Roter Löwe – Teil II: Unerbetene Antworten

Die Kapelle, in der Balthasar das Grab des letzten Hexenjägers vermuteten, war eine Groteske.

Sie stand auf einem winzigen Friedhof, der im Lauf der Jahrhunderte zu einem Hügel angewachsen war. Mehr und mehr Leiber waren in die Erde gelassen worden, bis sie sich aufgebläht hatte und nun ihre einstige Friedhofsmauer weit überragte.

Eingekesselt zwischen zwei vielspurigen Hauptstraßen, auf denen rund um die Uhr Lastwagen, Züge und tonnenweise Stahl vorbei fuhren, wurde sie überthront von einem Hochhaus mit zwanzig oder mehr Stockwerken. Von der anderen Straßenseite her wurde sie von einem Konsumtempel überschattet, der erst einige Jahre zuvor für mehrere riesige Supermärkte erbaut worden war.

Das älteste Gebäude der ganzen Gegend – nicht das älteste erhaltene, sondern tatsächlich das älteste von dem wir wissen – war dagegen ein absurd kleiner Bau. Es war ein Relikt nicht nur der Vormoderne, sondern der alten Zeit, und stand dort unbehelligt inmitten des städtischen Chaos. Als wäre ein Blitz in die Stadt selbst eingeschlagen und hätte ihren Leib bis auf den Knochen freigelegt.

Der Kern des Gebäudes stammte aus dem dreizehnten Jahrhundert und war oft genug erneuert worden, aber kaum ein Umbau war jünger als zweihundert Jahre. Ein schlichtes Kreuzgewölbe, weiß getüncht, lag wie eine geduckte Spinne über dem Hügelchen und erhob sich kaum vier Meter hoch. Eine Galerie gab es darin ebenso wenig wie einen Turm, den man nach dem letzten Krieg wegen Baufälligkeit abgetragen hatte.

Das jüngste Stück der Ausstattung war die Glocke gewesen, die im ersten Weltkrieg für Munition eingeschmolzen worden war. Mit der Abtragung des Turms war auch sie nicht mehr ersetzt worden.

Ansonsten hatte das unauffällige Ding die Jahrhunderte fast unverändert überdauert. Misstrauisch hockte es auf seinem Stück Totenacker, eingepfercht zwischen Jahrhunderten, die es kaum berührt hatten.

Alles, was früher einmal an Dorf dort in der Gegend gewesen war, war unter Beton und Stahl verschwunden und vergessen gemacht worden. Und Balthasar war dabei, es wieder hervor zu zerren.

Ich traf ihn am Nachmittag vor Ort, nachdem ich tagsüber gerade die gröbsten Recherchen über die Kapelle und die Gegend angestellt hatte. Ich hatte nicht viel mehr als das gefunden, was man bereitwillig in jeder Ortsbibliothek oder frei zugänglichen Archiven finden kann.

Balthasar wollte keine Zeit verlieren, wie es schien. Die Sache hätte mich stutzig machen sollen. Roth lag seit gut zweihundert Jahren im Grab, das Gotteshaus darüber hatte mehr als ein dreiviertel Millenium überstanden – sicherlich drängte die Zeit nicht? Nicht, wenn sie hier so zäh vorüber floß, dass sie beinahe still zu stehen schien.

Balthasar drängte aber darauf, seinen Verdacht so schnell als möglich zu überprüfen.

Ich hätte damals vielleicht schon eine Ahnung haben können, hätte aufhorchen müssen, dass er für so eine einfache Sache überhaupt Hilfe brauchte. Noch dazu von mir.

Zwar habe auch ich meinen Stolz und bin überzeugt, ein … ein guter Wissenschaftler und Forscher gewesen zu sein. Ich hatte immer schon ein Händchen für die Sprache und glaube, wie kaum ein Zweiter in meinem Feld in die sprachliche Wirklichkeit der Vergangenheit eintreten zu können. Neuzeitliches Französisch und spätmittelalterliches Deutsch gingen mir mit der selben Leichtigkeit über die Lippen, wie ich den Dokumenten dieser Zeit ihre Geheimnisse entlockte. Kaum ein Text – sei es ein medizinisches Rezept oder theologisches Traktat – konnte seinen Inhalt vor mir verbergen, solange er zwischen den Pyrenäen oder der Elbe abgefasst worden war.

Aber Balthasar … Er verdiente es, ein Genie genannt zu werden. Obwohl seine Theorien von der Akademie verlacht wurden, hatte er eine ganze Reihe von Entdeckungen gemacht, die wenigstens in unserer kleinen Welt einiges an Aufsehen erregt hatten. Mehr als einmal hatte er ein lang verschollenes Manuskript wie von Zauberhand präsentieren können.

Vielleicht war ich deshalb von seinem angedeuteten Lob geblendet, von dem Vertrauen, dass er seine Entdeckung ausgerechnet mit mir teilen wollte. Es war ja keine große Sache – die Weltgeschichte würde auch ohne diese regionale Geißel der Aufklärung weitergehen. Kaum ein Buch würde neu geschrieben werden allein deswegen, weil das Grab von Athanasius Roth gefunden worden war.

Mir aber bedeutete es etwas, diese Entdeckung mit ihm machen zu können. Ihn bei seiner Arbeit begleiten zu dürfen war mir Grund genug, meine Schreibstube zu verlassen und das dröge Manuskript, an dem ich arbeitete.

Der Priester, der uns in der Kapelle empfing, war ein älterer Herr jensets der siebzig und unseren Fragen zunächst auch recht zugänglich. Wir gaben uns ihm zwar als Historiker zu erkennen, wollten aber zunächst mehr in Erfahrung bringen, bevor wir die wahren Gründe unserer Fragen offenlegten. Uns triebe ein allgemeines Interesse an der Geschichte des Ortes, besonders derjenigen Zeit, bevor das Dörfchen von der Stadt verschlungen worden war. Wir sagten, wir hätten den Wunsch mehr davon zu erfahren, unter Umständen einen Blick in die Aufzeichnungen der Kapelle zu werfen, falls denn welche geführt worden waren.

Balthasar übernahm die Führung des Gesprächs, ich hielt mich im Hintergrund. Offenbar schien es ihm das beste, nicht mit der allzu abenteuerlichen Geschichte von Friedrich Athanasius Roth zu beginnen, dem Hexenjäger, der seine Ruhe hier gefunden haben sollte. Stattdessen begann er, unsere Absicht mit dem Manuskript zu verschleiern, an dem ich arbeitete. Ich schrieb tatsächlich zur Stadtgeschichte und forschte zur Entwicklung der Vorstädte um das siebzehnte Jahrhundert herum. Wenn auch Roth und diese winzige Kapelle selbst keinerlei Rolle darin spielten.

Ich fand es damals einigermaßen verständlich, dass Balthasar sich nicht zu erkennen gab. Der Name „Athanasius Roth“ selbst war zwar nicht weiter gefährlich, natürlich nicht. Tatsächlich dürfte er fast gänzlich unbekannt gewesen sein, da im Ort auch kein Hinweis darauf zu finden war.
Es gab ja, abgesehen von der Kapelle selbst, kaum noch Überreste aus früheren Zeiten. Jedenfalls fanden sich nicht, wie in vielen anderen Städten, stolz an den Fassaden irgendwelche Plaketten oder Gedenktafeln, die auf jene frühere Zeit zurück verwiesen. Kein Schildchen über einem Eingang verkündete ‚Hier wohnte im Sommer 1856 der gnädige Komponist Soundso‘, keine Gedenktafel zelebrierte die Geburtshäuser der Wenigen, die von hier aus in die Welt gezogen worden waren.

Das ganze Viertel verriet nichts von den Menschen, die hier einmal gelebt hatten.

Vielmehr waren die einzigen Erinnerungen, die es besaß, gewissermaßen die an die Geschichte selbst. Alte Meilensteine markierten Grenzverläufe und wie sie sich im Lauf der Jahre verschoben hatten. Ab wo das Sperrgebiet einst begann, hinter der zur Staatssicherheit gefoltert wurde, und wo die Grenze der Stadt und des Dorfes vor hundert oder mehr Jahren gelegen hatte.

Dennoch verstand ich Balthasars Zögern. Die Menschen neigen dazu, sich die Vergangenheit nur ein Stückchen heldenhafter vorzustellen, als sie tatsächlich war. Ein wenig glorreicher, wenn man mir das Wort gestattet. Sobald Namen ins Spiel kommen, neigt der Mensch zu einem Kult, den ich heute nur noch mehr verdammen kann. Ein Kult der toten Namen gewissermaßen, der diese wenigen überlieferten Charaktere nur umso bedeutender log und überhöhte, selbst wenn sie wenig mehr als geschwärzte Namen in einem einzigen Manuskriptum waren.

Es war gesund und vernünftig, diesem Kult in unseren Nachforschungen nicht noch mehr Nahrung zu geben. Wir wollten etwas über die gewissermaßen löchrige Geschichte der Gegend erfahren – das genügte.

Diese war auch tatsächlich nicht uninteressant, wie ich anfügen möchte. Gerade weil es hier scheinbar keine Persönlichkeiten gab – weil die Namen an den Häusern fehlten, weil selbst die Klingelschilder modernen Wohntürme kaum mehr als Nummern von Türen und Treppenhäusern zeigten – konnten wir uns ganz auf die Spurensuche konzentrieren. Es würden kaum alberne Ammenmärchen von heldenhaften Rittern oder Prinzessinnen in Nöten zwischen uns und unsere Leiche der Vergangenheit geraten.

Der Priester – der sich uns als Matthias vorstellte, schlicht Matthias, bedauerte diesen Umstand allerdings, als ich ihn darauf hinwies. Für ihn war das alles ein Zeichen von Sündigkeit, von Vergessenheit. Er erklärte, dass diese seine Kirche der letzte Ort der Andacht wäre, mit Charakter und echter Geschichte, die von Menschenhand gefertig wäre. Ganz im Gegensatz zum kalten Beton der Umgebung. Er war, wenn mir die persönliche Bemerkung gestattet ist, beinahe zur Gänze diesem Kult der toten Namen verfallen.

Stolz zeigte er die Relikte herum, als deren ‚Bewahrer‘ er sich behauptete. Das Jahrhunderte alte Chorgestühle und den Altar, hinter dem sich einige Totenschilder nebeneinander aufreihten. Gedenktafeln für die hohen Herren der Gegend und ihre Werke.

Eine lange und bedeutungslose Reihe von Landgrafen und Rittern, die das Dorf einmal besessen und ausgebeutet hatten, lange Jahrhunderte, bevor es von der Stadt verschlungen war. Sogar einige Jahrhunderte bevor unser Hexenjäger Roth sich hierher verirrt hatte. Irgendwann waren auch sie einfach… ausgestorben. Es gab ihr Anwesen zwar noch, aber es rottete inmitten moderner Einbauhäuser vor sich hin. Es kam der Stadt und der Gesellschaft nur noch ins Gedächtnis, wenn erneut einige Drogensüchtige dort aufgefunden worden waren oder andere Unbequeme, die sich dort eingerichtet hatten.

Eine wahre Schande, wie der Priester beteuerte und ich mehr halbherzig bestätgte.

Balthasar nahm dieses sich anbahnendes Gespräch zum Anlass, sich allein auf Spurensuche zu begeben. Er hatte eine Kamera dabei, ich weiß nicht was für ein Modell oder welche Marke. Aber er erklärte Matthias recht frei, dass er einige Fotographien anfertigen wollte, als Erinnerungsstützen und später auch zur Untersuchung einiger baulicher Details. Von den älteren Stücken, wenn es denn genehm sei, und einigen der Grabsteine draußen. Ich würde ihm später schon erzählen, was es interessantes über die Gegend zu wissen gab.

Er verschwand mit der Erlaubnis des Geistlichen, nachdem er mehr flüchtig als gewissenhaft einige Teilstücke des Altars und des Chors fotographier hatte, die zwar alt aber nichts wirklich nichts besonderes waren. Stücke, wie er und ich sie zu hunderttausenden anderswo gesehen hatten.

Ich kann nicht behaupten, dass ich sonderlich fasziniert von der grotesken Spinne in ihrem staubigen Netz war, als die die Kapelle mir erschien. Tatsächlich stieß sie mich irgendwie ab. Wie der Anblick einer alten Narbe, die sich der Heilung beharrlich verweigerte und noch immer unregelmäßig aufbrach und blutete, erfüllte sie mich mit Unbehagen.

Der Priester, Matthias, tat nichts daran, um mein Unwohlsein zu beheben. Stattdessen sonderte er beständig in seinem Reden und Tun eine Einstellung ab, die mir unangenehm war. Mich erfasste ein Gefühl von Überkommenheit, das mich bei ihm mehr an einen Junker als an einen Priester dieses Jahrhunderts denken ließ. Er war, in meinen Augen, ein ebensolches Relikt, wie die Totenschilder, die er hütete.

Ich war sicher, dass Balthasar meine Enttäuschung und mein Unwohlsein bemerkt haben musste. Es verärgerte mich durchaus, allein mit Relikt Matthias bleiben und Interesse an seinen staubigen Gebeinen heucheln zu müssen.

Aber ich traute Balthasars Gespür und war zumindest neugierig: Was hatte einen Mann wie Roth, der Verbindungen zum König, nach Potsdam und Berlin hatte, in ein kleines Dorf wie dieses hier getrieben? Was war ein Grund gewesen, all das hinter sich zu lassen und sich so sorgfältig zu verstecken, dass er selbst jetzt noch wenig mehr als ein Gerücht war? Noch dazu in einer Gegend, die mehr und mehr den Eindruck machte, als wäre sie selbst zu seiner Zeit bereits von dörflicher Dekadenz geprägt.

Ich machte also das beste daraus und versuchte mehr über das ehemalige Örtchen heraus zu finden. Wie es hier einmal ausgehen haben mochte, welchen Besitz diese Landgrafen angesammelt hatten und wie er Stück für Stück ersetzt worden war.

Der alte Mann ließ sich von mir leicht genug darauf lenken, von all diesen Dingen zu erzählen, wie es die Eigenart aller einsamen Menschen ist. Er erging sich in einigen Anekdoten über ältere Geschlechter, über die ‚großen Werke‘ der Landesherren. Belangloses über eine Neuordnung von Feldern, Stiftung von Kircheninventar und die Teilnahme an diesem oder jenem Kriegszug, um irgendeine mehr oder weniger fremde Gegend auszurauben.

Die letzte Bestattung in der Gruft war seinen Worten zufolge ein gewisser Heinrich von Schönehusen gewesen, mit dem das Geschlecht ausgestorben und der in einem prächtigen Sarkophag eingeschlossen worden war. Jedenfalls symbolisch, denn sein Leichnam sei nie aus dem Krieg heim gekehrt, in den er sich „für sein Blut und Vaterland“ gestürzt und in dem der Junker „ruhmreich den Heldentode“ gefunden hätte.

Seitdem hätte es auch keinen großartigen Mann mehr in diesem Teil der Stadt gegeben, wie er fand, und die Gruft daher gesperrt und verschlossen und verfiele trotz seiner Sorgfalt langsam. Wegen mangelnder Aufmerksamkeit der Bevölkerung, sagte er. Weil keine Spenden mehr kämen und der Gottesdienst weniger besucht würde und ihm neben der Pflege der Krypta kaum mehr Zeit blieb, um von den hochwohlgeborenen Herren ein weniges an Geld einzutreiben.

Solcher und ähnlicher Art waren die Geschichten, die mich nur noch mehr mit Widerwillen gegen ihn füllten. Mehr aus Vertrauen, dass Balthasar mit Absicht und Plan so lange über den Friedhof schlich und womöglich das Grab von Roth suchte und fand, als aus Hingabe bohrte ich bei ihm nach. Ob er denn mehr wüsste, vielleicht belastbares Material zur Hand hätte?

Die paar Schriftstücke, die er mir darauf zeigte, waren kaum weniger belanglos als sein Geschwätz:

Ein paar alter Urkunden, die die paar Landstriche der Gegend und ihre Besitzer detaillierter festhielten sowie den Stammbaum der Gutsherren zeigten. Eine ältere Karte und seine eigene Rekonstruktion, wie es vor gut hundertfünfzig Jahren – zu Zeiten seines Urgroßvaters, wie er sagte – ausgesehen haben musste.

Er besaß auch noch die Überreste einer theologischen Bibliothek, die über Jahrzehnte hinweg verfallen war. Wenig von Interesse oder Bedeutung sei hier verblieben, der größte Teil wäre weggeschafft worden, eingezogen von irgendwelcher „staatlichen Zensur“ und „Büttelei“, wie der Alte es nannte.

Weder fanden sich Gemeindebücher noch Geburts- oder Taufregister – diese Funktion der örtlichen Kapellen war vor Jahrzehnten von staatlichen Behörden übernommen worden. Leider seien ihm im Zuge dieser „Willkür“, wie er es nannte, auch sämtliche Aufzeichnungen dieser Art eingezogen und in die Archive des Rathauses geschafft worden. Männer der Wissenschaft hätten schon vor Jahrzehnten alles katalogisiert und fortgeschafft in alle möglichen Institute und Seminare und Archive, um es wegzuschließen vor denen, die sich tatsächlich dafür interessierten und etwas damit hätten anfangen können.

Die meisten älteren Dokumente seien fortgeschafft worden oder irgendwann verloren gegangen, sagte er. Was hier geblieben war, das war für den staatliche Zensus und die großen Archive gleichgültig – Reste der Bibliothek, die der Gemeinde im Laufe der Zeit vermacht worden waren. Oder die er versteckt hatte. „Vor dem Zugriff eines militanten Atheismus“, wie er es nannte. Die Tagebücher und Aufzeichnungen der Priester, hauptsächlich, die vor ihm hier ihren „edlen Dienst an der Menschenseele“ verrichtet hätten.

Die wenigen ihm verbliebenen Folianten von einigem Wert hatte er weggeschlossen, in einem Schrank, der eine Wand der Sakristei vollständig einnahm. Er zeigte ihn mir, oder besser gesagt erklärte er mir, was sich darin verbarg, als ich danach fragte. Gitter versperrten die Schranktüren und der ganze Raum verströmte die Atmosphäre von Alter. Nicht diejenige Art, die einmal meine Leidenschaft geweckt hatte. Diese staubige Art von Alter, wie man sie in alten, seit langen ungelesenen Büchern finden mag. Es war mehr wie ein Geruch von Fäulnis, von stagnierendem, brackigen Wasser oder von lange Monate hindurch unbewegten Gliedern, in denen das Blut steht anstatt zu zirkulieren und die darum langsam bei lebendigem Leib verrotten.

Diesen Eindruck hatte ich, als er mich in die Sakristei führte, wo er mir einige der Landschaftskarten und dergleichen zeigen wollte.

Erst auf meine Nachfrage hin, was sich in dem gesicherten Kasten dort in der Ecke befand, erklärte er mir, dass er noch einige wahrhaft kostbare Werke in seinem Besitz befand. Er bedauerte, dass er sie mir nicht zeigen könne, aber sie bedürfen besonderer Pflege. Gerade ich als Historiker würde das verstehen, das nicht jeder dahergelaufene einen Blick in diese so einzigartigen Stücke werfen dürfe. Ich verstand es durchaus. Falscher Umgang oder Vernachlässigung durch Amateure waren mit die größten Schädlinge, mit denen ich es in meiner paleographischen Tätigkeit je zu tun hatte.

Was ich nicht verstand, waren die massiven Schlösser, die er an den gut daumendicken Eichenbrettern angebracht hatte.

Matthias nannte mir auch nicht einmal die Titel der ach so kostbaren und bedeutenden Werke, die er darin verborgen hielt, sondern machte nur Andeutungen. Es kostete mich einige Überredungskunst, ihm selbst diese zu entlocken. Ich schäme mich ein wenig dafür, auch wenn ich… Auch wenn ich im Grunde weiß, dass dies lange Jahre meine Arbeit war und ich stolz darauf sein darf, sie gut getan zu haben.

Aber in jedem Falle war ich in der Lage, mich so gut und so ausgezeichnet in die gedankliche Welt dieses Relikts zu versetzen – in die Zeit der Religionskriege, als Aberglaube und Hexenhass die Köpfe der Menschen bestimmten – dass er wohl dachte, in mir einen Gleichgesinnten gefunden zu haben.

Mit einem Glitzern in den Augen kam er mir näher, neigte sich zu mir herab.

Alte, fast originale Quarten und Bögen des Hexenhammers, behauptete er stolz, Teile des Werkes zum „peinlichen Inquisitions und Achts-Prozeß“ und andere Schriften mehr, die alle Geheimnisse der menschlichen Seele bis ins letzte Eck ausleuchten sollten.

Grauenhafte Bücher in meinen Augen, die das verachtenswerteste Geschäft betrieben: Den Irrsinn mit aller Vernunft aufrecht zu erhalten und mit Sachverstand zu betreiben.

Der Priester aber fuhr fort, mir auseinander zu setzen, von welcher Bedeutung diese alten Werke nicht nur für die Rechtsprechung seien – sondern viel mehr, dass eben dies das Geschäft der Beichte sei: Die Inquisition. Dass die Schuld aus dem Beichtenden heraus gelockt werden müsse, damit dieser sich davon reinigen könne. Dass sie, durch geschickte Fragerei und psychologische Momente, hervor gesucht werden müsste vom Beichtvater selbst und dass es dazu unumgänglich sei, den Aberglauben des Volkes selbst auszunutzen.

Nur indem er die seelische Schwäche des Beichtenden gegen sich selbst wende, könne er sie überhaupt erst aufzeigen, dem Sünder bewusst machen, ihn dazu zwingen ihr ins Auge zu blicken und sie in gerechtem Zorn zu verfolgen.

Mich überlief es, als mir der alte Mann die mir nur zu gut bekannten Methoden auseinandersetze, als er erklärte, was ich aus anderer Feder schon so oft gelesen hatte und wovon ich so oft gehört hatte. Wie die Vernunft sich schließlich gegen sich selber wendet, um sich auszulöschen. Wie sie mit Feuer und Hass ihre eigenen Wurzeln ausbrennt.

Meine Stimme musste mich verraten haben oder irgendetwas an ihr, als ich mich hinreißen ließ zu dieser einen Frage.

Ob er von einem Athanasius Roth gehört habe?

Beinahe augenblicklich löste sich sein guter Wille auf. Natürlich wusste er von dem Mann nichts und er verstand es auch, seine aufkommende Abneigung recht gut zu verbergen. Rasch lenkte er das Thema wieder auf die lokale Geschichte. Wie viele aus seiner Familie hier Pfarrer gewesen seien und wie alt dieser oder jener Teil des Baus war und wann welcher belanglose Gutsherr ihn gespendet hatte.

Aber ich konnte es in seinen Augen sehen. In der Art, wie er mich aus den Augenwinkeln anstarrte, sobald ich vorgab, mich für ein Ornament zu interessieren, erkannte ich es: Ein tiefsitzendes Misstrauen, das mich nicht länger aus dem Blick ließ. Das hier und da nachbohrte, was noch gleich unser Interesse sei, worum genau es in unserem Werk gehen sollte…Weshalb wir gerade ihn beehrten mit unserer Neugierde.

Bald darauf, als ich weiter Vorwänd fand und Lügen, um ihm nicht die Wahrheit sagen zu müssen, warf er mich hinaus. Er habe noch Dinge vorzubereiten und es sei das beste, wenn ich meinem Kollegen zur Hand ginge, da dieser seine Arbeit scheinbar überaus gewissenhaft betreibe.Wir sollten so viele Fotographien anfertigen, wie uns gefiele, und ihm das fertige Werk unbedingt zeigen.

Trotzdem setzte er mich ohne viel Aufhebens vor die Tür.

Blinzelnd trat ich aus der kühlen, dunklen Luft der Kapelle hinaus in die stickige Hitze der Stadt. Ich fand Balthasar auf dem Gräberhügel, der einmal ein Feld gewesen war. Vor Jahrhunderten, bevor die Erde mit hunderten, tausenden Leichen angefüllt und aufgebläht worden war zu dieser kleinen Anhöhe, die sich zwei Meter über die Kirchenmauern erhob. Mit der Kamera stand er über einen der schiefen Steine gebeugt, die er in der letzten knappen Stunde bereits ausführlich studiert haben musste.

Während er die letzten paar erhaltenen Gräber ablichtete, erzählte ich ihm von meinem Gespräch mit dem Priester. Ich beharrte darauf, dass der alte Mann etwas wusste, dass Balthasar Recht gehabt haben musste. Nur warum? Was war an diesem Roth, dass Matthias bei der bloßen Erwähnung dieses Namens zurück geschreckt und uns des Hauses verwiesen hatte?

Balthasar lachte über meine Sorgen, alles ruiniert zu haben.

Er hätte sich schon gedacht, dass der alte Mann nicht kooperieren würde. Aber das bestätigte bloß seine Vermutungen.

Es gäbe keine Aufzeichnungen aus dieser Pfarre, auch nicht in den Archiven. Absolut gar keine aus der Zeit zwischen etwa 1733 und der Mitte des letzten Jahrhunderts. Vor einigen Tagen hätte er bereits nachgeforscht und nichts gefunden. Keine Listen von Geburten oder Toden, keine Regimentsaufzeichnungen, nicht einmal die Schließungen von Ehen waren dokumentiert worden. Alles, was es aus dieser Zeit an nennenswerten Dingen gäbe, fände sich hier. Hier auf diesem Leichenacker unter den Steinen. Erst nachdem die staatlichen Behörden mit der Führung dieser Listen betraut worden waren, wurden sie wieder regelmäßig geführt. Das war Ende der 40er Jahre gewesen. Nach dem Tod dieses Heinrichs von Schönehusen, ganz nebenbei.

Trotz meiner kleinen Ablenkungen hätte ich aber wohl bemerkt, dass Matthias doch erstaunlich gut und viel von den Hexenverfolgungen wusste und vom Malleus und derlei mehr? Dass er genau jener Zeit, von der er nichts zu wissen vorgibt, in Gedanken und Worten so anhängt? Der ganze Unsinn, den einer wie er zum Belügen des bisschen Volkes nötig habe, das sich noch hierher verirrt, beherrsche der alte Matthias noch über das übliche Maß hinaus. Seine Bibliothek sei nur der letzte Beweis, ich hätte es selbst erraten.

Der Mann verberge etwas, stellte Balthasar fest. Und ich hätte seinen Verdacht bloß bestätigt.

Natürlich habe er auch auf dem Friedhof nichts über Athanasius Roth gefunden, genauso wenig in den Inschriften und Widmungen innerhalb der Kirche. Abgesehen von dem ein oder anderen Namen auf den Totenschildern, die im Dunstkreis eines altbekannten und beinahe berüchtigten Alchemisten und Zauberers aufgetaucht waren. Ein Mann, nebenbei, der all die Eigenschaften des grässlichen Kultes um tote Namen darstellte. Noch heute fand man Gedenksteine zu seinen Ehren an gewissen schattigen Lichtungen.

Friedrich Athanasius Roth befände sich aber hier in dieser Gruft. Und da der Greis uns nicht freiwillig in die Gruft und an seine Bibliothek lasse, müssten wir uns anderweitig Zugang und Beweise verschaffen.

Einbruch also.

Warum, fragte ich Balthasar. Weshalb war er bereit dazu, bloß wegen einer Vermutung? Es konnte unmöglich um ein Projekt der Akademie gehen. Auch die kannte Gesetze, jedenfalls in Maßen. Einen alten Mann auszurauben war mit Sicherheit ein von denen, das selbst das Charoninstitut selten übertrat und das ihn ihre Förderungen und guten Willen kosten könnte.

Halb erwartete ich, dass Balthasar sich auf die Wahrheit stützen würde, auf den unverbrüchlichen Glauben, dass die Wahrheit ans Licht gehöre – gleich, ob sie belohnt würde oder nicht.

Halb vermutete ich, er würde mir seinen geheimen Grund offenbaren. Irgendein Motiv, das es rechtfertgen würde, das seinem Forschungswillen so viel mehr Recht verschaffte als dem alten Mann in seiner Kapelle.

Balthasar aber tat nichts dergleichen.

Er lächelte mich bloß über seine Kamera hinweg an, bevor ein Klick seine Fotographie von meinem verwirrten Gesicht signalisierte.

Weil es das spannendste sei, was er gerade zu tun hätte, sagte er.

Roter Löwe – Teil I: Schmutzige Geheimnisse

Manche Dinge sind von Jahrhunderten des Vergessens mit aller Absicht begraben worden. Nicht etwa, weil Einzelne es zu ihrer Aufgabe gemacht hatten, gewisse Wahrheiten zu verbergen und unter Schmutz und Nebel zu verstecken – obwohl es mehr als genug Handlanger und Büttel gab und immer noch gibt, die die wahre Geschichte der Welt zum Vergnügen ihrer Herren verschandeln.

Vielmehr gibt es…Wahrheiten, die zu schändlich und schauderhaft sind, um in den Erinnerungen der Menschheit fort zu bestehen. Geschichten und Kreaturen, die nur noch in geflüsterten Namen und Andeutungen weiter bestehen und in den Märchen und Legenden, über die die moderne Zeit nicht einmal mehr müde lächeln will. In Sagen, die unsere Zeit als Kinderei abtut, als die spastischen Zuckungen primitiver Geister und Ängste.

Die Schrecken daran sind schlicht verschwunden. Aus allen Aufzeichnungen sind sie getilgt und dem kollektiven Gedächtnis heraus gebrannt worden mit allem Eifer der Inquisition und der Angst vor den unbekannten und schauderhaften Dingen.

Die schlimmsten von diesen Wahrheiten aber waren diejenigen, die sich nur eine neue Maske übergestreift hatten. Die sich umgelogen hatten zu einem Teil unserer Ordnung, die die Märchen verlachte und das Unbekannte nicht mehr fürchtete, weil es es von ihm nichts mehr wissen wollte.

Diejenigen Wahrheiten, die sich in das Gewand der Lüge gekleidet hatten, um weiter bestehen zu können – vergessen, aber nicht verloren – und die von dem aufgeklärten Menschen darum nicht verfolgt wurden als Abscheulichkeit wider den Menschen.

Ich gestehe freimütig, dass ich mich an diesen Lügen beteiligt habe. Die längste Zeit meines Lebens war es mein bezahltes Werk, in den Untiefen der Geschichten nach Wahrheiten zu suchen. Ich wurde dafür bezahlt, vorgeblich, die Geschichte zu studieren und ihre Geheimnisse ans Licht zu bringen. Aus alten Folianten und Aufzeichnungen zu retten, was für unsere Zeit noch brauchbar war. Was noch einen Sinn hatte.

Und ich muss nun erkennen, dass dieser Sinn selbst eine Lüge war.

Balthasar Grünberg musste diese Dinge gewusst haben, lange bevor ich von ihnen überhaupt eine dunstige Ahnung hatte. Er war ohnehin immer klüger als ich gewesen, schon als wir noch auf der Akademie studierten.

Alle Arroganz und Herrlichkeit, die einem Mann der Wissenschaft zu Gebote stand, beherrschte er schon früh. Nichts war seinem Auge zuwider, keine vergessene Geschichte war zu abstoßend, keine Wahrheit zu scheußlich, um nicht von ihm ans Licht gezerrt und examiniert zu werden.

Durchaus eine Eigenschaft, die bewundernswert gewesen wäre, die ich tatsächlich damals auch bewunderte und zu der ich ebenso wie zu ihm aufblickte. Man musste einfach. Wie konnte man diese Neugier nicht verherrlichen, diese Furchtlosigkeit, mit der er sich noch den hässlichsten Schmutzflecken unserer Geschichte stellte und den abenteuerlichsten Spuren nachging?

Wie konnte ein junger Mann nicht der Bewunderung verfallen, wenn einer wie er keine Angst zeigte, die dunklen und verlorenen Gossen unseres Geisteslebens zu durchwandern und im Unrat des Verstandes zu wühlen. Wie konnte ich nicht in ihm anbeten, was die Zierde allen Mutes und Verstandes sein musste?

Mir jedenfalls schien es so, während unserer Studienjahre und auch lange Zeit danach. Er war wagemutiger als ich, neugieriger. Er scherte sich einen Teufel darum, was die Öffentlichkeit von seinen Forschungen hielt, oder ob die Professoren seine Studien verlachten.

In unserem Feld war es nicht ungewöhnlich, sich mit auch … absurderen Einzelheiten zu befassen. Die Zeit der späten Renaissance war, aller romantischer Blindheit zum Trotz, eine der Wunder. Grimoirs, angeblich wissenschaftliche Künste und angeblich magische Forschung verschwammen in dieser Zeit. Selbst Newton, der von Ihnen wie allen anderen auch sicherlich als Wissenschaftler und Physiker bezeichnet wurde, experimentierte noch freudig mit der Alchemie. Er sprach vom Arbor Saturnae als einem Mittel der Revivikation und glaubte wirklich an seine Wiederbelebung.

Balthasar ging über die bloße Erforschung dieser Randnotizen hinaus. Namen, die ihnen nichts sagen würden, die ich nicht aussprechen kann und will, führte er mit dieser gewissen Ironie im Mund. Als wären diese uralten Hexer gute Freunde und hätten keine Geheimnisse vor ihm, der sie so viel achtete wie Märchen und andere Schreckgeschichten. Er erkundete Abgründe der Vorstellungskraft, die selbst unsere Professoren für unmöglich hielten, für aberwitzig und irrsinnig – und ich darf sie daran erinnern, dass wir in den späten 70er Jahren studierten. Mithin standen dem größten Teil der Professoren noch die Schrecken der ersten Hälfte des Jahrhunderts vor Augen und wie weit der menschliche Irrsinn tatsächlich reichen kann.

Was gab es an Balthasar nicht zu lieben?

Er hatte dabei nur, wie ich denke, eine Sache übersehen. Dass manche Wahrheiten vergessen werden wollten. Werden mussten, wenn die Lüge, die wir uns in jedem Augenblick unseres gewöhnlichen Lebens erzählten, bestand haben sollte. Und dass wir…dass selbst wir bisweilen die Pflicht hatten, die Lüge zu verherrlichen und die Wahrheit zu vergessen. Sie als Abscheulichkeit zu brandmarken und aus allen Aufzeichnungen zu tilgen, alles darüber zu vergessen und vergessen zu machen, so gut es nur in unserer Macht steht.

Dass manche Dinge zu grauenhaft sind um sie verstehen zu wollen. Falls es überhaupt möglich war, sie zu begreifen.

Davon wusste ich damals, als er mich um meine Hilfe bat, aber noch nichts. Wenn ich ehrlich sein soll, wünsche ich mir nichts mehr, als dass ich auch heute noch nichts davon wüsste.

Ich fand mich aber, weil ich ihn bewunderte, als Grabräuber an seiner Seite – nicht ganz widerwillig, wie ich gestehe.

Das heißt: Ich war Historiker, jedenfalls hatte ich an der Akademie das Studium mit ihm gemeinsam durchlaufen. Gräber bargen für mich damals keine Schrecken. Mein Fachbereich war die frühe Neuzeit, auch wenn ich – bedingt durch die Natur der Sache – verschiedentlich Ausflüge in das späte Mittelalter oder die Moderne machte. Im Laufe meiner Arbeit habe ich mehr als einen Kadaver gesehen, mehr als eine Mumie begutachtet, selbst wenn mein eigentliches Fachgebiet nicht Grabkunde war. Diese Dinge lassen sich nicht vermeiden, müssen Sie wissen. Der Tod gehört zum Leben unvermeidlich hinzu – um folglich ein treffliches Bild vom Leben der Vergangenheit zu erhalten, ist es unumgänglich, auch mit dem Tod in Berührung zu kommen.

Ich bin mit der Zeit zu der Überzeugung gelangt, dass Männer wie ich nichts weiter sind als die Grabräuber der Geschichte. Der einzige Unterschied zwischen einem gewöhnlichen Leichendieb und meiner Arbeit ist das Alter der Kadaver. Wenn überhaupt. Oft genug habe auch ich mich schon an namenlosen Massengräbern des letzten Jahrhunderts vergangen, habe Beweise vorgelegt für all die Heuchler und Leugner, die vor ihren eigenen Verbrechen noch die Augen verschlossen.

Die meisten von Ihnen werden sich bei diesen Sätzen empören. Und ich gebe Ihnen recht: Die Wissenschaft tut alles mögliche, um sich von diesen Ideen zu distanzieren. Die wissenschaftliche Arbeit selbst hat auch, soweit man das sagen kann, nur mehr wenig mit den Untaten des 19ten Jahrhunderts gemein. In den seltensten Fällen wird ein Grab mit Hammer und Meißel geöffnet, der darin aufgebahrte Leichnam mit allem Schmuck außer Landes gezerrt und in Kunstgalerien ausgestellt. In der Regel belässt man die Dinge dort, wo man sie findet, und versucht aus ihrer Anordnung Schlüsse zu ziehen.

Und dennoch bin ich mittlerweile überzeugt, dass es sich um keinen qualitativen Unterschied handelt. Menschen wie ich – Menschen wie Balthasar! – entreißen dem Grab der Vergangenheit seine Geheimnisse. Wir zerren ans Licht, was frühere Generationen zu töten versucht und endgültig begraben hatten. Und wenn es nur eine Wahrheit ist, die vergessen gehört.

Die Bitte, die Balthasar mir damals stellte und die mich von dieser simplen Tatsache überzeugt hat, war einfach genug: Er hatte einige Details aufgetan, die ihn vermuten ließen, ein besonderes Grab gefunden zu haben. Eine auf den ersten Blick belanglose Sache, da er beständig recht abenteuerlichen Fährten folgte und sich nicht zu schade war in das Reich der Mythen und Legenden herab zu steigen, um Belege zu finden.

In dieser Sache aber konnte er mich nicht nur überzeugen, sondern meine Neugier gewinnen. Es sollte sich nämlich um das Grab eines gewissen Herrn Roth handeln – Friedrich Athanasius Roth, seines Zeichens einer der letzten Hexenjäger der Mark Brandenburg.

Der Mann war mir einige Male zuvor untergekommen, als ich mich in den königlichen und kurfürstlichen Archiven der Stadt umgetan hatte: Ein Ankläger und Henker, der um die Wende des siebzehnten zum achtzehnten Jahrhunderts herum eine Reihe an Hexenprozessen geführt hatte. Jeder von ihnen war mit Vernunft und Sachverstand konzipiert, mit Anklage, Verteidigung, Examination nach allen Regeln der Wissenschaft und Vernunft durchgeführt, um der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Roth war also, in jeder Hinsicht, ein Zeitgenosse Newtons.

Sie denken sicherlich an die Hexenprozesse von Salem, wenn ich dieses Wort im Munde führe … Hah! Was ist Salem schon gewesen, wenn nicht die halbseitige Lähmung des ganzen Irrsinns? Salem war die klägliche Überführung der Hexenjagd in ein ordentliches Gerichtsverfahren. Der Versuch, die Mordlust in Recht zu verwandeln und mit ihm zu begründen, Aberglaube und Irrsinn fortan vernünftig zu betreiben.

Sie mögen gerne glauben, dass die heutige Zeit vernünftiger wäre, aufgeklärter. Dass solche Dinge nie wieder geschehen könnten. Lassen Sie sich gesagt sein: Das Handwerk der Hexenjäger ist nie völlig ausgestorben, es hat sich nur einen anderen Namen gegeben. Athanasius Roth war nicht der letzte seiner Art. Nur der letzte, der noch diesen Titel noch mit Stolz führte, ehe Könige und Richter ihn an sich nahmen.

Man verbrannte weiter hunderte Unschuldige, nur führte man einen Plan dafür ein und behauptete fortan, man hätte ihrem Leben den Wert in einem anständigen Prozess aberkannt. Man mordete gesitteter, das ist alles.

Athanasius Roth jedenfalls starb als reicher Mann mit einigen Ehren und Würden ausgestattet, mit Verbindungen zu anderen Scharlatanen seiner Zunft, zum Adel und selbst an den Hof des Königs noch. Bis hinauf zum Alchemisten seiner Majestät, diesem Johannes Kunckel.

Dennoch hat man sein Grab nie ausfindig machen können. Bis Balthasar darauf gestoßen war, wie nebenbei auf der Suche nach etwas ganz anderem. In einem der Bücher eines Schülers von Kunckel hatte er gewisse Andeutungen gefunden. Hatte wohl endlich jemanden gefunden, der vom Verbleib des Mannes wusste. Oder jedenfalls von seinen Überresten.

Eine belanglose Passage, Balthasar hatte sie mir gezeigt, aufwendig chiffriert mit all ihren Geheimzeichen und Symbolsprachen, die den Mystikern so zu eigen sind. Sie erzählte von nichts weiter als von dem Grab des Hexenjägers, das der Mann besucht und in dem er einen Teil jener Weisheit gefunden hatte, die er mit dem geneigten und kundigen Leser zu teilen bereit war.

Athanasius Roth sollte in einer kleinen Gruft liegen, unter der Kapelle eines Dorfes das erst vor knapp hundert Jahren der Stadt hinzugefügt worden war. Als er den Tod gefunden haben musste, war es kaum mehr als ein Weiler. Eine winzige Ansammlung von Gehöften rund um eine Schmiede und besagte Kapelle, eine gute Tagesreise vor den Toren der Stadt.

Ich willigte also ein, mit Balthasar zu gehen und dort nach dem Grab zu suchen. Eine harmlose Sache, wie ich sagte. Wir beabsichtigten ja nicht viel mehr, als lediglich die Grabstätte zu finden. Vielleicht einige Aufzeichnungen und Fotographien als Beweise zu machen und einen Blick in die Bücher der Pfarre zu werfen, so sie denn noch existierten. Kurz: Wir wollten sicher stellen, dass wir das richtige Grab vor uns hatten.

Dann erst wollten wir mit den königlichen Archiven oder der Akademie selbst das weitere Vorgehen besprechen, einen kleinen Auftrag erhalten oder jedenfalls das übliche Verfahren in Gang setzen.

Balthasar erhoffte sich, soweit ich das einschätzen kann, damals lediglich, weitere Anhaltspunkte zu Johannes Kunckel zu finden.

Allein wenn wir heraus bekämen, wer das Grab gestiftet und womöglich von einem Testament von Roth erfahren könnten, so hätten wir rasch eine weitere Spur bei der Hand, damit jeder von uns seine Neugier befriedigen konnte.

Wenn ich aber damals schon gewusst hätte, was ich heute weiß…Wenn ich auch nur eine Ahnung gehabt hätte, was wir finden und welche verfluchten Geheimnisse wir jener kalten Gruft entreißen sollten…

Ich hätte keinen Fuß in die Kapelle gesetzt.

Infestatio – Teil IV: Unter Blumen

Auszug aus dem Entlassungsprotokoll von Friedrich Andersen

Nein.

Nein, ich bleibe hier. Genau hier im Revier oder in meiner Zelle oder wo auch immer. Sie können mich nicht gehen lassen, hören Sie? Sie können mich hier nicht einfach fortjagen wie einen gemeinen Tagedieb und wieder dort hinaus schicken.

Ich habe einen Mord gestanden. Karl Längenfeld – ich habe ihm den Schädel eingeschlagen, vor ein paar Tagen erst. Sein Blut klebt an meinen Händen, als ich durch die Tür herein kam.

Es ist mir egal, dass Sie keine Leiche gefunden haben. Ich habe ein Kapitalverbrechen begangen und es Ihnen gestanden. Sie müssen Blut gefunden haben, Mengen davon. Reicht das nicht für eine Anklage?

Ich gehe dort nicht wieder hinaus. Nein, niemals. Was ist mit Grabschändung, zählt das nicht? Einbruch, Landfriedensbruch? Suchen Sie sich etwas aus, weswegen Sie mich in den Kerker werfen. Ich kann Ihnen auch an die Gurgel springen, wenn Sie das wünschen, aber eine zivilisierte Lösung wäre mir tatsächlich…

Gut. Tun Sie das. Schreiben Sie dem Nervenarzt. Einweisung klingt vernünftig, meinetwegen. Ich bin nicht verrückt, ich sage es ihnen. Ich streite ab, verrückt zu sein. Er lag doch dort vor mir. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich doch noch seine leeren Blick vor mir. Fühle noch sein Blut an meinen Fingern.

Sie…Sie haben also keine Leiche dort gefunden in meiner Wohnung. Kein Karl mit zertrümmertem Schädel, neben ihm noch der Stein, mit dem ich es getan habe.

Oh, ein Pflasterstein. Was weiß ich, wo wir den her hatten. Erster Mai womöglich oder ein Fundstück aus irgendeiner Gruft. Ein Andenken vielleicht an meine Jugend als Unruhestifter oder ein Geschenk. Ist das wichtig?

Aber er muss dort gewesen sein. Es war eine erbärmliche Sauerei, überall Blut. Sie haben meine Kleidung gesehen, mit der ich hier herein gekommen bin. Mein Blut war es nicht, das mir die Hose ruiniert hat, das mein Hemd vom Saum bis zu den Ärmel bedeckt hat. Das wissen Sie oder ahnen es wenigstens.

Ich sagte Ihnen bereits, warum ich ihn getötet habe. Sie zweifeln…Ha! Dieses Mal kann ich es Ihnen nicht einmal verdenken. Aber es ist nicht meine Schuld, dass Sie so lange gezögert haben, meine Worte zu überprüfen. Weiß Gott, was in der Zwischenzeit geschehen ist! Woher soll ich es wissen, ich war hier, eingesperrt für die letzten Tage, während Sie sie vergeudet haben mit Befragungen.

Nichts von dem hier scheint Ihnen viel Sinn zu ergeben, oder? Mir geht es ähnlich. Wie kann…wie kann eine Leiche verschwinden aus einer Wohnung, zu der nur ich Zugang hatte? Er wird nicht einfach aufgestanden und gegangen sein. Hoffe ich.

Ich denke es ist möglich, dass Marie einen dritten Schlüssel zu unserer Wohnung besaß, natürlich. Ebenso ist es möglich, dass sie den Leichnam beseitigt hat. Dass Sie sich…vergangen möchte ich nicht sagen. Aber es ist möglich, dass Sie gewisse Dinge mit ihm getan hat. Ich…ich erzählte Ihnen, was ich gesehen habe, nicht? Was ich gehört habe? Welche Mächte sie besaß? Es ist denkbar, dass sie ihhn hat verschwinden lassen in einer Wolke aus Asche und Staub Dass Marie jede Spur von ihr und Karl beseitigt hat und nichts zurück lässt als einen stammelnden Irren in einer Zelle am anderen Ende der Stadt.

Sie oder jemand anderes…

Nein, ich kann Ihnen nicht von den Geheimnissen erzählen, die Karl mir offenbart hat. Weil Sie nicht wahr sein können. Nicht wahr sein dürfen. Weil Sie mit mir sterben müssen, wie Sie schon vor langer Zeit hätten sterben sollen.

Vielleicht…vielleicht waren sie das sogar. Tot meine ich. Aber dann hätten wir diese Geheimnisse niemals ausgraben dürfen. Niemand anderes hätte sie anrühren dürfen…Diese Dinge, zu denen Marie in der Lage war, waren unnatürlich. Abscheulich, selbst für uns.

Also habe ich sie wieder verschüttet. Allein deswegen habe ich Karl getötet. Etwas übereilt, vielleicht, aber es war notwendig.

Karlchen kam von einem seiner Ausflüge mit Marie zurück, damals. Einer von denen, auf die sie mich nicht mehr mitnahmen. Heute weiß ich, warum sie mich immer weiter ausschloss, aber damals nicht. Damals fühlte ich noch frisch den Stachel der Eifersucht. Fühlte Schmerzen, die man nur fühlt, wenn geliebte Menschen einen ausschließen. Selbst wenn es zum eigenen Wohl ist. Selbst wenn man sich schon damit abgefunden hat und sogar darauf gehofft hat.

Gott, sind es wirklich nur drei Tage gewesen, die sie mich eingesperrt hielten? Es fühlt sich so viel länger an. Zeit wird dickflüssig, irgendwie zäh, wenn man nichts zu tun hat, als auf die Wände oder die eigenen, blutbefleckten Hände zu starren.

Er kam allein. Ich weiß nicht, wo Marie war. Fort geblieben. Vielleicht käme sie später noch, vielleicht nicht. So war sie eben und ich dachte so wenig wie möglich darüber nach. Wenn sie käme wäre das in Ordnung, wenn nicht würde es mir nicht das Herz brechen.

Karl schien dankbar zu sein, mich einen Augenblick für sich zu haben. Mein Zimmer stand ihm ohnehin immer offen, selbst wenn ich arbeitete. Ich hörte ihn herein kommen, sich auf das Sofa unter dem Fenster werfen, lautstark. Aber ich ignorierte ihn. Ich schnitt irgendeinen dummen Film zusammen und wollte es fertig bekommen.

Es dauerte eine Weile. Eine ganze Weile, die ich mit meinen Kopfhörern auf den Ohren so tat, als ignorierte ich ihn und er so tat, als störte es ihn nicht. Vielleicht war es sogar so, für einen kurzen Moment. Vielleicht war die Lüge, die wir uns vormachten – die Lüge, dass da nichts war – für einen Augenblick keine Lüge. Vielleicht war es so wie früher, als wir einfach nur stumm unsere Gegenwart genossen.

Ich würde mir gerne vorstellen, dass unsere letzten gemeinsamen Stunden unsere besten waren.

Er hatte diesen Ausdruck im Gesicht, als ich mich ihm zuwandte. Den gleichen wie an jenem Abend in der Gruft des Filmemachers. Eine Nacht, die mir eine halbe Ewigkeit her zu sein schien. Haben Sie schon einmal gesehen, wie jemand ’nicht bei sich‘ ist? Diesen faszinierten, verzerrten Ausdruck, der in die Ferne geht und nicht an diesem Ort weilt. Er war schon da, körperlich war er mit mir in diesem Zimmer. Aber irgendwie auch nicht. Als blicke er durch mich hindurch, wenn er mich ansah, und irgendwie hinter alle Welt.

Meine Couch steht unter dem Fenster. Stand, besser gesagt, es ist nicht mehr wirklich meine Couch. An ihm vorbei sah ich die Mittagssonne sich schwach durch das Geäst schieben, dort wo der Wald zu Ende war und unsere Straße begann.

Es zog fürchterlich durch die Doppelfenster, was es im Herbst noch recht angenehm machte. Ein altes Haus, wie gesagt, aber nie so wirklich renoviert. Vielleicht gab es deswegen so viele junge Leute dort, die sich nicht an etwas Zugluft stören oder dem Heulen des Windes in den Ritzen.

Meine Pflanzen hingen über ihm und an den Seitenwänden über der Couch. Eine helle Szene, denke ich, und ein schönes Bild. Er, umrahmt von der Natur, wie er mir von diesen Abscheulichkeiten berichtet, die ihm aus dem Maul tropfen wie Gift aus einer Schlange.

Ich greife wieder vor, verzeihen Sie.

Er käme von einem Ausflug zurück, erzählte er mir. Ich wusste das natürlich. Ich hatte ihn am Nachmittag zuvor gehen gehört, zusammen mit Marie. Ich hatte bemerkt, dass seine Tasche fehlte, die mit den verschiedenen Werkzeugen. Sie…haben sie nicht gefunden, nehme ich an? Eine schwarze Tasche, nicht weiter auffällig. Ein paar Notizbücher darin, vielleicht eine Taschenlampe, ein alte Kamera. Nicht? Dann wird Marie sie mitgenommen haben. Es…es ist nicht weiter wichtig.

Nennen Sie es ein Andenken. Oder einen Hinweis, dass ich die Wahrheit gesagt habe. Ist es noch von Bedeutung, wenn Sie mich ohnehin nicht verurteilen oder anzeigen wollen? Wenn Sie mir nicht einmal glauben, was ich selbst gestanden habe?

In dem Büchlein steht nichts weiter von Bedeutung. Anmerkungen, Fragen. Fetzen von Antworten. Nicht von uns, aber von denen. Antworten, die wir bei den Toten gefunden haben auf Fragen, die wir nie gestellt hatten. Die paar Erinnerungen stehen darin, die ich noch an die unselige Nacht im Mausoleum derer von Schlüsselburg hatte. Den Rest hat Karl weitergeführt. Er hat es mir gezeigt, vor drei Tagen. Ich muss es wohl vergessen haben oder nicht daran gedacht, dass Sie an mir zweifeln würden…Vielleicht würde es auch nur Ihren Eindruck bestätigen, ich habe den Verstand verloren und Stimmen gehört, wo es keine gab.

Ja, wir haben Aufzeichnungen gemacht, natürlich. Darum ging es von Anfang an – Stimmungen festhalten, Erfahrungen haltbar machen. Wir wollten nichts anderes als aufzeichnen. Was ist mit der Kassette unter meinem Bett? Eine schwarze Metallbox voller Filmmaterial, ich erzählte davon?

Wir waren Suchende, sagte ich das nicht? Auf der Suche nach Antworten, die wir vielleicht selbst nicht verstanden haben. Obwohl ich langsam denke, dass Marie sie wohl verstanden haben wird. Sie wusste, nach welcher Art von Antworten wir suchen. Sie war es jedenfalls die einzige, die die Fragen kannte, die wir in die Gruft riefen. Und die waren alles, was zählte.

Nein, sie müssen die Kassette finden, hören Sie? Darin findet sich alles, was wir getan haben. Beweise über Beweise. Alle Bilder, die selbst den hart gesottenen Künstlern dieses Babylons zu abstoßend waren, um sie veröffentlicht zu sehen. Marie darf sie nicht in die Finger bekommen! Sie darf nicht damit durchkommen, dass sie uns benutzt hat.

Karl und mich…

Er hatte diesen Ausdruck im Gesicht, wissen sie? Wie von…wie von…Ich weiß nicht, was für einen Ausdruck. Fiebrig, ein wenig.Ich weiß nicht, warum er mir diese Dinge erzählt. Warum er vor mir ausbreitete, was er mit Marie getan hatte in der letzten Zeit und weiterhin tun würde.

Nein, ich kann seine Worte nicht wiederholen. Gleich, was Sie fordern. Seine Offenbarungen werden mit mir sterben. Sollten mit mir sterben, dachte ich damals. Wenn Sie aber Marie nicht finden, werden sie keine Ruhe finden. Wird er keine Ruhe finden. Ich bitte Sie, sie dürfen das nicht zulassen!

Weshalb ist es so wichtig, was er gesagt hat? Tatsächlich verstehe ich es nicht, warum es Ihnen so wichtig ist.

Dieser eine Mittag, diese paar Stunden, in denen er mir von den…den Dingen berichtete, die sie vor mir geheim gehalten hatten, und die er mir nun ebenfalls aufbürden wollte…Dieser eine Beichte war ein Anlass, nichts weiter. Ich muss schon vorher den Gedanken gehabt haben oder wenigstens den Drang, ihn von diesen Dingen, die ihn von mir fort trieben, los zu lösen. Ich muss über die Wochen und Monate, die sie mich beiseite geschoben haben, ausgehöhlt worden sein wie faulendes Obst.

Aber ich halte Sie an, sich erneut in Erinnerung zu rufen: Es war keine Eifersucht im Spiel oder Neid. In dieser Tat wenigstens nicht, wenn schon in jeder anderen. Wenn es ein Gegenteil von Eifersucht gibt, von einer Verachtung einer Beziehung, dann war sie die Ursache dieser Tat.

In dieser knappen Stunde, die wir uns gestritten hatten. In der er mich anflehte, seinen Worten Glauben zu schenken und mit ihm zu kommen und mich selbst von der Macht und der Herrlichkeit zu überzeugen, die er gesehen hatte, da rührte sich etwas in mir.

Ich kann Ihnen nicht sagen, was es war. Ich kann Ihnen die Verführungen nicht wiederholen, kann Ihnen seine Worte nicht mitteilen, die Andeutungen, mit denen er von einem Herren Maries sprach und was er ihm beigebracht hatte in der letzten Nacht und noch beibringen könnte…
Ich will Ihnen nicht einmal andeuten, was er mir versprach. Wie sehr es mir möglich schien, dass wir dieses Einverständnis zurück erlangen könnten, das wir zuvor gehabt hatten. Bevor…bevor wir so neugierig geworden waren. Bevor wir begonnen hatten, Fragen zu stellen, die wir selbst nicht kannten. Antworten von Marie zu erhalten, die wir nicht hören wollten.

Ich weiß nur, dass…dass alles einstürzte. Fast alles. Nicht er, nein. Er war immer so gewesen: Neugierig, wagemutig, dreist. Ich denke nicht einmal, dass es ihm viel ausgemacht hat, was er mir erzählte. Nicht so viel wie mir, der ich mir seit drei Tagen nun schon Lügen einfallen lasse, wie viel anders als er ich reagiert haben musste – damals in der Gruft, als wir alles begannen und ich nicht versuchte, ihn aufzuhalten, obwohl ich es hätte wissen müssen.

Die Wahrheit muss sein: Ich tat all diese Dinge bereitwillig, an die er nun appellierte. Und ich hatte keine Erleuchtung, als er mir diese Worte sagte. Keine Abscheu überkam mich, dass ich selbst monatelang mit ihm und mit Marie meiner Gier nachgegeben hatte, gesucht und gegraben und mich selbst in den Schmutz gestürzt hatte.

Aber alles andere stürzte ein.

Ich stürzte ein und er blieb stehen.

Ich glaube nicht, dass ich geweint habe. Das kam später, als er reglos vor mir lag und ich über ihm kniete. Aber ich erinnere mich an eine kalte Wut, kalt wie Regen im Januar, die mich überkam. Ich erinnere mich an den Stoß, mit dem ich ihn zum Fenster schubste, dass er wieder über die Couch stolperte. Die Pflastersteine, Andenken an mein Jugendzeit mit ihm und den anderen, die wir vom ersten Mai aufbewahrt hatten.

Ich wollte nicht, dass er mir diese Dinge sagte. Sie gehörten in ein Grab. In irgendeines, sollten dort vergessen werden oder jedenfalls nicht ausgesprochen. Ich wollte sie nicht hören. Er hätte sie nicht sagen sollen. Aber ich wollte sie nicht hören, wollte nichts davon wissen. Ich wollte nicht…ich wollte nicht, dass diese Dinge zwischen uns standen. Dass ich…

Ich hätte nur auf zwei Arten reagieren können: zustimmen oder ablehnen, sehen Sie das? Ich wäre mit ihm gegangen in diese Tiefe oder aber ich hätte ihm den Rücken gekehrt und wäre geflohen. Vor ihm, vor Marie, von der Kreatur, für die sie und er die Gräber öffneten, der sie berichteten und beichteten, was sie umtrieb und was vor sich ging in der Welt. Die der Grund war dafür, dass wir nur Gräber der letzten achtzig oder neunzig Jahre geöffnet hatten, der Zeit in der sie selbst in irgendeinem namenlosen Acker verscharrt gewesen sein musste, bevor sie sich erhob und Fragen stellte. Fragen durch uns, durch Marie…

Ich wollte das nicht, verstehen Sie? Ich wollte diese Stille bewahren, die zwischen uns war. Früher und in den wenigen Wochen, als wir kaum miteinander sprachen. Als jeder von uns zufrieden war, so zu tun, als wäre alles normal, als wäre da nichts anders. Ich wollte diese Entscheidung nicht treffen.

Nicht nur wollte ich meine eigene Antwort nicht kennen, ich wollte die Frage nie gehört haben, die er mir stellte. Wollte nichts wissen von den Dingen, die er andeutete, von dem Herren, von der Medusa von Florenz oder den Geheimnissen, die er und Marie und selbst ich aus den Gräbern gehoben hatten.

Ich wollte nicht darüber nachdenken, ob ich diese Dinge tun könnte, tun würde. Diese Dinge gehören in Gräber, das sagte ich bereits. Man muss sie vergessen.

Infestatio – Teil III: Singen in der Gruft

Sie schauen mich an, als glaubten Sie mir nicht. Als bezweifelten Sie die Dinge, die ich Ihnen hier unterbreite. Nein, eher noch sehen Sie aus, als wären Sie sogar im Zweifel darüber, dass ich wirklich getan habe, was ich behaupte.

Sagen Sie: Halten Sie mich für verrückt? Ich würde es Ihnen nicht verdenken. Ich wünschte es mir sogar, dass Sie Recht hätten. Wenn ich ehrlich bin, fürchte ich mich mehr davor, tatsächlich gesund zu sein.

Was ist es, das Sie zweifeln lässt? Meine Andeutungen, meine Hinweise auf die Dinge, die ich behaupte mit Marie und Karl zusammen…? Sie wollen weiterhin Beweise. Sie wollen wissen, was genau diese Dinge waren, die ich Ihnen nur angedeutet habe?

Ich sagte Ihnen, dass ich mich später von den Beiden zurück gezogen habe oder sie sich von mir. Dass ich mit diesen Dingen, die sie später begangen haben…Den Grabraub habe ich begangen, die Störung der Totenruhe, ja. Ich leugne es heute so wenig, wie ich es zuletzt tat. Als ich es gestand.

Von diesen…Jugendsünden spreche ich aber nicht. Es waren andere Taten, die mich – nun, nicht gerade zur Vernunft gebracht haben. Aber doch dazu, mich abzuwenden. Die allem spotten, was Sie ‚Anstand‘ nennen. Ja, mehr als alles andere, was ich Ihnen erzählt habe. Selbst unsere Beziehung, die wir drei zueinander pflegten, wird Ihnen schal vorkommen im Vergleich damit. Wie eine Kinderei.

Einmal habe ich einen Einblick erhalten. Keinen umfassenden, keinen guten. Aber ich habe eine Andeutung dessen gesehen, was unter Maries süßer Fassade verborgen lag. Sogar noch unter ihrem verrotteten Kern aus Bosheit. Für einen Augenblick habe ich die Krankheit gesehen, die sie von innen auffrisst und antreibt, Sünden zu begehen, die Sie sich kaum vorstellen können.

Und ich bin davor zurück gewichen.

Das war mein Fehler. Meine eine Schwäche in ihren Augen…und ich denke auch in Karls.

Warum ich mich nicht wie Karl tiefer in den Abgrund geworfen habe, in den Marie uns lockte? Das weiß Gott allein oder der Teufel. Ich weiß nur, dass ich es bereue. Lange habe ich darüber nachdenken können in den letzten Stunden und Tagen. Es gibt nicht viel für mich hier zu tun, wissen Sie? In meiner Zelle gibt es nur mich und meine Erinnerungen und diese Stimmen, die mich nie verlassen werden…

Erneut greife ich vor, verzeihen Sie.

Ich bin in meinen Überlegungen in jedem Fall zu der Überzeugung gelangt, dass diese eine Nacht der Moment gewesen sein muss, in dem Karl sich von mir abwendete. Oder Marie vielmehr.

Sie war der Grund, weshalb Karl mit ihr kam. Er war der Grund, weshalb ich mit ihr ging.

Ich fühlte mich zu ihr hingezogen, natürlich. Fragen Sie nicht nach Gründen, nicht in dieser Sache. Darum geht es nicht. Ich fühlte etwas in ihr. Was es war, weiß ich nicht. Ich kann es nicht erkennen durch die Fratze, die sich in meiner Erinnerung über ihr Gesicht gelegt hat. Möglich, dass es etwas von mir selber war, das ich ihn ihr sah. Möglich, dass es bloß Karls Zuneigung zu ihr war, die mich dazu antrieb, irgendetwas in ihr zu suchen und zu finden, das dort nicht war.

Ich zögere, mir einzugestehen, dass ich sie um ihrer selbst willen liebe. Denn ich habe gesehen, was sie selbst war, tief in ihrem Inneren. Was unter all der Fäulnis liegt, die sie zu sehen glauben.

Ich sah es deutlich in der selben Nacht, in der ich mich von ihr abwendete. Ich habe in ihr Herz gesehen und die Gründe gesehen, warum Sie uns mit sich lockte…Und mich schaudert davor.

Sie haben mich gefragt, was genau wir taten. Auf welche Art und Weise wir uns an dem vergingen, was Sie in Ihrem Irrglauben Totenruhe nennen.

Toten ruhen nie, müssen Sie wissen. Ich jedenfalls glaube nicht mehr daran. Nicht seit ich gesehen habe, was ich noch heute in meinen Alpträumen sehe. Seit ich hörte, was mir in meinen einsamsten Stunden zugeflüstert wird.

Einige der Gräber, die wir öffneten, waren alt. Jedenfalls behaupteten das die Grabsteine. Die Erde darunter, die Leichen selbst, spotteten dem angeblichen Alter der Steine.

Friedrich Wilhelm von Junzt…kennen Sie ihn? Nicht persönlich, meine ich, aber…? Nein? Das wundert mich. Sein Tod ist das wohl konstruierteste Rätsel der letzten zweihundert Jahre. Der Philosoph wurde aufgefunden in seiner Wohnung, vollständig abgeriegelt. Die Fenster waren intakt und von Innen verschlossen, die Türen mit dicken Ketten gesichert… Nur um seinen aufgeblähten und blau angelaufenen Hals lag ein Ring aus Fingerabdrücken. Aus Malen, wie von kalten Klauen in warmes Fleisch gebrannt. Das ist jetzt bald hundertsiebzig Jahre her, denke ich.

Ich nehme an, Sie wissen ebenso wenig, dass von Junzt zum Zeitpunkt seines Todes an einem Manuskript arbeitete, dessen Namen verloren gegangen ist? Ein Werk das von seinem Nachlassverwalter und Freund verbrannt worden ist, ehe er sich selbst die Halsschlagader mit einem Rasiermesser öffnete? Können Sie sich auch nur vorstellen, wie grauenhaft dieses Manuskript gewesen sein muss, dass sich ein französischer Décadent selbst entleibt?

Nein, natürlich können Sie es nicht…Bedeutet es Ihnen etwas, dass ich Teile dieses Manuskripts bei Karl gefunden habe? Dass sich Diktate, Kurzfassungen davon in seinem Besitz befanden – diktiert von Stimmen ohne Körper? Stimmen, die sich noch heute in meine Alpträume schleichen, sobald Sie diese Zelle hier verlassen haben und es still geworden ist für einen Augenblick?

Von Junzts Grab war das älteste, an dem wir uns vergingen. Marie und Karl müssen wieder zu ihm zurück gekehrt sein, nachdem ich mit Ihnen dort war. Wenn ich ehrlich bin, so verstehe ich die Gründe dafür selbst nicht ganz. Alle anderen unserer Ausflüge führten uns zu Gräbern, von denen nicht ein einziges älter als achtzig Jahre war. Alle waren wie dasjenige des Filmemachers, an dem wir uns zuerst vergingen: Alt, aber nicht zu alt. Sicherlich habe ich Vermutungen und blinde Ahnungen, warum gerade diese…Aber sie würden mir nicht glauben. Ich glaube Sie ja selbst kaum.

Denn natürlich bedeutet es Ihnen nichts. Sie könnten nicht verstehen, was das heißt. Selbst wenn ich Ihnen erklären würde, dass wohl irgendjemand versucht, gewisse Ereignisse seit Ausbruch des Krieges nachzuvollziehen. Dass irgendjemand, mit dem Marie im Kontakt steht oder vielleicht auch sie selbst, sich in einer Welt und einer Zeit befindet, die nicht mehr die ihre ist. Marie sucht gezielt, davon bin ich überzeug, Gräber der jüngeren Vergangenheit aus, um Ereignisse zusammenzufügen, die sie selbst noch nicht erlebt hat. Die jemand anderes nicht mehr erlebt hat.

Sie aber verstehen das nicht. Sie fragen nur immer und immer wieder nach Beweisen. Ich habe dieses Manuskript nicht, Marie hat es vermutlich.

Selbst wenn Sie es in den Fingern halten würden, Herr Kommissar, könnten Sie es nicht verifizieren, nehme ich an. Das Papier ist neu, die Tinte noch frisch. Nichts an diesen Seiten würde darauf hindeuten, dass es nicht von uns verfasst worden ist, dass wir nur das Medium waren, durch das die Worte ihren Weg auf das Papier fanden.

Beweise, hah! Schauen Sie in das Videomaterial, wie ich es Ihnen gesagt habe. Die Kassette unter meinem Bett. Eine kleine Stahlkassette, kaum größer als eine Umhänget asche. Darin werden Sie eine Reihe an Filmrollen finden, die alles festgehalten haben. Filme, Bilder, ich denke eine kleine Menge an Videokassetten ebenfalls. Schauen Sie sich unsere Wohnung an, meine und Karls und was ich ihm angetan habe. Ist das nicht genug, um mich einzusperren? Fortzusperren von ihr?

Ich sagte Ihnen bereits, warum ich es getan habe. Warum es nötig war. Der Mann, den ich erschlug, war nicht mehr der Mann, mit dem ich Jahre meines Lebens verbracht hatte. Er war verändert. Nicht so, nicht auf dieselbe Weise, wie ich von Marie verändert worden war. Es waren nicht bloß unsere Verbrechen, die ihn veränderten. Da war mehr dahinter. Etwas, das ich nicht verstand. Das ich nicht verstehen will, sehen Sie das?

Die Nacht, in der es mir zum ersten Mal bewusst wurde, ist erst wenige Monate her. Es war die letzte Nacht, in der ich Marie und Karl folgte in ihren Unterfangen. Nein, ich gestehe: Die letzte Nacht, in der ich mich willentlich und wissentlich daran beteiligte. In allen folgenden erfand ich Ausreden, fern zu bleiben. Oder sie erfanden Ausreden, die mich vor den Grüften und Friedhofen stehen ließen, um acht zu geben und Ausschau zu halten oder irgendwo anderen, angeblich wichtigen Besorgungen nachzugehen.

In dieser Nacht aber folgte ich ihnen noch. Ich wusste nicht, dass es das letzte Mal sein sollte. Ich hatte den Eindruck, dass es ein gewöhnlicher Abend werden sollte. Gewöhnlich jedenfalls, soweit es uns betraf, die wir diesen Dingen bereits seit einigen Monaten nachgingen. Die wir daran gewöhnt waren, mit Kamera und Spaten bewaffnet durch die Grüfte der Stadt zu schleichen und unsere Gier nach Neuem und nach Aufregung an kalten Leibern zu stillen…

Dieses Mal war es Marie gewesen, die die Idee dazu hatte. Ich weiß es sehr genau oder glaube jedenfalls sehr genau, es zu wissen. Sie hatte uns dorthin geführt, etwas abseits unserer üblichen Wege, auf den Sozialistenfriedhof. Ein Name, der Ihnen ein Begriff sein wird? Es ist einer der bekannteren und größeren Friedhöfe im Osten der Stadt und bereits seit gut hundert Jahren die Ruhestätte einer großen Menge an Kommunisten, Sozialisten und dergleichen mehr. Daher auch der Name.
Es befinden sich dort aber auch die Gruft einer recht angesehenen Familie. Derer von Schlüsselburg. Ein stattliches Mausoleum, abseits der Hauptwege, wo wir recht ungestört in unserer Arbeit waren.

Lachen Sie nicht! Wagen Sie es nicht, unsere Arbeit zu verspotten, nur weil es nicht Ihren jämmerlichen Vorstellungen von Bürgerlichkeit entspricht!

Ich sage Arbeit und ich meine auch Arbeit. Es war harte, körperliche Anstrengung damit verbunden, die Grabplatten aus der Wand zu brechen, Särge heraus zu ziehen und aufzustemmen, bis wir den richtigen Leichnam gefunden hatten.

Das Grab, das uns besonders interessierte, war das eines ehemaligen Rektors der Akademie. Ein gewisser Ludwig, der in den siebziger Jahren in hohem Alter verstorben war. Er war für eine ganze Weile eine treibende Kraft der Universität gewesen. Hatte große Teile der medizinischen Fakultäten umgestellt und reformiert. Es gab ein Sanatorium, nur einen Steinwurf von seiner Gruft entfernt, an dem er maßgeblich mitgearbeitet hatte.

Karl und ich…wir wollten nicht einfach eine weitere Gruft abfilmen. Wir hatten dies schon einige Male getan und es begann seinen Reiz zu verlieren. Marie hatten einige Male von einer kleinen Geschichte erzählt, die Karl und mich gefesselt hatte. Mich noch mehr als ihn, denke ich. Es gab eine ganze Zeit lang an den Akademien die Tradition des sogenannten anatomischen Theaters. Eine…nun ja, eine Art Theatersaal, in dem eine Operation ausgeführt worde – vor dem studierenden Publikum.

Der Gedanke faszinierte uns. Es wurden nicht nur Operationen an lebendigen Körpern vorgenommen, müssen Sie wissen. Auch die Öffnung von Leichen und ihre Schau vor aller Augen war alltäglich in diesen Dingen.

Karl war besessen von der Idee, etwas ähnliches aufzuführen. Sich selbst filmisch zu inszenieren als den Zeugen einer solchen Vorführung. Die Grenzen einzureißen zwischen der Medizin und der Totenkunde, indem wir mit anatomischer Präzision die Geheimnisse eines fauligen Leibes entfalteten. Indem wir den Operationssaal in die Gruft verlegten.

Ich habe mich seitdem wieder und wieder gefragt, weshalb Marie das alles tat. Weshalb sie uns scheinbar so bereitwillig die Führung überließ und nur dann und wann Vorschläge machte, welche Orte wir aufsuchen, welche Toten wir stören sollten. Aber niemals zwang sie uns zu etwas. Niemals setzte sie uns den Finger auf die Brust und forderte von uns dieses oder jenes Verbrechen zu begehen. Wir taten es selbst nur allzu bereitwillig, ohne wirklich zu wissen, wie sie davon profitierte…

Ich glaube, eine Antwort darauf gefunden zu haben in jener Nacht: Weil Sie selbst es so gelernt hatte.

Sie müssen sich die Szene vorstellen oder – wenn Sie die Nerven dafür haben – sehen Sie sich das Video an, das ich von dieser Nacht anfertigte. Es befindet sich bei den anderen in der Kassette unter meinem Bett.

Die Gruft war stattlich, ihr Inneres aber sehr begrenzt. Es war ein steinernes Mausoleum, Anfang des letzten Jahrhundert über dem ältesten Grab des Friedhofs errichtet. Dem des ersten Schlüsselburg, eines „Chymikers“ und Apothekers, der sich in der Gegend niedergelassen hatte, als es noch ein Dorf einen halben Tagesritt vor den Mauern der Stadt gewesen war.

Ein Sarkophag bildete das Kernstück unserer Inszenierung. Darauf ausgebreitet hatten wir ein Altartuch und den geöffneten Sarg seines Nachfahren, des ehemaligen akademischen Rektors Wilhelm von Schlüsselburg. Es war Maries Vorschlag gewesen, den sehr verehrten Herren Medizinalrat selbst zum Studienobjekt zu machen.

Kerzen an einigen der Vorsprünge und dafür vorgesehenen Kerzenhaltern erhellten das Ganze. Gerade genug, um die Gesichter meiner Gefährten ausmachen zu können im orangenen Schein.

Der Rektor war ein korpulenter Mann gewesen, den der Tod noch mehr aufgebläht und schließlich gesprengt hatte. Er war in den Jahrzehnten im Grab in seine Einzelteile zerfallen – war nur noch Haut, Knochen und eine ledrige Substanz dazwischen.

Der Gestank, der seinem Grab entwich, als wir es öffneten, war erbärmlich. Er war ganz feucht und schwer und hing mir noch für Tage darauf im Rachen fest, gemischt mit meinem eigenen Ekel.

Marie hatte sich als erstes wieder gesammelt. Unter der Robe verborgen, die ihr als Verkleidung diente, trat sie wieder an den Leichnam heran. Sie hielt ein Skalpell in der Hand, das sie in den Kerzenschein reckte.

„Der Leib“, sagte sie in einer Stimme, die ich noch nie von ihr gehört hatte, „hält viele Geheimnisse in sich verborgen. In seinem Mark und Bein stecken die Erlebnisse des Lebens fest geschrieben. Selbst die Erfahrungen des Todes stecken darin und man muss sie nur hervorzubringen wissen.“

Wir hatten kein Skript für unsere Filmchen. Wir improvisierten und verließen uns auf unsere eigene Intuition dabei, das nachzuempfinden, was wir darstellen und aufführen wollten. Jedenfalls taten Karl und ich das. Und Marie spielte ihre Rolle als die weise Herrin unserer morbiden Ausflüge meisterlich. Ich vermute, weil sie diese Rolle selbst tausendfach gespielt gesehen hatte in jenen Nächten, die sie nicht bei uns war.

Karl stand ihr gegenüber auf der anderen Seite des Sarges, das Gesicht unter einem Schleier aus schwarzem Stoff halb verborgen, fahl im Kerzenschein.

Marie fuhr fort. Sie winkte mir mit ihrer freien Hand und ich trat hinter sie. Zwischen dem, was ich sah, und meinen eigenen Augen lag meine Kamera. Nur kurz tastete sich mein Blick über Maries feine Gesichtszüge, über das schimmernde Skalpell in ihrer Hand, das sich schließlich in die eingefallene Brust des Leichnams senkte.

„Der Leib ruht niemals wirklich. Selbst im Tode bewegt er sich noch, verschlingt und verdaut sich selbst. Jene Art von Ruhe, von der man spricht, ist nicht einmal ein wahrer Schlaf. Es ist ein Schlummer, aus dem der Leib geweckt werden kann. Seine Geheimnisse liegen offen dort, vor uns. Wir müssen nur hinein greifen und ihn dazu…befragen. Und bereitwillig verrät er uns alle Antworten.“

Und wie sie es angekündigt hatte begann sie, ihn zu befragen.

Nicht auf jene Art, wie die Anatomen und Mediziner es tun. Sie befragte nicht seinen eingefallenen Leib, indem sie zerfallenes Fleisch und verrottete Muskeln abtrennte, untersuchte, mit anderem Material und angesammelter Erfahrung verglich. Indem sie die Abnutzung seiner Knochen untersuchte und so Erkenntnisse über die Ursachen seines Todes erhielt oder über die Traumata, die sein Körper zu Lebenzeiten erlitten hatte.

Sie riss den faulenden Leib auseinander, vergrub ihre bloßen Hände in seinen Eingeweiden, zerrte Sehnen, Knochen, Häute auseinander. Knochen barsten unter ihren Händen.

Sie zerstörte seinen Körper.

Sie befragte seinen…seinen Geist, indem sie ihn verschlang.

Ich kann Ihnen nicht beschreiben, was genau sie tat. Es ist auf Video, wenn Sie die Nerven dafür haben. Aber was Marie mit diesem Leichnam tat…was ihre Zähne ihm antaten, ihre Finger und ihr Schlund, war unaussprechlich. Es war die Befragung eines Folterers. Eine Tortur, die von endlosem Schmatzen und Knacken und Schlürfen und Reißen begleitet wurde.

Ich erinnere mich nicht an ihre genauen Worte, nicht an die exakten Fragen, die sie diesem Leichnam stellte. Ich weiß nur, dass sie sie stellte. Fragen, die für mich keine Bedeutung hatten, die ich nicht verstand. Es waren Fragen, die der Körper allein ihr unmöglich hätte beantworten können. Die kein ausgebildeter Mediziner je hätte beantworten können mit nur einem Leichnam und einem Namen.

Fragen, die sie unablässig stellte. Über die Natur seiner Familie, über seine Nachkommen, ob er wohl Kinder gehabt hätte? Fragen darüber, was an einem Septemberabend in den dreißiger Jahren geschehen sei, was er mit dem anatomischen Institut angestellt habe und wer dort noch befallen sei von seinem Irrsinn..

Es waren Fragen, die sie nicht an uns richtete, die überhaupt nicht für uns oder für die Kamera bestimmt waren. Sie stellte sie nicht uns. Sie schien sogar für einen Augenblick zu vergessen, dass wir dort waren als Menschen, als lebende Wesen und nicht bloß als die eifrigen Zuhörer und Chronisten ihrer Taten. Ihre ganze Aufmerksamkeit, ihr Blick, ihre ganze Gier, richtete sich allein auf den Leichnam vor ihr.

Selbst ihre Stimme hatte sich zu einem Flüstern gesenkt – zu einem Flüstern das mir und Karl nur allzu vertraut war. Wir selbst hatten sie eifersüchtig gehört, wann immer sie den anderen nachts in eine Umarmung schloss.

Karl hörte es vielleicht nicht, dachte ich damals. Ich hatte die Hoffnung, dass er bei ihr blieb, weil er nur in diesem Akt des Wahnsinns versunken war – und nicht in ihrem Wahnsinn selbst. Ich malte mir aus, dass er nur den Exzess sah, in den sie sich hinein steigerte. Dass er nur ein letztes Tabu sah, das sie brach, und nicht die Gründe dahinter.

Gründe, die irrsinnig waren. Wahnsinnig. Was sie aufführte, was wir selbst in den letzten Monaten getan hatten, mag pervers gewesen sein. Aber es folgte doch gewissen natürlichen Gesetzen. Was Marie dort tat in jener Nacht, war widernatürlich. Nicht was genau sie tat, sondern wieso sie es tat, verstehen Sie das? Ihre Absichten dahinter. Ihre Idee, Antworten von den Toten zu erhalten…

Heute weiß ich, dass Karl sie dabei gehört hatte. Dass er nicht angewidert und schockiert davon war, sondern im Gegenteil neugierig. Dass für ihn wenigstens die Inszenierung Wirklichkeit geworden und er als ein eifriger Schüler an ihren Lippen hing.

Begierig sog er alles auf, was sie tat. Jede Bewegung ihrer feinen Finger auf der Haut des Leichnams. Jede Windung ihrer Zunge, als sie…sich an seinen Überresten verging.

Was später noch zwischen ihnen geschah, weiß ich nicht mehr. Ich erinnere mich nicht mehr daran oder ich will es nicht mehr. Mein Geist ist vielleicht gerade noch gesund genug, um diese Momente, die darauf folgten, in irgendeinem Kerker meines Unterbewusstseins zu versperren. Mich selbst davor zu schützen, was ich gesehen und vielleicht getan habe in dieser letzten Nacht.

Ich kam erst in einiger Entfernung von der Gruft wieder zu Besinnung. Auf den Knien in einem Gebüsch, die Hände in die feuchte Erde gegraben und einen nichtsnutzigen Schwall aus Magensäften absondernd. Marie und Karl waren nicht bei mir, sie waren zurück geblieben. Nur ich war in blinder Panik hinaus gestürmt, die Kamera noch am Handgelenk, und hatte mich übergeben.

Befragen Sie das Material, wenn Sie es wollen. Wenn Sie stärkere Nerven als ich haben. Ich habe es seit diesem Tag nicht mehr angerührt. Meine Angst war zu groß. Ich wollte nicht…ich wollte nicht herausfinden, ob die Welt oder ich den Verstand verloren haben. Verstehen Sie? Ich wollte nicht die Bilder sehen und einen Beweis haben. Sie wollen es aber, also sehen Sie es sich alleine an.

Ich kann Ihnen nur sagen, was ich zu glauben hörte. Was mich noch heute verfolgt in meinen stillen Momenten. Was mir auch damals noch in meinen Gedanken dröhnte, als ich meinen kargen Mageninhalt in die Büsche spie. Was mich in blinder Panik aus dem Grab hinaus in die Nacht jagte.

Es waren ihre Stimmen.
Die von Marie, wie sie diese Fragen stellte, die keinen Sinn hatten.

Die von Karl, wie er ihr Treiben kommentierte, wie er alles in sich aufnahm, wie ein eifrig Lernender.

Und die…Die dritte Stimme, die keinem von uns gehörte. Nicht mir, der ich mich mitschuldig machte daran, indem ich es auf der Kamera festhielt, und auch nicht den anderen.

Ich höre sie noch immer in meinen stillen Stunden. Diese Stimmen jenseits der Stille, jenseits dessen, was ich mit meinen eigenen Augen sehen kann.

Sie wollen wissen, warum ich mich von Marie abwendete? Warum ich zurück schreckte ?

Lassen Sie mich Ihnen eine Frage stellen: Haben Sie je die Toten singen gehört?

Ich habe es in jener Nacht. Ich habe einen Mann antworten gehört auf Maries Fragen, der seit vier Jahrzehnten in seiner Gruft verfaulte. Ich habe eine Stimme gehört, die nicht die meine war und nicht die Karls, die Dinge erzählte, die wir beide unmöglich wissen konnten.

Wenn Sie es gehört hätten…Sie hätten das gleiche getan. Sie hätten sich abgewendet von sich selbst und ihrem Verstand.

Infestatio – Teil II: Der Reiz des Verbotenen

Ich gestand recht freimütig, dass ich Verbrechen begangen habe. Störung der Totenruhe, wie sie es nennen, Einbruch, Landfriedensbruch, Vandalismus. Nennen Sie es, wie Sie es wollen – deswegen bin ich nicht hier.

Ich habe Karl getötet. Ja, ich habe ihm den Schädel eingeschlagen vor vielleicht drei Stunden. Deshalb bin ich hier und rede mit Ihnen. Ich will es gar nicht leugnen, denn gleichgültig, was Sie davon halten: Es war die edelste Tat, die ich je begangen habe.

Fortsperren werden Sie mich ja doch dafür, warum also abstreiten? Aber hören Sie sich wenigstens an, was ich zu sagen habe. Warum ich…Warum ich ihn getötet habe.

Nicht weil ich ihn gehasst hätte, weil ich eifersüchtig gewesen wäre. Sondern im Gegenteil weil ich ihn geliebt habe wie einen Bruder.Wem auch immer ich den Schädel zertrümmert habe, wessen Blut auch immer an meinen Händen klebt – es war nicht mein bester Freund. Nicht wirklich.

Der Reihe nach, ja.

Ich habe ihn nicht dort getötet, obwohl…obwohl das wahrscheinlich der Abend war, an dem es passierte. Dass er nicht mehr er selbst war, meine ich. Ich denke genau das war der Moment, in dem er befallen wurde von…von was auch immer ihn so verändert hat. Haben Sie einmal von Parasiten gehört? So ähnlich muss es gewesen sein. Wenn sich etwas in den Köpfen festsetzt und einen verändert. Vielleicht ein echter Organismus, eine kleine Kreatur, die das Innere zersetzt. Vielleicht nur ein Gedanke, eine Besessenheit, die einen nicht los lässt, die alles andere beiseite schiebt. Wissen Sie, wie das ist, wenn man nicht wirklich ‚man selbst‘ ist, ‚außer sich‘ gerät?

Bei ihm genau wie bei mir war das der Fall.

Ich weiß nicht mehr, was wir dort weiter getan haben. Es ist ein einziger Dunst in meinem Kopf, was die restliche Nacht angeht. Ein Dunst, in den ich nie blicke, dessen Schemen ich nie interpretieren will. Sie haben den Film, wenn es sie wirklich interessiert, und das restliche Material, das ich in den folgenden Tagen wie im Fieber weg geschnitten habe. Sie werden alles in meinem Zimmer finden, in der kleinen Sicherheitsbox unter meinem Bett. Sie können sich selbst ein Bild von dieser Nacht machen und noch von einigen weiteren, wenn sie es wirklich wollen…

Vielleicht hatten wir irgendetwas gefunden in diesem Grab, vielleicht haben diese Dämpfe, die aus dem Sarg entwichen, irgendetwas mit uns angestellt. Ich habe überzeugende Argumente gehört, dass…

Bestimmte Speisen, wissen Sie, zersetzen den menschlichen Geist. Völlig unabhängig davon, ob sie verseucht sind oder nicht. Der Konsum bestimmten Fleisches etwa, gewisse widernatürliche Gewohnheiten könenn schon bei Kühen etwa Irrsinn hervorrufen. Zerlöchern Ihnen das Hirn. Vielleicht ist es bei Menschen ähnlich.

Wir hatten unser Videomaterial, mehr als wir je gehofft hatten oder gefürchtet. Das Schneiden blieb an mir hängen. Eigentlich alles blieb an mir hängen, Karl schien in der nächsten Zeit wenig Lust daran zu haben. Ich hatte mich daran gewöhnt, so war er immer nach einem größeren Projekt. Er war der Visionär, der Künstler, wissen Sie? Ich war der Techniker. Der Mann mit der Kamera und dem Tongerät.

Karl und ich hatten uns vor dem Studium bereits gekannt, müssen Sie wissen. Ein paar Jahre schon waren wir Freunde, und irgendwann einmal hatten wir entdeckt, dass wir gewisse Neigungen und Vorlieben teilten. Wir fühlten uns nicht nur zueinander hingezogen, wir waren ein Team, verstehen Sie? Wir arbeiteten zusammen besser als alleine. Nichts von diesem Vervollständigungsunsinn. Er vervollständigte mich nicht. Aber wir verbesserten uns gegenseitig. Er hatte eine grandiose Ideen. Für Filme, für Bilder – selbst für Gefühle, die wir auf Film brennen konnten. Und ich war gut mit den Details. Er war ein interessanter Mensch. Einer von denen, die immer auf dem Weg irgendwo hin sind. Auf dem Weg zu Größe oder interessanten Projekten. Einer, dem man gerne hinterher lief…

Also waren wir zusammen gezogen irgendwann, in eine bescheidenen Wohnung am Stadtrand, unweit der alten Bahnstation und eines Wäldchens. Eine WG, eigentlich, abgesehen von ein paar Kleinigkeiten.

Sex? Seien Sie nicht albern. Es kann sein, dass wir Sex hatten. Kann sein, dass nicht oder wenigstens ebenso oft mit anderen Frauen und Männern. Dieser primitive, tierische Akt verdient es nicht, abartig genannt zu werden. Wenn Sie gesehen hätten, was ich gesehen habe, wenn Sie wüssten, was in der Nacht…Sie wären vorsichtiger mit solch strengen Ausdrücken, wenn Sie etwas wirklich abartiges gesehen hätten in ihrem Leben.

Ja, wir waren so etwas wie Liebhaber in dieser Zeit, wenn es das ist, was Sie wissen wollten. Wir alle, nicht nur Karl und ich. Aber davon sprach ich nicht. Ein solches Verhältnis ist in der Tat nichts ungewöhnliches. Sobald man nur einmal einen kleinen Schritt aus diesem kleingeistigen Verlies heraus tut, das Sie, werter Herr, ‚Anstand‘ schimpfen, verliert dieses Tabu vieles seiner Bedeutung.

Unsere Wohnung jedenfalls war klein, zwei Zimmerchen und eine größere Küche mit Couch und allerlei Sitzgelegenheiten. Sie befand sich in einem etwas ältere Haus, das aber nicht weiter bemerkenswert war. Einzig, dass viele Studenten darin wohnten, auch viele unserer Freunde und Kollegen aus der Akademie – soweit, wie man das eben sagen kann. Nur diejenigen nicht, die uns überhaupt mit Marie bekannt gemacht hatten, sie wohnten…weiß Gott wo, irgendwo in einer anderen der tausenden Studentenwohnungen der Stadt.

Aber es war ein lebhaftes Haus, in dem immer Bewegung war, immer Musik und Tanz und Gelächter aus irgendeinem der Fenster auf den Hof schallte.

Marie gefiel es dort nicht, wann immer sie bei uns war.

Ja, natürlich hielt sie Kontakt. Oder wir hielten Ihn, ich weiß nicht mehr. Natürlich war ich wohl entsetzt und angewidert von dem, was wir getan hatten. Aber ich hatte es genau so getan, nicht? Ich steckte mit drin. Und ich meinte es durchaus ernst, als ich von einem Fieber sprach. Von einer Besessenheit, die für einige Zeit in mir brannte.

Oh, wie süß sie war, wie liebevoll sie sich um uns beide kümmerte. Dieses verrottete Herz unserer kleinen Truppe, das uns zu immer niederen Tiefen des Abscheus antrieb, das dieses Fieber weiter durch unsere Adern pumpte und uns wie im Taumel…

Ja. Ja, vielleicht war es Eifersucht. Und wenn es so gewesen wäre? Womöglich war ich eifersüchtig, dass er mit dieser Hexe, die sich in unser Leben geschlichen hatte, so viel mehr umging als mit mir. Dass diese…diese…dass Sie ihm Dinge zuflüsterte und ihn zu Taten trieb, die ich verabscheute und die ich doch imitierte, nur um ihn nicht zu verlieren. Um ihm nicht fremd zu werden.

Ich muss aber auch ehrlich sein mit Ihnen. Ich weiß nicht, wie viel von diesen Worten durch letzten Stunden verursacht wurde. Wie viel von dieser Abneigung jetzt erst sich bildet und alles befleckt, was mit ihr zu tun hatte.

Ich habe diese Dinge ja doch getan, ohne Reue, ohne Zögern. Selbst jetzt noch überkommt mich ein schauriges Gefühl, wenn ich daran denke. Selbst jetzt noch regt sich etwas in mir, ganz tief, das sich an diesen Abscheulichkeiten ergötzt. Die selbe Art von Gier, die mich die Kamera bedienen ließ, während wir es taten. Die alle diese Nächte wie Erinnerungsstücken unter meinem Bett aufbewahrt hatte, auf Kassetten gebrannt und für die Ewigkeit haltbar gemacht.

Karl hatte eine morbide Ader. Er war…leicht zu faszinieren von allem, was düster war und unheilsschwanger. Marie hatte wohl leichtes Spiel damit, ihn tiefer in diese Abgründe zu ziehen, in denen sie sich suhlte. Auch bei mir muss es nicht so schwer gewesen sein, denn ich habe mich recht bereitwillig gefügt. Ich bin ihnen nachgesprungen.

Blicken sie mich nicht so verurteilend an. Ja, ich habe ein Grab geschändet – und? Sie haben ja keine Ahnung, was genau Sie da verurteilen. Nicht den leisesten Schimmer, wovon ich überhaupt spreche, wenn ich Ihnen von Marie erzähle und den Dingen, die ich sie sagen hörte. Sie machen sich keine Vorstellung von den Ideen, die sie in den Kopf meines besten Freundes einpflanzte, wozu Sie ihn trieb.

Reden Sie sich ein, ich wäre das Monster hier, wenn Sie dann besser schlafen. Aber maßen Sie sich nicht an, über mich zu urteilen, bevor Sie nicht alles gesehen haben. Wenn Ihre Kollegen mit der Durchsuchung meiner Wohnung fertig sind – ich nehme an, Sie haben das mittlerweile angeordnet? Immerhin sind es sicher schon einige Stunden, seit ich in Ihr Präsidium kam, nicht?

Wenn sie das Material gesehen haben, das Ihre Kollegen Ihnen bringen werden, dann können Sie mich ein Monster schimpfen. Ich habe Dinge gesehen in den letzten Monaten, Dinge getan, nur um meinem Freund noch zu gefallen und der Hexe, mit der er…

Beweise? Beweise wollen Sie, dass ich kein stammelnder Irrer bin?
Öffnen Sie die Gräber der Herren von Junzt, das Mausoleum Wormius‘ oder das derer von Löwenstern und Sie werden Ihre Beweise dort finden. Die faulige Erde, die noch nass sein wird von Blut und Körpersäften, ist Ihr Beweis. Das Kerzenwachs auf den Särgen und die Dinge, die wir daraus entnommen haben. Der erstaunliche und unmöglich erhaltene Zustand der Kadaver ist Ihr Beweis, das Fleisch auf ihren Knochen und der weiche, anklagende Blick seit langem verstorbener Augen ist ihr verdammter Beweis!

Wollen Sie wissen, warum Sie einige der Grüfte leer finden werden? Interessiert es Sie wirklich, was wir mit ihren Leibern taten, was für unaussprechliche Dinge ich den hohlen Augen von Friedrich von J. angetan, welche Abscheulichkeiten wir in den dunklen, kühlen Grüften getrieben haben?

Ha! Und Sie suchen nach dem Schädel eines Filmkünstlers! Als ob dieser Mann…

Ja, ich habe unaussprechliche Dinge getan. Sperren Sie mich dafür ein, wenn Sie es wünschen, es ist mir gleich. Aber suchen Sie Marie, um Himmels Willen. Sie war…Sie hatte…

Nein, ich streite nicht ab, dass ich diese Dinge selbst getan habe, vielleicht aus freiem Willen, vielleicht in einem Rausch der Lust und der Geilheit, angestachelt von einer Rivalität oder der Eifersucht oder auch einem Anfall von Wahnsinn. Vielleicht von allen diesen Dingen. Schließen Sie mich dafür weg, wenn Sie wollen, denn ich streite nichts davon ab.

Verzeihen Sie.

Erneut bin ich voran geeilt, habe Sie verschreckt, wie ich sehe. Bitte: Wenden Sie sich nicht ab. Ich bin nicht hierher gekommen, um zu prahlen oder zu verstören. Vielmehr ist dies mein Geständnis, nicht? Ja, mein Mordgeständnis, wenn sie das wollen. Karl Längenfeld ist tot, ich habe ihn getötet. Er liegt in meiner…unserer Wohnung mit eingeschlagenem Schädel. Aber ich wünsche, zu erklären. Ich wünsche, Ihnen zu sagen, dass – gleich, was mit mir geschieht – das nicht alles war. Dass ich ihn nicht aus einer Laune heraus erschlagen, sondern Wochen darüber darüber nachgedacht habe.

Ich möchte…ich möchte, dass Sie verstehen, warum ich es getan habe. Warum es nötig war. Und wenn es Mord gewesen ist? Was dann? Kann nicht ein Tyrannenmord auch eine Heldentat sein? Seien sie kein Narr.

Marie veränderte etwas. Nicht nur zwischen uns. Es war etwas, das nicht allein durch eine Eifersucht zu erklären gewesen wäre. Sie veränderte uns, irgendwie. Ich beteiligte mich damals ohne Scham an ihren Abenteuern. Um Karl nicht zu verlieren, natürlich, auch das. Aber auch, weil es mir gefiel. So ehrlich muss ich sein zu mir. Es befriedigte ein groteskes Verlangen in mir das Ihnen vielleicht kaum bekannt sein dürfte.

Sie wissen kaum, was ich meine. Dieses Bedürfniss nach einer Atmosphäre des bedrückenden, des verzerrten und entstellten. Irgendetwas, das einem zum fühlen brachte in dieser geistlosen Welt.

Vielleicht waren es auch nur die schnellen Reize des Verbotenen, die uns dazu antrieben, aus unserem Alltagstrott auszubrechen. Vielleicht war Marie nur ein schnellerer Ausweg daraus gewesen.

Ich glaube nicht an die Ruhe der Toten, das sagte ich bereits. Heute glaube ich noch weniger daran. Was mich schockiert hatte, damals, in jener ersten Nacht, war – glaube ich – die Intimität des Augenblicks. Wie leicht und wie schnell wir uns an einem Mann vergingen, der uns tatsächlich etwas bedeutete. All die anderen Namen – Wormius, Junzt und Löwenstern – die sagten mir nichts, bedeuteten mir noch weniger. Damals nicht jedenfalls. Damals waren es schlicht Grabmäler für mich, an denen ich meine Lust am Morbiden befriedigte.

Karl war eifriger dabei, sich hinein zu stürzen, als ich. Ohnehin begann er rasch eine Beziehung mit Marie und ich folgte nur seinetwegen nach…

Ich habe ihn nicht deswegen getötet, nehmen Sie das bitte zu Protokoll. Ich lege wert darauf, dass sie meine Tat nicht als eine emotionale Wut missverstehen.

Sie war oft bei uns. Marie meine ich. So oft eigentlich, dass es mir schwer fällt, mir unsere Wohnung ohne sie zu vorzustellen. Noch der Geruch unserer Wohnung ist von ihr durchsetzt, von diesem süßlichen Geruch nach Erde und Moos. In meiner Erinnerung ist er untrennbar damit verbunden. Es fällt mir sogar schwer, mich an die ersten Jahre unseres gemeinsamen Lebens zu erinnern und Marie nicht dort hinein zu lügen.

Ich denke nicht, dass sie wirklich eine eigene Bleibe hatte, eine eigene Wohnung oder ein Haus.. Es gab natürlich Nächte, in denen sie nicht bei uns schlief, in denen Sie ausging und für einige Tage fort blieb. Ich glaube aber nicht, dass sie in diesen Zeiten in ihre eigene Wohnung zurückkehrte. Sie wird zu diesen Zeiten andere Männer getroffen haben, vielleicht auch Frauen. Weiß Gott, ich habe sie nie gefragt. Vielleicht hatte ich Angst davor, von ihr einen Namen zu erfahren, der mich heute noch

Ich bin nicht dumm, nur wissentlich ignorant gegenüber manchen Dingen. Wohin Marie verschwand, mit wem sie sich traf – das war und ist eine dieser Dinge, über die ich nicht nachdenken möchte. Ich will nicht wissen, wohin sie ging, mit wem sie sprach. Ob sie von anderen diese Dinge gelernt hatte, zu denen sie uns anhielt…

An allen anderen Tagen lebte sie bei uns und ich für meinen Teil tat mein bestes so zu tun, als wäre es jeder Tag.

Ich zittere beim Gedanken, dass wahr sein könnte, was Karl mir später von ihr erzählt hat. Ich fürchte mich davor, was sie womöglich während dieser Zeit getan hat.

Nichts, hoffe ich, oder vielleicht bloße Rumhurerei.

Allein dass Karl mit ihr ging irgendwann, dass sie mich beide zurück ließen, um…um was auch immer zu tun. Um Dinge zu tun, die sie selbst mit mir nicht teilen wollten – allein das lässt mich an der Falschheit von Karls Worten zweifeln.

Allein deswegen habe ich ihn umgebracht.

Infestatio – Teil I: Kopf verloren

Auszug aus dem Protokoll zur Vernahme von Friedrich Andersen

Sie müssen mir glauben, hören Sie? Sehen sie das Blut an meinen Händen, auf meiner Kleidung? Ich bin es, den sie suchen und ich liefere mich Ihnen aus für meine gerechte Strafe. Nein, nicht wegen dieses verdammten Schädels. Ich habe es Ihnen schon einmal gesagt: Mir ist gleichgültig, was damit geschehen ist. Ich habe mich Ihnen nicht gestellt, um über Banalitäten wie Grabraub zu plaudern. Ich habe ihn nicht, habe ihn nie besessen, und ich lege keinen Wert darauf, von seinem Verbleib zu erfahren.

Ja, wir haben uns wie Diebe auf den Friedhof geschlichen etwa zu dieser Zeit. Ja, Himmel, wir haben auch das verdammte Grab aufgebrochen, von dem die Zeitungen in diesen Wochen so besessen waren. Bestrafen Sie mich meinetwegen dafür, sperren sie mich fort.

Nichts von dem, was sie mir antun könnten, kommt dem gleich, was ich gesehen habe. Damals in dieser kalten Gruft und später.

Haben Sie das Video gesehen, das wir gemacht haben? Unser kleines Kunstprojekt, jedenfalls war es das einmal? Hat es auf sie den Eindruck gemacht, wir wären Grabräuber? Ich hoffe nicht. Wir verehrten diesen Mann und waren dort, um uns ein Bild zu machen. Um wortwörtlich seinen Geist einzufangen auf ein wenig Videomaterial.

Aber das ist nicht, was wirklich von Interesse ist. Ich habe mich nicht wegen Mordes gestellt, um Ihnen von gestohlenen Relikten zu erzählen. Ich sage es Ihnen ein letztes Mal, was ich Ihren Kollegen schon gesagt habe: Ich habe diesen Schädel nicht. Fragen Sie Marie, wenn sie Ihn finden wollen. Weiß Gott, wie sie mit Nachnamen heißt. Ich kannte sie als Marie. Möglich, dass auch das eine Lüge war.

Der Reihe nach…wie Sie wollen.

Wir sind auf dem Friedhof eingestiegen, ich sagte es bereits. Am 6. Juli, da haben wir sie auch kennengelernt. Sie wissen, dass wir Film studieren, Karl und ich? Studiert haben, meine ich. An der Filmakademie Babelsberg, das ist korrekt.

Allein deswegen sind wir eingebrochen: Um einen Film zu drehen. Nein, nicht was sie denken.

Dieser Film war gewissermaßen der Auslöser dieser ganzen Sache, wenn auch am Ende recht bedeutungslos. Ein gewagtes Stück Dokumentation für die werten Herren Professoren, die Spielerei von Kindern für Marie.

Sie wissen, wer der Herr war, nach dessen Schädel sie suchen. Selbst einer wie sie wird ihn kennen. Einer der bedeutendsten Filmemacher seiner Zeit, ein Genius der düsteren Stimmung; der Autor des ‚Nosferatu‘. Wir wollten schlicht und unschuldig sein Andenken ehren und etwas Authentizität in unser kleines Filmchen bringen. Ein wenig echte Atmosphäre einfangen mit dem Nebel zwischen den Tannen und seinem Grab.

Wir hatten dieses Projekt schon vor einiger Zeit begonnen, Karl und ich, und wollten es mit einigen Originalaufnahmen seines Grabes beenden.

Natürlich musste die Stimmung richtig sein. Es musste Abend sein, mit einer gewissen melancholischen Atmosphäre. Ein gewisser Duft musste die Bilder durchziehen. Uns blieb nichts anderes übrig, als außerhalb der offiziellen Zeiten vorbei zu kommen, wenn alles geschlossen war und wir unsere Ruhe hatten. Der legale Weg – sie kennen ihn mit all seinen Anfragen und Bescheinigungen und Erlaubnissen – gestaltete sich zu teuer, zu langwierig und vor allem mit zu vielen Auflagen verbunden.

Marie kam ins Spiel als eine Art…private Führung, die diese Auflagen umgehen konnte.

Wir kannten sie damals flüchtig über den Freund eines Freundes eines Bekannten – man hatte sich irgendwann einmal gesehen. Ein gemeinsamer Freund hatte von unserem Filmprojekt gewusst und uns ans Herz gelegt, einmal mit Marie darüber zu reden. Sie hätte ein makaberes Gespür, kenne sich in der Gegend aus und außerdem – so flüsterte man – treibe sie sich öfters mit verschiedenen Gruppen dort herum.

Der Friedhof ist, wie sie wissen, gigantisch und nur in wenigen Gegenden kartographiert. Der Wald alleine ist einer der größten Parks der Gegend und wächst seit einigen hundert Jahren ohne nennenswerte Aufsicht vor sich hin. In den fünfzigern gab es einige Versuche, der verwilderten Anlage Herr zu werden, die aber rasch aufgegeben worden sind. Mittlerweile bin ich geneigt, es beabsichtigte Vernachlässigung zu nennen, dass er dermaßen vor sich hin wuchert und Gräber verloren gehen…aber ich will nicht vorgreifen.

Wir wollten uns nicht verlaufen, also baten wir Marie, uns zur Hand zu gehen, den Weg zu zeigen und sicher zu gehen, dass wir keine Spuren hinterließen. Teile der Anlage hatten wir schon tagsüber ausgekundschaftet und uns ebenso rasch verlaufen. Sie umfasst mehrere hundert Hektar Fläche, ungepflegte Wege, überwucherte Pfade und mehrere kleinere Wälder. Versuchen Sie einmal nachts ihren Weg dort zu finden und Sie werden rasch feststellen, dass Sie sich bald verlaufen haben.

Ein, zwei Mal haben wir uns vorher mit Marie getroffen, nur um den gröbsten Ablauf zu besprechen. Ein flüchtiger Abend, der sich rasch im Zigarettenrauch auflöste.

Sie machte den Eindruck einer pragmatischen Frau auf mich. Keines dieser Püppchen, die gerne abgehoben spielen oder sich an Träumereien aufhalten. Ihre Kleidung war handfest – schwere Stiefel, dicke Hose, ein schwarzes TankTop – und ihr Outfit auf Arbeit ausgelegt. Ihre braunen, matten Haare waren zu einem losen Zopf geflochten, der ihr zwischen die Schulterblätter hing.

Sie willigte ohne größere Verhandlungen ein, uns bis zum Grab zu bringen und deutete sogar an, dass sie uns hinein bringen könnte. Dass es ihr nicht schwer fallen würde, einen Schlüssel zu besorgen, um nicht nur das Denkmal, sondern die Gruft selbst für uns zu öffnen.

Als Bezahlung verlangte sie neben einer Kopie unseres Films nur eine bescheidene Sache:

Dass wir ihr vom Leben der Person berichteten, die wir aufsuchen wollten. Die Erfahrungen seines Lebens, sagte sie, würden ihr genügen als Lohn. Sie wollte nichts weiter, als verstehen, wer dieser Mensch gewesen war und was ihn so bedeutsam machte für uns.

Eine Kleinigkeit, verglichen mit dem Aufwand und der Gefahr, fanden wir und willigten ein.

Hätte ich gewusst, warum sie diese Dinge forderte; hätte ich gewusst, wie viel Hinterlist und Bosheit in dieser unschuldigen Bitte steckte – ich wäre wohl zurück geschreckt. Selbst ohne dieses Wissen war ich wohl zurückhaltend gewesen, ängstlich.

Aber ich traue meinen Sinnen nicht mehr so recht, vertraue dem nicht, was ich sehe oder glaube gesehen zu haben. Möglich, dass ich bloß neugierig war und eingeschüchtert von ihr. Möglich, dass ich damals bereits…bereits erschlagen war von einer gewissen Zuneigung, als ob der Blitz in mich gefahren wäre.

Oh, Marie war süß. Sie war das süße, verdorbene Herz unserer kleinen Truppe. Ich würde lügen, würde ich etwas anderes behaupten oder leugnen, mich zu ihr hingezogen gefühlt zu haben. Denn das tat ich durchaus. Aber ich weiß nicht recht, wie ich dieses Gefühl beschreiben soll, das mich beim Anblick dieser blassen, hübschen Frau beschlich.

Natürlich war es Zuneigung, aber angereichert mit einer Art von Vorahnung – vielleicht auch nur ein späteres Erlebnis, das sich jetzt mit dieser früheren Erinnerung vermengt und sie besudelt. Etwa so, wie man vielleicht mit Schmerzen an die eine alte Liebe denkt.

Wie hätte ich auch etwas anderes fühlen können an diesem Abend? Sie verlangte nichts weiter von mir, als dass ich über meine liebsten Themen sprach; forderte von mir nur, dass ich ihr alles über einen Mann erzählte, den ich verehrte und wie er mich geformt hatte.

Und ich legte ihr bereitwillig mein Seelenleben offen.

Aber sie forderte. Sie bat nicht, sie feilschte nicht – es hätte keinen Moment gegeben während dieses Abends und auch die nächsten Wochen nicht, an dem ich mich ihr hätte widersetzen können. Sie entriss mir auch die peinlichsten Geständnisse noch, als wären wir seit langer Zeit innige Freunde gewesen.

Ich erinnere mich nicht mehr, wie der Abend ausging. Ich denke wohl, wir gingen einfach auseinander am frühen Morgen, irgendwann zwischen drei und sieben Uhr. Karl und ich trotteten wohl nach Hause. Vielleicht redeten wir miteinander, vielleicht redete auch nur Karl auf mich ein. Er war, wenn ich ehrlich bin, der echte Filmemacher unter uns. Es war seine Idee gewesen, diesen Film zu drehen. Jedenfalls ihn so zu drehen, wie wir ihn letzten Endes gedreht haben. Ich sage das nicht, um die Schuld von mir abzuwälzen, sondern ihm ihn zu ehren.

Ich erinnere mich an diesen frühen Morgen als den letzten unserer Jugend und womöglich auch unserer Freundschaft. Der letzte Sonnenaufgang, der uns unschuldig vorfand. Maries Fragen, ihr Interesse an uns, hatte ihn ebenso heiß laufen lassen, wie mich. Er erzählte von den Filmen, die er gesehen hatte, die ihn bewegt hatten, von den Vorhaben, die wir gemeinsam angingen und planten, ohne wirklich daran zu arbeiten. Von den, wie er es nannte, Schattenspielgedanken, die er in seinem Kopf hatte und mit mir auf Film bringen würde.

Sicher bin ich mir nicht mehr, so wie ich vieler Dinge nicht mehr sicher bin. Ich weiß nur, dass unser beider Gedanken nicht mehr nur auf unser Projekt unmittelbar vor uns gerichtet waren, dass sich etwas hinzu geschlichen hatte.

Als der Abend gekommen war, da wir unser Videomaterial sammeln wollten, trafen wir uns wie verabredet erst spät. Der Friedhof hatte bereits seit einer Stunde seine Tore geschlossen, aber die Abenddämmerung setzte gerade erst ein und tauchte die Bäume in das dünne Rot einer verblutenden Sonne. Genau der Moment auf den wir gehofft hatten.

Bis zu unserem ersten Ziel war es zwar nicht sehr weit, aber die einsetzende Dunkelheit und – ich gestehe – eine gewisse Lust daran, die Gegend zu genießen, ließen den Weg länger werden. Wir hatten auch keine Eile, sondern unterhielten uns freimütig über uns, über unsere Pläne, über die Schönheit der Gegend – über alles, nur nicht über unser Vorhaben. Als läge eine Art von Tabu darüber, das wir nicht brechen wollten. Als verbiete die Idylle selbst es gewissermaßen.

Lachen sie nur! Haben Sie nie ein Gespür für Heiligkeit gehabt, eine dünne, flüchtige Ahnung, sich in der Gegenwart von etwas größerem zu befinden? So war es in diesen Augenblicken für uns, als wir durch die knorrigen Laubbäume spazierten, mit unseren Taschen an der Seite und die Gedanken nur auf das vor uns liegende gerichtet.

Wir fühlten uns beobachtet – das heißt: Ich fühlte es. Ich kann nur annehmen, dass es Karl ebenso ging. Was Marie dachte in diesen Minuten will ich nicht einmal mutmaßen.

Als wir ankamen, war die Sonne bereits zu einem guten Teil verschwunden. Nur ein dünnes, rotes Band am Horizont deutete noch die Existenz einer Welt jenseits der kleinen Lichtung an. Eine Welt, die nicht aus rauschendem Geäst bestand.

Das Grabmal war erstaunlich schlicht.Zwar hatten wir Bilder davon gesehen…Aber trotzdem hatten wir ein Mausoleum erwartet, so ein romantisches Ding, wissen Sie? Groß, mit vielen Säulen und Fresken und all den grässlichen Motiven seiner Filme ausgestattet hatte ich es mir vor gestellt. Ein Sammelsurium des Misratenen, Unseligen und Erbärmlichen, mehr das Zerrbild einer Grabstätte.

Stattdessen fanden wir drei einfache Betonplatten vor, von denen zwei seinen Brüdern mit anderen Namen gewidmet waren. Der einzige Schmuck war eine Büste auf der mittleren Platte, die etwa doppelt so hoch wie die anderen war. Die Namen und Daten waren in eisernen Lettern angebracht, aber sonst wies nichts hier auf sein Lebenswerk hin. Der Mann und seine letzte Ruhestätte hatten kaum etwas miteinander gemein.

„Der Eingang ist auf der Rückseite“, sagte Marie.

Sie hatte unsere – meine – Enttäuschung wohl bemerkt. So ein Lächeln lag auf ihren Lippen. Ich mag vieles vergessen haben, noch mehr mit voller Absicht aus meiner Erinnerung verdrängt haben, aber dieses Lächeln werde ich nie vergessen.

So kalt. So kalt und hinterhältig und gleichzeitig so verheißungsvoll, als sie uns mit dem Versprechen lockte, bald mehr zu sehen.

Ich glaubte ihre Augen auf mir liegen zu spüren, als ich die schmale Treppe hinunter stieg, die auf der Rückseite auf uns wartete.

Marie brachte einen Schlüssel hervor. Ein schmales, eisernes Ding, das in die Sicherheitstür passte, die uns unten erwartete. Karl blickte sie neugierig an, sagte aber nichts. Ich sah ihm an, was er wissen wollte, und fragte an seiner statt.

Eine vernünftige Antwort erhielt ich nicht. Sie treibe sich hier eben öfter herum, erklärte sie, und habe für genau solche speziellen Begebenheiten den ein oder anderen Trick vorbereitet.

Innen wie außen schon war das Grab schlicht, langweilig. Eine einfache, gemauerte Grabkammer, an deren Wänden die Spinnweben und der Staub sich dick übereinander lagerten. Darin drei identisch wirkende Zinksärge. Groß, schwer und klotzig. Es war keine Eleganz in dem gebogenen Blech, keine Schönheit in den glattpolierten Oberflächen. Ein metallischer, langweiliger Kasten bewahrte einen der größten Geister des letzten Jahrhunderts auf.

Ich war enttäuscht, recht verständlich, wie ich meine. Es mag sein, dass ihnen das Morbide und Groteske abgeht – um die Wahrheit zu sagen: Bisweilen fühle selbst ich mich davon abgestoßen, von diesem unbedingten Drang, irgendeine abcheuliche Reaktion hervorrufen zu wollen mit den billigsten Effekten.

Selbst, wenn sie mich für einen Verbrecher halten – was ihr Recht ist, denke ich, auch wenn sie nach meinem Geständnis verstehen werden, dass ich keineswegs ein Verbrechen begangen habe, als ich meinem Freund den Schädel einschlug.

Aber in diesem Moment, da ich in die Gruft hinunter stieg, um meinem Idol die letzte Ehre zu erweisen, verspürte ich nur Enttäusschung. Ein Gefühl, das Ihnen gut bekannt sein müsste. Tage hatte ich diesem Moment entgegen gefiebert, vielleicht Wochen. Seit die Idee zu diesem kleinen Projekt mit Karl ausgebrütet worden war, seit wir uns langsam darauf vorbereitet hatten, diese Tat zu begehen, hatten wir uns diesen Augenblick vorgestellt.

Und da war er nun: Schmucklos, unaufregend. Schlimmer noch – langweilig.

Mich traf es vielleicht schwerer als Karl. Ich fühlte gar nichts in diesem Moment, nicht…nicht soweit ich mich klar erinnern kann. Es ist möglich, dass…

Sehen sie: Gefühle sind keine eindeutige Sache. Sie vermischen sich mit der Umgebung, mit den ihnen vorangehenden und nachfolgenden Stimmungen und Bildern. Niemand fühlt zu irgendeinem Zeitpunkt nur eine einzige Sache – vielmehr überlagern sie sich, insbesondere in der Erinnerung verwischen sie wie feuchte Farbe.

Genau das war überhaupt erst der Grund, warum wir diese Aufnahmen machen wollten, warum es dort sein musste, in dieser Gruft und nirgendwo anders: Wir wollten diese Gefühle des Grabes übernehmen.

Es ist möglich, dass sich in meiner Erinnerung die nachfolgenden Tage darüber legten. Dass ich in Wahrheit nichts spürte in diesem Augenblick, dass ich nur abgelenkt war von Marie, die noch an der Tür lauerte und uns mit schmutzigem Blick beobachtete, jede unsere Reaktionen abschätzte.

Ich bilde mir gerne ein, dass ich aufmerksam war. Dass ich doch etwas von dem kommenden ahnte, dass es nur verdeckt war von meiner Enttäuschung, von der Langweiligkeit mit der dieser Meister der Vergangenheit überantwortet worden war.

Karl schien dagegen nichts von dieser Ahnung mitzubekommen. Er war auch nicht begeistert von der Banalität der Gruft, schien sich aber mit der Anwesenheit der Särge darüber hinweg zu trösten.

Mit raschen Schritten ging er nach vorne, ließ seine Tasche von der Schulter gleiten. Seine Hände legten sich fast ehrfürchtig auf den Sarg in der Mitte. Er konnte kaum wissen, welches der richtige war – es gab keine Plaketten, keine Gravuren oder ähnliches auf dem Deckel – und dennoch schien er fest davon überzeugt, derjenige in der Mitte wäre derjenige, in dem unser Vorbild lag.

In meiner Erinnerung stelle ich mir die Szene anders vor, als sie wirklich gewesen ist.

Da stehe ich neben mir, am Rand der Gruft, und sehe mich die Taschenlampe aus meiner Tasche hervor holen, damit es nicht so verflucht dunkel ist da unten.

Da sehe ich Karl das Blech streicheln, mit so einem schiefen Lächeln auf den Lippen, und sehe Marie sich uns langsam nähern.

In meiner Erinnerung stehe ich weiter weg von den beiden, bin distanzierter, als ich es wirklich war, und beobachte sie aus einigen Metern Abstand. Da höre ich nicht, wie sie eine Hand auf Karls legt und diese Worte flüstert, die mir noch heute Schauer über den Rücken jagen, obwohl sie harmlos verblassen neben den Dingen, die wir später noch getan haben.

Die ich später getan habe, nur um meine Freundschaft am Leben zu erhalten.

In meiner Erinnerung wende ich mich ab von ihnen und auch von mir, die wir uns an diesem Grab vergehen für ein paar Bilder, nur für den Nervenkitzel, von Angesicht zu Angesicht…

Ich habe ihn damals nicht getötet. Ganz sicher nicht in dieser Nacht. Ich war schockiert, ja. Ich war angewidert davon, mit welchem Eifer er und Marie den Sarg öffneten, wie schnell sie mit Hammer und Meißel das Blech aufrissen und die Dämpfe entweichen ließen, die sich dort in fast achtzig Jahren angesammelt hatten.

Aber ich tat damals nichts. Vielleicht hätte ich es tun sollen und damals und dort beenden.

In meiner Erinnerung bilde ich mir gerne ein, dass ich mich distanziert hätte, dass ich mit Abscheu und Einsprüchen nur zugesehen hätte, wie sie das Grab dieses großartigen Mannes schändeten, nur um einen Blick in seine verfaulten Augen zu werfen.

Die Bilder und Videos, die sie in meinem Zimmer finden werden, entlarven diese Erinnerung als Wunsch. Selbst der Film, den wir wenige Tage später fertigt stellten und zum Entsetzen der werten Herren Kleingeister, diesen angeblichen Professoren der Künste, einreichten, straft diesen Wunsch Lügen. Nur wenige der Bilder darin stammen aus dieser Nacht, sind in diesen Augenblicken entstanden. Meine Hand führte die Kamera, seine die Brechstange.

Und dennoch sind sie der eindeutige Beweis, dass ich mich daran beteiligt…

Meinetwegen verklagen sie mich deswegen und nicht wegen des Mordes. Ich habe ein Grab geschändet – hah! Sie sind ein Kleingeist, wenn das ihre größte Sorge ist. Störung der Totenruhe…Wenn sie denn wenigstens ruhen würden! Aber nein, nein. Das tun sie selten, nicht einmal in meiner Erinnerung.

Bild eines Lebens – Teil III: Die Stimme meiner Träume

An diesem Tag habe ich nicht viel geschlafen. Gar nicht eigentlich, wie die nächsten auch nicht.

Aufregung war nicht der Grund gewesen, Nervosität auch nicht. Ich war todmüde nach dieser Nacht, ein großer Teil der Anspannung war schon während der Arbeit von mir abgefallen. Als wäre ich…als wäre ich völlig in meiner Arbeit aufgegangen, nicht mehr ich selbst und hätte alles hinter mir gelassen.

Alles außer dieses Bild.

Mehr als sieben Stunden hatte ich Franky den ersten Teil des Tattoos auf die Brust gebracht, schneller und konzentrierter als ich je zuvor oder seitdem wieder gearbeitet hätte. Meine Körper und mein Verstand waren einfach nur erschöpft, alles war zäh und langsam. Aber diese Unruhe, dieser gedankenlose Zwang, das Bild zu machen, der war mit dem ersten Licht des Morgens zusammen verschwunden.

Zusammen mit Francesco, der sich eilig die Lederjacke übergeworfen und mir meinen Antel für die Nacht gegeben hatte, ehe er sich mit der Zeichnung unter dem Arm in die noch dunstigen Straßen aufmachte, war meine Aufregung verschwunden.

Diese Ekstase war also weg, ich war eine ausgebrannte Hülle. Müde und erschlagen war von mir, meinen eigenen Gedanken, nichts weiter übrig. Alles war in diese ersten Teile des Bildes geflossen.

Trotzdem schlief ich nicht.

Oh, ich träumte schon. Aber ich schlief nicht wirklich.

Schlaf würde ich es jedenfalls nicht nennen. Eine tiefe Ohnmacht mehr noch oder Bewusstlosigkeit. Es war, als hätte mir jemand einfach das Licht ausgeschaltet und die Türen meines Unterbewusstseins aufgestoßen. Ich hatte Franky aus meinem Appartement befördert und war augenblicklich auf der Couch niedergesunken, wie vom Schlag getroffen.

Hast du dich jemals bis zur Ermüdung geschunden? Bis zu diesem Moment, wenn nicht nur alle deine Muskeln sich steif und schmerzhaft anfühlen, sondern sogar dein Verstand aufgibt? Wenn jeder einzelne Gedanke sich auflöst und in seine Einzelteile zerfällt. Wenn da nur noch das vage Konzept ‚Hunger‘ ist oder ‚Schlaf‘, weil dein Geist so überanstrengt ist, dass er nicht mehr in der Lage zu komplizierteren Formulierungen ist?

So fühlte ich mich damals, als ich auf meine Couch kroch. Da war einfach nichts mehr, das wirklich ‚Ich‘ gewesen wäre – nur eine Ansammlung unzusammenhängender Gedankenstücken und Bilder.

Ich kann nicht sagen, wovon ich in dieser ersten Nacht genau träumte. Es war nicht von den Bettlern oder dem Mann ohne Maske. Es war auch nicht von den zwei Sonnen, die sie auf Francescos Fleisch umringen würden oder die Symbole, die diese scheußlichen Worte bildeten, oder die schwarzen Sterne.

Es war lächerlich, komisch geradezu. Vier Tage und Nächte mittlerweile hatten mich diese Motive im Griff gehabt, hatten tiefer und fester Besitz von mir ergriffen als alles andere in meinem Leben. Selbst jetzt noch…selbst jetzt noch sehe ich es vor mir, wenn ich in unachtsamen Momenten die Augen schließe und ich schaudere, wenn ich zu lange in die dunklen Ecken der Stadt starre.

Aber damals, nach der ersten Nacht, die Franky bei mir war, beherrschte mich nicht das Bild. Ich weiß, dass ich in meinem…Schlaf – ich verabscheue dieses Wort tatsächlich, denn es hat nicht viel mit dieser Tortur gemein, die ich an diesen Tagen durchlebte – dass ich in meiner Ohnmacht an andere Orte ging, dass ich nicht in meinem Bett blieb, sondern an fremde und abscheuliche Orte reiste.

Möglich, dass ich mich irre. Möglich, dass ich mir den Geruch von Staub und Erde einbildete, den ich in meinen Haaren roch. Dass es die Reste der Träume waren, die aus verschütteten, nebligen Erinnerungen an einen halb-vergessenen Schlaf hervor krochen und versuchten, sich in mein Bewusstsein zu stehlen. Denkbar auch, dass ich mir den Dreck unter meinen Fingernägeln und die aufgeschürften Knie nur einbildete, dass es nicht mehr als mein übermüdeter Verstand und die Anstrengung der letzten Nacht waren, die ich in jedem Gelenk spürte.

Ich war erst gegen den Abend hin frei von diesen Gedanken, die sich an mich geklammert hatten. Möglich, dass ich damals schon den Verstand verloren habe, wäre vielleicht das beste.

Es war bereits gegen siebzehn Uhr, als ich wieder zu mir kam. Die Sonne stand niedrig am Himmel, verbrannte den Smog und die Abgase der Stadt in einem leuchtenden Orange – als stünde der Horizont über dem Häusermeer in Flammen. Ich trug noch meine Kleidung am Leib, musste mit ihr ins Bett gefallen sein. Sie war schmutzig und verschwitzt, ihr Geruch bereitete mir Übelkeit.

Für zwei Stunden fand ich keine Ruhe. Nichts beschäftigte mich länger als fünf bis zehn Minuten. Solange die Sonne noch am Himmel stand hatte alles für mich den Geschmack verloren, war mir fremd geworden. Es waren zwei Stunden, in denen ich mich unruhig durch meine Wohnung schleppte, duschte und mich mit Kaffee und nervösem Gelaufe ablenkte. Von mir selbst und allem anderen. Ich aß nicht viel an diesem Tag und auch am darauf folgenden nicht. Hatte einfach keinen Hunger. Tatsächlich fühlte ich nicht viel – selbst die Müdigkeit, die mich trotz des verschlafenen Tages überfallen hatte, verschwand nach einer Weile.

Auch das war kein Gefühl. Kein richtiges, echtes, das man irgendwie in sich besitzt. Viel mehr war es die Abwesenheit davon. So eine nervöse Anspannung, tief drinnen, wenn man nur weiß, dass etwas nicht länger da ist, was man sonst für selbstverständlich gehalten hatte.

Vielleicht so, wie es sich anfühlen muss, wenn man plötzlich taub wird oder geblendet von einem grellen Licht mitten in der Nacht. Man sieht nicht wirklich noch etwas, aber die Schemen und Schatten sind noch da, als eine Art schwacher Kopie der Wirklichkeit lügt man sie sich zusammen und glaubt daran, noch etwas zu sehen.

Ich würde ja sagen, dass es sich kalt angefühlt hat. Als hätte eine eisige Hand in meine Brust gegriffen und hätte mir alle Gefühle heraus gerissen und alle Gedanken, die ich für andere Dinge gehabt hatte.

Aber das beschreibt es nicht ganz. Das fasst diesen Druck auf der Brust und im Hals, der so unerklärlich alles andere beiseite schiebt außer den Gedanken an ihn selbst, nicht gut ein.

Das war es nämlich: Ein Gefühl von Furcht, das sich völlig unbestimmbar in mir ausbreitete, alles beiseite riss, was vorher dort gewesen war. Eine Furcht, die mich dazu antrieb, weiter zu arbeiten. Ich fürchtete, dass Franky nicht kommen würde.

Ich wollte weiter an dem Bild arbeiten. Ich musste es.

Zu meinem Erstaunen änderte sich nur wenig daran, als Franky endlich da war. Er war pünktlich, wie ich es eigentlich erwartet hätte. Obwohl wir keine feste Zeit ausgemacht hatten, kam er nur eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang zu mir, wie schon den Tag zuvor.

Dieses Gefühl in meiner Brust blieb, als er sich in mein privates Studio begab.

Ich fürchtete mich sogar, als Franky sich auf der Liege hinsetzte und seine Jacke öffnete. Ich gestehe es freimütig: Ich hatte Angst vor diesem halbfertigen Tattoo auf seiner Brust, hatte Angst davor es anzusehen. Angst war vernünftig. Angst hieß, ich hatte damals noch nicht den Verstand verloren. Das selbe Bild, das mich die Tage zuvor noch aufgepeitscht, angetrieben, hatte, ließ mich jetzt schaudern.

Als ich dieses Bild vor mir sah, die Teile davon jedenfalls, die ich bereits fertig hatte, überkam mich eine scharfe Abneigung dagegen. Ich wolltes nichts weiter, als davor fliehen; wollte Francesco sein Geld vor die Füße werfen und ihn fortjagen. Selbst dieses letzte Prinzip meiner Eitelkeit hätte ich noch brechen wollen, wenn es nur bedeutet hätte, dieses grauenhafte Bild nicht zu malen, bei dem sich die Erinnerungen an den Tag aus meinem Unterbewusstsein schlichen.

Irgendetwas regte sich bei diesem Anblick in mir. Etwas, auf das ich keinen Wert legte, das ich los werden wollte. Ein dunkles Gefühl wie von nassem Eichenlaub stieg in mir auf, der Geruch von noch kalter, feuchter Erde stieg mir wieder in die Nase.

Franky sah nicht gut aus. Damals hätte ich es schon ahnen können. Vielleicht hatte ich das sogar und hatte nur beschlossen, nicht auf mein Bauchgefühl zu hören. Vielleicht hatte ich geahnt, dass…dass was immer es war nicht gut war, nicht gesund, und hattte mich deswegen drei Tage lang gesträubt, bevor ich den Job annahm.

Er war blass um die Nase, wirkte etwas eingefallen. Nicht mehr nur hager und hungrig, sondern wirklich zusammen gesunken, als hätte auch er seit einiger Zeit weder gegessen noch geschlafen, als verzehre ihn irgendetwas von innen. Nur dieses Glühen in seinen Augen war noch da, dieses Glühen das darauf bestand, diese Tattowierung von mir zu bekommen und von keinem anderen.

Sein Fleisch hatte die Arbeit der letzten Stunden gut verkraftet. Viel besser, als es erlaubt gewesen wäre.

Der Mann hatte eine offene, frische Wunde auf dem Leib – dreißig mal dreißig Zentimeter im damals halbfertigen Zustand – und schien nichts davon zu spüren. Seine Haut war nicht einmal gerötet, der Verband mit Salbe darunter nicht einmal angeblutet oder rosa. Kaum etwas deutete darauf hin, dass das Tattoo gestern gemacht worden war – und nicht vor drei Wochen.

Meine Hand zitterte, als ich die zweite Ampulle mit Farbe von Francesco entgegen nahm.

Sie war genau wie die erste: Ein tiefes, tiefes Scharlach, das alles Licht zu fressen schien.

Im schwachen Neonlicht des Studios, neben Ihm und Mir, die wir beide kaum geschlafen hatten und kaum einen klaren Gedanken hatten, wirkte dieses Fläschchen wie das einzig wirklich lebendige Ding im Raum.

Die Art, wie sie sich bewegte, wie vielleicht mein nervöses Zittern sich auf die Flüssigkeit übertrug, sie dazu brachte, sich zu rühren und die dünnen Glaswände empor zu lecken, füllte mich mit Unbehagen. Ich wollte es nicht ansehen, wollte nicht daran denken, wo diese Farbe herkam, was es mit diesem dünn-metallischen, kaum verkennbaren Geruch auf sich hatte, der an den Pforten meines Unterbewustseins kratzte.

Ich habe gesagt, ich hätte etwas heiliges getan, als ich das Bild begann. Die Wahrheit ist: Ich bin mir heute nicht mehr sicher, was es genau war. Aber es war etwas unnatürliches. Dieses Bild…dieser Akt, das Bild aus der Zeichnung zu holen und auf Francescos Körper zu bringen, eins mit ihm werden zu lassen – das war keine menschliche Handlung. Das war Kunst, dabei bleibe ich.

Es lässt sich kaum beschreiben, wie es war. Wie es ist, sich völlig selbst aufzugeben im Dienst von etwas, das so viel wichtiger ist. Es muss wohl komisch klingen, aber dieses Bild war zeitlos. Zeitloser als ich oder als er, auf dessem vergänglichem Fleisch es aufgebracht war. Man muss es sehen, um es begreifen zu können.

Viele Einzelheiten dieser Nacht sind verloren für mich, irgendwie untergegangen in der Arbeit über diesem Bild. Vielleicht liegt es in irgendeiner Krypta meines Gedächtnisses begraben, vielleicht habe ich es verdrängt und will mich auch nur nicht daran erinnern. So, wie ich mich nicht an den Mann ohne Maske erinnern will, oder an die Zwillings-Sonnen, die ihn bescheinen.

Ich weiß, dass ich gearbeitet habe, so besessen wie in der Nacht davor. Dass ich sechs oder acht Stunden damit zubrachte, dieses Meisterwerk voran zu treiben.

Ich weiß, dass Francesco sehr still war in dieser Zeit und ich auch. An seinen gepressten Atem erinnere ich mich, der nichts mit den Schmerzen der Tättowiernadel zu tun gehabt hatte. An diese Geräusche von flacher und verängstigter Atmung.

Er ging noch vor dem Morgengrauen, drückte mir wieder ohne große Worte die Bezahlung für diese Nacht in die Hand. Vielleicht sagte er irgendetwas in die Richtung, dass wir uns am Abend wieder sehen würden oder so etwas. Ich weiß es nicht mehr.

Aber den Blick, den er mir zuwarf, den werde ich nie vergessen.

So ein Ausdruck war in seinen bernsteinfarbenen Augen, in denen das Glühen nur noch schwach da war, überschattet von der Müdigkeit der zweiten durchwachten Nacht. Ein Ausdruck wie von einem gejagten Tier, der das Heulen der Jäger hinter sich hört und seine Zeit gekommen weiß.

Ein Ausdruck wie von einem Mann, der auf sein Ende zugeht.

An die Träume dieses Tages erinnere ich mich. Nicht sehr deutlich und nur schemenhaft, aber auch das ist noch zu klar und zu viel. Ich muss gereist sein an einen anderen Ort, in eine andere Zeit. In meinem Kopf wenigstens, denn alles andere kann ich nicht beweisen. Vermuten kann ich es aber, denn wenn ich die Augen schließe, dann sehe ich noch heute diesen Abgrund vor mir.

Dann sehe ich diese Gewölbe, irgendwo tief unter den Fundamenten dieser Straßen, voller Schatten in denen irgendetwas lauert und nach mir greift. Dann sehe ich dieses alte Häuschen, das sich schief und mit gesenkten Brauen gegen die umgebende Straße bäumt. Das aussieht wie ein ketzerischer Tempel, den die Zeit noch nicht eingerissen hat. Dann sehe ich die alte Eiche im Garten dahinter und die…die Gruft darunter, in die ich mich verirrt hatte.

Ich hörte diese Stimme flüstern in meinen Träumen. Diese Stimme, die immer am Rand meines Bewusstseins lauerte, immer in den Augenwinkeln wie der flüchtig vorbei ziehende Schatten eines herabstoßenden Raubvogels. Die ich noch heute manchmal höre, wenn ich zu lange und zu tief in die Schatten zwischen den Häuserschluchten schaue.

Ich hörte sie, als ich dort auf den Knien im Dreck rutschte und mich in die Schatten drückte, um von Vater nicht bemerkt zu werden. Vater, der hinab gestiegen war in die Dunkelheit, um mich zurück zu lassen und sein Leben fort zu werfen. In jeder Faser meines Körpers hörte ich sie vibrieren, sich langsam wie der Staub und die Schatten vom Boden aufwirbeln. Ich hörte sie, als mein schmalen, kleinen Finger über das Messing wischten, noch mehr Staub aufwirbelten.

Ich hörte sie flüstern, während ich den alten Namen las, der dort auf diesem Portal in den Tartaros eingraviert war. Diese Tür aus getriebenem Messing, die in einem der Gewölbe unter unserem Haus lag, von uns vergessen und trotzdem mit unserem Leben beschützt. Ich hörte sie in meinem Kopf, ohne dass jemand in der Nähe etwas gesprochen hatte, als ich dort unter dem verfluchten Namen das Bild vor mir fand. Das selbe Bild, das ich in das Fleisch von Francesco brannte, starrte mich dort aus meinen Träumen an, als Siegel einer vergessenen und vergrabenen Gruft unter einer namenlosen Ruine.

„Befreie mich aus meinem Grab“, flüsterte sie, „und ich werde dich groß machen und alt jenseits deiner Jahre. Brenne dieses Siegel auf dein Herz.“

Wie am Abend zuvor erwachte ich mit dieser undeutlichen Furcht, wieder in schweißdurchtränkter Kleidung. Der Himmel über der Stadt brannte im Abendrot, in deutlich leuchtenden Farben.

Ich brauchte eine Weile, bis ich diese Gedanken abgeschüttelt hatte, bis eine heiße Dusche und ein doppelter Whisky vertrieben hatten, was ich für einen schlechten Traum hielt.

Francesco sah furchtbar aus, als er an diesem letzten Abend in mein Studio kam.

Seine Augen waren fast scharlachfarben, vollständig gerötet, mit entzündeten Stellen um seine braune Iris. Sie glühten zwar noch, aber fiebrig. Seine Haut war schlaf und hing von seinen Knochen herab, sein Griff feuchtkalt.
Es schien nicht, als hätte er in den letzten Tagen überhaupt geschlafen. Nicht, seit wir das Tattoo begonnen hatten.

„Alpträume“, sagte er, ohne zunächst genauer darauf einzugehen. „Die gleichen wie gestern.“
Als ich ihn fragte, ob er in ein paar Tagen weitermachen wollte, wurde er wütend.

„Heute Nacht noch“, verlangte er von mir, „Heute Nacht muss es fertig werden. Drei Tage und drei Nächte und nicht eine mehr.“

Ich hätte es wissen können. Damals hätte ich noch nein sagen können, hätte mich weigern können, weiter zu zeichnen. Hätte darauf bestehen können, dass er erst gesund werden müsste und ich erst dann weiterarbeiten würde.

Aber ich tat es nicht. Ich redete mir ein, ich könnte einen Fehler machen. Könnte vielleicht ein letztes der Symbole falsch ziehen, eine der wichtigen Konstellationen ändern, nur einen Grad zu schief, nur einen Millimeter zu lang oder zu kurz.

Ich redete mir ein, ich könnte – wenn ich nur einmal noch Hand anlegen könnte an dieses Wunder, dann könnte ich alles richtig machen. Alles gut werden lassen.

Aber ich tat es nicht.

Ich wollte dieses Bild machen. Ich musste. So, wie er es mir gezeigt hatte. Wie meine Träume es mir gezeigt hatten in aller Perfektion, in seiner grauenhaften Bedeutung.

Es wäre leicht zu sagen, dass es mich vervollständigen würde, dass es mir einen Sinn geben würde oder die Krone meines schöpferischen Talents gewesen wäre, dieses Meisterwerk zu vollenden.

Die Wahrheit ist einfacher, beschämender.

Als ich daran arbeitete, als ich die letzten Schliffe anbrachte, bekam ich Francesco zum Erzählen.

Und mit jedem Satz, den er sprach, wurde es mir unmöglicher, die Nadel beiseite zu legen. Mit jedem abscheulichen Wort aus meinem Mund – Worte, die ich weder hören noch verstehen wollte, die sich mir aufzwangen wie sich mir tags zuvor die Ohnmacht aufgezwungen hatte – gewann dieses Bild wieder mehr und mehr Macht über mich. Mit jedem Wort verlor ich mehr und mehr die Gewalt über meine Hände, die wie von selbt dieses Bild vollendeten. Als wollte das Bild fertig werden, als wäre es in seiner ganzen grausamen Logik notwendig, dass ich es vollendete und genau so, wie es sein musste.

Es mochte die Müdigkeit der letzten drei Tage sein, die uns endlich einholte und ihn gesprächig machte. Vielleicht wollte er auch nur seinen Geist von dem ablenken, was er zu tun im Begriff war. Wollte ein wenig seine Geschichte teilen, bevor sie mit ihm zusammen verschwand und bedeutungslos wurde. Vielleicht war es das verzweifelte Brabbeln eines Mannes auf dem Totenbett.

Francesco erzählte mir von dem kleinen Häuschen, in dem er aufgewachsen war. Ein kleines, zerschundenes Ding, das heute am Rand einer Wohnsiedlung stand. Es war recht verlassen, ein Relikt aus einer Zeit, als dieser Teil der Stadt noch ein Dorf gewesen war. Hinter dem Haus stand noch die selbe Eiche, die dort gestanden hatte, bevor Menschen dort gelebt hatten. Jedenfalls bevor das Haus dort gestanden hatte.

Er erzählte mir von seiner Kindheit dort, die glücklich gewesen war die ersten Jahre und dann traurig bis zu seinem Ende. Von seiner kalten Mutter und dem Vater, der ihn…verlassen hatte.

Eine Nacht war ihm besonders im Gedächtnis geblieben, obwohl er nicht sagen konnte, wann genau sie tatsächlich geschehen war. Es war eine undeutliche Erinnerung gewesen, die losgelöst von aller Zeit in seinem Kopf geblieben war. Eine Erinnerung seiner Kindheit, ein Alptraum seiner Jugend, ein Wahn seiner späteren Ehe – alles zusammen womöglich, das wusste er nicht.

Was er wusste war, dass er sich schweiß durchnässt im Keller des Hauses wiedergefunden hatte. Dort, tief unter dem Fundament des Hauses, in einer geheimen Kammer deren Existenz er über Jahre geleugnet hatte, hatte er es gefunden. Das Bild, eingebrannt in die Erde auf…auf einem alten Relikt aus Messing. Ein Erbstück der Familie, sagte er, und ihre Last zu tragen. Ihr Schatz, die Quelle ihres alten Ruhms vor vielen Generationen und des Elends seiner Kindheit.

Wie er dort hinunter gekommen war, erklärte er nicht. Er wusste es auch gar nicht mehr oder schien jedenfalls nicht darüber reden zu wollen. Eine Art von Ruf, sagte er, als hätte es nach ihm gerufen in der Feuchtigkeit der alten Hütte. Hätte seinen Namen gerufen und nach ihm verlangt.

Mehr erzählte er nicht.

Er musste auch nicht, denn ich wusste, was er dort gefunden hatte. Ich wusste es und trotzdem habe ich das Bild gemacht, habe vielleicht noch über diesen Zufall gelacht und ihn zu verbergen versucht.

Ja, ich habe es vollendet. Natürlich habe ich es vollendet, in all der Perfektion, die ich vor meinem inneren Auge sah, habe ich ihm diesen Pakt ins Fleisch gebrannt und ihm Wirklichkeit gegeben. Mit allen Künsten, die ich je besessen habe, habe ich diesem Bild Leben eingehaucht, es wahr werden lassen in seiner Schönheit.

Francesco selbst erkannte es in diesen letzten Minuten. Er lächelte, als ich ihm den Spiegel gab, um das Werk zu bewundern. Mehr als zufrieden sah er aus, fast selig, als er für einen kurzen Moment die Augen schloss und alle Last der letzten Jahre von ihm abfiel. Als da nichts von der Angst und den Erwartungen zurück blieb, als er sich völlig aufgab und fallen ließ mit diesen letzten Linien rot-schwarzer Tinte auf seiner Haut.

Er zahlte einen großzügigen Bonus, ehe er ging. Ich habe ihn seitdem nie wieder gesehen, lege aber auch keinen Wert darauf.

Es war nicht seine Stimme, mit der er mich zum Abschied für gute Arbeit beglückwünschte.

Sondern das Flüstern aus unseren Träumen.

Als er ging fühlte ich eine Last auf mir, die ich nicht erklären konnte. Was immer…was auch immer wir getan hatten, in diesen drei Nächten hatte ich etwas unmenschliches berührt. Etwas heiliges, dachte ich damals. Der Gedanke ließ mich nicht los. Monate wanderte ich durch die Stadt, durch die Bibliotheken und Akademien auf der Suche nach jemandem, der dieses Bild gesehen hatte. Der mir sagen konnte, was ich berührt hatte in meinen Träumen, in welche Sphären jenseits des menschlichen, des bloß künstlerischen ich vorgestoßen war in diesen paar Nächten, die mich seitdem begleiten wie kein anderes Erlebnis meiner Zeit.

Zu meinem Elend wurde ich fündig, irgendwann, in den kleinsten Hinterzimmern geheimer Laboratorien. Ich fand mehr von dieser Tinte, die Franky mit sich gebracht hatte, dieser schwarze Milch der Frühe. Ja, ich fand genug davon, um für zwanzig Jahre danach noch meine Kunst auszuüben. Um Bilder auf Fleisch zu brennen, um lange Jahre der Jugend zu schenken oder zu stehlen, um eine Magie zu wirken, die blutiger war und älter als du dir je träumen lassen könntest. Ich fand jemanden – etwas – das meiner Malerei Sinn gab und Bedeutung über die Vergänglichkeit menschlichen Fleisches hinaus.

Und jetzt stehst du hier vor mir und glaubst, du kannst mich mit ein paar Drinks und etwas Schleimerei dazu bewegen, dir auch ein Bild zu stechen? Eines von diesen abgefahrenen okkulten Dingern, von denen du gehört hast, weil einer deiner Freunde einen Vater hat, der dumm genug war in seiner Jugend auch eines zu wollen.

Verschwinde, Kleiner. Lass dich mit einem Geheimnis bezahlen. Eines, das sich mir in den Augen Frankys entgegen stellt, wenn ich mich an ihn erinnere. Das sich mir in diesem fiebrigen Blick so voller Hunger und Gier, mit dem er mich angeblickt hat, offen gelegt hat und das mich bis in meine Träume verfolgt:

Wenn es so etwas wie eine Seele gibt, spiegelt sich in ihr wieder, was wir unseren Körpern antun. Jede Narbe, jede Wunde, ist darin eingeschrieben.

Über die Jahre habe ich mehr als genug Leiber verstümmelt, mehr als einer Seele Gewalt angetan und sie bis zur Unkenntlichkeit verzerrt. Alle diese Dinge haben einen Preis, der größer ist als alles Geld, das dein Daddy dir geben könnte.

Für meinen Blick jenseits des menschlichen habe ich mit meinem Leben bezahlt. Und wenn ich je ein einziges weiteres Bild anfertigen würde, dann für mich selbst. Auf dieser Stelle hier an meinem Unterarm, die als einzige an meinem Körper noch frei ist von Tinte und groß genug. Diese eine Stelle, die zu füllen ich nicht den Mut habe.

Nur dann kann ich Frieden kennen. Wenn ich es Franky gleich tue…und mich selbst vergessen kann.

Bild eines Lebens – Teil II: Alte Erinnerungen

Ich tätowierte Franky also noch am selben Abend. So hieß der Knabe übrigens. Hatte sich jedenfalls so vorgestellt. Seltsamer Name für so einen Typen, dachte ich. Passte nicht zu dem Vertrag, mit dem er ankam, den ganzen Regeln. Zehn Seiten juristischen Geschwätz, das ich nie verstanden habe, egal wie oft ich ihn später angesehen habe. Das mir nur immer wieder gesagt hat, dass ich es hätte kommen sehen müssen. Das mich angeklagt hat, bevor ich es endlich verbrannt habe.

Unterschrieben hab ich trotzdem. Ohne es damals wirklich gelesen zu haben, gebe ich zu. Keine Ahnung, was genau drin stand. Schien mir damals nicht wichtig.

Damals hatte ich keine Gedanken dafür, keine Zeit für solche Dummheiten. Wieso sich auch mit Kleingedrucktem auseinandersetzen, wieso Zeit verschwenden für das Gezänk von Anwälten, wenn es so viel mehr, so viel besseres zu tun gab?

Ich fing sofort mit der Arbeit an. Franky hatte ich in mein Appartement kommen lassen. Ich besaß ein kleines, privates Studio darin. Ein Raum mit einer Liege und meinem Zeichenmaterial. Mein Atelier, wenn ich ein Pseudo und Angeber wäre. Normalerweise war es nur mein Arbeitsplatz für meine eigenen Zeichnungen oder ich machte darin kleinere Tattoos für Freunde. Experimenteller Kram, der nichts mit der Arbeit und dem eigentlichen Studio ein paar Straßen zu tun hatte.

In dieser und den folgenden Nächten krönte ich mein Lebenswerk.

Erst musste ich das Bild vorziehen, damit ich später klar und präzise malen konnte. Ich steche nicht gerne Freihand, nicht einmal bei langweiligen Bildern. Bei diesem hier wäre jede Änderung, jeder Abrutscher ein Fehler gewesen, hätte es ruiniert. Außerdem war es zu groß, um es in einer Sitzung zu machen oder auch nur in einer Sitzung vorzuprägen. Zu komplex. Ich hätte die ganze Nacht gebraucht, nur um die gröbsten Umrisse einzutragen und vorzuziehen, bevor ich steche.

Das wäre auch unmöglich gewesen, das habe ich schnell eingesehen, als ich das Bild in seiner Gänze zu sehen bekommen habe.

Franky hatte an diesem Tag eine großformatige Version dabei. Eine bessere Vorlage, als das verwaschene Foto, das er mir die letzten Male gezeigt hatte. Es war eine große Zeichnung, sicherlich ein Meter Mal ein Meter. Größer als seine Brust, auf der ich es aufbringen sollte jedenfalls, was wegen der Details nötig gewesen war.

Ich hatte drei Nächte Zeit, um das Tattoo fertig zu stellen und konnte nur zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang arbeiten. Nicht viel Zeit, auch im Frühling nicht.

Außerdem juckte es mir in den Fingern, das hatte ich gesagt. Ich wollte mich in der Arbeit verlieren, wollte nur noch dieses Bild malen und auf sein Fleisch prägen. War richtig geil drauf.

Noch nie habe ich so schnell und fieberhaft gearbeitet. Noch nie…niemals wieder ist so etwas dabei heraus gesprungen. Es war mehr als nur ein Flow, als irgendein Zustand der vollständigen Versenkung in nur dieser einen Tätigkeit. Es war eine Art von Gebet.

Meine Hände taten etwas…nicht gerade heiliges, denke ich. Aber etwas in dieser Richtung. Ich berührte etwas mit ihnen, das größer war als ich und Franky.

Das Bild so vor mir zu haben, so vollständig und ganz…

Ich hatte nur einen Ausschnitt gesehen. Eine verwaschene, halbdunkle Fotokopie von der Brust irgendeines anderen Mannes, der dieses Tattoo getragen hatte. Als ich die Tage darauf davon geträumt hatte – damals, als ich mich noch geweigert hatte und es mich dennoch nicht los ließ – hatte ich gedacht, meine Phantasie würde mit mir durchgehen. Hatte gedacht, ich hätte Teile davon aus ihrem Kontext gezerrt, größer gemacht, irgendwie verändert.

Als ich es so vor mir sah, in aller Pracht und Herrlichkeit, erkannte ich, dass ich es in meinen Träumen gesehen hatte. Ganz so, wie es wirklich wahr. Jede Linie, jeder Winkel, jeder Schattenwurf von unbeschreiblichen Dingen war mir aus meinen Alpträumen vertraut.

Ich zögerte, als er mit dem Bild vor mir stand.

Ja, ich gestehe, dass ich Angst hatte. Jeder denkende Mensch hätte sich gefürchtet in diesem Augenblick. Hätte Angst gehabt, ein Bild zu sehen, das er aus seinen halbwachen Alpträumen kannte, in dem gleichen Detailreichtum und der gleichen Schrecklichkeit.

Aber ich hatte unterschrieben. Ich hatte den Vertrag unterschrieben und, wenn ich ganz ehrlich bin: Ich wollte es machen. Ich wollte dieses Bild aus meinem Schädel kriegen. Dazu musste ich es malen.

Wenn es einmal auf der Haut war, wäre es von Franky nicht zu trennen, von den Muskeln seiner Schultern und Oberarme, den Sehnen des Halses oder den sanften Schatten seiner Rippen. Die Ränder verloren sich in den Muskelsträngen und den Vertiefungen, waren gleichzeitig ein Teil von ihm und etwas völlig Fremdes.

Es drückte sich dem Körper nicht auf wie ein übliches Tattoo – es veränderte ihn, irgendwie. Ich kann es nicht genau beschreiben, ich habe so etwas nie wieder gesehen. Das Bild anzusehen hieß, sich darin zu verlieren, kein Ende und keinen Anfang finden zu können. Es zu tragen hieß, sich wirklich zu verändern. Seine Seele zu öffnen.

Aber es war…wundervoll. Auf eine Art, die nicht von dieser Welt war. Nicht von aus einer Welt, die wir kennen. Es war wie ein Traum. Nein, nicht ganz. Mehr wie diese Trance, die ich die zwei Tage davor hatte. Als ich nicht wusste, dass ich wirklich andauernd und vergessen dieses Bild vor mich hinzeichnete, sondern völlig darin versunken war, es einfach nur zu tun. Als keine Gedanken zwischen mir und der Kunst standen, sondern diese Details und alles, was ich so auf’s Papier gekritzelt habe, einfach durch mich durchfloss.

Nur beim Anblick der Vorlage kam mir schon dieses Gefühl, diese Leichtigkeit, dass ich nicht wirklich da war. Dass da nichts war außer dieses Bild.

Ich beschloss, in Abschnitten zu arbeiten. Ich nahm mir einzelne Abschnitte des Bildes vor und fertigte sie vollständig und in einer Sitzung an, bis in die Details.

Von einigen der Figuren im Zentrum arbeitete ich mich nach außen. Was für Figuren das waren…

Heute weiß ich es. Damals waren sie mir ein Rätsel, ein unbekanntes Loch in meiner Welt, die keinen Namen hatten. Niemand sollte diese Dinge kennen, die ich später nur geflüstert gefunden habe. Allein der Gedanke an einige ihrer Namen macht mir heute Kopfschmerzen.

Damals war ich viel zu versunken in den Linien, in den Einzelteilen und den Formen, um überhaupt darüber nachzudenken, was ich da eigentlich auf seiner Haut fest hielt.

Erst Monate später stellte ich Nachforschungen an und versuchte, diesen Bildern in meinen Alpträumen eine Bedeutung zu geben. Auch als die Arbeit mit Franky lange abgeschlossen war, waren diese Bilder in mein Bewusstsein eingebrannt geblieben. Hatten mich unruhig und zerstreut durch mein Leben gehen lassen, wie in den Tagen, bevor ich endlich zugesagt hatte.

Das meiste von dem, was ich heute weiß, habe ich in diesen halbwachen Monaten gelernt. Als ich in den Universitäten nach den wenigen gelehrten Männern suchte, die damit etwas anfangen konnten. Die mir helfen konnten, diesem kriechenden Chaos eine Bedeutung abzugewinnen.


Ich weiß nicht, was besser ist. Darum zu wissen und es zu fürchten, oder in ignoranter Verwirrung zu leben.

Damals hatte ich keine Wahl. Ich wollte keinen Fehler machen, als ich das Bild stach. Nicht wegen des Vertrages. Nicht weil irgendwelche Änderungen an der Vorlage nicht Teil des Auftrags gewesen wären. Sondern weil es…falsch gewesen wäre. Weil das Bild perfekt war. Jede Änderung, alle Kleinigkeiten wären Makel gewesen, Sakrileg.

Nach zwei Stunden war ich fertig mit diesem Teil, hatte die groben Figuren in der Mitte aufgebracht und die kleineren drumherum. Das eigentliche Wunder konnte beginnen. Ich konnte damit anfangen, ihm die Tinte unter die Haut zu stechen, mich Millimeter für Millimeter über seine Brust zu arbeiten und den toten Linien Leben einzuhauchen, ihnen Tiefe zu geben.

Sie waren erschlagend. Schon diese Vorarbeit war ein Meisterwerk. Ich sage das nicht, um mich selbst zu loben – ich war nur das Medium, der Blitzableiter für die Vorlage. Das habe ich schon gesagt: Ich hasse es, nach fremder Vorarbeit zu stechen. Das hier war eine Ausnahme, eine absolut einmalige Ausnahme und wenn ich es nie wieder tun muss, ist selbst das noch ein Menschenalter zu früh.

Aber das war das beste Werk, das ich je gemacht hatte. Es wirkte so lebendig, damals schon, nach kaum zwei Stunden. Noch ohne Schatten, ohne echte Farbe, nur auf die Umrisse reduziert, war es so unendlich viel schöner als alles, was ich in den Jahrzehnten davor oder seitdem fertig gebracht habe. Als würden die Figuren jeden Moment selbst aus seiner Brust steigen und uns verschlingen können.

Dann kam die Tinte. Er hatte mir das früher schon gesagt, während ich den Vertrag unterschrieben habe. Denke ich jedenfalls. Er muss es wohl getan haben, auch wenn ich mich nicht dran erinnere. Aber ich erinnere mich an vieles nicht, was in dem Ding drin stand und was er mir gesagt hatte.

Ich sollte spezielle Tinte nehmen, nicht meine eigene.

Normalerweise wäre das ein Grund für mich gewesen, abzulehnen. Der Mist wird nicht kontrolliert, niemand weiß, was drin ist. Einiges davon ist verdammt giftig. Ich hatte einmal davor den Fehler gemacht und fremde Tinte genommen, die wohl nicht gut oder richtig abgemischt worden ist. Bin nur leicht abgerutscht, ein paar Millimeter zu tief in die Haut gekommen.

Großflächige Entzündung wegen irgendwelcher Unreinheiten. Unter der Haut. Der armen Sau musste das halbe Bein abgenommen werden.

Bei Franky aber…

Ich zögerte. Wenigstens rede ich es mir ein, um mir noch in die Augen schauen zu können. Rede mir ein, dass ich das bisschen Anstand noch gehabt hatte, das bisschen Verstand. Ich zögerte, als ich das Fläschchen in der Hand hielt.

Ich wusste, was es war. Nur ein Schwachkopf würde es nicht erkennen. Der Geruch war mir vertraut. Ich hatte einen guten Teil meines Lebens damit verbracht, Leuten großflächig Wunden beizufügen. In jeder anderen Situation hätte ich es erkannt, hätte mich geweigert. Hoffe ich.

Aber ich hatte bereits zwei Stunden gearbeitet. Ich hatte nicht vor der Vorlage zurück geschreckt, nicht vor Frankys Bedingungen und jetzt…Jetzt war ich zu weit gekommen, um aufzugeben. Die ersten zwei Stunden, während ich vorzeichnete, hatten wir kein Wort gewechselt, glaube ich. Jedenfalls kann ich mich an kein Gespräch erinnern. Ein paar Plattheiten vielleicht, aber er schien mir nie der Typ für sowas zu sein.

Franky lag nur auf meinem Tisch, mit diesem Ausdruck im Gesicht. So eine Mischung aus Erwartung und Angst, aus Furcht vor irgendetwas, von dem er selbst noch nicht ganz wusste, was es war.

Immer noch hungrig, als hätte er Jahre auf diesen Moment gewartet. Aber auch irgendwie…keine Ahnung. Als hätte er Angst. Ich hab sein Herz ja rasen gehört und meinen Händen, als ich vorsichtig die Linien gezogen habe, noch ohne die Nadel in seine Haut zu versenken.

Nicht vor der Nadel. Er ertrug den Schmerz tatsächlich ziemlich gut. Hat am Anfang kurz das Gesicht verzogen, über dieses unerwartete Gefühl, aber dann hat er nichtmal mehr gemuckt. Jedenfalls nicht solang er bei mir im Studio war und das waren so…fünf, sechs Stunden dann noch?

Jetzt…ich glaube heute verstehe ich etwas, warum er sich so gefürchtet hatte. Woher diese Aufregung kam, die gleichzeitig so süß und so qualvoll ist. Ich weiß nicht, ob er wirklich geahnt hat, worauf er sich da einließ. Wenn, war er erstaunlich gefasst darauf.

Bei der Tinte fragte ich aber das erste Mal nach, unterhielt mich mit ihm. Die ersten Worte seit Stunden.

Warum diese Tinte, warum nicht irgendeine andere? Warum gerade diese schimmernde, rötliche Flüssigkeit, die ich nicht kannte und die ich heute nicht kennen will?

Er wich mir aus. Das wäre Teil der Abmachung. Nur die Farbe würde die wichtigen Stellen zur Geltung bringen. Er redete vom vollen Potential des Bildes, von der Notwendigkeit einen bestimmten Farbton zu treffen.

Er hatte Recht: Ich hatte eingewilligt. Ich war so geil darauf gewesen, das Bild zu machen, dass mir alle Bedingungen egal gewesen waren. Eine weitere meiner persönlichen Regeln nach alledem…war kein großes Hindernis mehr. Und auch, wenn ich mich dafür hasse: Die Farbe war vermutlich das wichtigste Element an der ganzen Sache.

Die Flüssigkeit war…seltsam. Es war nur ein kleines Fläschchen, gerade genug für die Arbeit dieser Nacht. Schimmerte kaum im Licht, schien darunter höchstens noch dunkler zu werden.

Sie war zäher als normale Tinte, dickflüssiger. Sie verlief auch nicht wirklich. Nicht so, wie Tinte das tun sollte. Sie verteilte sich mehr, sickerte langsam ein und fraß sich fest. Fast als wüsste sie, wo sie gebraucht wurde. Weniger wie Farbe, mehr wie ein Teil seines Körpers. Als wüsste sie ganz genau, in welcher Schicht dieser Schatten liegen sollte, welche Linien sie ziehen und welche Formen sie bilden müsste.

Als verlangte es diese Farbe danach, Teil diese Bildes auf diesem Körper zu werden.

Und ich weiß nicht, was es war, aber der Kerl hat nicht geblutet. Es gab kaum Blut, als ich seine Haut aufgerissen habe, um diese rote Tinte unterzurbringen. Ich habe sechs Stunden an dem Abend auf seiner Brust rumgestochen, ihn immer und immer wieder auf den gleichen paar Zentimetern mit Nadeln bearbeitet. Ich habe winzige Symbole mit Schattierungen und Inschriften in sein Fleisch gepresst, in drei verschiedenen Schichten. Normalerweise hätte ich gewischt und gewischt, damit das Zeug mir nicht den Blick auf das Bild verdeckt. Aber da war keines, nicht ein Tropfen.

Jedenfalls nicht über der Haut. Als ich fertig war mit ihm, eine Nacht der Arbeit später, war sein Brustkorb ein einziger, blauer Fleck. Sämtliche Adern über den Knochen mussten geplatzt sein unter dem Druck der Nadel. Aber kein Blut ist ausgetreten. Er sah einfach nur aus, als hätte ich ihm die Brust mit einem Ziegelstein bearbeitet.

Ich hab schon echte Tiere bei mir heulen sehen. Stiernackige Typen mit mehr Muskeln als du und ich zusammen. Kerle, denen nach drei Stunden die Haut in Fetzen von der Brust hängt, überall Blut, die dann erstmal ein paar Wochen Pause brauchen, bis alles verheilt ist. Typen, die nur zur nächsten Tortur wiederkommen, weil das sonst scheiße aussieht.

Franky nicht. Er hat das ertragen, immer nur mit diesem einem Ausdruck von Verzückung im Gesicht, als käme mit jedem Stich in seiner Haut irgendetwas näher. Etwas, auf das er seit Jahren gewartet hat. Freudige, bebende Erwartung mehr noch.

Stück für Stück ging ich also wieder die Linien ab, die ich vorher schon gezogen hatte. Habe das Bild direkt fertig gemacht, mit Schattierungen, mit Ebenen, Illusionen und allem. Also den Abschnitt, den ich mir für diese Nacht vorgenommen hatte.

Meine Gedanken waren freier dabei, irgendwie. Freier als sie es beim vorzeichnen gewesen waren. Ich kannte diese Formen schon, hatte sie eben schon einmal gemalt – und drei Tage lang von ihnen geträumt. Sie waren so tief in meinem Kopf wie kaum jemals etwas gewesen war.

Noch heute schließe ich manchmal die Augen und sehe Stücke davon vor mir, wie sie zucken und tanzen.

Das Ausfüllen aber, das war keine große Kunst mehr. Das war nur ich, der die Flächen ausfüllt. Eine stupide Arbeit, die wenig mit der gedankenlosen Ekstase zu tun hat, die ich davor verspürt hatte. Obwohl das meine eigentliche Arbeit war, obwohl ich mir hier das Bild wirklich aneignete, ihm meinen Stil und meine Fingerabdrücke einprägte, fühlte es sich…leer an. Nicht wie das echte Stechen der Figuren, der Bettler und Zeichen in seinem Fleisch.

Ich war frei genug, mir Gedanken über den Knaben zu machen, der da auf meinem Tisch lag. Nicht so wie vorher, als da nur diesses Bild in meinem Kopf war. Dieser Zwang, es exakt und endlich aus meinem Kopf auf Haut zu bringen.

Hab mich das erste Mal gewundert, warum er überhaupt dieses Tattoo haben wollte und kein anderes. Also warum er wollte. Das Bild sprach für sich selbst, aber ich…ich hätte es mir nie stechen lassen. Ich kenne auch niemanden, der sonst so etwas mit sich hätte machen lassen.

Natürlich hatte ich mich das schon gefragt, als er mit der Frage das erste Mal kam, fünf Tage zuvor. Aber damals, als ich endlich für einen kurzen Augenblick frei war von dieser gedankenlosen Trance der letzten Tage – da verspürte ich das erste Mal wirkliche, echte Neugier.

Ich hab ja schon einige in mein Studio kommen sehen über die Jahre und aus verschiedenen Gründen Tattoos gestochen.

Ein Gangtattoo war es nicht, so viel kann ich dir sagen. Es war zu groß für einen Neuling und er zu unberührt an anderen Stellen. Keine Narben auf der Brust, keine Tattoos irgendwo sonst. Nicht einmal ein Piercing.

Ich dachte unweigerlich an den Typen, der sich das Pentagramm auf den Rücken hatte stechen lassen von mir – weil sein Körper ein Tempel war. Aber der war irre gewesen, hatte auch schon so ausgesehen mit dem Ziegenbart und den fiebrigen Augen.

Der hier war…gewöhnlich.

Ein gewöhnlicher Junge, etwas blass um die Nase, hager mit diesem Blick eines hungrigen Wolfes. Mehr wie ein Banker oder ein Politiker, der auf seine Chance lauert. Weniger wie ein Straßenschläger oder Handlanger.

Franky wich der Frage wieder aus. Es hätte Bedeutung für ihn, wäre ein Versprechen für sich selbst. Er sprach lieber von sich als von dem Bild, erzählte frei davon, dass er Jura studiert hätte, seinen Abschluss mit Auszeichnung an der Akademie gemacht hätte.

Er sagte er hieß Francesco. ‚Franky‘ wäre nur sein Spitzname. Er brauche das Bild für seine Familie, sagte er. Um sich daran zu erinnern, wie wichtig sie ihm war, an eine Aufgabe und ihren Platz in der Welt. Früher hätte Familie mal etwas bedeutet, meinte er. Wenigstens unter seinesgleichen wäre das wichtig und seine Familie von ein wenig Bedeutung gewesen.

Bis zu den Zeiten seines Großvaters oder Urgroßvaters. Als sie vergessen hätten, was ihr eigentliches, echtes Geschäft gewesen war und sich mit Resten zufrieden gegeben hätten. Sie hatten gesündigt, indem sie vergessen hätten, und wären dafür bestraft worden.

Er wollte nicht länger vergessen, sondern sich erinnern.

Ich hab nicht nachgefragt, was das Geschäft seiner Familie gewesen war. Oder wer seinesgleichen waren. Mit solchen Dingen wollte ich nie etwas zu tun haben. Kann sein, dass es die Mafia war. Kann sein, dass er anständig war. Dass sein Vater auch anständig war. Dass sein Großvater versucht hatte, anständig zu sein.

Mich hat es bei anderen Kunden nie interessiert, ich wollte es nie wissen. Bei solchen Dingen fragt man nicht nach.

Aber je länger es dauerte, je länger er nichts weiter tun konnte, als dem Summen der Maschine zuzuhören und an das Stechen auf seiner Brust zu denken. Je länger er mit nichts weiter als seinen Gedanken und mir eingesperrt war, desto mehr taute er langsam auf. Es beruhigte ihn, zu reden. Von Dingen zu reden, die nicht das Bild waren, das ich da auf seinem Fleisch malte. Ich konnte spüren, wie sein Herz dabei langsamer wurde, ruhiger, je mehr er von anderen Sachen sprach.

Bis ihm diese Sachen ausgingen und nicht viel mehr zu reden war. Nur noch dieses Bild, das da auf seiner Brust entstand.

‚Ein Pakt‘, sagte er schließlich, während ich an den letzten Schattierungen hing. ‚Ein Pakt mit der Vergangenheit, die meine Familie reich gemacht hat. Ein Versprechen an Sie, dass ich Sie wiederholen werde.‘

Er sagte mir nicht, was für eine Vergangenheit das gewesen war und ich fragte nicht nach diesem Pakt. Aber das Bild hat mich nicht losgelassen. Was hatte das damit zu tun?
Sicher, mir war das nicht neu, dass manche Leute sich Tattoos wie Abzeichen machen lassen oder Chroniken ihres Lebens. Ein Symbol für neue Zeiten – zerbrochene Herzen für Scheidungen, bestimmte Stiche zur Volljährigkeit, das gewöhnliche Ding für rebellische Jugendliche.

Aber das hier war irgendwie…irgendwie anders. Wie ein Siegel, das er sich in die Haut einbrennen ließ. Etwas das größer war als er, ganz sicher größer als ich. So viel hatte ich gespürt, als das Bild durch meine Hände jagte.

Vielleicht ist es auch nur Einbildung gewesen. Ich war müde, hatte sieben Stunden oder mehr an ihm herum gestochen. Seine Haut war rot, überall. Nicht mehr so bleich wie am Anfang des Abends. Meine Arme fielen mir bald ab und es war schwer, die Nadel gerade zu halten.

Vielleicht interpretierte ich dieses Beben in seiner Stimme falsch damals und sah und fühlte Dinge, die es nie wirklich gab.

Womöglich sind alle diese Worte sinnlos, viel zu groß für einen jungen Mann, der sich ein ungewöhnliches Tattoo stechen lässt.

Aber dieses Teilstück war fertig. Ein sinnloses Durcheinander von Teilen, die ich aus dem Zusammenhang gerissen hatte. Teile und Details, die keinen Sinn machten ohne die sie umgebenden Figuren und trotzdem eine Ausstrahlung hatten. Jedes für sich genommen wäre ein Schmuckstück auf einer einzelnen Person gewesen.

Der erste Kick war weg, als die Tinte unter meinen Händen leer wurde. Der erste Rausch, in dem ich gearbeitet hatte, hatte sich verflüchtigt, sich irgendwie in den sieben Stunden mit der Tinte zusammen in sein Fleisch eingebrannt, und ließ mich nur noch müde und leer zurück.

Ich sank an diesem Morgen rasch in einen bleiernen Schlaf, ohne echte Ruhe darin zu finden.

Das Bild eines Lebens – Teil I: Der Bettler

Warum ich trinke? Damit meine Hände zu zittrig sind, um die Nadel noch zu führen. Damit ich sie nicht mehr halten kann und nie wieder in Versuchung komme, ein Bild zu stechen. Ein echtes Bild, meine ich. Nicht diese kleinen Brandzeichen von Narben und Junkies.
Kunst, meine ich.

Bei Gott, ich hoffe, ich muss nie wieder Kunst schaffen. Ich hoffe, ich muss nie wieder…weißt du überhaupt, was es heißt, echte Kunst zu machen? Kannst du dir auch nur vorstellen, was es bedeutet, sich mit allem irgendetwas hinzugeben? Welche grausame Schönheit das ist, die uns gleichzeitig segnen und vernichten kann in einem Augenblick, die so sehr Besitz von uns ergreift, dass wir alles andere vergessen, uns völlig aufgeben?

Nein, nein das weißt du natürlich nicht.

Einmal in meinem Leben habe ich solche Kunst geschaffen, ein Werk das größer war als ich. Und ich hoffe, ich wünsche mir, dass es nie wieder passiert. Denn es ist eine grauenhafte Last, für so etwas verantwortlich zu sein.

Lach nicht! Und erzähl mir nicht, ich wäre nur ein Hautstecher, irgendein billiger Schmierfink, der Huren und Bastarden ihre Brandzeichen verpasst. Natürlich bin ich Künstler. Du siehst meine Bilder auf den Schultern der Frau dort drüben, wie es sich im Neonlicht zu einem Teil von ihr macht.

Du siehst es in dem Lächeln, mit dem der Mann hinter der Bar dir seine Seele bloß legt, wenn er dir den nackten Unterarm zeigt. Den mit dem Bild von allen Dingen, die ihm am wichtigsten sind auf der Welt, die ihn ausmachen.

Ja, ich bin Künstler. Meine Leinwand ist Fleisch. Ich zeige der ganzen Welt, wie es in dir aussieht.

Bist du deswegen nicht hier? Um eines meiner Bilder abzubekommen, von denen du gehört hast? Hat irgendjemand seine Klappe nicht gehalten und dir von den Wundern erzählt, die meine Hände auf Haut aufbringen konnten? Sie sind wahr. Nicht alle davon, vielleicht, aber genug davon sind wahr. Vielleicht konnte ich keine ewige Jugend malen, aber ein Bild von mir macht dich sicher zwanzig Jahre jünger und gesund wie einen jungen Bullen.

Tut mir Leid, Kleiner, ich mach ich mache sowas nicht mehr. Einmal, ein einziges Mal in meinem Leben, habe ich echte Kunst geschaffen. Kunst, die ich selber nicht verstehen kann, weil sie so viel größer ist als ich. Ich hoffe, es bleibt auch bei diesem einen Mal.

Verzieh dich wieder. Kriech zurück auf die Schlachtbank von dem Typen, der dir das Pentagram da auf die Brust gestochen hat. Ich male nicht mehr, nicht für alles Geld der Welt. Und schon gar nicht auf irgendeinen kleinen Pisser, der an einer Bar große Töne spuckt, weil er mich beeindrucken will.

Warum ich nicht mehr male…Kleiner, dafür ist es zu früh in der Nacht. Das ist nichts, worüber man vor Sonnenaufgang sprechen sollte. Es hat mit diesem einen Bild zu tun. Dieses eine echte Kunstwerk, das ich gemalt habe, vor fünfzehn oder zwanzig Jahren, bevor ich mit dem ganzen anderen Scheiß angefangen habe. Daneben sieht alles, was ich seitdem gemacht habe, wie Gekritzel aus.

Du erinnerst mich ein bisschen an den Kunden, der das Bild von mir wolllte. Hat auch nicht locker gelassen, bis ich ihn tattowiert und in die Hölle geworfen habe. Keine Angst, er hat mich mitgezogen.

Ein seltsamer Kerl war das. Jung, aber nicht übermäßig gut gehalten. So um die dreißig vielleicht, schlanker Kerl. Nein, mehr hager. Ein ausgehungerter Hund, mit diesem Blick in den dunklen Augen. Diese Gier, weißt du? Nach mehr. Wie ein Tier, den man zu füttern vergessen hat.

Er kam eines Abends in mein Studio, so eine halbe Stunde, bevor ich zumachen wollte.

Hatte keine einzige Tätowierung je gehabt, nicht einmal eine kleine. Kein Anker irgendwo an den Knöcheln, keine Noten im Nacken, kein Gangtattoo. Nichtmal eine von diesen bescheuerten Stacheldraht-Dingern auf dem Oberarm, um zu zeigen wie hart er ist.

Aber er hat drauf bestanden, was großes zu bekommen. So ein Riesenteil, quer über die Brust, sagte er. Sollte knapp unter dem Schlüsselbein anfangen und bis zu den unteren Rippen gehen. Und nicht nur grobe Formen, sagte er, sondern detailiert. Sehr detailiert, mit Verzierungen und komplizierten Teilen.

Ich hab natürlich nein gesagt. Er sollte mit was kleinerem Anfangen oder vielleicht einem Teilstück. Irgendetwas, um rauszubekommen, ob ihm das Gefühl gefällt. Ob er es in ein paar Wochen immer noch mag und damit leben kann, wenn ich seine Haut in Kunst verwandle.

Ich hielt mich damals schon für einen Künstler. Aber ich war arrogant dabei, hochnäsig. Kein schöner Zug vielleicht, aber meine Bilder waren gut und gefragt – wie könnten die dann keine Kunst sein?

So wichtig war mir Geld nicht, dass ich Leben dafür ruiniere oder dann einen Kunden habe, bei dem die Hälfte auf der Brust fehlt. Also hab ich nein gesagt. Wenn er mit dem Schmerz nicht umgehen kann oder das Blut nicht mag, habe ich die Gerüchte am Hals und den wütenden Kunden. Mein Ruf und meine Eitelkeit war wertvoller als die Bezahlung.

Aber er blieb hart. Kam am nächsten Morgen wieder. Sagt er braucht das Tattoo. Braucht es unbedingt und er ist bereit, das doppelte zu bezahlen.

Ich habe weiter versucht, es ihm auszureden.

Natürlich hab ich dran gedacht, dass es was mit ner Gang zu tun haben könnte oder irgendeiner Sekte. Aber er kam alleine, Gangs normalerweise im Rudel. Ich hatte auch gedacht, dass er vielleicht nur ein Spinner ist, so ein Esoteriker, der seinen ganzen leeren Symbolismus auf der Haut haben will. Ich hab dir mal von dem erzählt, der ein Pentagramm auf dem Rücken haben wollte und die ganze Zeit von seinem Dunklen Herrn erzählt hat, oder?

Der hier wollte außerdem etwas nach seiner eigenen Vorlage haben. Der Stil dürfte schon meiner sein, sagte er. Hätte eine meiner Arbeiten gesehen bei einer Goth. Hübsches Ding, sehr dezent. Das Tattoo, meine ich. Frankensteins Monster, jedenfalls der Kopf. Sollte so eine Teenager-Rebellin-Tattowierung überdecken, die sie sich mit 16 hatte stechen lassen, um den alten Herrn anzupissen.

Ist hübsch geworden, eine meiner besseren Sachen. Weiche, schwammige Schatten, ganz grau in schwarz. Mehr Impressionismus als Horrorschock, wenn ich mich selbst loben darf.

So etwas wollte er jedenfalls, etwas nach meinem frühen Stil, als ich noch nicht Promis gestochen habe, sondern den Abschaum der Stadt. Aber er wollte es eben nach einer bestimmten Vorlage. Keine Veränderungen am Aufbau, an den Details, den Motiven. Er war sehr deutlich dabei, dass an der Konzeption nichts geändert würde – an den Linien und wie sie zueinander im Verhältnis stehen, dass die geometrische Perfektion der Vorlage beibehalten würde. Nur die Farbgebung dürfte meine sein, die Schattierungen, die Dicke der Linien und der Stil. Die Art und Weise, auf die ich diese Linien sichtbar machen würde, ob mit Dotwork oder Negativ oder Schatten. Er hätte vollstes Vertrauen in mich, dass ich meinen künstlerischen Fähigkeiten auf ihm zur Geltung bringen würde.

Ich sagte also weiter nein. Ich mache keine riesigen Bilder bei Anfängern und schon gar nicht nach einer fremden Vorlage. Stundenlanges Malen nach Zahlen ist nicht meins. Ich schick ihn also weiter, zu Rick oder Bill oder sonst wem. Die machen so etwas und das ist ihr gutes Recht. Ich wollte aber nicht. Mein Ruf war mir wichtiger als das Geld.

Bis er am nächsten Tag wieder kam mit einem großen Umschlag unter dem Arm.

Bis er mir die Vorlage gezeigt hat. Grundgütiger…An dem Vormittag habe ich Gott gefunden. Das meine ich ernst. Ich dachte, ich wäre ein ganz Großer gewesen. Hatte gedacht, ich wüsste, was mit Tinte und Nadel und ein paar Narben auf Haut so möglich ist.

Aber niemand weiß, was Schönheit ist, wenn er dieses Bild nicht gesehen hat. Was ich vor diesem Bild gemacht habe, war wenig mehr als eine Zeichenschule dafür. Alles danach nur der Versuch, dieses eine Bild wieder zu sehen, es wieder zu erreichen und zu imitieren. Ein trauriger Schattenwurf.

Nein, nein, das ist gelogen. Das war kein Bild. Das war Kunst. Das war ein Gemälde und seine Leinwand war Haut gewesen.

Er hatte es abfotographiert von einem Kumpel, sagte er jedenfalls, ich bin mir da heute nicht mehr so sicher. Die Haut war zu blass, wenn ich darüber nachdenke. Die Farbe war zu rötlich, zu grell im Kontrast mit der fast schneeweißen Haut.

Wie als wenn die Kamera gewackelt hätte bei der Aufnahme und die Person nicht ganz erwischt hätte. Oder als hätte sie sich bewegt und wäre nicht mehr als ein Schemen, eine Art von blassem Phantom auf der Kamera.

Aber das Bild war zu erkennen. Naja, nicht alles. Es ging dem Kerl auf dem Foto über den ganzen Brustkorb, eine einzige Fläche voller Formen, voller Windungen, Zeichen, Schriftzüge, angereichert mit komplexen Verbindungen, die ich noch nie in meinem Leben gesehen habe.

Es war unmöglich, alles gleichzeitig zu sehen oder zu verstehen. Aber das, was ich gesehen habe…


Es hat sich in meinen Kopf gebrannt, klar und deutlich. Wie der Umriss der Sonne, wenn man an einem klaren Tag zu lange hinein starrt. Nein, eher noch anders herum. Stell dir vor, du starrst in die Sonne und es brennt sich nicht der Umriss der Sonne in deine Netzhaut – der ist nur ein schwarzes Loch in deinem Blickfeld – sondern alles andere. Der Himmel, die Wolken, die Vögel und alles andere am Rand deiner Wahrnehmung. Ich weiß, dass es keinen Sinn macht. Aber es ist die einzige Art, auf die ich es erklären kann. So war es mit diesem Bild. Nur die Stellen, auf die ich nicht direkt geblickt habe, waren mir präsent.

Wie? Als ob ich das wüsste. Ich frage mich das selbst seit zwanzig Jahren. Wie konnte ich diese Details sehen, sie so klar vor mir sehen, wie ich dich hier vor mir sitzen habe, wenn ich die ersten Tage nur eine ausgewaschene Fotographie davon gesehen habe?

Da hab‘ ich ja gesagt.

Ich bin schwach geworden, trotz allem. Nicht wegen des Geldes, aber ich sage dir: Bei dem Bild wäre jeder eingeknickt. Das war…Man, hätte Michelangelo die sixtinische Kapelle abgelehnt? Egal ob nach einer Vorlage oder nicht, das war nicht einfach nur ein Bild. Das war…Magie. Das war eine Gelegenheit, mehr als nur ein paar Eitelkeitstattoos zu stechen.

Ich sage dir: Ich habe damals nur die Chance gesehen, ein Kunstwerk zu machen. Echte Kunst, lebende Kunst auf lebender Haut. Die Gelegenheit eines Lebens. So etwas…ich konnte einfach nicht ablehnen, verstehst du? Ich konnte einfach niemand anderen dieses Bild machen lassen. Ich hätte mir nie verzeihen, diese Gelegenheit auszuschlagen. Selbst wenn er mir nicht all das Geld geboten hätte.

Verdammt, selbst wenn ich ihn bezahlen hätte müssen, um dieses Bild machen zu dürfen – ich hätte es getan und mich noch bei ihm bedankt.

Oh, natürlich: Ich hab mich geziert. Am Anfang. Ich hab ihn wieder fortgeschickt, hab mich geweigert. Ich wollte keine Gangtattoos machen, hab ich nie gewollt, noch weniger irgendetwas mit Sekten zu tun haben und all der okkulte Scheiß stank nach Sekte.

Aber das Bild ging mir nicht mehr aus dem Kopf.

Ich hab davon geträumt, die ganze Nacht. Hab es vor mir gesehen mit all den komplizierten Linien, mit den Symbolen, die ich nicht verstehe, den seltsamen Phrasen. Ich hab die Teile sich bewegen sehen wie kleine wandernde Beschwörungskreise. Was auf mich beim ersten Blick nur wie abstrakte Formen aussah, wie Windungen und Verzerrungen von Schatten und Geometrie, die ich noch nie in meinem Leben gesehen habe, entpuppte sich als lebendig, als Kreatur. Ich hab gesehen, wie sie sich auf seinem Fleisch bewegen und umeinander räkeln, als wäre das Bild wirklich und wahrhaftig am Leben – mit seinem eigenen Willen und Beweglichkeit ausgestattet. Als hätte es ein Leben unabhängig vom Fleisch, in das es gestochen worden war.

Ein einziges, zusammenhängendes Schauspiel, bei dem jedes kleine Stück Teil eines größeren Ganzen ist. Bei dem das Ganze zu schön ist, zu umfassend, zu unbegreiflich, um es in seiner Ganzheit zu erfassen. Als ob man in die Sonne blicken würde.

Weißt du, was ich meine?

Ich konnte mich nicht auf das ganze Bild konzentrieren. Es ging nicht. Es waren zu viele Details, zu wundervolle Einzelheiten, die so komplex und wunderbar miteinander verwoben waren, dass das Auge sich auf nichts festlegen kann.

In meinen Träumen war es schlimmer. Da habe ich das Ganze gesehen. Oder geträumt, was auch immer. Ohne es zu verstehen, ohne seine Bedeutung zu ahnen. Aber es war da, hat alles eingenommen, mich daran gehindert, an etwas anderes zu denken. Als würde mein Kopf zerspringen vor lauter Einzelheiten. Als wäre das ganze Bild dann immer noch zu groß für meinen Schädel.

Ich hatte das Bild vielleicht für fünf Minuten gesehen, bevor er es wieder eingerollt hatte. Trotzdem sind Sie mir nicht aus dem Kopf gegangen. Immer, wenn ich die Augen geschlossen habe, hab ich diese Stücke vor mir gesehen. Die Details. Der Mann ohne Maske, das kriechende Chaos im Zentrum, die Ringe, die Sterne und Zeichen, die so…so bewusst angeordnet worden waren, dass sie mehr bedeuten mussten, als einfach nur eine Collage von coolem Zeug. Sie mussten einfach. Kein Mensch kann aus Zufall etwas malen, das sich so falsch anfühlt. Das sich dem menschlichen Verstand so sehr widersetzt und ihm seine Geheimnisse verweigert, dass er ganz davon besessen wird.

Es war wie ein Schattenriss, der sich in meinen Kopf eingebrannt hat.

Ich war durcheinander die nächsten paar Tage, nachdem ich ihn das letzte Mal raus geworfen hatte. War ziemlich hilflos. Hab zum ersten Mal seit Jahrzehnten ein Tattoo wieder versaut. Hab ne Linie falsch gezogen bei einer kleinen Blondine, Bild ist etwas schief geworden. Absoluter Anfängerfehler, hatte nicht aufgepasst und der Kleinen die Hüfte ruiniert. Musste ihr das Geld zurückgeben und sie zu Rick schicken, damit der es repariert. Der lässt mich das heute noch spüren.

Danach hab ich zugesperrt und frei gemacht für ein paar Tage. Das war schlimmer als Arbeit. Arbeit hat mich abgelenkt, das Malen hat meinen Kopf benansprucht. Da gab es was, das nicht dieses eine Bild war, das ich dauernd sah. Etwas, mit dem ich mich beschäftigen konnte.

Mit mir alleine…war da nichts anderes, an das ich denken konnte.

Aus allen unmöglichen Formen und Orten kamen mir die Details dieses Bildes entgegen. Ich sah Schatten in den Gesichtern der Bettler, die mich in den U-Bahn Unterführungen erbärmlich angeschaut haben. Schatten, die ich heute als den Mann ohne Maske kenne, den Herold des kriechenden Chaos, das ich im Rauschen der Gassen gehört habe.

Hab mich dabei erwischt, wie ich immer dran gedacht habe. Wie ich mich an Details erinnert habe, die ich dachte, nie gesehen zu haben. Wie ich einfach Teilstücke daraus gekritzelt habe. Irgendwelche astronomischen Zeichen und Symbole, die ich nicht zuordnen konnte. Keine Horoskope oder Tierkreiszeichen oder solchen Unsinn, wie ihn sich manche Tussis stechen lassen. Die waren anders. Tiefer vergraben in der Zeit, älter. Schriftzeichen für etwas, für das es in menschlichen Sprachen keine Namen gibt. Die übernommen wurden von uns, um zu bezeichnen, was wir nicht benennen können. Heute weiß ich, was es für Zeug war, das mir da entgegen kam aus den Schatten der Welt. Nenn mich abergläubisch, Kleiner, aber dieses Zeichen hier auf meinem Unterarm? Dieses Zeichen der Alten, mit der Strich mit den fünf kürzeren Zweigen? Der klebt da, damit ich diese Dinge nie wieder sehen muss.

Ich hab fern gesehen oder gegessen und irgendwann stell ich fest, dass ich Papier in der Hand halte, über und über voll mit diesen Einzelheiten, mit Details von Gesichtern und Sternen und Schatten – schöner, detailierter und wunderbarer, als ich sie bei Bewusstsein je hinbekommen hätte.

Als hätten die sich in meinem Kopf festgefressen, obwohl ich sie mir unmöglich in den fünf Minuten, die ich das Foto gesehen hatte, alle eingeprägt haben konnte.

Zwei Tage später ruf ich ihn also an, frage, ob das Angebot noch steht. Er sagt ja.

Am selben Abend sitzt er bei mir auf dem Stuhl, klärt mit mir die Details.

Ich soll spezielle Tinte nehmen, die er mitgebracht hat. Kann nur am Abend bis zum Morgengrauen daran arbeiten. Muss alles in drei Nächten erledigen, bei mir im Privatatelier, nicht im Studio unten. Darf auf gar keinen Fall die Vorlage verändern, jede Linie muss exakt gesetzt sein, die geometrischen Verhältnisse beibehalten werden. Darf keine Fotos von machen. Werde nur nach Erfolg bezahlt.

Mir war das alles egal. Ich wollte nur noch dieses Bild machen.

Ich hab mich nicht gefragt, wie er das aushalten will. Wie das überhaupt gehen soll, ohne regelmäßige Ruhe für die Haut und das Fleisch, ohne dass der Kerl am Ende mit blutigen Resten auf seiner Brust aus meinem Studio marschiert.

Ich wollte nur noch diese Perfektion durch meine Hände fließen lassen, diese Idee von Schönheit real werden lassen.

Hast du das jemals gefühlt? Hast du jemals diesen Wunsch gehabt, mit deinen eigenen Händen etwas zu berühren, das so viel größer ist? Es war magisch, im absoluten Sinn des Wortes. Heilig, übernatürlich. Es überstieg mich und alles, was ich je gekannt hatte.

Scheiße. Selbst als ich noch dachte, das Bild würde mit ihm zusammen irgendwann sterben, irgendwie…irgendwie vergänglich sein, so wie es der Mann sein sollte, der es auf seiner Brust trägt – selbst da wollte ich ein Teil dieser Schönheit sein.

Einfach nur mich aufgeben und etwas schaffen, das größer ist als ich. Wichtiger. Ich sage also ja, unterschreib den Wisch, den er mir vorhält. Ich habe mein Leben eingetauscht für ein Stückchen Ruhm. Für drei Tage und Nächte gehörte es dem Bild, das ich nachts in eine jungrfräuliche Brust malte und von dem ich tagsüber träumte, während ich in in dem kleinen Zimmer neben meinem Atelier unruhig schlief.

Keine fünf Minuten nach meiner Unterschrift beginne ich den größten Fehler meines Lebens.

Grotesk – Teil VII: Eingebildet

Seine eigenen Gedanken waren der einzige Rückzugsort, der Wagner geblieben war. Seine Stimme und selbst seine eigenen Augen hatten ihn verraten. Davon war er überzeugt. Sie verrieten ihn mit jedem Satz, den er sprach und der über irgendein Mikrophon aufgenommen wurde, über irgendeinen Bildschirm transportiert wurde.

Aber solange er nicht sprach, solange er sich vollständig von der Welt zurück zog, solange er nur dachte, war er dort noch einigermaßen Herr seiner Sinne. Dort in seinem Kopf, wo zwar alles durcheinander taumelte und ihn verwirrte, war er doch allein. Dort wusste er, wer er war und was er dachte.


Nur mit der Zeit, mit den Stunden und Nächten, schlich sich auch dort der Zweifel ein und Stücke der Außenwelt, vor der er fliehen wollte.

In Gedanken spielte er durch, was mit Sicherheit bald geschehen würde. Was geschehen müsste. Wieder und wieder spielte er sich diese Szene vor.

Wie der Mann auf dem hohen Richterstuhl ihn anblicken würde. Ohne Mitleid in seinem Blick, ohne Mitgefühl. Da wäre nur der kalte, nüchterne Blick eines Beurteilers, eines Außenstehenden, der nach Fakten abwiegen würde. Jedenfalls nach dem, was ein gesunder Verstand unzweifelhaft für die Fakten halten müsste. Selbst, wenn es Lügen wären.

Was würde es ihm nützen? Was sollte er sagen? „Euer Ehren, ich habe diesen Namen gehört, ja, und die Dame gesehen. Doch nie mit ihr ein Wort gewechselt. Ja, das dort auf jenem Tonband ist meine Stimme, aber nein, ich habe diese Dinge nie gesagt. Nein, ich habe niemals mit ihr…ich habe nie…“

Man würde ihn für verrückt halten. Im besten Fall für einen Schizophrenen. Im schlimmsten Fall…

Im schlimmsten Fall würde der Richter hart bleiben, unnachgiebig. Sachlich würde er die Beweise aufzählen, die Wagner – offenbar von selbst – verteilt hatte. Die Telefonate mit den Redakteuren, die zweifelhafte Aussage bei der Polizei, die…Anrufe, die er offenbar bei der Demoiselle getätigt hatte.

Wagner sah es deutlich vor sich. Die zeugen in dem kleinen Vernehmungssaal, angefüllt mit Justizbeamten, Polizisten und Geiern von der Presse. Ihre Blicke wären betont desinteressiert. Niemand würde ihn anblicken, obwohl sich dahinter nur schlecht verborgene Neugier und Häme befinden würde. Er wusste es ja, wusste vorher schon, dass sie ihn veurteilten. Zu gut war für diese Aasfresser die Geschichte vom seltsamen, durchgedrehten Fotografen, der Aufnahmen von seinen eigenen Mordtaten als Kunst ausgab. Der nicht nur exzentrisch war, sondern völlig übergeschnappt. Der seine Kunden belästigte und unanständige Fotos von ihnen schoss.

Wenn er zu erklären versuchen würde, was er glaubte…Wenn er aussagen würde, dass sein eigener Schatten, seine Stimme, sein digitales Abbild, ein Bewusstsein erlangt und sich gegen ihn gewendet hatte – wer würde ihm glauben? Niemand.

Er selbst glaubte nicht, dass sein Schatten die Absicht hatte, ihn umzubringen.

Aber er glaubte an seine eigene Unschuld. Er hatte diese Dinge nicht getan. Von der Öffentlichkeit konnte er kein Verständnis erwarten, keine Gerechtigkeit. So viel wurde ihm klar, je länger er über diese absurde Szene nachdachte.

Was er stattdessen zu erwarten hatte…Das wusste er auch nicht.

Sein Tag war leer, angefüllt mit dem großen Nichts, das vor ihm schwebte.

Wagner besaß nur mehr das wenige, was er bei seiner Flucht vor seiner Wohnung, bei seinem Besuch bei seinem Agenten bei sich getragen hatte: Sein Geldbeutel, eine Packung Kaugummi und ein Feuerzeug.

Den Kaugummi hatte er vor einiger Zeit bereits aufgebraucht. Der letzte davon verklebte seit Stunden seinen Mund und erinnerte mittlerweile mehr an einen Brocken Zement. Sein Bargeld immerhin hatte ausgereicht, um das billigste Zimmer in einem ranzigen Hostel für einige Tage zu mieten.

Nicht gerade der Urlaub, den er sich gewünscht hatte.

Es war klein. Zwei mal vier Meter vielleicht. Das Bett ging über die gesamte Breite der hinteren Wand, unter einem „Fenster“ entlang. Eigentlich war es mehr ein Lichtschlitz, der auf die graue Häuserwand des Hinterhofes hinausging.

Links neben der Tür befand sich ein Waschbecken mit einem schmalen Spiegel. Er war in die Fliesen geschraubt worden und ließ sich also nicht entfernen. Wagner vermied es, einen Blick hinein zu werfen.


Viel anderes konnte er aber auch nicht anblicken. Das Zimmer war karg und es befand sich nicht viel darin, mit dem er sich ablenken konnte. Mit einem Blick hatte er sein ganzes Reich abgemessen.

Nur einen kleinen Fernseher gab es über dem Bett, der seine Aufmerksamkeit immerhin für einige Stunden gefesselt hatte.

Dann waren die Nachrichten eingetroffen. Die immer gleichen.

Überlegungen, Spekulationen über das Photo eines vermeintlichen Ritualmordes, das sich als Scherz heraus gestellt hatte. Weitere Beweise seines ekelhaften Charakters. Der Mann von der WORT, der genüsslich beschrieb, wie Wagner ihn angeblich angegangen war. Ein Fräulein, das die Demoiselle Ombrage zu sein vorgab, an die Wagner sich aber nicht erinnern konnte.

Sie sah anders aus, als die Dame, sie klang anders, benahm sich anders. Sie hatte nichts von diesem ehrfürchtigen Hauch um sich, den er in der Kirche gespürt hatte. Und auch sie bewarf ihn mit Schmutz.

Ihm wurde schnell schlecht von diesen Dingen, an die er sich nicht erinnern konnte und die er nicht getan hatte. Es waren widerliche, verabscheuungswürdige Worte, die ihm dort im Fernseher in den Mund gelegt wurden. Worte, die er bei Bewusstsein nie in den Mund genommen hätte. Auch wenn es seine Stimme war, die sie verbreitete.

Er hatte das Gerät rasch abgeschaltet und sich in seine kleine Gedankenwelt zurück gezogen. Dort in diesem kleinen Zimmer, wo es nur ihn gab und den Spiegel, den Wagner hin und wieder mit einer Mischung aus Furcht und Ekel aus den Augenwinkeln beobachtete.

Als wartete er auf etwas.

Worauf, das wusste er selber nicht. Er wollte nicht denken. Das war alles, was Wagner wusste, als er auf seinem Stahlbett saß, die Knie an die Brust gezogen, und einen leeren Blick auf das Linoleum seines Zimmers gerichtet.

Dass er nicht denken wollte und ganz gewiss nicht an die letzten…Tage? Wochen?

Die Erinnerungen daran – oder eher noch: Seine fehlenden Erinnerungen an die Einzelheiten – waren ein Schatten in seinem Gedächtnis. Er fühlte sie, aus den Augenwinkeln oder am Rand seines bewusstseins, wie er die Abwesenheit von Licht in einer dunklen Zimmerecke fühlen würde.

Dort in seinen Erinnerungen lauerte etwas. Vielleicht wusste er auch, was es war, und wollte ihm nur nicht in die Augen blicken.

Er fühlte noch ein Nachbeben dieses Rausches, dieses Gefül seiner verblutenden Zeit, als alles über ihm eingestürzt war.

Und er fürchtete sich davor. Er fürchtete sich vor den Dingen, die er vielleicht getan hatte, ohne sich daran zu erinnern. Er fürchtete sich davor, dass er sie nicht getan hatte, dass irgendein anderer als er selbst es getan hatte. Und er fürchtete sich vor der dritten Möglichkeit, über die er nicht nachdenken wollte.

Es mochte sein, dass er den Verstand verloren hatte. Dass mit seiner Erinnerung an die letzte Zeit auch seine Vernunft verschwunden war. Er erinnerte sich nicht an die Sätze, die er sich aus dem Fernseher sagen hörte, aufgenommen von irgendeinem Tonbandgerät. Er erinnerte sich aber auch nicht an die Zertrümmerung seiner Wohnung, deren Narben er offenbar an den Händen trug.

Sagen zu wollen, womit er sich tatsächlich beschäftigte, während er endlos dort saß, die Arme um die Beine geschlungen, die Fersen in der dünnen Matratze vergraben, wäre müßig.

Seine Gedanken drehten sich um gar nichts, während er in das Nichts starrte. Es war eine dröge, trostlose Art, seine Zeit zu verschwenden. Aber besser, als sich in das Loch seiner Erinnerung zu werfen.

Die Sonne wanderte langsam über das Linoleum des Fußbodens. Sie fiel aus dem Loch über seinem ett als ein schmaler Streifen Licht herein, der langsam, aber unaufhaltsam, von der einen Seite des Zimmers zur anderen kroch.

Es hatte am Bettpfosten begonnen, so wie in den letzen Tagen auch. Vorne rechts, vielleicht eine Armlänge von Wagner entfernt. Minute um Minute schlich es, in einem immer flacheren Winkel, quer durchs Zimmer. Erst durch die große Leere in der Mitte des Raumes. Dann auf das Waschbecken in der Ecke zu. Und auf den Spiegel.

Die Reise des Lichtstreifens dauerte einige Stunden an. Zeit, die Wagner in einer gedankenlosen Lethargie verbrachte und aus der er nur zwei Mal gestört wurde. Als sein Körper ihn daran erinnerte, dass er – trotz allem – noch immer lebte und dass damit bestimmte Bedürfnisse einher gingen.

Nach diesen Unterbrechungen, die ihm neue Eindrücke aufzwangen und dazu nötigten, sich mit seiner Umgebung und sich selbst auseinanderzusetzen, aber rasch wieder in seine Stille zurück.

Hätte er seine Kamera gehabt oder wenigstens irgendeine Kamera, dann hätte er die Zeit festhalten können, die er dort in seiner Zelle verbrachte. Er hätte sie greifbar machen können mit seinen Bildern. Hätte ihr eine Gestalt geben können als Bilderserie von Augenblicken, anstatt sie formlos vorbei fließen zu lassen.

So aber blieb ihm nur, den wandernden Lichtstrahl zu beobachten.

Bis die Sonne am späten Nachmittag hinter dem Horizont verschwand oder jedenfalls hinter der Häuserwand, auf die sein Zimmer blickte. Als nur noch diffuses Zwielicht in seine Zelle drang, zog Wagner sich in die letzte Ecke seines Bettes zurück.

Er beobachtete, wie auch die letzten Reste von Tageslicht langsam verschwanden, obwohl draußen noch eine Dämmerung herrschen musste. Wie die Schatten an den Wänden und in seinem Kopf länger wurden.

Wie die Angst einsetzte, die Nervosität.


Er fürchtete sich vor dem Schlaf. Aus Gründen, die er selbst nicht ganz fassen konnte, ängstigte er sich.

Zwar redete er sich ein, dass er die Kontrolle über sich behalten musste, dass er beobachten musste, was mit ihm geschah, um ganz sicher zu gehen. Aber da lag ein tieferer, wahrerer Grund. Er verweigerte sich, weil er keine Gewalt über seine Träume hatte. Nicht so, wie über sein eigenes Denken. Das konnte er beherrschen, ausschalten, wie so wie er in den letzten Tagen und Stunden an nichts gedacht hatte.

Seine Träume dagegen würden ihm zeigen, was immer sie wollten. Womöglich genau das, wovor er sich noch mehr als vor dem Schlaf fürchtete. Das, was er nicht wissen wollte, was er begraben hatte in dem Loch seiner Erinnerung.

Mehrmals sanken seine Lider für einen kurzen Augenblick aufeinander. Dann wieder fuhr er hoch und fand, dass die Dunkelheit einen weiteren Fußbreit Raum seiner Zelle erobert hatte. Stück für Stück schlich sich das Licht aus seinem Zimmer, bis nur noch das undeutliche Rauschen des kleinen Fernsehers Licht spendete.

Wagner schreckte wegen irgendeines undeutlichen Geräusches auf.

Sein Herz war ganz ruhig und regelmäßig.Wie nach einem langen, gemächlichen Spaziergang im Park. Unerwartet, wachte er doch in letzter Zeit eher unruhig aus chaotischen Träumen auf.

Ein Klopfen an der Tür. Unmöglich, hier, zu dieser Stunde in einem anonymen Zimmer. Eine Einbildung, sicherlich, vielleicht ein böser Traum.

Er drehte sich zur Seite, suchte nach dem letzten gedankenlosen Moment, in dem er eingeschlafen sein musste. Er wollte dort anknüpfen, wo er zuletzt gewesen war: In einer geistlosen Ruhe.

Er blinzelte und starrte in das Stück der Nacht in seiner Zelle.

Und schrie auf.

Eine Gestalt stand dort, in der Dunkelheit jenseits seines Bettes. Ein graues Schemen vor dem schwarzen Abgrund seiner Zelle. Eine Kreatur ohne deutliches Gesicht, mit verschwommmenen Konturen, die ihre Klauenhände nach ihm ausgestreckt hatte.

Das Licht zitterte an. Der Raum war leer, bis auf das Rauschen des Fernsehers. Es war nichts gewesen. Nichts als ein Schatten.

Sein Schatten, der gesichtslos grinsend neben ihm gelauert hatte, gerade so, wie Wagner ihn vor einigen Tagen zuletzt zu sehen geglaubt hatte. Mit locker zurück geworfenene Haaren und aufgerissenen Händen, aus denen das Blut troff.

So, wie Wagner selbst ausgesehen hatte. Die gleiche unwirkliche Gestalt, die er im Spiegel zu sehen geglaubt hatte, bevor er ihn zertrümmert hatte.

Ein Schrei musste ihm entfahren sein, tief und roh, wie aus dem Innersten seiner Träume. Seit Tagen war ihm kein Wort entkommen. Jetzt fühlte seine Kehle sich rauh an, wund.

Sein Herz raste. Er blinzelte in das Licht, das seine Nachttischlampe ungleichmäßig über das Zimmer verteilte. Am Rand, an der Wand direkt über seinem Bett und hinter der Lampe, war das Licht am stärksten. Es füllte die linke Seite seines Zimmers aus, ohne aber die gegenüberliegende Wand oder das Fußende zu erreichen.

Immer noch war dort nichts. Ein Alptraum höchstens, seine eigene, nervöse Schreckhaftigkeit, die ihn erst nach einigen Sekunden eingeholt hatte.

Er atmete jetzt schwerer, als presse ihm etwas die Brust. Seine Hand fuhr zu seinem Hals, zerrte am Kragen seines Hemdes, zwecklos. Für Minuten starrte er in das Halblicht seiner kleinen Lampe, eine Hand an seiner Kehle, um sich Luft zu verschaffen. Die Augen hatte er aufgerissen. Als ob er einschlafen würde, sobald sie ihm zufielen, als ob er gegen seinen Willen erneut in unruhigen Schlaf sinken würde, wenn er seine Augen nicht so weit wie möglich geöffnet hielt.

Ein Klopfen rüttelte Wagner aus seiner Ohnmacht, sanft wie die Hände einer Geliebten auf seiner Schulter. Ein Leisers Pochen, wie von zarten Knöcheln.

Sein Blick ging zur Tür. Hatte ihn wirklich jemand geweckt? Oder hatte er bloß in seinen Träumen geschrien, um sich geschlagen und andere Gäste im Hostel belästigt?

Träge schüttelte er den Schlaf und die Lähmung ab. Er stand auf und stolperte durch den Lichtkegel seiner Lampe zur Zimmertür. Eine kleine Weile fummelte er am Türschloss herum. Es war eines dieser elektronischen Dinger, das mit einer Magnetkarte geöffnet wurde. Nur war die Karte von Jahren der ständigen Benutzung abgerieben und wurde vom Schloss nicht an jeder Stelle gleichermaßen gut erkannt.

Als sie schließlich mit einem Piepen und Klicken öffnete, streckte Wagner den Kopf in einen schummrig erleuchteten Flur. Am fernen Ende flackerte ein Licht über dem Notausgang, in einem freundlichen, hellen Grün, das ihn in den Augen schmerzte. Auf der anderen Seite befand sich ein größeres Fenster, das auf den Parkplatz hinaus blickte.

Dazwischen nichts und niemand.

Kein aus dem Schlaf gerissener Nachbar. Kein Hostelbetreiber, der von geplatzten Kartenabrechnung berichtete.

Kein Einsatzkommando der Polizei.

Niemand.

Dann erneut ein Klopfen. Klar und hell, wie von zarten Knöcheln auf Glas.

Die Nackenharre stellten sich Wagner auf. Im Flur war niemand. Das Geräusch kam auch gar nicht von hinter der Tür., sondern aus seinem eigenen Zimmer. Vom Spiegel, der seitlich neben der Tür hing, über dem Waschbecken.

Langsam, unendlich langsam drehte er seinen Kopf.

Und zuckte nach hinten.

Es war nicht sein Spiegelbild, das ihm entgegen blickte. Nicht einmal die abscheuliche Karikatur von Spiegelbild, die er in seinem Alptraum zu sehen gemeint hatte.

„Ein Alptraum“, flüsterte Wagner dem Spiegelbild einer Frau entgegen, die er nur ein einziges Mal gesehen hatte. „Das ist ein Alptraum, nicht mehr.“

Das Spiegelbild lächelte. Vollmundig zog es Lippen auseinander zu eben jenem Lächeln, dass Wagner in jener Nacht in der Kirche hatte erschauern lassen.

Eine Stimme, die nicht die seine war, kam aus dem Spiegel.

„Nicht doch, nicht doch, mein Lieber. Aus einem Alptraum wacht man irgendwann einmal auf.“

Wagners Blick huschte zur noch halb geöffneten Tür. Noch könnte er fliehen, könnte versuchen, vor seinem Wahnsinn davon zu laufen. Könnte ein weiteres Mal versuchen, sich einen Tag oder drei Aufschub zu erlaufen.

Wenn nur seine Beine gehorcht hätten oder seine Hände, die sich nach der Türklinke ausstreckten, aber eine Handbreit davon entfernt verharrten. Wie gelähmt. Gleichgültig, wie sehr Wanger es wollte: Sein Körper gehorchte ihm nicht mehr.

Die Stimme aus dem Spiegel war rauchig und düster und unbeschwert von allem, was man Anstand nennen mochte oder Zurückhaltung. In seiner Panik wäre sie fast beruhigend gewesen, wenn nicht ihre reine Existenz, hier, in diesem Spiegel, der Grund dafür gewesen wäre.

„Mit weglaufen ist es vorbei, mein Lieber. Wir haben nichts gegen eine gute Hetzjagd, aber…Irgendwann einmal muss man sich seinen Ängsten stellen. Über seinen eigenen Schatten springen.“

Der Blick aus ihren blauen Spiegelaugen, ging an Wagner vorbei. Zur Wand hinter ihm.

Wagner folgte ihm in seiner Lähmung aus den Augenwinkeln, da er den Kopf nicht länger wenden konnte.

An der Wand hinter ihm klebte sein Schatten. Genau dort, wo er hätte sein sollen. Hinter ihm, von ihm selbst durch die kleine Lampe über seinem Bett an die Wand geworfen.

Nur blieb er nicht an der Wand kleben und folgte auch nicht den Bewegungen Wagners. Sondern er bewegte sich, wie von selbst, griff nach der Kleidung seines Besitzers, hielt seine Arme und Beine umklammert und an Ort und Stelle.

Ihr Verhältnis von Herr und Knecht war umgekehrt. Der Schatten bewegte sich und Wagners Körper folgte ihm einen Augenblick später.

Im Spiegel fehlte sein Schatten, sein Abbild, noch immer.

„Was bist du?!“, presste Wagner zwischen den Kiefern hervor.

Die körperlose Stimme Isabelles d‘Ombrages lachte.

„Ein Alptraum“, warf sie ihm seine eigenen Worte zurück. „Oder etwas schlimmeres.

Willst du das wirklich, wirklich wissen? Ich könnte es dir sagen, Johann. Ich könnte es dir in deine Träume flüstern, bis in alle Ewigkeit darin spuken mit dieser einen, kleinen Wahrheit…Oder jedenfalls, bis du dir endlich das Leben nimmst, um ihr zu entkommen.“.

Sie ließ die Worte für einen kurzen Augenblick im Raum schweben. Nachdenklich fuhr einer ihrer Finger zu ihrem Kinn, sie blickte kokett in die Luft.

„Ich sehe die Schlagzeilen schon vor mir: ‚Exzentrischer Fotograf verblutet in Hotelbett gefunden. Ein Geständnis, Fragezeichen?‘ Passend, findest du nicht? Du könntest es tun. Ganz leicht einfach alles beenden. Wozu sich wehren, hm? Es ist doch schon vorbei…“

Mit geweiteten Augen sah Wagner dabei zu, wie seine Hand sich gegen seinen Willen austreckte. Wie sie nach der Türklinke griff und langsam, unendlich mühsam, die Finger darum schloss. Als wäre jede einzelne Artikulation ungewohnt und müsste neu erlernt werden.

Die Tür schloss sich, wurde wieder verriegelt.

Wagner drehte sich gegen seinen Willen herum, sank mit dem Rücken gegen die Wand, an der sein Schatten lauerte und ihn gefesselt hielt.

In dem Spiegel war sein Spiegelbild erschienen.

Sein Schatten, der dämonisch grinste bis über beide Ohren und ihn umklammert hielt. Dessen Hände auf seiner Brust, an seinem Hals lagen, ihm die Luft abschnürten. Die ihm das selbe Gefühl von Enge und Atemnot leiden ließen, wie in seinen Alpträumen die Nächte zuvor.

„Wie gut, dass wir etwas besseres mit dir vorhaben, Wagner“, sagte die Stimme Isabelles. „Etwas, bei dem du uns sogar noch nützlich sein kannst, du kleiner Perversling.“

Sie zwinkerte ihm zu.

Wagner sah, wie sein Schatten das grinsende Maul aufriss, spürte, wie auch er den Mund öffnete. Stück für Stück, unweigerlich, gegen seinen Willen, gegen das Knirschen seiner Kiefer.

Fetzen von Schatten krochen seinen Hals empor, sein Kinn, bis zu seinen Mundwinkeln, seinen Lippen…

Ein Satz beschäftigte Wagner, hallte wieder und wieder in seinem Kopf nach. Der Satz, der als letztes aus dem Spiegel geflossen war, bevor die Dunkelheit ihn ganz beansprucht hatte.

„Du wolltest jemand sein, der du nicht bist, Johann. Jetzt mache ich dich dazu.“