Infestatio – Teil I: Kopf verloren

Auszug aus dem Protokoll zur Vernahme von Friedrich Andersen

Sie müssen mir glauben, hören Sie? Sehen sie das Blut an meinen Händen, auf meiner Kleidung? Ich bin es, den sie suchen und ich liefere mich Ihnen aus für meine gerechte Strafe. Nein, nicht wegen dieses verdammten Schädels. Ich habe es Ihnen schon einmal gesagt: Mir ist gleichgültig, was damit geschehen ist. Ich habe mich Ihnen nicht gestellt, um über Banalitäten wie Grabraub zu plaudern. Ich habe ihn nicht, habe ihn nie besessen, und ich lege keinen Wert darauf, von seinem Verbleib zu erfahren.

Ja, wir haben uns wie Diebe auf den Friedhof geschlichen etwa zu dieser Zeit. Ja, Himmel, wir haben auch das verdammte Grab aufgebrochen, von dem die Zeitungen in diesen Wochen so besessen waren. Bestrafen Sie mich meinetwegen dafür, sperren sie mich fort.

Nichts von dem, was sie mir antun könnten, kommt dem gleich, was ich gesehen habe. Damals in dieser kalten Gruft und später.

Haben Sie das Video gesehen, das wir gemacht haben? Unser kleines Kunstprojekt, jedenfalls war es das einmal? Hat es auf sie den Eindruck gemacht, wir wären Grabräuber? Ich hoffe nicht. Wir verehrten diesen Mann und waren dort, um uns ein Bild zu machen. Um wortwörtlich seinen Geist einzufangen auf ein wenig Videomaterial.

Aber das ist nicht, was wirklich von Interesse ist. Ich habe mich nicht wegen Mordes gestellt, um Ihnen von gestohlenen Relikten zu erzählen. Ich sage es Ihnen ein letztes Mal, was ich Ihren Kollegen schon gesagt habe: Ich habe diesen Schädel nicht. Fragen Sie Marie, wenn sie Ihn finden wollen. Weiß Gott, wie sie mit Nachnamen heißt. Ich kannte sie als Marie. Möglich, dass auch das eine Lüge war.

Der Reihe nach…wie Sie wollen.

Wir sind auf dem Friedhof eingestiegen, ich sagte es bereits. Am 6. Juli, da haben wir sie auch kennengelernt. Sie wissen, dass wir Film studieren, Karl und ich? Studiert haben, meine ich. An der Filmakademie Babelsberg, das ist korrekt.

Allein deswegen sind wir eingebrochen: Um einen Film zu drehen. Nein, nicht was sie denken.

Dieser Film war gewissermaßen der Auslöser dieser ganzen Sache, wenn auch am Ende recht bedeutungslos. Ein gewagtes Stück Dokumentation für die werten Herren Professoren, die Spielerei von Kindern für Marie.

Sie wissen, wer der Herr war, nach dessen Schädel sie suchen. Selbst einer wie sie wird ihn kennen. Einer der bedeutendsten Filmemacher seiner Zeit, ein Genius der düsteren Stimmung; der Autor des ‚Nosferatu‘. Wir wollten schlicht und unschuldig sein Andenken ehren und etwas Authentizität in unser kleines Filmchen bringen. Ein wenig echte Atmosphäre einfangen mit dem Nebel zwischen den Tannen und seinem Grab.

Wir hatten dieses Projekt schon vor einiger Zeit begonnen, Karl und ich, und wollten es mit einigen Originalaufnahmen seines Grabes beenden.

Natürlich musste die Stimmung richtig sein. Es musste Abend sein, mit einer gewissen melancholischen Atmosphäre. Ein gewisser Duft musste die Bilder durchziehen. Uns blieb nichts anderes übrig, als außerhalb der offiziellen Zeiten vorbei zu kommen, wenn alles geschlossen war und wir unsere Ruhe hatten. Der legale Weg – sie kennen ihn mit all seinen Anfragen und Bescheinigungen und Erlaubnissen – gestaltete sich zu teuer, zu langwierig und vor allem mit zu vielen Auflagen verbunden.

Marie kam ins Spiel als eine Art…private Führung, die diese Auflagen umgehen konnte.

Wir kannten sie damals flüchtig über den Freund eines Freundes eines Bekannten – man hatte sich irgendwann einmal gesehen. Ein gemeinsamer Freund hatte von unserem Filmprojekt gewusst und uns ans Herz gelegt, einmal mit Marie darüber zu reden. Sie hätte ein makaberes Gespür, kenne sich in der Gegend aus und außerdem – so flüsterte man – treibe sie sich öfters mit verschiedenen Gruppen dort herum.

Der Friedhof ist, wie sie wissen, gigantisch und nur in wenigen Gegenden kartographiert. Der Wald alleine ist einer der größten Parks der Gegend und wächst seit einigen hundert Jahren ohne nennenswerte Aufsicht vor sich hin. In den fünfzigern gab es einige Versuche, der verwilderten Anlage Herr zu werden, die aber rasch aufgegeben worden sind. Mittlerweile bin ich geneigt, es beabsichtigte Vernachlässigung zu nennen, dass er dermaßen vor sich hin wuchert und Gräber verloren gehen…aber ich will nicht vorgreifen.

Wir wollten uns nicht verlaufen, also baten wir Marie, uns zur Hand zu gehen, den Weg zu zeigen und sicher zu gehen, dass wir keine Spuren hinterließen. Teile der Anlage hatten wir schon tagsüber ausgekundschaftet und uns ebenso rasch verlaufen. Sie umfasst mehrere hundert Hektar Fläche, ungepflegte Wege, überwucherte Pfade und mehrere kleinere Wälder. Versuchen Sie einmal nachts ihren Weg dort zu finden und Sie werden rasch feststellen, dass Sie sich bald verlaufen haben.

Ein, zwei Mal haben wir uns vorher mit Marie getroffen, nur um den gröbsten Ablauf zu besprechen. Ein flüchtiger Abend, der sich rasch im Zigarettenrauch auflöste.

Sie machte den Eindruck einer pragmatischen Frau auf mich. Keines dieser Püppchen, die gerne abgehoben spielen oder sich an Träumereien aufhalten. Ihre Kleidung war handfest – schwere Stiefel, dicke Hose, ein schwarzes TankTop – und ihr Outfit auf Arbeit ausgelegt. Ihre braunen, matten Haare waren zu einem losen Zopf geflochten, der ihr zwischen die Schulterblätter hing.

Sie willigte ohne größere Verhandlungen ein, uns bis zum Grab zu bringen und deutete sogar an, dass sie uns hinein bringen könnte. Dass es ihr nicht schwer fallen würde, einen Schlüssel zu besorgen, um nicht nur das Denkmal, sondern die Gruft selbst für uns zu öffnen.

Als Bezahlung verlangte sie neben einer Kopie unseres Films nur eine bescheidene Sache:

Dass wir ihr vom Leben der Person berichteten, die wir aufsuchen wollten. Die Erfahrungen seines Lebens, sagte sie, würden ihr genügen als Lohn. Sie wollte nichts weiter, als verstehen, wer dieser Mensch gewesen war und was ihn so bedeutsam machte für uns.

Eine Kleinigkeit, verglichen mit dem Aufwand und der Gefahr, fanden wir und willigten ein.

Hätte ich gewusst, warum sie diese Dinge forderte; hätte ich gewusst, wie viel Hinterlist und Bosheit in dieser unschuldigen Bitte steckte – ich wäre wohl zurück geschreckt. Selbst ohne dieses Wissen war ich wohl zurückhaltend gewesen, ängstlich.

Aber ich traue meinen Sinnen nicht mehr so recht, vertraue dem nicht, was ich sehe oder glaube gesehen zu haben. Möglich, dass ich bloß neugierig war und eingeschüchtert von ihr. Möglich, dass ich damals bereits…bereits erschlagen war von einer gewissen Zuneigung, als ob der Blitz in mich gefahren wäre.

Oh, Marie war süß. Sie war das süße, verdorbene Herz unserer kleinen Truppe. Ich würde lügen, würde ich etwas anderes behaupten oder leugnen, mich zu ihr hingezogen gefühlt zu haben. Denn das tat ich durchaus. Aber ich weiß nicht recht, wie ich dieses Gefühl beschreiben soll, das mich beim Anblick dieser blassen, hübschen Frau beschlich.

Natürlich war es Zuneigung, aber angereichert mit einer Art von Vorahnung – vielleicht auch nur ein späteres Erlebnis, das sich jetzt mit dieser früheren Erinnerung vermengt und sie besudelt. Etwa so, wie man vielleicht mit Schmerzen an die eine alte Liebe denkt.

Wie hätte ich auch etwas anderes fühlen können an diesem Abend? Sie verlangte nichts weiter von mir, als dass ich über meine liebsten Themen sprach; forderte von mir nur, dass ich ihr alles über einen Mann erzählte, den ich verehrte und wie er mich geformt hatte.

Und ich legte ihr bereitwillig mein Seelenleben offen.

Aber sie forderte. Sie bat nicht, sie feilschte nicht – es hätte keinen Moment gegeben während dieses Abends und auch die nächsten Wochen nicht, an dem ich mich ihr hätte widersetzen können. Sie entriss mir auch die peinlichsten Geständnisse noch, als wären wir seit langer Zeit innige Freunde gewesen.

Ich erinnere mich nicht mehr, wie der Abend ausging. Ich denke wohl, wir gingen einfach auseinander am frühen Morgen, irgendwann zwischen drei und sieben Uhr. Karl und ich trotteten wohl nach Hause. Vielleicht redeten wir miteinander, vielleicht redete auch nur Karl auf mich ein. Er war, wenn ich ehrlich bin, der echte Filmemacher unter uns. Es war seine Idee gewesen, diesen Film zu drehen. Jedenfalls ihn so zu drehen, wie wir ihn letzten Endes gedreht haben. Ich sage das nicht, um die Schuld von mir abzuwälzen, sondern ihm ihn zu ehren.

Ich erinnere mich an diesen frühen Morgen als den letzten unserer Jugend und womöglich auch unserer Freundschaft. Der letzte Sonnenaufgang, der uns unschuldig vorfand. Maries Fragen, ihr Interesse an uns, hatte ihn ebenso heiß laufen lassen, wie mich. Er erzählte von den Filmen, die er gesehen hatte, die ihn bewegt hatten, von den Vorhaben, die wir gemeinsam angingen und planten, ohne wirklich daran zu arbeiten. Von den, wie er es nannte, Schattenspielgedanken, die er in seinem Kopf hatte und mit mir auf Film bringen würde.

Sicher bin ich mir nicht mehr, so wie ich vieler Dinge nicht mehr sicher bin. Ich weiß nur, dass unser beider Gedanken nicht mehr nur auf unser Projekt unmittelbar vor uns gerichtet waren, dass sich etwas hinzu geschlichen hatte.

Als der Abend gekommen war, da wir unser Videomaterial sammeln wollten, trafen wir uns wie verabredet erst spät. Der Friedhof hatte bereits seit einer Stunde seine Tore geschlossen, aber die Abenddämmerung setzte gerade erst ein und tauchte die Bäume in das dünne Rot einer verblutenden Sonne. Genau der Moment auf den wir gehofft hatten.

Bis zu unserem ersten Ziel war es zwar nicht sehr weit, aber die einsetzende Dunkelheit und – ich gestehe – eine gewisse Lust daran, die Gegend zu genießen, ließen den Weg länger werden. Wir hatten auch keine Eile, sondern unterhielten uns freimütig über uns, über unsere Pläne, über die Schönheit der Gegend – über alles, nur nicht über unser Vorhaben. Als läge eine Art von Tabu darüber, das wir nicht brechen wollten. Als verbiete die Idylle selbst es gewissermaßen.

Lachen sie nur! Haben Sie nie ein Gespür für Heiligkeit gehabt, eine dünne, flüchtige Ahnung, sich in der Gegenwart von etwas größerem zu befinden? So war es in diesen Augenblicken für uns, als wir durch die knorrigen Laubbäume spazierten, mit unseren Taschen an der Seite und die Gedanken nur auf das vor uns liegende gerichtet.

Wir fühlten uns beobachtet – das heißt: Ich fühlte es. Ich kann nur annehmen, dass es Karl ebenso ging. Was Marie dachte in diesen Minuten will ich nicht einmal mutmaßen.

Als wir ankamen, war die Sonne bereits zu einem guten Teil verschwunden. Nur ein dünnes, rotes Band am Horizont deutete noch die Existenz einer Welt jenseits der kleinen Lichtung an. Eine Welt, die nicht aus rauschendem Geäst bestand.

Das Grabmal war erstaunlich schlicht.Zwar hatten wir Bilder davon gesehen…Aber trotzdem hatten wir ein Mausoleum erwartet, so ein romantisches Ding, wissen Sie? Groß, mit vielen Säulen und Fresken und all den grässlichen Motiven seiner Filme ausgestattet hatte ich es mir vor gestellt. Ein Sammelsurium des Misratenen, Unseligen und Erbärmlichen, mehr das Zerrbild einer Grabstätte.

Stattdessen fanden wir drei einfache Betonplatten vor, von denen zwei seinen Brüdern mit anderen Namen gewidmet waren. Der einzige Schmuck war eine Büste auf der mittleren Platte, die etwa doppelt so hoch wie die anderen war. Die Namen und Daten waren in eisernen Lettern angebracht, aber sonst wies nichts hier auf sein Lebenswerk hin. Der Mann und seine letzte Ruhestätte hatten kaum etwas miteinander gemein.

„Der Eingang ist auf der Rückseite“, sagte Marie.

Sie hatte unsere – meine – Enttäuschung wohl bemerkt. So ein Lächeln lag auf ihren Lippen. Ich mag vieles vergessen haben, noch mehr mit voller Absicht aus meiner Erinnerung verdrängt haben, aber dieses Lächeln werde ich nie vergessen.

So kalt. So kalt und hinterhältig und gleichzeitig so verheißungsvoll, als sie uns mit dem Versprechen lockte, bald mehr zu sehen.

Ich glaubte ihre Augen auf mir liegen zu spüren, als ich die schmale Treppe hinunter stieg, die auf der Rückseite auf uns wartete.

Marie brachte einen Schlüssel hervor. Ein schmales, eisernes Ding, das in die Sicherheitstür passte, die uns unten erwartete. Karl blickte sie neugierig an, sagte aber nichts. Ich sah ihm an, was er wissen wollte, und fragte an seiner statt.

Eine vernünftige Antwort erhielt ich nicht. Sie treibe sich hier eben öfter herum, erklärte sie, und habe für genau solche speziellen Begebenheiten den ein oder anderen Trick vorbereitet.

Innen wie außen schon war das Grab schlicht, langweilig. Eine einfache, gemauerte Grabkammer, an deren Wänden die Spinnweben und der Staub sich dick übereinander lagerten. Darin drei identisch wirkende Zinksärge. Groß, schwer und klotzig. Es war keine Eleganz in dem gebogenen Blech, keine Schönheit in den glattpolierten Oberflächen. Ein metallischer, langweiliger Kasten bewahrte einen der größten Geister des letzten Jahrhunderts auf.

Ich war enttäuscht, recht verständlich, wie ich meine. Es mag sein, dass ihnen das Morbide und Groteske abgeht – um die Wahrheit zu sagen: Bisweilen fühle selbst ich mich davon abgestoßen, von diesem unbedingten Drang, irgendeine abcheuliche Reaktion hervorrufen zu wollen mit den billigsten Effekten.

Selbst, wenn sie mich für einen Verbrecher halten – was ihr Recht ist, denke ich, auch wenn sie nach meinem Geständnis verstehen werden, dass ich keineswegs ein Verbrechen begangen habe, als ich meinem Freund den Schädel einschlug.

Aber in diesem Moment, da ich in die Gruft hinunter stieg, um meinem Idol die letzte Ehre zu erweisen, verspürte ich nur Enttäusschung. Ein Gefühl, das Ihnen gut bekannt sein müsste. Tage hatte ich diesem Moment entgegen gefiebert, vielleicht Wochen. Seit die Idee zu diesem kleinen Projekt mit Karl ausgebrütet worden war, seit wir uns langsam darauf vorbereitet hatten, diese Tat zu begehen, hatten wir uns diesen Augenblick vorgestellt.

Und da war er nun: Schmucklos, unaufregend. Schlimmer noch – langweilig.

Mich traf es vielleicht schwerer als Karl. Ich fühlte gar nichts in diesem Moment, nicht…nicht soweit ich mich klar erinnern kann. Es ist möglich, dass…

Sehen sie: Gefühle sind keine eindeutige Sache. Sie vermischen sich mit der Umgebung, mit den ihnen vorangehenden und nachfolgenden Stimmungen und Bildern. Niemand fühlt zu irgendeinem Zeitpunkt nur eine einzige Sache – vielmehr überlagern sie sich, insbesondere in der Erinnerung verwischen sie wie feuchte Farbe.

Genau das war überhaupt erst der Grund, warum wir diese Aufnahmen machen wollten, warum es dort sein musste, in dieser Gruft und nirgendwo anders: Wir wollten diese Gefühle des Grabes übernehmen.

Es ist möglich, dass sich in meiner Erinnerung die nachfolgenden Tage darüber legten. Dass ich in Wahrheit nichts spürte in diesem Augenblick, dass ich nur abgelenkt war von Marie, die noch an der Tür lauerte und uns mit schmutzigem Blick beobachtete, jede unsere Reaktionen abschätzte.

Ich bilde mir gerne ein, dass ich aufmerksam war. Dass ich doch etwas von dem kommenden ahnte, dass es nur verdeckt war von meiner Enttäuschung, von der Langweiligkeit mit der dieser Meister der Vergangenheit überantwortet worden war.

Karl schien dagegen nichts von dieser Ahnung mitzubekommen. Er war auch nicht begeistert von der Banalität der Gruft, schien sich aber mit der Anwesenheit der Särge darüber hinweg zu trösten.

Mit raschen Schritten ging er nach vorne, ließ seine Tasche von der Schulter gleiten. Seine Hände legten sich fast ehrfürchtig auf den Sarg in der Mitte. Er konnte kaum wissen, welches der richtige war – es gab keine Plaketten, keine Gravuren oder ähnliches auf dem Deckel – und dennoch schien er fest davon überzeugt, derjenige in der Mitte wäre derjenige, in dem unser Vorbild lag.

In meiner Erinnerung stelle ich mir die Szene anders vor, als sie wirklich gewesen ist.

Da stehe ich neben mir, am Rand der Gruft, und sehe mich die Taschenlampe aus meiner Tasche hervor holen, damit es nicht so verflucht dunkel ist da unten.

Da sehe ich Karl das Blech streicheln, mit so einem schiefen Lächeln auf den Lippen, und sehe Marie sich uns langsam nähern.

In meiner Erinnerung stehe ich weiter weg von den beiden, bin distanzierter, als ich es wirklich war, und beobachte sie aus einigen Metern Abstand. Da höre ich nicht, wie sie eine Hand auf Karls legt und diese Worte flüstert, die mir noch heute Schauer über den Rücken jagen, obwohl sie harmlos verblassen neben den Dingen, die wir später noch getan haben.

Die ich später getan habe, nur um meine Freundschaft am Leben zu erhalten.

In meiner Erinnerung wende ich mich ab von ihnen und auch von mir, die wir uns an diesem Grab vergehen für ein paar Bilder, nur für den Nervenkitzel, von Angesicht zu Angesicht…

Ich habe ihn damals nicht getötet. Ganz sicher nicht in dieser Nacht. Ich war schockiert, ja. Ich war angewidert davon, mit welchem Eifer er und Marie den Sarg öffneten, wie schnell sie mit Hammer und Meißel das Blech aufrissen und die Dämpfe entweichen ließen, die sich dort in fast achtzig Jahren angesammelt hatten.

Aber ich tat damals nichts. Vielleicht hätte ich es tun sollen und damals und dort beenden.

In meiner Erinnerung bilde ich mir gerne ein, dass ich mich distanziert hätte, dass ich mit Abscheu und Einsprüchen nur zugesehen hätte, wie sie das Grab dieses großartigen Mannes schändeten, nur um einen Blick in seine verfaulten Augen zu werfen.

Die Bilder und Videos, die sie in meinem Zimmer finden werden, entlarven diese Erinnerung als Wunsch. Selbst der Film, den wir wenige Tage später fertigt stellten und zum Entsetzen der werten Herren Kleingeister, diesen angeblichen Professoren der Künste, einreichten, straft diesen Wunsch Lügen. Nur wenige der Bilder darin stammen aus dieser Nacht, sind in diesen Augenblicken entstanden. Meine Hand führte die Kamera, seine die Brechstange.

Und dennoch sind sie der eindeutige Beweis, dass ich mich daran beteiligt…

Meinetwegen verklagen sie mich deswegen und nicht wegen des Mordes. Ich habe ein Grab geschändet – hah! Sie sind ein Kleingeist, wenn das ihre größte Sorge ist. Störung der Totenruhe…Wenn sie denn wenigstens ruhen würden! Aber nein, nein. Das tun sie selten, nicht einmal in meiner Erinnerung.

Bild eines Lebens – Teil III: Die Stimme meiner Träume

An diesem Tag habe ich nicht viel geschlafen. Gar nicht eigentlich, wie die nächsten auch nicht.

Aufregung war nicht der Grund gewesen, Nervosität auch nicht. Ich war todmüde nach dieser Nacht, ein großer Teil der Anspannung war schon während der Arbeit von mir abgefallen. Als wäre ich…als wäre ich völlig in meiner Arbeit aufgegangen, nicht mehr ich selbst und hätte alles hinter mir gelassen.

Alles außer dieses Bild.

Mehr als sieben Stunden hatte ich Franky den ersten Teil des Tattoos auf die Brust gebracht, schneller und konzentrierter als ich je zuvor oder seitdem wieder gearbeitet hätte. Meine Körper und mein Verstand waren einfach nur erschöpft, alles war zäh und langsam. Aber diese Unruhe, dieser gedankenlose Zwang, das Bild zu machen, der war mit dem ersten Licht des Morgens zusammen verschwunden.

Zusammen mit Francesco, der sich eilig die Lederjacke übergeworfen und mir meinen Antel für die Nacht gegeben hatte, ehe er sich mit der Zeichnung unter dem Arm in die noch dunstigen Straßen aufmachte, war meine Aufregung verschwunden.

Diese Ekstase war also weg, ich war eine ausgebrannte Hülle. Müde und erschlagen war von mir, meinen eigenen Gedanken, nichts weiter übrig. Alles war in diese ersten Teile des Bildes geflossen.

Trotzdem schlief ich nicht.

Oh, ich träumte schon. Aber ich schlief nicht wirklich.

Schlaf würde ich es jedenfalls nicht nennen. Eine tiefe Ohnmacht mehr noch oder Bewusstlosigkeit. Es war, als hätte mir jemand einfach das Licht ausgeschaltet und die Türen meines Unterbewusstseins aufgestoßen. Ich hatte Franky aus meinem Appartement befördert und war augenblicklich auf der Couch niedergesunken, wie vom Schlag getroffen.

Hast du dich jemals bis zur Ermüdung geschunden? Bis zu diesem Moment, wenn nicht nur alle deine Muskeln sich steif und schmerzhaft anfühlen, sondern sogar dein Verstand aufgibt? Wenn jeder einzelne Gedanke sich auflöst und in seine Einzelteile zerfällt. Wenn da nur noch das vage Konzept ‚Hunger‘ ist oder ‚Schlaf‘, weil dein Geist so überanstrengt ist, dass er nicht mehr in der Lage zu komplizierteren Formulierungen ist?

So fühlte ich mich damals, als ich auf meine Couch kroch. Da war einfach nichts mehr, das wirklich ‚Ich‘ gewesen wäre – nur eine Ansammlung unzusammenhängender Gedankenstücken und Bilder.

Ich kann nicht sagen, wovon ich in dieser ersten Nacht genau träumte. Es war nicht von den Bettlern oder dem Mann ohne Maske. Es war auch nicht von den zwei Sonnen, die sie auf Francescos Fleisch umringen würden oder die Symbole, die diese scheußlichen Worte bildeten, oder die schwarzen Sterne.

Es war lächerlich, komisch geradezu. Vier Tage und Nächte mittlerweile hatten mich diese Motive im Griff gehabt, hatten tiefer und fester Besitz von mir ergriffen als alles andere in meinem Leben. Selbst jetzt noch…selbst jetzt noch sehe ich es vor mir, wenn ich in unachtsamen Momenten die Augen schließe und ich schaudere, wenn ich zu lange in die dunklen Ecken der Stadt starre.

Aber damals, nach der ersten Nacht, die Franky bei mir war, beherrschte mich nicht das Bild. Ich weiß, dass ich in meinem…Schlaf – ich verabscheue dieses Wort tatsächlich, denn es hat nicht viel mit dieser Tortur gemein, die ich an diesen Tagen durchlebte – dass ich in meiner Ohnmacht an andere Orte ging, dass ich nicht in meinem Bett blieb, sondern an fremde und abscheuliche Orte reiste.

Möglich, dass ich mich irre. Möglich, dass ich mir den Geruch von Staub und Erde einbildete, den ich in meinen Haaren roch. Dass es die Reste der Träume waren, die aus verschütteten, nebligen Erinnerungen an einen halb-vergessenen Schlaf hervor krochen und versuchten, sich in mein Bewusstsein zu stehlen. Denkbar auch, dass ich mir den Dreck unter meinen Fingernägeln und die aufgeschürften Knie nur einbildete, dass es nicht mehr als mein übermüdeter Verstand und die Anstrengung der letzten Nacht waren, die ich in jedem Gelenk spürte.

Ich war erst gegen den Abend hin frei von diesen Gedanken, die sich an mich geklammert hatten. Möglich, dass ich damals schon den Verstand verloren habe, wäre vielleicht das beste.

Es war bereits gegen siebzehn Uhr, als ich wieder zu mir kam. Die Sonne stand niedrig am Himmel, verbrannte den Smog und die Abgase der Stadt in einem leuchtenden Orange – als stünde der Horizont über dem Häusermeer in Flammen. Ich trug noch meine Kleidung am Leib, musste mit ihr ins Bett gefallen sein. Sie war schmutzig und verschwitzt, ihr Geruch bereitete mir Übelkeit.

Für zwei Stunden fand ich keine Ruhe. Nichts beschäftigte mich länger als fünf bis zehn Minuten. Solange die Sonne noch am Himmel stand hatte alles für mich den Geschmack verloren, war mir fremd geworden. Es waren zwei Stunden, in denen ich mich unruhig durch meine Wohnung schleppte, duschte und mich mit Kaffee und nervösem Gelaufe ablenkte. Von mir selbst und allem anderen. Ich aß nicht viel an diesem Tag und auch am darauf folgenden nicht. Hatte einfach keinen Hunger. Tatsächlich fühlte ich nicht viel – selbst die Müdigkeit, die mich trotz des verschlafenen Tages überfallen hatte, verschwand nach einer Weile.

Auch das war kein Gefühl. Kein richtiges, echtes, das man irgendwie in sich besitzt. Viel mehr war es die Abwesenheit davon. So eine nervöse Anspannung, tief drinnen, wenn man nur weiß, dass etwas nicht länger da ist, was man sonst für selbstverständlich gehalten hatte.

Vielleicht so, wie es sich anfühlen muss, wenn man plötzlich taub wird oder geblendet von einem grellen Licht mitten in der Nacht. Man sieht nicht wirklich noch etwas, aber die Schemen und Schatten sind noch da, als eine Art schwacher Kopie der Wirklichkeit lügt man sie sich zusammen und glaubt daran, noch etwas zu sehen.

Ich würde ja sagen, dass es sich kalt angefühlt hat. Als hätte eine eisige Hand in meine Brust gegriffen und hätte mir alle Gefühle heraus gerissen und alle Gedanken, die ich für andere Dinge gehabt hatte.

Aber das beschreibt es nicht ganz. Das fasst diesen Druck auf der Brust und im Hals, der so unerklärlich alles andere beiseite schiebt außer den Gedanken an ihn selbst, nicht gut ein.

Das war es nämlich: Ein Gefühl von Furcht, das sich völlig unbestimmbar in mir ausbreitete, alles beiseite riss, was vorher dort gewesen war. Eine Furcht, die mich dazu antrieb, weiter zu arbeiten. Ich fürchtete, dass Franky nicht kommen würde.

Ich wollte weiter an dem Bild arbeiten. Ich musste es.

Zu meinem Erstaunen änderte sich nur wenig daran, als Franky endlich da war. Er war pünktlich, wie ich es eigentlich erwartet hätte. Obwohl wir keine feste Zeit ausgemacht hatten, kam er nur eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang zu mir, wie schon den Tag zuvor.

Dieses Gefühl in meiner Brust blieb, als er sich in mein privates Studio begab.

Ich fürchtete mich sogar, als Franky sich auf der Liege hinsetzte und seine Jacke öffnete. Ich gestehe es freimütig: Ich hatte Angst vor diesem halbfertigen Tattoo auf seiner Brust, hatte Angst davor es anzusehen. Angst war vernünftig. Angst hieß, ich hatte damals noch nicht den Verstand verloren. Das selbe Bild, das mich die Tage zuvor noch aufgepeitscht, angetrieben, hatte, ließ mich jetzt schaudern.

Als ich dieses Bild vor mir sah, die Teile davon jedenfalls, die ich bereits fertig hatte, überkam mich eine scharfe Abneigung dagegen. Ich wolltes nichts weiter, als davor fliehen; wollte Francesco sein Geld vor die Füße werfen und ihn fortjagen. Selbst dieses letzte Prinzip meiner Eitelkeit hätte ich noch brechen wollen, wenn es nur bedeutet hätte, dieses grauenhafte Bild nicht zu malen, bei dem sich die Erinnerungen an den Tag aus meinem Unterbewusstsein schlichen.

Irgendetwas regte sich bei diesem Anblick in mir. Etwas, auf das ich keinen Wert legte, das ich los werden wollte. Ein dunkles Gefühl wie von nassem Eichenlaub stieg in mir auf, der Geruch von noch kalter, feuchter Erde stieg mir wieder in die Nase.

Franky sah nicht gut aus. Damals hätte ich es schon ahnen können. Vielleicht hatte ich das sogar und hatte nur beschlossen, nicht auf mein Bauchgefühl zu hören. Vielleicht hatte ich geahnt, dass…dass was immer es war nicht gut war, nicht gesund, und hattte mich deswegen drei Tage lang gesträubt, bevor ich den Job annahm.

Er war blass um die Nase, wirkte etwas eingefallen. Nicht mehr nur hager und hungrig, sondern wirklich zusammen gesunken, als hätte auch er seit einiger Zeit weder gegessen noch geschlafen, als verzehre ihn irgendetwas von innen. Nur dieses Glühen in seinen Augen war noch da, dieses Glühen das darauf bestand, diese Tattowierung von mir zu bekommen und von keinem anderen.

Sein Fleisch hatte die Arbeit der letzten Stunden gut verkraftet. Viel besser, als es erlaubt gewesen wäre.

Der Mann hatte eine offene, frische Wunde auf dem Leib – dreißig mal dreißig Zentimeter im damals halbfertigen Zustand – und schien nichts davon zu spüren. Seine Haut war nicht einmal gerötet, der Verband mit Salbe darunter nicht einmal angeblutet oder rosa. Kaum etwas deutete darauf hin, dass das Tattoo gestern gemacht worden war – und nicht vor drei Wochen.

Meine Hand zitterte, als ich die zweite Ampulle mit Farbe von Francesco entgegen nahm.

Sie war genau wie die erste: Ein tiefes, tiefes Scharlach, das alles Licht zu fressen schien.

Im schwachen Neonlicht des Studios, neben Ihm und Mir, die wir beide kaum geschlafen hatten und kaum einen klaren Gedanken hatten, wirkte dieses Fläschchen wie das einzig wirklich lebendige Ding im Raum.

Die Art, wie sie sich bewegte, wie vielleicht mein nervöses Zittern sich auf die Flüssigkeit übertrug, sie dazu brachte, sich zu rühren und die dünnen Glaswände empor zu lecken, füllte mich mit Unbehagen. Ich wollte es nicht ansehen, wollte nicht daran denken, wo diese Farbe herkam, was es mit diesem dünn-metallischen, kaum verkennbaren Geruch auf sich hatte, der an den Pforten meines Unterbewustseins kratzte.

Ich habe gesagt, ich hätte etwas heiliges getan, als ich das Bild begann. Die Wahrheit ist: Ich bin mir heute nicht mehr sicher, was es genau war. Aber es war etwas unnatürliches. Dieses Bild…dieser Akt, das Bild aus der Zeichnung zu holen und auf Francescos Körper zu bringen, eins mit ihm werden zu lassen – das war keine menschliche Handlung. Das war Kunst, dabei bleibe ich.

Es lässt sich kaum beschreiben, wie es war. Wie es ist, sich völlig selbst aufzugeben im Dienst von etwas, das so viel wichtiger ist. Es muss wohl komisch klingen, aber dieses Bild war zeitlos. Zeitloser als ich oder als er, auf dessem vergänglichem Fleisch es aufgebracht war. Man muss es sehen, um es begreifen zu können.

Viele Einzelheiten dieser Nacht sind verloren für mich, irgendwie untergegangen in der Arbeit über diesem Bild. Vielleicht liegt es in irgendeiner Krypta meines Gedächtnisses begraben, vielleicht habe ich es verdrängt und will mich auch nur nicht daran erinnern. So, wie ich mich nicht an den Mann ohne Maske erinnern will, oder an die Zwillings-Sonnen, die ihn bescheinen.

Ich weiß, dass ich gearbeitet habe, so besessen wie in der Nacht davor. Dass ich sechs oder acht Stunden damit zubrachte, dieses Meisterwerk voran zu treiben.

Ich weiß, dass Francesco sehr still war in dieser Zeit und ich auch. An seinen gepressten Atem erinnere ich mich, der nichts mit den Schmerzen der Tättowiernadel zu tun gehabt hatte. An diese Geräusche von flacher und verängstigter Atmung.

Er ging noch vor dem Morgengrauen, drückte mir wieder ohne große Worte die Bezahlung für diese Nacht in die Hand. Vielleicht sagte er irgendetwas in die Richtung, dass wir uns am Abend wieder sehen würden oder so etwas. Ich weiß es nicht mehr.

Aber den Blick, den er mir zuwarf, den werde ich nie vergessen.

So ein Ausdruck war in seinen bernsteinfarbenen Augen, in denen das Glühen nur noch schwach da war, überschattet von der Müdigkeit der zweiten durchwachten Nacht. Ein Ausdruck wie von einem gejagten Tier, der das Heulen der Jäger hinter sich hört und seine Zeit gekommen weiß.

Ein Ausdruck wie von einem Mann, der auf sein Ende zugeht.

An die Träume dieses Tages erinnere ich mich. Nicht sehr deutlich und nur schemenhaft, aber auch das ist noch zu klar und zu viel. Ich muss gereist sein an einen anderen Ort, in eine andere Zeit. In meinem Kopf wenigstens, denn alles andere kann ich nicht beweisen. Vermuten kann ich es aber, denn wenn ich die Augen schließe, dann sehe ich noch heute diesen Abgrund vor mir.

Dann sehe ich diese Gewölbe, irgendwo tief unter den Fundamenten dieser Straßen, voller Schatten in denen irgendetwas lauert und nach mir greift. Dann sehe ich dieses alte Häuschen, das sich schief und mit gesenkten Brauen gegen die umgebende Straße bäumt. Das aussieht wie ein ketzerischer Tempel, den die Zeit noch nicht eingerissen hat. Dann sehe ich die alte Eiche im Garten dahinter und die…die Gruft darunter, in die ich mich verirrt hatte.

Ich hörte diese Stimme flüstern in meinen Träumen. Diese Stimme, die immer am Rand meines Bewusstseins lauerte, immer in den Augenwinkeln wie der flüchtig vorbei ziehende Schatten eines herabstoßenden Raubvogels. Die ich noch heute manchmal höre, wenn ich zu lange und zu tief in die Schatten zwischen den Häuserschluchten schaue.

Ich hörte sie, als ich dort auf den Knien im Dreck rutschte und mich in die Schatten drückte, um von Vater nicht bemerkt zu werden. Vater, der hinab gestiegen war in die Dunkelheit, um mich zurück zu lassen und sein Leben fort zu werfen. In jeder Faser meines Körpers hörte ich sie vibrieren, sich langsam wie der Staub und die Schatten vom Boden aufwirbeln. Ich hörte sie, als mein schmalen, kleinen Finger über das Messing wischten, noch mehr Staub aufwirbelten.

Ich hörte sie flüstern, während ich den alten Namen las, der dort auf diesem Portal in den Tartaros eingraviert war. Diese Tür aus getriebenem Messing, die in einem der Gewölbe unter unserem Haus lag, von uns vergessen und trotzdem mit unserem Leben beschützt. Ich hörte sie in meinem Kopf, ohne dass jemand in der Nähe etwas gesprochen hatte, als ich dort unter dem verfluchten Namen das Bild vor mir fand. Das selbe Bild, das ich in das Fleisch von Francesco brannte, starrte mich dort aus meinen Träumen an, als Siegel einer vergessenen und vergrabenen Gruft unter einer namenlosen Ruine.

„Befreie mich aus meinem Grab“, flüsterte sie, „und ich werde dich groß machen und alt jenseits deiner Jahre. Brenne dieses Siegel auf dein Herz.“

Wie am Abend zuvor erwachte ich mit dieser undeutlichen Furcht, wieder in schweißdurchtränkter Kleidung. Der Himmel über der Stadt brannte im Abendrot, in deutlich leuchtenden Farben.

Ich brauchte eine Weile, bis ich diese Gedanken abgeschüttelt hatte, bis eine heiße Dusche und ein doppelter Whisky vertrieben hatten, was ich für einen schlechten Traum hielt.

Francesco sah furchtbar aus, als er an diesem letzten Abend in mein Studio kam.

Seine Augen waren fast scharlachfarben, vollständig gerötet, mit entzündeten Stellen um seine braune Iris. Sie glühten zwar noch, aber fiebrig. Seine Haut war schlaf und hing von seinen Knochen herab, sein Griff feuchtkalt.
Es schien nicht, als hätte er in den letzten Tagen überhaupt geschlafen. Nicht, seit wir das Tattoo begonnen hatten.

„Alpträume“, sagte er, ohne zunächst genauer darauf einzugehen. „Die gleichen wie gestern.“
Als ich ihn fragte, ob er in ein paar Tagen weitermachen wollte, wurde er wütend.

„Heute Nacht noch“, verlangte er von mir, „Heute Nacht muss es fertig werden. Drei Tage und drei Nächte und nicht eine mehr.“

Ich hätte es wissen können. Damals hätte ich noch nein sagen können, hätte mich weigern können, weiter zu zeichnen. Hätte darauf bestehen können, dass er erst gesund werden müsste und ich erst dann weiterarbeiten würde.

Aber ich tat es nicht. Ich redete mir ein, ich könnte einen Fehler machen. Könnte vielleicht ein letztes der Symbole falsch ziehen, eine der wichtigen Konstellationen ändern, nur einen Grad zu schief, nur einen Millimeter zu lang oder zu kurz.

Ich redete mir ein, ich könnte – wenn ich nur einmal noch Hand anlegen könnte an dieses Wunder, dann könnte ich alles richtig machen. Alles gut werden lassen.

Aber ich tat es nicht.

Ich wollte dieses Bild machen. Ich musste. So, wie er es mir gezeigt hatte. Wie meine Träume es mir gezeigt hatten in aller Perfektion, in seiner grauenhaften Bedeutung.

Es wäre leicht zu sagen, dass es mich vervollständigen würde, dass es mir einen Sinn geben würde oder die Krone meines schöpferischen Talents gewesen wäre, dieses Meisterwerk zu vollenden.

Die Wahrheit ist einfacher, beschämender.

Als ich daran arbeitete, als ich die letzten Schliffe anbrachte, bekam ich Francesco zum Erzählen.

Und mit jedem Satz, den er sprach, wurde es mir unmöglicher, die Nadel beiseite zu legen. Mit jedem abscheulichen Wort aus meinem Mund – Worte, die ich weder hören noch verstehen wollte, die sich mir aufzwangen wie sich mir tags zuvor die Ohnmacht aufgezwungen hatte – gewann dieses Bild wieder mehr und mehr Macht über mich. Mit jedem Wort verlor ich mehr und mehr die Gewalt über meine Hände, die wie von selbt dieses Bild vollendeten. Als wollte das Bild fertig werden, als wäre es in seiner ganzen grausamen Logik notwendig, dass ich es vollendete und genau so, wie es sein musste.

Es mochte die Müdigkeit der letzten drei Tage sein, die uns endlich einholte und ihn gesprächig machte. Vielleicht wollte er auch nur seinen Geist von dem ablenken, was er zu tun im Begriff war. Wollte ein wenig seine Geschichte teilen, bevor sie mit ihm zusammen verschwand und bedeutungslos wurde. Vielleicht war es das verzweifelte Brabbeln eines Mannes auf dem Totenbett.

Francesco erzählte mir von dem kleinen Häuschen, in dem er aufgewachsen war. Ein kleines, zerschundenes Ding, das heute am Rand einer Wohnsiedlung stand. Es war recht verlassen, ein Relikt aus einer Zeit, als dieser Teil der Stadt noch ein Dorf gewesen war. Hinter dem Haus stand noch die selbe Eiche, die dort gestanden hatte, bevor Menschen dort gelebt hatten. Jedenfalls bevor das Haus dort gestanden hatte.

Er erzählte mir von seiner Kindheit dort, die glücklich gewesen war die ersten Jahre und dann traurig bis zu seinem Ende. Von seiner kalten Mutter und dem Vater, der ihn…verlassen hatte.

Eine Nacht war ihm besonders im Gedächtnis geblieben, obwohl er nicht sagen konnte, wann genau sie tatsächlich geschehen war. Es war eine undeutliche Erinnerung gewesen, die losgelöst von aller Zeit in seinem Kopf geblieben war. Eine Erinnerung seiner Kindheit, ein Alptraum seiner Jugend, ein Wahn seiner späteren Ehe – alles zusammen womöglich, das wusste er nicht.

Was er wusste war, dass er sich schweiß durchnässt im Keller des Hauses wiedergefunden hatte. Dort, tief unter dem Fundament des Hauses, in einer geheimen Kammer deren Existenz er über Jahre geleugnet hatte, hatte er es gefunden. Das Bild, eingebrannt in die Erde auf…auf einem alten Relikt aus Messing. Ein Erbstück der Familie, sagte er, und ihre Last zu tragen. Ihr Schatz, die Quelle ihres alten Ruhms vor vielen Generationen und des Elends seiner Kindheit.

Wie er dort hinunter gekommen war, erklärte er nicht. Er wusste es auch gar nicht mehr oder schien jedenfalls nicht darüber reden zu wollen. Eine Art von Ruf, sagte er, als hätte es nach ihm gerufen in der Feuchtigkeit der alten Hütte. Hätte seinen Namen gerufen und nach ihm verlangt.

Mehr erzählte er nicht.

Er musste auch nicht, denn ich wusste, was er dort gefunden hatte. Ich wusste es und trotzdem habe ich das Bild gemacht, habe vielleicht noch über diesen Zufall gelacht und ihn zu verbergen versucht.

Ja, ich habe es vollendet. Natürlich habe ich es vollendet, in all der Perfektion, die ich vor meinem inneren Auge sah, habe ich ihm diesen Pakt ins Fleisch gebrannt und ihm Wirklichkeit gegeben. Mit allen Künsten, die ich je besessen habe, habe ich diesem Bild Leben eingehaucht, es wahr werden lassen in seiner Schönheit.

Francesco selbst erkannte es in diesen letzten Minuten. Er lächelte, als ich ihm den Spiegel gab, um das Werk zu bewundern. Mehr als zufrieden sah er aus, fast selig, als er für einen kurzen Moment die Augen schloss und alle Last der letzten Jahre von ihm abfiel. Als da nichts von der Angst und den Erwartungen zurück blieb, als er sich völlig aufgab und fallen ließ mit diesen letzten Linien rot-schwarzer Tinte auf seiner Haut.

Er zahlte einen großzügigen Bonus, ehe er ging. Ich habe ihn seitdem nie wieder gesehen, lege aber auch keinen Wert darauf.

Es war nicht seine Stimme, mit der er mich zum Abschied für gute Arbeit beglückwünschte.

Sondern das Flüstern aus unseren Träumen.

Als er ging fühlte ich eine Last auf mir, die ich nicht erklären konnte. Was immer…was auch immer wir getan hatten, in diesen drei Nächten hatte ich etwas unmenschliches berührt. Etwas heiliges, dachte ich damals. Der Gedanke ließ mich nicht los. Monate wanderte ich durch die Stadt, durch die Bibliotheken und Akademien auf der Suche nach jemandem, der dieses Bild gesehen hatte. Der mir sagen konnte, was ich berührt hatte in meinen Träumen, in welche Sphären jenseits des menschlichen, des bloß künstlerischen ich vorgestoßen war in diesen paar Nächten, die mich seitdem begleiten wie kein anderes Erlebnis meiner Zeit.

Zu meinem Elend wurde ich fündig, irgendwann, in den kleinsten Hinterzimmern geheimer Laboratorien. Ich fand mehr von dieser Tinte, die Franky mit sich gebracht hatte, dieser schwarze Milch der Frühe. Ja, ich fand genug davon, um für zwanzig Jahre danach noch meine Kunst auszuüben. Um Bilder auf Fleisch zu brennen, um lange Jahre der Jugend zu schenken oder zu stehlen, um eine Magie zu wirken, die blutiger war und älter als du dir je träumen lassen könntest. Ich fand jemanden – etwas – das meiner Malerei Sinn gab und Bedeutung über die Vergänglichkeit menschlichen Fleisches hinaus.

Und jetzt stehst du hier vor mir und glaubst, du kannst mich mit ein paar Drinks und etwas Schleimerei dazu bewegen, dir auch ein Bild zu stechen? Eines von diesen abgefahrenen okkulten Dingern, von denen du gehört hast, weil einer deiner Freunde einen Vater hat, der dumm genug war in seiner Jugend auch eines zu wollen.

Verschwinde, Kleiner. Lass dich mit einem Geheimnis bezahlen. Eines, das sich mir in den Augen Frankys entgegen stellt, wenn ich mich an ihn erinnere. Das sich mir in diesem fiebrigen Blick so voller Hunger und Gier, mit dem er mich angeblickt hat, offen gelegt hat und das mich bis in meine Träume verfolgt:

Wenn es so etwas wie eine Seele gibt, spiegelt sich in ihr wieder, was wir unseren Körpern antun. Jede Narbe, jede Wunde, ist darin eingeschrieben.

Über die Jahre habe ich mehr als genug Leiber verstümmelt, mehr als einer Seele Gewalt angetan und sie bis zur Unkenntlichkeit verzerrt. Alle diese Dinge haben einen Preis, der größer ist als alles Geld, das dein Daddy dir geben könnte.

Für meinen Blick jenseits des menschlichen habe ich mit meinem Leben bezahlt. Und wenn ich je ein einziges weiteres Bild anfertigen würde, dann für mich selbst. Auf dieser Stelle hier an meinem Unterarm, die als einzige an meinem Körper noch frei ist von Tinte und groß genug. Diese eine Stelle, die zu füllen ich nicht den Mut habe.

Nur dann kann ich Frieden kennen. Wenn ich es Franky gleich tue…und mich selbst vergessen kann.

Bild eines Lebens – Teil II: Alte Erinnerungen

Ich tätowierte Franky also noch am selben Abend. So hieß der Knabe übrigens. Hatte sich jedenfalls so vorgestellt. Seltsamer Name für so einen Typen, dachte ich. Passte nicht zu dem Vertrag, mit dem er ankam, den ganzen Regeln. Zehn Seiten juristischen Geschwätz, das ich nie verstanden habe, egal wie oft ich ihn später angesehen habe. Das mir nur immer wieder gesagt hat, dass ich es hätte kommen sehen müssen. Das mich angeklagt hat, bevor ich es endlich verbrannt habe.

Unterschrieben hab ich trotzdem. Ohne es damals wirklich gelesen zu haben, gebe ich zu. Keine Ahnung, was genau drin stand. Schien mir damals nicht wichtig.

Damals hatte ich keine Gedanken dafür, keine Zeit für solche Dummheiten. Wieso sich auch mit Kleingedrucktem auseinandersetzen, wieso Zeit verschwenden für das Gezänk von Anwälten, wenn es so viel mehr, so viel besseres zu tun gab?

Ich fing sofort mit der Arbeit an. Franky hatte ich in mein Appartement kommen lassen. Ich besaß ein kleines, privates Studio darin. Ein Raum mit einer Liege und meinem Zeichenmaterial. Mein Atelier, wenn ich ein Pseudo und Angeber wäre. Normalerweise war es nur mein Arbeitsplatz für meine eigenen Zeichnungen oder ich machte darin kleinere Tattoos für Freunde. Experimenteller Kram, der nichts mit der Arbeit und dem eigentlichen Studio ein paar Straßen zu tun hatte.

In dieser und den folgenden Nächten krönte ich mein Lebenswerk.

Erst musste ich das Bild vorziehen, damit ich später klar und präzise malen konnte. Ich steche nicht gerne Freihand, nicht einmal bei langweiligen Bildern. Bei diesem hier wäre jede Änderung, jeder Abrutscher ein Fehler gewesen, hätte es ruiniert. Außerdem war es zu groß, um es in einer Sitzung zu machen oder auch nur in einer Sitzung vorzuprägen. Zu komplex. Ich hätte die ganze Nacht gebraucht, nur um die gröbsten Umrisse einzutragen und vorzuziehen, bevor ich steche.

Das wäre auch unmöglich gewesen, das habe ich schnell eingesehen, als ich das Bild in seiner Gänze zu sehen bekommen habe.

Franky hatte an diesem Tag eine großformatige Version dabei. Eine bessere Vorlage, als das verwaschene Foto, das er mir die letzten Male gezeigt hatte. Es war eine große Zeichnung, sicherlich ein Meter Mal ein Meter. Größer als seine Brust, auf der ich es aufbringen sollte jedenfalls, was wegen der Details nötig gewesen war.

Ich hatte drei Nächte Zeit, um das Tattoo fertig zu stellen und konnte nur zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang arbeiten. Nicht viel Zeit, auch im Frühling nicht.

Außerdem juckte es mir in den Fingern, das hatte ich gesagt. Ich wollte mich in der Arbeit verlieren, wollte nur noch dieses Bild malen und auf sein Fleisch prägen. War richtig geil drauf.

Noch nie habe ich so schnell und fieberhaft gearbeitet. Noch nie…niemals wieder ist so etwas dabei heraus gesprungen. Es war mehr als nur ein Flow, als irgendein Zustand der vollständigen Versenkung in nur dieser einen Tätigkeit. Es war eine Art von Gebet.

Meine Hände taten etwas…nicht gerade heiliges, denke ich. Aber etwas in dieser Richtung. Ich berührte etwas mit ihnen, das größer war als ich und Franky.

Das Bild so vor mir zu haben, so vollständig und ganz…

Ich hatte nur einen Ausschnitt gesehen. Eine verwaschene, halbdunkle Fotokopie von der Brust irgendeines anderen Mannes, der dieses Tattoo getragen hatte. Als ich die Tage darauf davon geträumt hatte – damals, als ich mich noch geweigert hatte und es mich dennoch nicht los ließ – hatte ich gedacht, meine Phantasie würde mit mir durchgehen. Hatte gedacht, ich hätte Teile davon aus ihrem Kontext gezerrt, größer gemacht, irgendwie verändert.

Als ich es so vor mir sah, in aller Pracht und Herrlichkeit, erkannte ich, dass ich es in meinen Träumen gesehen hatte. Ganz so, wie es wirklich wahr. Jede Linie, jeder Winkel, jeder Schattenwurf von unbeschreiblichen Dingen war mir aus meinen Alpträumen vertraut.

Ich zögerte, als er mit dem Bild vor mir stand.

Ja, ich gestehe, dass ich Angst hatte. Jeder denkende Mensch hätte sich gefürchtet in diesem Augenblick. Hätte Angst gehabt, ein Bild zu sehen, das er aus seinen halbwachen Alpträumen kannte, in dem gleichen Detailreichtum und der gleichen Schrecklichkeit.

Aber ich hatte unterschrieben. Ich hatte den Vertrag unterschrieben und, wenn ich ganz ehrlich bin: Ich wollte es machen. Ich wollte dieses Bild aus meinem Schädel kriegen. Dazu musste ich es malen.

Wenn es einmal auf der Haut war, wäre es von Franky nicht zu trennen, von den Muskeln seiner Schultern und Oberarme, den Sehnen des Halses oder den sanften Schatten seiner Rippen. Die Ränder verloren sich in den Muskelsträngen und den Vertiefungen, waren gleichzeitig ein Teil von ihm und etwas völlig Fremdes.

Es drückte sich dem Körper nicht auf wie ein übliches Tattoo – es veränderte ihn, irgendwie. Ich kann es nicht genau beschreiben, ich habe so etwas nie wieder gesehen. Das Bild anzusehen hieß, sich darin zu verlieren, kein Ende und keinen Anfang finden zu können. Es zu tragen hieß, sich wirklich zu verändern. Seine Seele zu öffnen.

Aber es war…wundervoll. Auf eine Art, die nicht von dieser Welt war. Nicht von aus einer Welt, die wir kennen. Es war wie ein Traum. Nein, nicht ganz. Mehr wie diese Trance, die ich die zwei Tage davor hatte. Als ich nicht wusste, dass ich wirklich andauernd und vergessen dieses Bild vor mich hinzeichnete, sondern völlig darin versunken war, es einfach nur zu tun. Als keine Gedanken zwischen mir und der Kunst standen, sondern diese Details und alles, was ich so auf’s Papier gekritzelt habe, einfach durch mich durchfloss.

Nur beim Anblick der Vorlage kam mir schon dieses Gefühl, diese Leichtigkeit, dass ich nicht wirklich da war. Dass da nichts war außer dieses Bild.

Ich beschloss, in Abschnitten zu arbeiten. Ich nahm mir einzelne Abschnitte des Bildes vor und fertigte sie vollständig und in einer Sitzung an, bis in die Details.

Von einigen der Figuren im Zentrum arbeitete ich mich nach außen. Was für Figuren das waren…

Heute weiß ich es. Damals waren sie mir ein Rätsel, ein unbekanntes Loch in meiner Welt, die keinen Namen hatten. Niemand sollte diese Dinge kennen, die ich später nur geflüstert gefunden habe. Allein der Gedanke an einige ihrer Namen macht mir heute Kopfschmerzen.

Damals war ich viel zu versunken in den Linien, in den Einzelteilen und den Formen, um überhaupt darüber nachzudenken, was ich da eigentlich auf seiner Haut fest hielt.

Erst Monate später stellte ich Nachforschungen an und versuchte, diesen Bildern in meinen Alpträumen eine Bedeutung zu geben. Auch als die Arbeit mit Franky lange abgeschlossen war, waren diese Bilder in mein Bewusstsein eingebrannt geblieben. Hatten mich unruhig und zerstreut durch mein Leben gehen lassen, wie in den Tagen, bevor ich endlich zugesagt hatte.

Das meiste von dem, was ich heute weiß, habe ich in diesen halbwachen Monaten gelernt. Als ich in den Universitäten nach den wenigen gelehrten Männern suchte, die damit etwas anfangen konnten. Die mir helfen konnten, diesem kriechenden Chaos eine Bedeutung abzugewinnen.


Ich weiß nicht, was besser ist. Darum zu wissen und es zu fürchten, oder in ignoranter Verwirrung zu leben.

Damals hatte ich keine Wahl. Ich wollte keinen Fehler machen, als ich das Bild stach. Nicht wegen des Vertrages. Nicht weil irgendwelche Änderungen an der Vorlage nicht Teil des Auftrags gewesen wären. Sondern weil es…falsch gewesen wäre. Weil das Bild perfekt war. Jede Änderung, alle Kleinigkeiten wären Makel gewesen, Sakrileg.

Nach zwei Stunden war ich fertig mit diesem Teil, hatte die groben Figuren in der Mitte aufgebracht und die kleineren drumherum. Das eigentliche Wunder konnte beginnen. Ich konnte damit anfangen, ihm die Tinte unter die Haut zu stechen, mich Millimeter für Millimeter über seine Brust zu arbeiten und den toten Linien Leben einzuhauchen, ihnen Tiefe zu geben.

Sie waren erschlagend. Schon diese Vorarbeit war ein Meisterwerk. Ich sage das nicht, um mich selbst zu loben – ich war nur das Medium, der Blitzableiter für die Vorlage. Das habe ich schon gesagt: Ich hasse es, nach fremder Vorarbeit zu stechen. Das hier war eine Ausnahme, eine absolut einmalige Ausnahme und wenn ich es nie wieder tun muss, ist selbst das noch ein Menschenalter zu früh.

Aber das war das beste Werk, das ich je gemacht hatte. Es wirkte so lebendig, damals schon, nach kaum zwei Stunden. Noch ohne Schatten, ohne echte Farbe, nur auf die Umrisse reduziert, war es so unendlich viel schöner als alles, was ich in den Jahrzehnten davor oder seitdem fertig gebracht habe. Als würden die Figuren jeden Moment selbst aus seiner Brust steigen und uns verschlingen können.

Dann kam die Tinte. Er hatte mir das früher schon gesagt, während ich den Vertrag unterschrieben habe. Denke ich jedenfalls. Er muss es wohl getan haben, auch wenn ich mich nicht dran erinnere. Aber ich erinnere mich an vieles nicht, was in dem Ding drin stand und was er mir gesagt hatte.

Ich sollte spezielle Tinte nehmen, nicht meine eigene.

Normalerweise wäre das ein Grund für mich gewesen, abzulehnen. Der Mist wird nicht kontrolliert, niemand weiß, was drin ist. Einiges davon ist verdammt giftig. Ich hatte einmal davor den Fehler gemacht und fremde Tinte genommen, die wohl nicht gut oder richtig abgemischt worden ist. Bin nur leicht abgerutscht, ein paar Millimeter zu tief in die Haut gekommen.

Großflächige Entzündung wegen irgendwelcher Unreinheiten. Unter der Haut. Der armen Sau musste das halbe Bein abgenommen werden.

Bei Franky aber…

Ich zögerte. Wenigstens rede ich es mir ein, um mir noch in die Augen schauen zu können. Rede mir ein, dass ich das bisschen Anstand noch gehabt hatte, das bisschen Verstand. Ich zögerte, als ich das Fläschchen in der Hand hielt.

Ich wusste, was es war. Nur ein Schwachkopf würde es nicht erkennen. Der Geruch war mir vertraut. Ich hatte einen guten Teil meines Lebens damit verbracht, Leuten großflächig Wunden beizufügen. In jeder anderen Situation hätte ich es erkannt, hätte mich geweigert. Hoffe ich.

Aber ich hatte bereits zwei Stunden gearbeitet. Ich hatte nicht vor der Vorlage zurück geschreckt, nicht vor Frankys Bedingungen und jetzt…Jetzt war ich zu weit gekommen, um aufzugeben. Die ersten zwei Stunden, während ich vorzeichnete, hatten wir kein Wort gewechselt, glaube ich. Jedenfalls kann ich mich an kein Gespräch erinnern. Ein paar Plattheiten vielleicht, aber er schien mir nie der Typ für sowas zu sein.

Franky lag nur auf meinem Tisch, mit diesem Ausdruck im Gesicht. So eine Mischung aus Erwartung und Angst, aus Furcht vor irgendetwas, von dem er selbst noch nicht ganz wusste, was es war.

Immer noch hungrig, als hätte er Jahre auf diesen Moment gewartet. Aber auch irgendwie…keine Ahnung. Als hätte er Angst. Ich hab sein Herz ja rasen gehört und meinen Händen, als ich vorsichtig die Linien gezogen habe, noch ohne die Nadel in seine Haut zu versenken.

Nicht vor der Nadel. Er ertrug den Schmerz tatsächlich ziemlich gut. Hat am Anfang kurz das Gesicht verzogen, über dieses unerwartete Gefühl, aber dann hat er nichtmal mehr gemuckt. Jedenfalls nicht solang er bei mir im Studio war und das waren so…fünf, sechs Stunden dann noch?

Jetzt…ich glaube heute verstehe ich etwas, warum er sich so gefürchtet hatte. Woher diese Aufregung kam, die gleichzeitig so süß und so qualvoll ist. Ich weiß nicht, ob er wirklich geahnt hat, worauf er sich da einließ. Wenn, war er erstaunlich gefasst darauf.

Bei der Tinte fragte ich aber das erste Mal nach, unterhielt mich mit ihm. Die ersten Worte seit Stunden.

Warum diese Tinte, warum nicht irgendeine andere? Warum gerade diese schimmernde, rötliche Flüssigkeit, die ich nicht kannte und die ich heute nicht kennen will?

Er wich mir aus. Das wäre Teil der Abmachung. Nur die Farbe würde die wichtigen Stellen zur Geltung bringen. Er redete vom vollen Potential des Bildes, von der Notwendigkeit einen bestimmten Farbton zu treffen.

Er hatte Recht: Ich hatte eingewilligt. Ich war so geil darauf gewesen, das Bild zu machen, dass mir alle Bedingungen egal gewesen waren. Eine weitere meiner persönlichen Regeln nach alledem…war kein großes Hindernis mehr. Und auch, wenn ich mich dafür hasse: Die Farbe war vermutlich das wichtigste Element an der ganzen Sache.

Die Flüssigkeit war…seltsam. Es war nur ein kleines Fläschchen, gerade genug für die Arbeit dieser Nacht. Schimmerte kaum im Licht, schien darunter höchstens noch dunkler zu werden.

Sie war zäher als normale Tinte, dickflüssiger. Sie verlief auch nicht wirklich. Nicht so, wie Tinte das tun sollte. Sie verteilte sich mehr, sickerte langsam ein und fraß sich fest. Fast als wüsste sie, wo sie gebraucht wurde. Weniger wie Farbe, mehr wie ein Teil seines Körpers. Als wüsste sie ganz genau, in welcher Schicht dieser Schatten liegen sollte, welche Linien sie ziehen und welche Formen sie bilden müsste.

Als verlangte es diese Farbe danach, Teil diese Bildes auf diesem Körper zu werden.

Und ich weiß nicht, was es war, aber der Kerl hat nicht geblutet. Es gab kaum Blut, als ich seine Haut aufgerissen habe, um diese rote Tinte unterzurbringen. Ich habe sechs Stunden an dem Abend auf seiner Brust rumgestochen, ihn immer und immer wieder auf den gleichen paar Zentimetern mit Nadeln bearbeitet. Ich habe winzige Symbole mit Schattierungen und Inschriften in sein Fleisch gepresst, in drei verschiedenen Schichten. Normalerweise hätte ich gewischt und gewischt, damit das Zeug mir nicht den Blick auf das Bild verdeckt. Aber da war keines, nicht ein Tropfen.

Jedenfalls nicht über der Haut. Als ich fertig war mit ihm, eine Nacht der Arbeit später, war sein Brustkorb ein einziger, blauer Fleck. Sämtliche Adern über den Knochen mussten geplatzt sein unter dem Druck der Nadel. Aber kein Blut ist ausgetreten. Er sah einfach nur aus, als hätte ich ihm die Brust mit einem Ziegelstein bearbeitet.

Ich hab schon echte Tiere bei mir heulen sehen. Stiernackige Typen mit mehr Muskeln als du und ich zusammen. Kerle, denen nach drei Stunden die Haut in Fetzen von der Brust hängt, überall Blut, die dann erstmal ein paar Wochen Pause brauchen, bis alles verheilt ist. Typen, die nur zur nächsten Tortur wiederkommen, weil das sonst scheiße aussieht.

Franky nicht. Er hat das ertragen, immer nur mit diesem einem Ausdruck von Verzückung im Gesicht, als käme mit jedem Stich in seiner Haut irgendetwas näher. Etwas, auf das er seit Jahren gewartet hat. Freudige, bebende Erwartung mehr noch.

Stück für Stück ging ich also wieder die Linien ab, die ich vorher schon gezogen hatte. Habe das Bild direkt fertig gemacht, mit Schattierungen, mit Ebenen, Illusionen und allem. Also den Abschnitt, den ich mir für diese Nacht vorgenommen hatte.

Meine Gedanken waren freier dabei, irgendwie. Freier als sie es beim vorzeichnen gewesen waren. Ich kannte diese Formen schon, hatte sie eben schon einmal gemalt – und drei Tage lang von ihnen geträumt. Sie waren so tief in meinem Kopf wie kaum jemals etwas gewesen war.

Noch heute schließe ich manchmal die Augen und sehe Stücke davon vor mir, wie sie zucken und tanzen.

Das Ausfüllen aber, das war keine große Kunst mehr. Das war nur ich, der die Flächen ausfüllt. Eine stupide Arbeit, die wenig mit der gedankenlosen Ekstase zu tun hat, die ich davor verspürt hatte. Obwohl das meine eigentliche Arbeit war, obwohl ich mir hier das Bild wirklich aneignete, ihm meinen Stil und meine Fingerabdrücke einprägte, fühlte es sich…leer an. Nicht wie das echte Stechen der Figuren, der Bettler und Zeichen in seinem Fleisch.

Ich war frei genug, mir Gedanken über den Knaben zu machen, der da auf meinem Tisch lag. Nicht so wie vorher, als da nur diesses Bild in meinem Kopf war. Dieser Zwang, es exakt und endlich aus meinem Kopf auf Haut zu bringen.

Hab mich das erste Mal gewundert, warum er überhaupt dieses Tattoo haben wollte und kein anderes. Also warum er wollte. Das Bild sprach für sich selbst, aber ich…ich hätte es mir nie stechen lassen. Ich kenne auch niemanden, der sonst so etwas mit sich hätte machen lassen.

Natürlich hatte ich mich das schon gefragt, als er mit der Frage das erste Mal kam, fünf Tage zuvor. Aber damals, als ich endlich für einen kurzen Augenblick frei war von dieser gedankenlosen Trance der letzten Tage – da verspürte ich das erste Mal wirkliche, echte Neugier.

Ich hab ja schon einige in mein Studio kommen sehen über die Jahre und aus verschiedenen Gründen Tattoos gestochen.

Ein Gangtattoo war es nicht, so viel kann ich dir sagen. Es war zu groß für einen Neuling und er zu unberührt an anderen Stellen. Keine Narben auf der Brust, keine Tattoos irgendwo sonst. Nicht einmal ein Piercing.

Ich dachte unweigerlich an den Typen, der sich das Pentagramm auf den Rücken hatte stechen lassen von mir – weil sein Körper ein Tempel war. Aber der war irre gewesen, hatte auch schon so ausgesehen mit dem Ziegenbart und den fiebrigen Augen.

Der hier war…gewöhnlich.

Ein gewöhnlicher Junge, etwas blass um die Nase, hager mit diesem Blick eines hungrigen Wolfes. Mehr wie ein Banker oder ein Politiker, der auf seine Chance lauert. Weniger wie ein Straßenschläger oder Handlanger.

Franky wich der Frage wieder aus. Es hätte Bedeutung für ihn, wäre ein Versprechen für sich selbst. Er sprach lieber von sich als von dem Bild, erzählte frei davon, dass er Jura studiert hätte, seinen Abschluss mit Auszeichnung an der Akademie gemacht hätte.

Er sagte er hieß Francesco. ‚Franky‘ wäre nur sein Spitzname. Er brauche das Bild für seine Familie, sagte er. Um sich daran zu erinnern, wie wichtig sie ihm war, an eine Aufgabe und ihren Platz in der Welt. Früher hätte Familie mal etwas bedeutet, meinte er. Wenigstens unter seinesgleichen wäre das wichtig und seine Familie von ein wenig Bedeutung gewesen.

Bis zu den Zeiten seines Großvaters oder Urgroßvaters. Als sie vergessen hätten, was ihr eigentliches, echtes Geschäft gewesen war und sich mit Resten zufrieden gegeben hätten. Sie hatten gesündigt, indem sie vergessen hätten, und wären dafür bestraft worden.

Er wollte nicht länger vergessen, sondern sich erinnern.

Ich hab nicht nachgefragt, was das Geschäft seiner Familie gewesen war. Oder wer seinesgleichen waren. Mit solchen Dingen wollte ich nie etwas zu tun haben. Kann sein, dass es die Mafia war. Kann sein, dass er anständig war. Dass sein Vater auch anständig war. Dass sein Großvater versucht hatte, anständig zu sein.

Mich hat es bei anderen Kunden nie interessiert, ich wollte es nie wissen. Bei solchen Dingen fragt man nicht nach.

Aber je länger es dauerte, je länger er nichts weiter tun konnte, als dem Summen der Maschine zuzuhören und an das Stechen auf seiner Brust zu denken. Je länger er mit nichts weiter als seinen Gedanken und mir eingesperrt war, desto mehr taute er langsam auf. Es beruhigte ihn, zu reden. Von Dingen zu reden, die nicht das Bild waren, das ich da auf seinem Fleisch malte. Ich konnte spüren, wie sein Herz dabei langsamer wurde, ruhiger, je mehr er von anderen Sachen sprach.

Bis ihm diese Sachen ausgingen und nicht viel mehr zu reden war. Nur noch dieses Bild, das da auf seiner Brust entstand.

‚Ein Pakt‘, sagte er schließlich, während ich an den letzten Schattierungen hing. ‚Ein Pakt mit der Vergangenheit, die meine Familie reich gemacht hat. Ein Versprechen an Sie, dass ich Sie wiederholen werde.‘

Er sagte mir nicht, was für eine Vergangenheit das gewesen war und ich fragte nicht nach diesem Pakt. Aber das Bild hat mich nicht losgelassen. Was hatte das damit zu tun?
Sicher, mir war das nicht neu, dass manche Leute sich Tattoos wie Abzeichen machen lassen oder Chroniken ihres Lebens. Ein Symbol für neue Zeiten – zerbrochene Herzen für Scheidungen, bestimmte Stiche zur Volljährigkeit, das gewöhnliche Ding für rebellische Jugendliche.

Aber das hier war irgendwie…irgendwie anders. Wie ein Siegel, das er sich in die Haut einbrennen ließ. Etwas das größer war als er, ganz sicher größer als ich. So viel hatte ich gespürt, als das Bild durch meine Hände jagte.

Vielleicht ist es auch nur Einbildung gewesen. Ich war müde, hatte sieben Stunden oder mehr an ihm herum gestochen. Seine Haut war rot, überall. Nicht mehr so bleich wie am Anfang des Abends. Meine Arme fielen mir bald ab und es war schwer, die Nadel gerade zu halten.

Vielleicht interpretierte ich dieses Beben in seiner Stimme falsch damals und sah und fühlte Dinge, die es nie wirklich gab.

Womöglich sind alle diese Worte sinnlos, viel zu groß für einen jungen Mann, der sich ein ungewöhnliches Tattoo stechen lässt.

Aber dieses Teilstück war fertig. Ein sinnloses Durcheinander von Teilen, die ich aus dem Zusammenhang gerissen hatte. Teile und Details, die keinen Sinn machten ohne die sie umgebenden Figuren und trotzdem eine Ausstrahlung hatten. Jedes für sich genommen wäre ein Schmuckstück auf einer einzelnen Person gewesen.

Der erste Kick war weg, als die Tinte unter meinen Händen leer wurde. Der erste Rausch, in dem ich gearbeitet hatte, hatte sich verflüchtigt, sich irgendwie in den sieben Stunden mit der Tinte zusammen in sein Fleisch eingebrannt, und ließ mich nur noch müde und leer zurück.

Ich sank an diesem Morgen rasch in einen bleiernen Schlaf, ohne echte Ruhe darin zu finden.

Das Bild eines Lebens – Teil I: Der Bettler

Warum ich trinke? Damit meine Hände zu zittrig sind, um die Nadel noch zu führen. Damit ich sie nicht mehr halten kann und nie wieder in Versuchung komme, ein Bild zu stechen. Ein echtes Bild, meine ich. Nicht diese kleinen Brandzeichen von Narben und Junkies.
Kunst, meine ich.

Bei Gott, ich hoffe, ich muss nie wieder Kunst schaffen. Ich hoffe, ich muss nie wieder…weißt du überhaupt, was es heißt, echte Kunst zu machen? Kannst du dir auch nur vorstellen, was es bedeutet, sich mit allem irgendetwas hinzugeben? Welche grausame Schönheit das ist, die uns gleichzeitig segnen und vernichten kann in einem Augenblick, die so sehr Besitz von uns ergreift, dass wir alles andere vergessen, uns völlig aufgeben?

Nein, nein das weißt du natürlich nicht.

Einmal in meinem Leben habe ich solche Kunst geschaffen, ein Werk das größer war als ich. Und ich hoffe, ich wünsche mir, dass es nie wieder passiert. Denn es ist eine grauenhafte Last, für so etwas verantwortlich zu sein.

Lach nicht! Und erzähl mir nicht, ich wäre nur ein Hautstecher, irgendein billiger Schmierfink, der Huren und Bastarden ihre Brandzeichen verpasst. Natürlich bin ich Künstler. Du siehst meine Bilder auf den Schultern der Frau dort drüben, wie es sich im Neonlicht zu einem Teil von ihr macht.

Du siehst es in dem Lächeln, mit dem der Mann hinter der Bar dir seine Seele bloß legt, wenn er dir den nackten Unterarm zeigt. Den mit dem Bild von allen Dingen, die ihm am wichtigsten sind auf der Welt, die ihn ausmachen.

Ja, ich bin Künstler. Meine Leinwand ist Fleisch. Ich zeige der ganzen Welt, wie es in dir aussieht.

Bist du deswegen nicht hier? Um eines meiner Bilder abzubekommen, von denen du gehört hast? Hat irgendjemand seine Klappe nicht gehalten und dir von den Wundern erzählt, die meine Hände auf Haut aufbringen konnten? Sie sind wahr. Nicht alle davon, vielleicht, aber genug davon sind wahr. Vielleicht konnte ich keine ewige Jugend malen, aber ein Bild von mir macht dich sicher zwanzig Jahre jünger und gesund wie einen jungen Bullen.

Tut mir Leid, Kleiner, ich mach ich mache sowas nicht mehr. Einmal, ein einziges Mal in meinem Leben, habe ich echte Kunst geschaffen. Kunst, die ich selber nicht verstehen kann, weil sie so viel größer ist als ich. Ich hoffe, es bleibt auch bei diesem einen Mal.

Verzieh dich wieder. Kriech zurück auf die Schlachtbank von dem Typen, der dir das Pentagram da auf die Brust gestochen hat. Ich male nicht mehr, nicht für alles Geld der Welt. Und schon gar nicht auf irgendeinen kleinen Pisser, der an einer Bar große Töne spuckt, weil er mich beeindrucken will.

Warum ich nicht mehr male…Kleiner, dafür ist es zu früh in der Nacht. Das ist nichts, worüber man vor Sonnenaufgang sprechen sollte. Es hat mit diesem einen Bild zu tun. Dieses eine echte Kunstwerk, das ich gemalt habe, vor fünfzehn oder zwanzig Jahren, bevor ich mit dem ganzen anderen Scheiß angefangen habe. Daneben sieht alles, was ich seitdem gemacht habe, wie Gekritzel aus.

Du erinnerst mich ein bisschen an den Kunden, der das Bild von mir wolllte. Hat auch nicht locker gelassen, bis ich ihn tattowiert und in die Hölle geworfen habe. Keine Angst, er hat mich mitgezogen.

Ein seltsamer Kerl war das. Jung, aber nicht übermäßig gut gehalten. So um die dreißig vielleicht, schlanker Kerl. Nein, mehr hager. Ein ausgehungerter Hund, mit diesem Blick in den dunklen Augen. Diese Gier, weißt du? Nach mehr. Wie ein Tier, den man zu füttern vergessen hat.

Er kam eines Abends in mein Studio, so eine halbe Stunde, bevor ich zumachen wollte.

Hatte keine einzige Tätowierung je gehabt, nicht einmal eine kleine. Kein Anker irgendwo an den Knöcheln, keine Noten im Nacken, kein Gangtattoo. Nichtmal eine von diesen bescheuerten Stacheldraht-Dingern auf dem Oberarm, um zu zeigen wie hart er ist.

Aber er hat drauf bestanden, was großes zu bekommen. So ein Riesenteil, quer über die Brust, sagte er. Sollte knapp unter dem Schlüsselbein anfangen und bis zu den unteren Rippen gehen. Und nicht nur grobe Formen, sagte er, sondern detailiert. Sehr detailiert, mit Verzierungen und komplizierten Teilen.

Ich hab natürlich nein gesagt. Er sollte mit was kleinerem Anfangen oder vielleicht einem Teilstück. Irgendetwas, um rauszubekommen, ob ihm das Gefühl gefällt. Ob er es in ein paar Wochen immer noch mag und damit leben kann, wenn ich seine Haut in Kunst verwandle.

Ich hielt mich damals schon für einen Künstler. Aber ich war arrogant dabei, hochnäsig. Kein schöner Zug vielleicht, aber meine Bilder waren gut und gefragt – wie könnten die dann keine Kunst sein?

So wichtig war mir Geld nicht, dass ich Leben dafür ruiniere oder dann einen Kunden habe, bei dem die Hälfte auf der Brust fehlt. Also hab ich nein gesagt. Wenn er mit dem Schmerz nicht umgehen kann oder das Blut nicht mag, habe ich die Gerüchte am Hals und den wütenden Kunden. Mein Ruf und meine Eitelkeit war wertvoller als die Bezahlung.

Aber er blieb hart. Kam am nächsten Morgen wieder. Sagt er braucht das Tattoo. Braucht es unbedingt und er ist bereit, das doppelte zu bezahlen.

Ich habe weiter versucht, es ihm auszureden.

Natürlich hab ich dran gedacht, dass es was mit ner Gang zu tun haben könnte oder irgendeiner Sekte. Aber er kam alleine, Gangs normalerweise im Rudel. Ich hatte auch gedacht, dass er vielleicht nur ein Spinner ist, so ein Esoteriker, der seinen ganzen leeren Symbolismus auf der Haut haben will. Ich hab dir mal von dem erzählt, der ein Pentagramm auf dem Rücken haben wollte und die ganze Zeit von seinem Dunklen Herrn erzählt hat, oder?

Der hier wollte außerdem etwas nach seiner eigenen Vorlage haben. Der Stil dürfte schon meiner sein, sagte er. Hätte eine meiner Arbeiten gesehen bei einer Goth. Hübsches Ding, sehr dezent. Das Tattoo, meine ich. Frankensteins Monster, jedenfalls der Kopf. Sollte so eine Teenager-Rebellin-Tattowierung überdecken, die sie sich mit 16 hatte stechen lassen, um den alten Herrn anzupissen.

Ist hübsch geworden, eine meiner besseren Sachen. Weiche, schwammige Schatten, ganz grau in schwarz. Mehr Impressionismus als Horrorschock, wenn ich mich selbst loben darf.

So etwas wollte er jedenfalls, etwas nach meinem frühen Stil, als ich noch nicht Promis gestochen habe, sondern den Abschaum der Stadt. Aber er wollte es eben nach einer bestimmten Vorlage. Keine Veränderungen am Aufbau, an den Details, den Motiven. Er war sehr deutlich dabei, dass an der Konzeption nichts geändert würde – an den Linien und wie sie zueinander im Verhältnis stehen, dass die geometrische Perfektion der Vorlage beibehalten würde. Nur die Farbgebung dürfte meine sein, die Schattierungen, die Dicke der Linien und der Stil. Die Art und Weise, auf die ich diese Linien sichtbar machen würde, ob mit Dotwork oder Negativ oder Schatten. Er hätte vollstes Vertrauen in mich, dass ich meinen künstlerischen Fähigkeiten auf ihm zur Geltung bringen würde.

Ich sagte also weiter nein. Ich mache keine riesigen Bilder bei Anfängern und schon gar nicht nach einer fremden Vorlage. Stundenlanges Malen nach Zahlen ist nicht meins. Ich schick ihn also weiter, zu Rick oder Bill oder sonst wem. Die machen so etwas und das ist ihr gutes Recht. Ich wollte aber nicht. Mein Ruf war mir wichtiger als das Geld.

Bis er am nächsten Tag wieder kam mit einem großen Umschlag unter dem Arm.

Bis er mir die Vorlage gezeigt hat. Grundgütiger…An dem Vormittag habe ich Gott gefunden. Das meine ich ernst. Ich dachte, ich wäre ein ganz Großer gewesen. Hatte gedacht, ich wüsste, was mit Tinte und Nadel und ein paar Narben auf Haut so möglich ist.

Aber niemand weiß, was Schönheit ist, wenn er dieses Bild nicht gesehen hat. Was ich vor diesem Bild gemacht habe, war wenig mehr als eine Zeichenschule dafür. Alles danach nur der Versuch, dieses eine Bild wieder zu sehen, es wieder zu erreichen und zu imitieren. Ein trauriger Schattenwurf.

Nein, nein, das ist gelogen. Das war kein Bild. Das war Kunst. Das war ein Gemälde und seine Leinwand war Haut gewesen.

Er hatte es abfotographiert von einem Kumpel, sagte er jedenfalls, ich bin mir da heute nicht mehr so sicher. Die Haut war zu blass, wenn ich darüber nachdenke. Die Farbe war zu rötlich, zu grell im Kontrast mit der fast schneeweißen Haut.

Wie als wenn die Kamera gewackelt hätte bei der Aufnahme und die Person nicht ganz erwischt hätte. Oder als hätte sie sich bewegt und wäre nicht mehr als ein Schemen, eine Art von blassem Phantom auf der Kamera.

Aber das Bild war zu erkennen. Naja, nicht alles. Es ging dem Kerl auf dem Foto über den ganzen Brustkorb, eine einzige Fläche voller Formen, voller Windungen, Zeichen, Schriftzüge, angereichert mit komplexen Verbindungen, die ich noch nie in meinem Leben gesehen habe.

Es war unmöglich, alles gleichzeitig zu sehen oder zu verstehen. Aber das, was ich gesehen habe…


Es hat sich in meinen Kopf gebrannt, klar und deutlich. Wie der Umriss der Sonne, wenn man an einem klaren Tag zu lange hinein starrt. Nein, eher noch anders herum. Stell dir vor, du starrst in die Sonne und es brennt sich nicht der Umriss der Sonne in deine Netzhaut – der ist nur ein schwarzes Loch in deinem Blickfeld – sondern alles andere. Der Himmel, die Wolken, die Vögel und alles andere am Rand deiner Wahrnehmung. Ich weiß, dass es keinen Sinn macht. Aber es ist die einzige Art, auf die ich es erklären kann. So war es mit diesem Bild. Nur die Stellen, auf die ich nicht direkt geblickt habe, waren mir präsent.

Wie? Als ob ich das wüsste. Ich frage mich das selbst seit zwanzig Jahren. Wie konnte ich diese Details sehen, sie so klar vor mir sehen, wie ich dich hier vor mir sitzen habe, wenn ich die ersten Tage nur eine ausgewaschene Fotographie davon gesehen habe?

Da hab‘ ich ja gesagt.

Ich bin schwach geworden, trotz allem. Nicht wegen des Geldes, aber ich sage dir: Bei dem Bild wäre jeder eingeknickt. Das war…Man, hätte Michelangelo die sixtinische Kapelle abgelehnt? Egal ob nach einer Vorlage oder nicht, das war nicht einfach nur ein Bild. Das war…Magie. Das war eine Gelegenheit, mehr als nur ein paar Eitelkeitstattoos zu stechen.

Ich sage dir: Ich habe damals nur die Chance gesehen, ein Kunstwerk zu machen. Echte Kunst, lebende Kunst auf lebender Haut. Die Gelegenheit eines Lebens. So etwas…ich konnte einfach nicht ablehnen, verstehst du? Ich konnte einfach niemand anderen dieses Bild machen lassen. Ich hätte mir nie verzeihen, diese Gelegenheit auszuschlagen. Selbst wenn er mir nicht all das Geld geboten hätte.

Verdammt, selbst wenn ich ihn bezahlen hätte müssen, um dieses Bild machen zu dürfen – ich hätte es getan und mich noch bei ihm bedankt.

Oh, natürlich: Ich hab mich geziert. Am Anfang. Ich hab ihn wieder fortgeschickt, hab mich geweigert. Ich wollte keine Gangtattoos machen, hab ich nie gewollt, noch weniger irgendetwas mit Sekten zu tun haben und all der okkulte Scheiß stank nach Sekte.

Aber das Bild ging mir nicht mehr aus dem Kopf.

Ich hab davon geträumt, die ganze Nacht. Hab es vor mir gesehen mit all den komplizierten Linien, mit den Symbolen, die ich nicht verstehe, den seltsamen Phrasen. Ich hab die Teile sich bewegen sehen wie kleine wandernde Beschwörungskreise. Was auf mich beim ersten Blick nur wie abstrakte Formen aussah, wie Windungen und Verzerrungen von Schatten und Geometrie, die ich noch nie in meinem Leben gesehen habe, entpuppte sich als lebendig, als Kreatur. Ich hab gesehen, wie sie sich auf seinem Fleisch bewegen und umeinander räkeln, als wäre das Bild wirklich und wahrhaftig am Leben – mit seinem eigenen Willen und Beweglichkeit ausgestattet. Als hätte es ein Leben unabhängig vom Fleisch, in das es gestochen worden war.

Ein einziges, zusammenhängendes Schauspiel, bei dem jedes kleine Stück Teil eines größeren Ganzen ist. Bei dem das Ganze zu schön ist, zu umfassend, zu unbegreiflich, um es in seiner Ganzheit zu erfassen. Als ob man in die Sonne blicken würde.

Weißt du, was ich meine?

Ich konnte mich nicht auf das ganze Bild konzentrieren. Es ging nicht. Es waren zu viele Details, zu wundervolle Einzelheiten, die so komplex und wunderbar miteinander verwoben waren, dass das Auge sich auf nichts festlegen kann.

In meinen Träumen war es schlimmer. Da habe ich das Ganze gesehen. Oder geträumt, was auch immer. Ohne es zu verstehen, ohne seine Bedeutung zu ahnen. Aber es war da, hat alles eingenommen, mich daran gehindert, an etwas anderes zu denken. Als würde mein Kopf zerspringen vor lauter Einzelheiten. Als wäre das ganze Bild dann immer noch zu groß für meinen Schädel.

Ich hatte das Bild vielleicht für fünf Minuten gesehen, bevor er es wieder eingerollt hatte. Trotzdem sind Sie mir nicht aus dem Kopf gegangen. Immer, wenn ich die Augen geschlossen habe, hab ich diese Stücke vor mir gesehen. Die Details. Der Mann ohne Maske, das kriechende Chaos im Zentrum, die Ringe, die Sterne und Zeichen, die so…so bewusst angeordnet worden waren, dass sie mehr bedeuten mussten, als einfach nur eine Collage von coolem Zeug. Sie mussten einfach. Kein Mensch kann aus Zufall etwas malen, das sich so falsch anfühlt. Das sich dem menschlichen Verstand so sehr widersetzt und ihm seine Geheimnisse verweigert, dass er ganz davon besessen wird.

Es war wie ein Schattenriss, der sich in meinen Kopf eingebrannt hat.

Ich war durcheinander die nächsten paar Tage, nachdem ich ihn das letzte Mal raus geworfen hatte. War ziemlich hilflos. Hab zum ersten Mal seit Jahrzehnten ein Tattoo wieder versaut. Hab ne Linie falsch gezogen bei einer kleinen Blondine, Bild ist etwas schief geworden. Absoluter Anfängerfehler, hatte nicht aufgepasst und der Kleinen die Hüfte ruiniert. Musste ihr das Geld zurückgeben und sie zu Rick schicken, damit der es repariert. Der lässt mich das heute noch spüren.

Danach hab ich zugesperrt und frei gemacht für ein paar Tage. Das war schlimmer als Arbeit. Arbeit hat mich abgelenkt, das Malen hat meinen Kopf benansprucht. Da gab es was, das nicht dieses eine Bild war, das ich dauernd sah. Etwas, mit dem ich mich beschäftigen konnte.

Mit mir alleine…war da nichts anderes, an das ich denken konnte.

Aus allen unmöglichen Formen und Orten kamen mir die Details dieses Bildes entgegen. Ich sah Schatten in den Gesichtern der Bettler, die mich in den U-Bahn Unterführungen erbärmlich angeschaut haben. Schatten, die ich heute als den Mann ohne Maske kenne, den Herold des kriechenden Chaos, das ich im Rauschen der Gassen gehört habe.

Hab mich dabei erwischt, wie ich immer dran gedacht habe. Wie ich mich an Details erinnert habe, die ich dachte, nie gesehen zu haben. Wie ich einfach Teilstücke daraus gekritzelt habe. Irgendwelche astronomischen Zeichen und Symbole, die ich nicht zuordnen konnte. Keine Horoskope oder Tierkreiszeichen oder solchen Unsinn, wie ihn sich manche Tussis stechen lassen. Die waren anders. Tiefer vergraben in der Zeit, älter. Schriftzeichen für etwas, für das es in menschlichen Sprachen keine Namen gibt. Die übernommen wurden von uns, um zu bezeichnen, was wir nicht benennen können. Heute weiß ich, was es für Zeug war, das mir da entgegen kam aus den Schatten der Welt. Nenn mich abergläubisch, Kleiner, aber dieses Zeichen hier auf meinem Unterarm? Dieses Zeichen der Alten, mit der Strich mit den fünf kürzeren Zweigen? Der klebt da, damit ich diese Dinge nie wieder sehen muss.

Ich hab fern gesehen oder gegessen und irgendwann stell ich fest, dass ich Papier in der Hand halte, über und über voll mit diesen Einzelheiten, mit Details von Gesichtern und Sternen und Schatten – schöner, detailierter und wunderbarer, als ich sie bei Bewusstsein je hinbekommen hätte.

Als hätten die sich in meinem Kopf festgefressen, obwohl ich sie mir unmöglich in den fünf Minuten, die ich das Foto gesehen hatte, alle eingeprägt haben konnte.

Zwei Tage später ruf ich ihn also an, frage, ob das Angebot noch steht. Er sagt ja.

Am selben Abend sitzt er bei mir auf dem Stuhl, klärt mit mir die Details.

Ich soll spezielle Tinte nehmen, die er mitgebracht hat. Kann nur am Abend bis zum Morgengrauen daran arbeiten. Muss alles in drei Nächten erledigen, bei mir im Privatatelier, nicht im Studio unten. Darf auf gar keinen Fall die Vorlage verändern, jede Linie muss exakt gesetzt sein, die geometrischen Verhältnisse beibehalten werden. Darf keine Fotos von machen. Werde nur nach Erfolg bezahlt.

Mir war das alles egal. Ich wollte nur noch dieses Bild machen.

Ich hab mich nicht gefragt, wie er das aushalten will. Wie das überhaupt gehen soll, ohne regelmäßige Ruhe für die Haut und das Fleisch, ohne dass der Kerl am Ende mit blutigen Resten auf seiner Brust aus meinem Studio marschiert.

Ich wollte nur noch diese Perfektion durch meine Hände fließen lassen, diese Idee von Schönheit real werden lassen.

Hast du das jemals gefühlt? Hast du jemals diesen Wunsch gehabt, mit deinen eigenen Händen etwas zu berühren, das so viel größer ist? Es war magisch, im absoluten Sinn des Wortes. Heilig, übernatürlich. Es überstieg mich und alles, was ich je gekannt hatte.

Scheiße. Selbst als ich noch dachte, das Bild würde mit ihm zusammen irgendwann sterben, irgendwie…irgendwie vergänglich sein, so wie es der Mann sein sollte, der es auf seiner Brust trägt – selbst da wollte ich ein Teil dieser Schönheit sein.

Einfach nur mich aufgeben und etwas schaffen, das größer ist als ich. Wichtiger. Ich sage also ja, unterschreib den Wisch, den er mir vorhält. Ich habe mein Leben eingetauscht für ein Stückchen Ruhm. Für drei Tage und Nächte gehörte es dem Bild, das ich nachts in eine jungrfräuliche Brust malte und von dem ich tagsüber träumte, während ich in in dem kleinen Zimmer neben meinem Atelier unruhig schlief.

Keine fünf Minuten nach meiner Unterschrift beginne ich den größten Fehler meines Lebens.

Grotesk – Teil VII: Eingebildet

Seine eigenen Gedanken waren der einzige Rückzugsort, der Wagner geblieben war. Seine Stimme und selbst seine eigenen Augen hatten ihn verraten. Davon war er überzeugt. Sie verrieten ihn mit jedem Satz, den er sprach und der über irgendein Mikrophon aufgenommen wurde, über irgendeinen Bildschirm transportiert wurde.

Aber solange er nicht sprach, solange er sich vollständig von der Welt zurück zog, solange er nur dachte, war er dort noch einigermaßen Herr seiner Sinne. Dort in seinem Kopf, wo zwar alles durcheinander taumelte und ihn verwirrte, war er doch allein. Dort wusste er, wer er war und was er dachte.


Nur mit der Zeit, mit den Stunden und Nächten, schlich sich auch dort der Zweifel ein und Stücke der Außenwelt, vor der er fliehen wollte.

In Gedanken spielte er durch, was mit Sicherheit bald geschehen würde. Was geschehen müsste. Wieder und wieder spielte er sich diese Szene vor.

Wie der Mann auf dem hohen Richterstuhl ihn anblicken würde. Ohne Mitleid in seinem Blick, ohne Mitgefühl. Da wäre nur der kalte, nüchterne Blick eines Beurteilers, eines Außenstehenden, der nach Fakten abwiegen würde. Jedenfalls nach dem, was ein gesunder Verstand unzweifelhaft für die Fakten halten müsste. Selbst, wenn es Lügen wären.

Was würde es ihm nützen? Was sollte er sagen? „Euer Ehren, ich habe diesen Namen gehört, ja, und die Dame gesehen. Doch nie mit ihr ein Wort gewechselt. Ja, das dort auf jenem Tonband ist meine Stimme, aber nein, ich habe diese Dinge nie gesagt. Nein, ich habe niemals mit ihr…ich habe nie…“

Man würde ihn für verrückt halten. Im besten Fall für einen Schizophrenen. Im schlimmsten Fall…

Im schlimmsten Fall würde der Richter hart bleiben, unnachgiebig. Sachlich würde er die Beweise aufzählen, die Wagner – offenbar von selbst – verteilt hatte. Die Telefonate mit den Redakteuren, die zweifelhafte Aussage bei der Polizei, die…Anrufe, die er offenbar bei der Demoiselle getätigt hatte.

Wagner sah es deutlich vor sich. Die zeugen in dem kleinen Vernehmungssaal, angefüllt mit Justizbeamten, Polizisten und Geiern von der Presse. Ihre Blicke wären betont desinteressiert. Niemand würde ihn anblicken, obwohl sich dahinter nur schlecht verborgene Neugier und Häme befinden würde. Er wusste es ja, wusste vorher schon, dass sie ihn veurteilten. Zu gut war für diese Aasfresser die Geschichte vom seltsamen, durchgedrehten Fotografen, der Aufnahmen von seinen eigenen Mordtaten als Kunst ausgab. Der nicht nur exzentrisch war, sondern völlig übergeschnappt. Der seine Kunden belästigte und unanständige Fotos von ihnen schoss.

Wenn er zu erklären versuchen würde, was er glaubte…Wenn er aussagen würde, dass sein eigener Schatten, seine Stimme, sein digitales Abbild, ein Bewusstsein erlangt und sich gegen ihn gewendet hatte – wer würde ihm glauben? Niemand.

Er selbst glaubte nicht, dass sein Schatten die Absicht hatte, ihn umzubringen.

Aber er glaubte an seine eigene Unschuld. Er hatte diese Dinge nicht getan. Von der Öffentlichkeit konnte er kein Verständnis erwarten, keine Gerechtigkeit. So viel wurde ihm klar, je länger er über diese absurde Szene nachdachte.

Was er stattdessen zu erwarten hatte…Das wusste er auch nicht.

Sein Tag war leer, angefüllt mit dem großen Nichts, das vor ihm schwebte.

Wagner besaß nur mehr das wenige, was er bei seiner Flucht vor seiner Wohnung, bei seinem Besuch bei seinem Agenten bei sich getragen hatte: Sein Geldbeutel, eine Packung Kaugummi und ein Feuerzeug.

Den Kaugummi hatte er vor einiger Zeit bereits aufgebraucht. Der letzte davon verklebte seit Stunden seinen Mund und erinnerte mittlerweile mehr an einen Brocken Zement. Sein Bargeld immerhin hatte ausgereicht, um das billigste Zimmer in einem ranzigen Hostel für einige Tage zu mieten.

Nicht gerade der Urlaub, den er sich gewünscht hatte.

Es war klein. Zwei mal vier Meter vielleicht. Das Bett ging über die gesamte Breite der hinteren Wand, unter einem „Fenster“ entlang. Eigentlich war es mehr ein Lichtschlitz, der auf die graue Häuserwand des Hinterhofes hinausging.

Links neben der Tür befand sich ein Waschbecken mit einem schmalen Spiegel. Er war in die Fliesen geschraubt worden und ließ sich also nicht entfernen. Wagner vermied es, einen Blick hinein zu werfen.


Viel anderes konnte er aber auch nicht anblicken. Das Zimmer war karg und es befand sich nicht viel darin, mit dem er sich ablenken konnte. Mit einem Blick hatte er sein ganzes Reich abgemessen.

Nur einen kleinen Fernseher gab es über dem Bett, der seine Aufmerksamkeit immerhin für einige Stunden gefesselt hatte.

Dann waren die Nachrichten eingetroffen. Die immer gleichen.

Überlegungen, Spekulationen über das Photo eines vermeintlichen Ritualmordes, das sich als Scherz heraus gestellt hatte. Weitere Beweise seines ekelhaften Charakters. Der Mann von der WORT, der genüsslich beschrieb, wie Wagner ihn angeblich angegangen war. Ein Fräulein, das die Demoiselle Ombrage zu sein vorgab, an die Wagner sich aber nicht erinnern konnte.

Sie sah anders aus, als die Dame, sie klang anders, benahm sich anders. Sie hatte nichts von diesem ehrfürchtigen Hauch um sich, den er in der Kirche gespürt hatte. Und auch sie bewarf ihn mit Schmutz.

Ihm wurde schnell schlecht von diesen Dingen, an die er sich nicht erinnern konnte und die er nicht getan hatte. Es waren widerliche, verabscheuungswürdige Worte, die ihm dort im Fernseher in den Mund gelegt wurden. Worte, die er bei Bewusstsein nie in den Mund genommen hätte. Auch wenn es seine Stimme war, die sie verbreitete.

Er hatte das Gerät rasch abgeschaltet und sich in seine kleine Gedankenwelt zurück gezogen. Dort in diesem kleinen Zimmer, wo es nur ihn gab und den Spiegel, den Wagner hin und wieder mit einer Mischung aus Furcht und Ekel aus den Augenwinkeln beobachtete.

Als wartete er auf etwas.

Worauf, das wusste er selber nicht. Er wollte nicht denken. Das war alles, was Wagner wusste, als er auf seinem Stahlbett saß, die Knie an die Brust gezogen, und einen leeren Blick auf das Linoleum seines Zimmers gerichtet.

Dass er nicht denken wollte und ganz gewiss nicht an die letzten…Tage? Wochen?

Die Erinnerungen daran – oder eher noch: Seine fehlenden Erinnerungen an die Einzelheiten – waren ein Schatten in seinem Gedächtnis. Er fühlte sie, aus den Augenwinkeln oder am Rand seines bewusstseins, wie er die Abwesenheit von Licht in einer dunklen Zimmerecke fühlen würde.

Dort in seinen Erinnerungen lauerte etwas. Vielleicht wusste er auch, was es war, und wollte ihm nur nicht in die Augen blicken.

Er fühlte noch ein Nachbeben dieses Rausches, dieses Gefül seiner verblutenden Zeit, als alles über ihm eingestürzt war.

Und er fürchtete sich davor. Er fürchtete sich vor den Dingen, die er vielleicht getan hatte, ohne sich daran zu erinnern. Er fürchtete sich davor, dass er sie nicht getan hatte, dass irgendein anderer als er selbst es getan hatte. Und er fürchtete sich vor der dritten Möglichkeit, über die er nicht nachdenken wollte.

Es mochte sein, dass er den Verstand verloren hatte. Dass mit seiner Erinnerung an die letzte Zeit auch seine Vernunft verschwunden war. Er erinnerte sich nicht an die Sätze, die er sich aus dem Fernseher sagen hörte, aufgenommen von irgendeinem Tonbandgerät. Er erinnerte sich aber auch nicht an die Zertrümmerung seiner Wohnung, deren Narben er offenbar an den Händen trug.

Sagen zu wollen, womit er sich tatsächlich beschäftigte, während er endlos dort saß, die Arme um die Beine geschlungen, die Fersen in der dünnen Matratze vergraben, wäre müßig.

Seine Gedanken drehten sich um gar nichts, während er in das Nichts starrte. Es war eine dröge, trostlose Art, seine Zeit zu verschwenden. Aber besser, als sich in das Loch seiner Erinnerung zu werfen.

Die Sonne wanderte langsam über das Linoleum des Fußbodens. Sie fiel aus dem Loch über seinem ett als ein schmaler Streifen Licht herein, der langsam, aber unaufhaltsam, von der einen Seite des Zimmers zur anderen kroch.

Es hatte am Bettpfosten begonnen, so wie in den letzen Tagen auch. Vorne rechts, vielleicht eine Armlänge von Wagner entfernt. Minute um Minute schlich es, in einem immer flacheren Winkel, quer durchs Zimmer. Erst durch die große Leere in der Mitte des Raumes. Dann auf das Waschbecken in der Ecke zu. Und auf den Spiegel.

Die Reise des Lichtstreifens dauerte einige Stunden an. Zeit, die Wagner in einer gedankenlosen Lethargie verbrachte und aus der er nur zwei Mal gestört wurde. Als sein Körper ihn daran erinnerte, dass er – trotz allem – noch immer lebte und dass damit bestimmte Bedürfnisse einher gingen.

Nach diesen Unterbrechungen, die ihm neue Eindrücke aufzwangen und dazu nötigten, sich mit seiner Umgebung und sich selbst auseinanderzusetzen, aber rasch wieder in seine Stille zurück.

Hätte er seine Kamera gehabt oder wenigstens irgendeine Kamera, dann hätte er die Zeit festhalten können, die er dort in seiner Zelle verbrachte. Er hätte sie greifbar machen können mit seinen Bildern. Hätte ihr eine Gestalt geben können als Bilderserie von Augenblicken, anstatt sie formlos vorbei fließen zu lassen.

So aber blieb ihm nur, den wandernden Lichtstrahl zu beobachten.

Bis die Sonne am späten Nachmittag hinter dem Horizont verschwand oder jedenfalls hinter der Häuserwand, auf die sein Zimmer blickte. Als nur noch diffuses Zwielicht in seine Zelle drang, zog Wagner sich in die letzte Ecke seines Bettes zurück.

Er beobachtete, wie auch die letzten Reste von Tageslicht langsam verschwanden, obwohl draußen noch eine Dämmerung herrschen musste. Wie die Schatten an den Wänden und in seinem Kopf länger wurden.

Wie die Angst einsetzte, die Nervosität.


Er fürchtete sich vor dem Schlaf. Aus Gründen, die er selbst nicht ganz fassen konnte, ängstigte er sich.

Zwar redete er sich ein, dass er die Kontrolle über sich behalten musste, dass er beobachten musste, was mit ihm geschah, um ganz sicher zu gehen. Aber da lag ein tieferer, wahrerer Grund. Er verweigerte sich, weil er keine Gewalt über seine Träume hatte. Nicht so, wie über sein eigenes Denken. Das konnte er beherrschen, ausschalten, wie so wie er in den letzten Tagen und Stunden an nichts gedacht hatte.

Seine Träume dagegen würden ihm zeigen, was immer sie wollten. Womöglich genau das, wovor er sich noch mehr als vor dem Schlaf fürchtete. Das, was er nicht wissen wollte, was er begraben hatte in dem Loch seiner Erinnerung.

Mehrmals sanken seine Lider für einen kurzen Augenblick aufeinander. Dann wieder fuhr er hoch und fand, dass die Dunkelheit einen weiteren Fußbreit Raum seiner Zelle erobert hatte. Stück für Stück schlich sich das Licht aus seinem Zimmer, bis nur noch das undeutliche Rauschen des kleinen Fernsehers Licht spendete.

Wagner schreckte wegen irgendeines undeutlichen Geräusches auf.

Sein Herz war ganz ruhig und regelmäßig.Wie nach einem langen, gemächlichen Spaziergang im Park. Unerwartet, wachte er doch in letzter Zeit eher unruhig aus chaotischen Träumen auf.

Ein Klopfen an der Tür. Unmöglich, hier, zu dieser Stunde in einem anonymen Zimmer. Eine Einbildung, sicherlich, vielleicht ein böser Traum.

Er drehte sich zur Seite, suchte nach dem letzten gedankenlosen Moment, in dem er eingeschlafen sein musste. Er wollte dort anknüpfen, wo er zuletzt gewesen war: In einer geistlosen Ruhe.

Er blinzelte und starrte in das Stück der Nacht in seiner Zelle.

Und schrie auf.

Eine Gestalt stand dort, in der Dunkelheit jenseits seines Bettes. Ein graues Schemen vor dem schwarzen Abgrund seiner Zelle. Eine Kreatur ohne deutliches Gesicht, mit verschwommmenen Konturen, die ihre Klauenhände nach ihm ausgestreckt hatte.

Das Licht zitterte an. Der Raum war leer, bis auf das Rauschen des Fernsehers. Es war nichts gewesen. Nichts als ein Schatten.

Sein Schatten, der gesichtslos grinsend neben ihm gelauert hatte, gerade so, wie Wagner ihn vor einigen Tagen zuletzt zu sehen geglaubt hatte. Mit locker zurück geworfenene Haaren und aufgerissenen Händen, aus denen das Blut troff.

So, wie Wagner selbst ausgesehen hatte. Die gleiche unwirkliche Gestalt, die er im Spiegel zu sehen geglaubt hatte, bevor er ihn zertrümmert hatte.

Ein Schrei musste ihm entfahren sein, tief und roh, wie aus dem Innersten seiner Träume. Seit Tagen war ihm kein Wort entkommen. Jetzt fühlte seine Kehle sich rauh an, wund.

Sein Herz raste. Er blinzelte in das Licht, das seine Nachttischlampe ungleichmäßig über das Zimmer verteilte. Am Rand, an der Wand direkt über seinem Bett und hinter der Lampe, war das Licht am stärksten. Es füllte die linke Seite seines Zimmers aus, ohne aber die gegenüberliegende Wand oder das Fußende zu erreichen.

Immer noch war dort nichts. Ein Alptraum höchstens, seine eigene, nervöse Schreckhaftigkeit, die ihn erst nach einigen Sekunden eingeholt hatte.

Er atmete jetzt schwerer, als presse ihm etwas die Brust. Seine Hand fuhr zu seinem Hals, zerrte am Kragen seines Hemdes, zwecklos. Für Minuten starrte er in das Halblicht seiner kleinen Lampe, eine Hand an seiner Kehle, um sich Luft zu verschaffen. Die Augen hatte er aufgerissen. Als ob er einschlafen würde, sobald sie ihm zufielen, als ob er gegen seinen Willen erneut in unruhigen Schlaf sinken würde, wenn er seine Augen nicht so weit wie möglich geöffnet hielt.

Ein Klopfen rüttelte Wagner aus seiner Ohnmacht, sanft wie die Hände einer Geliebten auf seiner Schulter. Ein Leisers Pochen, wie von zarten Knöcheln.

Sein Blick ging zur Tür. Hatte ihn wirklich jemand geweckt? Oder hatte er bloß in seinen Träumen geschrien, um sich geschlagen und andere Gäste im Hostel belästigt?

Träge schüttelte er den Schlaf und die Lähmung ab. Er stand auf und stolperte durch den Lichtkegel seiner Lampe zur Zimmertür. Eine kleine Weile fummelte er am Türschloss herum. Es war eines dieser elektronischen Dinger, das mit einer Magnetkarte geöffnet wurde. Nur war die Karte von Jahren der ständigen Benutzung abgerieben und wurde vom Schloss nicht an jeder Stelle gleichermaßen gut erkannt.

Als sie schließlich mit einem Piepen und Klicken öffnete, streckte Wagner den Kopf in einen schummrig erleuchteten Flur. Am fernen Ende flackerte ein Licht über dem Notausgang, in einem freundlichen, hellen Grün, das ihn in den Augen schmerzte. Auf der anderen Seite befand sich ein größeres Fenster, das auf den Parkplatz hinaus blickte.

Dazwischen nichts und niemand.

Kein aus dem Schlaf gerissener Nachbar. Kein Hostelbetreiber, der von geplatzten Kartenabrechnung berichtete.

Kein Einsatzkommando der Polizei.

Niemand.

Dann erneut ein Klopfen. Klar und hell, wie von zarten Knöcheln auf Glas.

Die Nackenharre stellten sich Wagner auf. Im Flur war niemand. Das Geräusch kam auch gar nicht von hinter der Tür., sondern aus seinem eigenen Zimmer. Vom Spiegel, der seitlich neben der Tür hing, über dem Waschbecken.

Langsam, unendlich langsam drehte er seinen Kopf.

Und zuckte nach hinten.

Es war nicht sein Spiegelbild, das ihm entgegen blickte. Nicht einmal die abscheuliche Karikatur von Spiegelbild, die er in seinem Alptraum zu sehen gemeint hatte.

„Ein Alptraum“, flüsterte Wagner dem Spiegelbild einer Frau entgegen, die er nur ein einziges Mal gesehen hatte. „Das ist ein Alptraum, nicht mehr.“

Das Spiegelbild lächelte. Vollmundig zog es Lippen auseinander zu eben jenem Lächeln, dass Wagner in jener Nacht in der Kirche hatte erschauern lassen.

Eine Stimme, die nicht die seine war, kam aus dem Spiegel.

„Nicht doch, nicht doch, mein Lieber. Aus einem Alptraum wacht man irgendwann einmal auf.“

Wagners Blick huschte zur noch halb geöffneten Tür. Noch könnte er fliehen, könnte versuchen, vor seinem Wahnsinn davon zu laufen. Könnte ein weiteres Mal versuchen, sich einen Tag oder drei Aufschub zu erlaufen.

Wenn nur seine Beine gehorcht hätten oder seine Hände, die sich nach der Türklinke ausstreckten, aber eine Handbreit davon entfernt verharrten. Wie gelähmt. Gleichgültig, wie sehr Wanger es wollte: Sein Körper gehorchte ihm nicht mehr.

Die Stimme aus dem Spiegel war rauchig und düster und unbeschwert von allem, was man Anstand nennen mochte oder Zurückhaltung. In seiner Panik wäre sie fast beruhigend gewesen, wenn nicht ihre reine Existenz, hier, in diesem Spiegel, der Grund dafür gewesen wäre.

„Mit weglaufen ist es vorbei, mein Lieber. Wir haben nichts gegen eine gute Hetzjagd, aber…Irgendwann einmal muss man sich seinen Ängsten stellen. Über seinen eigenen Schatten springen.“

Der Blick aus ihren blauen Spiegelaugen, ging an Wagner vorbei. Zur Wand hinter ihm.

Wagner folgte ihm in seiner Lähmung aus den Augenwinkeln, da er den Kopf nicht länger wenden konnte.

An der Wand hinter ihm klebte sein Schatten. Genau dort, wo er hätte sein sollen. Hinter ihm, von ihm selbst durch die kleine Lampe über seinem Bett an die Wand geworfen.

Nur blieb er nicht an der Wand kleben und folgte auch nicht den Bewegungen Wagners. Sondern er bewegte sich, wie von selbst, griff nach der Kleidung seines Besitzers, hielt seine Arme und Beine umklammert und an Ort und Stelle.

Ihr Verhältnis von Herr und Knecht war umgekehrt. Der Schatten bewegte sich und Wagners Körper folgte ihm einen Augenblick später.

Im Spiegel fehlte sein Schatten, sein Abbild, noch immer.

„Was bist du?!“, presste Wagner zwischen den Kiefern hervor.

Die körperlose Stimme Isabelles d‘Ombrages lachte.

„Ein Alptraum“, warf sie ihm seine eigenen Worte zurück. „Oder etwas schlimmeres.

Willst du das wirklich, wirklich wissen? Ich könnte es dir sagen, Johann. Ich könnte es dir in deine Träume flüstern, bis in alle Ewigkeit darin spuken mit dieser einen, kleinen Wahrheit…Oder jedenfalls, bis du dir endlich das Leben nimmst, um ihr zu entkommen.“.

Sie ließ die Worte für einen kurzen Augenblick im Raum schweben. Nachdenklich fuhr einer ihrer Finger zu ihrem Kinn, sie blickte kokett in die Luft.

„Ich sehe die Schlagzeilen schon vor mir: ‚Exzentrischer Fotograf verblutet in Hotelbett gefunden. Ein Geständnis, Fragezeichen?‘ Passend, findest du nicht? Du könntest es tun. Ganz leicht einfach alles beenden. Wozu sich wehren, hm? Es ist doch schon vorbei…“

Mit geweiteten Augen sah Wagner dabei zu, wie seine Hand sich gegen seinen Willen austreckte. Wie sie nach der Türklinke griff und langsam, unendlich mühsam, die Finger darum schloss. Als wäre jede einzelne Artikulation ungewohnt und müsste neu erlernt werden.

Die Tür schloss sich, wurde wieder verriegelt.

Wagner drehte sich gegen seinen Willen herum, sank mit dem Rücken gegen die Wand, an der sein Schatten lauerte und ihn gefesselt hielt.

In dem Spiegel war sein Spiegelbild erschienen.

Sein Schatten, der dämonisch grinste bis über beide Ohren und ihn umklammert hielt. Dessen Hände auf seiner Brust, an seinem Hals lagen, ihm die Luft abschnürten. Die ihm das selbe Gefühl von Enge und Atemnot leiden ließen, wie in seinen Alpträumen die Nächte zuvor.

„Wie gut, dass wir etwas besseres mit dir vorhaben, Wagner“, sagte die Stimme Isabelles. „Etwas, bei dem du uns sogar noch nützlich sein kannst, du kleiner Perversling.“

Sie zwinkerte ihm zu.

Wagner sah, wie sein Schatten das grinsende Maul aufriss, spürte, wie auch er den Mund öffnete. Stück für Stück, unweigerlich, gegen seinen Willen, gegen das Knirschen seiner Kiefer.

Fetzen von Schatten krochen seinen Hals empor, sein Kinn, bis zu seinen Mundwinkeln, seinen Lippen…

Ein Satz beschäftigte Wagner, hallte wieder und wieder in seinem Kopf nach. Der Satz, der als letztes aus dem Spiegel geflossen war, bevor die Dunkelheit ihn ganz beansprucht hatte.

„Du wolltest jemand sein, der du nicht bist, Johann. Jetzt mache ich dich dazu.“

Grotesk – Teil VI: Abgerissen

Die Polizisten ließen ihn in seine Wohnung, nachdem Wagner ihnen seinen Personalausweis gezeigt hatte. Sein Name stand am Klingelschild, er war hier wohnhaft und gemeldet, alles hatte seine Ordnung.

Sie besaßen sogar den Anstand und die Nachsicht, ihn erst für einige Minuten in Ruhe zu lassen. Ihn durch das Chaos in seiner Wohnung waten zu lassen.

Sie war vollständig zerstört. Irgendjemand – oder irgendetwas – hatte die Einrichtung in kleine Teile zerlegt. In der gesamten Wohnung fand sich keine einzige spiegelnde Fläche mehr. Fernseher, Bildschirme, Spiegel im Bad und im Schlafzimmer, Glasflächen an den Vitrinen, in den Fenstern, die Glastische und gläsernen Bilderrahmen seiner Fotographien, waren zerschlagen worden. In kleine Teile zerlegt, die kaum größer als ein Daumen waren. Selbst die spiegelnde Metallfläche auf dem Kühlschrank war zerbeult und mit Messern zerkratzt worden.

Wer immer es gewesen war, dachte Wagner, hatte die Möbel und andere Gegenstände benutzt. Bücher, Lampen, Gläser, Stühle und Sessel – alles war wild durch einander geworfen oder als Hiebwaffe benutzt worden.

Selbst sein Computer war von seinem Platz am Schreibtisch fortgeschafft – alle Kabel hatte man mit brachialer Gewalt heraus gerissen – und in die Glasvitrinen geschleudert geschleudert worden.

Wagner tastete nach seiner Hosentasche, hinten am Gesäß. In der einen Tasche sein Briefbeutel. In der anderen…eine Sicherheitskopie seiner Arbeit, eine kleine, transportable Festplatte. Er wusste, vermutete wenigstens, was sie gesucht hatten. Wenn es denn nicht nur eine Einbildung gewesen war.

Er hatte seine Fotographien des Abends im Guignol noch, dort wo er sie gestern Abend erst gesichert hatte.

Die Verwüstung ließ ihn unsicher zurück. Er ging hindurch, hob Bruchstücke seiner Möbel auf, schob Glassplitter mit den Schuhen herum, befreite ein Buch aus einem Trümmerhaufen und blätterte sinnlos die Seiten durch.

Erst nach fünf oder zehn Minuten – es war für Wagner schwer zu sagen – näherte sich ihm der Mann, der die Wohnung inspiziert hatte.

„Herr Wagner?“, sagte er, vorsichtig, fast behutsam. „Wir müssen ihre Aussage zu Protokoll nehmen. Ordnungswidrigkeit und so weiter. Lassen Sie uns das jetzt machen, dann können wir Sie in Ruhe lassen.“

Wagner willigte ein, etwas durch den Wind. Er blieb stehen, während der Polizist sich einen der zwei verbliebenen Stühle nahm und an die Küchenzeile heran schob. Er holte Zettel und Stift aus seiner Brusttasche, daneben ein Tonbandgerät.

Wagner starrte es an, als wäre es eine geladene Waffe. Der Mann lächelte entschuldigend.

„Also, Herr Wagner. Wissen Sie, was hier geschehen ist?“

„Ich war das nicht“, murmelte Wagner und blickte auf seine Hände. Er schüttelte den Kopf.

„Ich war das nicht, ich war das nicht. Ich erinnere mich daran, das hier gewesen zu sein.“

Das Tonbandgerät wiederholte seine Aussage, warf sie zurück in den Raum. Seltsam, dachte Wagner für einen Augenblick. Sollte so ein Gerät das tun? Der Polizist störte sich nicht daran. Er notierte Wagners Personalien auf seinem Protokollzettel.

Was das Gerät wiederholte…Es war noch Wagners eigene Stimme, aber anders. Verzerrt und angestrengt, wie von einem Willen, sich von seinen tatsächlichen Worten zu lösen. Als…als ob die Stimme unabhängig werde wollte.

„Ich war das“, schallte es vom Tonband wieder. „Ich erinnere mich daran.“

Wagner starrte das Tonband an. Der Polizist schien es nicht zu bemerken. Er schrieb weiter auf seinem Protokoll herum, notierte Wagners Personalien.

„Sie…sie hören das auch, oder?“, fragte Wagner ihn, starrte das Gerät an. „Dass es…es sagt andere Dinge als ich?“

Der Polizist blickte ihn einen Augenblick verwirrt an.

„Das Gerät ist von der Behörde geprüft und geeicht“, erklärte er, langsam, als ob er es mit einem Idioten oder Verwirrten zu tun hätte.

„Doppelte Absicherung von Protokollen und all das. Wir werden ihre Aussage schriftlich und digital aufnehmen. Sie sprechen auf das Tonbandgerät, ich notierem it. Wir werden den Mitschnitt löschen, wenn er nicht länger benötigt wird. Kümmern Sie sich einfach nicht darum, das Gerät ist gar nicht da. Sprechen Sie mit mir.“

Wagner sah ihn mit zusammengezogenen Augenbrauen an. Er nickte langsam. Der Polizist stellte seine nächste Frage:

„Wo waren sie die letzten Stunden? Etwa seit sechzehn Uhr?“

Seine Stimme wurde von dem Tonband nicht wiederholt, stellte Wagner verwirrt fest. Als Wagner selbst sprach, als er antwortete, spulte das Gerät seine Stimme aber erneut ab. Einen Bruchteil einer Sekunde nach seiner eigenen Stimme. Wie ein Nachbild, als wäre es ein tonaler Abdruck seiner eigenen Stimme. Und wieder veränderte sich dieses Nachbild, noch während er sprach.

„Ich war unterwegs,“ sagte Wagner und sah in seine zerstörte Wohnung. „und habe einen Spaziergang gemacht. Das hilft bei Streß und Anspannung, wissen Sie? Da verlasse ich einfach gern das Haus. Nur, um einmal rauszukommen.“

„Ich war beim Arzt“, hörte er stattdessen die Stimme sagen, „und habe mir eine Überweisung in die Nervenklinik geholt. Schizophrenie, wissen Sie? Werde mich demnächst in das Sanatorium Schlüsselberg einweisen, um das in den Griff zu bekommen.“

Als es ihm dämmerte, erstarrte er.

Was er hörte, das war nicht das Tonbandgerät. Was er hörte, war seine eigene Stimme, wie sie später auf dem Tonbandgerät zu hören sein würde.

Wagner starrte den Polizisten an. Er konnte nichts davon bemerken, da er nur Wagners tatsächliche Stimme hörte, die die in diesem Augenblick aus seiner Kehle kam. Was auf dem Gerät festgehalten wurde, das wäre etwas vollständig anderes.

Klar und eindeutig stand es vor Wagner, was geschehen würde.

In wenigen Stunden oder Tagen, wenn ein Kollege das Protokoll mit dem Tonbandgerät verglich, würde es zu einiger Verwirrung kommen. Man würde die Abweichungen bemerken, sich für einen Augenblick wundern, weshalb das schriftliche Protokoll so dermaßen anders wäre – und dem audiellen Beweis von Wagners Aussage glauben.

Die Technik log schließlich nicht.

Mit jedem Wort, das er sprach, würde er sich mehr und mehr selbst beschuldigen. Mit jedem Wort würde er sich später verrückter anhören. Mit jedem Wort würde er der Stimme in seinem Kopf mehr Macht geben.

Also schwieg er und schüttelte den Kopf, als der Polizist ihn aufforderte, weiterzusprechen.

Er wandte ihm den Rücken zu, suchte mit den Blicken nach irgendetwas in der Wohnung.

War er tatsächlich schizophren, wie seine Stimme es behauptete, und bildete er sich bloß ein diese harmlosen Dinge zu sagen, während er in Wirklichkeit von Einweisung sprach, von seiner angeblichen Gewalttätigkeit?

War er…verrückt?

Der Beamte sah ihn an, als wäre er es.

Der Polizist legte Zettel und Stift beiseite und sah ihn geduldig an.

„Nun, Herr Wagner“, sagte er, vorsichtig und behutsam so als fürchtete er, seine Worte würden Wagner wieder in Rage versetzen. Als würde er glauben, dass Wagner selbst seine gesamte Wohnung in einem Wutanfall zertrümmert habe.

„Ich denke, wir sind für heute soweit fertig…Kommen Sie bitte morgen irgendwann im Präsidium vorbei. Ich verstehe, dass das alles sehr erschütternd für Sie sein muss, aber wir können Ihnen nur helfen, wenn Sie uns lassen. Hier haben Sie meine Karte.“

Wagner nahm die Visiten entgegen, ohne einen Blick darauf zu werfen. Er würde nicht zur Polizei gehen. Er würde einen Scheiß tun. Was wusste er schon, was er sagen würde, was seine Stimme gegen seinem Willen an Lügen und Unwahrheiten verbreiten würde?

Ohne dem Polizisten diese Befürchtungen mitzuteilen, nickte er lediglich, den Mund zu einem dünnen Strich gepresst.

Dann war sie wieder da. Kurz, bevor der Beamte das Tonbandgerät ausschaltete, hörte er sie. Ohne, dass er den Mund geöffnet hatte, war da diese Stimme in seinem Kopf. Seine Stimme, aber ohne, dass er sie dorthin gerufen hatte.

„Hauen Sie ab!“, sagte sie. „Ich brauche Ihre Hilfe nicht. Ich habe nichts getan, weswegen Sie mir meine Zeit und Nerven stehlen müssen. Und wenn dieses Flittchen sie geschickt hat, diese…diese Ombrage, dann sagen Sie ihr, dass ich mich nicht schikanieren lasse. Sagen Sie ihr das, ja? Ich lasse mich nicht schikanieren. Sie wollte es so, Sie hat mich angefleht, dass ich es ihr besorge.“

Wagner starrte den Beamten an, der in aller Seelenruhe seine Geräte einpackte, sich erhob und ihm einen guten Abend wünschte. Als ob er nichts gehört hätte. Als ob nicht gerade eine Stimme, Wagners eigene Stimme…

Es war Blödsinn, es war alles Blödsinn. Er hatte das Fräulein nie berührt, hatte Sie nie wieder gesehen nach diesem einem Abend. Weshalb war das in seinem Kopf? Weshalb hörte er diese Dinge dann, wenn er sie nicht sagte, wenn sie nicht einmal wahr waren? Weshalb…weshalb war er sich so sicher, dass genau diese eine Lüge keine Wahnvorstellung war, sondern auf dem Tonbandgerät auftauchen würde?

Er fühlte, wie es in seinen Ohren rauschte. Wie das Blut in ihm zu kochen begann, wie es erst vor wenigen Stunden der Fall gewesen war. Die Welt wurde kleiner, zog sich zurück von ihm oder er zog sich von ihr zurück, in eine kleine, sichere Blase, die nur aus seinem Kopf bestand.

Alles andere, alles um ihn her – seine zerstörte Wohnung, der Polizist, der sich durch den Schutt kämpfte, die Geräusche von der Straße – stürzte ein.

Er floh, so wie er erst vor wenigen Stunden aus seiner Wohnung geflüchtet war. Er war an den Polizisten vor seinem Eingang vorbei und in den Straßen der Stadt verschwunden, bevor man ihn aufhalten konnte.

Wohin er lief, welchen Weg er ging, selbst dass seine Füße sich bewegten, wusste er nicht. Überhaupt wusste er gar nichts in diesen Momenten, die er wie ein Tier durch die Straßen hastete, bis alle Augenblicke in diesem einen verschwammen und ineinanderliefen.

Es gab nichts weiter für ihn, als seinen Kopf, in dem alles rauschte und durcheinander taumelte. Und diese paar Worte. Diese Worte, die seine eigene Stimme geflüstert hatte, ohne dass er sie dazu angewiesen hatte.

Ich lasse mich nicht schikanieren, dröhnte es in seinem Kopf. Höhnisch, verächtlich, da er selbst es doch war, der schikaniert wurde, dem Lüge um Lüge angehängt wurde, bloß weil er ein Lügner und Aufreißer war.

Wie lange er erneut durch die Straßen taumelte, wusste er nicht. Sein Zeitgefühl hatte sich im Lauf des Tages vollständig aufgelöst, irgendwann zwischen seiner ersten Panikattacke am Nachmittag und der Warterei beim Arzt.

Erst, als er zu laufen aufhörte, kam er wieder zu sich. Ob er von selbst angehalten hatte, ob er noch genug Kontrolle über sich und sein Leben hatte, um den Weg hierher selbst gewählt und verfolgt zu haben, das konnte er nicht sagen.

Aber die Gegend, in der er zu sich kam, kannte er. Sie lag im Zentrum der Stadt, eine dieser alt ehrwürdigen Straßen, die nach dem einen oder anderen König oder einer Königin benannt worden war. Das Gebäude, vor dem er zum Stehen gekommen war, war eines dieser älteren Häuser mit einer klassizistischen Fassade, mit Gesichtern unter den Fenstern. Im dunklen Laternenlicht zogen sie ihre Fratzen und sahen ihn vorwurfsvoll an. Es mochte auch Mitleid sein, das in ihre langen Gesichter gemeißelt stand – im Halbdunkel konnte er das nicht erkennen.

Wagner fand sich vor dem Bureau von Dr. Mühsam wieder.

Vielleicht war Markus schon lange fort, nach Hause gegangen oder zu einem späten Geschäftsessen. Vielleicht aber war es einer dieser Tage, an denen er noch ein wenig länger blieb. An denen er nur ein paar Stunden mehr im Bureau zubrachte, weil er wichtige Telefonate zu führen hatte oder der Gattin aus dem Weg gehen wollte.

Die Tür zum Haus war, wie immer, geöffnet. Auch nach Sonnenuntergang wurde sie selten abgeschlossen. Es gab im ganzen Haus nicht eine einzige Wohnung, nur ein Dutzend oder mehr Bureaus für Anwälte, Medienvertreter, Impresarii, Werbeagenten und anderes Gesindel, das zu jeder erdenklichen Uhrzeit Besucher und zwielichtigere Klienten empfing.

Das Bureau der Agentur Mühsam lag am Ende der großen Treppe im Foyer, entlang einer kleinen Galerie, die über dem Durchgang zu den Hinterhöfen entlang führte.

Auch hier war die Eingangstür offen.

Nun, „Agentur“ war eigentlich schon zu viel gesagt. Es war eine ehemalige Wohnung, die in mehrere kleine Bureaus zerhackt worden war. Eine Sekretärin im ehemaligen Wohnzimmer, eine kleine Küche für die Belegschaft, die sich die vormaligen Raucher- und Schlafzimmer teilten.

Markus hatte das größere Bureau in Beschlag genommen, natürlich das Arbeitszimmer mit Blick in den ruhigen Innenhof. Eine Schande eigentlich, da er es nur zwischen zwei oder fünf Terminen benutzte. Und um Abends seiner Gattin zu entkommen.

Niemand hielt Wagner auf, als er hinein ging. Keine Assistentin wartete an der Rezeption, kein Mitarbeiter schob Überstunden oder aß in der Küche. Keine Polizei, die ihm hier auflauerte oder Markus zu ihm befragen wollte.

Nur eine Stimme flüsterte vom Ende des Ganges her. Aus Markus‘ Bureau.

Wagner fand dort Markus und erstarrte für einen Augenblick. Er telefonierte offenbar, in dieser leisen und gepressten Stimmlage, die einer hat, wenn er ein wichtiges und ernstes Gespräch führt.

Mehr als Fetzen waren trotzdem für Wagner nicht zu verstehen, auch wenn er sich anstrengte und an der nur einen Spalt geöffneten Tür lauschte. Erst war es Höflichkeit gewesen, die ihn am Eintreten gehindert hatte. Sein Freund telefonierte, was sollte er dort einfach zu so später Stunde ungebeten herein platzen?

Dann war es Neugier gewesen, ganz einfach. Neugier darüber, vor wem sich der stattliche und ansonsten sture Markus derartig in den Staub warf.

„Nein, Herr Direktor. Nein, ich bitte Sie. Ich…Ja. Ja, ich verstehe ihre Wut ja, Herr Direktor. Bitte, wenn Sie mich nur…Nein, wir haben nichts davon gewusst. Natürlich haben wir es nicht gewusst, mein Herr. Ich versichere Ihnen, wir hätten sonst nie…“

Markus stand am Fenster, etwas seitlich von dem dünnen Streifen Raum, den Wagner durch den Türspalt sehen konnte. Viel mehr als Markus‘ breiter Arm mit dem Telefon war für ihn nicht erkennbar.

„Nein, es wird natürlich nicht wieder…“, hörte er Markus sagen. „Wir sind untröstlich, Herr Direktor, und ebenso schockiert wie Sie…Natürlich. Ich verstehe. Lassen Sie mich Ihnen…Wie? Personale Konsequenzen, natürlich, natürlich.“


Dann Schweigen für einige Sekunden. Sekunden, in denen Wagner das das Herz bis zum Hals sprang und er fest überzeugt war, dass Markus ihn doch hören musste. Das dieses Schlagen in seiner Brust für ihn genau so dröhnend sein musste, wie für ihn. Dass dieses Rauschen in seinen Ohren auch ihn erfassen müsste bei diesen Worten, dieser Ungerechtigkeit, diesen Verleumdungen.

Markus unterbrach seine aufsteigende Panik mit einem Seufzer.

„Ihnen ebenfalls einen guten Abend, Herr Direktor“, sagte er und legte auf.

Für einen Augenblick schien es, als vergrübe er das massige Gesicht in den Händen. Stille herrschte wieder, bis auf das angestrengte Atmen von Markus. Seine Arme bewegten sich, als führe er mit der einen Hand mehrmals über sein Gesicht. Dann verschwand er vollständig aus dem dünnen Streifen Raum, der für Wagner einsichtig war.

Glas klirrte, ein Geräusch wie von fließendem Likör. In der einen Ecke des Bureaus, erinnerte sich Wagner, stand ein Kabinett mit allerlei Schnäpsen und dicken Kristallgläsern, die Markus „für besondere Gäste“ und späte Überstunden in seinem Arbeitszimmer aufbewahrte.

Markus hatte also einen Anruf erhalten. Vom Direktor des Guignol allen Anschein nach. Sie mussten über ihn gesprochen haben. Über Wagner und die Dinge, die er der Presse erzählt hatte, bevor…bevor was eigentlich? Bevor er den Verstand verloren hatte? Oder bevor man ihm garstige Streiche gespielt hatte, um ihn das nur glauben zu lassen?

Er schüttelte den Kopf und atmete flach, unhörbar, ein und aus. Mit einer Hand fuhr er sich durch das Haar, warf es aus der Stirn, und streckte den Rücken gerade.

Dann klopfte er und trat, ohne auf Antwort zu warten, ein.

Markus stand wieder am Fenster, starrte mit einem Glas, halb gefüllt mit bernsteinfarbener Flüssigkeit, in der Hand hinaus. Er drehte den Kopf, in seinen Augen eine Mischung aus Erleichterung und Überraschung. Seine Stimme war flach.

„Johann!“, sagte er . Unwillkürlich wich er ein Stück zurück. Unwillkürlich, sicherlich, bloß die Überraschung, Johann so unvermutet zu sehen. Keine Angst. Sicherlich war es keine Angst.

„Was hast du getan?“, fragte er. „Gott, Junge, was hast du angestellt?“

„Ich hätte auf dich hören sollen“, sagte Wagner. „Ich hätte einfach auf dich hören sollen.“

Er machte einige Schritte in den Raum hinein, verschloß die Tür hinter sich. Was für ein Gesicht er machte, konnte er nicht sagen. Aber er sah, wie Markus reagierte. Wie er ihm einen Arm um die Schulter legte, ihn in den Sessel vor dem Schreibtisch presste und ihm das eigene Glas in die Hand drückte.

Wagner musste elend aussehen.

„Meine Güte, Johann, vergiss das. Das ist doch egal. Du hättest auf mich hören sollen, hast du aber nicht. Was passiert ist, ist passiert, das hätten wir schon irgendwie…aber das?“

Markus nahm sich ein weiteres Glas aus dem Kabinett, ließ sich in seinen eigenen Sessel fallen. Auf dem Tisch stand noch die Karaffe, aus der er sich eingeschenkt hatte.

„Was? Was meinst du?“, fragte Johann. „Das Chaos mit der Presse hat sich erledigt, abgeblasen alles. Die WORT hält es für einen schlechten Scherz, einen erbärmlichen Schrei nach Aufmerksamkeit von einem Verrückten.“

Markus sah ihn an, als wäre er plötzlich und unvermutet gegen eine Ziegelmauer gefahren. Dann schüttelte er den Kopf und trank einen guten Teil seines Getränks. Brandy, dem Geruch nach zu urteilen.

„Ich habe gerade mit dem Direktor des Guignol telefoniert, Johann“, sagte er. „Er wird Anklage erheben. Nicht wegen deiner Bilder, nicht wegen der Presse. Sondern wegen…Unsittlichkeit.“

Wagner starrte ihn an.

„Was?“, fragte er.

Das Glas in seiner Hand fühlte sich schwer an. Zu schwer, um es zum Mund zu führen. Alles Blut war ihm in den Magen gesackt.

„Belästigung, Mann. Sexuelle Belästigung einer Mitarbeiterin. Einer Kuratorin, irgendeiner Ombrage. Er sagt, du hättest sie belästigt an dem Abend und später noch. Unangemessene Fotos von ihr machen wollen, sie erpresst. Er behauptet, sie hätten dich auf Band, wie du ihr drohst, sie solle besser ihren Mund halten.“

Sein Mund war plötzlich trocken geworden. Er stürzte einen teil seines Getränks hinunter. Es war scharf und beißend, half aber wenig.

„Das ist unmöglich“, sagte Wagner lahm. „Ich…ich habe diese…diese Demoiselle einmal gesehen in meinem Leben, an jenem Abend selbst. Sie war hübsch, ja, vielleicht sogar mein Typ. Aber ich hätte doch nie…ich könnte gar nicht.“

Er riss die Augen auf, als wäre der Gedanke erschreckend für ihn.

„Ich war unprofessionell, ja. Himmel, ja, aber doch nicht so. Ich wäre doch niemals so dumm und…“

Die Farbe war aus seinem Gesicht gewichen. Er fühlte es. Wie sein Gesichtsausdruck zu einer Maske wurde. Wie ihm das Blut und die Galle wieder aus dem Magen zu kriechen begann. Nach oben in seinen Kopf.

„Du glaubst mir also nicht.“

Markus blieb ruhig, entsetzlich ruhig.

„Ich will dir doch glauben, Johann. Aber meine Fresse, die haben dich auf Band. Dich, deine eigene Stimme, wie du diesen Mist von dir gibst. Wie du ihr drohst, sie ein Flittchen nennst, die alles wollte. Vier Tage, ganze vier, höre ich nicht ein Wort von dir, und aus heiterem Himmel tauchst du hier auf, die Hände voll blutigen Bandagen, und fängst an zu schreien.

Wie soll ich da wissen, was ich glauben kann?“

„Das weiß ich doch auch nicht! Ich kann mir nicht vorstellen, was passiert ist, wie sollst du es da können? Ich weiß nicht, woher diese Dinge kommen, weshalb…weshalb die Polizei vorhin bei mir war, weshalb meine Wohnung nur noch Schutt ist, weshalb du…woher diese Dinge kommen.

Ich weiß nur, dass ich es nicht war. Dass ich keines von diesen Dingen getan habe, die man mir hier unterstellt. Nicht willentlich, nicht wissentlich jedenfalls.“

Wagner biss sich auf die Unterlippe, sackte in seinem Sessel zurück.

„Vielleicht verliere ich ja den Verstand. Vielleicht wäre es das beste, wenn…Aber ich schwöre dir, ich wollte es nicht, selbst wenn ich es war.“

Wortlos griff Markus nach dem leeren Glas von Wagner, füllte es auf. Es kratzte über den Tisch und blieb kurz vor der Tischkante stehen. Wie eine Aufforderung, die Markus nicht auszusprechen brauchte.

Markus‘ Blick glitt zu den bandagierten Händen, mit denen Wagner sich die Schläfe massierte.

„Was ist passiert?“, fragte er.

Lange starrte Wagner auf das Glas vor sich, blickte dann unruhig durch das Büro. Es war wuchtig eingerichtet, wie sein Bewohner. Der Kabinettschrank aus dunklem Eichenholz in der Ecke, der Tisch eine einzige massive Platte mit einem Sortiment an Federhaltern und Papierstapeln bedeckt. An einer Ecke eine Zigarrenschachtel. Hinter Markus‘ Rücken eine einzige, massive Regalwand voller Bücher, die sich bis zur drei Meter hohen Decke stapelten.

Wagner fand nichts, an dem er sich festhalten konnte. Nichts, außer das Glas.

„Habe meine Wohnung zerlegt“, sagte er schließlich. „Jedenfalls das Bad, vielleicht auch den Rest. Ich weiß nicht, kann mich nicht daran erinnern. Alles ist zerschmettert, zertrümmert in kleine Teile. Jeder Spiegel, jedes Glas, selbst die Fernseher und Spiegelflächen am Kühlschrank. Findest in der ganzen Wohnung nicht ein Stück Glas, das größer als mein Daumen ist. Denke auch die Kamera und die Telefone hat es erwischt. Alles mit einem Mikrophon oder einer Kamera oder einem Lautsprecher. Alles, was Abbilder von mir machen oder sie wiedergeben konnte.“

Ein gequälter Ausdruck schlich sich auf sein Gesicht. Unschlüssig drehte er das Glas in seinen Händen, ein schiefes Lächeln auf den Lippen.

„Muss mich dabei geschnitten haben, böse. Als ich zu mir kam, stand ich irgendwo am anderen Ende der Stadt. Die Hände aufgefetzt und blutig, ohne Erinnerung an die letzte…Stunde? Zwei Stunden? Ich weiß nicht.“

„Ich verstehe nicht“, sagte Markus. „Wieso? Weshalb tust du so etwas?“

Zum ersten Mal, seit er das Bureau betreten hatte, sah er Markus in die Augen. Markus hatte die Stirn gerunzelt, einen Ausdruck von Sorge im Gesicht.

„Ich habe einen Anruf bekommen“, sagte Wagner, als wäre es das normalste von der Welt. „Von einem Reporter, weiß den Namen nicht mehr. Ich habe ihn ignoriert, so wie den ganzen Rest. Er rief wegen der Bilder an, so wie alle anderen. Wollte ein Interview. Ich bin nicht ran gegangen, aber…aber irgendjemand anderes hat mit ihm geredet. Mit meiner Stimme hat er mit ihm geredet. Als ob ich es gewesen wäre, aber ich war es nicht.“

Wagner schüttelte den Kopf. Er stürzte die Hälfte seines Brandys hinunter, schüttelte erneut den Kopf. Der Alkohol machte sich rasch bemerkbar. Den halben Tag hatte er nichts gegessen, fiel ihm auf. Dafür war keine Zeit gewesen zwischen seinem zerstörerischen Wutanfall und seiner Flucht zu Markus.

„Aber…wieso?“, fragte Markus wieder. „Was hat das mit dem Guignol zu tun? Oder mit diesem Vorwurf, den der Direktor hat?“

„Ich weiß es nicht“, sagte Wagner lahm. „Ich weiß es einfach nicht.“

„Die haben dich auf Band, Johann. Der Direktor hat es mir vorgespielt vorhin. Es ist deine Stimme, ganz sicher, die diese Frau bedroht. Die ihren Namen in sagt, sie beschimpft und bedroht.“

Wagner schüttelte den Kopf. Er stürzte den Rest seines Glases herunter.

„Ja. Meine Stimme, aber nicht ich.“

Er grinste schief.

„Ich weiß nicht, was hier läuft“, sagte er, „aber ich schwöre dir, ich habe eine fremde Stimme gehört, die ganz genau wie meine klang. Wer weiß schon, was die für technische Tricks haben. Die Kerle vom Guignol mein ich. Vielleicht haben sie das irgendwie gefälscht. Das geht, mit modernen Computern geht so etwas. Himmel, vielleicht war es sogar meine Stimme und ich verliere wirklich den Verstand. Vielleicht habe ich diese Dinge gesagt, bin ein verschissener Psycho und verdiene alles das hier, weil ich kaputt bin im Kopf.“

Eine bandagierte Hand klammerte sich um die Kante des Tisches. Wagner stemmte sich empor, das Kristallglas polterte zu Boden.

„Danke für deine Zeit, Markus“, sagte er und zwang sich zu einem Lächeln. Es schmerzte ihn, um die Mundwinkel herum. Dann wandte er sich zum gehen.

„Du hörst von mir. So oder so.“

Markus war überrascht davon und blieb sitzen, wo er war.

„Johann!“, rief er ihm hinterher. „Wo willst du hin? Johann!“

„Weg“, sagte Wagner und schwankte durch die Tür. Der Blutverlust, die Nerven, der Alkohol – alles betäubte ihn, ließ ihn schneller betrunken werden, als er je gedacht hätte.

„Ich muss raus, irgendwohin. Woanders hin.“

Grotesk – Teil V: Zerschlagen

Der Himmel stand in Flammen und mit ihm Johann Wagners Schädel. Der Smog, die Gifte in der Luft, wurden in Rot getaucht. Die Schatten wurden länger und dicker, bevor sie endgültig die Nacht erobern würden.

Ein sich anbahnender Sonnenuntergang, ein ganz gewöhnlicher, der Wagner trotzdem in Verwirrung stürzte. Sein Schädel hämmerte, unbestimmte Kopfschmerzen verweigerten ihm klare Gedanken. Das Licht stach ihm in den Augen, ja, aber da war noch mehr. Da war eine Art von Bewusstlosigkeit und geistiger Ohnmacht. Wie nach dem übermäßigen Konsum von Alkohol und anderen Rauschgiften.

Bloß war er nüchtern.

Ihm war vage bewusst, dass er durch Straßen ging, die er nicht kannte. In einem eiligen Tempo, die Hände in den Taschen vergraben, ging er umher. Irgendwohin. Gleich wo, er wollte es nicht wissen.

Die Straßenzüge, die Namen der Geschäfte und der Gassen, sagten ihm so wenig wie die Gesichter der Menschen oder die Schornsteine am Horizont. Er hätte seine Position in der endlos großen Stadt genau so gut nach dem Stand der untergehenden Sonne bestimmen können.

Seine Hände schmerzten ebenfalls, stellte er fest. So ein Klopfen, das von seinem Herzen ausging, seine Brust beben ließ, in seinen Händen pulsierte. Sie waren warm, in seinen Hosentaschen, heiß beinahe, und der raue Stoff seiner Jeans rieb unangenehm an ihnen.

Schrammen übersähten sie, als er sie hervor zog, um sie zu betrachten. Blut floß zwischen seinen Knöcheln hervor, aus Schnitten am Handrücken, auf den Seiten. Risse klafften im Fleisch seiner Handinnenfläche.

Natürlich. Er hatte seine Spiegel zerschlagen. Daran erinnerte er sich noch. Hatte mit bloßen Fäusten in seinem Badezimmer gewütet, die Schränke und Spiegelchen von den Wänden gerissen, wieder und wieder gegen die Emaille geschmettert. Das größte verbleibende Stück war kaum größer als sein Daumen gewesen.

Als ob das Objekt etwas für seine Wahnvorstellungen konnte, die sich darauf gerichtet hatten.

Seine Hände zitterten wieder, als er daran zu denken begann. Als die Erinnerung aus dem Nebel seiner Kopfschmerzen empor stieg.
Er stand unter der selben Spannung, die sich vor kurzem erst in diesem Wutanfall entladen hatte.

Ein Blick in den Himmel hinter den Häusern, jenseits der Straßen, die er ohne ein Ziel verfolgte, lenkte ihn davon ab. Nichts war da. Er hatte nichts anderes erwartet…und war trotzdem enttäuscht.

Kein großer Funkturm, der ihm den Weg wies. Keine Schornsteine eines Kraftwerks. Keine Kirche auf einem Hügel.

Nichts, woran er sich halten könnte.

In seinen Taschen fand er nicht viel. Sein Portemonnaie, wie immer in der Gesäßtasche verstaut. Eine halbe Packung Kaugummis. Ein Feuerzeug ohne Zigaretten, er war ja Nichtraucher. Kein Schlüssel. Auch kein Telefon.

Er musste gegangen sein, ohne an seinen Mantel zu denken oder auch nur die Wohnungsschlüssel.

Es wurde frischer, je weiter die Sonne sank, und ihm fröstelte ohne eine Jacke.

Wie lange er schon gelaufen war, konnte er schlecht sagen. Die Sonne stand tief, der Herbst stach ihm weiter in die Augen. Aber er hatte alles Zeitgefühl verloren.

Seine Hände bluteten und sein Kopf schmerzte – das war ihm genug.

Er war aus seinem alten Leben heraus gefallen, wie ein Bild aus einem zerstörten Rahmen.

Irgendetwas in ihm war zerbrochen, vielleicht auch um ihn herum. Er war sich da nicht mehr so sicher. Sein Badezimmer war wenig mehr als nur das sichtbare Anzeichen dessen, dass etwas in ihm, irgendetwas, kaputt war. Normale Menschen taten so etwas ja nicht. Normalen Menschen passierte das nicht, dass sie einfach in Hast und Panik aufsprangen und ihrem gesunden Verstand davon liefen.

Aber er war aus seinem Leben heraus gekommen.

Die Möglichkeit, dass er wirklich…dass sich ihm wirklich…Er verwarf diesen Gedanken. Sein Schatten hatte unmöglich mit ihm gesprochen und sich unmöglich von ihm gelöst.

Er war verrückt geworden vor Stress und Aufregung. Das war alles.

Ein Arzt. Ein Arzt würde ihm helfen. Selbst wenn er ihm nur die Hände verband und etwas gegen diese Kopfschmerzen tat, damit er wieder klar denken könnte.

Wagner hätte auf seinem Mobiltelefon nach einem in der Nähe gesucht, wenn er noch eines besessen hätte. Doch das lag in Einzelteilen in seiner Wohnung, im Anflug seines Anfalls zerschmettert.

Er zweifelte ohnehin, dass es ihm viel genützt hätte. Vermutlich hätte es nur einen weiteren Ausbruch provoziert.

Sein Blick senkte sich wieder, folgte den Schatten der Häuser.

Nichts. Wieder nichts. Auf dem Beton des Gehwegs zogen sich die Schatten länger, streckten sich und streckten sich. Die kurzen Knubbelbeine einer Dame im Pez wurden zu eleganten Stelzen, ihr dicker Mann zu einem Adonis.

Er zögerte, an sich selbst hinab zu blicken, seinen eigenen Schatten zu suchen. Vorsichtig vermied er es, seinen Blick auf sich selbst zu richten. Er wusste nicht, ob er diesen Anblick ertragen könnte.

In der Öffentlichkeit der Straße fühlte er sich nackt. Obwohl niemand ihn kannte, obwohl die wenigen Passanten des herbstlichen Abends sich ihren eigenen Geschäften und Sorgen widmeten und ihn kaum ein Blick berührte.

Trotzdem fühlte er sich von jedem Passanten beobachtet. Angefasst. Als würde jede Minute einer von Ihnen schreiend vor ihm zurück weichen und alle Aufmerksamkeit auf ihn lenken. Mit dem Finger auf ihn zeigen und alle Welt wissen lassen, dass er verrückt war. Abnormal auf eine Art und Weise, die sich äußerlich zeigte, auch wenn es alles nur in seinem Kopf war.

Als würde jederBlick sein Innerstes nach Außen kehren. Als ob sie alle wüssten…

Wagner schüttelte seinen Kopf, verbarg seine blutigen Hände wieder in den Taschen seiner Jeans. Er musste fort, an einen gesünderen Ort.

Für einen Urlaub war es zu spät. Er könnte, wenn er wollte. Könnte zum Bahnhof, ein Ticket nur irgendwohin kaufen. Weg. Nur weg von hier, von diesen Blicken. Weg von sich selbst und dem, was er an die Öffentlichkeit zu zerren drohte. Seine Abnormalität, seine Verrücktheit.

Er könnte fliehen vor diesen Blicken. Dorthin, wo niemand ihn kannte. Aber vor sich selbst? Konnte er vor seinem eigenen Schatten fliehen, falls er…

Ein Arzt, sagte er sich wieder. Im mindesten würde er sich normal fühlen und gesund zwischen all den wirklich Siechen und Sterbenden. Zwischen den Alten und Kranken.

Er betrat ein Kaffeehaus an der Ecke, vorbei an der Dame mit dem eleganten Schatten und ihrem schattenhaften Adonis. Vorbei an ihren leeren Blicken und oberflächlichem Gespräch miteinander.

Wagner verbarg seine Hände und seine Schmerzen. Der Kellner schien irritiert über seine Frage, war aber freundliche genug. Er zeigte ihm den Weg zu einer Praxis, keine drei Querstraßen weiter.

Sie fand sich leicht genug. Ein unscheinbares Gebäude, hässlich, mit bronzefarbenen Fenstern und braunem Plastik als Verkleidung. Eine ganze Reihe von Ärzten hatten sich darin niedergelassen. Zahnärzte, Chirurgen, Sexualärzte, ein Labor. Er ging zu einem der Allgemeinmedzinier.

Die Frau an der Rezeption wollte ihn abwimmeln. Die Kartei sei voll hieß es, der Herr Doktor nähme keine neuen Patienten an für dieses Jahr. Man könne ihm einen anderen empfehlen, der sicherlich nächste Woche Zeit und Geduld habe, sich seine Sorgen anzuhören.

Sie ließ ihn erst ein, als er ihr seine zerrissenen Hände zeigte.

Wortlos nahm sie sein Portemonnaie entgegen und entnahm seine Personalien selbst, ehe er Sie und ihre Papiere mit seinen Händen befleckte.

Immerhin gab Sie ihm eine Packung Taschentücher, um die ärgste Blutung zu stillen.

Die Zeit des Abends rauschte an Wagner vorbei, ohne dass er sie mit einer Stundenzahl hätte beziffern können. Er beobachtete die anderen Menschen im Wartesaal, unterhielt sich selbst damit, ihre Krankheiten zu erraten oder die Gründe für ihre Verletzungen.

Es war grausam von ihm, unmoralisch vielleicht, aber es erzielte die erhoffte Wirkung. Er fühlte sich besser, umgeben von so vielem echten Leid. Wenn er die Frau mit dem gelähmten Gesicht betrachtete, mit den dicken Pflastern am Hals und den Unterarmen, fühlte er sich gesünder.

Immerhin ging es ihm nicht dermaßen schlecht.

Irgendwann ertönte ein „Herr Johann Wagner in Untersuchungszimmer Zwei, bitte“ aus der Sprechanlage und schreckte ihn aus seiner gedankenlosen Starre.

Es war nicht seine Stimme, die ihn dazu aufgefordert hatte, sondern eine fremde. Eine, die zu einem Mann gehörte – vermutlich dem Herrn Doktor -, der sie auch benutzte. Einfach eine ganz normale Stimme, die aus einem ganz normalen technischen Gerät gedrungen war.

„Herr Johann Wagner, bitte, Zimmer Zwo“, wiederholte es.

Der Arzt, ein gewisser Doktor Edward Trip, war ein freundlicher Herr mittleren Alters. Ein kastiges Gesicht, eine unaufdringliche Frisur, eine dicke Brille. Er stieß Wagner sauer auf, obwohl er nichts tat, das ihn wirklich abstoßend machte.

Er verband ihm anstandslos die Hände, nachdem er sie mit einer betäubenden Salbe eingerieben hatte. Nur ein paar Fragen stellte er, die Wagner auch nicht irritierten. Er hatte mit Fragen dieser Art gerechnet, sie vielleicht sogar erhofft. Von sich aus könnte er es nicht erzählen.

Ob er einen Unfall gehabt hätte? Nein, nicht direkt. Viel Streß in letzter Zeit? Nicht mehr als gewöhnlich, das meiste davon selbst gemacht. Ob er schlecht schliefe, sich selbst medikamentierte? Nicht über die Maßen, nein. Er trank selten, ein Glas Wein am Abend, dann und wann auch mal zwei. Keine Drogen, nein, ganz sicher.

Wagner starrte auf seine Finger, die Doktor Trip ebenfalls verband. Ausbrüche seien normal, besonders wenn gewisse Dinge lange verborgen liegen, unterdrückt. Die menschliche Psyche fände einen Weg, sich Gehör zu verschaffen. Manchmal auch gewaltsam.

Seine Stimme war die Ursache, stellte Wagner fest. Es war seine Stimme, die ihn so irritierte. Sie war so mild und weich und verständnisvoll, so über alle Maßen zuvorkommend, dass es beinahe aggressiv war.

„Ich bin nicht verrückt“, sagte Wagner.

„Das wollte ich keinesfalls andeuten, Herr Wagner“, sagte der Arzt ohne aufzusehen. „Die meisten Menschen beginnen nur nicht spontan an den Händen zu bluten und sie sehen mir nicht wie ein Straßenkämpfer aus.“

Wagner kaute auf seiner Unterlippe, blickte aus dem Fenster. Schließlich brach es aus ihm hinaus.

„Ich bin gestresst, ja, Himmel. Natürlich, ich spiele ein nicht ganz ungefährliches Spiel und vielleicht, vielleicht auch nicht, ist eine Gruppe mächtiger Leute hinter mir her, um mich für dieses Spiel zu bestrafen. All der Medienrummel, den ich mir selbst aufgehalst habe, mag Druck auf mich ausüben, der mich streßt.“

Das brachte den Arzt dazu, aufzuhorchen. Nachdem er Wagner eine Wundsalbe gegeben hatte, setzte er sich hinter seinen Schreibtisch, öffnete eine dünne, dünne Akte.

„Die Nerven“, sagte Wagner. „Nichts weiter. Ein nervlicher Zusammenbruch…Ich weiß doch, dass diese Dinge, die ich erzähle, irrsinnig klingen müssen. Sie sind es sicherlich auch, aber das hilft mir nicht, wenn Sie verstehen? Nur weil ich weiß, dass es verrückt ist, macht es das nicht weniger real für mich, verstehen Sie? Da habe ich mich eben in einem Wutanfall entladen, habe mein Badezimmer zertrümmert, weil ich…weil ich…“

Doktor Trip sah ihn über den Rand seiner Brille hinweg verständnisvoll an. Mit so einem fragenden Unterton, der vielleicht noch schlimmer als Spott oder Unglaube war für ihn.

„Weil ich dachte, dass mein eigener Schatten sich gegen mich verschworen hat. Dass mein Spiegelbild mich töten will, verstehen Sie? Nicht nur einfach so, sondern wirklich, tatsächlich. Dass es sich geschworen hat, mich zu ruinieren und zu ermorden.“

Beschämt senkte er den Blick, starrte auf die verbundenen Hände in seinem Schoß. So viel wenigstens war wirklich. So viel konnte er für real halten.

Für einen Augenblick war nichts weiter zu hören als das kratzende Geräusch eines Federhalters auf Papier. Dann seufzte der Arzt und blickte ihn wieder an.

„Nun, Herr Wagner…das ist nichts ungewöhnliches, auch wenn Sie es glauben mögen. Ein momentaner Fall von paranoider Schizophrenie…Nicht Verrücktheit, beruhigen Sie sich. Eine kurzzeitige Umnachtung ist normal. Sie glauben nicht, wie viele Menschen ich jede Woche wegen solcher Dinge berate. Die Schuldgefühle und die Scham, sich mitzuteilen, machen diese Sache noch schlimmer. Es ist gut, dass sie so früh zu uns gekommen sind. Ehe diese Art von Gedanken Wurzeln schlagen und ihre Persönlichkeit nachhaltig verändern können. Sie müssen das als eine Warnung verstehen, einen Hilfeschrei ihrer Psyche, die nach Ruhe verlangt und Umsicht.“

Es folgte eine Reihe an Formalitäten. Man gab ihm eine Überweisung für einen Psychiater mit und empfahl ihm strengstens, für einige Tage völlig abzuschalten. Sich von der Hektik und dem Rummel, den er selbst geschaffen hatte, zu distanzieren. Digitale Entgiftung, nannte der Arzt das.

Neben einem unaussprechlichen Beruhigungsmittel mit gänzlich zu vielen Silben legte man ihm nahe, noch am nächsten Morgen einen Nervenarzt seiner Wahl aufzusuchen. Es müsste nicht gleich das Schlüsselburg Sanatorium sein, ein Therapeut in der Nähe seiner Wohnung sei ausreichend.

Wagner fand seinen Weg nach Hause im Licht der Straßenlaternen und Werbetafeln. Es war einfach genug, soald er erst einmal seinen Kopf beruhigt und an einer Haltestelle des öffentlichen Verkehrs eine Karte ausfindig gemacht hatte.

Er hatte ein gutes Stück Weg in seiner früheren Besinnungslosigkeit zurück gelegt. Eine gute Stunde dauerte es, bis er in einer ihm bekannten Gegend war. Noch einmal eine halbe, bis er in seine eigene Straße einbiegen würde.

Er ging zu Fuß. Nicht nur der Bewegung wegen. Auch wenn die Luft nicht unbedingt frisch zu nennen war bei dem ununterbrochenen Verkehr, aber sie kühlte ihm den Kopf. Er musste einmal hinaus. Das war es gewesen, der größte Teil jedenfalls. Er hatte sich selbst eingesperrt und wieder einmal ignoriert, dass sein Leib Forderungen an ihn stellte auch jenseits von Wasser und Brot.

Als er in die Kantstraße einbog, erstarrte er.

Er wohnte dort, in der Nummer 24, in einer kleinen Wohnung im vierten Stock, über einem kleinen Tabakladen und Kiosk.

Der Bürgersteig rund um den Eingang war abgesperrt. Um einige Möbel, die auf dem Asphalt zerschellt waren, lag Glas. Größere Brocken, die aus einem Fenster im vierten Stock stammen mussten. Auch die Möbel sahen seinen zum verwechseln ähnlich, abgesehen von den dunkelroten Flecken darauf. Flecken wie von roten Händen, die sie in Zorn gepackt und geschleudert hatten.

Aus dem Fenster, durch die Scheiben hindurch, die verteilt auf dem Gehweg lagen.

Unweit seiner Haustür stand ein Streifenwagen der Polizei, in diesem hässlichen Jagdgrün auf weiß. Er hatte seine Besetzung vor dem Haus ausgespien, wo sie warteten. Einer von ihnen sprach mit dem Besitzer des Lädchens unterhalb seiner Wohnung., der zweite lehnte am Hauseingang, beobachtete, rauchte.

Durch die Überreste seines Wohnzimmerfenster hindurch sah Wagner Bewegung. Ein dritter wahrscheinlich, der sich durch das vermutete Chaos in der Wohnung wühlte.

Wagner starrte in Unglauben hinauf. Er…erinnerte sich nicht an diese Szene. Nicht an die Möbel, nicht an seine Wut, nicht an seine völlige Zerstörung seiner Wohnung.

Der Polizist am Hauseingang löste sich von seiner Zigarette, kam herüber zu Wagner. Er trug ein unverbindliches Lächeln im Gesicht.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte er.

„Ich ähm…Nein, nein danke. Ich bin nur, nur neugierig.“

Das Lächeln des Polizisten blieb auf seinem Gesicht. Er schien Gaffer gewöhnt zu sein.

„Dann gehen sie bitte weiter, mein Herr. Es gibt hier nicht viel zu sehen. Wir kümmern uns schon darum, dass hier aufgeräumt wird, machen Sie sich da keine Sorgen.“

Sein Blick fiel auf die bandagierten Hände Wagners, in denen er das kleine Tütchen trug, das ihm der Arzt gegeben hatte. Das mit den Salben, dem Beruhigungsmittel und weiteren Bandagen.

„Sind Sie sicher, dass es Ihnen gut geht?“, fragte der Polizist mit erhobener Augenbraue.

Endlich löste Wagner den Blick von seinem zersplitterten Wohnzimmerfenster.

„Ich…ich wohne hier“, sagte er schlicht. „Denke ich.“

Grotesk – Teil IV: Eingesperrt

Sein Spiegelbild starrte ihn aus der Finsternis heraus an. Wagner starrte zurück, regungslos. Er atmete, gepresst und angestrengt.

„Was wollen Sie?“, fragte er.

Die verzerrte Stimme aus dem Telefon lachte, gluckste mehr. Es war ein bitteres, morastiges Geräusch. Als würd der Ton aus großer Tiefe sich langsam, unendlich langsam, einen Weg zur Oberfläche bahnen durch Matsch und Sumpf.

„Wir wollen nur, dass du zu reden aufhörst.“

„Sie wollen mich mundtot machen?“

„Sowas in der Art.“

Wagner blickte an seinem Spiegelbild vorbei, die Straße herauf und herunter. Die Stimme kam ihm bekannt vor. Er überlegte, wer es gewesen sein könnte, wer von den Männern, die er vor einigen Nächten im Grotesque Guignol fotografiert und nur wenige Tage darauf an die Öffentlichkeit verraten hatte, eine solche Stimme besaß. Sie war ihm bekannt, so viel wusste er. Vertraut wie ein Teil seiner selbst, aus irgendeinem Grund, und doch so völlig anders. Fremd irgendwie, wie ein Bekannter, den man für lange Jahre nicht gesehen hat und der unkennbar geworden war.

„Eigentlich“, fuhr die Stimme am Telefon fort, „Will ich dich zum Reden bringen. Aber mehr über ein paar Dinge, die du lieber nicht sprechen würdest. Ein paar andere…Lügen? Oder Halbwahrheiten, die du so verbreitet hast. Du weißt schon. An Stelle von denen, die du der Presse über uns erzählen willst.

Deine sind so viel spannender für die, findest du nicht auch?“

Wagner drückte den Anruf weg.

Seine Hand sank, zitternd, und mit ihm das ausgeschaltete Telefon. Er schloß die Augen, lehnte die Stirn gegen das kühle Fensterglas.

Sein Kopf schmerzte. Die Angelegenheit war soeben um einiges komplizierter geworden. Hatte er erwartet, dass die Leitung des Guignol seine Indiskretion einfach so hinnahm? Nein. Nein, natürlich nicht, das wäre idiotisch gewesen. Aber er hatte mit ein wenig mehr Zeit gerechnet. Und damit, dass man zuerst persönlich den Kontakt zu ihm suchen würde. Nicht, dass man direkt…tat was auch immer das gewesen war.

Er ging zu seinem Rechner hinüber, löste die Verbindung zum Internet und allen Funknetzwerken. Nur, um sicher zu gehen, kopierte er sämtliche seiner wichtigen Unterlagen auf seine tragbare Festplatte. Ein kleines Ding, das bequem in seine Hosentasche passte.

Wer wusste schon, worauf diese Leute aus waren? Es war besser, wenn er ein paar ihrer Gesichter auf einem Foto hatte. Nur, falls die Sache wirklich illegal werden sollte. Noch wusste er nicht, wie er reagieren sollte. Aber er war sicher, dass er etwas tun musste. Die Stimme hatte nicht gewirkt, als ob sie Dinge bei einer Warnung belassen würde.

Als er in dieser Nacht zu Bett ging, ging er mehrfach sicher, dass die Eingangstür abgeschlossen und sämtliche Fenster verriegelt waren.

Der nächste Tag verging in einem ereignislosen Brei aus Anrufen und Enttäuschungen.

Gegen Mittag hatte Wagner sich dazu durchgerungen, die Polizei einzuschalten. Man hatte ihn mehr oder minder bedroht und es wäre sicherlich das beste, diesen Schritt zuerst zu tun.

Das Gespräch verlief im Sand. Es klingelte eine Weile, dann meldete sich einer der Beamten der örtlichen Behörde. Wagner stellte sich und seinen Fall lang und breit vor, stieß aber auf taube Ohren. Der Mann hörte ihn nicht oder wollte ihn nicht hören. Statt sich seiner Sache anzunehmen, verwies er auf die „permanente Besetzung der Zentrale“ und dass man Anzeigen vor Ort aufgeben müsse.

Wagner war die Sache zunächst sehr seltsam vorgekommen. Der Mann hatte nicht den Eindruck gemacht, als hätte er ihn verstanden oder auch nur gehört. Gelangweilt und monoton hatte er eine einstudierte Litanei herunter geleiert, die überhaupt nicht auf Wagners Beschwerde einging.

Das Gefühl, nicht gehört zu werden, verstärkte sich im Lauf des Tages noch, als einige andere Anrufe bei ihm eingingen. Markus versuchte es zwei oder drei Mal, sehr überrascht, dass Wagner anscheinend doch dem Redakteur der WORT abgesagt hatte. Einige kleinere Zeitungen riefen an, um doch Interviews zu ergattern. Ebenso ein Galerist, mit dem er eine private Ausstellung geplant hatte.

Keiner von Ihnen schien ihn zu verstehen, wenn er abnahm und mit ihnen reden wollte. Sie alle wirkten, als ob sie auf ein Tonbandgerät sprechen würden.

Nach dem vierten Anruf dieser Art, sah Wagner es ein. Es war offensichtlich, dass seine Telefonleitung von dieser Stimme kontrolliert wurde.

Dennoch zögerte er, das Haus zu verlassen und selbst zur Polizei zu gehen. Vielleicht war es genau das, worauf diese Leute warteten? Auf seine kurze Abwesenheit, um einbrechen und seine Photographien stehlen zu können? Nicht, dass sie über Gebühr wertvoll wären. Aber er hatte immerhin noch einige eindeutigere Fotos von diesem Abend und wenn Sie verhindern wollten, dass er mehr als nur die schlechten verbreitete…

Da, wieder, hörte Wagner es und unterbrach seine Gedanken. Ein Klingeln. Ein impotentes, schrilles, nerviges Klingeln. Wie ein Kind, das in der verlassenen Wohnung schreit. Wie eine Alarmanlage, die in der Nacht anspringt, ohne von einem Dieb ausgelöst worden zu sein.

Das gleiche, exakt identische Geräusch, wie er es in den letzten Tagen so oft gehört hatte. Weil seine Nummer gefragt war, weil gefühlt tausend Leute ihn angerufen hatten wegen ihrer stupiden Fragen, wegen Gerüchten, Bitten um Interviews – und alle hatten Sie ihn ignoriert, wenn er doch einmal abgehoben hatte.

Er saß auf seiner Couch, eine Kaffeetasse umklammert, und starrte verärgert auf das Mobiltelefon auf seinem gläsernen Tischchen. Ihm gingen die Ideen aus, wie er reagieren sollte und so reagierte er überhaupt nicht. Er wartete, dass der Sturm an ihm vorbei zog.

Irgendwann, wenn sie niemanden erreichten, würden die Anrufe schon aufhören. Man würde ihn in Ruhe lassen, einfach aufgeben und sich interessanteren Dingen widmen.

Er musste nur lange genug nichts tun, redete er sich ein. Lange genug tot spielen. Solange sie von ihm nichts bekamen, wäre alles in Ordnung.

Es klickte, als die Mailbox wie gewohnt den Anruf für ihn engegen nahm. Die Stimme eines Journalisten ertönte, die Wagner schon einmal gehört hatte. Gestern oder wann auch immer.

¨Herr Wagner, tut mir Leid, Sie schon wieder zu stören. Andersen der Name, Andreas. Hören Sie, wir würden wirklich gerne Ihre Seite der Geschichte hören. Wir kennen solche Spielchen, lassen Sie uns das Geziere und Gezittere doch einfach überspringen, Herr Wagner. Lassen Sie mich Sie doch zu einem Kaffee einladen und wir können alles besprechen, keine Kameras oder Tonbandgeräte, Ehrenwort. Was hielten Sie von nächstem Dienstag, so gegen 16 Uhr, vielleicht im Stehely?“

Wagner starrte das Gerät weiterhin garstig an. Er hatte sich nicht bewegt, hielt seine Tasse fest, als wäre sie ein Rettungsring. Einfach ignorieren, dachte er. Einfach ignorieren, dann verlieren die irgendwann das Interesse, wenn die Geier nichts mehr bekommen.

Woher diese plötzliche Verachtung für die Presse kam, konnte er nicht sagen. Womöglich war es das Gefühl, das ihn bei jedem ihrer Anrufe seit gestern beschlich. Dieses Gefühl, dass all das ein schlechter Scherz war. Dass es nicht wirklich Journalisten waren, von denen er hörte. Sondern dass es diese Stimme war, die sich dafür ausgab. Um ihm Geheimnisse zu entlocken womöglich, auch wenn er diese von selbst teilen wollte – nur nicht mit ihm. Er konnte sich des Gedankens nicht erwehren, dass womöglich – nur womöglich – all das ein kompliziertes und unnötiges Spiel war. Eine Scharade, die um seinetwillen aufgeführt wurde.

Dann…ein weiteres Klicken, eine Art von Tuten, das ihn in seinen Gedanken doch noch erreichte. Als ob jemand den Anruf entgegen genommen und auf Lautsprecher umgestellt hätte. Der angebliche Journalist bemerkte es ebenfalls.

„Hallo? Hallo, Herr Wagner, sind Sie da?“

Wagner starrte das Gerät auf seinem Glastischchen an. ‚Telefonat läuft‘ stand dort in grünen Lettern auf dem Display, groß und eindeutig. Er hatte nicht abgenommen. Dann, Stück für Stück, überkam ihn eine Welle aus Furcht, deren Grund er nicht kannte. Sie bahnte sich ihren Weg von der Spitze seines Nackens aus, wo Wirbelsäule und Schädel zusammenwuchsen, und schwappte über seinen zusammengekauerten Körper. Seine Nackenhaare stellten sich auf.

Eine Stimme antwortete dem Journalisten, ohne dass Wagner den Mund geöffnet hätte. Die selbe Stimme, die er gestern Abend gehört hatte, die ihn verspottet hatte. Nur war sie weniger blechern. Weniger von Statik und Elektrik und Leitungen und der Übersetzung in elektrische Signale verzerrt. Sie war klarer, eindeutiger menschlich, auf eine seltsame Art und Weise.

Und es war seine eigene Stimme, die ihm und dem Journalisten aus dem Telefon entgegen schallte.

„Herr Andersen, bitte verzeihen Sie, ich war indisponiert. Schwer beschäftigt, leider. Nein, also Dienstag geht nicht. Was halten Sie davon, wenn wir das rasch jetzt machen? Haben Sie Zettel und Stift?“

Wieder der Journalist. Er schien leicht verwirrt, überrascht von so viel plötzlicher Offenheit nach so langem Schweigen. Wie auch Wagner.

„Ähm…Ja, ja natürlich. Warten Sie einen Augenblick. Also es geht uns in der Hauptsache um ehm, nun ja, um ihre…Wir haben natürlich das Bild gesehen, das Sie vom Guignol geschossen haben. Sehr interessant. Uns würde interessieren, wieso Sie sich entschlossen haben, das Schweigen zu brechen, gewissermaßen. Ihres sind die ersten Bilder, die wir aus dem Inneren erhalten haben seit bestimmt Mitte der siebziger Jahre…“

Hastig schob der Mann nach: „Und natürlich was Sie von Fotografie denken, warum Sie Künstler geworden sind. Womit Sie angefangen haben.“

„Ich habe als Modefotograf begonnen“, sagte seine Stimme, ohne dass Wagner etwas dagegen tun konnte. „Leicht verdientes Geld…und diese Leute lassen alles mit sich machen. Wenn Sie ein Prominenter sind wie ich und eine Kamera haben…Können Sie alles mit denen tun. Sie anfassen, angrabschen, sie in kompromittierenden Posen fotografieren. Ich weiß nicht, ob Sie wissen, wie das ist? Es ist leicht, sie zu etwas…freizügigeren Fotografien und Portraits zu überreden. Alle machen das, wissen Sie das nicht? Und überhaupt, manche müssen sich ein wenig anstrengen, um in dieser Branche weit zu kommen. Models müssen gut aussehen. Wie soll man das sonst sehen?“

Wagner war entsetzt. Er langte nach vorn, bemühte sich um Schadensbegrenzung. Er versuchte, das Gespräch abzubrechen, drückte den großen, roten Abbrechen-Knopf.

Weder das Telefon noch die Stimme, die sich an seinerstatt mit dem Journalisten unterhielt, ließen sich beirren.

Unverständig starrte Wagner auf das Gerät in seiner Hand, dessen Bildschirm noch immer leuchtete und ein laufendes Gespräch anzeigte, das er weder angenommen hatte noch überhaupt führte, das sich aber hier und jetzt in seinen eigenen Ohren abspielte. Er schrie es an, brüllte in das Mikrofon, dass der Scherz ein Ende finden sollte, dass es nicht lustig war für ihn. Dass all das infame Lügen wären, die er nie gesagt, nie getan hätte.

Ein Lachen ertönte aus den Lautsprechern. Sein eigenes, falsches Lachen, das er so oft in das Mikrofon seines Telefons gelacht hatte, wenn er mit Bekannten sich verabredet hatte oder mit der Sammlung von Kriechern und Speichelleckern, denen er ihrer Kontakte wegen nachgegangen war.

Seine eigene Stimme verspottete nun ihn und den Journalisten, der eine Story des Jahres witterte.

¨Ein schlechter Witz“, sagte der Journalist mit Ekel in der Stimme. „Sie waren also Modefotograf, bevor Sie Künstler wurden. Und ehm, wie sind sie in das Guignol gekommen?“

„Irgendwie muss man sein Geld ja verdienen, nicht? Fällt ja nicht vom Himmel, dieser Kunstscheiß verkauft sich ja nicht. Da muss man sich was einfallen lassen, um Aufmerksamkeit zu bekommen.“

„Wie meinen Sie das?“
„Sie wissen genau, wie ich das meine“, sagte Wagners Stimme. Der Eindruck eines Grinsens erschien vor Wagners geistigem Auge. „Das bleibt unter uns, nicht? Aber Sie glauben nicht wirklich…Ich hab es Ihrem Kollegen schon erzählt. Sie glauben nicht wirklich an diesen Menschenopfer-Scheiß, oder? Wie bei den Bilderbergern? Nein, nein, nein. Es funktioniert aber, oder nicht? Hier sind wir und sie wollen ein Gespräch mit mir abdrucken, des Skandals wegen. Der Aufregung wegen. Das macht Ihnen hoffentlich nichts aus, dass es gefälscht ist? Euch stört das ja nicht, oder?“

Wagners eigene Stimme fuhr fort, Lügen über ihn zu erzählen. Er war wie gelähmt, festgefroren mit einem entsetzten Starren im Gesicht. Erst, als sie von weiteren Fälschungen berichten wollte, löste sich seine Starre. Seine Fingernägel bohrten sich in die Plastikverkleidung. Zorn überlief ihn, heiß und stechend.

Er war ein Lügner, ja. Ein Fälscher, ja. Aber er hatte nie etwas anderes gefälscht als sich selbst, hatte nie etwas anderes fälschlich präsentiert als seinen eigenen Charakter und sein Leben. Seine Werke waren echt, allesamt echt und das hier war eine Beleidigung, ein Affront seiner gesamten Integrität.

Er schleuderte das Telefon fort. Das Gerät prallte auf die Wand, das Gehäuse zerplatzte. Die Stimme des Journalisten zerknackte wie eine Nuss, als das Gerät auf die Wand prallte. Akku und Bildschirm flogen in unterschiedliche Richtungen davon, schlitterten über das Parkett in eine dunkle Ecke.

Vorsichtig näherte sich Wagner dem Gerät, fast ängstlich, als ob es beißen würde. Oder gleich erneut Lügen spucken würde, mit einem Hohngelächter seiner eigenen Stimme, ob es erneut von selbst zum Leben erwachen und ihn mit seiner eigenen Stimme verspotten würde.

Es schwieg und mit ihm die länger werdenden Schatten des Nachmittags.

Es knackte aus den Lautsprechern in der Küche. Er fuhr zusammen, stieß mit dem Rücken an die Wand. Unter seinen Füßen knackten die Reste seines Telefons.

¨Keine Sorge, das Telefon ist normal. Um deinen Kopf würde ich mir aber Sorgen machen.¨

Erneut seine eigene Stimme, die ihn verspottete. Diesmal löste Wagner sich schneller aus seinem Entsetzen. Seine Faust krachte gegen die Lautsprecher, riss die Geräte aus der Halterung, mit der sie unter den Schränken verschraubt waren, zerrte sie aus der Steckdose und schleuderte sie zu dem Telefon auf den Boden.

Das unsägliche Lachen erstarb zusammen mit der Elektrizität.

Wagner floh. Er floh, wie er nur einmal in seinem Leben geflohen war. Vor Jahren, als seine Ex ihn verstoßen hatte wegen seiner Erbärmlichkeit.

Er rannte ins Badezimmer, stolperte auf dem Weg fast über den gläsernen Couchtisch, der sich ihm nur in den Oberschenkel rammte. Die Tür krachte hinter ihm ins Schloss.

Mit dem Rücken dagegen sank er zusammen, die Hände gegen die Ohren gepresst. Seine Nerven, sagte er sich. Seine Nerven, ganz sicher, waren nur überreizt. Er schlief wenig und er ging wenig hinaus, hatte bestimmt seit Tagen mit niemanden mehr gesprochen, der ihn nicht anödete. Er hatte zu lange und zu ausgiebig die Welt durch den Sucher seiner Kamera beobachtet. Hatte zu lange den kleinen, perversen Beobachter gespielt ohne sich normal zu benehmen. Und jetzt, jetzt fühlte er eben wie das war. Wie das war, beobachtet zu werden, verfolgt von jemandem, der alles festhielt, selbst die schmutzigsten Gedanken und Gefühle.

Und diese Ersatzmenschen, diese halben Figuren, als die sich mancher in seinem Umfeld zu präsentieren versuchte, waren eben nur das: Ersatzmenschen. Kaum fassbare, nicht greifbare Dinger, die Worte absonderten, die sie für clever hielten. Denen er Worte entgegen warf, die er für schlau hielt. Nichts echtes, fleischliches, nichts mit dem man sich berühren konnte.

Seine Hände lösten sich von seinen Ohren, er öffnete die Augen.

Er befand sich im Bad. So viel wusste er. Das war genug, darauf konnte er bauen, das war eine einzige, zuverlässige Sache. Wo er sich befand, was er sah und roch und spürte. Er sah die weißen Fliesen vor sich, die grau waren, und er sah das blickende Licht der Waschmaschine. Er roch den muffigen Abfluss, der falsch eingebaut worden sein musste und in dem das Wasser stand und faulte. Er spürte die Badezimmertür in seinem Rücken, die Stücke seines Telefons unter seiner Ferse.

Sein Atem beruhigte sich, während er in der Dunkelheit saß.

Johann Wagner stemmte sich auf, seine Hände tasteten nach dem Lichtschalter.

Nur eine kurze Ablenkung, sagte er sich. Vielleicht eine kleine Reise, nur für ein paar Tage. Um die Nerven zu beruhigen. Den Kopf frei zu kriegen und weg zu kommen für einige Zeit. Bis alles vorbei ist. Bis diese endlosen Telefonate aufhören und Anrufe und das Generve…

Das Licht flackerte ins Leben, leuchtete das Badezimmer aus mit diesem gräßlich kalten Licht, das sich von den weißen Fliesen zurück warf, von den weißen Wänden, der ganzen Keramik und den Spiegeln an den Türen des Medizinschränkchens über dem Waschbecken. Dieses helle, klinische Licht, das alles ausleuchtete und nichts zurück ließ, keine dunklen Ecken. Das jede noch so kleine Unreinheit seines Gesichts ausleuchtete.

Keine Zweifel, dass er sich im Bad befand.

Kaltes Wasser presste sich in sein Gesicht, wieder und wieder. Für einen kurzen Augenblick verdrängte es alle Gedanken aus seinem Kopf. Alle bis auf den einen, den primitivsten: Zu viel Wasser, keine Luft. Ein Gefühl wie Ersticken, schreiende Lungen.

Seine Gedanken waren klarer, sein Puls kälter geworden, schärfer. Er war sich seines Körpers bewusst, als er nach Luft schnappte, sich seiner Lebendigkeit bewusst wurde. Seine Nerven waren es, die ihm einen Streich spielten. Ganz sicher.

Ein kurzer Urlaub, sagte er zu sich selbst und griff blind, noch mit Wasser in den Augen, nach dem Handtuch. Er würde eine alte Bekannte, eine flüchtige Liebschaft, anrufen. Notfalls auch zwei oder drei, bis eine sich bereit erklärte, spontan mit ihm zu verreisen. Bloß fort von hier, für ein paar Tage jedenfalls. Wohin war gleichgültig, mit wem war gleichgültig. Hauptsache nicht allein sein mit sich selbst.

Er tupfte sich das Gesicht ab, sah in den Spiegel.

Und erstarrte.

Nicht etwa, weil er etwas gesehen hätte, das ihn verwirrt oder aus der Bahn geworfen hätte. Tatsächlich gab es nichts im Spiegel, das ihn verstörte.

Das war präzise das Problem: Dort in den Spiegeln über dem Waschbecken, in denen er sich täglich rasierte und frisierte, war nichts sichtbar als das etwas zu grelle Licht der Glühbirne, das sich von den weißen Fliesen und der Keramik weiter warf. Er sah die Badewanne mit dem albernen Duschvorhang mit den beiden Handabdrücken darauf, sah die Waschmaschine daneben, auf der sich so viele seiner Tinkturen, Cremes und Sprays befanden, die er sich dann und wann leistete. Und er sah die Toilettenschüssel hinter sich. Und den Spiegel hinter sich, in dem sich die Leere zwischen dem Badezimmerschränkchen und dem rückwendigen Spiegel endlos wiederholte, wie in den Spiegelsälen oder einem Kaleidoskop.

Dort, wo er sich befinden sollte, wo sein Spiegelbild ihm mit roten Augen und nassen Haaren entgegen sehen sollte – war nichts. Eine große Leere, durch die hindurch er ungehindert auf das Badezimmer blickte.

¨Man, du bist noch kranker im Kopf, als ich gedacht hätte. Vielleicht solltest du einen Urlaub nehmen. Irgendwo weit weg. In Amerika oder so.¨

Eine Stimme war von hinter ihm gekommen, aus dem abgeschlossenen Badezimmer, in das er sich geflüchtet hatte. Seine Stimme, seine ganz eigene, die ihn am Telefon verhöhnt hatte. Von der er sicher war, dass es Einbildung war oder ein technischer Trick.

Er starrte in das leere Glas vor sich. Starrte durch sich hindurch. Tastete mit der Hand danach.

Wagner sah seine Hand – aber nur einmal. Seine echte, fleischliche Hand, direkt vor sich. Jenseits des Glases…war nur das Badezimmer. Leer und ohne ihn.

Sein Spiegelbild betrat das Badezimmer von der Seite her. Vom Spiegel auf der Rückseite. Es bereitete ihm Kopfschmerzen, sich klar zu machen, was geschah. Sein Spiegelbild stand in der Reflexion des Spiegels, in dem er stand. Nur ein einziges Mal, nicht noch einmal gedoppelt, stand es in seinem Rücken. Es sah anders aus, als er sich selbst immer gesehen hatte. Es grinste, das selbe jugendliche Grinsen, das er an sich so mochte. Es wirkte obszön, wie bei einem Knaben, dem man die schmutzigen Gedanken ansah.

Wagner drehte sich langsam um. Dort hinter ihm, mit dem Gesicht spöttisch verzogen, stand er selbst. Das heißt sein Spiegelbild, das sich ohne sein Zutun bewegte.

¨Was bist du?¨, fragte er das offensichtlichste.

Sein Spiegelbild lehnte sich vor, als ob es aus dem Spiegel selbst heraus brechen wollte. Das Gesicht im Glas wurde ernster, unbewegter. Es wirkte wie eine schlechte Puppe. Als müsste es erst noch lernen, sich selbst zu kontrollieren, frei von Wagner selbst zu bewegen.

¨Ich bin du. Ich bin das Abbild von dir, das du so gerne ausstellst. Die zurecht gemachten Bilder, mit denen du Anderen ein glückliches Leben vorlügst. Ich bin die Lügen, die du dir morgens im Spiegel zuflüsterst, die Lügen, die du auf Tonband festhälst. Ich bin dein Schatten, Johnny. Alles, was von dir übrig bleibt, wenn du aus dem Raum gegangen bist.“

Wie einen Schlag traf es Wagner, der gegen das Waschbecken sank, sich daran festhielt wie an einem Rettungsring. Er wollte nicht verstehen. Er konnte nicht verstehen,was

„Nein“, flüsterte er. „Unmöglich, nein. Du…du bist meine Vorstellung, meine Einbildung, nichts weiter. Eine kranke Einbildung meiner Nerven.“

Ein Klingeln unterbrach Wagners hilfloses Gerede.

Das Telefon im Wohnzimmer, das Festnetz. Es klingelte. Die Augen seines Spiegelbildes begannen zu leuchten, huschten zur Seite, auf der sich die Tür zum Wohnzimmer befand.

¨Du wirst mich nie aufhalten, Johnny. Ich bin das bessere Du. Das wahre Du. Und bald werde ich der einzige von uns beiden sein.¨

Wagner starrte in den Spiegel, der wieder leer war. Der Spiegel, aus dem sein Spiegelbild verschwunden war, um erneut in seinem Namen Lügen zu verbreiten.

Es dauerte nur einen kurzen Moment der Fassungslosigkeit, dann hastete Wagner ihm hinterher.

22.Dezember 2017, vor dem Schreiben: 2327 Wörter Danach: 3433

Grotesk – Teil III: Besetzt

Das Klingeln seines Telefons riss Wagner aus seinen Gedanken. Er fuhr sich über die müden Augen, blinzelte. Es war Nacht geworden, spät in der Nacht. In seiner Wohnung war es finster, bis auf das leuchtende Rechteck seines Computermonitors und das bebende Licht seines Mobiltelefons.

Er hatte gar nicht bemerkt, dass er wieder Stunden vor seinen Bildern gesessen und sie manipuliert, sie retouchiert, aufgebessert und neu zusammen gesetzt hatte. Es war zum verrückt werden, wie viele Bilder er doch gemacht hatte, trotz seiner Hemmungen in dieser einen Nacht. Eine Menge davon war wertlos oder nur schwer zu retten. Viele von denen, die er von dem Fräulein Isabelle geschossen hatte, waren verschwommen, unscharf oder unfokussiert. Sie zu retten war ein langer, anstrengender Kampf.

Wagner blinzelte sich die Müdigkeit aus den Augen.

Markus‘ Name und Nummer erschienen auf dem Display seines Handys, in großen, grünen Buchstaben. Seit er ihn beim Mittagessen hatte sitzen lassen, hatte er nicht mehr mit ihm gesprochen. Hatte seine Anrufe ignoriert und hatte nicht das Bedürfnis verspürt, in der Agentur aufzutauchen.

Das war nicht nur gegen Markus gerichtet gewesen. Wagner hatte keinen einzigen Anruf entgegen genommen in den letzten Tagen und war auch nicht viel hinaus gegangen. Einen wirklichen Grund dafür gab es nicht. Er fürchtete sich nicht vor Markus oder vor seiner Schelte. Es gab nur auch keinen wirklichen Grund, die Wohnung zu verlassen. Außer als Selbstzweck, die Wohnung zu verlassen nur um die Wohnung zu verlassen.

Da Wagner es hasste, Dinge nur um ihrer Selbst willen zu tun, war er eben zuhause geblieben. Ohnehin hatte er hier alles, was er brauchte. Hier konnte er sich ungestört in seinen Fotografien verlieren, sie herrichten. Es war ein langer, aufwendiger Prozess, die Details richtig hinzubekommen. Das Bild selbst mit der Kamera vor Ort richtig und passend abzulichten war von zwar von einiger Bedeutung. Aber für ihn war es Rohmaterial, nicht mehr. Eine natürliche Beleuchtung war hübsch genug. Sie reichte aus, ein Kirchenschiff in eine Gruft zu verwandeln, ein gewisses Gefühl zu transportieren. Aber für echte Kunst, die die Grenze übertreten sollte zwischen Wirklichkeit und Traum? Dafür bedurfte es einiger kleiner Veränderungen hier und da.

Mit heutigen Mitteln war es ohnehin keine große Kunst, trotz seiner Isolation präsent zu sein auf die ein oder andere Weise. Er hielt mühelos das Image eines Lebemannes aufrecht, der auf den unterschiedlichsten Veranstaltungen zugegen war, Fotografien von den entrücktesten Orten anfertigte und teilte. Alles bequem von seinem Schreibtisch aus.

Er erlaubte es sich daher, sich zurück zu ziehen. Gleichgültig, ob es gesellschaftlich gern gesehen war. Niemand erfuhr ja davon, dass er sich vier Tagen in seiner Wohnung verkrochen und niemanden gesprochen hatte. Und wenn niemand etwas erfuhr, so war es auch nicht geschehen, soweit es ihn betraf.

Das erneute Klingeln des Telefons brachte ihn zurück in seine dunkle Wohnung.

Er verspürte keinen Drang, abzuheben, und ließ es ohnmächtig nach Aufmerksamkeit schreien. Er stand auf, schaltete das Licht an und machte sich einen Kaffee.

Die Mailbox übernahm Markus‘ Anruf und schaltete von selbst auf laut.

Seltsam, dachte Wagner für einen Augenblick. Er wusste gar nicht, dass die Mailbox das konnte. Aber er störte sich nicht weiter daran. So konnte er Markus‘ Offensive hören, ohne sich die Mühe machen zu müssen, sie später abzuhören. Dafür wäre er nicht in Stimmung gewesen.

„… unverantwortlich!“, plärrte es etwas blechern aus dem Wohnzimmer. „Geh an das gottverdammte Telefon, Johann, ich weiß dass du da bist. Charlie sagt sie kann deine Postings sehen und du bist nicht bei einem Matinee in der Staatsoper, du Lump.“

Wagner lächelte in seine Kaffeemaschine. Die Bilder waren älter, zwei oder drei Wochen. Aber unbestimmt genug, um eine beliebige Veranstaltung der High Society zu sein.


„Der Direktor rennt mir hier die Tür ein“, schimpfte Markus weiter. „Und ich werde nicht für deinen Mist gerade stehen, hörst du? Hör auf mich zu ignorieren, Gott verdammt, geh ans Telefon.“

Der Kaffee begann zu kochen, Wagner wanderte zurück ins Wohnzimmer, um Markus besser zu hören.

Mittlerweile musste das unfertige Bildchen, das er der Zeitung vor einigen Tagen zugespielt hatte, gedruckt worden sein. Er hatte es hier und dort in seinem eigenen kleinen Kreis an Bekannten wieder gesehen. Es erfreute sich einiger Beliebtheit – nicht nur, weil er ein begnadeter Fotograf mit einem Händchen für Stimmungen und Atmosphäre hatte. Er hatte damit ein Tabu gebrochen, mehrere sogar.

Jedenfalls wurde es in den Salons heiß diskutiert. Wie echt es war, wie real die Szenerie mit dem Sterbenden auf dem Altar, mit den Männern und Frauen in feiner Abendkleidung, die sich wie Geier um ihn herum versammelten. Wie ketzerisch die ganze Veranstaltung ausgerichtet worden war, welcher der Anwesenden zu Einflussreichen und Wohlhabenden der Stadt gehörte. Besondrs eine gewisse Art von Zweiflern und Skeptikern verbreitete ganz ohne Wagners zutun eine hübsche Menge an Gerüchten, die mit Bilderbergern und allerlei anderem Unsinn zu tun hatten.

„Ich habe dich gewarnt, Johann“, fuhr Markus aus dem Telefon fort. „Ich habe dich gewarnt und das ist deine Angelegenheit. Nicht meine. Du klärst das. Ich habe den Typen von der Presse deine Privatnummer gegeben, also geh gefälligst ran und kümmer dich da selber drum. Wir sind nicht deine Pressestelle für dumme Ideen.“

Markus beendete das Gespräch. Das Leuchten des Telefons erlosch, noch bevor Wagner es sich hatte greifen können.

Mit seinem frischen Kaffee setzte er sich auf die Couch, ging den Anrufbeantworter durch. Er löschte Markus‘ Nachricht. Er hatte sie gehört und das war es, worauf es ankam. In einigen Tagen würde er sich bei ihm melden. Morgen oder den Tag darauf, wenn er sich in dieser Sache klarer war.

Er fühlte sich nicht gut. Jedenfalls nicht gut genug, um den möglichen Konsequenzen jetzt schon ins Auge zu blicken. Zu sehr gefiel er sich in der Rolle des mysteriösen Künstlers, der unschuldig etwas provokatives veröffentlichte und dann nicht erreichbar war, weil er seinen Kopf tief in der eigenen Kunst vergraben hatte.

Das und weil er zerstreut war. Es kostete Arbeit und Anstrengung, auch ein öffentliches Bild seiner Person gezielt zu manipulieren. Anstrengung, die er nicht aufbringen konnte.

Er schlief schlecht in letzter Zeit, etwa seit er die Bilder weitergeleitet hatte. Dass es sein Unwohlsein über die Veröffentlichung und den Vertragsbruch war oder gar ein schlechtes Gewissen, glaubte er nicht. Er hatte Alpträume, das war alles. Und die hatten eine klare Ursache: Das furchtbare Bild selbst, die Szene, auf der es basierte, dieser ganze scheußliche Abend eigentlich. So viel war selbst ihm ersichtlich, auch ohne Quacksalber und Psychodoktor.

Er träumte wieder und wieder davon. Von dieser Frau, dieser Demoiselle Isabelle, wie sie auf den Altar stieg in ihrem schwarzen Abendkleid, mit ihrem verächtlichen Blick in ihrem kalkweißen Marmorgesicht.

Weshalb er ausgerechnet von ihr träumte und nicht von dem Sterbenden oder dem später hinaus getragenen Leichnam. Weshalb nicht von den kalten, gierigen Blicken der anderen Gäste, sondern von ihrem. Weshalb nicht von dem dementen, erschöpften Geplapper des alten Mannes, sondern von ihrer nüchternen Beschreibung seines Sterbens.

Am nächsten Morgen erinnerte er sich kaum an diese Träume. Sie waren schwache Abdrücke in seiner Erinnerung, die kaum mehr als ein ungreifbares Gefühl hinterließen in ihm. Eine Ahnung von Unwohlsein mehr als eine konkrete Furcht.

Er wusste nur, dass es nicht die Worte waren, die sie tatsächlich auf dieser Bühne gesprochen hatte. Sie waren düsterer, ominöser, und von seinen eigenen Ängsten durchdrungen. Von seiner Furcht, was das hier für sein Image bedeuten würde, von der Angst, von dieser Sache nicht profitieren zu können.

Ihre Worte waren ihm fremd, unheimlich. Wie in einer Sprache, die er nicht verstand.

Die Träume verstörten ihn in einem solchen Maß, dass er sich ein, zwei mal dabei erwischt hatte, wie er den abendlichen Schlaf fürchtete. Er blieb länger auf als für ihn üblich war, verbrachte mehr Zeit bei der Arbeit. Und trank wieder vermehrt, in der Hoffnung, seinen Träumen davon zu laufen.

Nein. Er würde die Sache aussitzen und erst in einigen Tagen aufklären. Wenn die Gerüchteküche ordentlich gebrodelt hätte und er noch einmal Aufmerksamkeit erregen könnte, wenn er „sein Schweigen brach“.

So wie er jetzt war, mit seinen Eindrücken frisch im Gedächtnis, mit seinen Gedanken derart in Unordnung…würde er alles nur noch schlimmer machen. Würde absurde Vorwürfe an ihn bekräftigen und ihnen Nahrung geben.

Ein Vorhaben, das unter einem schlechten Stern stand, jetzt wo Markus sich weigerte, sein Spiel weiter mitzuspielen und ihm die Presse und die Direktion vom Hals zu halten.

Noch am selben Abend rief ihn einer der Redakteure des Schmierblattes an, dem er das Foto zum Vorabdruck zugespielt und ein exklusives Interview versprochen hatte. Das Telefon riss Wagner erneut aus seiner Arbeit, zwang ihn zu einer Rückkehr in die Wirklichkeit seiner Wohnung.

Es war spät geworden, weit nach Sonnenuntergang mittlerweile.

Wagner warf dem unschuldigen Display einen zornigen Blick zu. Als könne das Gerät etwas dafür, wer es anwählte. Der Alte war ihm doch nützlicher, als er angenommen hatte, wenn er ihm solche Störungen vom Hals hielt.

Nur für einen kurzen Augenblick überlegte er, ob er das Telefonat annehmen sollte. Dann besann er sich und schüttelte den Kopf. Er stand auf, streckte sich nach einigen Stunden in der gleichen, ungesunden Haltung.

Der Anrufbeantworter schaltete sich erneut auf laut, er hörte eine fremde Stimme.

„Guten Abend Herr Wagner, bitte entschuldigen Sie die späte Störung. Kaiman hier, Redakteur der Wort. Sie hatten sich vor einigen Tagen bei uns gemeldet, wir konnten Sie leider nicht erreichen. Ihr Agent, Herr Mühsam?, hat uns Ihre Nummer gegeben, sagte wir sollten es gegen Abend bei Ihnen versuchen, Sie seien sehr beschäftigt.“

Wagner grinste schief. Humor immerhin hatte Markus auch in so einer Situation. Oder einfach nur eine gewisse Gehässigkeit. Er ließ das Telefon an seinem Platz auf dem Glastisch liegen, wo er es in der ganzen Wohnung hören konnte. Vor dem Fenster war es finster, bis auf eine Reihe Straßenlaternen, die ein halborangenes Licht verströmten. Das Fensterglas war kühl auf seiner Stirn. Er schloß die Augen, gönnte ihnen einen Augenblick der Ruhe.

„Wir sind sehr interessiert an der Geschichte, die Sie uns in Aussicht gestellt haben, Herr Wagner“, fuhr das Telefon in seinem Rücken fort. „Unsere Teaserstory ist eine der meistgelesensten diese Woche und hat nationale Aufmerksamkeit erlangt. Selbst einige französische und britische Zeitungen haben mit der Bitte um Weiterverwendung mit uns Kontakt aufgenommen. Uns schwebt etwas wie ein exklusives Interview mit Ihnen vor, vielleicht eine Art Homestory. Wenn Sie nebenher Ihre eigenen Bilder promoten möchten, wäre das für uns in Ordnung.

Melden Sie sich einfach bei uns, sobald Sie das hier hören. Meine private Nummer, unter der ich jederzeit erreichbar bin, ist die 0152…“

Ein oder zwei Tage, sagte Wagner sich. Die Kettenhunde von den Medien würden ungeduldig werden, selbst nach einer Story suchen, wenn sie keine bekamen. Sie würden alte Gerüchte über das Guignol aufwärmen und sie ein wenig ausschmücken, bis er ihnen seine eigene vorsetzen würde. Dann würden Sie die verbreiten und sich das Guignol vornehmen – oder jedenfalls seinen Namen ein paar Mal auf dem Titelblatt abbilden.

Ein Signalton erklang.

Wagner entspannte sich. Ein Lächeln zog über sein Gesicht. Er würde berühmt werden – erneut ohne wirklich eines seiner Bilder herumzeigen zu müssen.

Dann erstarrte er.

Der Journalist hatte nicht aufgelegt. Er sprach weiter, als würde er nicht an der Mailbox hängen. Und zu Johanns unendlicher Verwunderung antwortete ihm jemand.

„Jaja, sie müssen mir das nachsehen“, sagte eine fremde Stimme. „Die Presse rennt mir die Tür ein. Sehr gefragter Mann in letzter Zeit bei euch Aasgeiern.“

Der Journalist lachte nervös über diesen schlechten Scherz.

„Ah. Herr Wagner, nehme ich an? Wie schön. Haben Sie den Anfang gehört…?“

„Klar, wer sonst? Hat der Fettsack Ihnen noch eine andere Privatnummer seiner Klienten gegeben? Die seiner Frau vielleicht? Klar hab ich den Anfang gehört. Hören Sie: Die Story ist gestorben. Sagen Sie das auch den Franzacken, ja? Sie sind echt herrlich auf die Fälschung reingefallen. Haha. Haben Sie den Scheiß wirklich geglaubt? Bilderbergertreffen mitten in Berlin? Die Reichen und Schönen, die sich an Menschenopfern aufgeilen. Himmel, das war schon ‘99 ein alter Hut. Aber Danke, dass sie es trotzdem abgedruckt haben, war ein echter Lacher für uns.“

Der echte Johann Wagner, der am Fenster gestanden und mit geöffneten Augen hinaus auf die Straße gestarrt hatte, wirbelte herum.

Irgendjemand erlaubte sich einen schlechten Scherz mit ihm, wollte ihn sabotieren.

Er griff nach dem Telefon, presste es sich ans Ohr. Unruhig ging Wagner auf und ab, redete hektisch auf das Gerät ein.

„Herr Kaiman? Herr Kaiman, bitte verzeihen Sie, ein schlechter Scherz von jemandem. Ich weiß nicht, wem. Ich versichere Ihnen, die Story ist nicht gestorben. Sie wollen ein Interview, nicht? Wann passt es Ihnen, morgen direkt? Ich lade Sie ein, was halten Sie davon? 11 Uhr im…“

„Noch nie in meinem Leben bin ich so behandelt worden!“, schrie es Wagner von der anderen Seite her entgegen.

Es tutete. Der Journalist hatte aufgelegt.

Wagner blieb entgeistert vor dem Fenster stehen.

„Tut mir Leid, Johnny, er hat dich nicht gehört“, tönte es blechern aus seinem Handy. „Ich fürchte die ganze Sache liegt nicht mehr in deiner Hand.“

Wagner starrte entgeistert in die Dunkelheit, suchte nach einem Mann mit Telefon oder nach einem auffälligen weißen Van. Jemand…irgendjemand musste sich einen schlechten Scherz mit ihm erlauben. Musste sein Telefon angezapft haben oder gehackt haben und ihn jetzt…Das war es. Ein Trick. Er musste die Ruhe bewahren, vernünftig bleiben. Sein Mobiltelefon war gehackt worden oder seine Leitung angezapft. Weiter schwer konnte das nicht sein. Die Leute aus dem Guignol mussten jemanden angeheuert haben…

Im Glas des Fensters grinste ihm sein Spiegelbild entgegen. Es zwinkerte ihm zu. Gegen seinen Willen.

Grotesk – Teil II: Verfressen


„Doktor“ Mühsam war ein Mann von erstaunlichem Appetit und Umfang. Nichts, was er je tat, wäre in irgendeiner Art und Weise klein zu nennen. Weder bei seinen Plänen, noch bei einem einfachen Mittagessen kannte er so etwas wie Mäßigung.

Obwohl er dabei oft mit Klienten sprach und Geschäfte abschloss, verbrachte er exorbitant viel Zeit bei Tisch.

Nach den obligatorischen Vorspeisen – heute Ochsenschwanzsuppe und einem Salat – folgte ein reichhaltiger und fettiger Hauptgang. Für gewöhnlich ein gutes Pfund Steak mit Bratkartoffeln, Rippchen oder Eisbein, herunter gespült mit einer guten Quart Wein. Dessert gab es nur an schlechten Tagen, was er aber mit einem doppelten Whisky auszugleichen pflegte.

Heute war ein schlechter Tag. Mühsam rauchte mehr als gewöhnlich und kaute mit hörbarem Ärger.

Johann Wagner störte sich nicht daran, da es Mühsam war, der die Rechnung beglich. Die ersten Male hatte ihn diese Gewohnheit seines Agenten beinahe verstört. Die Monate der regelmäßigen Geschäftsessen hatten ihn aber daran gewöhnt. Auch wenn ihm immer noch für einige Tage danach der Appetit schwand.

Er schwieg in seine Zeitung vertieft. Ihm war nicht nach Reden zu Mute, er glaubte den größten Teil seiner Sache bereits gesagt zu haben und wartete nur darauf, dass Mühsam sein Essen beendete. Und sich ein wenig beruhigte.

Die „WORT“ eine Zeitung zu nennen war dabei eine Beleidigung. Die „WORT“ war, wenn man ihren Lesern glaubte, so viel mehr: Ein Einblick in die echte Welt, die ungeschönte Wahrheit, die die Lügenpresse nie erwähnen würde.

Glaubte man jedem anderen, so war sie ein Schmierblatt der übelsten Sorte, das vor privaten Schmutzkampagnen genau so wenig wie vor politischer Agitation zurück schreckte.

Wagner scherte sich wenig darum. Das Blatt bewahrte ihn davor, sich gegen Mühsam stellen zu müssen, der eindeutig an einer langen und wütenden Erklärung arbeitet.

Das – und er wollte ein besseres Gefühl für das Schmierblatt entwickeln. Er wusste, dass er früher oder später eine gewisse Öffentlichkeit brauchen würde. Als Fotograf und Künstler, wenn nicht als Mensch. Und er hatte eine gewisse Schwäche für die unsinnige Skandalträchtigkeit.

Tatsächlich war genau diese Idee von ihm der Grund dafür, dass sein Agent ihn grimmig anstarrte, als Johann den Fehler machte über den Rand der „WORT“ hinweg zu sehen.

Seinen Blickkontakt nahm Mühsam zum Anlass, loszulegen.

„Schlechte Idee, Johnny“, sagte er zwischen zwei Bissen. „Gefällt mir nicht.“

„Welchen Sinn soll es dann haben, bei einer exklusiven Veranstaltung der Reichen und Eingebildeten dabei zu sein, wenn niemand davon weiß? Gar keinen. Dann wird es sein, als wäre ich niemals da gewesen.“

„Ich weiß es“, konterte Mühsam. „Und deine nächsten Kunden werden es wissen. Sie werden auch wissen, wenn du deine Verabredung brichst.“

„Es ist ein Foto, Markus, um Himmels Willen. Ein verschwommenes, verwackeltes Foto, auf dem nichts zu sehen ist.“

Nicht einmal das Fräulein Isabelle, dachte Wagner und warf die Zeitung frustriert auf den Tisch. Tatsächlich war sie auf keinem einzigen der mehreren Hundert Bilder gewesen, die er in jener Nacht geschossen hatte. Entweder er hatte irgendetwas verwackelt, hatte ihren Platz am Rand der Bühne vom Bild geschnitten, oder sdas ganze Bild war verwischt, unscharf.

Als ob sich die Kamera schlicht geweigert hätte, ein Bild von ihr zu machen.

„Darum geht es nicht.“

Mühsam stoppte sein Essen für einen Augenblick. Er sah ernst aus, den Blick auf Wagner gerichtet, als hätte er das Verbrechen begangen.

„Du hast eine Verabredung mit diesen Leuten gehabt“, sagte Mühsam. „Eine, für die ich lange gearbeitet habe. Brich Sie und die werden dir nie wieder einen Auftrag geben.“

„Soll mir Recht sein.“

„Was zum Henker soll das jetzt wieder?“

„Das soll, dass es mir egal ist, ob ich wieder in diesen Laden gehe.“

Mühsam sah ihn an, als ob er den Verstand verloren hatte. Wagner konnte es ihm kaum verdenken. Für Tage hatte er von nichts anderem geredet als von den Möglichkeiten. Von seinem goldenen Ticket in die hohe Welt der Kunst.

# Heute war ihm schlecht, wenn er daran dachte.

Wagner griff nach der halb leeren Schachtel, die auf Mühsams Seite des Tisches lag. Er zündete eine davon an, lehnte sich zurück.

„Schon einmal drin gewesen?“, fragte er, als er Mühsams Blick bemerkte. „Im Guignol, meine ich.“

„Kenne einige, die mal drin waren. Seltsamer Klub, hab ich gehört. Klang mehr nach einem Irrenhaus als einem Theater.

„Aber du selbst warst nicht dort?“

„Nein, Johann. Nein, ich bin nicht schlank und schön und reich genug, um da rein zu kommen, danke, dass du es erwähnst.“

„Hm“, machte Wagner und rauchte weiter.

Mühsam unterbrach sein Essen. Besteck klirrte auf dem Teller. Er zündete sich ebensfalls eine Zigarette an. Die fünfte für den Mittag, wenn Wagner sich nicht verzählt hatte.

„Wieso fragst du?“

Wagner zuckte mit den Schultern.

„Ist schwer zu erklären. Weißt du…jemand hat an diesem Abend gesagt, dass die Gerüchte und das Hörensagen darüber nicht wirklich an das herankommen, was dort geschieht. Ich meine…Du weißt das genau so gut wie ich, vielleicht besser. Die Gerüchte über die geheimen Logen, über die…animalischen Geräusche daraus. Die Gerüchte über die abartigen Dinge, die dort vor sich gehen. Die illegalen Sachen. Dass die Schauspieler oft genug sterben bei den Aufführungen.“

Seine Kiefer mahlten angestrengt. Als ob die Worte nicht aus seinem Mund wollten. Als ob sich etwas in ihm weigerte, es auszusprechen. Wagner drückte seine Zigarette aus, schüttelte den Kopf.

„Das mit eigenen Augen zu sehen und zu fotografieren ist tatsächlich schlimmer. Ich lege keinen Wert auf die Fortführung dieser Geschäfte, Markus.“

Schweigen. Eine ganze Zeit lang nichts als Schweigen. Mühsam rauchte seine Zigarette ungewöhnlich langsam. Wagner mied seinen Blick. Er hatte sich zur Seite gedreht, die Beine übergeschlagen, und sah sich im Kaffeehaus um.

Es war nicht sonderlich gefüllt und ohnehin mehr eine Art…Geheimtipp. Ein herunter gekommenes Etablissement mit verschlissener Einrichtung. Gelbe, nikotinschwere Vorhänge vor zugigen Fenstern; durchgesessene ehemals blaue Polster vor weißen Marmortischen. Es war modisch, irgendwie, hatte einen gewissen Flair, den Wagner sehr mochte. Wie eine abgerissene Künstlerbar.

Er hatte keine Angst, hier Bekannten zu begegnen oder gar Leuten aus dem Guignol. Trotzdem fühlte er sich unwohl dabei, diese Dinge hier zu bereden. Schmutzig. Als ob er die Geschehnisse jener Nacht damit in den Tag zerren würde, wohin sie jedenfalls nicht gehörten.

„Was hast du gesehen?“, fragte Mühsam schließlich.

„Was auf dem Bild ist“, sagte Wagner tonlos.

„Das habe ich nicht gesehen.“

„Wirst du, sobald die Zeitung es bekommt.“

Mühsam schnaubte. Sein Tonfall verriet, wie wenig er immer noch von dieser Idee hielt.

Er schob den Teller von sich. Offenbar war ihm der Appetit vergangen.

Wagner hatte sich die Einwände durch den Kopf gehen lassen. Alles, was Markus ihm gesagt hatte, hatte er sich selbst in den letzten paar Tagen schon selbst vorgesagt. Es war ein Bruch seines Wortes, es würde seinen Ruf schädigen, es würde garantieren, dass er nie wieder vom Guignol angeheuert würde. Vielleicht würde es ihn andere Jobs kosten und einige Käufer seiner Bilder verschrecken.

Dennoch hatte er heute Morgen eine Mail an die Redaktion der „WORT“ gesendet. Mit einer kleinen Vorschau und der Bitte um baldigen Rückruf, um mögliche – natürlich exklusive – Bildrechte zu besprechen.

Es waren harmlose Bilder, alles in allem. Er hatte die in Auftrag gegebenen Portraits für sich behalten, genau wie alle anderen, auf denen irgendjemandes Gesicht zu erkennen war. Den Auftrag des Guignols würde er noch beenden. Was er als Appetitanreger an die Presse gesendet hatte, war…belanglos, eigentlich. Eine gut gesetzte, aber leblose Aufnahme der letzten Momente aus dem Leben von Georg Schneider.

Der alte Mann auf dem Altar, umringt von Geistern in Leinengewändern. Um ihn her die Kerzen und die Blumen, die die Aufnahme überwucherten.

Das eigentliche Bild war wertlos: Nur das übergroße Gemälde war scharf gewesen, als ob der Engel, der die Teufel und den Altar unter sich in die Hölle trat, der eigentliche Mittelpunkt der Szenerie gewesen wäre. Aber ihm haftete eine gewisse Atmosphäre an. Es transportierte ein Stück des Unwohlseins, das Wagner beim Gedanken an das Guignol empfand.


Es würde ein hübsches, kleines Skandälchen lostreten. Es würde das Guignol erneut in die Presse bringen als einen dekadenten Ort der Sünde, der wieder einmal zu weit ging in seinem Anliegen – und mit ihm auch Wagner.

Die Idee war gut, egal was Mühsam sagte. Der war ein Segen für Wagner, keine Frage. Er war der beste Agent, den er sich wünschen konnte – ein Mann mit Kontakten und einem gewissen hinterhältigen Gespür. Aber er war alt und kam mit der heutigen Zeit nicht zurecht. Vor allem nicht damit, wie wichtig es war, im Gespräch zu bleiben.

12.12, 16 Uhr

„Was hast du gesehen?“

Mühsams Frage riss ihn aus seinen Gedanken. Wagner schüttelte den Kopf, vermied seinen Blick.

„Du wirst es sehen“, sagte er. Sein Mund verzog sich beim Gedanken daran. Als hätte er auf etwas Bitteres gebissen. „Du wirst es sehen, wenn es an der Öffentlichkeit ist. Keine Angst, es wird nichts…nichts ernstes sein. Nur der Beweis. Ich denke am Ende wird es ihnen vielleicht noch gefallen.“

Er lachte, tonlos, und warf sich das Haar zurück.

„Man wird darüber reden, ohne viel unternehmen zu können. Bei solchen Dingen unternimmt niemals jemand etwas. Die werden verurteilt und unter den Tisch gekehrt. Irgendjemand tritt zurück und dann, ein paar Monate später, ist er wieder da. Und ich kann kaum zurück treten von einem Job, der dann schon fertig ist, oder?

Mach dir keine Sorgen, Markus. Es wird nicht auf dich zurückfallen. Es sind Kleinigkeiten, harmlose Kleinigkeiten, über die man reden wird. Die einem schlecht werden lassen und auf so eine perverse Art doch irgendwie erlauben sich besser zu fühlen als Gesindel, das solche Dinge nötig hat. Die bürgerliche Presse wird schimpfen, wie sie es immer tut. Ich werde einige Interviews geben, um mich schadlos zu halten an der ganzen Sache…und dann wird es vorbei sein.“

Mühsam ließ seine Zigarette sinken.

„Meine Güte, Johann. Du bist ganz bleich, was ist mit dir? Geht es dir gut? Was hast du gesehen, dass du…“

„Ich weiß es nicht“, sagte Wagner nur. Er drückte eine weitere Zigarette aus, holte seinen Geldbeutel hervor und warf einige Scheine auf den Tisch. Ihm war die Lust vergangen, Markus zu unterhalten.

„Ich weiß nicht, was ich gesehen habe. Ich weiß ja nicht einmal, was ich nicht gesehen habe. Ob es diese Frau wirklich gab, die auf keinem einzigen meiner Bilder zu sehen ist. Ob es den Mann, den wir wie Geier umkreist haben, wirklich gab in dieser Kirche, unter diesem verdammten Bild. Wenn du dort gewesen wärst, Markus…“

Wagner erhob sich abrupt, ohne seinen Satz zu einem Ende zu bringen. Er hatte Mühsams Blick gesehen. Dass er nicht verstand. Nicht verstehen würde, egal, was Wagner ihm sagte. Markus war ein Relikt, ein Mann der alten Schule für den das Wort alles galt, auch wenn er es gegeben hatte ohne alle Einzelheiten zu kennen. Selbst wenn er herein gelegt worden war würde sein Wort alles gelten.

Nicht für ihn. Für ihn galt, was die Welt von ihm wusste. Und sie würde von ihm wissen, dass er im Guignol gewesen war.

„Tut mir Leid, Markus. Ich muss das tun. Du wirst es verstehen.“

Ohne auf ein weiteres Wort seines Agenten zu warten, griff Wwagner sich seine Jacke und ging.