Elfenbein – Teil III: Ein unerfreulicher Besuch

Auf diesen beinahe ungeheuerlichen und beinahe allen Beteiligten noch für lange Zeit unverständlichen Vorfall folgten einige Wochen von erdrückender Gewöhnlichkeit. Eine Zeit lang verfolgten sie noch die Ideen, die ihnen am Ende jener Nacht gekommen waren, und versuchten in ihren eigenen Laborarbeiten dem Rätsel auf die Spur zu kommen. Die Privatstunden bei ihrem Professor halfen ihnen dabei wenig. Es gab keinen Schall, keinen Rauch, keine Schmerzen und keinen düsteren Meister Josef. Nur den Professor von Falkenrath, der mit geübter Miene die gedanklichen Wunder vollbrachte, die die vier Studenten von ihm bereits gewohnt waren.

Es war ein Rätsel gewesen, das er ihnen aufgegeben hatte und das sich freilich nicht in einigen Stunden lösen ließ und sie so für Monate in Beschlag nahm. Karl versuchte über Wochen hinweg, dem Meister das Geheimnis zu entlocken. Immer wieder hatte er gestichelt, hatte Fragen gestellt, die durchaus hinterlistig und voller Fallen waren – aber umsonst.

Mit der Zeit war er offen provokant geworden. Um irgendeine Reaktion des Meisters hervorzurufen, hatte er vor ihnen allen an den Fähigkeiten des Meisters gezweifelt, hatte sie für Scharlatanerie erklärt und Augenwischerei. Nur um ihn auf irgendeine Weise aus der Façon zu bringen und dazu zu bewegen, sich zu einer Verteidigung seiner Thesen hinreißen zu lassen.

Aber nichts folgte daraus.

Der Meister trug sein überhebliches Schweigen wie einen Mantel, ließ seine Protegés sich den Kopf über das Geheimnis seiner Vorführung zerbrechen. Er demonstrierte nicht noch einmal seine Kräfte, sondern ließ sie experimentieren oder verteilte seltsamste Aufgaben.

Aufsätze über die mögliche Quelle einer Reihe von Versteinerungen im Berlin der Jahre zwischen den Kriegen sollten sie schreiben, weiters Träumereien über die Methoden des Girolamo Segato, der Medusa von Florenz, oder Abhandlungen über den Galvanismus.

Einmal nur deutete er an, von einem Pierre Borel sprechen zu wollen und etwas, dass dieser die „essentiellen Salze“ nannte – zog sich aber rasch von diesem Thema zurück, so als wolle er selbst nicht darüber reden. Als wäre allein die Erwähnung dieses Namens zu viel. In all der Zeit aber verlor er kein direktes Wort mehr über die Prima Materia, die gefunden zu haben er behauptete.

Sie alle waren überzeugt, dass es mit diesem Rätsel etwas auf sich haben musste, noch jenseits des Rätsels selbst. Dass die Lösung, die der Professor von ihnen zu erwarten schien, mit einer Belohnung einher gehen würde, die größer war als das bloße Wissen über des Rätsels Lösung. Eine Idee hatte sich bei Ihnen fest gesetzt, die nichts weniger besagte als dass dieses Rätsel ihre letzte Prüfung wäre. Die eigentlich abschließende Prüfung ihrer Studien bei Professor von Falkenrath.

Karl trieb es in den Wahnsinn. Während die anderen sich in Arbeit stürzten und weiter der Führung des Professors in ihren Studien folgten, verzweifelt auf der Suche nach irgendeinem übersehenen Hinweis, schien er daran zugrunde zu gehen. Wie von einem inneren Zwang getrieben rutschte er über die folgenden Monate in einen Abgrund des Denkens. Sein rechter Arm brannte alle neunundzwanzig Tage: Ein scharfer, reißender Schmerz, von seiner Handfläche bis hinunter zu seinem Ellenbogen, genau entlang der Wunden, die in jener Nacht so schnell verheilt waren. Der Schmerz spornte ihn an, erinnerte ihn daran, dass es keine Einbildung gewesen war.

Es war zu beobachten, wie er sich nach den Stunden mit dem Meister noch in der Nähe des Hauses herum trieb, wie er versuchte außerhalb der strikten Hierarchie des Instituts zu Ergebnissen oder wenigstens Hinweisen zu gelangen. Alles ohne nennenswerten Erfolg. Er fehlte während der regulären Stunden und blieb dem Alltag der Akademie immer häufiger fern.

Kamen seine Mitbewohner – und, wie er langsam zu glauben begann, seine Rivalen um die Gunst des Professors – des Abends nach in ihre gemeinsame Wohnung, so fanden sie ihn im Arbeitszimmer zwischen Büchern versunken. Zwischen dicken Folianten, in Leder eingebunden, die sich mit all dem befassten, wovon der Meister nur in jenen halben Absätzen zu flüstern wagte.

Während Schlüsselburg und Löwenstern darüber spotteten – wann hatte schließlich eine Literaturrecherche je ein naturwissenschaftliches Problem gelöst? Als nächstes würde er anfangen, in der Bibel nach Hinweisen zu suchen – war Georg Strauß beeindruckt und besorgt gleichermaßen. Er und die anderen zwei waren keineswegs faul, sondern schlugen sich die Abende in den Laboren des Instituts um die Ohren und versuchten mit jedem ihnen bekannten Trick die Ergebnisse des Professors zu wiederholen. Woche um Woche verbrachten sie bis spät in die Nacht hinein über ihren Petrischalen und Blutproben, die sie anreicherten, eindampften, potenzierten – alles ohne Resultate, die einer Erwähnung wert gewesen wären. Ihr Wissen und ihre vier Jahre chemisches und biologisches Studium versagten völlig. Und obwohl Karl sich ihren gemeinsamen Laborversuchen und selbst dem gemeinschaftlichen Leben im Dormitorium mehr und mehr entzog, schien er sich vollständig, mit Leib und Seele, diesem Rätsel hinzugeben.

Besorgt war Georg lediglich wegen der Wege, die Karl auf der Suche nach der Lösung einschlug.

Einmal hatte er ihm Abendessen bringen wollen, nachdem er wieder einmal nicht aus seinem Zimmer heraus gekommen war. Georg fand ihn am Schreibtisch, zusammen gesunken zwischen all dem Papier, den Federhalter noch in der Hand.

Vorsichtig hatte Georg einige der Bücher beiseite geschoben und den Teller auf einen freien Flecken Tisch abgestellt. Seine Neugier, mit der er die Buchtitel gelesen und die offenen Abhandlungen überflogen hatte, hatte sich rasch in Sorge verwandelt, vielleicht sogar Angst.

Er kannte nur wenige der Namen und Titel, hauptsächlich aus Andeutungen des Professors. Es waren Namen, die er aus seinen eigenen Studien nicht kannte, die in der Welt der vernünftigen Wissenschaft keine Rolle spielten, die vergessen, verboten worden waren: Ludwig Prinn. Friedrich von Junzt. Olaus Wormius und andre, die selbst in den dunkelsten Tiefen der Pseudowissenschaft nur geflüstert wurden.

Zu blutrünstig waren die Zeichnungen, zu geheimniskrämerisch die verborgenen Andeutungen der Autoren. Georg sah sie nur flüchtig, an diesem Abend überflog nur die Anmerkungen, die Karl auf seinem Notizblock gemacht hatte. Und er war bestürzt.

Es waren wirklich Abhandlungen über den Stein der Weisen, den sie alle noch vor wenigen Wochen zu Irrsinn erklärt hatten. Auszüge und Kommentare zum Buch der toten Namen, wie darin wohl magische und beinahe magische Rituale und Anleitungen enthalten wären, um aus der Seele selbst einen solchen Stein zu fertigen und mit ihm dämonische Wunder zu vollbringen.

Aschebach erklärte später nie, woher er diese Bände hatte, aus welcher scheußlichen Bibliothek er diese düsteren Bücher zog mit ihren Abbildungen, ihren Grausamkeiten und Ritualen, die in dünnster Tinte ihre Obszönitäten verkündeten. Aber es war nicht die naturwissenschaftliche Abteilung ihres Instituts, soviel war gewiss, und Georg wagte es nicht, zu fragen. Mehr und mehr zögerte er, seinem Mitbewohner und Kommilitonen auf seinen Wegen zu folgen. Sie entfernten sich voneinander, in ihren Studien und ihrem Leben, aus dem Karl sich mehr und mehr entfernte.

Immer weniger war er ein Teil der Studiengemeinschaft, die sich in den letzten Jahren im Dormitorium heraus gebildet hatte. Selbst bei den privaten Stunden des Professors war er schweigsam und mürrisch und schlug den gemeinsamen Heimweg aus, um noch ein paar kostbare Minuten auf Falkenrath lauern zu können.

Alles, was Georg als Hinweis auf sein seltsames Verhalten blieb, war ein kleiner Stempel am unteren Rand des Buchrückens gewesen. Ein Zeichen, das er für sich behielt und auch nicht mit den anderen teilte: Soavita.

Karl aber verlor sich in den Büchern, die er aus diesem Loch gezogen hatte, das wohl das Soavita sein musste. Er wühlte in all den Lügen und Geheimnissen nach dem Staubkörnchen Wahrheit, nach dem einen Puzzlestück, das ihm das Rätsel um seine eigene Wunderheilung lösen könnte.

Bis er es gefunden zu haben glaubte.

Bis eines Nachts – Monate, nachdem der Meister seine Fähigkeit demonstriert und sich wieder in Schweigen gehüllt hatte; Wochen, nachdem der Vorfall fast wieder in Vergessenheit geraten war über Prüfungen, über Vorlesungen, Aufsätzen, anatomischen Praktika, nachdem sie sich fast an das seltsame Verhalten Karls gewöhnt hatten – ihn die Erkenntnis traf.
Bis er Georg aus dem Schlaf rüttelte.

Karls Gesicht war rot, trotz des blassen Mondlichtes, das durch die Fenster fiel. Aufgequollen, als hätte er eine Weile nicht geschlafen. Als wären die wenigen Minuten unbequemen Schlafes auf dem Schreibtisch zusammen gesunken die einzigen gewesen, die er in Monaten bekommen hätte.

„Ich habe sein Rätsel gelöst“, sagte Karl, das Gesicht ganz nahe an seinem. Er lächelte breit und irgendwie fiebrig. Er war Georg unangenehm nahe, berührte beinahe sein Gesicht mit seiner Nase.

„Was? Rätsel? Lösung?“, fragte Georg, der sich schlaftrunken aufsetzte. Sie hatten Einzelzimmer, allesamt. Einzelne Zimmer für ihr Privatleben in der großen Altbauwohnung und teilten sich lediglich Arbeitszimmer, Küche und derlei Räume.

Karl war mitten in der Nacht eingedrungen, schien aber nichts ungewöhnliches daran zu finden. Oder seine Erkenntnis für wichtiger zu halten als Georgs Privatsphäre.

Karl nickte.

„Das Geheimnis des Meisters und seiner Urmaterie. Jedenfalls glaube ich das.“

Georg tastete nach seinem Nachttisch, kniff die Augen zusammen, als ihm die Uhrzeit ins Gesicht sprang.

„Es ist drei Uhr in der Nacht“, sagte er gequält. „Kann das nicht warten?“

Karl schnaubte verächtlich und rückte von Georg ab. Sein Geruch blieb noch zurück. Ein Geruch wie von… Leder und Staub, stellte Georg fest. Sein Mitbewohner entfernte sich von seinem Bett und durch das schmale Zimmer. Richtung Fenster, das er ohne zu fragen öffnete und sich hinaus lehnte. Die kalte Nachtluft umspülte ihn, floss an ihm vorbei ins Zimmer und trug mit sich den Geruch von Schweiß und Angst. Ein Geruch, der Georg erst jetzt auffiel.

„Nein“, sagte Karl, schüttelte den Kopf. „Nein, kann es nicht. Das hier ist eine überaus wichtige Angelegenheit. Sie könnte die Welt verändern, verstehst du? Sie könnte…Bei Gott, es ist vielleicht die wichtigste Entdeckung seit dem Penicillin. Wichtiger.“

Georg setzte sich auf, rieb sich die noch müden Augen.

„Warum erzählst du es dann mir?“, fragte er.

Karl drehte den Kopf kurz über die Schulter, betrachtete seinen unfreiwilligen Mitbewohner mit einem Ausdruck, so als sei seine Frage unsinnig und ihm überhaupt nicht in den Sinn gekommen. „Weil ich wissen muss, ob ich verrückt bin“, sagte Karl.

Georg starrte ihn einen Augenblick lang an.

„Was?“, fragte er.

„Es ist…Meine Erklärung für das, was der Professor tat, ist eine ganz und gar irrsinnige. Eine, die ich vor wenigen Wochen noch verlacht hätte, für unmöglich gehalten hätte, selbst als ich in die Tiefen des Geisteslebens vorgestoßen bin. Eine Erklärung, die alles, was ich je geglaubt habe, eine Lüge nennt oder wenigstens eine Täuschung. Was wiederum bedeutet, dass ich womöglich verrückt geworden bin… oder die Welt ist es.

Ich brauche jemanden, der von klarem Verstand ist und darüber urteilen kann, wer der Verrückte ist.“

Karl drehte sich nun vollständig zu Georg, lehnte sich an das Fensterbrett. Es lag keine Freude in seinem Witz, kein schelmischer Witz. Nicht einmal eine Wut, wie er sie vor einigen Wochen gezeigt hatte. Nur kalte, müde Berechnung, die die Möglichkeit seines eigenen Wahnsinns in Betracht zog wie eine volatile chemische Reaktion und Vorsichtsmaßnahmen dagegen traf.

„Das meinte ich nicht“, sagte Georg. Er schüttelte den Kopf. „Ich meinte: Warum erzählst du es mir und nicht einem der anderen??“

Karl zog sich auf das Fensterbrett und holte eine gelbliche, zerknautsche Packung Zigaretten aus seiner Hosentasche. Er hatte zu rauchen angefangen, als einziger von ihnen, während der letzten Monate. Es beruhigte ihn, sagte er, half seinen Nerven und der Müdigkeit. Beschäftigte den Körper, den er mit seinen akademischen Abenteuern so sehr vernachlässigte.

Ungefragt zündete er sich eine an und sagte dann:

„Du bist nicht eifersüchtig auf mich, wie Strauß es tut. Jaja, ich weiß, er ist nicht eifersüchtig, er ist ein arroganter Mistkerl, dessen Überlegenheitskomplex von mir herausgefordert wird und das verträgt er nicht, meinetwegen. Löwenstern neigt er zu Esoterik und diesem ganzen Schwachsinn mit seinem ständigen Eskapismus.“

Karl schnaubte wieder, pustete dabei den Rauch durch seine Nase. Ein langer, anhaltender Strom.

„Nein, du musst mein Verstand sein heute Nacht“, sagte er, „und kein anderer.“

„Und wenn ich nicht will?“

„Werden wir nie erfahren, ob das Elixier der Unsterblichkeit nicht doch nur die Phantasie eines greisen Exzentrikers ist.¨

Georg biss sich auf die Unterlippe. Noch immer starrte er, ohne sich so Recht einen Reim auf diese Angelegenheit machen zu können, zum Fenster, und sah Karl beim rauchen zu. Schließlich, nachdem er wohl eine Weile überlegt hatte, seufzte er.

„Wie stellst du dir die Sache vor?“, fragte er.

„Vertraust du mir?“

„Nein.“

„Gut“, sagte Karl und lächelte wieder dieses melancholische Lächeln, das seine eigene Irrsinnigkeit für genau so möglich hielt, wie seine eigene Genialität.

Georg runzelte die Stirn. Etwas an Karl faszinierte ihn in diesem Augenblick. Etwas an der Art, wie er sich benahm, wie er größere Geheimnisse andeutete, ohne sie beim Namen zu nennen. Die gleiche, unerträgliche Art des Meisters – mit der dieser ihn noch jedes Mal in seinen Bann zog.

„Lass mich erzählen, was ich gefunden habe. Du musst nur zuhören und prüfen, ob ich an irgendeiner Stelle etwas erzähle, das… Nun, nicht unwahrscheinlich scheint, denn alle diese Dinge sind ungeheuerlich, irrwitzig und eigentlich, bei Licht betrachtet, unmöglich. Dennoch ist jeder einzelne Schritt meiner Gedanken logisch gewesen und hat mich zu diesem Punkt geführt. Ich muss wissen, ob sie… nein, ob ich dir irre erscheine, wenn ich sie erzähle. Mehr verlange ich nicht.“

Für einen Moment zögerte Georg. Der junge Mann, der dort am Fenster stand, kaum dreiundzwanzigjährig, schien in diesem Augenblick besessen von irgendeiner Idee. Eine Gewissheit steckte in der lässigen Art, mit der er dort lungerte, und eine Überzeugung, die seinem sonderlichen Verhalten eine gewisse Berechtigung zu sprach – gleich viel, wie sehr Georg sich über diese späte Stunde wunderte.

Schließlich aber nickte er und bedeutete Karl, fortzufahren.

„Ich wusste nicht, ob die wilden Behauptungen des Meisters der Wahrheit entsprachen“, erklärte Karl. „Aber ich hatte zumindest gespürt, was wahr daran war. Dass es kein Trick war, wie du behauptet hattest, sondern tatsächlich…dass tatsächlich eine Kraft in dieser Flüssigkeit lag, die alle herkömmliche Medizin bei weitem übersteigt. Ich habe es damals gesagt, als wir uns darüber unterhalten haben: Was, wenn das Blut wirklich das Leben ist?“

Ich habe der Prima Materia, wie er es nannte, nachgeforscht. Selbst den alchemistischen Unsinn habe ich nicht außer Acht gelassen bei meinen Recherchen, obgleich natürlich vieles davon späteren Beobachtungen nicht stand gehalten hat. Wie du weißt, hat noch Newton selbst einige Experimente dieser Art durchgeführt, hat den lebenden Mineralien nachgespürt und ekstatisch seine Beobachtungen zum Arbor Saturnae festgehalten und von lebenden Steinen und beseelten Geisterbäumen berichtet.“

„Erst in der jüngeren Zeit wurde ich fündig. Eine beiläufige Erwähnung eines gewissen ‚Alchemysten und Chymiker Kunckel‘, der hier, in dieser Stadt, in seiner Goldmacherhütte das rote Elixier herzustellen behauptete. Eine Behauptung, die kühn ist, sicher, so kühn wie die des Professors. Die durch die vielen Gerüchte des einfachen Volkes sicherlich übertrieben wurden – so wie die Gerüchte um diesen Segato und seine Versteinerungs- und Hexenkünste. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass das noch etwas vor der Zeit der Aufklärung gewesen sein muss und in jedem Fall das Volk nur allzu bereit war, Schauergeschichten zu verbreiten.“

Schweigen senkte sich in dem Zimmer, das nur vom langsamen Abbrennen von Karls Zigarette erfüllt war.

„Laut der Gedenksteine, der Tafeln und aller Verzeichnisse starb der Mann, der sich Kunckel nannte, um 1703 herum. Jedenfalls ist dieses Datum auf den Grabstein auf der Pfaueninsel eingetrieben, an der Stelle wo früher sein Laboratorium gestanden haben muss.

Und trotzdem tauchen spätere Schriften auf, deren Verfasser er gewesen sein muss. Schriften unter falschen Namen, die seinem Duktus folgen, seinem Stil. Die seine Theorien aufgreifen, selbst die obskursten und arkanen Sätze von ihm heraus nehmen und seine Experimente bestätigen. Ich habe es selbst geprüft, Georg, ich habe all die Schritte, das ritualisierte Gefasel nachvollzogen und es ist unmöglich. Niemand kann diese Verfahren bestätigen, aber diese Bücher anonymer Verfasser behaupten es im gleichen Atemzug wie sie sein Werk loben.“

Georg zuckte mit den Schultern, ablehnend und wie immer mit raschen Erklärungen bei der Hand.

„Dann irrt sich die Datierung eben, dann hat er ein paar Jahrzehnte länger gelebt und versucht sich selbst seinen Platz in der Geschichtsschreibung zu sichern. Was ist dabei?“

„Ja, das hat er wohl. Länger als es möglich sein sollte. Diese Schriften erscheinen bis fast 1920 – und dann erst unter dem Namen eines gewissen Rudolf Falkenrath…“, sagte Karl.

Georg kniff die Augen zusammen, schüttelte den Kopf, als könne er die Worte aus seinem Geist ausschließen.

„Unmöglich“, sagte er.

„Nicht, wenn er die Prima Materia besitzt“, sagte Karl. „Nicht, wenn er wirklich die Unsterblichkeit erfunden hat.“

„Du irrst dich“, erklärte Georg, schüttelte abermals den Kopf. „Es ist unmöglich. Der Professor ist ein Mann, ein gewöhnlicher Mann, es gibt Aufzeichnungen über seine Geburt, wahrscheinlich seine Schulabschlüsse und weiß Gott was noch. Es ist unmöglich, diese Dinge heutzutage zu vertuschen.“

Karls Gesicht zeigte wieder die Spuren der Wut, die ihn vor einigen Wochen so entstellt und ihn unabsichtlich das Glas hatten zerschmettern lassen.

„Wer redet denn vom alten Falkenrath? Himmel, er ist eine Marionette, eine Puppe. Der Honig, mit dem der wahre Meister seine Fliegen fängt. Der Lockduft des Prestige und der Anerkennung an der Akademie, das wonach sich junge Kerle wie wir sehnen – nach Ruhm und Macht und Lob.

Wozu fragst du? Liegt das nicht auf der Hand, wozu?

So, wie der Alte die Materia hergestellt hat damals, mit einer Menge meines Blutes… machst du dir eine Vorstellung, wie viel Leben es fordert, einen Kelch davon zu erbringen? Wie viel Blut und Leben vergossen werden muss für kaum ein Jahrzehnt seines unheilvollen, perversen Lebens?“

„Du musst dich irren. Du kannst nicht Recht haben.“ Georg war schockiert und wie erstarrt. Er fühlte sich kalt, trotz der lauen Frühlingsnacht vor seinem Fenster fröstelte ihn und er zog die Decke fester um sich. „Du darfst nicht Recht haben“, sagte er und sprach aus, was Karl selbst wohl gedacht, als er ihn geweckt hatte.

„Und wenn es wahr ist? Wenn es doch wahr ist und diese Männer länger auf der Erde wandeln, als es Menschen möglich sein sollte?

Dann haben sie Dinge erreicht, die man uns unser ganzes Leben als unmöglich vorgebetet hat. Kannst du dir auch nur vorstellen, worüber diese Geister sich unterhalten mögen? Können wir uns in unseren kühnsten Träumen auch nur vorstellen, welche Fragen sie nach dreihundert Jahren noch beschäftigen mögen?“

Georg konnte es sich vorstellen. Georg konnte sich erträumen, was für dunkle Geheimnisse diese Männer wohl austauschen mochten. Wie von den Lippen dieses Kunckel die Weisheit dreier Jahrhunderte tropfte. Wie sich in seinem Herz das gestohlene Blut Hunderter sammelte, wie die Leben, die er ihnen gestohlen hatte, den Tod von ihm abhielten und ihm Geheimnisse der Welt zuflüsterten, die zu erforschen mehr als nur ein Leben lang dauern würde.

Er glaubte nicht an diese Prima Materia, diesen angeblichen Urstoff, in den der Meister Blut verwandeln zu können behauptete. Auch wenn er mit eigenen Augen gesehen hatte, wie sich eine klaffende Wunde an Karls Unterarm schloss. Auch wenn der Meister vor seinen Augen das frisch vergossene Blut Karls potenziert und in einen winzigen Tropfen von solcher Macht verwandelt hatte.

Georg konnte nicht daran glauben, durfte nicht.

„Du bist verrückt“, flüsterte er, „Du musst dich irren.“

Karl stieß sich von seinem Platz am Fenster ab. Mit raschen Schritten hatte er das Zimmer durchquert und war wieder bei Georg. In seiner Hand die noch qualmende Zigarette, die sich langsam in den Filter fraß.

Seine Kiefer pressten sich aufeinander, trieben die Sehnen in seinem dünnen Nacken hervor.

Er beherrschte sich, auf Armeslänge von Georg entfernt, der von diesem Ausbruch überrascht und verunsichert war, wie von der ganzen Scharade, die Karl hier aufführte.

Er starrte nur für einige Sekunden, die Hände zu Fäusten geballt. Ein Blick von Enttäuschung, von Verachtung. Von Scham, so viel Zeit und Worte an einen Tauben verschwendet zu haben.

Bis die heiße Glut seine Finger erreichte und sich in sein Fleisch brannte, bis der Schmerz ihn aus seiner Starre riss. Karl zuckte mit der Hand, ließ den rauchenden Stummel fallen.

Ohne ein weiteres Wort verschwand er im Dunkel des Flurs und ließ seinen Studienkollegen allein in dessen Zimmer zurück.

Georg hatte Angst nach jener Nacht.
Nicht so sehr um sich selbst, obwohl er die Tür hinter Karl Aschebach verschloss und bei angeschaltetem Licht auf den Morgen wartete. Obwohl die Anspannung erst von ihm wich, als Strauß und Löwenstern ihm beim Frühstück versicherten, es wäre für sie eine ganz gewöhnliche Nacht gewesen. In der Tat sei nicht die ganze Welt verrückt geworden, sondern höchstens Aschebach, der endgültig von seinen absurden Recherchen eingeholt worden war.

Karl aber blieb fort. Nicht in dieser Nacht und nicht in der folgenden.

Die anderen lachten zunächst und sagten sie hätten es ja immer schon gewusst: Für diesen doppelten Streß und den ständigen Druck zweier Studien gleichzeitig – und das bei ihrem anspruchsvollen und exzentrischen Professor selbst – war er einfach nicht gemacht. Es wäre das beste, wenn er aufgab. So behinderte er sie nicht mit seinen irrsinnigen Ideen und Tagträumen.

Nach vier Tagen wurden auch sie nervös. Georg sah es ihnen an. Trotz der Sticheleien und der abfälligen Bemerkungen, dass Karl wohl das Weite gesucht hatte, war dort Sorge in ihren Augen. Sie blieben wie er lange auf im Gemeinschaftsraum, fanden Ausreden, warum sie sich um Mitternacht noch nicht wie gewöhnlich zurückzogen, sondern mit verstohlenen Blicken auf die Uhr ausharrten und warteten.

Nach sechs Tagen…

Nach sechs Tagen war es Zeit für die nächste Sitzung und ihrer aller Anspannung erreichte ihren Höhepunkt.

Wer nicht zu den Sitzungen des Profesors erschien, wer seine Zeit verschwendete, der war raus. Mit dem wollte Von Falkenrath nichts mehr zu schaffen haben und der wurde von ihm zurück gestoßen in die Bedeutungslosigkeit der tausenden gewöhnlichen ‚Laborratten‘ der Akademie. So wie es vor Karl schon Dutzenden Anderen der „Besten“ ihres Jahresgangs ergangen war, mit denen sie vor Jahren noch das Labor geteilt hatten.

Georg zögerte seinen Aufbruch bis zum letztmöglichen Augenblick hinaus. Unruhig ging er in dem Gemeinschaftszimmer ihrer Wohnung auf und ab, in der vagen Hoffnung, Karl würde noch im letzten Moment durch die Türe stolpern. Betrunken vielleicht oder unter Drogen, seinen Fieberwahn mit irgendwelchen Substanzen erklärend, und Georg könne ihn dem Professor vor die Füße werfen, damit er um seinen Platz am Institut und großherrliche Milde betteln konnte.

Aber Karl blieb fort und Georg nichts anderes übrig, als sich alleine auf den Weg durch das Villenviertel zu begeben, wenn er nicht selbst noch hinausgeworfen werden wollte.

Er eilte sich, zum Anwesen des Professors zu kommen, mit seinem gusseisernen Zaun und dem gepflegten Garten.

Dennoch wagte es nicht gleich, hinein zu gehen. Wagte es nicht, das Haus zu betreten, und fürchtete sich, die Dämpfe einzuatmen, den stickigen Rauch in seine Lungen zu lassen und dem Mann unter die Augen zu treten, der womöglich, vielleicht, mit dem Bösen im Bunde war.

Ein absurder Gedanke, ein irrationaler Gedanke, rief er sich in Erinnerung und trat ein.

Sein Blick glitt langsam durch das Laboratorium des Meisters. Strauß und Löwenstern waren schon länger anwesend. Beide standen am Fenster, die Köpfe zusammen gesteckt. Sie unterhielten sich nicht, blickten sich nicht einmal an, sondern stierten in die Nacht hinaus, jeder ein Gefangener seiner eigenen Stimmung.

Meister Josef kam kurz darauf herein, wie gewohnt in seinem schwarzen Talar. Sein Blick war der eines Habichts, seine Miene hinterlistig und verborgen unter einem halbseidenen Lächeln.
Sie begannen ihren Unterricht, ohne dass Karl Aschebach noch aufgetaucht wäre. Ohne dass der Meister ein Wort über ihn verloren hatte. Stattdessen fuhr er wie gewohnt fort, ihnen die Fehler der letzten Woche aufzuzeigen und sie mit seinen rauchigen Worten auf ein weiteres Experiment vorzubereiten. Eines, dessen Kerntück erneut die Prima Materia sein sollte, jener dickflüssige, geheimnisvolle Stoff, in den er Blut umwandeln zu können behauptete.

Georg erschauderte, als der Meister die kleine Phiole aus seinem Ärmel holte und erneut mit diesem ehrfürchtigen Gesicht zeigte. Mit diesem Blick der Lust und des Fiebers, als trüge er etwas heiliges zwischen seinen Fingerspitzen.

„Das Blut ist das Leben“, flüsterte der Meister erneut.

Und Georg wusste nun woher das Blut kam.

Elfenbein – Teil II: Ein zerrissenes Gespräch

Die frische Abendluft hatte den Bann gebrochen, den „Meister Josef“ über sie gelegt hatte. Mit dem ersten Schritt in den Abend hinein und aus dem privaten Laboratorium des Professors hinaus hatten sich ihre Köpfe geklärt. Stück für Stück waren sie alle wieder zu Besinnung gekommen – Löwenstern und Schlüsselburg lachten bereits wieder über den „Meister“ und seine Tricks.

Über Universitätsprofessor Josef von Falkenrath, Doktor der Biochemie und Lehrkörper an der Akademie, der darauf bestand seine privaten Stunden im altmodischen Talar und mit allerlei Tand und Zauber zu begehen. Derselbe Professor, der ihnen mit seiner Stiftung und Protektion ein gehöriges Maß an universitären Privilegien verschafft hatte. Nicht das geringste darunter war das Dormitorium, das ihnen vom Institut zur Verfügung gestellt wurde und zu dem sie sich rasch nach dem Ende der Privatstunden beim Professor begeben hatten.

Es lag nicht weit vom Anwesen des Professors in Dahlem entfernt, vielleicht zwanzig oder dreißig Wegminuten. „Dormitorium“ war eigentlich schon zu viel gesagt, viel mehr handelte es sich um eine durchaus üppige Wohnung in einem üblichen Wohnhaus. Das Gebäude selbst war dem Charoninstitut der Akademie angegliedert und diente als Unterkunft für einige der Studenten und Stipendianten, die dem Institut besonders vielversprechend schienen. Dormitorium nannten sie es nur, um sich über die altmodische und miefige Art des Instituts und vor allem des Professors lustig zu machen. Beide – das Institut wie auch der Professor – machten ein großes Gehabe um die Geheimnisse, die sie wohl teilten mit den Studenten und dass, nach abgeschlossenem Studium, sie mehr als bloße Menschen wären, sondern Anteil an unfassbaren Mysterien hätten.

Darin zumindest waren sie den arroganten Scharlatanen und Göttern in Weiß nicht unähnlich, zu denen sie sich gerne aufplusterten.

Der Heimweg nach den monatlichen Sitzungen war wie gewöhnlich ereignislos und mit einer seltsamen Stimmung durchsetzt. Sie alle fühlten sich gelöst nach der Anspannung der letzten Minuten und stellten das voreinander ausgiebig zur Schau.

Sie nahmen die knorrigen Treppen mit ihren Eichengeländern zügig, ohne in Schweiß auszubrechen, und scherzten miteinander. Sie warfen ihre dünnen Jacken und Taschen ohne einen Blick nebeneinander in die Ecke ihres gemeinsamen Wohnzimmers.

Es gab, eigentlich, keinen Grund für sie, wachzubleiben.

Der Abend war bereits spät und auch für die Protegés des Professors galten die üblichen Pflichten und Veranstaltungen eines Studenten – der Labordienst begann früh am nächsten Morgen und auch sie waren davon nicht entbunden. Dann hieß es wieder Geräte reinigen und Assistenzarbeiten übernehmen für die Doktoranden und in den Pausen ihre eigenen Arbeiten voranbringen.

Dennoch lungerten sie alle nach ihrer Ankunft in der Wohnung noch im Gemeinschaftsraum herum. Jeder von Ihnen hatte seinen eigenen dünnen Vorwand vorzubringen:

Strauß und Schlüsselburg waren in einem überaus spannendem und wichtigem Gespräch über irgendeine Belanglosigkeit vertieft, einen Film, den sie vor kurzem gesehen oder ein Theaterstück, das sie besucht hatten. Löwenstern hatte sich mit einem Buch in seinen Sessel zurück gezogen und blätterte dort lustlos darin herum. Mehrfach überflog er die selben paar Seiten, blätterte vor und wieder zurück, ohne sich wirklich in der Geschichte über einen nicht existenten Ritter zu verlieren. Aschebach hatte sich rasch einen Gin Tonic eingeschenkt und wanderte unruhig, das Glas in seiner rechten Hand, am hinteren Ende des Raumes entlang. Vor den Fenstern ging er auf und ab.

Sein Verhalten zeigte, wie sich alle im Raum fühlten, auch, wenn sie es nicht offen zeigten: Rastlos und unsicher, was von dem Geschehen des Abends zu halten sei.

Eine Frage hing in der Luft. Eine, auf die keiner von ihnen eine Antwort wusste und sie darum nicht zu stellen wagte.

Karl Aschebach starrte auf seinen rechten Unterarm, wo vor kaum einer Stunde noch ein tiefer Schnitt geklafft hatte. Die anderen drei und ihre Gespräche sanken in den Hintergrund, verschwanden in dem Rauschen, das sich die letzte knappe Stunde in seinen Ohren gebildet hatte. Er streckte den Arm, drehte das Handgelenk und beugte den Ellbogen, strich mit den Fingern der linken Hand wieder und wieder über darüber. Wie um die Festigkeit seines Fleisches zu überprüfen, ob alles am Platz war und funktionierte oder wie eine dünne Schicht Kleber bei der geringsten Bewegung aufreißen würde.

Endlich brach er die geschäftige Stille im Raum.

„Ich wüsste zu gerne, woher er es hat“, sagte er.

Georg Schlüsselburg und Ludwig Strauß sahen sich an. Schlüsselburg wandte sich um, musterte Karl Aschebachs Arm und sagte schlicht: „Ein Trick.“

Löwenstern blickte von seinem Buch auf. Er sah Schlüsselburg an und lächelte auf eine Art, die die beiden unsympathisch machen musste. So eine Art von Lächeln, die ein verstecktes Wissen andeutete und auch, dass dieses Wissen nicht geteilt werden würde.

„Mit Sicherheit ein Trick. Ein künstliches Eiweiß vielleicht, das als eine Art von neuer Haut fungiert und die Wunde oberflächlich verschließt. Die Australier haben dergleichen erfunden, habe ich gehört, und sogar für den Feldeinsatz im Militär getestet in Form eines simplen Sprays.“

Aschebach schüttelte den Kopf, strich sich über den Unterarm.

„So fühlt es sich nicht an“, sagte er. „Es fühlt sich nicht wie ein Verband an oder eine zweite Haut, sondern wie meine eigene, mein eigenes Fleisch.“

„Und wenn es kein Trick war?“, fragte Ludwig Strauß. „Wenn er wirklich diese Macht besitzt, von der er erzählt hat?“
Schlüsselburg begann zu lachen – ein meckerndes, hämisches Geräusch, so als hielte er es für eine Unmöglichkeit. „Glaubst du nicht, er würde ein solches Allheilmittel längst der Öffentlichkeit vorgestellt haben? Wenn es die Wahrheit wäre…Wenn…er mit synthetischem Blut all das könnte, was er eben behauptet hat – ihm wäre mehr als nur ein Nobelpreis sicher. Man würde seinen Namen in jeder Unfallstation der Welt preisen. Der Mann wäre ein Heiliger.“

Sein Lachen breitete sich aus. Es durchdrang die nervöse Entspannung im Raum, steckte auch Strauß und Löwenstern an, die sich gegenseitig ihres Lachens versicherten.

„Als ob Falkenrath diese Dinge geheim halten könnte. Als ob er nicht vor jedem damit prahlen und um Anerkennung und Respekt buhlen würde“, sagte Löwenstern.

„Als ob einer, der sich in Alchemistenroben wirft, nicht vor der ganzen Akademie mit seinem geheimen Wissen angeben würde“, sagte Strauß.

Sie lachten alle leise, jeder für sich verzweifelt darauf aus, diese Frage zu beantworten, die im Raum schwebte. Diese Zweifel zu zerstreuen und in einer dünnen, eleganten Erklärung zusammen zu setzen, die in ihre Welt passte. In alles, was sie von der Akademie gelernt hatten.

Ein Klirren zerstörte diese fragile Hoffnung. Es war vom Fenster gekommen, wo Aschebach zuvor in die Nacht hinaus geblickt hatte. Noch immer hatte er der Gruppe den Rücken zugewandt, hatte sie das ganze Gespräch über nicht weiter beachtet und hielt seinen Kopf in die dünne Nachtluft. Gin und Blut tropfte ihm die Hand und den Arm hinab.

Niemand hatte gesehen, was geschehen war. Das dicke Glas schien einfach in seiner Hand zerborsten zu sein, die Scherben steckten ihm noch im Fleisch.

„Es war kein Trick“, sagte er. Seine Stimme war ruhig geblieben, aber als er sich umdrehte, war er zittrig. Sein Gesicht war kreideweiß, seine Augen glühten wie von Fieber. Sie bohrten sich in Georg Schlüsselburgs Gesicht, als könne er ihn dazu zwingen zu sehen, was er selbst gesehen hatte.

Alle sahen ihn mit einer Irritation an, einer Mischung aus Neugier und Angst, die bei jedem von Ihnen unterschiedlich war.

Löwenstern hatte eine Augenbraue hochgezogen, seine Augen wanderten immer wieder zu seinem Roman zurück, den er weiter zu lesen vorgab. Er war es, der als erstes wieder das Wort ergriff.

„Du hast einen besseren Vorschlag?“, fragte er. Sein Ton war flach, beinahe eine Feststellung.

Schlüsselburg blieb stumm. Nichts aus Angst vor Aschebach, vermutlich, er war aus seiner Familie gröberes gewöhnt. Aber er sah angespannt hinüber und und erwartete die Antwort, die Aschebach wohl geben mochte.

Karl blieb sie ihm noch schuldig. Er ging zur Küchenzeile hinüber, wo er sich den Gin bereitet hatte, und wusch sich die Hand. Er atmete gepresst. Stück um Stückchen zog er die Scherben aus der Innenseite seiner Hand, legte sie auf ein Küchenpapier neben der Spüle. Dabei starrte er nach unten, auf die Mischung aus Blut und Alkohol, die in den Abfluss ran. Er wirkte von sich selbst überrascht, von seinem Aussetzer, sagte aber:

„Nein, ich habe keinen besseren Vorschlag. Ich weiß nur, dass eure schwachsinnig sind.“

Löwenstern schnaubte, lehnte sich in seinem Sessel weiter zurück.
Strauß dagegen verrenkte sich beinahe in seinem Sitzplatz, drehte sich über die Lehne hinweg, um seinen Oberkörper näher zu Aschebach zu bringen. Er zog ein besorgtes Gesicht, zuckte zusammen, wann immer sich Aschebach einen größeren Splitter aus dem Fleisch zog.

„Es ist unmöglich, dass er wirklich den Stein der Weisen gefunden hat“, sagte Strauß. „Vielleicht – und ich sage vielleicht – ist es denkbar, die Regeneration irgendwie zu beschleunigen, meinetwegen. Irgendein synthetisches oder angereichertes Blut, das den Eindruck einer Wunderheilung erweckt.

Aber das Panazee? Ich bitte dich. Weniger exzentrische Männer haben in den letzten dreitausend Jahren danach gesucht und es nicht gefunden. Es muss ein Trick sein.“

Karl hatte sein Hemd bis zum Ellbogen hoch gekrempelt. Er zeigte seinen Unterarm, seine rechte Handfläche. Es war keine Spur davon geblieben, dass vor einigen Stunden erst ein tiefer Schnitt dort geklafft hatte. Kein rosanes, junges Fleisch zog sich durch seine ansonsten gebräunte Haut. Kein Schorf verdeckte eine heilende Wunde.

Selbst seine Handfläche, in der vor wenigen Minuten noch Glassplitter gesteckt hatten, die sichtbar für sie alle geblutet hatte, hatte die Blutung bereits gestoppt. Die Verletzungen schienen weniger tief zu sein, als sie angenommen hatten… oder sie heilten bereits.

„Das hier ist kein Trick“, sagt er. Abwechselnd schloss und öffnete er die Faust. „Keine Illusion. Euch kann er getäuscht haben, vielleicht, aber mich nicht. Ich habe das Skalpell in meinem Fleisch gespürt, habe den Schmerz in meinem Arm gespürt. Die Wunde war echt und was auch immer er getan hat – sie ist weg.“

„Was ist es dann?“, fragte Strauß. Beinahe war er aufgesprungen, hielt sich aber noch an den Armlehnen seines Sessels fest. Seine Finger krallten sich um ihre Enden, er lehnte gefährlich nach vorne. „Was, wenn es wirklich… Wenn er wirklich…

Was, wenn in den alchemistischen Texten Wahrheit steckt?“

„Das ist nicht dein Ernst“, sagte Löwenstern.

Auch Schlüsselburg schüttelte den Kopf. Er schwenkte seine Soda.

„Unmöglich“, sagte er. „Die Alchemie ist in ihrem Grundsatz falsch. Die Welt ist nicht in der magischen Analogie sondern in der kritischen Analyse zu begreifen. Es muss eine technische Erklärung dafür geben, eine physiologische, keine psychische.“

„Es muss eine wissenschaftliche Erklärung dafür geben“, setzte Löwenstern nach, „und keine magische.“

„Eine vernünftige und erklärbare.“

Strauß zog die Augenbrauen zusammen, presste die Kiefer aufeinander. Er sah zu Karl hinüber. Der hatte den Effekt selbst erfahren, der würde zumindest wissen, ob es im Reich des möglichen wäre…

Aber er starrte nur in das Nichts, schloss seine Hand wieder und wieder.

„Natürlich“, sagte Karl. Seine Stimme unterbrach ihr Gespräch. Sie wandten sich zu ihm um, als erwarteten sie von ihm eine Lösung. Die Art, wie er dieses Wort ausgesprochen hatte, hatte sie aufhorchen lassen. Als ob ihm ein Geistesblitz widerfahren wäre.

Er sah auf, blickte Schlüsselburg ins Gesicht und schien etwas sagen zu wollen. Dann besann er sich, lächelte nur.

„Natürlich“, sagte er, ganz anders als eben noch, „ist es irrwitzig anzunehmen, dass unser Professor tatsächlich ein Blutmagier und Hexer ist.

Aber vielleicht… vielleicht ist an diesem einen Satz, den er gesagt hat, ja etwas wahres dran, wenn schon alles andere irgendein Trick sein mag. Vielleicht ist das Blut wirklich das Leben.“

Elfenbein – Teil I: Eine fragwürdige Erfahrung

„Andere Professoren würden euch glauben machen, dass ihr eine fleischliche Maschine seid. Eine komplexe Maschine vielleicht, aber am Ende doch nicht mehr als ein Gerät aus Schläuchen, Röhren und einigen Pumpen, die euch antreiben. Ein Automaton, dessen Teile nach Belieben ausgetauscht und neu verdrahtet werden können. Und ihr als Biologe und Mediziner seid nicht mehr als ein Mechaniker, der Fehler darin findet und behebt.

Es ist aber von größter Wichtigkeit, dass ihr eines dabei nie vergesst. Denn dies ist die simple, die volle Wahrheit.“

Meister Josef, wie er sich hier nannte, hatte eine staubige Stimme. Eine Art von düsterer Schwere lag darin, die bei einem Mann seines Amtes selten anzutreffen war, ihn aber vor allen anderen auszeichnete. Eine Stimme, die grollte und grummelte und donnerte und selbst in der heutigen Zeit leicht einen ganzen Saal zu fesseln vermochte.

Um so leichteres Spiel hatte sie mit dem kleinen Laboratorium. Josefs braune Augen wanderten über die vier jungen Gesichter vor ihm, legten sich einen Moment auf jedes einzelne von ihnen.

Studenten, die er in den letzten Jahren ausgebildet hatte, als sie noch als Schüler mit besonderer Begabung an die Akademie gekommen waren. Er hatte sie aus der bedeutungslosen Schlacke des Studiums gehoben, mit Stipendien unterstützt und ihnen Türen geöffnet, die sie auf sich selbst angewiesen nicht einmal bemerkt hätten.

Diese vier, die hier mit eifrigen Gesichtern vor seinem Labortisch standen, waren die sorgsam ausgewählte Ernte der letzten Jahre. Und sie waren dankbar dafür, hingen an seinen Lippen und nahmen jeden Brocken aus seinem Mund auf – die Weisheiten ebenso wie die Lügen und Halbwahrheiten.

„Das Blut ist das Leben.“

Der Satz schwebte bedrohlich über ihren Köpfen wie von dem dicken Duft nach Asche, Eisen und Blut getragen. In der stickigen Luft des abendlichen Laboratoriums schien er als ein Rätsel auf und ließ sie alle die Stirn runzeln.

Die Herren Studenten – Ludwig Strauß, Georg Schlüsselburg und Dietrich Löwenstern – hatten die Stirn in Falten gelegt, die Arme vor der Brust verschränkt. Sie blickten nachdenklich drein, bemüht um eine gedankenvolle Schwere, die seinem Rätsel gerecht wurde. Es war klar, dass sie nicht auch nur eine Idee davon hatten, was er ihnen erzählte.

Karl Aschebach dagegen… Er verkniff sich ein Grinsen, bemühte um ein ernstes Gesicht, konnte aber das Zucken seiner Mundwinkel und das belustigte Aufleuchten seiner Augen nicht verhindern.

Josef bemerkte es.

„Ja, Karl?“, fragte er, eine buschige Augenbraue gehoben.

„Es ist nichts, Herr. Bitte verzeiht“, sagte Karl und eilte sich, den Kopf zu senken.

„Oh nein, nein, bitte. Teile deine Freude mit uns. Erkläre doch, was so amüsant ist an meinem Unterricht.“

Die so kraftvolle und grollende Stimme war gefährlich ruhig geworden. Jene Art von ruhiger Höflichkeit, die nur auf einen Fehltritt lauerte. Ein tiefes Geräusch aus seiner alten Kehle.

Karl schien sich dessen vollauf bewusst zu sein, denn seine Augen huschten umher, suchten die Blicke der anderen Lehrlinge, die sich weigerten, ihn anzusehen.

So war es immer gewesen. Einer von ihnen wagte sich vor in Arroganz oder Idiotie und der Rest beobachtete, wie es ihm erging. Stets bemüht um den eigenen Vorteil war nicht viel Liebe zwischen ihnen. Ein Überbleibsel aus der Zeit vielleicht, als sie alle noch einige wenige Konkurrenten unter hunderten jungen Männern und Frauen waren, die sich an der Akademie um Anerkennung balgten.

Mühsam nur fasste Karl seinen Mut und sagte:

„Der Satz ist pathetisch. Natürlich ist der Mensch mehr als nur eine biologische Maschine – aber nur das Blut kann es nicht sein. Leben ist systemisch zu begreifen, als Zusammenspiel der wundervollen Prozesse, der vom Blut nur aufrecht erhalten und mit Treibstoff versorgt wird. Wir alle kennen die Forschungen der Russen. Brukhonenko hat diese These schon in den vierzigern bewiesen.“

Zu ihrer aller Überraschung gackerte Josef leise und nickte.

„Gewiss, gewiss. Das Blut allein ist gewöhnlich nur der Träger, ein Bote anderer Stoffe, die das Leben aufrecht erhalten. Bei gewöhnlichen Menschen.“

Ein hinterlistiger Ausdruck schlich sich in seine Augen, ein launischer, boshafter Ausdruck als sei Karl trotz der bestätigenden Worte in seine Falle getappt.

Meister Josef strich sich über die dunkle Robe, die er zu diesen privaten Lehrstunden zu tragen pflegte. Ein scharlachroter Talar, der von der Zeit bereits verdunkelt worden war und an den Säumen mit allerlei silbernen Mustern bestickt war. Seine breite Hand griff in den linken Ärmel und zog eine winzige Phiole daraus hervor. Zwischen Daumen und Zeigefinger haltend brachte er sie vor die neugierigen Blicke seiner Studenten, die sich näher an den Tisch drängten, um sie zu betrachten.

Sie war kaum so groß wie sein kleiner Finger und dünner im Durchmesser, mehr ein Splitter als ein echtes Glas. Verschlossen war sie mit einem zierlichen Stopfen aus Silber, der direkt in eine Kette überging, die dem Meister um das Handgelenk liegen musste.

Hinter dem klaren, dünnen Glas, befand sich etwas, das Blut sein mochte. Es war den Studenten nicht fremd. Seit Monaten untersuchten sie gewöhnliches Menschenblut bereits in allerlei Experimenten, die die Akademie kaum gut heißen würde. Sie spalteten es in seine Bestandteile, lösten die Metalle daraus oder reicherten es mit künstlichen Stoffen an, um seine Leistung zu steigern, um es von Giften zu befreien oder wirksamer zu gestalten. Ganz ähnlich, wie Sportler oder Soldaten bisweilen ihr Blut mit gewissen Mitteln versetzten, um furchtloser oder athletischer zu werden.

Sie hatten sich öfter gefragt, woher dieses Material ihrer Forschung wohl kam, waren aber ausnahmsweise einhellig zu der Erkenntnis gelangt, dass ein Professor sicher seine Mittel und Wege hätte. Besonders Georg Schlüsselburg hatte angemerkt, dass der Meister weitreichende Verbindungen in der Akademie und vor allem den medizinischen Fakultäten des Charoninstituts hatte. Es wäre ihm ein leichtes, Spenderblut aus den Blutbanken zu beschaffen.

Die Flüssigkeit, die er ihnen aber nun präsentierte, war anders und doch auch wieder nicht. Im Rauch des Laboratoriums schien es fast schwarz zu sein, dunkler als das gewöhnliche Blut, mit dem sie bisher hantiert hatten. Es bewegte sich auch anders, als Meister Josef es langsam drehte und wandte. Nicht, wie gewöhnliches Blut, sondern zähflüßiger.

Auch war es eine lächerlich geringe Menge, kaum mehr als ein Fingerhut voll.

„Ein einzelner Tropfen hiervon enthält die Essenz von dutzenden oder hunderten Leben, die er aufgesogen hat wie ein trockener Schwamm das Wasser. Dieser eine, einzelne Tropfen ist potent genug, selbst klaffende Wunden zu heilen“, erklärte Meister Josef ehrfürchtig.

„Die ganze Phiole ist genug, jemanden vom Totenbett zu holen, sein Leben um Jahre zu verlängern. Dieses Blut hier ist dicker, essenzieller als alles, was euch bekannt ist. In ihm liegt die Kraft eines vollen Lebens. Ein ganzer Kelch davon…“

Der alte Herr schauderte wohlig beim Gedanken, seine Hand begann zu zittern vor ihren Augen.

Schweigen hatte sich ausgebreitet, nur das Zischen der Geräte und das Dampfen des kleinen Schmelzofens schwebte in der Luft. Die Studenten wagten kaum zu atmen, selbst Karl war gefangen genommen worden von den Versprechungen, die ihr Meister tat.

„Diese Vitalisten mit ihrer Theorie der Lebenskraft waren keine vollkommenen Narren“, fuhr er fort. „Was auch immer die Lehrmedizin ihnen nachsagen will: Es ist keine völlig falsche Vorstellung, dass frisches Blut einen gesundenden Effekt hat. Dass es den gebrechlichen Körper zu verjüngen vermag, dass dem Lebendigen eine eigene Kraft zukommt, die verborgen ist in seinen Eingeweiden und im Spiel der Chemikalien. Solange es das richtige Blut ist, das echte, gibt es in einem gewissen Sinne eine vis vitalis.

Er schmunzelte, schob seine alten Lippen zu einem gehässigen Lächeln zurecht, das die Stimmung im Raum weiter strapazierte. Seine tabakgelben Zähne zeigten sich, wie so oft, wenn er sich einen Spaß machte.

„Sie hatten bloß den falschen Stoff zur Verfügung, das abgestandene und beinahe dünne Blut eines gewöhnlichen Menschen. Das hier dagegen…“

Er hob die winzige Phiole weiter, ein Stückchen höher als seinen eigenen Kopf, sodass er sie über den Rand seiner dünnen Brille hinweg ansah.

„Das hier ist das wahre Blut, meine Herren, essentialisiert und angereichert. Es ist die Materia Prima“

Seine braunen Augen wandten sich von dem Gefäß ab, wanderten wieder zu seinen Lehrlingen. Sie alle starrten zu der Phiole empor mit einer Mischung aus Neugier und Unglaube. Auf ihren Gesichtern konnte er die Fragen ablesen, die ihnen durch den Kopf gingen. Wie es sein könnte, ob es sein könnte? Ob wirklich in diesem zarten Gläschen dort in seiner Hand das Geheimnis des Lebens stecken könnte, das diese jungen Studenten der Medizin schon so lange suchten? Dem sie ihre Karriere als Ärzte und Heiler verschrieben hatten?

Sie alle blickten mit einer gewissen Verwunderung hinauf.

Alle bis auf Karl, dem nicht nur der Zweifel ins Gesicht geschrieben stand – sondern die Abscheu. Der Widerwille gegen die pathetischen Übertreibungen, gegen die Versprechungen, die ihm wie eine weitere Falle erscheinen mussten. Eine Lüge ihres Meisters, um sie zu verunsichern, ihren kritischen Geist zu prüfen.

„Gib mir deinen Arm, Junge“, sagte der Meister zu ihm und streckte seine freie Hand erwartungsvoll vor.

Karl legte den Blick darauf, unsicher.
Es war eine knochige Hand, von blauen Venen knotig durchzogen. Die Nägel waren gelb vom vielen Tabak, den sie in Pfeifen stopften, von den Chemikalien, mit denen er hantierte. Die Finger waren lang, schmal und feingliedrig. Eine knorrige Klaue mehr, die sich ihm fordernd entgegen streckte.

Karl zögerte noch, blickte wieder zu seinen Freunden und Konkurrenten, die sich seinen Blicken abermals entzogen.

Meister Josef wurde ungeduldig. Er schnellte nach vorn, packte Karls Unterarm und zog ihn zu sich über den Tisch. Nägel bohrten sich in sein weiches Fleisch, Geräte schepperten zur Seite, als der Student mit dem Oberkörper auf die Keramikfläche zwischen sich und dem Meister knallte.

Karl entfuhr ein Schrei, der sich durch den Labordunst schraubte.Die Anderen stoben auseinander, machten einen halben Schritt zurück, waren aber unfähig den Blick abzuwenden vom Schauspiel. Auch Karl war gefangen in makaberer Faszination.

Der Alte war kräftiger als seine schlaffe Gestalt, das graue Haar und der zerzauste Backenbart vermuten lassen würde. Sein Griff erstickte Karls Gegenwehr im Keim, verdrehte ihm den Arm ohne Anstrengung und ließ ihn in dieser unangenehmen Position verharren – den Oberkörper auf die vordere Hälfte des Tisches gepresst, den Arm erhoben und halb gedreht.

Mit einer fließenden Bewegung ergriff der Meister ein Skalpell auf dem Tisch und brachte Karl einen klaffenden Schnitt von gut zwanzig Zentimetern Länge bei, quer über den Arm.

Blut rann Karls Fleisch entlang, floss über die feinen Adern seines Unterarmes und die dicker werdenden Muskelstränge. Er beobachtete, wie es sich in der Beuge seines Ellbogens sammelte, um schließlich herunter zu tropfen in eines der vielen Gefäße auf dem Labortisch.

Auf Karl machte der Fall der Tropfen den Eindruck der äußersten Langsamkeit. Als weigerte sich das Blut, seinen Körper zu verlassen und strebte danach, so lange als möglich an seinem Fleisch zu kleben.

Endlich aber, nach einer halben Ewigkeit, traf der Tropfen auf die Oberfläche eines gewöhnlichen Tiegels. Er schwebte über der gläsernen Oberfläche, benetzte sie und zersprang in winzige Teile. „Eins“, zählte Karl in Gedanken mit.

Ein weiterer Tropfen fiel von seinem Arm herab, gesellte sich zu den Trümmern des ersten.

„Zwei“, zählte er weiter.

Noch einer und noch einer. In immer rascherer Folge, bis aus den Tropfen ein Rinnsal wurde, ein kleiner Strom, der sich warm über sein Fleisch ergoss und in kaltem Glas endete.

Tränen standen ihm in den Augen, während er sein Leben entkommen sah und ihm übel wurde.

Bis der Tiegel zur Hälfte gefüllt war.

Meister Josef ließ das silberne Skalpell fallen und holte erneut die Phiole aus seinem Ärmel. Er reckte sie in die Höhe, bis sie gleichauf mit derjenigen Hand war, die Karls Handgelenk umklammert hielt. Wie ein heiliger Mann bei der Messe bewegte er sich langsam, wählte seine Worte achtsam.

Mit Daumen und Zeigefinger löste er den filigranen Drehverschluss des Gläschens und brachte seine Hände näher beisammen. Karl jaulte auf, als ein kurzer Ruck seinen Arm höher in die Luft zog. Die Anderen kamen näher heran, betrachteten seine Wunde. Der Meister ignorierte seine Schmerzenslaute für den Augenblick.

Stattdessen wandte er sich an die ganze Gruppe.

„Fürchtet euch nicht, Zeuge von etwas zu werden, das die Welt ein Wunder nennen würde oder Hexerei. Denn es ist nichts weiter als der Sieg des Verstandes über die Natur.“

Dann senkte er die Öffnung der Phiole andächtig, brachte die Flüssigkeit darin in Bewegung, bis sich ein einzelner, dunkler Tropfen daran sammelte. Ein Tropfen, der mit unendlicher Langsamkeit in die Wunde fiel, die der Professor eben in das Fleisch seines Studenten geschnitten hatte.

Und vor ihrer aller Augen…schloss sie sich.

Der einzelne Tropfen der Prima Materia schlängelte sich durch das rote, klaffende Fleisch, floss durch die blutige Wunde und hinterließ nur frische, junge Haut.

Meister Josef entließ sein Handgelenk ohne große Worte, aber mit einem Ausdruck vollster Zufriedenheit im Gesicht. Noch schwach vom Schock kam Karl auf die Beine, schwankte nach hinten zu den anderen, den Blick ungläubig auf seinen Arm gerichtet, so wie sie.

Noch ehe sie recht begreifen konnten, was geschehen war, forderte die knurrige Stimme des alten Meisters wieder ihre Aufmerksamkeit.

„Sie zweifeln nicht länger an meinen Worten, meine Herren. Sehr gut. Da wir diese kleine Störung nun beiseite gewischt haben, wollen wir mit dem regulären Teil des Abends fortfahren. Hier vor mir in diesem Tiegel befindet sich nichts als frisches, junges Blut – so frisch, tatsächlich, das kein Zweifel an seiner Herkunft bestehen kann.“

Wieder zogen sich seine Lippen zu jenem gehässigen Lächeln auseinander. Erneut schwenkte er die Phiole vorsichtig, über dem Tiegel diesmal, und entlockte ihr einen weiteren Tropfen,

Zunächst geschah gar nichts. Der einzelne Tropfen der Prima Materia versank im Tiegel und schien vollständig darin verloren zu gehen.

Dann aber begann das Blut zu reagieren.

In der Mitte des Tiegels bildete sich zunächst ein karmesinroter Fleck, der sich deutlich vom ungleich helleren Blut Karls abhob. Die Flüssigkeit geriet vom Zentrum her in Bewegung, als koche sie. Es war, als hätte der Meister Natriumsulfit in gewöhnliches Wasser gegeben, so heftig und rasch begann die Flüssigkeit zu blubbern.

Die erste, hellere, Masse verblieb in der Mitte des Tiegels. Das gewöhnliche Blut rund herum brach auseinander. Es spaltete sich selbst auf, zertrennte sich in Tropfen und Pfützen, spritzte an die Wände des Tiegels, als versuche es vor dem Fremdkörper in seiner Mitte zu fliehen.

Dünne Fäden streckten sich von der Prima Materia aus in die Masse des Blutes. Eine Art von Puls ergriff die ganze Flüssigkeit darin, ließ sie erbeben und… sog sie zurück. Das Blut kroch zurück, Millimeter um Millimeter, auf das Zentrum des Tiegels zu. Auf den einzelnen Tropfen zu, der alles aufnahm. Der das viele Blut aufnahm wie ein ausgedörrter Schwamm den Regen, ohne dabei an Masse zuzulegen.

Zurück blieb eine kleiner Tropfen von karmesinroter Färbung, der im Neonlicht des Labors schimmerte. Kaum größer als derjenige Tropfen, den der Meister in den blutigen Tiegel hinein gegeben hatte.

Meister Josef senkte seine Arme wieder, schob seine Hände in die Ärmel seiner Robe zurück, mit ihnen die Phiole. Sie alle krochen näher, um das wunderliche Überbleibsel dieses Experiments zu bestaunen.

„Nun, meine Herren: Denken sie über das eben gesehene sorgsam nach. Bis nächsten Monat erwarte ich von jedem von ihnen zweitausend Wörter über die Mängel des vitalistischen Ansatzes und was ihrer Meinung nach für diesen wundersamen Prozess, dessen Zeuge sie soeben waren, tatsächlich verantwortlich ist. Wir werden das Rätsel in der nächsten Sitzung lösen.“

Roter Löwe – Teil IV: Tiefe Wahrheiten

Ich folgte Balthasar in den Abgrund.

Auf eine gewisse Weise hatte er mich mit seiner Wissensgier angesteckt, ganz wie ich es mir anfangs erhofft hatte. Aber nicht auf die Art, wie ich es erhofft hatte.
Er hatte mich geblendet mit seiner Jagd nach Wahrheit, oder vielmehr mit seinem Drang, Lüge und Irrsinn als genau das zu entblößen: Als Hirngespinst. Dieser nächtliche, angespannte Einbruch in eine Dorfkapelle hatte nichts mit den Abenteuern gemein, die ich mir ausgemalt hatte. Es lag nichts Glanzvolles darin, nichts Wunderbares, einem Relikt wie Matthias seine alten Bücher zu stehlen.

Und obwohl ich ängstlich war, obwohl ich nichts von dieser tristen Arbeit hielt und selbst noch diesem alten Priester seinen Irrsinn gegönnt hätte, kam ich mit Balthasar.

Der Eingang zur Krypta befand sich hinter dem Altar, gegenüber der alten Kanzel, auf die der Priester so stolz gewesen war. Sie hatte ein mir unheimliches Äußeres angenommen, verstörte mich noch mehr als die Sakristei. Jene hatte mir bloß körperliches Unwohlsein bereitet. Der Geruch von verrottenden Büchern, von faulendem Staub, hatte mir in der… Bibliothek des Priesters die Galle hoch getrieben.

Die Kanzel und der Altarraum dagegen stießen mich ab. Ich konnte sie nicht anblicken in diesem Halbdunkel, ohne mich umdrehen und fliehen zu wollen.

Nicht so sehr, weil die Kanzel selbst mich beunruhigt hätte. Es war ein schlichtes Ding aus altem Holz, mit abblätternder Farbe. Sie war tatsächlich einige hundert Jahre alt, nach allem was ich wusste, und war mir bei unserem ersten Besuch als nicht viel mehr als eine recht hübsche, antike Dorfkanzel erschienen. In keinerlei Hinsicht ein bemerkenswertes Stück.

Aber ich fragte mich, mit welchen Augen Matthias, der Priester, der ein gefälschtes Tagebuch aus dem vorletzten Jahrhundert führte, sie wohl anblickte. Wie betrachtete sie wohl jemand, der sich für beinahe ebenso alt hielt? Der eine Reihe von Erinnerungen gesponnen hatte, die aus der belanglosen Geschichte des Dings seine eigene, persönliche machten?

Wie ging jemand mit solchen Relikten um, der sie nicht als Zeugnis vergangener Zeiten betrachtete, sondern als Erinnerungsstücke seines eigenen Lebens? Mir war solches Verhalten unverständig. Ich war, vielleicht durch meinen Beruf geschädigt, nur in der Lage diese Dinge als Artefakte zu betrachten. Als Überreste, Relikte meinetwegen, die aus der Vergangenheit in die Gegenwart hinein ragten. Ich betrachtete sie distanziert, kühl.

Jedenfalls dann, wenn ich nicht vor ihnen weglaufen wollte.

Ich wurde von dem Geräusch über Stein schleifenden Metalls aus meiner Phantasie geholt.

Ein schmales Gitter im Boden hatte den Weg hinab in die Eingeweide der Kapelle versperrt. Balthasar hatte sich auch dieses Schlosses angenommen, war aber dieses Mal erstaunlich schnell vorgegangen, wie er selbst sagte. Als wäre diese Vergitterung hier es gewöhnt, geöffnet zu werden. Ganz im Gegensatz zu derjenigen in der Sakristei schien diese hier sogar danach zu verlangen.
Er ging voran und ich folgte ihm, ohne über seinen Scherz zu lachen.

Die Gruft der Kapelle war eng und niedrig. Wir mussten unsere Köpfe zwischen die Schultern ziehen und uns bücken, um die kurzen, engen Stufen hinunter zu gelangen. Eine Mischung aus Staub und Feuchtigkeit schlug uns entgegen, die mich einen Augenblick wanken ließ und mich dazu brachte, mich an der Wand abzustützen. Es war nicht diese kalte Trockenheit, die man gewöhnlich dort unten fand, dieser Geruch von faulender Zeit.

Der Geruch erinnerte mich viel mehr an…Erde, wie im herbstlichen Wald nach einem langen Regen. Schwer von Feuchtigkeit, die einem bis tief in den Rachen kroch.

Balthasar schien sie auch zu riechen, sog die Luft aber nur tiefer in die Brust, bis ein Hustenanfall ihn eines besseren belehrte. Im Gegensatz zu mir hielt er sich nicht lange damit auf, sondern begann, die vor uns liegenden Grabnischen zu untersuchen.

Sie waren langweilig genug auf den ersten Blick, mit nur einigen Tafeln versehen aus dem damals üblichen Bronze. Im Lauf der Zeit war es angelaufen und von Grünspan überzogen. Auch im Gewölbe selbst mussten wir uns beugen, wenn wir den Kopf nicht an der Decke stoßen wollten. Ich kann nicht mehr sagen, wie viele es waren. Ich hatte mit einem Dutzend oder so gerechnet. Es waren einige mehr.

Balthasar ging voran, eine Hand am Stein, in der anderen die Taschenlampe. Ich kann nicht sagen, wie weit wir gingen, wie tief unter die Erde die schmalen Gänge führten, die sich umeinander schlängelten. Das Zeitgefühl schwindet oft in solchen Labyrinthen und Minuten strecken sich zu Stunden aus, besonders wenn eine so monotone Arbeit folgte.

Wir kamen auch nur mühsam voran, da wir jedes Grab einzeln beleuchten und untersuchten. Unsere elektrische Leuchten warfen nur ein schmales, orangenes Glühen an die Wände, mehr ein Schimmer als ein echtes Licht.

Es war eine mühselige Arbeit, in der Dunkelheit die Grabstelen zu entziffern, den Staub der Jahrzehnte und Jahrhunderte von den Täfelchen zu wischen und sie einzeln zu katalogisieren.

Ich fertigte, wie es erst unsere Absicht gewesen war, eine grobe Karte an. Mehr eine Skizze in meinem Notizblock, von jedem Namen an dem wir vorbei kamen und ihren Todesdaten. Sollten wir später feststellen, dass wir eine Stelle übersehen hätten oder sollte uns der Verdacht überkommen, dass ein Grab falsch bezeichnet wäre, so könnten wir es mit dieser Skizze leicht wieder finden.

Viele der Gräber enthielten niemanden von Relevanz. Ein paar konnte ich mit den Männern in Verbindung bringen, deren Totenschilder noch immer andächtig über dem Altar hingen. Die reichen Grundbesitzer der Gegend, Junker, Ritter und andere aristokratische Tyrannen, die sich hier in den letzten Jahrhunderten hatten bestatten lassen. Deren bronzenen Täfelchen ihre ‚großen Taten‘ rühmten, derer sie so fähig gewesen waren. Die meisten davon mit einem jämmerlichen Anspruch auf Größe verfasst, der kaum mehr als die alltäglichen Tätigkeiten eines Verwalters beschrieb. Der Bau von Windmühlen, die Umverteilung von Feldern und der übliche Kriegsdienst gegen herbei gelogene ‚Erbfeinde‘ stand dort mit solchem Prunk festgehalten, als hätten die hohen Herren Tod und Teufel selbst aufgehalten.

Bemerkenswert war außerdem lediglich, dass keines der Gräber hier unten annähernd so alt wie die Kapelle selbst war. Kaum eines war älter vor der frühen Neuzeit angelegt worden, obwohl die Geschichte der Kapelle bis weit in mittelalterliche Zeiten hinein reichte. Es blieb eine Spanne von vier- oder fünfhundert Jahren, zwischen dem angeblich ältesten Leichnam dort unten in der Krypta und der ersten Errichtung der Kapelle und dem Friedhof.

Ich kann jedenfalls nicht sagen, ob wir wenige Stunden dort verbrachten und mit Fotographien, Taschenlampe und Notizblock eine unsägliche Zeit verschwendete, oder ob wir zügig und konzentriert arbeiteten, ohne uns viel zu unterhalten.

Ich weiß, dass wir nach einer Weile ein Grab fanden, auf dessen Tafel der Name stand, nach dem wir gesucht hatten. Eine Kupferplatte nahm einen guten Teil der eigentlichen Grabnische ein, vielleicht dreißig mal sechzig Zentimeter groß. Jede Faser meines Körpers vibrierte, als Balthasar jubelte, als seine Stimme sich mit dem Staub vom Boden aufwirbelte und er mich herunter winkte.

Angebracht in Messing, dort unten in der letzten Reihe einer Nische, ganz unten am Boden, stand dort: Friedrich Athanasius Roth. 1665-1738. Jurist und Fiskal ihrer Majestät.

„Hier muss er liegen“, flüsterte Balthasar. „Hier muss er liegen, wenn nicht…“

Seine weiteren Worte gingen unter in einer hektischen Suche. Bruchwerkzeuge – Hammer und Meißel – hatte er irgendwo in seiner Tasche untergebracht. Keine großen, nicht geeignet für massiven Stein. Aber gerade genug für Gräber, für die dünnen Platten, die den Hohlraum dahinter versiegelten. Diese hatte er jetzt hervor geholt, bereit sich Gewissheit zu verschaffen, ob Friedrich Athanasius Roth sich tatsächlich in jener Grabnische befand.

Er zögerte, die Spitze des Meißels zitterte über dem Kupferstich, den er für eine endlose Zeit anstarrte. Ehe er seine Hände zur Seite führte, dorthin, wo die Messingplatte durch Bänder mit dem umliegenden Stein verbunden war.

Mit jedem Schlag des Hammers war es, als ob sein Verstand sich aus ihm heraus und in die Gruft ergoss. Als ob er den Drang spürte, sich zu erklären, sich selbst nicht nur zu rechtfertigen, sondern vor sich selbst eine Erklärung für seine Taten zu finden. Mit jedem seiner hektischen, fast panischen Schläge, die Stück für Stück die Grabplatte heraus meißelten, schien er auch die Fassade zu zerstören, die er bis hierhin aufrecht erhalten hatte. Mit jedem Schlag wirkte er mehr selbst wie ein Besessener auf der Suche nach etwas und weniger wie der kühle, furchtlose Jäger verlorenen Wissens.

Ich wollte gar nicht, dass er mir diese Dinge erzählte. Ich fühlte mich aber auch nicht in der Lage, ihn daran zu hindern. Tatsächlich denke ich, dass ich nicht einmal das Bedürfnis dazu in diesem Moment spürte.

Ich sah nur diese Tafel und der Kupferstich, der sich über eben jene Grabplatte erstreckte, hinter der sich die verrotteten Überreste von Roth befinden mussten. Sollten.

Der Kupferstich war ein Meisterwerk, trotz aller Scheußlichkeit. Ich wagte nicht, ihn länger als mit einem kurzen Blick anzusehen, und trotzdem nahm er alle meine Aufmerksamkeit gefangen. Trotzdem schien es mir unmöglich, mich von ihm abzuwenden, selbst um Balthasar anzuflehen, nicht mehr von diesen Dingen zu reden, von denen er sprach. Diese Andeutungen, die ihn fast ebenso irrsinnig erschienen ließen, wie den alte Mann in der Kapelle über uns.

Ich…ich kann seine Formen nicht beschreiben. Ich habe die Worte dafür, keine Frage, die Symbolsprache und die einzelnen Zeichen waren mir wohl vertraut. Nicht zuletzt, weil ich noch in der selben Nacht von ihnen gelesen hatte im angeblichen Tagebuch des irren Priesters.

Meine Hand, in die Balthasar die Taschenlampe gedrückt hatte, um ihm bei seiner Arbeit zu leuchten, zitterte. Und doch konnte ich mich nicht abwenden. Ich konnte nur zusehen, wie Balthasar die Platte langsam aus dem Stein heraus schlug, und war seinem Lärm und seinen Worten ebenso hilflos ausgeliefert wie meiner eigenen Furcht.

Ich werde diese wenigen Minuten nie vergessen, in denen ich…nicht ganz ich selbst war. Nicht sein konnte, nicht sein durfte, wenn der Mann, der ich heute bin, kein Monster sein will.

Ich werde nie vergessen, was Balthasar faselte, während er mit aller Verzweiflung sich an der Grabplatte zu schaffen machte.

Sie zeigte, in ungewöhnlicher Weise miteinander verbunden, all diejenigen Elemente, die ich aus meinen eigenen Forschungen kannte. Die ich in „chymischen Traktaten“ gelesen, bei ‚Paracelsus‘ Hohenheim gesehen hatte. Es war eine einfache Zeichnung, zusammen gesetzt aus nicht mehr als einfachen geometrischen Formen und einer Reihe an kleineren Symbolen in den Zwischenräumen dieser Formen. Es war nichts weiter als ein großer Kreis, der ein Dreieck umschloß, in dem sich ein Viereck befand, das einen Kreis in sich barg.

Im alchemischen Irrtum stand diese Zeichnung für nichts weniger als die Verbindung polarer Gegensätze, für die Quadratur des Kreises. Einige kuriose Fälle von Geisteskrankheit hatten diese Zeichnung an ihre Zellenwände geschmiert – vor hundert Jahren und auch heute noch fand man sie.

Hier, mit diesen Attributen versehen, die sie durch die Zeichen an den Rändern enthielt… hatte sie eine konkretere Bedeutung als bloß die abstrakte Vereinigung zweier Prinzipien. Hier stand sie für die Vereinigung des Todes mit dem Leben. Für den roten Löwen, der die Sonne auf die Erde stürzte und verschlang. Ein Teil des Steins der Weisen, jedenfalls der Formel mit der er hergestellt werden könnte. Wenn man den Worten dieses Schülers des Alchemisten und Glasperlenmachers Kunckel glauben würde, der aber auch behauptete, dass mit ihr der Tod überwunden würde, transzendiert zu… etwas jenseits dieser Grenze zwischen Sterben und Leben hin.

Sie beschrieb den Schlüssel, den Matthias gefunden zu haben behauptete.

Ich…Ich kann nicht hoffen, das Grauen zu beschreiben, das ich empfand, als Balthasar mit jedem Hieb und jedem Erzittern des Kupferstichs tiefer in den Wahn abglitt, den er nur als Lüge hatte entblößten wollen. Wie es mich schauderte, als er wie mit schwacher Hand über den kalten Stein strich, den alten Namen, der sich in das Messing eingetrieben fand. Das Beben, das mich durchlief, will ich nicht einmal mehr denken, denn es war in meinem Kopf, so vollständig, so ausfüllend, so klar und hell antwortete in meinem Schädel etwas auf seine Worte, dass mir noch heute übel wird davon.

Ein seltsamer, verstörender Anblick, wie liebevoll er die Platte schließlich heraus brach, als ihre Bänder von ihm mit Gewalt gelöst worden waren. Wie seine Stimme sich immer mehr veränderte, als er mir davon erzählte, wie er die Aufzeichnungen des Schülers gefunden und ihnen nicht geglaubt hatte…er aber misstrauisch geworden war.

Ob ich denn nicht selbst gesehen hätte, was der Priester verbarg? Dass es allemal ein Geheimnis sei, das zu lüften sich lohnte, das wahrhaft das letzte Geheimnis sei, das von Wert war in dieser Welt. Das Geheimnis des ewigen Lebens.

Ich fühlte diesen Drang zu laufen, fort zu kriechen und so viel und so schnell als möglich alle Welt zwischen mich und diesen obszönen Vorgang zu bringen, den ich wie gelähmt beobachtete.

Dann fühlte ich Balthasars Hand auf meiner Schulter, seine Finger, die sich schmerzhaft in mein Fleisch gruben, mich an meiner Flucht hinderten. Ich starrte hinüber, dachte zunächst noch, er suche Halt, wäre ebenso fassungslos wie ich.

Seine Augen waren…geweitet. Nicht vor Schreck oder vor Angst, wie meine es zweifellos waren. Seine Hand zitterte, als er sie von mir löste und mir mit einem Fingerzeig bedeutete, in die Grabnische zu blicken.

Ein Ausdruck der tiefsten Verzückung war ihm ins Gesicht gemeißelt, von Ekstase und Jubel, ehe er sich wieder den tanzenden Schatten an der Wand widmete, wieder seinen abscheulichen Wortenhingab, mit denen er triumphierte.

Das Grab ist leer.

Der Terror, der mich überkam, als ich dieses Gesicht vor mir sah…diese…diese Fratze voller Triumph, als er mir den fehlenden Leichnam vorführte, geht über meinen Verstand.

Ich floh.

Ich schäme mich nicht dafür, denn ich denke nicht, dass irgendein verständiges Wesen anders gehandelt hätte in diesem Moment. Dass es überhaupt eine echte Entscheidung gewesen war, die ich getroffen habe, als ich Balthasar von mir stieß, auf den Stein und in die Splitter seiner Arbeit.

Ja, ich ließ ihn zurück, wie er dort vor dem Grab hockte und aus seiner Tasche die Bücher entnahm. Wie er Worte murmelte, die ich nicht verstand, dieser Spur bereits wieder zu folgen begann. Ihn, der mich hier hinunter geführt hatte und diese verfluchte Tafel liebkoste.

Ich floh, ich kroch durch die engen Gänge, hinter mir noch dieser Schrei des Entzückens, als Balthasar stürzte.

Meine Taschenlampe zerschellte irgendwann, als ich fiel. Es kümmerte mich nicht. Ich kannte den Weg nicht, ich war blind. Aber ich wusste, wovor ich weg rannte. Vor dem Ding, von dem ich so abgestoßen war, dass ich in Kauf nahm, mir den Schädel in der Dunkelheit an einem Steinvorsprung zu zerschlagen.

Ich weiß nicht, ob ich es eine Wahrheit nennen soll, was wir dort unten fanden. Ob etwas tatsächlich wahrhaftig sein kann, wenn es nur…wenn es nur eine Möglichkeit öffnet. Ob dieses…dieses Grab in der Dunkelheit nicht viel mehr ein abscheulicher Scherz war, wie Balthasar erst angedeutet hatte.

Eines aber wahr gewiss, durch welche Teufelei auch immer es die Wahrheit war: Das Grab von Friedrich Athanasius Roth ist leer und ich weiß nicht, ob es irgendwo einen Flecken Erde gibt, den diese Kreatur tatsächlich ihr Grab nennt.

Man mag sich fragen, warum ich von diesen Dingen erzähle. Warum ich in aller Eile eine Kopie meiner schlechten Erzählung verfasst und sie in separaten Schließfächern verstaut habe, die erst nach meinem Tode zu öffnen sind, womit ich beinah jeden Tag rechne.

Warum ich überhaupt mich dieses Vorfalls erinnere, anstatt ihn mit Brandy und psychotropen Substanzen aus meinem Gedächtnis zu löschen, mir wenigstens das Delirium zurück zu holen. Meine Träume gehören nicht länger mir, sondern dem, was ich sah und zu hören meinte dort unten. Man mag sich fragen, warum ich diese Andeutung einer Wahrheit aufbewahre, anstatt sie dem Vergessen zu überantworten.

Weil auch Balthasar noch lebt. Weil er der Gruft entkam, obwohl ich ihn dort zurück ließ und das Gitter hinter mir fallen ließ. Weil er nach mir sucht, nach mir gefragt hat an der Akademie und bei flüchtigen Bekannten, die mir davon erzählten. Ich kenne ihn. Ich weiß, dass… Dass er nicht wie ich vor diesem leeren Grab des Hexenjägers zurück geschreckt ist. Dass er weiter in den Abgrund gestiegen sein wird auf der Suche nach der Wahrheit.

Ich schreibe diesen Bericht, weil ich ihm nicht traue, wie ich geflohen zu sein. Nicht, ohne weiter in der Dunkelheit nach den Geheimnissen des Friedrich ‚Todtlos‘ Roth zu suchen. Balthasar wird nicht geflohen sein, ohne sie dem Priester zu entreißen, der sich mit solcher Wärme an die Zeit vor mehr als hundert Jahren erinnerte.

Ich kenne den Preis, den die ‚weisen Männer‘ für die Geheimnisse des Todes bezahlt haben, für die Mysterien, nach denen Balthasar scheinbar so lange unter dem Deckmantel der Forschung gesucht hat.

Und ich weiß, dass ich ihn nicht bezahlen will. Ich weiß, dass ich nicht das Lamm sein will, dass dem Löwen dafür geopfert wird.

Balthasar wird mich nicht unvorbereitet finden.

Roter Löwe – Teil III: Alte Freunde

Ich weiß nicht, warum ich mich zwei Tage später wieder mit ihm traf. Mir war seit diesem kurzen Gespräch zwischen den Gräbern klar geworden, dass Balthasar mich benutzte. Nicht auf eine Weise, die ich ihm sonderlich übel nahm, das gebe ich zu. Aber er benutzte mich als Prüfstein für seine Verdächtigungen und Theorien. Es waren Vermutungen über alles, was wir an jenem Nachmittag von Matthias erfahren hatten, die er schon lange vorher angestellt haben musste. Er hatte die ganze Scharade an diesem Tag nur aufgeführt, um zu sehen, ob ich selbst zu ähnlichen Schlüssen wie er kommen würde.

Ich wusste also, dass er noch weitere Pläne und Gedanken vor mir geheim hielt. Dinge, die ich entweder selbst heraus finden sollte, um seine Theorie als vernünftig zu bestätigen, oder nicht erfahren sollte.

Auch mir war es damals bewusst gewesen, wie seltsam er sich verhielt, wie wenig Sinn sein Vorschlag enthielt und wie…

Es war wie ein Zwang von ihm. Eine Art von Besessenheit, die ihn ergriffen hatte. Er war nicht in der Lage, ein einmal aufgespürtes Geheimnis ruhen zu lassen. Sie mussten für ihn bloß gelegt werden, er musste sie enthüllen und verstehen und bis ins kleinste durchleuchten.

Er hatte mir ins Gesicht gesagt, dass kein größerer Plan dahinter steckte, kein Forschungsprojekt von Seiten der Akademie oder irgendeines Instituts. Und ich glaubte ihm.

Diese zwei Behauptungen widersprechen sich in meinen Augen nicht: Folgte einer unschuldigen Neugier, einer Spur, über die er gestolpert war und die er aus Langeweile oder vielleicht auch Eitelkeit verfolgte. Aber sobald er einmal die Witterung aufgenommen hatte, war er kaum mehr zu bändigen.

Sicher ist: Ich bewunderte ihn für genau diese Zielstrebigkeit. Balthasar war ein furchtloser Mann, auch auf der Akademie schon war er mit seinen Untersuchungen dorthin gekrochen, wo auf die ach so ehrbaren Herren Doktoren nur der Spott gewartet hatte. Mit unerschütterlicher Festigkeit hatte er selbst aus den absurdesten Bänden und Hinweisen noch die Wahrheit heraus kristallisiert, hatte aufgespürt, was die Arroganz der gebildeten Männer als Märchen verlacht hatten.

Vielleicht war es das, was mich dazu brachte, mit Taschenlampe und dunkler Kleidung am Treffpunkt aufzutauchen.

Er würde es auch ohne mich tun, so viel hatte er gesagt. Ich war nützlich, aber nicht notwendig, und ich zweifelte keinen Moment daran, dass er die Wahrheit sprach. Indem ich ihm half, teilte ich vielleicht seine Schuld mit ihm…aber auch seine Besessenheit. Ich könnte sie vielleicht verstehen, vielleicht, nur vielleicht, ein wenig davon begreifen. Ein wenig wie er sein, nur ein einziges Mal furchtlos in den Schlund der Vergangenheit schreiten und ihm etwas Unwahrscheinliches, etwas Außergewöhnliches entreißen.

Tatsache ist, dass ich seinem Plan folgte, gleich was meine Gründe dafür gewesen sein mochten.

Wir trafen uns unweit der kleinen Kapelle, recht spät am Abend, in einer kleinen Kneipe. Eine dieser Pinten in den unteren Etagen der Hochhäuser, wo man fast nie jemand anderen traf als die immer gleichen Abhängigen.

Wir konnten aber die Kapelle aus einer angenehmen Entfernung beobachten, dort unter uns, hinter den Fenstern, mit einem Blick auf den Friedhof und halbwegs auf den Eingang. Wir tranken wenig und aßen kaum. Balthasar wagte sich an irgendeines der fettigen ‚Hausmannsgerichte‘, die die Küche so reichhaltig aufgewärmt hatte. Ich verweigerte mich fester Nahrung. Mein Magen revoltierte bereits beim Gedanken daran und ich war ohnehin zu angespannt, zu nervös. Den ganzen Abend über hatte ich einen Klumpen in den Eingeweiden. Dort, wo sich meine Furchtlosigkeit zu einem Stein zusammen gezogen haben musste.

Es dauerte eine ganze Weile, bis die Abendmesse vorbei war. Bis die Sonne draußen schwächer wurden und nacheinander vom Orange der künstlichen Glühbirnen ersetzt wurde. Von den Straßenlaternen und Scheinwerfern vorbeifahrender Autos, die das Tageslicht künstlich am Leben erhielten.

Als kein Licht mehr aus der Kapelle selbst kam, dachten wir, es wäre wohl an der Zeit. Ein paar Leute waren noch bis spät nach der Messe dageblieben, scheinbar, aber auch sie gingen schließlich. Wir hatten ihre Gesichter nicht sehen können aus dieser Entfernung, dachten aber nur kurz darüber nach, ob Matthias unter ihnen gewesen sein könnte. Nach einer kurzen Debatte kamen wir überein, dass wir uns vor Ort umsehen müssten, um sicher zu gehen. Die Wohnung des Priesters aber befand sich unmöglich in der Kapelle – wir hatten bei unserem letzten Besuch keinerlei Türen oder Anbauten bemerkt, die auch ein noch so karges Leben ermöglicht hätten. Er musste also im Lauf der Nacht abschließen und nach Hause gehen, früher oder später.

Wir zahlten unsere Rechnung und verließen die Kneipe. Der Weg von einem der Seiteneingänge des Hochhauses zur Hauptstraße herunter führte an der Friedhofsmauer vorbei, die niedrig war und aus Bruchstein, etwa sechshundert Jahre alt, wenn ich eine vorsichtige Schätzung geben sollte. Sie war auch mehr eine Markierung als eine wirkliche Begrenzung. Es war ein leichtes, in einem geigneten Moment darüber zu klettern und im Schatten an die Kapelle gedrückt bis zum Eingang auf der anderen Seite herum zu schleichen.

Der Eingang selbst schien uns einfach genug aufzubrechen. Die Kapelle verfügte nur über ein einziges Hauptportal, das nicht direkt an der großen Hauptstraße lag. Gute zehn Meter Weg trennten die Friedhofsmauer vom Eingang. Zehn Meter, die beinahe wie ein Graben wirkten mit der Mauer auf der ersten, einige alten Bäume und dem Grabhügel auf der zweiten und dritten und schließlich der Kapelle auf der vierten Seite. Er lag in jedem Fall nicht so entblößt, dass wir riskieren mussten, die Aufmerksamkeit der vorbeifahrenden Autos oder etwaiger Nachtschwärmer auf uns zu lenken.

Das Schloß daran war ein einfaches Metallding an einer Kette, dick und schwer und alt, mit massigen Gliedern. Ich…hatte mich nie in meinem Leben mit diesen Dingen beschäftigt, hielt also Wache, während Balthasar sich darum kümmerte.

Der Hof und das Hügelchen, das unter ihm gewachsen war, waren fast ruhig, inmitten des Rauschens. Die Straße selbst war nicht mehr so verstopft wie am Tag, aber immer noch befahren genug. Selbst Straßenbahnen schoben sich noch regelmäßig vorbei. Der Lärm der Straße versiegte hier nicht, auch nicht als es endgültig Nacht wurde, und blieb ein stetes Rauschen. Er erinnerte mich weniger an etwas von einzelnen Menschen produziertes und mehr an eine Naturgewalt – an den Wind oder die Wellen vielleicht.

Der Ort füllte mich immer noch mit Unbehagen. Als gehörten wir hier nicht hin, als wären wir Fremdkörper in einer offenen Wunde und als wäre die Wunde selbst unnatürlich. Sie war zu alt, um noch offen zu sein, sie hätte längst verheilen müssen. Der Protestantismus, der sich in diesem Bau Bahn brach, aber allen voran diese von der Vernunft getriebene Raserei des Priesters hätten vor langer Zeit aus der Welt verschwinden sollen.

Es war ein absurdes Gefühl, als ob ich den Boden unter den Füßen verloren hätte, obwohl ich ihn noch immer unter mir spürte und sah. Als würde sich die Erde selbst unter mir bewegen und rumoren.

Ein Einbruch mitten in der Nacht und vielleicht zwanzig oder fünfundzwanzig Meter von uns pulsierte noch das Stadtleben mit seinen Lichtern. Aus dem Hochhaus gegenüber strahlten noch immer viele Lampen, trotz der späten Stunde. Fernseher liefen und projizierten ihre blaue Ausstrahlung an Wohnzimmerwände, Musikanlagen plärrten in die Nacht hinaus.

Hinter mir rasselte die Kette zu Boden.

Balthasar brummte nur leise, dann verschwand er rasch im Inneren der Kapelle. Ich folgte ihm, zog die Tür hinter mir zu.

Die Kapelle war düster, noch finsterer als die Nacht. Die kleinen, runden Fenster ließen wenig der städtischen Lichter hindurch. Die Enge des kleinen Gemäuers, die dicken Wände und die dicht beeinander stehenden Bänke ließen sie noch kleiner wirken, noch älter.

Balthasar war nicht weit gekommen. Er stand am Anfang des Ganges zwischen den Bänken. Aus seiner Umhängetasche hatte er eine Taschenlampe geholt, ein kleines Gerät, dessen Helligkeit sich regeln ließ. Nur ein dünner Film weißen Lichts ergoß sich durch den Raum. Es war mehr ein kränkliches Glühen tatsächlich, als echtes Licht. Gerade genug, um die Umrisse der Bänke ausfindig zu machen, und keinen Lärm zu verursachen.

Er wartete kaum darauf, dass ich mich wirklich orientiert hatte, sondern ging rasch zur Sakristei im hinteren Bereich.

Wir wollten die Bücher ansehen, die Matthias sich zu zeigen geweigert hatte, die er eifersüchtig hinter Gittern weggesperrt hatte. Der Mann hatte ja von all diesen infamen Verwirrungen des Geistes, die nicht nur mit Athanasius Roth und seinesgleichen in Verbindung standen, viel zu viel verstanden. Wir vermuteten, wir wussten, dass er etwas vor uns verbarg, dass sich dort neben den bloß verächtlichen Schriften der Inquisition…vielleicht auch Überreste der Bibliothek des Mannes finden würden, den es vor dreihundert Jahren in dieses Dorf getrieben hatte. Dass wir dort einen Grund finden könnten, warum er sich hierher zurück gezogen hatte.

Ich glaubte jedenfalls daran, dass der Priester Matthias schlicht in den Besitz einiger der eher obskuren Schriften Roths gelangt war und diese nun hütete wie seinen eigenen Aufapfel. Dass er sie bewahren wollte vor dem Zugriff irgendwelcher „staatlichen Willkür“, wie er es genannt hatte.

In jedem Fall wollten wir uns selbst vom Inhalt seiner Bibliothek überzeugen.

Dann erst, wollten wir die Gruft unter der Kapelle aufbrechen und uns endgültig Gewissheit verschaffen, welche Gräber sich dort befanden. Und ob dasjenige Athanasius Roths darunter war.

So hatte ich es ausgemacht, weil ich das Risiko nicht eingehen wollte. Ich wollte einen belastbaren Hinweis haben und mich selbst überzeugen, dass es nicht bloß ein Hirngespinst Balthasars war oder eine haltlose Vermutung.

Ich wollte nicht riskieren, eine Gruft zu schänden, wenn es keinen Anlass dazu gab.

Ein wenig Aberglaube war dabei, vielleicht. Zumal ich in meinem Leben schon die ein oder andere Leiche gesehen hatte und mich daher weder vor ihnen fürchtete, noch irgendeine Art von heiliger Scheu empfand. Aber insgeheim zögerte ich wohl doch noch, die alten Vorurteile über die Geschichtskunde als eine Art von Leichenfledderei so derartig zu bestätigen.

Die Sakristei, in der die Bücher lagerten, war nicht noch einmal abgesichert. Ihre Tür schwang ohne Widerstand auf. Im Raum selbst befand sich auch das Bureau des Priesters: Ein schmuckloser Schreibtisch zur Vorbereitung der Predigten, auf dem er mir vor einigen Tagen einige der Karten gezeigt hatte. Daneben befanden sich einige nicht weiter auffällige Schränke, in denen alles für den Gottesdienst aufbewahrt wurde – Roben, Kerzen, Weihrauchschwenker und dergleichen mehr.

Im Glühen der Taschenlampe richteten wir unsere Augen auf den Schrank, der hinter dem Schreibtisch einen guten Teil der Seitenwand einnahm. Er sah aus, wie ich ihn in Erinnerung hatte: Ein massives Ding aus daumendicken Eichenbrettern, die mit langen Nägeln zusammen getrieben worden waren. Balthasar war rasch dabei, die Türen zu öffnen. Gitterstäbe, drei Zentimeter dick, umschlossen einen kleineren Schrank, der sich in dem größeren aus Eichenholz befand. Wie in einem Käfig war der kleinere Schrank eingesperrt und vor der Welt versteckt.

Balthasars Aufmerksamkeit richtete sich nur auf das Schloß, das in den Käfig eingelassen war. Es war ebenfalls altmodisch, wie das Schloß am Eingang. Keine Elektronik, keine Fingerabdrücke, geheimen Codes oder Scans würden es öffnen – sondern nur ein feines und komplexes Zusammenspiel aus mechanischen Rädern und Stiften in einer stählernen Hülle.

Wieder dauerte es einige Minuten, bis Balthasar der Mechanik seinen Willen aufgezwungen hatte. Einige Minuten, die er mit der Taschenlampe zwischen den Zähnen am Schloß herumfuhrwerkte, die ich ihm gebannt über die Schulter schaute und meinen Atem anhielt, aus Angst entdeckt zu werden. Es gab nicht ein einziges Geräusch in der Kapelle, abgesehen von dem Schaben, das Balthasars Geräte in dem Schloß verursachten.

Dennoch zitterte ich und lauschte angestrengt, als ob jeden Augenblick Matthias durch die Tür kommen könnte.

Schließlich aber schwang die Käfigtür auf. Balthasar kniete vor dem alten Sicherheitsschrank, die Taschenlampe noch im Mund und den Kopf fast ganz hinein gesteckt. Sein Finger fuhr über die Buchrücken, die sich vor ihm entblößten, die ich aber nicht ausmachen konnte.

Bis er bei einem innehielt, ihn heraus zog und zum Schreibtisch trug.

Er schien völlig vergessen zu haben, dass ich auch anwesend war, obwohl ich ihm über die Schulter sah und zu begreifen suchte, was er da heraus gegriffen hatte.

Eine Art Tagebuch, offenbar, eine Chronik, angefangen auf dem dicken Papier älterer Jahrhunderte, deren Inhalt ich nicht begriff.

Meine geflüsterten Fragen ignorierte er. Er antwortete nicht, winkte nicht einmal ab, sondern war ganz vertieft in seiner Lektüre, die doch nur oberflächlich gewesen sein konnte.

Mein Magen befand sich in offenem Aufruhr. Nicht nur wegen ihm, sondern wegen allem. Wegen der stickigen Atmosphäre, die vom Geruch nach altem Papier und Pergament durchsetzt war, wegen der Dunkelheit, die um Balthasar herum noch stärker zu werden schien, da er den dünnen Strahl seine Lichts nur auf das Buch richtete. Wegen der Stille. Wegen der unnatürlichen Stille in der Kapelle, in die fast nichts von der Außenwelt drang. Nur unser Atmen und das Rascheln von Handschuhen auf Papier.

Eilig nahm ich meine eigene Taschenlampe heraus, die ein kräftigeres Licht als seine warf.

Auch ich wagte nun einen Blick in den Schrank, suchte nach meinen Beweisen, meinen Hinweisen, dass Balthasars Theorie nicht abwegig war. Ich brauchte einen Beweis, dass es einen Sinn hatte, was wir taten. Dass ich nicht nur hier war, um Balthasar und mir etwas zu beweisen, sondern etwas heraus zu finden.

Auf den Buchrücken der zerfledderten Sammlung prankten Namen, die ihnen kaum etwas sagen würden. Obskure und verlachte Autoren, die in der Forschung höchstens als Artefakte überholten Denkens wahrgenommen wurden. Werke, vor denen ich heute erschaudere, weil ich nicht mehr weiß, ob sie Wahrheit oder Lüge sind. Wovon der alte Priester erzählt hatte war vorhanden, sicher. Aber wobei mir übel geworden war und schwindlig, wovor ich zuvor schon Ekel gezeigt hatte, war kaum der geringste Teil der Sammlung.

Es waren gefährliche Bücher, ja. Aber nicht, weil sie verboten waren oder irgendwelche geheimen oder dunklen Künste lehren würden. Ganz im Gegenteil handelt es sich um einige der aufgeklärtesten Texte unserer ganzen Spezies. Texte, die rigoros Licht in das Dunkel der Welt brachten und gerade darum wie die Ausgeburten des Wahnsinns wirken mussten.

Ich wandte mich von ihnen ab und trat wieder zu Balthasar. Ich wollte wissen, was er scheinbar gesucht hatte, was ihn hierher getrieben hatte. Er hatte behauptet, auf eine Spur zu Roths Grab gelangt zu sein, nachdem er das Schriftstück eines gewissen Schülers ausgegraben hatte. Eines ansonsten anonym verbliebenen Schülers eines Zauberers und Alchemisten, der für etwa die Zeit Roths verbürgt gewesen war: Johann Kunckel. Ich hatte es selbst gelesen, er hatte es mir bereitwillig gezeigt. Es war ein kurzes Pamphlet gewesen, ein Brief an eine Reihe anderer Schüler des verstorbenen Meisters. Scheinbar war es Jahrzehnte nach dem Tod des Alchemisten verfasst worden in der Absicht, sein Lebenswerk fortzusetzen – und die anderen Jünger ebenfalls dazu einzuladen.

Balthasar schien ein weiteres Werk des mysteriösen Schülers gefunden zu haben, den wir nur als „M.“ kannten. Es erzählte in der üblichen, chiffrierten Symbolsprache der Alchemisten und Scharlatane von seiner Reise. Von seiner Suche nach der Unsterblichkeit. Balthasar überflog ihn nur, verschlang den Text in einer Geschwindigkeit, dass ich nicht mithalten konnte.

Das wenige, was ich davon verstand, kam mir wie das Gerede eines Irren vor. In der Sprache der Alchemisten wurde berichtet, wie die Prima Materia den Tod überwand, die Allheilung brachte, wie sich am Ende des großen Werks Sol und Luna verbanden zu einem ewigen, roten Zwielicht der inneren Sonne.

Ein obskures, unverständiges Buch, alles in allem.

Wäre da nicht die Widmung auf der letzten Seite gewesen, die eine Feder dort irgendwann unter das Titelblatt gekratzt hatte:

‚Meynem Freunde, F.A.Roth

Seynem unersättlichen Durste.‘

Ich starrte auf die Buchstaben vor mir, auf die Schnörkel der Kapitälchen.

Natürlich könnte es eine Fälschung sein, ein aufwendiger Scherz. Sie musste weder von Kunckel stammen noch von irgendeinem seiner Schüler. Sie könnte später hinzugefügt worden sein oder eine phantastische Fälschung sein…

Aber sie war hier. Hier in dieser Kapelle, wo wir den echten Roth vermuteten, jedenfalls sein Grab, und uns Hoffnungen machten, diese kleine Lokallegende aufzuklären.

Als ich gerade die Kraft gefunden hatte, meinen Mund zu öffnen, hatte sich Balthasar bereits aus seiner Trance gelöst. Eifrig stopfte er das Manuskript in seine Tasche. Er drängte mich zur Seite, verschwand wieder mit dem Oberköprer im Schrank und nahm Folianten heraus. Als seine Tasche bereits gefüllt war, begann er, auch mir einige davon in die Hände zu geben. Scheinbar willkürlich wählte er sie aus.Verlangte, dass ich sie mit ihm stehlen würde, für ihn, da zwei Paar Hände mehr dieser Schätze tragen könnten als er alleine. Weil es unsere Pflicht, unser Verlangen sei, nicht nur diese Texte sondern ihre giftige Quelle selbst zu verstehen und ausfindig zu machen. Zu begreifen, woher diese tückischen Gedanken kamen, die so viele Geister für so lange Zeit verblendet und vergiftet hatten.

Ich…weigerte mich. Zunächst jedenfalls. Für einen Moment, der vielleicht mein vorzüglichster in alle dem war, blieb ich standhaft. Selbst der Diebstahl von Irrsinn war noch immer Diebstahl. Der Mann, der diese Schriften gehörten, war – auch wenn er mir zuwider war – noch immer ein Mann, und wir hatten das erreicht, was wir herausfinden wollten: Ich war überzeugt, dass Roth sich hier befand. Wir konnten hinunter steigen in die Gruft, Beweise finden und zumindest für uns zufrieden sein, ehe wir eine ordentliche Expedition starteten.

Seine Verachtung war spürbar, als er mich anfunkelte.

„Er ist weniger als ein Mann“, flüsterte er. Seine Augen waren blutunterlaufen und dunkel. Im schwachen Licht der Taschenlampe hatte er ein wildes Aussehen, fast selbst wie ein Tier, das mich in die Ecke trieb.

„Wie könnte er noch einer sein? Wie könnte einer, der von diesen Dingen spricht, der von der Unsterblicheit wie von einer alten Freundin schreibt, von dem Verfall der Zeit, bis die die Jahre alle Bedeutung verloren haben…Wie könnte er noch ein Mann sein? Ein Mensch wie du und ich?

Das hier“, sagte er und hielt seine Tasche ein Stück in die Höhe, worin sich auch das eine Buch befand, nach dem er gesucht zu haben schien.

„Das hier ist der Beweis! Die Behauptungen, zweihundert Jahre alt, in seiner eigenen Schrift, dass er die Formel gefunden hat und das ewige Leben.x

Wenn der nicht den Verstand verloren hat, wenn er noch ein Mann ist mit seinem Gerede von Blut, von Ewigkeit und dem ältesten Fluch der Wissenschaft, vom roten Leu und der Prima Materia…

Wenn er nicht den Verstand verloren hat, dann habe ich es.

Wie kann einer ein Mann sein, der keine Vernunft mehr hat, der sich seinen Hirngespinsten hingibt und mehr ein Tier ist, als ein Mensch? Der behauptet, dass Athanasius Roth nie gestorben ist?

Und ich…ich werde beweisen, dass er es doch ist.“

Ich starrte ihn nur an, unfähig, ein Wort hervor zu bringen. War es das, was er wirklich wollte? War ich ein Handlanger, ein Gehilfe für einen Diebstahl, weil er eine neue Lüge ans Licht zerren wollte? Weil es ihm nicht um die Wahrheit ging, ob und wo Roth gestorben war…sondern um die esoterische Behauptung seiner Unsterblichkeit, die er als Lüge entlarven wollte?

Wollte er nur beweisen, dass sein Verstand in der Lage war, diesen Irrsinn als eben das zu entlarven? Fraglos war er fähig und zeigte heute noch den selben Eifer, mit dem die sogenannten Hexenjäger ihrem Aberglauben der Vernunft huldigten.

Mein Blick senkte sich auf das Buch in meinen Händen. Auf das „chymische Traktat“ Kunckels, in dem sich eine Widmung an diesen F.A.Roth befand

Er verlangte meine Tasche, entriss sie mir schließlich böse, als ich zu langsam dabei war, und füllte sie selbst mit den Büchern, die er stehlen wollte.

Ich bin ein Narr, dass ich sie am Ende entgegen nahm. Dass ich sie nicht einfach von mir schleuderte und vor ihm und seiner Neugier zurück in mein altes Leben floh.

Damals dachte ich, dass es nur so sein könnte. Dass Balthasar…Recht haben musste. Niemand, der von diesen Dingen im Ernste sprach, konnte vernünftig sein. Niemand konnte ernstlich sich in diesen Phantastereien ergehen, sich mit Geheimnissen und Lügen umgeben und sie als die Wahrheit auszugeben. Ich dachte, es wäre meine Pflicht als verständiger Mensch…

Damals dachte ich noch, dass diese Lügen aufgeklärt, alle Wahrheit ausgestellt gehörte – auch die über die Vergangenheit.

Heute weiß ich es besser. Heute habe ich diese Vergangenheit gesehen. Habe ihr in das nur zu lebendige Gesicht gestarrt…

Und wünsche mir nichts mehr, als sie zu vergessen.

Manche Dinge sollten begraben bleiben, vergessen und verlogen als jene Monster, über die der moderne, aufgeklärte Mensch nur den Kopf schütteln und lachen kann, weil er sie nicht sieht. Weil er sie nicht versteht, wie sie eigentlich sind.

Roter Löwe – Teil II: Unerbetene Antworten

Die Kapelle, in der Balthasar das Grab des letzten Hexenjägers vermuteten, war eine Groteske.

Sie stand auf einem winzigen Friedhof, der im Lauf der Jahrhunderte zu einem Hügel angewachsen war. Mehr und mehr Leiber waren in die Erde gelassen worden, bis sie sich aufgebläht hatte und nun ihre einstige Friedhofsmauer weit überragte.

Eingekesselt zwischen zwei vielspurigen Hauptstraßen, auf denen rund um die Uhr Lastwagen, Züge und tonnenweise Stahl vorbei fuhren, wurde sie überthront von einem Hochhaus mit zwanzig oder mehr Stockwerken. Von der anderen Straßenseite her wurde sie von einem Konsumtempel überschattet, der erst einige Jahre zuvor für mehrere riesige Supermärkte erbaut worden war.

Das älteste Gebäude der ganzen Gegend – nicht das älteste erhaltene, sondern tatsächlich das älteste von dem wir wissen – war dagegen ein absurd kleiner Bau. Es war ein Relikt nicht nur der Vormoderne, sondern der alten Zeit, und stand dort unbehelligt inmitten des städtischen Chaos. Als wäre ein Blitz in die Stadt selbst eingeschlagen und hätte ihren Leib bis auf den Knochen freigelegt.

Der Kern des Gebäudes stammte aus dem dreizehnten Jahrhundert und war oft genug erneuert worden, aber kaum ein Umbau war jünger als zweihundert Jahre. Ein schlichtes Kreuzgewölbe, weiß getüncht, lag wie eine geduckte Spinne über dem Hügelchen und erhob sich kaum vier Meter hoch. Eine Galerie gab es darin ebenso wenig wie einen Turm, den man nach dem letzten Krieg wegen Baufälligkeit abgetragen hatte.

Das jüngste Stück der Ausstattung war die Glocke gewesen, die im ersten Weltkrieg für Munition eingeschmolzen worden war. Mit der Abtragung des Turms war auch sie nicht mehr ersetzt worden.

Ansonsten hatte das unauffällige Ding die Jahrhunderte fast unverändert überdauert. Misstrauisch hockte es auf seinem Stück Totenacker, eingepfercht zwischen Jahrhunderten, die es kaum berührt hatten.

Alles, was früher einmal an Dorf dort in der Gegend gewesen war, war unter Beton und Stahl verschwunden und vergessen gemacht worden. Und Balthasar war dabei, es wieder hervor zu zerren.

Ich traf ihn am Nachmittag vor Ort, nachdem ich tagsüber gerade die gröbsten Recherchen über die Kapelle und die Gegend angestellt hatte. Ich hatte nicht viel mehr als das gefunden, was man bereitwillig in jeder Ortsbibliothek oder frei zugänglichen Archiven finden kann.

Balthasar wollte keine Zeit verlieren, wie es schien. Die Sache hätte mich stutzig machen sollen. Roth lag seit gut zweihundert Jahren im Grab, das Gotteshaus darüber hatte mehr als ein dreiviertel Millenium überstanden – sicherlich drängte die Zeit nicht? Nicht, wenn sie hier so zäh vorüber floß, dass sie beinahe still zu stehen schien.

Balthasar drängte aber darauf, seinen Verdacht so schnell als möglich zu überprüfen.

Ich hätte damals vielleicht schon eine Ahnung haben können, hätte aufhorchen müssen, dass er für so eine einfache Sache überhaupt Hilfe brauchte. Noch dazu von mir.

Zwar habe auch ich meinen Stolz und bin überzeugt, ein … ein guter Wissenschaftler und Forscher gewesen zu sein. Ich hatte immer schon ein Händchen für die Sprache und glaube, wie kaum ein Zweiter in meinem Feld in die sprachliche Wirklichkeit der Vergangenheit eintreten zu können. Neuzeitliches Französisch und spätmittelalterliches Deutsch gingen mir mit der selben Leichtigkeit über die Lippen, wie ich den Dokumenten dieser Zeit ihre Geheimnisse entlockte. Kaum ein Text – sei es ein medizinisches Rezept oder theologisches Traktat – konnte seinen Inhalt vor mir verbergen, solange er zwischen den Pyrenäen oder der Elbe abgefasst worden war.

Aber Balthasar … Er verdiente es, ein Genie genannt zu werden. Obwohl seine Theorien von der Akademie verlacht wurden, hatte er eine ganze Reihe von Entdeckungen gemacht, die wenigstens in unserer kleinen Welt einiges an Aufsehen erregt hatten. Mehr als einmal hatte er ein lang verschollenes Manuskript wie von Zauberhand präsentieren können.

Vielleicht war ich deshalb von seinem angedeuteten Lob geblendet, von dem Vertrauen, dass er seine Entdeckung ausgerechnet mit mir teilen wollte. Es war ja keine große Sache – die Weltgeschichte würde auch ohne diese regionale Geißel der Aufklärung weitergehen. Kaum ein Buch würde neu geschrieben werden allein deswegen, weil das Grab von Athanasius Roth gefunden worden war.

Mir aber bedeutete es etwas, diese Entdeckung mit ihm machen zu können. Ihn bei seiner Arbeit begleiten zu dürfen war mir Grund genug, meine Schreibstube zu verlassen und das dröge Manuskript, an dem ich arbeitete.

Der Priester, der uns in der Kapelle empfing, war ein älterer Herr jensets der siebzig und unseren Fragen zunächst auch recht zugänglich. Wir gaben uns ihm zwar als Historiker zu erkennen, wollten aber zunächst mehr in Erfahrung bringen, bevor wir die wahren Gründe unserer Fragen offenlegten. Uns triebe ein allgemeines Interesse an der Geschichte des Ortes, besonders derjenigen Zeit, bevor das Dörfchen von der Stadt verschlungen worden war. Wir sagten, wir hätten den Wunsch mehr davon zu erfahren, unter Umständen einen Blick in die Aufzeichnungen der Kapelle zu werfen, falls denn welche geführt worden waren.

Balthasar übernahm die Führung des Gesprächs, ich hielt mich im Hintergrund. Offenbar schien es ihm das beste, nicht mit der allzu abenteuerlichen Geschichte von Friedrich Athanasius Roth zu beginnen, dem Hexenjäger, der seine Ruhe hier gefunden haben sollte. Stattdessen begann er, unsere Absicht mit dem Manuskript zu verschleiern, an dem ich arbeitete. Ich schrieb tatsächlich zur Stadtgeschichte und forschte zur Entwicklung der Vorstädte um das siebzehnte Jahrhundert herum. Wenn auch Roth und diese winzige Kapelle selbst keinerlei Rolle darin spielten.

Ich fand es damals einigermaßen verständlich, dass Balthasar sich nicht zu erkennen gab. Der Name „Athanasius Roth“ selbst war zwar nicht weiter gefährlich, natürlich nicht. Tatsächlich dürfte er fast gänzlich unbekannt gewesen sein, da im Ort auch kein Hinweis darauf zu finden war.
Es gab ja, abgesehen von der Kapelle selbst, kaum noch Überreste aus früheren Zeiten. Jedenfalls fanden sich nicht, wie in vielen anderen Städten, stolz an den Fassaden irgendwelche Plaketten oder Gedenktafeln, die auf jene frühere Zeit zurück verwiesen. Kein Schildchen über einem Eingang verkündete ‚Hier wohnte im Sommer 1856 der gnädige Komponist Soundso‘, keine Gedenktafel zelebrierte die Geburtshäuser der Wenigen, die von hier aus in die Welt gezogen worden waren.

Das ganze Viertel verriet nichts von den Menschen, die hier einmal gelebt hatten.

Vielmehr waren die einzigen Erinnerungen, die es besaß, gewissermaßen die an die Geschichte selbst. Alte Meilensteine markierten Grenzverläufe und wie sie sich im Lauf der Jahre verschoben hatten. Ab wo das Sperrgebiet einst begann, hinter der zur Staatssicherheit gefoltert wurde, und wo die Grenze der Stadt und des Dorfes vor hundert oder mehr Jahren gelegen hatte.

Dennoch verstand ich Balthasars Zögern. Die Menschen neigen dazu, sich die Vergangenheit nur ein Stückchen heldenhafter vorzustellen, als sie tatsächlich war. Ein wenig glorreicher, wenn man mir das Wort gestattet. Sobald Namen ins Spiel kommen, neigt der Mensch zu einem Kult, den ich heute nur noch mehr verdammen kann. Ein Kult der toten Namen gewissermaßen, der diese wenigen überlieferten Charaktere nur umso bedeutender log und überhöhte, selbst wenn sie wenig mehr als geschwärzte Namen in einem einzigen Manuskriptum waren.

Es war gesund und vernünftig, diesem Kult in unseren Nachforschungen nicht noch mehr Nahrung zu geben. Wir wollten etwas über die gewissermaßen löchrige Geschichte der Gegend erfahren – das genügte.

Diese war auch tatsächlich nicht uninteressant, wie ich anfügen möchte. Gerade weil es hier scheinbar keine Persönlichkeiten gab – weil die Namen an den Häusern fehlten, weil selbst die Klingelschilder modernen Wohntürme kaum mehr als Nummern von Türen und Treppenhäusern zeigten – konnten wir uns ganz auf die Spurensuche konzentrieren. Es würden kaum alberne Ammenmärchen von heldenhaften Rittern oder Prinzessinnen in Nöten zwischen uns und unsere Leiche der Vergangenheit geraten.

Der Priester – der sich uns als Matthias vorstellte, schlicht Matthias, bedauerte diesen Umstand allerdings, als ich ihn darauf hinwies. Für ihn war das alles ein Zeichen von Sündigkeit, von Vergessenheit. Er erklärte, dass diese seine Kirche der letzte Ort der Andacht wäre, mit Charakter und echter Geschichte, die von Menschenhand gefertig wäre. Ganz im Gegensatz zum kalten Beton der Umgebung. Er war, wenn mir die persönliche Bemerkung gestattet ist, beinahe zur Gänze diesem Kult der toten Namen verfallen.

Stolz zeigte er die Relikte herum, als deren ‚Bewahrer‘ er sich behauptete. Das Jahrhunderte alte Chorgestühle und den Altar, hinter dem sich einige Totenschilder nebeneinander aufreihten. Gedenktafeln für die hohen Herren der Gegend und ihre Werke.

Eine lange und bedeutungslose Reihe von Landgrafen und Rittern, die das Dorf einmal besessen und ausgebeutet hatten, lange Jahrhunderte, bevor es von der Stadt verschlungen war. Sogar einige Jahrhunderte bevor unser Hexenjäger Roth sich hierher verirrt hatte. Irgendwann waren auch sie einfach… ausgestorben. Es gab ihr Anwesen zwar noch, aber es rottete inmitten moderner Einbauhäuser vor sich hin. Es kam der Stadt und der Gesellschaft nur noch ins Gedächtnis, wenn erneut einige Drogensüchtige dort aufgefunden worden waren oder andere Unbequeme, die sich dort eingerichtet hatten.

Eine wahre Schande, wie der Priester beteuerte und ich mehr halbherzig bestätgte.

Balthasar nahm dieses sich anbahnendes Gespräch zum Anlass, sich allein auf Spurensuche zu begeben. Er hatte eine Kamera dabei, ich weiß nicht was für ein Modell oder welche Marke. Aber er erklärte Matthias recht frei, dass er einige Fotographien anfertigen wollte, als Erinnerungsstützen und später auch zur Untersuchung einiger baulicher Details. Von den älteren Stücken, wenn es denn genehm sei, und einigen der Grabsteine draußen. Ich würde ihm später schon erzählen, was es interessantes über die Gegend zu wissen gab.

Er verschwand mit der Erlaubnis des Geistlichen, nachdem er mehr flüchtig als gewissenhaft einige Teilstücke des Altars und des Chors fotographier hatte, die zwar alt aber nichts wirklich nichts besonderes waren. Stücke, wie er und ich sie zu hunderttausenden anderswo gesehen hatten.

Ich kann nicht behaupten, dass ich sonderlich fasziniert von der grotesken Spinne in ihrem staubigen Netz war, als die die Kapelle mir erschien. Tatsächlich stieß sie mich irgendwie ab. Wie der Anblick einer alten Narbe, die sich der Heilung beharrlich verweigerte und noch immer unregelmäßig aufbrach und blutete, erfüllte sie mich mit Unbehagen.

Der Priester, Matthias, tat nichts daran, um mein Unwohlsein zu beheben. Stattdessen sonderte er beständig in seinem Reden und Tun eine Einstellung ab, die mir unangenehm war. Mich erfasste ein Gefühl von Überkommenheit, das mich bei ihm mehr an einen Junker als an einen Priester dieses Jahrhunderts denken ließ. Er war, in meinen Augen, ein ebensolches Relikt, wie die Totenschilder, die er hütete.

Ich war sicher, dass Balthasar meine Enttäuschung und mein Unwohlsein bemerkt haben musste. Es verärgerte mich durchaus, allein mit Relikt Matthias bleiben und Interesse an seinen staubigen Gebeinen heucheln zu müssen.

Aber ich traute Balthasars Gespür und war zumindest neugierig: Was hatte einen Mann wie Roth, der Verbindungen zum König, nach Potsdam und Berlin hatte, in ein kleines Dorf wie dieses hier getrieben? Was war ein Grund gewesen, all das hinter sich zu lassen und sich so sorgfältig zu verstecken, dass er selbst jetzt noch wenig mehr als ein Gerücht war? Noch dazu in einer Gegend, die mehr und mehr den Eindruck machte, als wäre sie selbst zu seiner Zeit bereits von dörflicher Dekadenz geprägt.

Ich machte also das beste daraus und versuchte mehr über das ehemalige Örtchen heraus zu finden. Wie es hier einmal ausgehen haben mochte, welchen Besitz diese Landgrafen angesammelt hatten und wie er Stück für Stück ersetzt worden war.

Der alte Mann ließ sich von mir leicht genug darauf lenken, von all diesen Dingen zu erzählen, wie es die Eigenart aller einsamen Menschen ist. Er erging sich in einigen Anekdoten über ältere Geschlechter, über die ‚großen Werke‘ der Landesherren. Belangloses über eine Neuordnung von Feldern, Stiftung von Kircheninventar und die Teilnahme an diesem oder jenem Kriegszug, um irgendeine mehr oder weniger fremde Gegend auszurauben.

Die letzte Bestattung in der Gruft war seinen Worten zufolge ein gewisser Heinrich von Schönehusen gewesen, mit dem das Geschlecht ausgestorben und der in einem prächtigen Sarkophag eingeschlossen worden war. Jedenfalls symbolisch, denn sein Leichnam sei nie aus dem Krieg heim gekehrt, in den er sich „für sein Blut und Vaterland“ gestürzt und in dem der Junker „ruhmreich den Heldentode“ gefunden hätte.

Seitdem hätte es auch keinen großartigen Mann mehr in diesem Teil der Stadt gegeben, wie er fand, und die Gruft daher gesperrt und verschlossen und verfiele trotz seiner Sorgfalt langsam. Wegen mangelnder Aufmerksamkeit der Bevölkerung, sagte er. Weil keine Spenden mehr kämen und der Gottesdienst weniger besucht würde und ihm neben der Pflege der Krypta kaum mehr Zeit blieb, um von den hochwohlgeborenen Herren ein weniges an Geld einzutreiben.

Solcher und ähnlicher Art waren die Geschichten, die mich nur noch mehr mit Widerwillen gegen ihn füllten. Mehr aus Vertrauen, dass Balthasar mit Absicht und Plan so lange über den Friedhof schlich und womöglich das Grab von Roth suchte und fand, als aus Hingabe bohrte ich bei ihm nach. Ob er denn mehr wüsste, vielleicht belastbares Material zur Hand hätte?

Die paar Schriftstücke, die er mir darauf zeigte, waren kaum weniger belanglos als sein Geschwätz:

Ein paar alter Urkunden, die die paar Landstriche der Gegend und ihre Besitzer detaillierter festhielten sowie den Stammbaum der Gutsherren zeigten. Eine ältere Karte und seine eigene Rekonstruktion, wie es vor gut hundertfünfzig Jahren – zu Zeiten seines Urgroßvaters, wie er sagte – ausgesehen haben musste.

Er besaß auch noch die Überreste einer theologischen Bibliothek, die über Jahrzehnte hinweg verfallen war. Wenig von Interesse oder Bedeutung sei hier verblieben, der größte Teil wäre weggeschafft worden, eingezogen von irgendwelcher „staatlichen Zensur“ und „Büttelei“, wie der Alte es nannte.

Weder fanden sich Gemeindebücher noch Geburts- oder Taufregister – diese Funktion der örtlichen Kapellen war vor Jahrzehnten von staatlichen Behörden übernommen worden. Leider seien ihm im Zuge dieser „Willkür“, wie er es nannte, auch sämtliche Aufzeichnungen dieser Art eingezogen und in die Archive des Rathauses geschafft worden. Männer der Wissenschaft hätten schon vor Jahrzehnten alles katalogisiert und fortgeschafft in alle möglichen Institute und Seminare und Archive, um es wegzuschließen vor denen, die sich tatsächlich dafür interessierten und etwas damit hätten anfangen können.

Die meisten älteren Dokumente seien fortgeschafft worden oder irgendwann verloren gegangen, sagte er. Was hier geblieben war, das war für den staatliche Zensus und die großen Archive gleichgültig – Reste der Bibliothek, die der Gemeinde im Laufe der Zeit vermacht worden waren. Oder die er versteckt hatte. „Vor dem Zugriff eines militanten Atheismus“, wie er es nannte. Die Tagebücher und Aufzeichnungen der Priester, hauptsächlich, die vor ihm hier ihren „edlen Dienst an der Menschenseele“ verrichtet hätten.

Die wenigen ihm verbliebenen Folianten von einigem Wert hatte er weggeschlossen, in einem Schrank, der eine Wand der Sakristei vollständig einnahm. Er zeigte ihn mir, oder besser gesagt erklärte er mir, was sich darin verbarg, als ich danach fragte. Gitter versperrten die Schranktüren und der ganze Raum verströmte die Atmosphäre von Alter. Nicht diejenige Art, die einmal meine Leidenschaft geweckt hatte. Diese staubige Art von Alter, wie man sie in alten, seit langen ungelesenen Büchern finden mag. Es war mehr wie ein Geruch von Fäulnis, von stagnierendem, brackigen Wasser oder von lange Monate hindurch unbewegten Gliedern, in denen das Blut steht anstatt zu zirkulieren und die darum langsam bei lebendigem Leib verrotten.

Diesen Eindruck hatte ich, als er mich in die Sakristei führte, wo er mir einige der Landschaftskarten und dergleichen zeigen wollte.

Erst auf meine Nachfrage hin, was sich in dem gesicherten Kasten dort in der Ecke befand, erklärte er mir, dass er noch einige wahrhaft kostbare Werke in seinem Besitz befand. Er bedauerte, dass er sie mir nicht zeigen könne, aber sie bedürfen besonderer Pflege. Gerade ich als Historiker würde das verstehen, das nicht jeder dahergelaufene einen Blick in diese so einzigartigen Stücke werfen dürfe. Ich verstand es durchaus. Falscher Umgang oder Vernachlässigung durch Amateure waren mit die größten Schädlinge, mit denen ich es in meiner paleographischen Tätigkeit je zu tun hatte.

Was ich nicht verstand, waren die massiven Schlösser, die er an den gut daumendicken Eichenbrettern angebracht hatte.

Matthias nannte mir auch nicht einmal die Titel der ach so kostbaren und bedeutenden Werke, die er darin verborgen hielt, sondern machte nur Andeutungen. Es kostete mich einige Überredungskunst, ihm selbst diese zu entlocken. Ich schäme mich ein wenig dafür, auch wenn ich… Auch wenn ich im Grunde weiß, dass dies lange Jahre meine Arbeit war und ich stolz darauf sein darf, sie gut getan zu haben.

Aber in jedem Falle war ich in der Lage, mich so gut und so ausgezeichnet in die gedankliche Welt dieses Relikts zu versetzen – in die Zeit der Religionskriege, als Aberglaube und Hexenhass die Köpfe der Menschen bestimmten – dass er wohl dachte, in mir einen Gleichgesinnten gefunden zu haben.

Mit einem Glitzern in den Augen kam er mir näher, neigte sich zu mir herab.

Alte, fast originale Quarten und Bögen des Hexenhammers, behauptete er stolz, Teile des Werkes zum „peinlichen Inquisitions und Achts-Prozeß“ und andere Schriften mehr, die alle Geheimnisse der menschlichen Seele bis ins letzte Eck ausleuchten sollten.

Grauenhafte Bücher in meinen Augen, die das verachtenswerteste Geschäft betrieben: Den Irrsinn mit aller Vernunft aufrecht zu erhalten und mit Sachverstand zu betreiben.

Der Priester aber fuhr fort, mir auseinander zu setzen, von welcher Bedeutung diese alten Werke nicht nur für die Rechtsprechung seien – sondern viel mehr, dass eben dies das Geschäft der Beichte sei: Die Inquisition. Dass die Schuld aus dem Beichtenden heraus gelockt werden müsse, damit dieser sich davon reinigen könne. Dass sie, durch geschickte Fragerei und psychologische Momente, hervor gesucht werden müsste vom Beichtvater selbst und dass es dazu unumgänglich sei, den Aberglauben des Volkes selbst auszunutzen.

Nur indem er die seelische Schwäche des Beichtenden gegen sich selbst wende, könne er sie überhaupt erst aufzeigen, dem Sünder bewusst machen, ihn dazu zwingen ihr ins Auge zu blicken und sie in gerechtem Zorn zu verfolgen.

Mich überlief es, als mir der alte Mann die mir nur zu gut bekannten Methoden auseinandersetze, als er erklärte, was ich aus anderer Feder schon so oft gelesen hatte und wovon ich so oft gehört hatte. Wie die Vernunft sich schließlich gegen sich selber wendet, um sich auszulöschen. Wie sie mit Feuer und Hass ihre eigenen Wurzeln ausbrennt.

Meine Stimme musste mich verraten haben oder irgendetwas an ihr, als ich mich hinreißen ließ zu dieser einen Frage.

Ob er von einem Athanasius Roth gehört habe?

Beinahe augenblicklich löste sich sein guter Wille auf. Natürlich wusste er von dem Mann nichts und er verstand es auch, seine aufkommende Abneigung recht gut zu verbergen. Rasch lenkte er das Thema wieder auf die lokale Geschichte. Wie viele aus seiner Familie hier Pfarrer gewesen seien und wie alt dieser oder jener Teil des Baus war und wann welcher belanglose Gutsherr ihn gespendet hatte.

Aber ich konnte es in seinen Augen sehen. In der Art, wie er mich aus den Augenwinkeln anstarrte, sobald ich vorgab, mich für ein Ornament zu interessieren, erkannte ich es: Ein tiefsitzendes Misstrauen, das mich nicht länger aus dem Blick ließ. Das hier und da nachbohrte, was noch gleich unser Interesse sei, worum genau es in unserem Werk gehen sollte…Weshalb wir gerade ihn beehrten mit unserer Neugierde.

Bald darauf, als ich weiter Vorwänd fand und Lügen, um ihm nicht die Wahrheit sagen zu müssen, warf er mich hinaus. Er habe noch Dinge vorzubereiten und es sei das beste, wenn ich meinem Kollegen zur Hand ginge, da dieser seine Arbeit scheinbar überaus gewissenhaft betreibe.Wir sollten so viele Fotographien anfertigen, wie uns gefiele, und ihm das fertige Werk unbedingt zeigen.

Trotzdem setzte er mich ohne viel Aufhebens vor die Tür.

Blinzelnd trat ich aus der kühlen, dunklen Luft der Kapelle hinaus in die stickige Hitze der Stadt. Ich fand Balthasar auf dem Gräberhügel, der einmal ein Feld gewesen war. Vor Jahrhunderten, bevor die Erde mit hunderten, tausenden Leichen angefüllt und aufgebläht worden war zu dieser kleinen Anhöhe, die sich zwei Meter über die Kirchenmauern erhob. Mit der Kamera stand er über einen der schiefen Steine gebeugt, die er in der letzten knappen Stunde bereits ausführlich studiert haben musste.

Während er die letzten paar erhaltenen Gräber ablichtete, erzählte ich ihm von meinem Gespräch mit dem Priester. Ich beharrte darauf, dass der alte Mann etwas wusste, dass Balthasar Recht gehabt haben musste. Nur warum? Was war an diesem Roth, dass Matthias bei der bloßen Erwähnung dieses Namens zurück geschreckt und uns des Hauses verwiesen hatte?

Balthasar lachte über meine Sorgen, alles ruiniert zu haben.

Er hätte sich schon gedacht, dass der alte Mann nicht kooperieren würde. Aber das bestätigte bloß seine Vermutungen.

Es gäbe keine Aufzeichnungen aus dieser Pfarre, auch nicht in den Archiven. Absolut gar keine aus der Zeit zwischen etwa 1733 und der Mitte des letzten Jahrhunderts. Vor einigen Tagen hätte er bereits nachgeforscht und nichts gefunden. Keine Listen von Geburten oder Toden, keine Regimentsaufzeichnungen, nicht einmal die Schließungen von Ehen waren dokumentiert worden. Alles, was es aus dieser Zeit an nennenswerten Dingen gäbe, fände sich hier. Hier auf diesem Leichenacker unter den Steinen. Erst nachdem die staatlichen Behörden mit der Führung dieser Listen betraut worden waren, wurden sie wieder regelmäßig geführt. Das war Ende der 40er Jahre gewesen. Nach dem Tod dieses Heinrichs von Schönehusen, ganz nebenbei.

Trotz meiner kleinen Ablenkungen hätte ich aber wohl bemerkt, dass Matthias doch erstaunlich gut und viel von den Hexenverfolgungen wusste und vom Malleus und derlei mehr? Dass er genau jener Zeit, von der er nichts zu wissen vorgibt, in Gedanken und Worten so anhängt? Der ganze Unsinn, den einer wie er zum Belügen des bisschen Volkes nötig habe, das sich noch hierher verirrt, beherrsche der alte Matthias noch über das übliche Maß hinaus. Seine Bibliothek sei nur der letzte Beweis, ich hätte es selbst erraten.

Der Mann verberge etwas, stellte Balthasar fest. Und ich hätte seinen Verdacht bloß bestätigt.

Natürlich habe er auch auf dem Friedhof nichts über Athanasius Roth gefunden, genauso wenig in den Inschriften und Widmungen innerhalb der Kirche. Abgesehen von dem ein oder anderen Namen auf den Totenschildern, die im Dunstkreis eines altbekannten und beinahe berüchtigten Alchemisten und Zauberers aufgetaucht waren. Ein Mann, nebenbei, der all die Eigenschaften des grässlichen Kultes um tote Namen darstellte. Noch heute fand man Gedenksteine zu seinen Ehren an gewissen schattigen Lichtungen.

Friedrich Athanasius Roth befände sich aber hier in dieser Gruft. Und da der Greis uns nicht freiwillig in die Gruft und an seine Bibliothek lasse, müssten wir uns anderweitig Zugang und Beweise verschaffen.

Einbruch also.

Warum, fragte ich Balthasar. Weshalb war er bereit dazu, bloß wegen einer Vermutung? Es konnte unmöglich um ein Projekt der Akademie gehen. Auch die kannte Gesetze, jedenfalls in Maßen. Einen alten Mann auszurauben war mit Sicherheit ein von denen, das selbst das Charoninstitut selten übertrat und das ihn ihre Förderungen und guten Willen kosten könnte.

Halb erwartete ich, dass Balthasar sich auf die Wahrheit stützen würde, auf den unverbrüchlichen Glauben, dass die Wahrheit ans Licht gehöre – gleich, ob sie belohnt würde oder nicht.

Halb vermutete ich, er würde mir seinen geheimen Grund offenbaren. Irgendein Motiv, das es rechtfertgen würde, das seinem Forschungswillen so viel mehr Recht verschaffte als dem alten Mann in seiner Kapelle.

Balthasar aber tat nichts dergleichen.

Er lächelte mich bloß über seine Kamera hinweg an, bevor ein Klick seine Fotographie von meinem verwirrten Gesicht signalisierte.

Weil es das spannendste sei, was er gerade zu tun hätte, sagte er.

Roter Löwe – Teil I: Schmutzige Geheimnisse

Manche Dinge sind von Jahrhunderten des Vergessens mit aller Absicht begraben worden. Nicht etwa, weil Einzelne es zu ihrer Aufgabe gemacht hatten, gewisse Wahrheiten zu verbergen und unter Schmutz und Nebel zu verstecken – obwohl es mehr als genug Handlanger und Büttel gab und immer noch gibt, die die wahre Geschichte der Welt zum Vergnügen ihrer Herren verschandeln.

Vielmehr gibt es…Wahrheiten, die zu schändlich und schauderhaft sind, um in den Erinnerungen der Menschheit fort zu bestehen. Geschichten und Kreaturen, die nur noch in geflüsterten Namen und Andeutungen weiter bestehen und in den Märchen und Legenden, über die die moderne Zeit nicht einmal mehr müde lächeln will. In Sagen, die unsere Zeit als Kinderei abtut, als die spastischen Zuckungen primitiver Geister und Ängste.

Die Schrecken daran sind schlicht verschwunden. Aus allen Aufzeichnungen sind sie getilgt und dem kollektiven Gedächtnis heraus gebrannt worden mit allem Eifer der Inquisition und der Angst vor den unbekannten und schauderhaften Dingen.

Die schlimmsten von diesen Wahrheiten aber waren diejenigen, die sich nur eine neue Maske übergestreift hatten. Die sich umgelogen hatten zu einem Teil unserer Ordnung, die die Märchen verlachte und das Unbekannte nicht mehr fürchtete, weil es es von ihm nichts mehr wissen wollte.

Diejenigen Wahrheiten, die sich in das Gewand der Lüge gekleidet hatten, um weiter bestehen zu können – vergessen, aber nicht verloren – und die von dem aufgeklärten Menschen darum nicht verfolgt wurden als Abscheulichkeit wider den Menschen.

Ich gestehe freimütig, dass ich mich an diesen Lügen beteiligt habe. Die längste Zeit meines Lebens war es mein bezahltes Werk, in den Untiefen der Geschichten nach Wahrheiten zu suchen. Ich wurde dafür bezahlt, vorgeblich, die Geschichte zu studieren und ihre Geheimnisse ans Licht zu bringen. Aus alten Folianten und Aufzeichnungen zu retten, was für unsere Zeit noch brauchbar war. Was noch einen Sinn hatte.

Und ich muss nun erkennen, dass dieser Sinn selbst eine Lüge war.

Balthasar Grünberg musste diese Dinge gewusst haben, lange bevor ich von ihnen überhaupt eine dunstige Ahnung hatte. Er war ohnehin immer klüger als ich gewesen, schon als wir noch auf der Akademie studierten.

Alle Arroganz und Herrlichkeit, die einem Mann der Wissenschaft zu Gebote stand, beherrschte er schon früh. Nichts war seinem Auge zuwider, keine vergessene Geschichte war zu abstoßend, keine Wahrheit zu scheußlich, um nicht von ihm ans Licht gezerrt und examiniert zu werden.

Durchaus eine Eigenschaft, die bewundernswert gewesen wäre, die ich tatsächlich damals auch bewunderte und zu der ich ebenso wie zu ihm aufblickte. Man musste einfach. Wie konnte man diese Neugier nicht verherrlichen, diese Furchtlosigkeit, mit der er sich noch den hässlichsten Schmutzflecken unserer Geschichte stellte und den abenteuerlichsten Spuren nachging?

Wie konnte ein junger Mann nicht der Bewunderung verfallen, wenn einer wie er keine Angst zeigte, die dunklen und verlorenen Gossen unseres Geisteslebens zu durchwandern und im Unrat des Verstandes zu wühlen. Wie konnte ich nicht in ihm anbeten, was die Zierde allen Mutes und Verstandes sein musste?

Mir jedenfalls schien es so, während unserer Studienjahre und auch lange Zeit danach. Er war wagemutiger als ich, neugieriger. Er scherte sich einen Teufel darum, was die Öffentlichkeit von seinen Forschungen hielt, oder ob die Professoren seine Studien verlachten.

In unserem Feld war es nicht ungewöhnlich, sich mit auch … absurderen Einzelheiten zu befassen. Die Zeit der späten Renaissance war, aller romantischer Blindheit zum Trotz, eine der Wunder. Grimoirs, angeblich wissenschaftliche Künste und angeblich magische Forschung verschwammen in dieser Zeit. Selbst Newton, der von Ihnen wie allen anderen auch sicherlich als Wissenschaftler und Physiker bezeichnet wurde, experimentierte noch freudig mit der Alchemie. Er sprach vom Arbor Saturnae als einem Mittel der Revivikation und glaubte wirklich an seine Wiederbelebung.

Balthasar ging über die bloße Erforschung dieser Randnotizen hinaus. Namen, die ihnen nichts sagen würden, die ich nicht aussprechen kann und will, führte er mit dieser gewissen Ironie im Mund. Als wären diese uralten Hexer gute Freunde und hätten keine Geheimnisse vor ihm, der sie so viel achtete wie Märchen und andere Schreckgeschichten. Er erkundete Abgründe der Vorstellungskraft, die selbst unsere Professoren für unmöglich hielten, für aberwitzig und irrsinnig – und ich darf sie daran erinnern, dass wir in den späten 70er Jahren studierten. Mithin standen dem größten Teil der Professoren noch die Schrecken der ersten Hälfte des Jahrhunderts vor Augen und wie weit der menschliche Irrsinn tatsächlich reichen kann.

Was gab es an Balthasar nicht zu lieben?

Er hatte dabei nur, wie ich denke, eine Sache übersehen. Dass manche Wahrheiten vergessen werden wollten. Werden mussten, wenn die Lüge, die wir uns in jedem Augenblick unseres gewöhnlichen Lebens erzählten, bestand haben sollte. Und dass wir…dass selbst wir bisweilen die Pflicht hatten, die Lüge zu verherrlichen und die Wahrheit zu vergessen. Sie als Abscheulichkeit zu brandmarken und aus allen Aufzeichnungen zu tilgen, alles darüber zu vergessen und vergessen zu machen, so gut es nur in unserer Macht steht.

Dass manche Dinge zu grauenhaft sind um sie verstehen zu wollen. Falls es überhaupt möglich war, sie zu begreifen.

Davon wusste ich damals, als er mich um meine Hilfe bat, aber noch nichts. Wenn ich ehrlich sein soll, wünsche ich mir nichts mehr, als dass ich auch heute noch nichts davon wüsste.

Ich fand mich aber, weil ich ihn bewunderte, als Grabräuber an seiner Seite – nicht ganz widerwillig, wie ich gestehe.

Das heißt: Ich war Historiker, jedenfalls hatte ich an der Akademie das Studium mit ihm gemeinsam durchlaufen. Gräber bargen für mich damals keine Schrecken. Mein Fachbereich war die frühe Neuzeit, auch wenn ich – bedingt durch die Natur der Sache – verschiedentlich Ausflüge in das späte Mittelalter oder die Moderne machte. Im Laufe meiner Arbeit habe ich mehr als einen Kadaver gesehen, mehr als eine Mumie begutachtet, selbst wenn mein eigentliches Fachgebiet nicht Grabkunde war. Diese Dinge lassen sich nicht vermeiden, müssen Sie wissen. Der Tod gehört zum Leben unvermeidlich hinzu – um folglich ein treffliches Bild vom Leben der Vergangenheit zu erhalten, ist es unumgänglich, auch mit dem Tod in Berührung zu kommen.

Ich bin mit der Zeit zu der Überzeugung gelangt, dass Männer wie ich nichts weiter sind als die Grabräuber der Geschichte. Der einzige Unterschied zwischen einem gewöhnlichen Leichendieb und meiner Arbeit ist das Alter der Kadaver. Wenn überhaupt. Oft genug habe auch ich mich schon an namenlosen Massengräbern des letzten Jahrhunderts vergangen, habe Beweise vorgelegt für all die Heuchler und Leugner, die vor ihren eigenen Verbrechen noch die Augen verschlossen.

Die meisten von Ihnen werden sich bei diesen Sätzen empören. Und ich gebe Ihnen recht: Die Wissenschaft tut alles mögliche, um sich von diesen Ideen zu distanzieren. Die wissenschaftliche Arbeit selbst hat auch, soweit man das sagen kann, nur mehr wenig mit den Untaten des 19ten Jahrhunderts gemein. In den seltensten Fällen wird ein Grab mit Hammer und Meißel geöffnet, der darin aufgebahrte Leichnam mit allem Schmuck außer Landes gezerrt und in Kunstgalerien ausgestellt. In der Regel belässt man die Dinge dort, wo man sie findet, und versucht aus ihrer Anordnung Schlüsse zu ziehen.

Und dennoch bin ich mittlerweile überzeugt, dass es sich um keinen qualitativen Unterschied handelt. Menschen wie ich – Menschen wie Balthasar! – entreißen dem Grab der Vergangenheit seine Geheimnisse. Wir zerren ans Licht, was frühere Generationen zu töten versucht und endgültig begraben hatten. Und wenn es nur eine Wahrheit ist, die vergessen gehört.

Die Bitte, die Balthasar mir damals stellte und die mich von dieser simplen Tatsache überzeugt hat, war einfach genug: Er hatte einige Details aufgetan, die ihn vermuten ließen, ein besonderes Grab gefunden zu haben. Eine auf den ersten Blick belanglose Sache, da er beständig recht abenteuerlichen Fährten folgte und sich nicht zu schade war in das Reich der Mythen und Legenden herab zu steigen, um Belege zu finden.

In dieser Sache aber konnte er mich nicht nur überzeugen, sondern meine Neugier gewinnen. Es sollte sich nämlich um das Grab eines gewissen Herrn Roth handeln – Friedrich Athanasius Roth, seines Zeichens einer der letzten Hexenjäger der Mark Brandenburg.

Der Mann war mir einige Male zuvor untergekommen, als ich mich in den königlichen und kurfürstlichen Archiven der Stadt umgetan hatte: Ein Ankläger und Henker, der um die Wende des siebzehnten zum achtzehnten Jahrhunderts herum eine Reihe an Hexenprozessen geführt hatte. Jeder von ihnen war mit Vernunft und Sachverstand konzipiert, mit Anklage, Verteidigung, Examination nach allen Regeln der Wissenschaft und Vernunft durchgeführt, um der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Roth war also, in jeder Hinsicht, ein Zeitgenosse Newtons.

Sie denken sicherlich an die Hexenprozesse von Salem, wenn ich dieses Wort im Munde führe … Hah! Was ist Salem schon gewesen, wenn nicht die halbseitige Lähmung des ganzen Irrsinns? Salem war die klägliche Überführung der Hexenjagd in ein ordentliches Gerichtsverfahren. Der Versuch, die Mordlust in Recht zu verwandeln und mit ihm zu begründen, Aberglaube und Irrsinn fortan vernünftig zu betreiben.

Sie mögen gerne glauben, dass die heutige Zeit vernünftiger wäre, aufgeklärter. Dass solche Dinge nie wieder geschehen könnten. Lassen Sie sich gesagt sein: Das Handwerk der Hexenjäger ist nie völlig ausgestorben, es hat sich nur einen anderen Namen gegeben. Athanasius Roth war nicht der letzte seiner Art. Nur der letzte, der noch diesen Titel noch mit Stolz führte, ehe Könige und Richter ihn an sich nahmen.

Man verbrannte weiter hunderte Unschuldige, nur führte man einen Plan dafür ein und behauptete fortan, man hätte ihrem Leben den Wert in einem anständigen Prozess aberkannt. Man mordete gesitteter, das ist alles.

Athanasius Roth jedenfalls starb als reicher Mann mit einigen Ehren und Würden ausgestattet, mit Verbindungen zu anderen Scharlatanen seiner Zunft, zum Adel und selbst an den Hof des Königs noch. Bis hinauf zum Alchemisten seiner Majestät, diesem Johannes Kunckel.

Dennoch hat man sein Grab nie ausfindig machen können. Bis Balthasar darauf gestoßen war, wie nebenbei auf der Suche nach etwas ganz anderem. In einem der Bücher eines Schülers von Kunckel hatte er gewisse Andeutungen gefunden. Hatte wohl endlich jemanden gefunden, der vom Verbleib des Mannes wusste. Oder jedenfalls von seinen Überresten.

Eine belanglose Passage, Balthasar hatte sie mir gezeigt, aufwendig chiffriert mit all ihren Geheimzeichen und Symbolsprachen, die den Mystikern so zu eigen sind. Sie erzählte von nichts weiter als von dem Grab des Hexenjägers, das der Mann besucht und in dem er einen Teil jener Weisheit gefunden hatte, die er mit dem geneigten und kundigen Leser zu teilen bereit war.

Athanasius Roth sollte in einer kleinen Gruft liegen, unter der Kapelle eines Dorfes das erst vor knapp hundert Jahren der Stadt hinzugefügt worden war. Als er den Tod gefunden haben musste, war es kaum mehr als ein Weiler. Eine winzige Ansammlung von Gehöften rund um eine Schmiede und besagte Kapelle, eine gute Tagesreise vor den Toren der Stadt.

Ich willigte also ein, mit Balthasar zu gehen und dort nach dem Grab zu suchen. Eine harmlose Sache, wie ich sagte. Wir beabsichtigten ja nicht viel mehr, als lediglich die Grabstätte zu finden. Vielleicht einige Aufzeichnungen und Fotographien als Beweise zu machen und einen Blick in die Bücher der Pfarre zu werfen, so sie denn noch existierten. Kurz: Wir wollten sicher stellen, dass wir das richtige Grab vor uns hatten.

Dann erst wollten wir mit den königlichen Archiven oder der Akademie selbst das weitere Vorgehen besprechen, einen kleinen Auftrag erhalten oder jedenfalls das übliche Verfahren in Gang setzen.

Balthasar erhoffte sich, soweit ich das einschätzen kann, damals lediglich, weitere Anhaltspunkte zu Johannes Kunckel zu finden.

Allein wenn wir heraus bekämen, wer das Grab gestiftet und womöglich von einem Testament von Roth erfahren könnten, so hätten wir rasch eine weitere Spur bei der Hand, damit jeder von uns seine Neugier befriedigen konnte.

Wenn ich aber damals schon gewusst hätte, was ich heute weiß…Wenn ich auch nur eine Ahnung gehabt hätte, was wir finden und welche verfluchten Geheimnisse wir jener kalten Gruft entreißen sollten…

Ich hätte keinen Fuß in die Kapelle gesetzt.

Infestatio – Teil IV: Unter Blumen

Auszug aus dem Entlassungsprotokoll von Friedrich Andersen

Nein.

Nein, ich bleibe hier. Genau hier im Revier oder in meiner Zelle oder wo auch immer. Sie können mich nicht gehen lassen, hören Sie? Sie können mich hier nicht einfach fortjagen wie einen gemeinen Tagedieb und wieder dort hinaus schicken.

Ich habe einen Mord gestanden. Karl Längenfeld – ich habe ihm den Schädel eingeschlagen, vor ein paar Tagen erst. Sein Blut klebt an meinen Händen, als ich durch die Tür herein kam.

Es ist mir egal, dass Sie keine Leiche gefunden haben. Ich habe ein Kapitalverbrechen begangen und es Ihnen gestanden. Sie müssen Blut gefunden haben, Mengen davon. Reicht das nicht für eine Anklage?

Ich gehe dort nicht wieder hinaus. Nein, niemals. Was ist mit Grabschändung, zählt das nicht? Einbruch, Landfriedensbruch? Suchen Sie sich etwas aus, weswegen Sie mich in den Kerker werfen. Ich kann Ihnen auch an die Gurgel springen, wenn Sie das wünschen, aber eine zivilisierte Lösung wäre mir tatsächlich…

Gut. Tun Sie das. Schreiben Sie dem Nervenarzt. Einweisung klingt vernünftig, meinetwegen. Ich bin nicht verrückt, ich sage es ihnen. Ich streite ab, verrückt zu sein. Er lag doch dort vor mir. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich doch noch seine leeren Blick vor mir. Fühle noch sein Blut an meinen Fingern.

Sie…Sie haben also keine Leiche dort gefunden in meiner Wohnung. Kein Karl mit zertrümmertem Schädel, neben ihm noch der Stein, mit dem ich es getan habe.

Oh, ein Pflasterstein. Was weiß ich, wo wir den her hatten. Erster Mai womöglich oder ein Fundstück aus irgendeiner Gruft. Ein Andenken vielleicht an meine Jugend als Unruhestifter oder ein Geschenk. Ist das wichtig?

Aber er muss dort gewesen sein. Es war eine erbärmliche Sauerei, überall Blut. Sie haben meine Kleidung gesehen, mit der ich hier herein gekommen bin. Mein Blut war es nicht, das mir die Hose ruiniert hat, das mein Hemd vom Saum bis zu den Ärmel bedeckt hat. Das wissen Sie oder ahnen es wenigstens.

Ich sagte Ihnen bereits, warum ich ihn getötet habe. Sie zweifeln…Ha! Dieses Mal kann ich es Ihnen nicht einmal verdenken. Aber es ist nicht meine Schuld, dass Sie so lange gezögert haben, meine Worte zu überprüfen. Weiß Gott, was in der Zwischenzeit geschehen ist! Woher soll ich es wissen, ich war hier, eingesperrt für die letzten Tage, während Sie sie vergeudet haben mit Befragungen.

Nichts von dem hier scheint Ihnen viel Sinn zu ergeben, oder? Mir geht es ähnlich. Wie kann…wie kann eine Leiche verschwinden aus einer Wohnung, zu der nur ich Zugang hatte? Er wird nicht einfach aufgestanden und gegangen sein. Hoffe ich.

Ich denke es ist möglich, dass Marie einen dritten Schlüssel zu unserer Wohnung besaß, natürlich. Ebenso ist es möglich, dass sie den Leichnam beseitigt hat. Dass Sie sich…vergangen möchte ich nicht sagen. Aber es ist möglich, dass Sie gewisse Dinge mit ihm getan hat. Ich…ich erzählte Ihnen, was ich gesehen habe, nicht? Was ich gehört habe? Welche Mächte sie besaß? Es ist denkbar, dass sie ihhn hat verschwinden lassen in einer Wolke aus Asche und Staub Dass Marie jede Spur von ihr und Karl beseitigt hat und nichts zurück lässt als einen stammelnden Irren in einer Zelle am anderen Ende der Stadt.

Sie oder jemand anderes…

Nein, ich kann Ihnen nicht von den Geheimnissen erzählen, die Karl mir offenbart hat. Weil Sie nicht wahr sein können. Nicht wahr sein dürfen. Weil Sie mit mir sterben müssen, wie Sie schon vor langer Zeit hätten sterben sollen.

Vielleicht…vielleicht waren sie das sogar. Tot meine ich. Aber dann hätten wir diese Geheimnisse niemals ausgraben dürfen. Niemand anderes hätte sie anrühren dürfen…Diese Dinge, zu denen Marie in der Lage war, waren unnatürlich. Abscheulich, selbst für uns.

Also habe ich sie wieder verschüttet. Allein deswegen habe ich Karl getötet. Etwas übereilt, vielleicht, aber es war notwendig.

Karlchen kam von einem seiner Ausflüge mit Marie zurück, damals. Einer von denen, auf die sie mich nicht mehr mitnahmen. Heute weiß ich, warum sie mich immer weiter ausschloss, aber damals nicht. Damals fühlte ich noch frisch den Stachel der Eifersucht. Fühlte Schmerzen, die man nur fühlt, wenn geliebte Menschen einen ausschließen. Selbst wenn es zum eigenen Wohl ist. Selbst wenn man sich schon damit abgefunden hat und sogar darauf gehofft hat.

Gott, sind es wirklich nur drei Tage gewesen, die sie mich eingesperrt hielten? Es fühlt sich so viel länger an. Zeit wird dickflüssig, irgendwie zäh, wenn man nichts zu tun hat, als auf die Wände oder die eigenen, blutbefleckten Hände zu starren.

Er kam allein. Ich weiß nicht, wo Marie war. Fort geblieben. Vielleicht käme sie später noch, vielleicht nicht. So war sie eben und ich dachte so wenig wie möglich darüber nach. Wenn sie käme wäre das in Ordnung, wenn nicht würde es mir nicht das Herz brechen.

Karl schien dankbar zu sein, mich einen Augenblick für sich zu haben. Mein Zimmer stand ihm ohnehin immer offen, selbst wenn ich arbeitete. Ich hörte ihn herein kommen, sich auf das Sofa unter dem Fenster werfen, lautstark. Aber ich ignorierte ihn. Ich schnitt irgendeinen dummen Film zusammen und wollte es fertig bekommen.

Es dauerte eine Weile. Eine ganze Weile, die ich mit meinen Kopfhörern auf den Ohren so tat, als ignorierte ich ihn und er so tat, als störte es ihn nicht. Vielleicht war es sogar so, für einen kurzen Moment. Vielleicht war die Lüge, die wir uns vormachten – die Lüge, dass da nichts war – für einen Augenblick keine Lüge. Vielleicht war es so wie früher, als wir einfach nur stumm unsere Gegenwart genossen.

Ich würde mir gerne vorstellen, dass unsere letzten gemeinsamen Stunden unsere besten waren.

Er hatte diesen Ausdruck im Gesicht, als ich mich ihm zuwandte. Den gleichen wie an jenem Abend in der Gruft des Filmemachers. Eine Nacht, die mir eine halbe Ewigkeit her zu sein schien. Haben Sie schon einmal gesehen, wie jemand ’nicht bei sich‘ ist? Diesen faszinierten, verzerrten Ausdruck, der in die Ferne geht und nicht an diesem Ort weilt. Er war schon da, körperlich war er mit mir in diesem Zimmer. Aber irgendwie auch nicht. Als blicke er durch mich hindurch, wenn er mich ansah, und irgendwie hinter alle Welt.

Meine Couch steht unter dem Fenster. Stand, besser gesagt, es ist nicht mehr wirklich meine Couch. An ihm vorbei sah ich die Mittagssonne sich schwach durch das Geäst schieben, dort wo der Wald zu Ende war und unsere Straße begann.

Es zog fürchterlich durch die Doppelfenster, was es im Herbst noch recht angenehm machte. Ein altes Haus, wie gesagt, aber nie so wirklich renoviert. Vielleicht gab es deswegen so viele junge Leute dort, die sich nicht an etwas Zugluft stören oder dem Heulen des Windes in den Ritzen.

Meine Pflanzen hingen über ihm und an den Seitenwänden über der Couch. Eine helle Szene, denke ich, und ein schönes Bild. Er, umrahmt von der Natur, wie er mir von diesen Abscheulichkeiten berichtet, die ihm aus dem Maul tropfen wie Gift aus einer Schlange.

Ich greife wieder vor, verzeihen Sie.

Er käme von einem Ausflug zurück, erzählte er mir. Ich wusste das natürlich. Ich hatte ihn am Nachmittag zuvor gehen gehört, zusammen mit Marie. Ich hatte bemerkt, dass seine Tasche fehlte, die mit den verschiedenen Werkzeugen. Sie…haben sie nicht gefunden, nehme ich an? Eine schwarze Tasche, nicht weiter auffällig. Ein paar Notizbücher darin, vielleicht eine Taschenlampe, ein alte Kamera. Nicht? Dann wird Marie sie mitgenommen haben. Es…es ist nicht weiter wichtig.

Nennen Sie es ein Andenken. Oder einen Hinweis, dass ich die Wahrheit gesagt habe. Ist es noch von Bedeutung, wenn Sie mich ohnehin nicht verurteilen oder anzeigen wollen? Wenn Sie mir nicht einmal glauben, was ich selbst gestanden habe?

In dem Büchlein steht nichts weiter von Bedeutung. Anmerkungen, Fragen. Fetzen von Antworten. Nicht von uns, aber von denen. Antworten, die wir bei den Toten gefunden haben auf Fragen, die wir nie gestellt hatten. Die paar Erinnerungen stehen darin, die ich noch an die unselige Nacht im Mausoleum derer von Schlüsselburg hatte. Den Rest hat Karl weitergeführt. Er hat es mir gezeigt, vor drei Tagen. Ich muss es wohl vergessen haben oder nicht daran gedacht, dass Sie an mir zweifeln würden…Vielleicht würde es auch nur Ihren Eindruck bestätigen, ich habe den Verstand verloren und Stimmen gehört, wo es keine gab.

Ja, wir haben Aufzeichnungen gemacht, natürlich. Darum ging es von Anfang an – Stimmungen festhalten, Erfahrungen haltbar machen. Wir wollten nichts anderes als aufzeichnen. Was ist mit der Kassette unter meinem Bett? Eine schwarze Metallbox voller Filmmaterial, ich erzählte davon?

Wir waren Suchende, sagte ich das nicht? Auf der Suche nach Antworten, die wir vielleicht selbst nicht verstanden haben. Obwohl ich langsam denke, dass Marie sie wohl verstanden haben wird. Sie wusste, nach welcher Art von Antworten wir suchen. Sie war es jedenfalls die einzige, die die Fragen kannte, die wir in die Gruft riefen. Und die waren alles, was zählte.

Nein, sie müssen die Kassette finden, hören Sie? Darin findet sich alles, was wir getan haben. Beweise über Beweise. Alle Bilder, die selbst den hart gesottenen Künstlern dieses Babylons zu abstoßend waren, um sie veröffentlicht zu sehen. Marie darf sie nicht in die Finger bekommen! Sie darf nicht damit durchkommen, dass sie uns benutzt hat.

Karl und mich…

Er hatte diesen Ausdruck im Gesicht, wissen sie? Wie von…wie von…Ich weiß nicht, was für einen Ausdruck. Fiebrig, ein wenig.Ich weiß nicht, warum er mir diese Dinge erzählt. Warum er vor mir ausbreitete, was er mit Marie getan hatte in der letzten Zeit und weiterhin tun würde.

Nein, ich kann seine Worte nicht wiederholen. Gleich, was Sie fordern. Seine Offenbarungen werden mit mir sterben. Sollten mit mir sterben, dachte ich damals. Wenn Sie aber Marie nicht finden, werden sie keine Ruhe finden. Wird er keine Ruhe finden. Ich bitte Sie, sie dürfen das nicht zulassen!

Weshalb ist es so wichtig, was er gesagt hat? Tatsächlich verstehe ich es nicht, warum es Ihnen so wichtig ist.

Dieser eine Mittag, diese paar Stunden, in denen er mir von den…den Dingen berichtete, die sie vor mir geheim gehalten hatten, und die er mir nun ebenfalls aufbürden wollte…Dieser eine Beichte war ein Anlass, nichts weiter. Ich muss schon vorher den Gedanken gehabt haben oder wenigstens den Drang, ihn von diesen Dingen, die ihn von mir fort trieben, los zu lösen. Ich muss über die Wochen und Monate, die sie mich beiseite geschoben haben, ausgehöhlt worden sein wie faulendes Obst.

Aber ich halte Sie an, sich erneut in Erinnerung zu rufen: Es war keine Eifersucht im Spiel oder Neid. In dieser Tat wenigstens nicht, wenn schon in jeder anderen. Wenn es ein Gegenteil von Eifersucht gibt, von einer Verachtung einer Beziehung, dann war sie die Ursache dieser Tat.

In dieser knappen Stunde, die wir uns gestritten hatten. In der er mich anflehte, seinen Worten Glauben zu schenken und mit ihm zu kommen und mich selbst von der Macht und der Herrlichkeit zu überzeugen, die er gesehen hatte, da rührte sich etwas in mir.

Ich kann Ihnen nicht sagen, was es war. Ich kann Ihnen die Verführungen nicht wiederholen, kann Ihnen seine Worte nicht mitteilen, die Andeutungen, mit denen er von einem Herren Maries sprach und was er ihm beigebracht hatte in der letzten Nacht und noch beibringen könnte…
Ich will Ihnen nicht einmal andeuten, was er mir versprach. Wie sehr es mir möglich schien, dass wir dieses Einverständnis zurück erlangen könnten, das wir zuvor gehabt hatten. Bevor…bevor wir so neugierig geworden waren. Bevor wir begonnen hatten, Fragen zu stellen, die wir selbst nicht kannten. Antworten von Marie zu erhalten, die wir nicht hören wollten.

Ich weiß nur, dass…dass alles einstürzte. Fast alles. Nicht er, nein. Er war immer so gewesen: Neugierig, wagemutig, dreist. Ich denke nicht einmal, dass es ihm viel ausgemacht hat, was er mir erzählte. Nicht so viel wie mir, der ich mir seit drei Tagen nun schon Lügen einfallen lasse, wie viel anders als er ich reagiert haben musste – damals in der Gruft, als wir alles begannen und ich nicht versuchte, ihn aufzuhalten, obwohl ich es hätte wissen müssen.

Die Wahrheit muss sein: Ich tat all diese Dinge bereitwillig, an die er nun appellierte. Und ich hatte keine Erleuchtung, als er mir diese Worte sagte. Keine Abscheu überkam mich, dass ich selbst monatelang mit ihm und mit Marie meiner Gier nachgegeben hatte, gesucht und gegraben und mich selbst in den Schmutz gestürzt hatte.

Aber alles andere stürzte ein.

Ich stürzte ein und er blieb stehen.

Ich glaube nicht, dass ich geweint habe. Das kam später, als er reglos vor mir lag und ich über ihm kniete. Aber ich erinnere mich an eine kalte Wut, kalt wie Regen im Januar, die mich überkam. Ich erinnere mich an den Stoß, mit dem ich ihn zum Fenster schubste, dass er wieder über die Couch stolperte. Die Pflastersteine, Andenken an mein Jugendzeit mit ihm und den anderen, die wir vom ersten Mai aufbewahrt hatten.

Ich wollte nicht, dass er mir diese Dinge sagte. Sie gehörten in ein Grab. In irgendeines, sollten dort vergessen werden oder jedenfalls nicht ausgesprochen. Ich wollte sie nicht hören. Er hätte sie nicht sagen sollen. Aber ich wollte sie nicht hören, wollte nichts davon wissen. Ich wollte nicht…ich wollte nicht, dass diese Dinge zwischen uns standen. Dass ich…

Ich hätte nur auf zwei Arten reagieren können: zustimmen oder ablehnen, sehen Sie das? Ich wäre mit ihm gegangen in diese Tiefe oder aber ich hätte ihm den Rücken gekehrt und wäre geflohen. Vor ihm, vor Marie, von der Kreatur, für die sie und er die Gräber öffneten, der sie berichteten und beichteten, was sie umtrieb und was vor sich ging in der Welt. Die der Grund war dafür, dass wir nur Gräber der letzten achtzig oder neunzig Jahre geöffnet hatten, der Zeit in der sie selbst in irgendeinem namenlosen Acker verscharrt gewesen sein musste, bevor sie sich erhob und Fragen stellte. Fragen durch uns, durch Marie…

Ich wollte das nicht, verstehen Sie? Ich wollte diese Stille bewahren, die zwischen uns war. Früher und in den wenigen Wochen, als wir kaum miteinander sprachen. Als jeder von uns zufrieden war, so zu tun, als wäre alles normal, als wäre da nichts anders. Ich wollte diese Entscheidung nicht treffen.

Nicht nur wollte ich meine eigene Antwort nicht kennen, ich wollte die Frage nie gehört haben, die er mir stellte. Wollte nichts wissen von den Dingen, die er andeutete, von dem Herren, von der Medusa von Florenz oder den Geheimnissen, die er und Marie und selbst ich aus den Gräbern gehoben hatten.

Ich wollte nicht darüber nachdenken, ob ich diese Dinge tun könnte, tun würde. Diese Dinge gehören in Gräber, das sagte ich bereits. Man muss sie vergessen.

Infestatio – Teil III: Singen in der Gruft

Sie schauen mich an, als glaubten Sie mir nicht. Als bezweifelten Sie die Dinge, die ich Ihnen hier unterbreite. Nein, eher noch sehen Sie aus, als wären Sie sogar im Zweifel darüber, dass ich wirklich getan habe, was ich behaupte.

Sagen Sie: Halten Sie mich für verrückt? Ich würde es Ihnen nicht verdenken. Ich wünschte es mir sogar, dass Sie Recht hätten. Wenn ich ehrlich bin, fürchte ich mich mehr davor, tatsächlich gesund zu sein.

Was ist es, das Sie zweifeln lässt? Meine Andeutungen, meine Hinweise auf die Dinge, die ich behaupte mit Marie und Karl zusammen…? Sie wollen weiterhin Beweise. Sie wollen wissen, was genau diese Dinge waren, die ich Ihnen nur angedeutet habe?

Ich sagte Ihnen, dass ich mich später von den Beiden zurück gezogen habe oder sie sich von mir. Dass ich mit diesen Dingen, die sie später begangen haben…Den Grabraub habe ich begangen, die Störung der Totenruhe, ja. Ich leugne es heute so wenig, wie ich es zuletzt tat. Als ich es gestand.

Von diesen…Jugendsünden spreche ich aber nicht. Es waren andere Taten, die mich – nun, nicht gerade zur Vernunft gebracht haben. Aber doch dazu, mich abzuwenden. Die allem spotten, was Sie ‚Anstand‘ nennen. Ja, mehr als alles andere, was ich Ihnen erzählt habe. Selbst unsere Beziehung, die wir drei zueinander pflegten, wird Ihnen schal vorkommen im Vergleich damit. Wie eine Kinderei.

Einmal habe ich einen Einblick erhalten. Keinen umfassenden, keinen guten. Aber ich habe eine Andeutung dessen gesehen, was unter Maries süßer Fassade verborgen lag. Sogar noch unter ihrem verrotteten Kern aus Bosheit. Für einen Augenblick habe ich die Krankheit gesehen, die sie von innen auffrisst und antreibt, Sünden zu begehen, die Sie sich kaum vorstellen können.

Und ich bin davor zurück gewichen.

Das war mein Fehler. Meine eine Schwäche in ihren Augen…und ich denke auch in Karls.

Warum ich mich nicht wie Karl tiefer in den Abgrund geworfen habe, in den Marie uns lockte? Das weiß Gott allein oder der Teufel. Ich weiß nur, dass ich es bereue. Lange habe ich darüber nachdenken können in den letzten Stunden und Tagen. Es gibt nicht viel für mich hier zu tun, wissen Sie? In meiner Zelle gibt es nur mich und meine Erinnerungen und diese Stimmen, die mich nie verlassen werden…

Erneut greife ich vor, verzeihen Sie.

Ich bin in meinen Überlegungen in jedem Fall zu der Überzeugung gelangt, dass diese eine Nacht der Moment gewesen sein muss, in dem Karl sich von mir abwendete. Oder Marie vielmehr.

Sie war der Grund, weshalb Karl mit ihr kam. Er war der Grund, weshalb ich mit ihr ging.

Ich fühlte mich zu ihr hingezogen, natürlich. Fragen Sie nicht nach Gründen, nicht in dieser Sache. Darum geht es nicht. Ich fühlte etwas in ihr. Was es war, weiß ich nicht. Ich kann es nicht erkennen durch die Fratze, die sich in meiner Erinnerung über ihr Gesicht gelegt hat. Möglich, dass es etwas von mir selber war, das ich ihn ihr sah. Möglich, dass es bloß Karls Zuneigung zu ihr war, die mich dazu antrieb, irgendetwas in ihr zu suchen und zu finden, das dort nicht war.

Ich zögere, mir einzugestehen, dass ich sie um ihrer selbst willen liebe. Denn ich habe gesehen, was sie selbst war, tief in ihrem Inneren. Was unter all der Fäulnis liegt, die sie zu sehen glauben.

Ich sah es deutlich in der selben Nacht, in der ich mich von ihr abwendete. Ich habe in ihr Herz gesehen und die Gründe gesehen, warum Sie uns mit sich lockte…Und mich schaudert davor.

Sie haben mich gefragt, was genau wir taten. Auf welche Art und Weise wir uns an dem vergingen, was Sie in Ihrem Irrglauben Totenruhe nennen.

Toten ruhen nie, müssen Sie wissen. Ich jedenfalls glaube nicht mehr daran. Nicht seit ich gesehen habe, was ich noch heute in meinen Alpträumen sehe. Seit ich hörte, was mir in meinen einsamsten Stunden zugeflüstert wird.

Einige der Gräber, die wir öffneten, waren alt. Jedenfalls behaupteten das die Grabsteine. Die Erde darunter, die Leichen selbst, spotteten dem angeblichen Alter der Steine.

Friedrich Wilhelm von Junzt…kennen Sie ihn? Nicht persönlich, meine ich, aber…? Nein? Das wundert mich. Sein Tod ist das wohl konstruierteste Rätsel der letzten zweihundert Jahre. Der Philosoph wurde aufgefunden in seiner Wohnung, vollständig abgeriegelt. Die Fenster waren intakt und von Innen verschlossen, die Türen mit dicken Ketten gesichert… Nur um seinen aufgeblähten und blau angelaufenen Hals lag ein Ring aus Fingerabdrücken. Aus Malen, wie von kalten Klauen in warmes Fleisch gebrannt. Das ist jetzt bald hundertsiebzig Jahre her, denke ich.

Ich nehme an, Sie wissen ebenso wenig, dass von Junzt zum Zeitpunkt seines Todes an einem Manuskript arbeitete, dessen Namen verloren gegangen ist? Ein Werk das von seinem Nachlassverwalter und Freund verbrannt worden ist, ehe er sich selbst die Halsschlagader mit einem Rasiermesser öffnete? Können Sie sich auch nur vorstellen, wie grauenhaft dieses Manuskript gewesen sein muss, dass sich ein französischer Décadent selbst entleibt?

Nein, natürlich können Sie es nicht…Bedeutet es Ihnen etwas, dass ich Teile dieses Manuskripts bei Karl gefunden habe? Dass sich Diktate, Kurzfassungen davon in seinem Besitz befanden – diktiert von Stimmen ohne Körper? Stimmen, die sich noch heute in meine Alpträume schleichen, sobald Sie diese Zelle hier verlassen haben und es still geworden ist für einen Augenblick?

Von Junzts Grab war das älteste, an dem wir uns vergingen. Marie und Karl müssen wieder zu ihm zurück gekehrt sein, nachdem ich mit Ihnen dort war. Wenn ich ehrlich bin, so verstehe ich die Gründe dafür selbst nicht ganz. Alle anderen unserer Ausflüge führten uns zu Gräbern, von denen nicht ein einziges älter als achtzig Jahre war. Alle waren wie dasjenige des Filmemachers, an dem wir uns zuerst vergingen: Alt, aber nicht zu alt. Sicherlich habe ich Vermutungen und blinde Ahnungen, warum gerade diese…Aber sie würden mir nicht glauben. Ich glaube Sie ja selbst kaum.

Denn natürlich bedeutet es Ihnen nichts. Sie könnten nicht verstehen, was das heißt. Selbst wenn ich Ihnen erklären würde, dass wohl irgendjemand versucht, gewisse Ereignisse seit Ausbruch des Krieges nachzuvollziehen. Dass irgendjemand, mit dem Marie im Kontakt steht oder vielleicht auch sie selbst, sich in einer Welt und einer Zeit befindet, die nicht mehr die ihre ist. Marie sucht gezielt, davon bin ich überzeug, Gräber der jüngeren Vergangenheit aus, um Ereignisse zusammenzufügen, die sie selbst noch nicht erlebt hat. Die jemand anderes nicht mehr erlebt hat.

Sie aber verstehen das nicht. Sie fragen nur immer und immer wieder nach Beweisen. Ich habe dieses Manuskript nicht, Marie hat es vermutlich.

Selbst wenn Sie es in den Fingern halten würden, Herr Kommissar, könnten Sie es nicht verifizieren, nehme ich an. Das Papier ist neu, die Tinte noch frisch. Nichts an diesen Seiten würde darauf hindeuten, dass es nicht von uns verfasst worden ist, dass wir nur das Medium waren, durch das die Worte ihren Weg auf das Papier fanden.

Beweise, hah! Schauen Sie in das Videomaterial, wie ich es Ihnen gesagt habe. Die Kassette unter meinem Bett. Eine kleine Stahlkassette, kaum größer als eine Umhänget asche. Darin werden Sie eine Reihe an Filmrollen finden, die alles festgehalten haben. Filme, Bilder, ich denke eine kleine Menge an Videokassetten ebenfalls. Schauen Sie sich unsere Wohnung an, meine und Karls und was ich ihm angetan habe. Ist das nicht genug, um mich einzusperren? Fortzusperren von ihr?

Ich sagte Ihnen bereits, warum ich es getan habe. Warum es nötig war. Der Mann, den ich erschlug, war nicht mehr der Mann, mit dem ich Jahre meines Lebens verbracht hatte. Er war verändert. Nicht so, nicht auf dieselbe Weise, wie ich von Marie verändert worden war. Es waren nicht bloß unsere Verbrechen, die ihn veränderten. Da war mehr dahinter. Etwas, das ich nicht verstand. Das ich nicht verstehen will, sehen Sie das?

Die Nacht, in der es mir zum ersten Mal bewusst wurde, ist erst wenige Monate her. Es war die letzte Nacht, in der ich Marie und Karl folgte in ihren Unterfangen. Nein, ich gestehe: Die letzte Nacht, in der ich mich willentlich und wissentlich daran beteiligte. In allen folgenden erfand ich Ausreden, fern zu bleiben. Oder sie erfanden Ausreden, die mich vor den Grüften und Friedhofen stehen ließen, um acht zu geben und Ausschau zu halten oder irgendwo anderen, angeblich wichtigen Besorgungen nachzugehen.

In dieser Nacht aber folgte ich ihnen noch. Ich wusste nicht, dass es das letzte Mal sein sollte. Ich hatte den Eindruck, dass es ein gewöhnlicher Abend werden sollte. Gewöhnlich jedenfalls, soweit es uns betraf, die wir diesen Dingen bereits seit einigen Monaten nachgingen. Die wir daran gewöhnt waren, mit Kamera und Spaten bewaffnet durch die Grüfte der Stadt zu schleichen und unsere Gier nach Neuem und nach Aufregung an kalten Leibern zu stillen…

Dieses Mal war es Marie gewesen, die die Idee dazu hatte. Ich weiß es sehr genau oder glaube jedenfalls sehr genau, es zu wissen. Sie hatte uns dorthin geführt, etwas abseits unserer üblichen Wege, auf den Sozialistenfriedhof. Ein Name, der Ihnen ein Begriff sein wird? Es ist einer der bekannteren und größeren Friedhöfe im Osten der Stadt und bereits seit gut hundert Jahren die Ruhestätte einer großen Menge an Kommunisten, Sozialisten und dergleichen mehr. Daher auch der Name.
Es befinden sich dort aber auch die Gruft einer recht angesehenen Familie. Derer von Schlüsselburg. Ein stattliches Mausoleum, abseits der Hauptwege, wo wir recht ungestört in unserer Arbeit waren.

Lachen Sie nicht! Wagen Sie es nicht, unsere Arbeit zu verspotten, nur weil es nicht Ihren jämmerlichen Vorstellungen von Bürgerlichkeit entspricht!

Ich sage Arbeit und ich meine auch Arbeit. Es war harte, körperliche Anstrengung damit verbunden, die Grabplatten aus der Wand zu brechen, Särge heraus zu ziehen und aufzustemmen, bis wir den richtigen Leichnam gefunden hatten.

Das Grab, das uns besonders interessierte, war das eines ehemaligen Rektors der Akademie. Ein gewisser Ludwig, der in den siebziger Jahren in hohem Alter verstorben war. Er war für eine ganze Weile eine treibende Kraft der Universität gewesen. Hatte große Teile der medizinischen Fakultäten umgestellt und reformiert. Es gab ein Sanatorium, nur einen Steinwurf von seiner Gruft entfernt, an dem er maßgeblich mitgearbeitet hatte.

Karl und ich…wir wollten nicht einfach eine weitere Gruft abfilmen. Wir hatten dies schon einige Male getan und es begann seinen Reiz zu verlieren. Marie hatten einige Male von einer kleinen Geschichte erzählt, die Karl und mich gefesselt hatte. Mich noch mehr als ihn, denke ich. Es gab eine ganze Zeit lang an den Akademien die Tradition des sogenannten anatomischen Theaters. Eine…nun ja, eine Art Theatersaal, in dem eine Operation ausgeführt worde – vor dem studierenden Publikum.

Der Gedanke faszinierte uns. Es wurden nicht nur Operationen an lebendigen Körpern vorgenommen, müssen Sie wissen. Auch die Öffnung von Leichen und ihre Schau vor aller Augen war alltäglich in diesen Dingen.

Karl war besessen von der Idee, etwas ähnliches aufzuführen. Sich selbst filmisch zu inszenieren als den Zeugen einer solchen Vorführung. Die Grenzen einzureißen zwischen der Medizin und der Totenkunde, indem wir mit anatomischer Präzision die Geheimnisse eines fauligen Leibes entfalteten. Indem wir den Operationssaal in die Gruft verlegten.

Ich habe mich seitdem wieder und wieder gefragt, weshalb Marie das alles tat. Weshalb sie uns scheinbar so bereitwillig die Führung überließ und nur dann und wann Vorschläge machte, welche Orte wir aufsuchen, welche Toten wir stören sollten. Aber niemals zwang sie uns zu etwas. Niemals setzte sie uns den Finger auf die Brust und forderte von uns dieses oder jenes Verbrechen zu begehen. Wir taten es selbst nur allzu bereitwillig, ohne wirklich zu wissen, wie sie davon profitierte…

Ich glaube, eine Antwort darauf gefunden zu haben in jener Nacht: Weil Sie selbst es so gelernt hatte.

Sie müssen sich die Szene vorstellen oder – wenn Sie die Nerven dafür haben – sehen Sie sich das Video an, das ich von dieser Nacht anfertigte. Es befindet sich bei den anderen in der Kassette unter meinem Bett.

Die Gruft war stattlich, ihr Inneres aber sehr begrenzt. Es war ein steinernes Mausoleum, Anfang des letzten Jahrhundert über dem ältesten Grab des Friedhofs errichtet. Dem des ersten Schlüsselburg, eines „Chymikers“ und Apothekers, der sich in der Gegend niedergelassen hatte, als es noch ein Dorf einen halben Tagesritt vor den Mauern der Stadt gewesen war.

Ein Sarkophag bildete das Kernstück unserer Inszenierung. Darauf ausgebreitet hatten wir ein Altartuch und den geöffneten Sarg seines Nachfahren, des ehemaligen akademischen Rektors Wilhelm von Schlüsselburg. Es war Maries Vorschlag gewesen, den sehr verehrten Herren Medizinalrat selbst zum Studienobjekt zu machen.

Kerzen an einigen der Vorsprünge und dafür vorgesehenen Kerzenhaltern erhellten das Ganze. Gerade genug, um die Gesichter meiner Gefährten ausmachen zu können im orangenen Schein.

Der Rektor war ein korpulenter Mann gewesen, den der Tod noch mehr aufgebläht und schließlich gesprengt hatte. Er war in den Jahrzehnten im Grab in seine Einzelteile zerfallen – war nur noch Haut, Knochen und eine ledrige Substanz dazwischen.

Der Gestank, der seinem Grab entwich, als wir es öffneten, war erbärmlich. Er war ganz feucht und schwer und hing mir noch für Tage darauf im Rachen fest, gemischt mit meinem eigenen Ekel.

Marie hatte sich als erstes wieder gesammelt. Unter der Robe verborgen, die ihr als Verkleidung diente, trat sie wieder an den Leichnam heran. Sie hielt ein Skalpell in der Hand, das sie in den Kerzenschein reckte.

„Der Leib“, sagte sie in einer Stimme, die ich noch nie von ihr gehört hatte, „hält viele Geheimnisse in sich verborgen. In seinem Mark und Bein stecken die Erlebnisse des Lebens fest geschrieben. Selbst die Erfahrungen des Todes stecken darin und man muss sie nur hervorzubringen wissen.“

Wir hatten kein Skript für unsere Filmchen. Wir improvisierten und verließen uns auf unsere eigene Intuition dabei, das nachzuempfinden, was wir darstellen und aufführen wollten. Jedenfalls taten Karl und ich das. Und Marie spielte ihre Rolle als die weise Herrin unserer morbiden Ausflüge meisterlich. Ich vermute, weil sie diese Rolle selbst tausendfach gespielt gesehen hatte in jenen Nächten, die sie nicht bei uns war.

Karl stand ihr gegenüber auf der anderen Seite des Sarges, das Gesicht unter einem Schleier aus schwarzem Stoff halb verborgen, fahl im Kerzenschein.

Marie fuhr fort. Sie winkte mir mit ihrer freien Hand und ich trat hinter sie. Zwischen dem, was ich sah, und meinen eigenen Augen lag meine Kamera. Nur kurz tastete sich mein Blick über Maries feine Gesichtszüge, über das schimmernde Skalpell in ihrer Hand, das sich schließlich in die eingefallene Brust des Leichnams senkte.

„Der Leib ruht niemals wirklich. Selbst im Tode bewegt er sich noch, verschlingt und verdaut sich selbst. Jene Art von Ruhe, von der man spricht, ist nicht einmal ein wahrer Schlaf. Es ist ein Schlummer, aus dem der Leib geweckt werden kann. Seine Geheimnisse liegen offen dort, vor uns. Wir müssen nur hinein greifen und ihn dazu…befragen. Und bereitwillig verrät er uns alle Antworten.“

Und wie sie es angekündigt hatte begann sie, ihn zu befragen.

Nicht auf jene Art, wie die Anatomen und Mediziner es tun. Sie befragte nicht seinen eingefallenen Leib, indem sie zerfallenes Fleisch und verrottete Muskeln abtrennte, untersuchte, mit anderem Material und angesammelter Erfahrung verglich. Indem sie die Abnutzung seiner Knochen untersuchte und so Erkenntnisse über die Ursachen seines Todes erhielt oder über die Traumata, die sein Körper zu Lebenzeiten erlitten hatte.

Sie riss den faulenden Leib auseinander, vergrub ihre bloßen Hände in seinen Eingeweiden, zerrte Sehnen, Knochen, Häute auseinander. Knochen barsten unter ihren Händen.

Sie zerstörte seinen Körper.

Sie befragte seinen…seinen Geist, indem sie ihn verschlang.

Ich kann Ihnen nicht beschreiben, was genau sie tat. Es ist auf Video, wenn Sie die Nerven dafür haben. Aber was Marie mit diesem Leichnam tat…was ihre Zähne ihm antaten, ihre Finger und ihr Schlund, war unaussprechlich. Es war die Befragung eines Folterers. Eine Tortur, die von endlosem Schmatzen und Knacken und Schlürfen und Reißen begleitet wurde.

Ich erinnere mich nicht an ihre genauen Worte, nicht an die exakten Fragen, die sie diesem Leichnam stellte. Ich weiß nur, dass sie sie stellte. Fragen, die für mich keine Bedeutung hatten, die ich nicht verstand. Es waren Fragen, die der Körper allein ihr unmöglich hätte beantworten können. Die kein ausgebildeter Mediziner je hätte beantworten können mit nur einem Leichnam und einem Namen.

Fragen, die sie unablässig stellte. Über die Natur seiner Familie, über seine Nachkommen, ob er wohl Kinder gehabt hätte? Fragen darüber, was an einem Septemberabend in den dreißiger Jahren geschehen sei, was er mit dem anatomischen Institut angestellt habe und wer dort noch befallen sei von seinem Irrsinn..

Es waren Fragen, die sie nicht an uns richtete, die überhaupt nicht für uns oder für die Kamera bestimmt waren. Sie stellte sie nicht uns. Sie schien sogar für einen Augenblick zu vergessen, dass wir dort waren als Menschen, als lebende Wesen und nicht bloß als die eifrigen Zuhörer und Chronisten ihrer Taten. Ihre ganze Aufmerksamkeit, ihr Blick, ihre ganze Gier, richtete sich allein auf den Leichnam vor ihr.

Selbst ihre Stimme hatte sich zu einem Flüstern gesenkt – zu einem Flüstern das mir und Karl nur allzu vertraut war. Wir selbst hatten sie eifersüchtig gehört, wann immer sie den anderen nachts in eine Umarmung schloss.

Karl hörte es vielleicht nicht, dachte ich damals. Ich hatte die Hoffnung, dass er bei ihr blieb, weil er nur in diesem Akt des Wahnsinns versunken war – und nicht in ihrem Wahnsinn selbst. Ich malte mir aus, dass er nur den Exzess sah, in den sie sich hinein steigerte. Dass er nur ein letztes Tabu sah, das sie brach, und nicht die Gründe dahinter.

Gründe, die irrsinnig waren. Wahnsinnig. Was sie aufführte, was wir selbst in den letzten Monaten getan hatten, mag pervers gewesen sein. Aber es folgte doch gewissen natürlichen Gesetzen. Was Marie dort tat in jener Nacht, war widernatürlich. Nicht was genau sie tat, sondern wieso sie es tat, verstehen Sie das? Ihre Absichten dahinter. Ihre Idee, Antworten von den Toten zu erhalten…

Heute weiß ich, dass Karl sie dabei gehört hatte. Dass er nicht angewidert und schockiert davon war, sondern im Gegenteil neugierig. Dass für ihn wenigstens die Inszenierung Wirklichkeit geworden und er als ein eifriger Schüler an ihren Lippen hing.

Begierig sog er alles auf, was sie tat. Jede Bewegung ihrer feinen Finger auf der Haut des Leichnams. Jede Windung ihrer Zunge, als sie…sich an seinen Überresten verging.

Was später noch zwischen ihnen geschah, weiß ich nicht mehr. Ich erinnere mich nicht mehr daran oder ich will es nicht mehr. Mein Geist ist vielleicht gerade noch gesund genug, um diese Momente, die darauf folgten, in irgendeinem Kerker meines Unterbewusstseins zu versperren. Mich selbst davor zu schützen, was ich gesehen und vielleicht getan habe in dieser letzten Nacht.

Ich kam erst in einiger Entfernung von der Gruft wieder zu Besinnung. Auf den Knien in einem Gebüsch, die Hände in die feuchte Erde gegraben und einen nichtsnutzigen Schwall aus Magensäften absondernd. Marie und Karl waren nicht bei mir, sie waren zurück geblieben. Nur ich war in blinder Panik hinaus gestürmt, die Kamera noch am Handgelenk, und hatte mich übergeben.

Befragen Sie das Material, wenn Sie es wollen. Wenn Sie stärkere Nerven als ich haben. Ich habe es seit diesem Tag nicht mehr angerührt. Meine Angst war zu groß. Ich wollte nicht…ich wollte nicht herausfinden, ob die Welt oder ich den Verstand verloren haben. Verstehen Sie? Ich wollte nicht die Bilder sehen und einen Beweis haben. Sie wollen es aber, also sehen Sie es sich alleine an.

Ich kann Ihnen nur sagen, was ich zu glauben hörte. Was mich noch heute verfolgt in meinen stillen Momenten. Was mir auch damals noch in meinen Gedanken dröhnte, als ich meinen kargen Mageninhalt in die Büsche spie. Was mich in blinder Panik aus dem Grab hinaus in die Nacht jagte.

Es waren ihre Stimmen.
Die von Marie, wie sie diese Fragen stellte, die keinen Sinn hatten.

Die von Karl, wie er ihr Treiben kommentierte, wie er alles in sich aufnahm, wie ein eifrig Lernender.

Und die…Die dritte Stimme, die keinem von uns gehörte. Nicht mir, der ich mich mitschuldig machte daran, indem ich es auf der Kamera festhielt, und auch nicht den anderen.

Ich höre sie noch immer in meinen stillen Stunden. Diese Stimmen jenseits der Stille, jenseits dessen, was ich mit meinen eigenen Augen sehen kann.

Sie wollen wissen, warum ich mich von Marie abwendete? Warum ich zurück schreckte ?

Lassen Sie mich Ihnen eine Frage stellen: Haben Sie je die Toten singen gehört?

Ich habe es in jener Nacht. Ich habe einen Mann antworten gehört auf Maries Fragen, der seit vier Jahrzehnten in seiner Gruft verfaulte. Ich habe eine Stimme gehört, die nicht die meine war und nicht die Karls, die Dinge erzählte, die wir beide unmöglich wissen konnten.

Wenn Sie es gehört hätten…Sie hätten das gleiche getan. Sie hätten sich abgewendet von sich selbst und ihrem Verstand.

Infestatio – Teil II: Der Reiz des Verbotenen

Ich gestand recht freimütig, dass ich Verbrechen begangen habe. Störung der Totenruhe, wie sie es nennen, Einbruch, Landfriedensbruch, Vandalismus. Nennen Sie es, wie Sie es wollen – deswegen bin ich nicht hier.

Ich habe Karl getötet. Ja, ich habe ihm den Schädel eingeschlagen vor vielleicht drei Stunden. Deshalb bin ich hier und rede mit Ihnen. Ich will es gar nicht leugnen, denn gleichgültig, was Sie davon halten: Es war die edelste Tat, die ich je begangen habe.

Fortsperren werden Sie mich ja doch dafür, warum also abstreiten? Aber hören Sie sich wenigstens an, was ich zu sagen habe. Warum ich…Warum ich ihn getötet habe.

Nicht weil ich ihn gehasst hätte, weil ich eifersüchtig gewesen wäre. Sondern im Gegenteil weil ich ihn geliebt habe wie einen Bruder.Wem auch immer ich den Schädel zertrümmert habe, wessen Blut auch immer an meinen Händen klebt – es war nicht mein bester Freund. Nicht wirklich.

Der Reihe nach, ja.

Ich habe ihn nicht dort getötet, obwohl…obwohl das wahrscheinlich der Abend war, an dem es passierte. Dass er nicht mehr er selbst war, meine ich. Ich denke genau das war der Moment, in dem er befallen wurde von…von was auch immer ihn so verändert hat. Haben Sie einmal von Parasiten gehört? So ähnlich muss es gewesen sein. Wenn sich etwas in den Köpfen festsetzt und einen verändert. Vielleicht ein echter Organismus, eine kleine Kreatur, die das Innere zersetzt. Vielleicht nur ein Gedanke, eine Besessenheit, die einen nicht los lässt, die alles andere beiseite schiebt. Wissen Sie, wie das ist, wenn man nicht wirklich ‚man selbst‘ ist, ‚außer sich‘ gerät?

Bei ihm genau wie bei mir war das der Fall.

Ich weiß nicht mehr, was wir dort weiter getan haben. Es ist ein einziger Dunst in meinem Kopf, was die restliche Nacht angeht. Ein Dunst, in den ich nie blicke, dessen Schemen ich nie interpretieren will. Sie haben den Film, wenn es sie wirklich interessiert, und das restliche Material, das ich in den folgenden Tagen wie im Fieber weg geschnitten habe. Sie werden alles in meinem Zimmer finden, in der kleinen Sicherheitsbox unter meinem Bett. Sie können sich selbst ein Bild von dieser Nacht machen und noch von einigen weiteren, wenn sie es wirklich wollen…

Vielleicht hatten wir irgendetwas gefunden in diesem Grab, vielleicht haben diese Dämpfe, die aus dem Sarg entwichen, irgendetwas mit uns angestellt. Ich habe überzeugende Argumente gehört, dass…

Bestimmte Speisen, wissen Sie, zersetzen den menschlichen Geist. Völlig unabhängig davon, ob sie verseucht sind oder nicht. Der Konsum bestimmten Fleisches etwa, gewisse widernatürliche Gewohnheiten könenn schon bei Kühen etwa Irrsinn hervorrufen. Zerlöchern Ihnen das Hirn. Vielleicht ist es bei Menschen ähnlich.

Wir hatten unser Videomaterial, mehr als wir je gehofft hatten oder gefürchtet. Das Schneiden blieb an mir hängen. Eigentlich alles blieb an mir hängen, Karl schien in der nächsten Zeit wenig Lust daran zu haben. Ich hatte mich daran gewöhnt, so war er immer nach einem größeren Projekt. Er war der Visionär, der Künstler, wissen Sie? Ich war der Techniker. Der Mann mit der Kamera und dem Tongerät.

Karl und ich hatten uns vor dem Studium bereits gekannt, müssen Sie wissen. Ein paar Jahre schon waren wir Freunde, und irgendwann einmal hatten wir entdeckt, dass wir gewisse Neigungen und Vorlieben teilten. Wir fühlten uns nicht nur zueinander hingezogen, wir waren ein Team, verstehen Sie? Wir arbeiteten zusammen besser als alleine. Nichts von diesem Vervollständigungsunsinn. Er vervollständigte mich nicht. Aber wir verbesserten uns gegenseitig. Er hatte eine grandiose Ideen. Für Filme, für Bilder – selbst für Gefühle, die wir auf Film brennen konnten. Und ich war gut mit den Details. Er war ein interessanter Mensch. Einer von denen, die immer auf dem Weg irgendwo hin sind. Auf dem Weg zu Größe oder interessanten Projekten. Einer, dem man gerne hinterher lief…

Also waren wir zusammen gezogen irgendwann, in eine bescheidenen Wohnung am Stadtrand, unweit der alten Bahnstation und eines Wäldchens. Eine WG, eigentlich, abgesehen von ein paar Kleinigkeiten.

Sex? Seien Sie nicht albern. Es kann sein, dass wir Sex hatten. Kann sein, dass nicht oder wenigstens ebenso oft mit anderen Frauen und Männern. Dieser primitive, tierische Akt verdient es nicht, abartig genannt zu werden. Wenn Sie gesehen hätten, was ich gesehen habe, wenn Sie wüssten, was in der Nacht…Sie wären vorsichtiger mit solch strengen Ausdrücken, wenn Sie etwas wirklich abartiges gesehen hätten in ihrem Leben.

Ja, wir waren so etwas wie Liebhaber in dieser Zeit, wenn es das ist, was Sie wissen wollten. Wir alle, nicht nur Karl und ich. Aber davon sprach ich nicht. Ein solches Verhältnis ist in der Tat nichts ungewöhnliches. Sobald man nur einmal einen kleinen Schritt aus diesem kleingeistigen Verlies heraus tut, das Sie, werter Herr, ‚Anstand‘ schimpfen, verliert dieses Tabu vieles seiner Bedeutung.

Unsere Wohnung jedenfalls war klein, zwei Zimmerchen und eine größere Küche mit Couch und allerlei Sitzgelegenheiten. Sie befand sich in einem etwas ältere Haus, das aber nicht weiter bemerkenswert war. Einzig, dass viele Studenten darin wohnten, auch viele unserer Freunde und Kollegen aus der Akademie – soweit, wie man das eben sagen kann. Nur diejenigen nicht, die uns überhaupt mit Marie bekannt gemacht hatten, sie wohnten…weiß Gott wo, irgendwo in einer anderen der tausenden Studentenwohnungen der Stadt.

Aber es war ein lebhaftes Haus, in dem immer Bewegung war, immer Musik und Tanz und Gelächter aus irgendeinem der Fenster auf den Hof schallte.

Marie gefiel es dort nicht, wann immer sie bei uns war.

Ja, natürlich hielt sie Kontakt. Oder wir hielten Ihn, ich weiß nicht mehr. Natürlich war ich wohl entsetzt und angewidert von dem, was wir getan hatten. Aber ich hatte es genau so getan, nicht? Ich steckte mit drin. Und ich meinte es durchaus ernst, als ich von einem Fieber sprach. Von einer Besessenheit, die für einige Zeit in mir brannte.

Oh, wie süß sie war, wie liebevoll sie sich um uns beide kümmerte. Dieses verrottete Herz unserer kleinen Truppe, das uns zu immer niederen Tiefen des Abscheus antrieb, das dieses Fieber weiter durch unsere Adern pumpte und uns wie im Taumel…

Ja. Ja, vielleicht war es Eifersucht. Und wenn es so gewesen wäre? Womöglich war ich eifersüchtig, dass er mit dieser Hexe, die sich in unser Leben geschlichen hatte, so viel mehr umging als mit mir. Dass diese…diese…dass Sie ihm Dinge zuflüsterte und ihn zu Taten trieb, die ich verabscheute und die ich doch imitierte, nur um ihn nicht zu verlieren. Um ihm nicht fremd zu werden.

Ich muss aber auch ehrlich sein mit Ihnen. Ich weiß nicht, wie viel von diesen Worten durch letzten Stunden verursacht wurde. Wie viel von dieser Abneigung jetzt erst sich bildet und alles befleckt, was mit ihr zu tun hatte.

Ich habe diese Dinge ja doch getan, ohne Reue, ohne Zögern. Selbst jetzt noch überkommt mich ein schauriges Gefühl, wenn ich daran denke. Selbst jetzt noch regt sich etwas in mir, ganz tief, das sich an diesen Abscheulichkeiten ergötzt. Die selbe Art von Gier, die mich die Kamera bedienen ließ, während wir es taten. Die alle diese Nächte wie Erinnerungsstücken unter meinem Bett aufbewahrt hatte, auf Kassetten gebrannt und für die Ewigkeit haltbar gemacht.

Karl hatte eine morbide Ader. Er war…leicht zu faszinieren von allem, was düster war und unheilsschwanger. Marie hatte wohl leichtes Spiel damit, ihn tiefer in diese Abgründe zu ziehen, in denen sie sich suhlte. Auch bei mir muss es nicht so schwer gewesen sein, denn ich habe mich recht bereitwillig gefügt. Ich bin ihnen nachgesprungen.

Blicken sie mich nicht so verurteilend an. Ja, ich habe ein Grab geschändet – und? Sie haben ja keine Ahnung, was genau Sie da verurteilen. Nicht den leisesten Schimmer, wovon ich überhaupt spreche, wenn ich Ihnen von Marie erzähle und den Dingen, die ich sie sagen hörte. Sie machen sich keine Vorstellung von den Ideen, die sie in den Kopf meines besten Freundes einpflanzte, wozu Sie ihn trieb.

Reden Sie sich ein, ich wäre das Monster hier, wenn Sie dann besser schlafen. Aber maßen Sie sich nicht an, über mich zu urteilen, bevor Sie nicht alles gesehen haben. Wenn Ihre Kollegen mit der Durchsuchung meiner Wohnung fertig sind – ich nehme an, Sie haben das mittlerweile angeordnet? Immerhin sind es sicher schon einige Stunden, seit ich in Ihr Präsidium kam, nicht?

Wenn sie das Material gesehen haben, das Ihre Kollegen Ihnen bringen werden, dann können Sie mich ein Monster schimpfen. Ich habe Dinge gesehen in den letzten Monaten, Dinge getan, nur um meinem Freund noch zu gefallen und der Hexe, mit der er…

Beweise? Beweise wollen Sie, dass ich kein stammelnder Irrer bin?
Öffnen Sie die Gräber der Herren von Junzt, das Mausoleum Wormius‘ oder das derer von Löwenstern und Sie werden Ihre Beweise dort finden. Die faulige Erde, die noch nass sein wird von Blut und Körpersäften, ist Ihr Beweis. Das Kerzenwachs auf den Särgen und die Dinge, die wir daraus entnommen haben. Der erstaunliche und unmöglich erhaltene Zustand der Kadaver ist Ihr Beweis, das Fleisch auf ihren Knochen und der weiche, anklagende Blick seit langem verstorbener Augen ist ihr verdammter Beweis!

Wollen Sie wissen, warum Sie einige der Grüfte leer finden werden? Interessiert es Sie wirklich, was wir mit ihren Leibern taten, was für unaussprechliche Dinge ich den hohlen Augen von Friedrich von J. angetan, welche Abscheulichkeiten wir in den dunklen, kühlen Grüften getrieben haben?

Ha! Und Sie suchen nach dem Schädel eines Filmkünstlers! Als ob dieser Mann…

Ja, ich habe unaussprechliche Dinge getan. Sperren Sie mich dafür ein, wenn Sie es wünschen, es ist mir gleich. Aber suchen Sie Marie, um Himmels Willen. Sie war…Sie hatte…

Nein, ich streite nicht ab, dass ich diese Dinge selbst getan habe, vielleicht aus freiem Willen, vielleicht in einem Rausch der Lust und der Geilheit, angestachelt von einer Rivalität oder der Eifersucht oder auch einem Anfall von Wahnsinn. Vielleicht von allen diesen Dingen. Schließen Sie mich dafür weg, wenn Sie wollen, denn ich streite nichts davon ab.

Verzeihen Sie.

Erneut bin ich voran geeilt, habe Sie verschreckt, wie ich sehe. Bitte: Wenden Sie sich nicht ab. Ich bin nicht hierher gekommen, um zu prahlen oder zu verstören. Vielmehr ist dies mein Geständnis, nicht? Ja, mein Mordgeständnis, wenn sie das wollen. Karl Längenfeld ist tot, ich habe ihn getötet. Er liegt in meiner…unserer Wohnung mit eingeschlagenem Schädel. Aber ich wünsche, zu erklären. Ich wünsche, Ihnen zu sagen, dass – gleich, was mit mir geschieht – das nicht alles war. Dass ich ihn nicht aus einer Laune heraus erschlagen, sondern Wochen darüber darüber nachgedacht habe.

Ich möchte…ich möchte, dass Sie verstehen, warum ich es getan habe. Warum es nötig war. Und wenn es Mord gewesen ist? Was dann? Kann nicht ein Tyrannenmord auch eine Heldentat sein? Seien sie kein Narr.

Marie veränderte etwas. Nicht nur zwischen uns. Es war etwas, das nicht allein durch eine Eifersucht zu erklären gewesen wäre. Sie veränderte uns, irgendwie. Ich beteiligte mich damals ohne Scham an ihren Abenteuern. Um Karl nicht zu verlieren, natürlich, auch das. Aber auch, weil es mir gefiel. So ehrlich muss ich sein zu mir. Es befriedigte ein groteskes Verlangen in mir das Ihnen vielleicht kaum bekannt sein dürfte.

Sie wissen kaum, was ich meine. Dieses Bedürfniss nach einer Atmosphäre des bedrückenden, des verzerrten und entstellten. Irgendetwas, das einem zum fühlen brachte in dieser geistlosen Welt.

Vielleicht waren es auch nur die schnellen Reize des Verbotenen, die uns dazu antrieben, aus unserem Alltagstrott auszubrechen. Vielleicht war Marie nur ein schnellerer Ausweg daraus gewesen.

Ich glaube nicht an die Ruhe der Toten, das sagte ich bereits. Heute glaube ich noch weniger daran. Was mich schockiert hatte, damals, in jener ersten Nacht, war – glaube ich – die Intimität des Augenblicks. Wie leicht und wie schnell wir uns an einem Mann vergingen, der uns tatsächlich etwas bedeutete. All die anderen Namen – Wormius, Junzt und Löwenstern – die sagten mir nichts, bedeuteten mir noch weniger. Damals nicht jedenfalls. Damals waren es schlicht Grabmäler für mich, an denen ich meine Lust am Morbiden befriedigte.

Karl war eifriger dabei, sich hinein zu stürzen, als ich. Ohnehin begann er rasch eine Beziehung mit Marie und ich folgte nur seinetwegen nach…

Ich habe ihn nicht deswegen getötet, nehmen Sie das bitte zu Protokoll. Ich lege wert darauf, dass sie meine Tat nicht als eine emotionale Wut missverstehen.

Sie war oft bei uns. Marie meine ich. So oft eigentlich, dass es mir schwer fällt, mir unsere Wohnung ohne sie zu vorzustellen. Noch der Geruch unserer Wohnung ist von ihr durchsetzt, von diesem süßlichen Geruch nach Erde und Moos. In meiner Erinnerung ist er untrennbar damit verbunden. Es fällt mir sogar schwer, mich an die ersten Jahre unseres gemeinsamen Lebens zu erinnern und Marie nicht dort hinein zu lügen.

Ich denke nicht, dass sie wirklich eine eigene Bleibe hatte, eine eigene Wohnung oder ein Haus.. Es gab natürlich Nächte, in denen sie nicht bei uns schlief, in denen Sie ausging und für einige Tage fort blieb. Ich glaube aber nicht, dass sie in diesen Zeiten in ihre eigene Wohnung zurückkehrte. Sie wird zu diesen Zeiten andere Männer getroffen haben, vielleicht auch Frauen. Weiß Gott, ich habe sie nie gefragt. Vielleicht hatte ich Angst davor, von ihr einen Namen zu erfahren, der mich heute noch

Ich bin nicht dumm, nur wissentlich ignorant gegenüber manchen Dingen. Wohin Marie verschwand, mit wem sie sich traf – das war und ist eine dieser Dinge, über die ich nicht nachdenken möchte. Ich will nicht wissen, wohin sie ging, mit wem sie sprach. Ob sie von anderen diese Dinge gelernt hatte, zu denen sie uns anhielt…

An allen anderen Tagen lebte sie bei uns und ich für meinen Teil tat mein bestes so zu tun, als wäre es jeder Tag.

Ich zittere beim Gedanken, dass wahr sein könnte, was Karl mir später von ihr erzählt hat. Ich fürchte mich davor, was sie womöglich während dieser Zeit getan hat.

Nichts, hoffe ich, oder vielleicht bloße Rumhurerei.

Allein dass Karl mit ihr ging irgendwann, dass sie mich beide zurück ließen, um…um was auch immer zu tun. Um Dinge zu tun, die sie selbst mit mir nicht teilen wollten – allein das lässt mich an der Falschheit von Karls Worten zweifeln.

Allein deswegen habe ich ihn umgebracht.