Blicke in letzter Zeit. Diese Seitenblicke, wenn er zu schwärmen begann von dem Jungen in seiner Kiste, von der morbiden Neugier, von den Schwierigkeiten. Ihre Versuche, das Thema auf etwas triviales zu lenken – ihre Familie, Freunde, weiß Gott was für andere Langweiligkeiten – ödeten ihn dagegen an.

Bis er sich langsam aber sicher von ihnen zurück zog. Er versank er in seiner Suche nach den Ursprüngen dieses Knaben, entschlossen, sich erst mit eindeutigen Ergebnissen wieder ans Licht zu wagen. Mit einem Erfolg, der die Medizin revolutionieren würde.

Unverstanden und vergessen von allen, bis auf einer einzelnen Person, die ihn nicht so sehr langweilte als viel mehr in dieser Jagd nach Geheimnissen störte.

¨Jacques¨, sagte Sarah ein Mal streng und riss ihn aus seinen Gedanken. Jakob zuckte zusammen, wie als kleiner Junge, wenn sie ihn dabei erwischt hatte, wie er Frösche quälte oder Fische oder Ameisen. Wenn sie ihn im Innenhof in irgendeinem Gebüsch gefunden hatte, beschmiert mit Erde und Eingeweiden kleiner Tierchen, wie er seiner Neugier nachging.

Er hasste diesen Namen. Sie benutzte ihn ausschließlich, um ihn zurechtzuweisen.

¨Jacques¨, wiederholte sie. ¨Sieh dich mal um.¨
Mit müdem Blick sah Jakob von seinem Papier auf und ließ sich aus seiner Suche reißen.

Die eine Wand seines Büros war voll gestellt mit Kisten voller Kataloge, der Tisch war übersäht mit Notizen und einigen Stapeln an Korrespondenz. Da waren die Listen aus Florenz, die offiziellen und die inoffiziellen, die alten Unterlagen über die Erbmasse und das Testament von Segato, außerdem einige aus Mailand und aus Prag, wo ein Teil der Stücke hin gelangt war im Lauf der letzten zweihundert Jahre. Die Couch war ein Chaos von alten Klamotten, seinem Mantel und einer schmuddeligen Decke.


¨Es ist etwas unordentlich, ja, meine Güte…ich habe wichtige Arbeit zu tun und gewisse Leute halten mich von der Arbeit ab¨, brummte er.

Sie blickte ihn mit diesem Blick an. Nicht wie die anderen von der Seite, ihn verstohlen verurteilend. Sarah kritisierte ihn immer offen, gerade heraus. Einer der wenigen Gründe, warum er sie in seinem Büro duldete. Sie versteckte ihre Meinung nicht hinter seinem Rücken.

„Das ist absurd“, sagte sie, „selbst für deine Verhältnisse. Du bist kein Jugendlicher mehr und es ist unanständig, wie einer zu leben. Hast du dich wieder verguckt? Dein ganzes Leben weggeworfen für irgendein hübsches Flittchen mit einem kurzen Rock und blonden Haaren, das du beeindrucken willst?“

Jakob verzog das Gesicht. Er lehnte sich in seinem Arbeitssessel zurück, blinzelte die Müdigkeit aus seinen Augen.

„Nein. Ich werfe mein Leben nicht weg, das hier ist mein Leben. Nicht so glamourös, wie du es dir vorstellst, nicht so edel, wie Mutter es sich wünscht. Aber das hier ist mein Leben. Ich gehe meinen eigenen Gelüsten und Trieben nach, ohne mich dafür vor Mutter oder Vater rechtfertigen oder verstecken zu müssen.“

Bitternis war in seine Stimme gekrochen, als er weiter gesprochen hatte. Ein Widerwillen, der ihn überkam, sobald er sich von seiner Arbeit, von Benedikt, abwendete. Er hatte immer schon zu einem gewissen Hedonismus geneigt. War immer schon schnell in den Dingen versunken, die ihn interessierten – gleichgültig, wie unverständlich das für seine verstockten Eltern und alle anderen gewesen war.

Sarah ließ die Plastiktüte in ihrer Hand auf seinen Schreibtisch fallen. Sein Mittagessen, das sie ihm vorbei gebracht hatte. Wie schon einige Male in den letzten Tagen, die er sich mehr und mehr zurück gezogen hatte.

„Jacques, selbst für deine Verhältnisse ist das hier nicht normal.“

Sie warf sich in den Stuhl ihm gegenüber, die Bücher, die darauf gelegen hatten, im Schoß. Ihre Lippen bewegten sich, als sie stumm die Buchtitel entzifferte: „Borellus. Die essentiellen Salze und wie sie zu beschwören seyen. Von Löwenstern. Von flüchtigen und fixen Salzen.“

Jakob griff nach seiner Kaffeetasse, nahm einen Schluck und schüttelte sich. Der Kaffee war kalt, schon einige Zeit.

„Ich arbeite“, wiederholte er, jedes Wort betonend, „an einer bedeutenden Sache.“

Seine Schwester rümpfte die Nase, hielt mit spitzen Fingern eine Photographie in die Höhe, die sie zwischen Borells Abhandlung hervor gepflückt hatte.

Es zeigte ein Unikat aus Florenz, ein späteres Stück von Segato, das wundervoll erhalten war. Eine Frau, rund, schön, wohlgeformt. Zartrosa Farbe, die lebendig war und das Fleisch echt und schrecklich wundervoll. Ihr Busen war im Fokus, elegant geschwungen,zart. Man hätte die Hand ausstrecken und sie liebkosen wollen – wäre es nicht bloß ihr Brustkorb gewesen, der aus ihrem verwesenden Leib heraus geschnitten und konserviert worden war.

„Sie ist ekelhaft“, sagte Sarah und warf ihm die Bücher und das Foto auf seinen Schreibtisch.

„Außerdem ist es greulich anzuschauen. Alles hier. Auch wie du lebst.“

Mit einer Bewegung deutete sie auf das Chaos auf seinem Schreibtisch. Mit einer wischenden, angewiderten Bewegung, die das alles von sich schieben wollte.

„Wie ein Ghoul“, flüsterte sie.

Jakob starrte auf die Fotographie.

Die unbekannte Dame war ein spätes Präparat des italienischen Anatoms gewesen. Von einer makellosen Eleganz, gewissermaßen filigran, noch mit den Musterungen des Lebens versehen, wohingegen die früheren Stücke krude und kindlich wirkten. Wie ganz gewöhnliche Mumien.

Hatte Segato selbst sich so gefühlt? Unverstanden und verstoßen? Die abergläubische Bevölkerung von Florenz hatte ihn als Hexer gebrandmarkt und vertrieben. Er war gezwungen, sämtliche seiner Aufzeichnungen, Apparaturen und Tinkturen zu vernichten, in einer Feuersbrunst aufgehen zu lassen.

Der Vertraute, der ursprünglich auf Segatos Totenbett die Geheimnisse empfangen sollte, starb früh und unter mysteriösen Umständen.

¨Was ich tue, ist wichtig“, sagte er. „Du verstehst das nicht.“
¨Versuch, es mir zu erklären¨, bat sie, mühsam beherrscht.
¨Ich habe eine der wichtigsten Entdeckungen dieses Jahrhunderts vor mir.¨
¨Oh?¨, fragte sie, die Brauen spöttisch hochgezogen. ¨Was ist es? Ein Heilmittel gegen Krebs? Aids? Der Stein der Weisen?¨
Jakob legte die Arme auf den Tisch vor sich, bemühte sich um Haltung. Er hob die Nase und versuchte es mit einem stolzen Blick, der ihm aber nicht halb so gut wie Sarah gelang.
¨Das unschätzbar wertvolle und einzigartige Präparat eines künstlich mineralisierten Kadavers, der das letzte und besterhaltenste…¨


¨Eine Leiche?!¨, Sarah warf den Kopf in den Nacken und lachte. Ein hohes, affektiertes Lachen, das mehr als Untermalung ihres Spottes denn als echte Emotion gedacht war. ¨Junge, hast du beschissene Prioritäten. Tote haben Zeit. Kümmer dich nach deiner Mutter drum.“

Jakob sah sie an, als hätte sie ihm eine Ohrfeige verpasst.

„Die modernsten, kompliziertesten Verfahren der Konservierung“, sagte er, „die Flüssigplastinationen, mit der dieser Hagen so viele Hallen füllt derzeit und Aufsehen erregt, sind barbarisch im Vergleich mit dem hier. Abbilder, billige Imitate der echten Körper. Ich bin hier an Geheimnissen dran, die seit zweihundert Jahren kein Mensch begriffen hat.“

„Wir machen uns Sorgen um dich, Jakob. Du meldest dich nicht, du kommst nicht mehr vorbei, du reagierst nicht auf Anrufe. Wir glauben, dir ist irgendetwas passiert…und du wirfst dich weg, weil du dich in eine verdammte Leiche verknallt hast?“

„Das ist es nicht! Ich meine, ja, auch, das ist es auch, vielleicht, aber eben nicht nur. Der Mann ist eine mystische Gestalt für die Medizin. Der Verantwortliche, meine ich, Segato. Wird überall nur die Medusa von Florenz genannt, selbst auf seinem Grabstein in der Santa Croce steht er unter diesem Namen. Willst du den Grund wissen? Weil er Menschen in Stein verwandelt hat, mineralisiert. Lebende, echte Menschen in Stein verwandelt.

Ich dachte, du müsstest das verstehen. Du müsstest es doch wissen. Ich erinnere mich an diese Geschichte, die wir einmal gelesen haben, als wir Kinder waren. Die von dem gelben König“

„Nicht“, stieß Sarah hervor. „Nicht, ich kenne dieses verdammte Buch nicht.“

„Du kennst es. Du kennst auch die Geschichten, die man davon erzählt. Erinnerst du dich an diesen Yvain, diesen verrückten Bildhauer, der die Moiren in Marmor schuf? Aus dem Fleisch und Leib seiner Geliebten?“

Jakob tippte mit der Fingerspitze auf die Bücher vor sich, auf die Kopien von Folianten des achtzehnten und siebzehnten Jahrhunderts, die alchemistischen Abhandlungen und Theorien.

„Nur dass das hier nicht die Einbildungen eines opiumsüchtigen Amerikaners des vorletzten Jahrhunderts sind, sondern die Wirklichkeit.

Ich weiß doch, dass ich mich vernachlässige, dass ich weniger esse. Ich bin doch nicht blind für die Rückenschmerzen und den schlechten Schlaf und dass ich einen Bart bekomme, weil ich seit Wochen kein Badezimmer mit Spiegel gesehen habe. Ich bin dankbar, dass du dich um mich kümmerst, Sarah, glaube mir. Auch Aschebach, dass er noch immer nach mir fragt, mich bei jedem Treffen der Gesellschaft aufs Neue fragt. Aber er versteht es. Er versteht, dass ich ein paar unserer Treffen verpasse, weil das hier wichtig ist.

Das hier ist das Material aus dem Nobelpreise gemacht werden. Die Petrifikation, die Versteinerung des menschlichen Leibes, seine Entfernung aus dem vergänglichen Reich des Organischen.

Wieso kannst du es nicht verstehen?“


Er würde Zeit genug haben, sich zu pflegen und präsentabel zu machen, wenn er dieses Geheimnis gelüftet hatte, sagte er sich. Wenn er erst die Feder in der Hand hielt, um seinen Namen in die Geschichtsbücher einzuschreiben. Bis dahin gab es genug Arbeit zu verrichten.

Sarah verstand es nicht. Sie hatte es noch nie verstanden. Ihre Leidenschaften waren – fand er – oberflächlich. Sie liebte die Vorstellung, eine Künstlerin zu sein, aber nicht die Kunst. Was sie Besessenheit nannte, waren kurze, hitzige Affairen, die sie selten länger als zwei Tage in ihrem Griff hielten und von einer Mode in die nächste trieben, ohne tieferen Eindruck zu hinterlassen.

Sie hatte sich noch eine Weile dagegen gewehrt, hatte ihn mit ihren Sorgen und Bitten überschüttet, während er gegessen hatte. Sie hatte darauf bestanden, dass er mit irgendjemandem sprach, um nicht völlig zu vereinsamen. Wenigstens mit seinen Freunden, wenn schon nicht mit seiner Familie.

Jakob hatte ihr zumindest diese Bitte gewährt.

„Benedikt ist ein grandioser Zuhörer“, hatte er mit einem diebischen Lächeln gesagt, als sie gegangen war.

Und es stimmte. In den langen, einsamen Stunden der nächlichen Recherche, wenn Jakob Katalog um Katalog wälzte, Zeitungsartikel nachverfolgte, Briefe und Mails nach Florenz, Montecassino, Pisa, Livorno, Istanbul, Kairo und ein Dutzend anderer Orte schrieb – in diesen einsamen Stunden redete er mit Benedikt mindestens so sehr, wie mit sich selbst. Er merkte kaum, wie seine Gedanken, in denen er über Boris und seinen unnütz verbrauchten Tag schimpfte, aus seinem Mund schlüpften. Wie alles, was er tat und dachte, Benedikt erzählte, ganz als wäre dieser ein Teil seines Lebens.


Er hatte schon früher Selbstgespräche geführt, in dieser Hinsicht war das also verzeihlich. Ganz gewöhnlich fand er das vielleicht nicht, aber die Eigenart half ihm beim Denken, half halb geformte Gefühle auszustaffieren und ihnen eine Richtung zu geben. Neu war nun lediglich, dass jener Gegenpart, mit dem er sich in seinem Kopf oder auch wenn er alleine war unterhielt, nicht mehr auch von Jakob selbst ausgefüllt wurde.

Benedikt war mit der Zeit an diese Stelle seines Unterbewusstseins getreten.
Wo er vorher stumm seine Gedanken gegen sich selbst gespielt und lediglich in der Leere seines Kopfes Listen und Anweisungen an sich selbst gegeben oder gewisse Aufgaben, die zu erledigen waren, wiederholt hatte – da gab es jetzt das warme und willkommene Gefühl einer zweiten Partei. Jemand, an den er seine nur unklaren Gedanken richten konnte. Das war ein gutes Stück besser, als mit sich selbst zu reden, fand er.
Benedikt war eben ein großartiger Zuhörer.

Seine Träume…ja, selbst seine Träume waren erfüllt von dem schrecklich wundervollen Ding in der Kiste, das seine Gedanken nie verließ. Das ihn noch verfolgte, wenn er für einige Stunden von seiner Seite wich, um einen unruhigen Schlaf in seinem Büro zu suchen. Oft, wenn der Tag einfach zu lang gewesen und die Arbeit zu wichtig war, dann schlief er dort auf seiner Couch, eingehüllt in seinen Mantel und sich unruhig hin und her wälzend.
Seine Träume waren die einzigen Augenblicke, in denen Benedikt ihm antwortete, in denen er etwas von sich preis zu geben schien.
Trotzdem fühlte Jakob sich verhöhnt. Noch in seinen Träumen blieb Benedikt stumm. Seine schöne Gestalt setzte sich oft nur neben ihn auf das Sofa, streichelte ihm durch das Haar, hörte seine Theorien und Sorgen und nickte verständig oder schüttelte den Kopf mit einem stummen Lächeln.

Nächtelang kam der Junge in seinen Träumen. Jakobs Gewissheit wuchs mit jeder Wiederkehr des immer sehr ähnlichen Traumes.

Benedikt war das Meisterwerk von Girolamo Segato, der Medusa von Florenz, und der Schlüssel zu seinem ganzen Werk. Zu Geheimnissen der Medizin, die selbst von den aufgeklärtesten Geistern als Hexerei verschrien wurden.

Irgendwann gab Benedikt selbst ihm Recht. Zwei Wochen, nachdem jene unsägliche Kiste von ihm gefunden worden war, sprach er endlich zu ihm.
Seine Stimme überraschte den Anatom. Er hätte mit einer klaren und hellen Knabenstimme gerechnet, seine war aber tief und erdig. Körnig, wie Grabeserde, rieb sie sich an den Gehörgängen. Der eine Satz, den Benedikt sprach, verstörte Jakob in dem Maße, in dem er ihn beflügelte:
¨Als ich lebte, kannte ich den Girolamo Segato und seine Geheimnisse, die schwarze Magie, mit der er den Tod aufhielt.¨

ch Angst, wie über den Mann geschwiegen wurde. Nach dem ehrfürchtigen Gefühl der Minderwertigkeit, das alle Schüler den Meistern gegenüber empfanden. Von den Professoren war kein Wort darüber zu hören gewesen, nicht einmal der Verachtung.

Jakob hatte von ihm im Studium erfahren. Das heißt während des Studiums, wie nebenher. Eine jener Schauergeschichten, die unter Studenten gerne umgingen, selbst unter denen der echten Wissenschaft. Der Kommilitone Aschebach hatte sich den Spaß erlaubt, sie damit im anatomischen Theater zu unterhalten bei einer seiner „Zusammenkünfte“ – jenen konspirativen Treffen einer kleinen Clique von Medizinern, die sich nachts im Anatomietheater einfanden, um der Reihe nach Schauergeschichten zu erzählen. Eine amüsante und meist harmlose Aktivität, die Jakob sehr lieb gewonnen hatte, allen lächerlichen Kostümen und Ritualen zum Trotz.

Segato war Italiener gewesen, vor knapp zweihundert Jahren, und ohne rechte Bedeutung. Ein Wissenschaftler und Kartograph jener Zeit, ausgebildet in diversen Kleinstädten am Golf von Venedig – keine überragende Begabung, keine berüchtigten Lehrer. Bis er von einer Expedition nach Ägypten zurück kehrte und – das ist alles, was man weiß – Wunder vollbrachte. Zauber der grauenhaftesten und betörendsten Art. Ihm war es gelungen, den Verwesungsprozess aufzuhalten, die unversehrte Schönheit des Lebens über den Tod hinaus zu retten. Gott zu spielen, flüsterte man.
Als er mit vierundvierzig Jahren starb, einsam und verstoßen in Florenz, war er Gerüchten zufolge dabei gewesen, das Geheimnis des Steins der Weisen zu lüften; seine unheiligen Künste auf die Lebenden anzuwenden und die Vergänglichkeit des menschlichen Leibes in Stein zu verwandeln.

Interesse hatte Jakob durchaus an dem Mann, aus rein akademischer Sicht natürlich. Unabhängig von dem Aberglauben über schwarze Magie aus dem Morgenland hatte er erfolgreich einige der schwierigsten Prozesse des Körpers gemeistert, hatte Biochemie beherrscht, noch ehe Bakterien gefunden worden waren, noch ehe Moleküle oder komplexe Wechselstoffbeziehungen erdacht, geschweige denn erforscht worden waren. Prozesse, die die moderne Medizin und Biochemie noch immer nicht vollständig geklärt hatte.

Das heißt, bis heute.
Denn Jakob war nicht nur überzeugt, dass dieser seltsame Fund, den er vor einigen Tagen gemacht hatte, ein verschollenes Präparat von Girolamo Segato, der Medusa von Florenz, war – sondern auch, dass sie das besterhaltene und großartigste von allen war. Segatos Sohn womöglich oder ein Vertrauter, den er aus Liebe für die Ewigkeit erhalten hatte.

Jakob war sicher, dass eine ordentliche Untersuchung endlich herausfinden könnte, wie der Versteinerungsprozess ausgesehen hatte.
Bei diesem Objekt war der Prozess offensichtlich bis zur Vollendung durchgeführt. Restspuren der Chemikalien waren nach all der Zeit zwar unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen. Nein, in der Hauptsache stützte Jakob sich auf die schlichte Tatsache, dass es sich bei diesem Exemplar um das einzige vollständige Präparat handelte. In mehr als einer Hinsicht war das Stück perfekt.
In seinen Gedanken und Selbstgesprächen hatte Jakob begonnen, ihm – dem Jungen, dem Leichnam in der Kiste – den Namen Benedikt zuzuweisen. Zu dieser Benennung war Jakob gezwungen worden, nachdem er in seinem Kopf nach einigen Tagen nicht länger vom ¨Ding in der Kiste¨ sprechen konnte, ohne sich wie ein Totenschänder anzuhören. Zudem vermenschlichte er damit den Leichnam und hoffte – ein Aberglaube, aber ein verzeihlicher – ihm damit näher zu kommen.

Benedikt war also der Name gewesen, nach jenem seligen Mann der Familie Ricasoli, der dreihundert Jahre nach seinem Tode noch frisch und unverwest aufgefunden worden war. Wie dieses Exemplar hier – wenngleich es bei diesem Benedikt sich um ein wissenschaftliches, nicht um ein göttliches Wunder handelte.

Boris sah die Sache völlig anders.
Anfangs noch neugierig, ob dieses neue Fundstück womöglich noch mehr Aufmerksamkeit auf seine Ausstellung lenken könnte – ein Leichnam, vollständig von schwarzer Magie erhalten, ein Rätsel für die modernste Wissenschaft? Phantastisch! – hatte sein Interesse schnell ein Ende gefunden.

Er fand das Stück und seine Geschichte ‚zu akademisch‘. War das zu glauben? Zu akademisch! Ein vollständig und perfekt erhaltenes Objekt der Medusa von Florenz, unbekannt bis letzte Woche, makellos, lebensecht und Boris Schalk fand es, in einfacheren Worten, zu langweilig.
Ihm fehlte das Groteske, das abstoßend Unheimliche daran.


¨Für Geschichte¨, sagte Boris, ¨ist das Alte Museum zuständig, für hübsche Leichen die Körperwelt. Wir, lieber Jakob, verdienen unser Geld mit dem Makabren. Mit der dünnen Grenze zwischen Mensch und Dämon, mit abartigen Taxidermien, mit eingelegten Embryonen, mit künstlich am Leben erhaltenen und beatmeten Köpfen ohne Körper. Mit den Schrecken der modernen und halbmodernen Wissenschaft.¨


Und das war das gewesen. An der Sache mit der ägyptischen Magie war er schwach interessiert gewesen, aber nicht an Benedikt selbst und auch nicht an diesem Anatom Segato. Er empfahl Jakob, mit Florenz in Kontakt zu treten und das Stück gegen ein anderes einzutauschen. Eine echte Medusa am besten oder wenigstens eine dieser Schimären, die irgendein britischer Pfuscher aus Affen und Fischkadavern zusammen genäht hatte.


Den Teufel würde Jakob tun!


Hier vor ihm, direkt unter seiner Nase, in jener unscheinbaren Kiste, der er Stunde um Stunde das Geheimnis ihrer Herkunft zu entreißen versuchte, lag eines der größten medizinischen Geheimnisse der letzten Jahrhunderte. Zum greifen nahe, berührbar nahe, war der Beweis, dass es noch immer weiße Flecken auf der Landkarte der Wissenschaft gab. Es gab noch immer Dinge zu entdecken, Dinge wie den geheimnisvollen Leichnam. Weiter nichts war zu tun, als seine Herkunft einwandfrei zu klären wäre echter Anerkennung würdig.

Aus dem Anatomischen Institut in Florenz war es kaum entwendet worden, denn ein Diebstahl dieser Art machte seine Runden. Jakob hätte wohl davon gehört, auf die ein oder andere Weise. Aschebach hätte es durchaus als Gelegenheit für eines seiner Schauerspiele genutzt oder Professor Wurm die Degeneration und Respektlosigkeit der Jugend beklagt.

Wo also war es hergekommen? Im Museum selbst gab es keine Aufzeichnungen bisher, jedenfalls keine leicht zugänglichen. Das elektronische Verzeichnis – unzulänglich, wie es war, hatte es doch zumindest die wichtigsten Exemplare aufgeführt – war keine Hilfe. Die älteren, handschriftlichen Inventare listeten Benedikt ebenfalls nicht und Jakobs Vorgänger stand für Rückfragen nicht zur Verfügung. Das heißt er wäre wohl ansprechbar gewesen, wenn Jakob den Drang verspürt hätte, sich das halb wirre Gebrabbel und ein Dutzend Anekdoten eines greisen Wissenschaftlers anzuhören. Der alte Doktor von Falkenrath war an guten Tagen zu nichts zu gebrauchen, an schlechten war er gar nicht anzusprechen und vertiefte sich in seinem Anwesen in seine Wahnvorstellungen.

Jakob arbeitete daher oft bis spät in die Nacht hinein und wälzte selbst alte Inventurlisten, Verzeichnisse und mottenzerfressene Kataloge. Boris‘ elende Ausstellung nahm einen guten Teil seiner eigentlichen Arbeitszeit in Anspruch und er konnte, durfte, sie nicht einfach beiseite schieben.

Boris war misstrauisch deswegen. Noch war er nicht offen ablehnend, noch hatte er ihm seine privaten Studien nicht verboten. Aber es füllte ihn wohl mit Unbehagen. Jakob bemerkte seine Blicke, wenn er mit Boris sprach. Er bemerkte, wie der Mann ihn aus den Augenwinkeln anblickte, mit einem Hauch von Ekel um den Mund. Als ob schmutzig wäre, was Jakob tat. Als ob seine akademische Neugier und Forschergeist pervers wären – bloß, weil das Präparat zufällig ein Knabe war. Als ob seine Intimität mit Benedikt ihn verstörte.

So betrieb Jakob das bloße Minimum an Arbeit für die makaber-groteske Blasphemie, die sein Vorgesetzter geplant hatte, und machte eine Menge unbezahlter Überstunden für seine private Forschung.

Zugegeben: Das störte ihn nur bedingt.

Ab dem späten Nachmittag war das Museum weitgehend leer, leerer noch als sonst, und er hatte eine himmlische Ruhe in seinem Büro und dem Archiv, wo er in aller Ruhe Bruchstücken von Informationen hinterher jagen konnte. Nicht, dass es viele gab. Aber Jakob war geduldig. Diese Sache hier war eine Erfahrung, die er noch nie gemacht hatte, eine Besessenheit, die er weder in der Liebe noch in der Leidenschaft je kennen gelernt hatte. Es war ein Rausch, wie er ihn selten zuvor erlebt hatte: Die völlige Hingabe an eine Sache, einen notwendigen Aspekt seines Lebens, der alles verdrängte.


Sie war allumfassend, insofern sie ihn ganz verschlang. Es gab keinen Gedanken mehr in seinem Kopf, der sich nicht um Benedikt drehte, kein Gespräch – nicht mit Laien oder Fachleuten, die eigentlich wegen einer völlig anderen Sache befragt werden sollten – das nicht auf ihn kam irgendwann.
Er brannte für den jungen Benedikt, der reglos im düstersten Teil des Archivs hockte, sorgsam vor jedem neugierigen Blick außer Jakobs selbst verborgen. Ohne es zu merken, war Jakob ihm verfallen. Oder besser gesagt: Es war ihm nicht gelungen, sich von dem ersten Eindruck der Schönheit und Unvergänglichkeit des Knaben zu lösen.

Ein Umstand, der seinen wenigen sozialen Kontakten wenig verborgen geblieben war. Zu seinem Leidwesen. Auch sie hatten immer öfter diese Blicke in letzter Zeit. Diese Seitenblicke, wenn er zu schwärmen begann von dem Jungen in seiner Kiste, von der morbiden Neugier, von den Schwierigkeiten. Ihre Versuche, das Thema auf etwas triviales zu lenken – ihre Familie, Freunde, weiß Gott was für andere Langweiligkeiten – ödeten ihn dagegen an.

Bis er sich langsam aber sicher von ihnen zurück zog. Er versank er in seiner Suche nach den Ursprüngen dieses Knaben, entschlossen, sich erst mit eindeutigen Ergebnissen wieder ans Licht zu wagen. Mit einem Erfolg, der die Medizin revolutionieren würde.

Unverstanden und vergessen von allen, bis auf einer einzelnen Person, die ihn nicht so sehr langweilte als viel mehr in dieser Jagd nach Geheimnissen störte.

¨Jacques¨, sagte Sarah ein Mal streng und riss ihn aus seinen Gedanken. Jakob zuckte zusammen, wie als kleiner Junge, wenn sie ihn dabei erwischt hatte, wie er Frösche quälte oder Fische oder Ameisen. Wenn sie ihn im Innenhof in irgendeinem Gebüsch gefunden hatte, beschmiert mit Erde und Eingeweiden kleiner Tierchen, wie er seiner Neugier nachging.

Er hasste diesen Namen. Sie benutzte ihn ausschließlich, um ihn zurechtzuweisen.

¨Jacques¨, wiederholte sie. ¨Sieh dich mal um.¨
Mit müdem Blick sah Jakob von seinem Papier auf und ließ sich aus seiner Suche reißen.

Die eine Wand seines Büros war voll gestellt mit Kisten voller Kataloge, der Tisch war übersäht mit Notizen und einigen Stapeln an Korrespondenz. Da waren die Listen aus Florenz, die offiziellen und die inoffiziellen, die alten Unterlagen über die Erbmasse und das Testament von Segato, außerdem einige aus Mailand und aus Prag, wo ein Teil der Stücke hin gelangt war im Lauf der letzten zweihundert Jahre. Die Couch war ein Chaos von alten Klamotten, seinem Mantel und einer schmuddeligen Decke.


¨Es ist etwas unordentlich, ja, meine Güte…ich habe wichtige Arbeit zu tun und gewisse Leute halten mich von der Arbeit ab¨, brummte er.

Sie blickte ihn mit diesem Blick an. Nicht wie die anderen von der Seite, ihn verstohlen verurteilend. Sarah kritisierte ihn immer offen, gerade heraus. Einer der wenigen Gründe, warum er sie in seinem Büro duldete. Sie versteckte ihre Meinung nicht hinter seinem Rücken.

„Das ist absurd“, sagte sie, „selbst für deine Verhältnisse. Du bist kein Jugendlicher mehr und es ist unanständig, wie einer zu leben. Hast du dich wieder verguckt? Dein ganzes Leben weggeworfen für irgendein hübsches Flittchen mit einem kurzen Rock und blonden Haaren, das du beeindrucken willst?“

Jakob verzog das Gesicht. Er lehnte sich in seinem Arbeitssessel zurück, blinzelte die Müdigkeit aus seinen Augen.

„Nein. Ich werfe mein Leben nicht weg, das hier ist mein Leben. Nicht so glamourös, wie du es dir vorstellst, nicht so edel, wie Mutter es sich wünscht. Aber das hier ist mein Leben. Ich gehe meinen eigenen Gelüsten und Trieben nach, ohne mich dafür vor Mutter oder Vater rechtfertigen oder verstecken zu müssen.“

Bitternis war in seine Stimme gekrochen, als er weiter gesprochen hatte. Ein Widerwillen, der ihn überkam, sobald er sich von seiner Arbeit, von Benedikt, abwendete. Er hatte immer schon zu einem gewissen Hedonismus geneigt. War immer schon schnell in den Dingen versunken, die ihn interessierten – gleichgültig, wie unverständlich das für seine verstockten Eltern und alle anderen gewesen war.

Sarah ließ die Plastiktüte in ihrer Hand auf seinen Schreibtisch fallen. Sein Mittagessen, das sie ihm vorbei gebracht hatte. Wie schon einige Male in den letzten Tagen, die er sich mehr und mehr zurück gezogen hatte.

„Jacques, selbst für deine Verhältnisse ist das hier nicht normal.“

Sie warf sich in den Stuhl ihm gegenüber, die Bücher, die darauf gelegen hatten, im Schoß. Ihre Lippen bewegten sich, als sie stumm die Buchtitel entzifferte: „Borellus. Die essentiellen Salze und wie sie zu beschwören seyen. Von Löwenstern. Von flüchtigen und fixen Salzen.“

Jakob griff nach seiner Kaffeetasse, nahm einen Schluck und schüttelte sich. Der Kaffee war kalt, schon einige Zeit.

„Ich arbeite“, wiederholte er, jedes Wort betonend, „an einer bedeutenden Sache.“

Seine Schwester rümpfte die Nase, hielt mit spitzen Fingern eine Photographie in die Höhe, die sie zwischen Borells Abhandlung hervor gepflückt hatte.

Es zeigte ein Unikat aus Florenz, ein späteres Stück von Segato, das wundervoll erhalten war. Eine Frau, rund, schön, wohlgeformt. Zartrosa Farbe, die lebendig war und das Fleisch echt und schrecklich wundervoll. Ihr Busen war im Fokus, elegant geschwungen,zart. Man hätte die Hand ausstrecken und sie liebkosen wollen – wäre es nicht bloß ihr Brustkorb gewesen, der aus ihrem verwesenden Leib heraus geschnitten und konserviert worden war.

„Sie ist ekelhaft“, sagte Sarah und warf ihm die Bücher und das Foto auf seinen Schreibtisch.

„Außerdem ist es greulich anzuschauen. Alles hier. Auch wie du lebst.“

Mit einer Bewegung deutete sie auf das Chaos auf seinem Schreibtisch. Mit einer wischenden, angewiderten Bewegung, die das alles von sich schieben wollte.

„Wie ein Ghoul“, flüsterte sie.

Jakob starrte auf die Fotographie.

Die unbekannte Dame war ein spätes Präparat des italienischen Anatoms gewesen. Von einer makellosen Eleganz, gewissermaßen filigran, noch mit den Musterungen des Lebens versehen, wohingegen die früheren Stücke krude und kindlich wirkten. Wie ganz gewöhnliche Mumien.

Hatte Segato selbst sich so gefühlt? Unverstanden und verstoßen? Die abergläubische Bevölkerung von Florenz hatte ihn als Hexer gebrandmarkt und vertrieben. Er war gezwungen, sämtliche seiner Aufzeichnungen, Apparaturen und Tinkturen zu vernichten, in einer Feuersbrunst aufgehen zu lassen.

Der Vertraute, der ursprünglich auf Segatos Totenbett die Geheimnisse empfangen sollte, starb früh und unter mysteriösen Umständen.

¨Was ich tue, ist wichtig“, sagte er. „Du verstehst das nicht.“
¨Versuch, es mir zu erklären¨, bat sie, mühsam beherrscht.
¨Ich habe eine der wichtigsten Entdeckungen dieses Jahrhunderts vor mir.¨
¨Oh?¨, fragte sie, die Brauen spöttisch hochgezogen. ¨Was ist es? Ein Heilmittel gegen Krebs? Aids? Der Stein der Weisen?¨
Jakob legte die Arme auf den Tisch vor sich, bemühte sich um Haltung. Er hob die Nase und versuchte es mit einem stolzen Blick, der ihm aber nicht halb so gut wie Sarah gelang.
¨Das unschätzbar wertvolle und einzigartige Präparat eines künstlich mineralisierten Kadavers, der das letzte und besterhaltenste…¨


¨Eine Leiche?!¨, Sarah warf den Kopf in den Nacken und lachte. Ein hohes, affektiertes Lachen, das mehr als Untermalung ihres Spottes denn als echte Emotion gedacht war. ¨Junge, hast du beschissene Prioritäten. Tote haben Zeit. Kümmer dich nach deiner Mutter drum.“

Jakob sah sie an, als hätte sie ihm eine Ohrfeige verpasst.

„Die modernsten, kompliziertesten Verfahren der Konservierung“, sagte er, „die Flüssigplastinationen, mit der dieser Hagen so viele Hallen füllt derzeit und Aufsehen erregt, sind barbarisch im Vergleich mit dem hier. Abbilder, billige Imitate der echten Körper. Ich bin hier an Geheimnissen dran, die seit zweihundert Jahren kein Mensch begriffen hat.“

„Wir machen uns Sorgen um dich, Jakob. Du meldest dich nicht, du kommst nicht mehr vorbei, du reagierst nicht auf Anrufe. Wir glauben, dir ist irgendetwas passiert…und du wirfst dich weg, weil du dich in eine verdammte Leiche verknallt hast?“

„Das ist es nicht! Ich meine, ja, auch, das ist es auch, vielleicht, aber eben nicht nur. Der Mann ist eine mystische Gestalt für die Medizin. Der Verantwortliche, meine ich, Segato. Wird überall nur die Medusa von Florenz genannt, selbst auf seinem Grabstein in der Santa Croce steht er unter diesem Namen. Willst du den Grund wissen? Weil er Menschen in Stein verwandelt hat, mineralisiert. Lebende, echte Menschen in Stein verwandelt.

Ich dachte, du müsstest das verstehen. Du müsstest es doch wissen. Ich erinnere mich an diese Geschichte, die wir einmal gelesen haben, als wir Kinder waren. Die von dem gelben König“

„Nicht“, stieß Sarah hervor. „Nicht, ich kenne dieses verdammte Buch nicht.“

„Du kennst es. Du kennst auch die Geschichten, die man davon erzählt. Erinnerst du dich an diesen Yvain, diesen verrückten Bildhauer, der die Moiren in Marmor schuf? Aus dem Fleisch und Leib seiner Geliebten?“

Jakob tippte mit der Fingerspitze auf die Bücher vor sich, auf die Kopien von Folianten des achtzehnten und siebzehnten Jahrhunderts, die alchemistischen Abhandlungen und Theorien.

„Nur dass das hier nicht die Einbildungen eines opiumsüchtigen Amerikaners des vorletzten Jahrhunderts sind, sondern die Wirklichkeit.

Ich weiß doch, dass ich mich vernachlässige, dass ich weniger esse. Ich bin doch nicht blind für die Rückenschmerzen und den schlechten Schlaf und dass ich einen Bart bekomme, weil ich seit Wochen kein Badezimmer mit Spiegel gesehen habe. Ich bin dankbar, dass du dich um mich kümmerst, Sarah, glaube mir. Auch Aschebach, dass er noch immer nach mir fragt, mich bei jedem Treffen der Gesellschaft aufs Neue fragt. Aber er versteht es. Er versteht, dass ich ein paar unserer Treffen verpasse, weil das hier wichtig ist.

Das hier ist das Material aus dem Nobelpreise gemacht werden. Die Petrifikation, die Versteinerung des menschlichen Leibes, seine Entfernung aus dem vergänglichen Reich des Organischen.

Wieso kannst du es nicht verstehen?“


Er würde Zeit genug haben, sich zu pflegen und präsentabel zu machen, wenn er dieses Geheimnis gelüftet hatte, sagte er sich. Wenn er erst die Feder in der Hand hielt, um seinen Namen in die Geschichtsbücher einzuschreiben. Bis dahin gab es genug Arbeit zu verrichten.

Sarah verstand es nicht. Sie hatte es noch nie verstanden. Ihre Leidenschaften waren – fand er – oberflächlich. Sie liebte die Vorstellung, eine Künstlerin zu sein, aber nicht die Kunst. Was sie Besessenheit nannte, waren kurze, hitzige Affairen, die sie selten länger als zwei Tage in ihrem Griff hielten und von einer Mode in die nächste trieben, ohne tieferen Eindruck zu hinterlassen.

Sie hatte sich noch eine Weile dagegen gewehrt, hatte ihn mit ihren Sorgen und Bitten überschüttet, während er gegessen hatte. Sie hatte darauf bestanden, dass er mit irgendjemandem sprach, um nicht völlig zu vereinsamen. Wenigstens mit seinen Freunden, wenn schon nicht mit seiner Familie.

Jakob hatte ihr zumindest diese Bitte gewährt.

„Benedikt ist ein grandioser Zuhörer“, hatte er mit einem diebischen Lächeln gesagt, als sie gegangen war.

Und es stimmte. In den langen, einsamen Stunden der nächlichen Recherche, wenn Jakob Katalog um Katalog wälzte, Zeitungsartikel nachverfolgte, Briefe und Mails nach Florenz, Montecassino, Pisa, Livorno, Istanbul, Kairo und ein Dutzend anderer Orte schrieb – in diesen einsamen Stunden redete er mit Benedikt mindestens so sehr, wie mit sich selbst. Er merkte kaum, wie seine Gedanken, in denen er über Boris und seinen unnütz verbrauchten Tag schimpfte, aus seinem Mund schlüpften. Wie alles, was er tat und dachte, Benedikt erzählte, ganz als wäre dieser ein Teil seines Lebens.


Er hatte schon früher Selbstgespräche geführt, in dieser Hinsicht war das also verzeihlich. Ganz gewöhnlich fand er das vielleicht nicht, aber die Eigenart half ihm beim Denken, half halb geformte Gefühle auszustaffieren und ihnen eine Richtung zu geben. Neu war nun lediglich, dass jener Gegenpart, mit dem er sich in seinem Kopf oder auch wenn er alleine war unterhielt, nicht mehr auch von Jakob selbst ausgefüllt wurde.

Benedikt war mit der Zeit an diese Stelle seines Unterbewusstseins getreten.
Wo er vorher stumm seine Gedanken gegen sich selbst gespielt und lediglich in der Leere seines Kopfes Listen und Anweisungen an sich selbst gegeben oder gewisse Aufgaben, die zu erledigen waren, wiederholt hatte – da gab es jetzt das warme und willkommene Gefühl einer zweiten Partei. Jemand, an den er seine nur unklaren Gedanken richten konnte. Das war ein gutes Stück besser, als mit sich selbst zu reden, fand er.
Benedikt war eben ein großartiger Zuhörer.

Seine Träume…ja, selbst seine Träume waren erfüllt von dem schrecklich wundervollen Ding in der Kiste, das seine Gedanken nie verließ. Das ihn noch verfolgte, wenn er für einige Stunden von seiner Seite wich, um einen unruhigen Schlaf in seinem Büro zu suchen. Oft, wenn der Tag einfach zu lang gewesen und die Arbeit zu wichtig war, dann schlief er dort auf seiner Couch, eingehüllt in seinen Mantel und sich unruhig hin und her wälzend.
Seine Träume waren die einzigen Augenblicke, in denen Benedikt ihm antwortete, in denen er etwas von sich preis zu geben schien.
Trotzdem fühlte Jakob sich verhöhnt. Noch in seinen Träumen blieb Benedikt stumm. Seine schöne Gestalt setzte sich oft nur neben ihn auf das Sofa, streichelte ihm durch das Haar, hörte seine Theorien und Sorgen und nickte verständig oder schüttelte den Kopf mit einem stummen Lächeln.

Nächtelang kam der Junge in seinen Träumen. Jakobs Gewissheit wuchs mit jeder Wiederkehr des immer sehr ähnlichen Traumes.

Benedikt war das Meisterwerk von Girolamo Segato, der Medusa von Florenz, und der Schlüssel zu seinem ganzen Werk. Zu Geheimnissen der Medizin, die selbst von den aufgeklärtesten Geistern als Hexerei verschrien wurden.

Irgendwann gab Benedikt selbst ihm Recht. Zwei Wochen, nachdem jene unsägliche Kiste von ihm gefunden worden war, sprach er endlich zu ihm.
Seine Stimme überraschte den Anatom. Er hätte mit einer klaren und hellen Knabenstimme gerechnet, seine war aber tief und erdig. Körnig, wie Grabeserde, rieb sie sich an den Gehörgängen. Der eine Satz, den Benedikt sprach, verstörte Jakob in dem Maße, in dem er ihn beflügelte:
¨Als ich lebte, kannte ich den Girolamo Segato und seine Geheimnisse, die schwarze Magie, mit der er den Tod aufhielt.¨

Entzündung – Teil I: Boy in a Box

Doktor der Medizin Jakob B. Gottfried – welch ein Name! Was für eine Größe, welche Leistung, sich durch die Jahre des Studiums und der Ausbeutung im Spital zu quälen und am Ende die Herren von der Kommission zu überzeugen, ihm einen Zettel in die Hand zu drücken und seinem Namen einen weiteren, sinnlosen Titel voranzustellen.
Aber wert war es das doch alles gewesen.

Mutter erzählte seitdem jedem stolz ihr Sohn sei Arzt, ungeachtet der Tatsache, dass er kein Mediziner sondern Doktor der Anatomie war. Eine durchaus andere Angelegenheit, die aber niemanden außer ihm scherte. Vater konnte beruhigt in den Ruhestand gehen, denn der Sohn war nun ein Jemand in einer Welt voller Irgendwer. Schwesterherz Klara konnte etwas sorgenloser ihrer Selbstfindung nachgehen. Jetzt, wo Jakob die Familienehre hochhielt und Herr Papa womöglich mit sich reden ließ, eine brotlose Künstlerin in der Familie zu unterhalten.
Und Jakob selbst?
Der stapelte Kisten mit seinem schicken neuen Doktortitel an die Brust gepinnt.

Das heißt, wenn es nach Boris Schalk ging, war er „kuratorisch-wissenschaftlicher Mitarbeiter“ am anatomischen Museum und ein wichtiger Mann mit einer dankbaren Aufgabe – eine Art Verwalter und Galerist gleichermaßen. Das Museum am Alexanderufer war gewissermaßen abhängig von ihm, von der guten Seele im Keller, die dreihundert Jahre an historischen und unersetzbaren Lehrmitteln verwaltete.
Allerdings war Boris ein Idiot und Jakobs Job bestand in Wirklichkeit zu einem großen Teil im stapeln, katalogisieren und archivieren von „eingelagerten Ausstellungsstücken und Präparaten“ – Kisten voller Leichenteile, vielfältigst konserviert.

Zu Beginn seiner Arbeit war er ekstatisch gewesen. Das Museum war Teil des Charoninstituts, dem medizinisch-biologischen Arm der größten Akademie des Landes. Teil desselben Instituts, an dem Jakob zehn Jahre für seinen Doktortitel geschuftet hatte.

Sechs oder sieben oder acht Monate waren inzwischen vergangen, so genau wusste er es gar nicht mehr. Seitdem stand die Zeit seltsam still für ihn hier unten im Archiv. Ein Monat bedeutete soviel als ein Tag, fühlte sich genau so lange an.

Die Luft war stickig und staubig, wegen der Luftreinigung trocken und kratzig im Hals. Durch die dicken Wände verstummte auch die geschäftige Metropole über seinem Kopf. Selbst der normale Museumsbetrieb bloß zwei Stockwerke höher war nicht zu hören. Hier unten in den düsteren Korridoren, gebildet von Regal um Regal voller schauriger Gläser, nur beleuchtet von alten Funzeln – hier herrschte die Ewigkeit.

Zu Beginn hatte Jakob noch eine gewisse Spannung verspürt, eine heimliche Ehrfurcht, wenn er hier herunter kam.
Soviel Neues gab es im Archiv zu entdecken. Nicht nur für ihn, sondern für das einige hundert Jahre alte Charoninstitut selbst, das die meisten seiner Aufzeichnungen im Lauf der Spaltung der Stadt, zwei Weltkriegen und einigen Reformen und Umzügen verloren hatte.
Liegengelassene Präparate aus den vierzigern, die nirgendwo verzeichnet waren. Manchmal auch Erbmasse aus diversen Privatsammlungen, die im Lauf der Zeit zwar eingelagert, aber nie katalogisiert worden waren. Seltener entdeckte er in den letzten Regalreihen, verborgen hinter den widerlichen Exponaten der Nazis, dem esoterischen Firlefanz der Kaier und den okkulten Zaubereien der Königszeit falsch einsortiert auch echte Schätze. Präparate von Virchow selbst oder gar eines der letzten erhaltenen Objekte von Johann Gottlieb Walter. Objekte wie die mit Kupfer ausgegossenen Äderchen, die mehr an ein Korallenriff als einen menschlichen Körperteil erinnerten.
Einige dieser Stücke waren zum ersten Mal seit Jahrzehnten von einem menschlichen Auge betrachtet worden und es war nur an ihm gewesen, das Rätsel ihrer Herkunft zu lösen. Sie existierten und waren alt, so viel stand außer Frage. Hin und wieder stand fest, um was für Körperteile es sich handelte oder dass das Präparat völlig unbrauchbar war – etwa wenn durch feine Risse Luft oder Schimmel eingedrungen oder die Methode der Konservierung schlicht unzureichend gewesen war, um den natürlichen Verfall aufzuhalten.
Viel mehr war aber selten bekannt. Die Etikette waren unleserlich oder fehlten oft genug.
Er hatte ihrem unbekannten Inhalten nachgespürt. Er hatte die Geschichten und Wanderungen einiger Dutzend Mumien aus den Anden, Ägypten und Arabien nachvollzogen, hatte durch die halbe Welt telefoniert, Kataloge gewälzt. Kuratoren aus Kairo und Grabungsleiter aus Sibirien hatte er an den Apparat bekommen und ihnen die Geheimnisse einiger Ausstellungsstücke abgepresst, die irgendwann von den Deutschen aus Polen, der Ukraine und Russland gestohlen worden waren, oder gekauft oder geschmuggelt oder – in einigen wenigen Fällen – ordentlich beschafft.
Keine so aufregende Archäologie, wie sie gewisse peitschenschwingende Abenteurer praktizierten, aber deutlich bequemer. Und nicht weniger spannend, wenn man seine Erwartungen vernünftig einstellte.
Jakob war durchaus zufrieden damit gewesen. Er reiste ohnehin nicht gern, wurde schnell krank und vertrug den Streß nicht. Seine Arbeit führte ihn dennoch an ferne Orte und schickte ihn auf Entdeckungsreisen. Er konnte all die Geschichten erleben, für die mancher nach Afrika oder Asien reisen musste, aber ohne die Bequemlichkeit seines Lehnsessels zu verlassen.
Im anstrengendsten Falle musste er die archaisch organisierten Aufzeichnungen zu Rate ziehen – was davon noch vorhanden war zumindest – und einige Stunden Reiseberichte lesen oder in fehlerhaften Katalogen nachschlagen, von welcher Humboldtschen Reise dieses oder jenes Stück stammen könnte, was womöglich der abenteuerliche und infame Prof. Wurm angeschleppt haben könnte.
Es gab, fand Jakob, schlechtere Beschäftigungen, als sich stundenlang durch die fragwürdigen Abenteuer einiger zwielichtiger Wissenschaftler zu lesen.
Vor einer Weile aber war Boris auf die geniale Idee verfallen, von dem Furore um die jüngste Ausstellung der Körperwelten und die Zurschaustellung der Mumie Nofretete in der Stadt zu profitieren. Das neue Jahrtausend war gerade einen Winter alt und mit ihm schien auch eine neue Gier nach makabrem und groteskem einzusetzen.
Seitdem bestand Jakobs Arbeit aus Kisten. Endlosen Reihen von Kisten und Telefonaten mit deutschen Museen. Er entdeckte nicht mehr, sondern verschacherte nur noch. Es gab nichts aufregendes an diesen Dingern, die nun hier ankamen. Keine neuen Verfahren, keine Aufregenden Geschichten über gefährliche Expeditionen. Was er nun bekam – in Formaldehyd aufbewahrte Hybride und Embryonen, Geschlechtsteile und dergleichen uninteressantes Blendwerk mehr – war vollkommen gewöhnlich, hier ebenso zu finden wie in Heidelberg oder Rostock oder sogar Hamburg.
Bloß der fade Alltag eines akademischen Geschäfts, das Augenwischerei betreiben sollte, um Besucherzahlen abzugreifen.
Irgendjemand im Charoninstitut hatte beschlossen, dass das anatomische Museum mit dem Alten Museum zusammenarbeiten und für diese neun Monate des Jahres eine makabere Ausstellungsstätte sein sollte.
Wo die Körperwelten auf einen gewissen Schockfaktor setzten, darauf mit nackten, menschlichen Körpern zu verstören und zu verunsichern; wo das Museum auf das übliche trockene Historiengewäsch setzte und alte Steintafeln, mysteriöse Grabkammern usw., da wollte Boris das Makabre bedienen. Die grauenhaften Anfänge der Anatomie, die Leichendiebstähle und Verkäufe an Universitäten, die Experimente am lebenden Objekt, die Vivisektion Gefangener, letztlich die Besessenheit der sogenannten Aufklärung, die Geheimnisse der Magie und der Unsterblichkeit des menschlichen Leibes zu erkunden.
Er wollte, in aller Kürze, die akademische Geschichte der Anatomie dramatisieren und die moderne Medizin mit einem Hauch von Verbotenheit umgeben.
So jedenfalls der Plan.
Letzten Endes bedeutete es bloß, dass Jakob weniger exotische Präparate und mehr Kuriositäten heran holte. Langweilige Stücke, ganz gewöhnliche Leichname, eingelegte Embryonen, ein Imitat des Homuncuklus-Prozesses und der Palingenesis. Scharlatanerie, alles, und eigentlich als Betrug abzulehnen. Allein der Gedanke, die Anmaßung, noch fünfzig Jahre nach Hegel einem Hirngespinst wie der Wiederauferstehung aus Asche hinterher zu jagen, hätte Jakob als Student noch in Rage gebracht.
Heute ging er stumm mit seinem Klemmbrett durch das Archiv und überlegte, welche der kostbaren Stücke des Museums er gegen den Humbug eintauschen wollte, den Boris ihm aufgedrückt hatte. Darauf lief es nämlich hinaus: Endlose, zähe Verhandlungen mit anderen Museen und Instituten, die prestigeträchtige oder wertvolle Stücke der angesehenen Charité oder der umfassenden okkulten Sammlung des Charoninstituts gegen Jahrmarktskuriositäten eintauschen wollten.
Er notierte sich den Bestand der neu eingetroffenen Objekte, kontrollierte, ob es sich um die richtigen Stücke handelte, notierte sie und verzog sich dann gegen Nachmittag in sein Büro, nur den Gang vorm Archiv herunter, wo er Zeit mit Telefonaten vertrödelte oder alle paar Tage einem interessanten Stück nachforschte, das fehlerhaft gekennzeichnet war. Meist endete es damit, dass seine Meinung über die sogenannten Aufklärer und ihre mathematische Metaphysik weiter sank.
Er hatte in den letzten Monaten hier alles mögliche und unmögliche an Körperteilen gesehen, präpariert, taxidermiert, aufgeschnitten, gewürfelt, eingelegt, künstlich am Leben gehalten, mit dem plastischen Verfahren konserviert. Alles erdenkliche, das selbst seine wilde Studienzeit und seine eher sadistischen Forschungen zahm wirken ließ.
Professor Wurm, der renitente alte Sack, hatte allen Vorschriften zum Trotz noch nach der alten Methode der Vivisektion gelehrt. Irgendetwas an den zuckenden Innereien des sich auf Stecknadeln gespießt windenden Frosches hatte ihn in dem Maße neugierig gemacht, wie es andere abgeschreckt hatte.
Ein, zwei Mal hatte Jakob sich auch in das anatomische Theater einer Autopsie geschmuggelt. Während des Studiums hatte er sich bei diversen weniger legalen Tatortreinigern ein kleines Taschengeld verdient. Er hatte daher einen starken Magen, war vertraut mit dem Gesicht des Todes, der Verwesung und schließlich Auflösung in allen erdenklichen Stadien.
Nicht zuletzt deswegen hatte er sich mit dieser faden Beschäftigung abfinden können, die diese Neugier in ihm befriedigte, die ihm die Chance gab, seinen morbiden Neigungen nachzugeben.
Was er jetzt gefunden hatte allerdings…
Es handelte sich um eine unscheinbare Kiste unbestimmten Alters. Rechteckig und ungefähr zwei mal einen Meter von der Grundfläche, reichte sie ihm kaum bis zu den Knien. Sie war nicht markiert, nicht mit Zollstempeln versehen und auf keiner der Lieferlisten zu finden, die Jakob zur Verfügung stand. Ihre Machart mit dünnen aber massiven Brettern aus echtem Holz – nicht aus Pressspan – und Zimmermannsnägeln implizierte ein Herkunft aus dem neunzehnten Jahrhundert.
Das hier…das…das Ding in der Kiste verstörte und entzückte ihn gleichermaßen. Es sprach eine morbide und widerwärtige Ader an, von deren Existenz Jakob natürlich gewusst hatte – mit Ende zwanzig und leichtem Zugriff auf Pharmazeutika hatte er bereits genug Möglichkeiten gehabt, diese Abgründe zu erforschen – die ihm in dieser Form aber unbekannt war.
Und diese Feststellung machte ihm Angst. Mehr, als einige widerliche Bilder oder ein Rascheln im dunklen Archiv es vermocht hätten.
Was sich in der unmarkierten Kiste am hinteren Ende des Archivs befand, war schlicht: Ein Junge.
Noch nicht wirklich postpubertär, aber auch nur wenig älter als siebzehn oder sogar sechzehn Jahre alt. Eine schmale Gestalt, um die 60 Kilogramm womöglich auf eine Höhe von 170cm, schmale Schultern, feine Glieder. Notdürftig bekleidet um die Hüften.
Sein Gesicht dagegen…schmal, hohle Wangen, niedrige Stirn. Weiches Kinn, das in einen feinen Kiefer überging. Volle Lippen. Wunderschöne braune Locken, die ihm über die Wangen und die Schulter fielen. Das Gesicht eines Künstlers, vielleicht, oder eines beginnenden Musikers. Eine zarte Seele, zu früh aus aus dem Leben geschieden.
Das aber war nicht das seltsame. Vielmehr…er war statuenhaft. Perfekt.
Der Junge war tot, das stand außer Frage, und durchaus eine Weile. Er hatte die graue Farbe eines Verstorbenen, allerdings ging kein Geruch von ihm aus. Seine Haut war wie Stein und kalt. Sie gab kein bisschen nach unter dem sanften Druck von Jakobs Fingerspitzen. Mund und Augen ließen sich nicht öffnen und nach einigen weiteren Berührungen kam Jakob in seiner Funktion als Doktor der Anatomie zu der Überzeugung, dass der Leichnam vollständig mineralisiert war.
Jakob fand seine eigene Reaktion darauf ebenso seltsam, wie fürchterlich. Er war nicht schwul und, wahrscheinlich, auch nicht pädophil. Das eine war schlicht nicht sein Fall gewesen, das andere unnötig riskant und reizte ihn auch nicht sonderlich. Sexuelle Anziehung – widerwärtig wie sie in diesem Fall gewesen wäre, hätte er sie doch verstanden, hätte gewissermaßen eine emotionale Antwort darauf gehabt, hätte Ekel empfinden können.
Sexuelle Anziehung gegenüber dem wunderschönen Leichnam wäre insofern eine Erleichterung gewesen, als dass es eine bekannte Emotion gewesen wäre.
Stattdessen empfand der Anatom etwas, das er sich nicht erklären konnte. Er betrachtete den Jüngling bloß, alles um sich herum vergessend. Seine Arbeit, die dröge Langeweile, selbst die spannenderen Präparate und den Ärger über Boris, vergaß er.
Es gab nichts weiter für ihn an diesem Nachmittag, als den hübschen Knaben. Nur seine makellose Gestalt und das Rätsel, wie sie so gut erhalten geblieben war. Er bemerkte es erst, als der Hausmeister seine letzte Runde drehte und ihn am späten Abend aus der Trance weckte. Als die stählerne Tür sich quietschend öffnete und das Licht der erbärmlichen Funzel, die jene hintere Ecke des Archivs beleuchtet hatte, in den Flur entfloh.
Hastig verschloß Jakob die Kiste wieder und fing den Mann ab. Er machte irgendwelche Ausreden, wusste gar nicht mehr, welche oder worüber, und versicherte, alles sei in Ordnung. Überstunden habe er schieben müssen, Boris‘ dämlicher Idee wegen. Abschließen werde er noch selbst, da brauche er sich nicht drum zu kümmern.Tatsächlich löschte Dr. Gottfried noch das Licht und schloss sorgfältig ab, versicherte sich selbst mehrmals, alle Riegel an Ort und Stelle waren.
Jakob lehnte die Stirn gegen das kühle Metall der Tür zum Lager. Er glühte und brauchte einige Minuten, um sich zu fangen. Er ignorierte sein Büro weitgehend, schaltete lediglich den Zentralschalter aus, griff sich Aktentasche und Mantel und verschwand eilig. Er ignorierte seine Schritte über das Kopfsteinpflaster, die Studenten und ehemaligen Kollegen, die ihn auf dem Weg zum Bahnhof grüßten.
Seine Fahrt nach Hause war belanglos und bloß von wiederholten Unterbrechungen gekennzeichnet. Er konzentrierte sich nicht, wie üblich, auf seine Zeitung oder die Leute in seiner Umgebung. Er verfiel nicht in eine Plauderei mit der hübschen Blondine neben sich, sondern starrte aus dem Fenster. Die Gegend rauschte langsam an der Stadtbahn vorbei, nur begleitet vom Rattern seiner Gedanken.
Noch ehe er zuhause angekommen war, noch während Jakob der untergehende Sonne über den alten Gemeindebauten Schönebergs zusah, wusste er, was er zu tun hatte. Der Anatom wusste, dass er nicht mehr zum Schlafen kommen würde. Er konnte es fühlen, wie es in seinen Eingeweiden rumorte. Die Aufregung einer neuen Jagd erfasste ihn, wie er sie seit Monaten nicht verspürt hatte. Die Jagd nach Geheimnissen.
Ein Name spukte über die scharlachroten Dächer und dröhnte in seinen Ohren.
Girolamo Segato, die Medusa von Florenz.