Schud und Sünde – Teil II: Eine blinde Gasse

Von ihrem Sitz bei der Gleisbrücke aus konnte Melissa den gesamten Hardenbergplatz überblicken. Ihre Beine baumelten über die Kante und schlugen hin und wieder mit den Hacken gegen die Stahlträger unter ihr.

Vor ihr und unter ihr fuhren im Minutentakt die Busse, die auch jetzt in der Nacht noch mit Menschen vollgestopft waren. Mit Gaffern auf dem Weg zum KitKat genau wie mit einheimischen Tieren auf dem Weg zur nächsten Feier oder Junkies auf der Suche nach dem nächsten Wasserloch.

Eigentlich wagte sie sich selten aus ihrem Nest, aus dem Labyrinth von Plattenbauten und Hochhäusern im Osten, hinaus in die offene Nacht. Aber der Bahnhof Zoo war einer der Orte, an dem sie es am ehesten aushielt. Es gab hier alles das im Überfluss, was sie an den Menschen liebte.

Sie hatte eine Schwäche für das kleine Leiden, für die alltäglichen Tragödien. Für den lieblosen Vater und die strenge Mutter, die ihre Kinder zu unselbstständigen Halbmenschen verziehen. Für den Partner, dessen ständige Kleinrederei die Nerven zerrüttet. Solche Leiden höhlten einen Menschen am beständigsten aus.

Und von denen gab es hier eine ganze Menge. Melissa brauchte nur auf ihrem hohen Sitz zu bleiben und den Blick schweifen lassen und konnte sich satt sehen und hören an den gewöhnlichen Problemen der Menschenmasse.

Ihre Lippen schlossen sich um den Strohhalm, der aus dem leeren Plastikbecher in ihrer Hand ragte. Eine routinierte, bedeutungslose Handlung, die sie aus Gewohnheit weiter tat.

Ihre Wette mit Leopold von Schlüsselburg war keine zwei Nächte alt und Melissa wurde langsam nervös. Der alte Herr würde sich Zeit lassen, vermutete sie. Er würde sorgfältigst eine Reihe von Akten durchgehen, Erkundigungen einziehen, Interviews führen – und Ausschau nach einer ganz bestimmten Disposition halten. Ein überkorrekter Bürokrat wie er würde nicht vor nächster Woche eine Spielfigur für ihre kleine Wette bestimmt haben, die exakt in sein Bild von der menschlichen Seele passte.

Sie dagegen… Sie sah sich die Menschen unter sich an, die wie Ameisen über den Hardenbergplatz, zum Zoologischen Garten oder weiter in die City West liefen. Keinen davon kannte sie persönlich, doch alle waren ihr vertraut. Sie sah es in der Art wie sich bewegten und ihre Körper wie eine Last mit sich herum trugen.

Alle hier waren kaputt, zerbrochen. Sie könnte irgendeinen davon auswählen und fände genug Material vor, um einen Mörder daraus zu machen. Es steckte noch genug Bestie in allen von ihnen, um eine unschuldige Beute zu reißen. Es brauchte nur ein wenig Anleitung, ein wenig Offenlegung dieser Triebe, fand sie.

Ein wenig Hunger nach mehr als diesem Käfig, in dem sie sich gefangen fanden.

Und wenn sie sich ansah, wie die meisten von ihnen sich gegen ihre eigenen Freundschaften und Familien und Liebeleien auflehnten… hätte sie leichtes Spiel mit jedem von ihnen.

Melissa schob sich langsam nach vorn, glitt von dem Stahl herunter, der die Bahnhofsgleise über die Hardenbergstraße hinüber führte, und verschwand im Strom der Menge. Mühelos passte sie sich ihr an, folgte den Bewegungen der Masse, die sich von einem Knotenpunkt zum nächsten bewegte, vom Bus zur Bahn, vom Fast Food Restaurant zum Imbiss.

Die meisten Menschen berührten sie nicht, bewegten sich mit ein oder zwei Zentimetern Abstand um sie herum. Die Leute liefen einfach an ihr vorbei, rieben sich lieber aneinander als an der jungen Frau in ihrer Mitte. Als hafte ihr der Geruch eines Raubtiers an.

Die meisten Menschen würden gar nicht sagen können, was genau es an der jungen Frau war, das sie so irritierte. Es war eine unterbewusste Handlung, eine, die Räuber und Beute voneinander trennte. Melissa hätte irgendeinen von ihnen als ihre Spielfigur wählen können, aber sie hatte entschieden, dass Glück allein ihr gegen Leopold von Schlüsselburg nicht weiterhelfen würde.

Nein, sie brauchte jemanden mit Initiative. Mit Instinkt.

Ihre rechte Hand klammerte sich um den leeren Plastikbecher, den sie kurz vor der Brust hielt. Die andere hob das Handy, dessen Leuchten ihr in den Augen stach. Melissa senkte den Kopf und entblößte ihren Nacken dabei, sie starrte bewusst nur auf ihr Handy, blieb sogar stehen in der Menge und wirkte verloren.

Für ihren heutigen Kleidungsstil hatte sie einige Mühe aufgewandt: Sie wollte verwundbar erscheinen, aber nicht verletzlich; ahnungslos, aber nicht leichtfertig. Es war eine schmale Brücke, auf der sie wandern musste, um ein Beutetier vorzutäuschen, ohne wirklich zur Beute für bestimmte Leute zu werden.

Nicht, dass sie mit so einer Situation nicht fertig werden würde. Aber die Wette verlangte, nicht den absoluten Abschaum ins Spiel zu schicken, der ein Mädchen wie sie in einer dunklen Gasse überfallen würde. Und sie verschwendete nicht gerne ihre Zeit.

Sie spürte ein Ziehen an ihrer Schulter. Kaum merklich, wie ein Windhauch, bewegte sich das Riemchen ihrer Handtasche, die sie so weit nach hinten um ihre Schulter geschlungen hatte, dass sie ihr beinahe auf dem Rücken lag.

Aus den Augenwinkeln sah sie einen jungen Mann an ihr vorbei ziehen, dessen Hand gerade in der Innentasche seiner Jeansjacke verschwand. Ausgebeult und formlos, perfekt um eine Reihe von Brieftaschen und Handys darin zu verstecken.

Und wir haben einen Freiwilligen, dachte sie und lächelte.

Als hätte sie gerade einem Liebhaber eine vertrauliche Nachricht geschickt.

Es dauerte eine ganze Weile, sicher zwei oder drei Stunden, bis der Dieb sein Nachtgeschäft beendet hatte. Melissa hatte sich auf ihre Aussichtsposition zurück gezogen, zwischen den Streben und Pfeilern der Bahnbrücke und über den Dächern der Autos und den Köpfen der Menschen.

Sie verfolgte ihn unablässig mit ihrem Blick.

Ein oder zwei Mal drohte er, im Gewühl unterzugehen, aber Melissens Augen waren scharf und sie hatte nichts weiter zu tun, als dort zu sitzen und hatte alle Zeit, ihn jedes Mal wieder zu finden.

Er war jedenfalls kein Dilettant, so viel musste sie ihm lassen. Er blieb in der Menge, die er in wirren, unregelmäßigen Mustern durchschnitt. Mal mit, mal gegen ihre Bewegungen tauchte er in dem Strom der Leiber ziemlich unter.

Er schlug mit geübter Gier und ruhiger Hand zu und suchte sich – wie jeder kompetente Dieb – die schwächsten Opfer aus. Die Abgelenkten, die Angetrunkenen, die Einsamen und alle jene, denen er mehr als nur ein paar lose Münzen aus der Jackentasche ziehen konnte. Er unterbrach seine Verbrechen nur, um abzuwarten, bis die Individuen in der Menge sich ausgewechselt hatten. Aber bis auf diese kurzen Pausen war er ganz darauf bedacht sich zu holen, was ihm nicht zustand.

Melissa zählte mit, wie oft er eine Geldbörse stahl und fand, dass er am Ende der Nacht einiges eingesteckt haben musste. Leicht eine dreistellige Summe, wenn sie nur von Bargeld ausging. Mehr, falls er auch Schmuck gestohlen hatte.

Kurz nach Mitternacht zog er sich endgültig aus dem Gewimmel am Platz zurück. Sie bemerkte es an einer subtilen Änderung in seiner Haltung, der Art, wie er ging. Als hätte er seinen Versuch aufgegeben, unauffällig sein zu wollen. Mit einem Mal gingen ihm die Leute, die sich vorher noch an ihm vorbei zur Bahn oder zum Bus gedrängelt hatten, aus dem Weg.

Der Dieb kämpfte sich aus der Menge zu einer Imbissbude, vielleicht zwanzig Meter von Melissa entfernt auf der anderen Straßenseite. Er orderte irgendetwas und lauerte fünfzehn Minuten darauf, ob jemand ihn aus der Menge an Reisenden hinaus beobachtete.

Dann erst, als er glaubte nicht verfolgt oder beobachtet zu werden, kroch er in sein Versteck.

Er würde erst kurz vor Morgengrauen zurückkehren, überlegte Melissa. Wenn die Nachtschwärmer von ihren Feiern zurück kamen, wenn sie fett und betrunken waren und der Dieb nur noch stehlen konnte, was sie in dieser Nacht nicht versoffen oder verspielt hatten. Das aber wäre umso leichtere Beute.

So lange würde er in sein Versteck zurück kriechen, die Ausbeute der Nacht zählen und – wenn er nicht dumm war – alle persönlichen Gegenstände seiner Opfer fort werfen. Bargeld allein, schätzte sie, würde ihn interessieren. Vielleicht Schmuck und leicht zu verpfändende Dinge, womöglich Drogen. Alles andere war zu heiß und musste noch in dieser Nacht verschwinden.

Wieder glitt Melissa von ihrer Aussichtsposition hinunter, aber dieses Mal bewegte sie sich mit einem Ziel. Sie folgte ihrem Dieb, der gerade hin unter ihrem Ausblick hindurch ging. Sie schloss rasch bis auf zehn Meter zu ihm auf. Er schritt zügig aus, war bereits auf der Rückseite vom Bahnhof Zoo.

Sie sah noch, wie er sich durch eine Lücke im Eisenzaun quetschte, der das Museum für Fotografie vom Kirchenamt trennte.

Melissa ging ihm nach. Sie hatte seinen Geruch aufgenommen, so schnell würde er ihr nicht davon kommen.

Vor ihr tat sich eine Lücke im Beton der Stadt auf. Nicht so sehr eine Gasse, mehr ein Hohlweg zwischen dem Ende des einen und dem Anfang des nächsten Gebäudes, in dem sich der Abraum der Stadt sammelte. Es stank nach Armut, nach altem Obst und Schweiß, die sich mit dem Geruch von Benzin vermengten. Und nach nassem Stein, obwohl es seit Tagen nicht geregnet hatte. Die Mauervorsprünge bildeten Nischen, in denen sich die Ärmsten der Armen niedergelassen hatten. Die, die sich nicht einmal die Mitgliedschaft in der Elendsgilde leisten konnten.

Es war eine blinde Gasse, fernab jeder höflichen Gesellschaft, jeder Zivilisation. Blind, aber offenbar nicht taub: Irgendwo in einer der Nischen hustete jemand, atmete einen rasselnden Atem. Es klang wie das Röcheln einer verwundeten Bestie.

Melissa ging an ihm vorbei. Nicht ihr Freiwilliger, nicht ihr Problem.

Sie senkte den Plastikbecher mit dem zerkauten Strohhalm. Die junge Frau hatte etwas anderes gefunden, in das sie ihre Fänge schlagen konnte: Ihren Dieb.

Sie lächelte, ein wenig säuerlich, ein wenig amüsiert. Der junge Mann hatte sich ein Nest gebaut, wie ein Tier. Hatte eine Matratze zwischen die Vorsprünge im Beton gezerrt, die Rückseite mit Pappe und alten Decken ausgelegt, mit Kissen und Kästen und Tüten eine Art Höhle errichtet.
Dort saß er im Schneidersitz, vor sich ein gutes Dutzend Brieftaschen, deren Inhalt er gerade auf einen Haufen warf. Jede Visitenkarte, die er in die Hand nahm, betrachtete er genau. Manchmal lachte er über eine besonders dumme oder steckte eine andere ein. Karten für Fitnessstudios und Spas vor allem. Keine Bankkarten allerdings, die sortierte er zusammen mit persönlichen Dokumenten auf einen dritten Haufen.

Als Melissa vor sein Zuhause trat, änderte sich seine Haltung. Er löste sich aus dem Schneidersitz, ging langsam auf die Knie. Wenn er sich daran erinnerte, sie vor kurzem bestohlen zu haben, zeigten es seine Augen nicht. Sie starrten nur, wie zwei kleine Knöpfe, die man in sein Gesicht genäht hatte. Ohne Ausdruck dahinter, als habe er nur Augen, weil ein Mensch eben Augen haben sollte – und nicht, damit man darin etwas sehen könnte.

Trotzdem war er… interessant. Auf eine gewisse Art. Er hatte so einen schiefen Zug um die Lippen, der neugierig auf den Witz machte, den er scheinbar dachte. Und er war erstaunlicherweise rasiert. Oder jedenfalls hatte er sich vor ein paar Tagen rasiert und trug keinen verfilzten Teppich unter dem Kinn.

Melissa sah eine gewisse hinterlistige Schläue darin, mit der sie arbeiten könnte.

Mit ihrem zerkauten Strohhalm deutete sie auf eine Brieftasche bei seinen Füßen. Noch hatte er sie nicht ausgeräumt, sondern starrte sie an.

„Das da ist meines“, sagte sie.

Ihr Ton war freundlich, beinahe fröhlich. Er verunsicherte den Dieb.

„Was?“, stieß er hervor.

„Das Portmonee da. Das rosafarbene mit dem Blumenmuster. Das ist meines.“

Der Dieb sah kurz zu dem Geldbeutel, dann wieder zu ihr. Er hatte ihn gestohlen, so viel stand außer Zweifel. Aber hatte er ihn ihr gestohlen? Und sollte er ihn einfach raus rücken?

Melissa sah, wie er überlegte. Er griff nach der erstbesten Lüge, die ihm einfiel.

„Das habe ich gefunden“, sagte er. Sein Blick huschte zur Seite, zum Eingang, durch den er sich gequetscht hatte. „Leute verlieren oft was hier in der Gegend.“

Melissa rollte mit den Augen. Sie griff in die Tasche ihrer Jeans, in die vordere, die so verdammt eng war, das fast nichts hinein passte. Mit spitzen Fingern zog sie eine Geldklammer heraus, hielt sie vor ihm in die Höhe. Zweihundert in großen Scheinen.

„Fein“, sagte sie, „du hast ihn gefunden. Danke dir, aber ich brauche die Papiere darin wirklich wieder. Ich bezahl‘ dich auch.“

Er musterte sie. Nicht sexuell, sondern wie ein Raubtier potentielle Beute. Sie kannte den Unterschied. Er musterte ihre Beine, die kaum so dick wie seine Oberarme waren, ihren freien Bauch, der flach war, aber auch ohne Muskeln. Körperliche Stärke schien sie nicht zu besitzen.

„Du… bist nicht von hier“, sagte er. Ein dummer Satz, wie er scheinbar auch merkte, denn er schob sofort hinterher: „Ich meine, hier ist es gefährlich. Leute verlieren Sachen. Vor allem Bündel voller Geld. Manchmal… mehr.“

Vielleicht doch nicht mein Junge, dachte Melissa und verzog den Mund.

„Du würdest einen fairen Tausch in einen Raub verwandeln?“, fragte sie.

Das schien er nicht zu verstehen. Zugegeben, es war, soweit Diebstähle gingen, alles ziemlich falsch herum. Seine Aufmerksamkeit huschte immer wieder von ihr zur Geldklammer und sie beschloss, dass sie besser alles buchstabierte.

„Na du hast meine Geldbörse doch gefunden, dachte ich? Ich hab da wichtiges Zeug drin und wenn du sie mir gibst, kann ich dir Finderlohn dafür geben. Dachte, das macht man so.“

Sie zuckte mit den Schultern, wedelte mit dem Geldbündel in ihrer Hand. Sein Blick klebte an den Scheinen, wie Fliegen an Honig.

„Es gibt keinen Grund, aus einem Tausch einen Diebstahl zu machen“, sagte sie. „Gib mir einfach meine Börse und ich geb‘ dir das Geld dafür. Und was ich hier hab ist für dich eh mehr wert als das Portmonee. “


Der Dieb griff nach der Geldklammer, aber Melissa wich mit einem Schritt nach hinten aus.

„Ts, ts“, machte sie und wackelte mit den Fingern, die das Geld hielten. „Erst mein Geldbeutel.“

Sein Blick glühte, aber irgendetwas hielt ihn davon ab, einfach aufzuspringen und es ihr zu nehmen. Anstand vielleicht, oder das Bedürfnis, anständig zu erscheinen. Oder ihre Großspurigkeit, ihm mit so viel Geld und Selbstsicherheit in die blinde Gasse zu folgen. Langsam, ohne sie oder seine „Belohnung“ aus dem Blick zu lassen, griff er nach der Tasche mit dem Blümchenmuster und warf sie ihr zu. Melissa fing sie mit den Unterarmen auf, weil sie keine Hand mehr frei hatte, und nestelte kurz daran herum, bis sie sie in ihrer Handtasche verstaut hatte. Dann erst machte sie wieder zwei Schritte nach vorne, hielt ihm die Klammer mit den drei gelben Scheinen hin.

Seine Hand zuckte nach dem Geld, so rasch und geübt, wie sie sich in den letzten Stunden in Dutzende Taschen und Rucksäcke geschlichen hatten.

Melissa verschränkte wieder die Arme, beobachtete ihn, wie er das Geld wegsteckte, ohne es zu zählen.

Sie würde mit ihm zurecht kommen, befand sie. Er zeigte genug von dem Anstand, auf den Leopold bestanden hatte – jedenfalls hatte er noch nicht versucht, ihr irgendetwas in den Hals zu rammen – und sie sah in seinen Augen etwas von der Gier, von der sie gesprochen hatte.

Diesen animalischen Hunger nach mehr als dem, was er besaß. Sie müsste ihm nur die Ketten abnehmen und ihm ein Ziel geben.

„Wie heißt du?“, fragte sie und erhielt als Antwort eisiges Schweigen. Erst starrte er sie an. Dann sah er wieder zum Eingang der Gasse. Schließlich machte er sich daran, seine Beute zusammen zu packen. Warf Brieftaschen und Bankkarten in einen kleinen Karton, die Münzen und Scheine in ein stählernes Kästchen.

„Kleiner“, sagte Melissa, obwohl sie sicherlich fünf Jahre jünger als er aussah, „Ich hab dir gerade zweihundert für meine eigene Brieftasche gegeben, die du mir vor drei Stunden geklaut hast. Ich mach das sicher nicht, um dich an die Bullen zu verpfeifen.“

Er überlegte einen Augenblick. Es war niemand gekommen, den er gefürchtet hätte. Keine Polizei, kein Sozialarbeiter, keine Verstärkung für die junge Frau. Da war nur sie und diese Selbstsicherheit.

Trotzdem witterte er eine Falle. Oder zumindest ein Verkaufsgespräch.

„Richard“, sagte er. Er spuckte das Wort aus wie einer, der es gewöhnt war nur in Halbsätzen zu reden. „Hahntritt.“

„Rich, huh?“ Melissa sprach es aus, als wäre es ein englischer Name. Ein dummer Witz, den der Dieb wohl einige Male gehört hatte. Er verzog den Mund.

„Richard“, sagte selbiger.

Melissa ließ das Lächeln auf ihren Lippen. Bewegung, dachte sie, Bewegung im Gespräch. Der Junge hat seit Jahren nicht mehr mit einer wie dir geredet. Eher noch nie. Hauptsache, er redet.

„Wieso tust du, was du tust?“, fragte sie.

Richard blinzelte. Dann richtete er sich ein wenig auf, streckte die Brust raus. Mit einer Hand gestikulierte er ziellos durch die Gegend. Eine Geste, die die gesamte Gasse einfing. Die Gerüche, das Röcheln des Sterbenden an ihrem Anfang, die feuchte Matratze, auf der er schlief. Eine hilflose, sprachlose Geste, die sein ganzes Leben beschrieb.

„Das meinst du nicht ernst“, sagte er.

Sie zuckte mit den Schultern, folgte mit den Blicken seiner Geste, ließ die Szene einen Augenblick lang auf sich wirken. Es erinnerte sie an zuhause. An das Nest.

„Klar, Umstände und Sachzwänge und all das. Aber ich kenne eine Menge Leute in deiner Situation, die nicht stehlen. Die lieber Zeug ticken oder hartzen. Die wären zwar nicht so gut wie du im Finden von Geld, aber trotzdem: Es gibt immer andere Möglichkeiten.“

Melissa sah, dass sie etwas in ihm erwischt hatte. Seinen Stolz oder sein Ehrgefühl, irgendeine veraltete Tugend, die sie heraus fordern konnte.

„Wenn das eine Predigt werden soll, geb ich dir das Geld zurück“, sagte Richard.

Sicherlich würde er es nicht, aber trotzdem zuckte die Frau erneut mit den Schultern.

„Ich urteile nicht. Meine nur. Warum nicht Drogen oder Bettelei?“

„Drogen sind mir zu heiß. Zu viel Geld und Gewalt im Spiel. Und wenn ich mich von andern rum kommandieren lassen wollen würde, hätte ich einen Job. Ne. Hier ist‘s nicht schön, aber Touris ausnehmen ist leicht und fast niemand meldet das. Das andere wird zu heiß. Da kommen die Leute zu dir. So hab ich alles in der Hand und wenig Risiko.“

„Und Sozialhilfe?“

Richard schnaubte nur zur Antwort, dann schob er seine Beute zusammen. Er saß im Schneidersitz vor ihr, die Arme verschränkt und das Tage- oder eher Nachtwerk – hinter sich gebracht.

„Danke, aber ich arbeite für meinen Unterhalt. Nicht ehrlich und nicht hart, aber ich arbeite.“

Melissa dachte einen kurzen Moment nach – dann improvisierte sie. Das Gespräche hätte auf mehr als eine Art enden können, sie hatte keinen Plan machen können. Also verließ sie sich auf ihre Bauchgefühl, das hatte sie immerhin bis hierhin gebracht.

„Ich könnte dir ein paar Tricks zeigen“, sagte sie. Eines der ehrlichsten Angebote, zu denen eine wie sie fähig war. Und es rief Skepsis hervor, die nur gesund war.

„Du? Mir was zeigen? Nimm‘s nicht persönlich, aber was könnte ein reiches Mädchen einem Straßenjungen schon zeigen? Und weshalb“, sagte er und sie hörte Unterton der Verachtung in seiner Stimme, „weshalb sollte eine wie du das das tun?“

Die Augen der jungen Frau zogen sich zusammen. Aggression. Der Drang, zuzuschlagen, sich zu wehren, den sie nur mühsam unterdrückte. Trotzdem schlich er sich in ihre Worte. Sie zwang sich dazu einzuatmen. Sollte er ein wenig von ihrer weichen Seite sehen. Sollte er den Eindruck haben, dass sie harmlos war, mitfühlend. Der schmale Grad zwischen der Illusion und der Wahrheit, nur ein Opfer zu sein, war Melissa wohl vertraut.

„Ich… Ich war in einer ähnlichen Situation wie du. Bevor ich meinen eigenen Weg durch diese Stadt gefunden habe. Damals hat mir jemand geholfen, hat mir mit ein paar freundlichen Worten die Richtung gewiesen. Der Kampf und die Reise seitdem war meine eigene, aber… Ich schätze ich will das weitergeben. Dir zeigen, dass das kein Loch ist, aus dem du dich nicht selber ziehen kannst, verstehst du? Ich hab ein weiches Herz und Mitgefühl für die fallen gelassenen Dinge dieser Stadt. Für Kehricht wie dich, den alle nur zur Seite schieben.“

In seinen Augen sah sie noch immer die kalte Leere, die sie bei seinem ersten Anblick gespürt hatte. Augen wie Knöpfe.

Sie entschied, auf‘s Ganze zu gehen:

„Ich wurde nicht reich geboren, Schätzchen“, sagte sie. „Niemand in dieser Welt macht mit ehrlicher Arbeit so viel Kohle wie ich.“

Schuld und Sünde – Teil I: Ein Abend unter Ehrenmännern

Das Palais des Prinzen Heinrich war gewöhnlich voller Leben. Tausende junger Menschen wuselten durch seine Gänge, quatschten miteinander. Auf der Suche nach Vorlesungssälen, Seminaren, Vorträgen und Bibliotheken befüllten sie die hohen Hallen mit einem ständigen Rauschen. Üblicherweise fanden sich beinahe immer mehrere Dutzend Studenten auf dem großen Platz zwischen dem Haupttrakt und den Seitenflügeln ein, rauchten, debattierten und vertrieben sich den tag.

Nachts schwemmte ein Großteil davon aus dem Hauptgebäude heraus, über den Vorplatz und auf die Allee, die sich vom Pariser zum Alexanderplatz zog. Und obwohl dort das Nachtleben noch weiterging, blieb das Palais selbst nach Einbruch der Dunkelheit bis auf nur wenige Besucher und Arbeitssüchtige, die sich von ihm auch nicht in der dunklen Stunde trennen konnten, leer. Verwaist. Nur der feine Geruch von Gras, vermengt mit einer Spitze Säure und einer Spur Vanille füllte die Hallen durch die Hallen.

Von einem Fenster der Aula aus, direkt über dem Säulengang der den Haupteingang markierte, blickte ein Paar Augen hinab auf das Treiben jenseits des Platzes und jenseits der schmiedeeisernen Tore. Sie gehörten einer jungen Dame, die zwar ganz im Treiben der Menschenleiber aufging, sich aber fast nie unter die Studenten der Akademie mischte, die sich im Palais des Prinzen einquartiert hatte.
Sie war aus einem anderen Grund in dieser Nacht dort.

Die Aula nämlich war eine Art von Vorzimmer – ein großes zwar, aber dennoch – für das Büro des Direktors. Der Direktor selbst wäre heute Nacht nicht zu erreichen, aber trotzdem wartete eine kleine handvoll Besucher vor seinem Büro auf Einlass. Neben der jungen Dame, die auf einem Hocker bei den Fenstern saß und hinunter blickte, hatten sich zwei alte Herren von einiger Statur und Alter eingefunden. Um den Gästen die Nacht nicht allzu lang werden zu lassen, hatte eine namenlose Hand einige Spiele in die Aula geschafft, die ansonsten wohl nur mit Bänken und Redepulten und solchen Dingen voll gestellt war. Spieltische für das Billard und Roulette, Kartenspiele wie Poker und Skat oder Pharo standen ebenso Backgammon und Würfel bereit.

Da die Dame bereits in den letzten Stunden alle ihr irgendwie mögliche Freude mit den Spieltischen und den Kartenspielen gehabt hatte, hatte sie sich zurück gezogen und den zwei Herrschaften den Vorrang gelassen. Der kam ihnen ohnehin zu, denn sie waren beträchtlich älter und außerdem von höherem Rang.

Es machte ihr nichts aus, zu beobachten. Oder eher: Eine höfliche Beobachtung vorzutäuschen. In Wahrheit hasste sie Billard ohnehin. Es war ein viel zu ruhiges Spiel. Eines bei dem ihr das Blut stockte, statt zu kochen, und sie ertrug es nicht, lange ohne diese Aufregung zu sein. Dieser Hunger, der sie antrieb, ließ sich nur mit anderen Kugeln und anderen Stößen befriedigen.

Die älteren Herrschaften dagegen bewegten sich wie Raubtiere um den grünen Filz. In ihren Händen waren die Queues Instrumente höchster Präzision und Gewalt. Ganz genau nahmen sie Maß, stießen die Kugeln exakt so an, dass sie mit berechneter Wucht in das Ziel knallten und auch nicht einen Iota daneben.

Das Spiel schläferte in seiner Perfektion ein. Darum ging es aber auch, so viel immerhin begriff die junge Frau. Die Bewegungen der Kontrahenten, ihre Punkte und Züge, bedeuteten mehr als den Sieg oder die Niederlage in einem Zeitvertreib. Es ging um ein ungleich komplexeres Spiel, das die beiden Herren seit einigen Jahrzehnten bereits miteinander spielten. Karten oder Billard oder Dart waren nur einige der Mittel, derer sie sich bedienten, um eine endlose Liste an Punkten und Partien weiter zu führen.

Doch schien es nicht, als wollten sie in dieser Nacht zu einem der spannenderen Mittel greifen. Jedenfalls nicht im Vorzimmer des Direktors.

Leopold von Schlüsselburg war ein Mann von großer Statur: Breit, groß und voluminös wie ein Fass, das scheinbar nur von den Silberknöpfen seiner Weste zusammen gehalten wurde. Er stützte sein Gewicht auf den Queue, während er der letzten Kugel dabei zusah, wie sie in ihr Ziel rollte. Seine fleischigen Lippen krümmten sich zu einem Lächeln.

„Monsieur Oberleutnant“, sagte er, „mir scheint, ich habe diese Partie gewonnen.“

Der Oberleutnant betrachtete das Ergebnis so, wie er alles in seinem Leben betrachtet hatte: Mit kühler Akzeptanz der Tatsachen. Was nicht hieß, dass er dem Aristokraten zu diese Tatsachen mochte.

„Was halten sie von Pharo?“, sagte anstelle einer Gratulation. „Das Fräulein Melissa könnte dazu stoßen, unser Altherrenspiel scheint sie zu langweilen.“

„Ich hasse Kartenspiele“, warf Melissa von der Seite ein. „Nehmen Sie bitte keine Rücksicht auf mich, meine Herrschaften, ihr wunderbares Spiel zu beobachten ist mir Vergnügen genug.“

Eine durchschaubare Lüge der Höflichkeit. Sie hatte das Kinn auf ihrer Handfläche abgestützt und starrte auf das Treiben unter den Linden. Sie wünschte, sie könnte dort unten sein statt bei den alten Säcken und ihrem höflich maskierten Kleinkrieg gegeneinander.

Sie wünschte, die Türe würde sich endlich öffnen und sie alle ins Büro eingelassen werden. Oder jedenfalls der Oberleutnant, dem als ältesten Anwesenden der Vortritt zukam, auch wenn Sie bereits seit Einbruch der Nacht hier gewartet hatte und wohl noch bis in die frühen Morgenstunden hier warten würde.

Von Schlüsselburg entschied sich, Anstoß an ihrem Desinteresse zu nehmen. Er zog eine Braue in die Höhe und warf ihr einen Blick zu. Der Oberleutnant nahm ihre Antwort dagegen kaum zur Kenntnis. Sein Angebot war genau wie ihre Höflichkeit: Leer und vorgetäuscht. So war er schon, so lange Melissa mit ihm bekannt war. Der Oberleutnant war distanziert bis zur Unperson und wandte sich ohne Umschweife wieder seinem Gegenspieler zu.

„Als denn, was spielen wir stattdessen?“, fragte er. „Ich denke die Zimmertüre des Direktors wird sich nicht für Mitternacht öffnen, nicht einmal für mich. Ich höre mein lieber Freund hat in den letzten Nächten einiges im eigenen Hause zu kehren.“

Ein Satz, bei dem Melissa leise aufstöhnte und ihre Stirn gegen das Fensterglas lehnte. Sie würde wirklich die ganze Nacht hier verbringen und mit ein wenig Glück dem sehr verehrten Herren für fünfzehn Minuten ihre Aufwartung machen, ehe die Sonne aufging und alle zu ihrem Tagesgeschäft zurück kehren würden. Was hieß, dass sie von diesen fünfzehn Minuten gut zehn mit dummen Floskeln verbringen und vielleicht fünf für ihr eigentliches Anliegen aufwenden könnte.

Sie wollte dort unten sein. Unter den warmen Leibern, die ihr Leben dort draußen in Ekstase führten – und nicht mit den zwei Herren hier drinnen eingesperrt.

„Sie müssen Geduld lernen, Demoseille Melissa“, sagte Leopold. Er und der Oberleutnant begaben sich an einen der Kartentische eröffneten eine Partie Backgammon. Die gefühlt hundertste in diesem Jahr. Melissa sah aus den Augenwinkeln, wie zu würfeln begannen. Sie hatte die Stirn noch immer an das Fenster gepresst, als ob sie sich hindurch drücken und so diesem Gefängnis aus Langeweile entkommen könnte.

„Sie werden Recht haben, mein Herr“, antwortete sie zerknirscht. „doch sehen Sie es mir nach: Die Ungeduld der Jugend lässt sich nicht leicht zügeln. Und ist es nicht die Leidenschaft, die alle Hürden zu überwinden vermag?“

„Ich ziehe vor, unser Streben nach Gerechtigkeit für unseren größten Motivator zu halten. Leidenschaft, von Disziplin gezügelt, macht aus jedem Mann einen besseren.“

Melissa hörte, wie der Oberst dabei schnaubte, die Sache aber nicht vor ihr auszubreiten bereit war.

„Oder aus jeder Frau“, fügte von Schlüsselburg mit einem Blick zu ihr hinzu. Seine blauen Augen irritierten sie. Irgendetwas darin funkelte. Sie sah es ihm ganz deutlich an, dass er auf irgendetwas lauerte. Dieser Blick reizte sie… und sie stieg auf sein Spiel ein.

„Gier – nach Erfolg oder Sieg oder meinetwegen auch nur Nahrung – ist etwas ganz und gar viehisches. Ein Urinstinkt, mein Herr“, sagte sie, „und steht uns tiefer als alle hohen Ideen in die Seele geschrieben. Es ist meine Ansicht, dass ein Mann, dem es nach allem hungert, seine Gier auf jede erdenkliche Weise zu befriedigen sucht.“

„Und doch wird ein methodischer, geduldsamer Mann – einer, der aus überlegtem Kalkül handelt – schneller an sein Ziel kommen. Ich würde sogar sagen, er wird noch weiter darüber hinaus schießen. Sie sehen, Demoiselle, wie weit es unser verehrter Herr Oberleutnant gebracht hat und sie werden kaum einen gewissenhafteren Mann in dieser Stadt finden.“

„Junker“, sagte der Oberleutnant zwischen zwei Spielzügen, „halten Sie mich aus ihrer Debatte heraus. Es gefällt mir nicht, von Ihnen als Beispiel gebraucht zu werden.“

Leopold von Schlüsselburg lächelte dem Oberleutnant zu, verneigte achtungsvoll das Haupt, dann zeigte er sich zum Schein nachgiebig.

„Ich denke wir sind uns einig, dass wir uns uneinig sind, Demoseille. Besonders in Fragen der Seele, mit der wir uns wohl beide sehr beschäftigt haben in letzter Zeit. Nur in einer Sache dürften wir wohl überein stimmen.“

Melissa hatte bereits vor einiger Zeit ihre Aufmerksamkeit wieder auf die zwei Spieler gelenkt. Hätte sie den restlichen Abend über aufgepasst, hätte sie erkannt, dass die beiden lange schon nicht mehr miteinander spielten, auch wenn die Würfel noch fielen.

„Nämlich?“, fragte sie, eine Spur zu neugierig.

„Dass nur Blut Narretei reinwäscht.“
„In der Tat stimme ich Ihnen zu, verehrter Herr von Schlüsselburg. Die Frage bleibt aber: Wessen Blut wäscht wessen Blödsinn?“

Das war der Augenblick, auf den der Ältere gewartet hatte. Melissa fühlte es so sicher, wie sie eine Bärenfalle gefühlt hätte, die sich in ihre Knöchel gefressen hätte. So sicher, wie sie ihr Herz mit einem Male dröhnen hörte.

„Darf ich dann der Demoseille ein anderes Spiel vorschlagen?“, fragte Leopold. „Eines, das ihre Nerven ein wenig mehr kitzelt?“

Melissa zog ihre Augenbrauen zusammen. Sie sah von dem Junker, der die Frage wie beiläufig gestellt hatte und von seinem Backgammon gar nicht aufsah, zum Oberleutnant. Auch er schien in das Spiel vertieft. Zu sehr, zu bewusst. Als wäre sie als Gegenspielerin überhaupt nicht ernst zu nehmen.

Spielten die beiden nun mit ihr? Oder nur der Junker?

Sie könnte einen Rückzieher machen. Sie könnte erklären, sie sei gar nicht in der Stimmung für irgendwelche Spiele und wolle nur im Direktorenzimmer ihre Aufwartung machen. Tatsächlich hätte sie wenig dabei zu verlieren, gerade einmal die Achtung der zwei alten Herren, von der sie ohnehin nicht viel besaß.

Das aber hieße, ihren Spieltrieb zu verleugnen. Gewissermaßen sich selbst zu leugnen. Sie fühlte sich wie in einer Meute Katzen, der eine Maus vorgeworfen wurde. Nur war sie nicht sicher, wer von ihnen die Katze und wer die Maus war.

„Falls sie russisches Roulette meinen, verehrter Herr von Schlüsselburg“, sagte Melissa, „so fürchte ich, dass auch dieses mich wenig reizt…“

„Mitnichten. Ich schlage ein neues Spiel vor. Ein Spiel um die süße Gewöhnlichkeit des Verbrechens“, sagte Leopold. „Die Alltäglichkeit, mit der der Mensch sich in die undenklichsten Grausamkeiten wirft.“

„Was meinen Sie, mein Herr?“

„Eine Wette, schlicht und ergreifend. Ich wette mit ihnen, dass ein Mann mit Kalkül und kalter Ratio zu Dingen in der Lage ist, die selbst den leidenschaftlichsten Mann noch schrecken würden.“

Die junge Frau sah zum Oberleutnant, der sie weiterhin ignorierte. Er schien in der Miene des alten Mannes ihm gegenüber lesen zu wollen, was der Grund für diesen Vorschlag war. Weshalb er sich überhaupt mit der so jungen und ungestümen Frau abgab.

„Und ich…“, begann Melissa langsam zu verstehen, worauf er hinaus wollte.

„Sie halten dagegen, dass ein hungriger Mann, wenn er dadurch seine Gier zu befriedigen glaubt, zu abscheulicheren Dingen fähig ist.“

Melissa überkam es bei diesem Satz. Sie fühlte in ihrer Brust zum ersten Mal an diesem Abend, vielleicht seit einiger Zeit, diesen Rausch, dieses Brennen, das ein gefährliches und gewagtes Spiel ankündigte. Etwas, das ihr Blut zum kochen brachte.

„Und wir hetzen diese Männer aufeinander?“

„Ein hässliches Wort“, sagte Leopold und verzog eine Miene. „Aber ja, meinetwegen, nennen wir es ein soziales Experiment. Wir lassen sie gegeneinander antreten. Wer von uns zuerst seinen Mann überzeugt hat, die Tat zu begehen, der gewinnt die Partie. Lediglich würde ich stipulieren, dass es sich um… sagen wir um anständige Männer handeln sollte. Nicht dieses Pack, das ohnehin schon mordet, wie es ihm beliebt.“

„Wäre es…“

Melissa brach ab, ihr Blick huschte vom Oberleutnant Büttner zu Leopold und zurück.

Mäßigung, dachte sie. Etwas Contenance und Mäßigung, wenn du mit den alten Herren spielen willst. Lass sie nicht wissen, wie unbedingt du in ihrer Liga spielen willst.

„Hätte der sehr verehrte Herr Oberleutnant denn etwas gegen eine solche Wette einzuwenden? Ich meine, ich bin natürlich in den Gesetzen nicht so bewandert wie er.“

„Ach was, ach was, solange wir uns dort einigermaßen benehmen und nicht völlig die Zügel schießen lassen wird der verehrte Herr Oberleutnant kaum etwas einzuwenden haben, nicht wahr?“

Der Oberst war während ihres Austausch ganz ruhig geworden, ganz stumm. Er schien nun weniger wie ein Mensch und mehr wie eine Statue, die vergessen hatte, dass sie sich überhaupt einmal bewegt hatte. Seine Stimme verriet kein Urteil, weder in die eine noch in die andere Richtung.

„Solange Sie die Angelegenheiten aus den Nachrichten heraus halten, gäbe es für mich keinerlei Grund zu intervenieren. Die Moralität der Wette ist allein ihre Sache, die Legalität findet nur mit dem Einsatz von Blut ihre Grenzen.“

„Und wir haben kaum vor, diesen kleinen Zeitvertreib unter Freunden derart aus dem Ruder laufen zu lassen, nicht wahr, Demoiselle Melissa?“

Immer noch funkelten seine Augen, eine gefährliche Freude darin.

„Natürlich nicht. Nichts steht mir ferner als dem sehr verehrten Herren Umstände zu bereiten.“

Sie lächelte, ihre schmalen Lippen zogen sich über ihre Wangen. In ihren Augen blitzte es. Sie teilte diesen Blick einen Augenblick lang mit Leopold.

„Und unsere Waffen?“, fragte sie dann.

„Worte und eine frei zu erwählende Figur.“

„Nichts als Worte?“

„Meine Hand darauf. Nichts als ihr Wort gegen meines – und die alles entscheidende Auswahl der Spielfiguren natürlich.“

Noch zögerte Melissa. Sie kannte von Schlüsselburg gerade gut genug dazu. Sie wusste genug von ihm, um hinter seinem Vorschlag einen tieferen Grund zu vermuten, aber nicht gut genug, um auf diesen leicht zu stoßen. Der alte Aristokrat bemerkte es und überzog seine Worte in Honig und guten Willen.

„Verehrter Herr Oberleutnant“, sagte er mit einem Blick zu selbigem, „Würden Sie uns die Ehre erweisen, der Richter über unsere kleine Wette zu sein? Sie sind gänzlich unbefangen und in der ganzen Stadt rühmt man ihre Treue zum Gesetz.“

Zum ersten Mal in dieser Nacht zeigte der Oberleutnant Interesse an ihr, musterte sie wie eine Person und nicht wie ein Stück Fleisch, das einige Kunststücke wie Sprechen und Laufen vorzuführen in der Lage war. Seine Blicke waren Spieße, die sich in Melissens Brust bohrte. Sie hätten ihr den Atem genommen, wenn Sie nicht lange schon atemlos gewesen wäre. Mit diesem Blick allein begriff sie, weshalb der alte Herr der Chef der geheimen Polizei war. Hätte er seine volle Macht in diesen Blick gelegt, sie hätte ihm alles verraten, hätte sich jedes Geheimnis aus der Brust gerissen, um es ihm zu opfern.

„Wenn das Fräulein einverstanden ist und willens, meinen Schiedsspruch zu akzeptieren?“

Melissa sah hinaus, zu dem Treiben auf der Prachtstraße. Es wäre eine Gelegenheit für sie. In dieser Sache hatte der alte Lügner recht: Oberleutnant Büttner war neutral, wenn er nicht sogar eher dazu neigte, Leopold kritisch gegenüber zu stehen. Und ein Gefallen von dem alten Junker wäre viel wert. Sie könnte einiges gewinnen. Nicht zuletzt Ansehen bei den Älteren und Einfluß überall dort, wo sie ihre Finger im Spiel hatten.

Sie atmete ganz bewusst ein, nickte dem Oberleutnant zu.

„Ich nehme die Wette an.“

„Dann gilt ihr Wort, Fräulein Melissa, Herr von Schlüsselburg. Derjenige, dessen Figur zuerst die des Anderen schlägt, gewinnt diese Partie und eine Gefälligkeit vom Verlierer. Die Figuren müssen innerhalb der nächsten Woche erworben werden und dürfen bisher mit keinem von ihnen – oder einem anderen – affiliiert gewesen sein. Geheime Kräfte, direkte Intervention eines Spielers gegen die Figur eines anderen oder Bekanntwerden dieser Wette in der Öffentlichkeit, sind ein automatisches Forfait. Ein Sieg muss mir gemeldet und von mir geprüft werden. Zugunsten des jungen Fräuleins verzichte ich dazu auf mein übliches Honorar.“

Die junge Frau wandte ihren Blick wieder hinaus, in Gedanken schon ganz bei der Planung ihres ersten Zugs in diesem neuen, so viel aufregenderem Spiel.

Immerhin schien die Nacht endlich etwas Aufregung zu versprechen.

Jedermann – Teil III: Eine fremde Welt

Ich entschuldigte mich für einen Augenblick und verließ das Kaiserkaffee, in dem ich mit meiner Verabredung zu Abend gegessen hatte. Es lag etwas versteckt in einer Nebengasse des Viertels, wo der ständige Bahn- und Autoverkehr nicht störte. Ich war zugegeben ein wenig stolz: Der Flair von Snobismus und Abgeschiedenheit kombinierte sich ganz wundervoll mit der völlig gewöhnlichen aber konvolut formulierten Karte und den etwas gelangweilten Kellern. Obwohl ich mit Grünspan seit Jahren bekannt war und vermutete, dass er meine Verkleidungen öfters durchschaute.

Während ich rauchte – diese eine Zigarette war nur für mich, denn ich war sicher niemand beobachtete mich in dieser Nebengasse, jedenfalls nicht Therese – telefonierte ich. Meiner Verabredung hatte ich gesagt, ich müsste einen Augenblick mit meinem Vorgesetzten beim Guignol telefonieren, einige Strippen ziehen.

Erneut nur eine halbe Lüge.

Ich hatte mich von Therese überreden lassen – oder wenigstens hatte ich den Anschein erweckt, dass es einiger Überedung dafür bedurfte – ihr die Welt zu zeigen, von der sie träumte. Von der sie glaubte, dass ich auch davon träumte. Sie wollte Schauspielerin werden. Der Jugendtraum eines bürgerlichen Mädchens wahrscheinlich, der auch ohne mein Zutun zerschmettert worden wäre. Ich immerhin würde sie noch für einige Zeit weiter träumen lassen. Das war gütiger.

Also telefonierte ich. Die Stimme, die auf der anderen Seite der Verbindung antwortete, klang rauchig. Heiser. Wie ein einzelner Fingernagel, der sich in der Dunkelheit mein Rückgrat hinunter zieht. Wie das Gefühl heißen Atems dicht bei meinem Ohr.

„Mein Lieber“, sagte sie und mir schauderte.

„Demoiselle d‘Ombrage“, sagte ich, „haben Sie heute Abend Zeit für mich? Für uns?“

„Wenn du mir jemanden mitbringst.“

„Natürlich!“, beeilte ich mich zu sagen, „Es ist nur… Demoiselle, ich… Es kann nicht am üblichen Ort sein. Es ist so, dass… Nun.“

Ich konnte fühlen, wie sich ihre Augen ein wenig zusammen zogen. Obwohl sie einige Kilometer von mir entfernt saß spürte ich ihren Blick auf mir lasten.

„Ja?“, fragte sie.

Mein Herz setzte einen Schlag lang aus. Wie das Kaninchen vor der Schlange.

„Ich möchte die Dame ins Guignol bringen“, sagte ich. Ein einfacher Satz. Sieben kurze Wörter, die einen schlichten Wunsch ausdrückten, der mich alle Anstrengung dieser Welt kostete.


Ihr Schweigen riss mir das Herz aus der Brust. Mehr noch als ihre angedeuteten Zweifel an meinem Urteil es taten.

„Bist du sicher, mein Lieber, dass sie dazu bereit ist? Aus meiner Höhle kommt niemand mehr heraus. Das Guignol verschlingt jeden, der sich herein wagt. An einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit wären wir… nachsichtiger.“

Ihre Stimme war spöttisch. Sie wusste, dass ich mir sicher war. Sie wusste, dass ich bereit dazu war, diesen Preis zu zahlen. Und das war alles, was zählte. Aber sie wollte es von mir hören.

Und um die Wahrheit zu sagen: Dieser Blick, diese Wildheit, mit der meine Verabredung aufgehorcht hatte, als ich von meinen Kontakten Guignol erzählt hatte, machten mich an. Sie zeugten von einem Willen, mich ebenso zu benutzen, wie ich sie benutzen wollte.

Tragisch. Zu einer anderen Zeit hätten wir uns vielleicht menschlich näher kommen können. Heute aber überzeugte mich dieser kurze Moment nur davon, dass sie meine eigene Gier befriedigen würde.

„Ja, Demoiselle“, sagte ich, „ich bin mir sicher.“

„Ich erwarte euch in einer halben Stunde“, sagte sie und beendete das Telefongespräch.

Nicht, dass ich mich beschweren würde. Immerhin war ich fixiert, überhaupt nicht in der Lage, mich mit etwas anderem als dieser Sucht in mir zu befassen. Ich hatte nur diesen Abend, diese eine Chance, den Verfall meines Körpers für einen weiteren Monat aufzuhalten. Morgen oder in ein paar Tagen wäre es zu spät, dann wäre ich zu geschwächt für diese Scharade gewesen. Dieses Spiel, das ihr den Abend so angenehm wie möglich und nach ihren Bedürfnissen gestaltete. Ich kam ihr in meinen Augen sehr entgegen damit.

Es gab keinen Grund, mit meinen wahren Absichten hausieren zu gehen.

Ich ging wieder hinein, zahlte diskret an der Bar die Rechnung für das Abendessen und ließ ein Taxi bestellen. Dann erst ging ich zu meinem Tisch zurück und bat meine Verabredung um Entschuldigung für die Unterbrechung. Ich sagte ihr, dass ich sie in der Tat noch an diesem Abend in das Guignol bringen könnte, wenn sie denn wollte.

Natürlich wollte sie. Kaum fünf Minuten später saßen wir im Taxi.

Das Theater lag in der Nähe des Landwehrkanals, in einer ansonsten grässlich eintönigen Gegend. Zu viele Bürgerliche, die sich dort ausbreiteten und alle interessanten Menschen vertrieben. Die meisten der dort stehenden Häuser waren Wohnhäuser. Ehemalige Mietskasernen der Elendsjahre oder Häuser aus der Gründerzeit, die aufgerissen worden waren, um langweilige Familien aufzunehmen: Ein Hund, eine Frau, eine Affäre, eineinhalb Kinder, zwei Autos.

Das Guignol war anders. Es lag im Herzen dieses kleinen Labyrinths aus identischen Puppenhausleben und man musste als Fremder eine Weile nach ihm suchen, selbst wenn man die Adresse kannte.

Wer länger hier wohnte, kannte es aber. Immerhin war es allen seit Jahren ein Dorn im Auge, was es mir aber nur sympathischer gemacht hatte. Ein uraltes Gebäude, noch aus blankem Ziegelstein und Holzbalken errichtet, dessen Kern noch aus der Vorkriegszeit stammte, passte es weder optisch noch atmosphärisch hier hin.

Als wir aus dem Taxi stiegen, fanden wir uns vor einer dieser langweiligen Hausfassaden wieder.

Therese runzelte die Stirn, hakte sich bei mir unter.

„Ich sehe nichts“, sagte sie, mit vorwurfsvollem Unterton.

„Das wirst du noch früh genug“, sagte ich und führte sie zu einem kleinen Durchgang, der hinten in den Hof führte. Ein dunkler Gang, beklebt mit lauter Plakaten und Postern und Werbung, die so alt war, dass sie eine zentimeterdicke Schicht aus Leim und Papier über dem blanken Stein gebildet hatte.

Wir kamen an ein Eisentor, das den Ausgang auf den Hof hin versperrte. Dort, im Innenhof der Mietskaserne, thronte das Grotesque Guignol.

Und grotesk war es, ein spöttisches Zerrbild dessen, was dort einst gestanden hatte: Eine der typischen Klinkerbau-Kirchen von vor hundertfünfzig Jahren.

Je mehr ich von diesem Bau gesehen hatte, desto mehr bewunderte ich es. Es blieb nie stehen, auch nicht in all der Zeit, in der ich es kannte.Es lebte, schien seinen eigenen Rhytmus zu haben und passte sich der Zeit an, um sich immer wieder neu zu erfinden. Es wucherte in diesem kleinen Innenhof, wie eine Spinne breitete es sich in seinen Lücken aus und spann seine Aura von Gerüchten und Grandeur. Trotz der verfallenden Giebel und der gebeugten Haltung seiner Balken sah man zu ihm auf. Die mittlerweile dunkelroten Ziegel und die ins Leere starrenden Fenster, die gebrochenen Türme und schiefen Dächer, das Efeumeer an seiner Fassade und die ausladenden Seitenflügel vermittelten mir jedes Mal dieses Gefühl von Vertrautheit und Geheimnis. Wie ein lange verlorener Freund, der nach Jahren noch der gleiche ist, aber um einige Erfahrungen reicher.

Therese steckte den Kopf zwischen die eisernen Gitterstäbe. Das Metall wäre kühl an ihrer Haut, schwer auf ihren Wangen. Ihre Augen leuchteten auf, sie sah die hohen Türme hinauf, legte den Kopf in den Nacken.

„Es ist…“, sagte sie, aber wir würden nie erfahren, was das Guignol für sie war. Sie schrie auf und machte einen Satz zurück.

Ein Schrank von einem Kerl war aus den Schatten neben dem Tor getreten. Groß – größer als Johann um mindestens einen Kopf – und breit wie Bär, aber leise, war er plötzlich aus dem Nichts gekommen. Er sah zum Fürchten aus mit seinen Stahlkappenstiefeln, mit der dunklen Uniform und der so absichtlich schlecht verborgenen Waffe an seiner Hüfte.

„Fischer“, begrüßte ich ihn, aber er brummte nur. Er kannte meine Verkleidung nicht und ich bezweifelte, dass jemand sich die Mühe gemacht hatte, ihn einzuweihen. Er war der Türsteher, schlicht und ergreifend. Er war informiert, dass ein Paar einzulassen war und wir trafen auf die Beschreibung zu. Also schloss er auf und ließ uns ein.

Therese versuchte, ihren Schreck zu überspielen, hielt sich aber etwas näher an mich. Wir überquerten langsam, aber zielstrebig den mondbeschienenen kleinen Platz zwischen den Häusern und dem Theater.

„Ist so eine Sicherheit wirklich nötig?“, fragte sie und sah über die Schulter. „Ich meine ein Tor und so ein Typ? In dieser Kleidung?“

„Ach was, Georg ist harmlos. Ein notwendiges Übel. Du würdest nicht glauben, wie dreist manche Leute versuchen, hinein zu kommen. Ich glaube manchmal der Ruf des Theaters ist ebenso sehr ein Fluch wie ein Segen.“

Das stimmte sogar. Gerade weil es so berüchtigt war, gerade weil es so oft von der Polizei durchsucht und von den Behörden zensiert, weil seine Vorstellungen verboten und regelmäßig von der Staatsgewalt überfallen wurden, übte es so eine starke Anziehung aus. Gerade diese Anziehung wieder machte es zu so einem Schandfleck für die ordentlichen Langweiler in der Gegend.

Und gerade deswegen war die Sicherheit so streng: Sie erlaubte es, sorgfältig auszuwählen, wer hinein kam – und wer erzählen durfte, was sich darin abspielte.

Sie lächelte, falsch übrigens, denn so etwas erkenne ich, und zögerte einen Augenblick. Schließlich sagte sie aber:

„Bei mir hat ein hübscher Augenaufschlag gereicht, um rein zu kommen.“

Ich zwang Johann zu dem mitleiderregendsten Lächeln, dessen er fähig war. Zaghaft holte ich den Bund an Eisenschlüssel aus meiner Innentasche und warf einen flüchtigen, fast scheuen Blick zum Tor zurück. Ich löste mich von Therese und trat an das Eingangsportal vor uns. Eine kleine Treppe mit vielleicht einem dutzend breiter, niedriger Stufen führte vom Kopfsteinpflaster empor.

Therese zögerte an ihrem Fuß. Ihre Augen weiteten sich, eine Spur nur. Sie sah hinüber, folgte meinem Blick zum Eisentor, an dem der Türsteher in seiner schändlichen Uniform noch wartete, dann wieder zu mir. Gut sichtbar wechselten in ihrem Kopf verschiedene Gedanken ab, die sich in den feinen Muskeln um ihre Augen verrieten. Ich erkannte Gier, nach neuem und nach Luxus, den ich implizierte. Hoffnung einen echten Ritter gefunden zu haben, Angst vor dem Unkontrollierbaren. Und die Lust, ein Risiko einzugehen, um ihren Träumen doch einmal nachzujagen. Nur ein einziges Mal die Dinge selbst in die Hand zu nehmen.

Die Gier gewann, sie sprang hinter mir die Treppen hoch und folgte mir in die Eingangshalle der ehemaligen Kirche.

Die Luft im Inneren stand. Sie roch schwach nach Weihrauch, nach Alter und Ehrfurcht. Der Innenraum erinnerte noch immer an das Gotteshaus, das er einst beherbergt hatte. Die Bänke für die Theaterbesucher waren noch immer die selben harten Kirchenbänke, auf denen früher Gott und heute dem Exzess gedacht wurde. Nur das Chorgestühl war fortgeschafft und durch weitere Bänke ersetzt worden, die meisten Bilder von Heiligen und die Kreuze entfernt worden.

Durch die bunten Fenster fiel Mondlicht gefiltert und eingefärbt auf die „Bühne“ in die der Altarraum verwandelt worden war. Ich zog meine Begleitung zur Seite, wo direkt in den dicken Mauerstein die Treppen eingelassen waren, die nach oben führten. Zu den Galerien.

Dort oben in luftiger Höhe waren die privaten Kabinen auf einer weiteren Etage eingezogen worden. Sie wollte ich Therese zeigen, nicht die nackten, offenen Theatersitze.

Wir gingen hinein in eine von ihnen. Die Kabine des Direktors, wie das Messingschild an ihrer Eingangstür erklärte.

Die Ausstattung war exquisit, wenn auch etwas angestaubt. Seidenbezogene Sitzbänke, samtene Vorhänge und in der Wand ein integrierter Eisschrank – ein altmodischer ohne Elektrik.Vorne war sie von der steinernen Brüstung begrenzt, die die ursprüngliche Galerie der Kirche gebildet hatte. Therese beugte sich darüber, lehnte den Oberkörper aus dem Logenraum hinaus.

Unter der Galerie hingen die Scheinwerfer und andere Beleuchtungselemente. Sie waren derart auf die Bühne und den Innenraum gerichtet, dass sie jeden Blick nach oben blendeten.

Niemand konnte in diese Kabinen hinein sehen, aber der Zuschauer hatte von dort den perfekten Blick auf die „Bühne“ unter sich, auf den ehemaligen Altarraum.

Erst vor wenigen Monaten war dort unten ein Mensch gestorben, erinnerte ich mich. „Der lebende Tod“ war aufgeführt worden, das erste und einzige Mal. Dort auf dem noch immer mitten auf der Bühne stehendem Altar hatte man den todkranken Künstler gebettet – und die zahlenden Gäste dazu eingeladen, ihm beim Sterben zu beobachten. Den genauen Augenblick abzuwarten, da er sein Leben aushauchte.

„Wer kann sich solche Sitze leisten?“, fragte sie. Ihr Blick war fixiert auf das übergroße Altarbild in nur wenigen Metern Entfernung. Es hätte in ein kunsthistorisches Museum gehört, aber das Guignol hatte eine bessere Verwendung dafür. Eine ästhetischere.

Ich ging zum Eisschrank hinüber und machte uns Getränke. Ihres panschte ich. Sie brauchte einen klaren Kopf, ich den Mut, mich selbst zu vergessen.

„Direktoren“, sagte ich, „Bankiers, Präsidenten, Produzenten…“

Therese wirbelte herum, machte große Augen.

„Welche?“, fragte sie atemlos.

„Bleibt geheim. Diskretion ist im Preis inbegriffen.“

Sie zog die Mundwinkel nach unten, verschränkte die Arme.

„Ich schätze“, sagte sie, „Verschwiegenheit ist hier sehr wichtig. Nicht auszudenken was wäre, wenn einer der Namen der ehrenwerten Herren aus der Politik an die Öffentlichkeit käme… man hört ja so allerlei darüber, was hier vor sich geht.“

Ich lächelte. Gründliche – und unverhältnismäßig routiniert – Durchsuchungen der Behörden nie etwas anderes zu Tage gefördert hatte als geschmacklose Requisiten, ein Sortiment an verkommenen Subjekten im Theaterraum und leere Logen. Aber vielleicht gerade deswegen hielten sich hartnäckig diverse Gerüchte.


„Ich halte es für sehr verständlich, bei einigen Dingen nicht beobachtet werden zu wollen“, sagte ich und bot ihr ein Glas an. Sie war mir ganz nahe, als sie annahm, rutschte ein wenig näher an der Brüstung zu mir. Ihre Hand legte sich einen Moment auf meine, als sie das Glas annahm.

„Was könnte man dentun, das so dringend vor den Augen und Ohren der Öffentlichkeit geheim gehalten werden muss, dass man derartig obszön viel Geld bezahlt?“

Ein Grinsen breitete sich auf meinem Gesicht aus. Es kam ganz natürlich, selbst wenn es das jugendliche Grinsen von Johann war.

„Obszönitäten“, sagte ich.

Therese beugte sich wieder über die Brüstung, eine ihrer schlanken Hände auf den kühlen Stein abgestützt. Als sie sich umdreht, streifte mich kurz ihr Rock.

„Gut, ich schätze von den Bänken unten sieht man nicht, was hier oben passiert“, sagte sie und dachte nach. „Aber

Ich legte vorsichtig eine Hand auf ihren Rücken, recht weit oben. Sie sagte nichts. Ihr Herz raste in ihrem Brustkorb, ich spürte es eben.

„Aber man hört sie“, sagte ich. „Sie und die Frauen, die sie ihr hochnehmen. Manchmal die Männer. Ich glaube manchmal, man hört sie bis nach draußen und nur deswegen ist es den Leuten so ein Dorn im Auge. Nicht wegen der Stücke – die provokant sind und extravagant und regelmäßig genug verboten werden – hassen die Langweiler das Guignol. Sondern weil man hier Dinge tut, die sich einfach nicht gehören.“

„Zum Beispiel?“, fragte sie, atemlos. Sie sah mich nicht an. Das Haar fiel ihr über das Gesicht, aber ich wusste, dass sie rot wurde. Wenn ich jemanden nur genug beobachtete, bekomme ich leicht ein Gefühl für ihre Knöpfe. Dafür, was sie reizt.

Und Therese reizte der Gedanke all der Schandtaten, die hier in den letzten Jahrzehnten geschehen waren.

Ich grinste Johanns jugendliches Grinsen, rückte ihr ein wenig näher. Unsere Hüften berührten sich, stießen an den Hüftknochen aneinander.

„Nun. Die offensichtlichen Sachen“, sagte ich. „Sex. Manchmal ein wenig mehr als das. Manchmal…“

Meine Hand wanderte ihre Bluse hinauf, bis zu ihrem Nacken, von dem ihr Haar gerutscht war und den sie mir und aller Welt präsentierte. Mit den Fingerspitzen zog ich seine Kurven nach, strich über ihre rosige Haut, lauschte ihrem Atem.

„Manchmal tun sie unaussprechliche Dinge hier oben, über die niemand bei Licht sprechen sollte. Dinge, die du dir gar nicht vorstellen könntest.“

Ich hörte, wie hinter uns die Tür aufging. Leise hörte ich es Knarren. Ich bemerkte es nur, weil ich darauf gewartet hatte. Sie an meiner Seite hatte es nicht gehört.

„Vielleicht sollten wir dann bei Zwielicht darüber reden“, schlug sie vor.

Ich löste mich von ihr, langsam. Ich wollte sie weiter berühren, so wie ich seit Wochen nicht berührt worden war. Die Erlösung meiner Sucht, der nächste Schuss, war zum greifen nahe. Ich musste nur das Licht lin der Kabine löschen

Aber ich spürte diese Präsenz hinter mir, die dort ungeduldig wartete, die mich mit ihren Blicken durchbohrte.

Meine Regieanweisung, mein „ab“.

Wortlos drehte ich mich um und ging hinaus. Ich schloss die Tür zur Loge hinter mir und sank davor nieder. Zwar würde niemand daran rütteln, doch mein Körper blockierte jeden Weg nach draußen – bis auf den Sprung über die Galerie. Und darauf folgte ein Sturz von gut fünf Metern auf kalten Stein.

Ein Schrei schnitt mir durch Mark und Bein. Einer, der Fay Wray oder Paula Maxa Ehre gemacht hätte. Er hallte durch den Altarraum, wurde von den ohnmächtig hinabblickenden Säulen und Statuen und Bildern zurück geworfen.

Ich verschloss Augen und Ohren davor. Es war leicht. Ich hatte es die letzten Male so getan, tat es jeden Monat, alle vier Wochen, wenn meine Sucht zu groß wurde. Wenn ich merkte, dass ich unruhig wurde und dass mein Körper verfiel und mich meine Kräfte verließen.

Ich hatte Übung darin.

Aber was danach kam… was folgte, würde unerträglich werden. Wenn es so leise geworden war, dass ich mit meinen eigenen Gedanken alleine war. Und mit den Geräuschen, die aus der Loge drangen.

Mit denen, die den eigentlichen Grund für den infamen Ruf des Guignol ausmachten. Die nur am Rand der Nacht gehört wurden von einigen Unglücklichen, über die nie gesprochen wurde und von denen doch alle wussten.

Ich zitterte und starrte auf den Boden vor mir und schwieg meine Gedanken an, bis ich wieder in die Kabine gerufen wurde.

Isabelle. Demoiselle d‘Ombrage. Sie saß im Sessel des Direktors – des scheinbaren Direktors, der nur eine schöne Fassade für die Welt dort draußen war – und tupfte sich mit einem Tuch die Mundwinkel.

„Eine schöne Stimme“, sagte sie, ohne sich nach mir umzudrehen „hätte es zu etwas bringen können. Nicht bei uns, natürlich, aber in Amerika vielleicht.“

Ich tat mein bestes, die blutleeren Augen zu ignorieren, die aus dem anderen Sessel heraus starrten. Ich hätte sie nicht ertragen.

Die Demoiselle knüllte ihr Taschentuch zusammen, warf es mit spitzen Fingern auf den anderen Sessel herüber. Dann lockte sie mit ihren Fingern nach mir.

Ich folgte ihrer Geste mit traumgleichen Schritten, hatte nur Augen für sie, die leuchtete und mit jedem Jahr jünger aussah, ewiger, als ich neben ihr auf die Knie ging.

Dann erhielt ich meine Belohnung von ihr, nach der ich mich Monat um Monat sehnte, die meinen Körper jung und mein Gesicht formbar hielt:

Ein Scherflein des Lebens, das sie so eben der jungen Therese gestohlen hatte.

Jedermann – Teil II: Ein unscheinbares Abendessen

Den Tag meiner Verabredung verbrachte ich in kindlicher Vorfreude. Sie hatte noch nicht geantwortet, aber ich war mir meiner Sache so sicher, dass ich den gesamten Morgen schon mit Vorbereitungen zubrachte. Ich probierte sicher ein halbes Dutzend verschiedener Hemden, Westen, Sakkos und Hosen aus, kombinierte und verwarf sie wieder. Zu aufdringlich, zu bemüht, zu sportlich, zu selbstbewusst.

Letztlich gewann ein unscheinbarer Trenchcoat mit weißem Leinenhemd darunter, eine braune Chino und gleichfarbige Lederschuhe.

Johann war der Typ für so etwas. Ich sah mir als Entscheidungshilfe noch einmal meine Fotographien von ihm an, meine Notizen zu ihm. Sie zeigten mir alle den selben Stil: Wenig Aufwand, immer betont unaufgeräumt und strubbelig. Trotzdem verriet die Markenauswahl ein gewisses Gespür. Drykorn, Beaufort. Zugegeben war das mein Verdienst, der echte Johann hatte immer Billigklamotten von H&M oder dem Flohmarkt getragen. Ich hatte da eine bessere Nase für. Kleider machten Leuten oder sie halfen wenigstens dabei.
Sie jedenfalls würde das Outfit schon richtig auffassen, da machte ich mir wenig Sorgen. Eher noch würde ihr das Gesicht auffallen. Ich saß zwar sicherlich drei Stunden daran, hatte Johanns hohe Stirn, die fliehenden Wangenknochen und das strohblonde Haar nachgebildet. Aber obwohl ich bereits einige Male in seine Haut geschlüpft war, waren mir die ersten Versuche an diesem Tag völlig misslungen.

Selbst nach dem vierten Anlauf hatte ich noch seine Augenfarbe nicht richtig hinbekommen und musste einmal mehr meine Fotos von ihm, letztlich sogar Kontaktlinsen zuhilfe nehmen. Auch dann noch dauerte es zehn Minuten, bis ich die Dinger eingesetzt hatte. Allem Gefluche zum Trotz war es weniger anstrengend, als weitere Detailveränderungen an meinem eigenen Fleisch.

Das Verkleiden fiel mir an den besten Tagen schon schwer genug, auch ohne die Entzugserscheinungen. Außerdem ließen Kleinigkeiten sich ganz gut mit Schminke und Linsen imitieren, oder mit Haarfärbemittel.

Je näher der Ausgangszustand dem gewünschten Resultat war, desto besser, also griff ich zu Kosmetik. Für Leute wie mich ist die moderne Schönheitsindustrie ein Segen.

Das waren die äußerlichen Dinge, diejenigen, auf die es die meiste Zeit ankam. Um aber in jedem Falle erfolgreich zu sein, ging ich weiter.

Mehrmals zog ich mein schlaues Büchlein zu rate. Ein rotes Notizbuch mit flexibler Bindung, unscheinbar, aber trotzdem gut versteckt unter der losen Diele unter meinem Bett, zusammen mit dem Telefon und einer Reihe von Andenken. Ich hatte eine Vielzahl von Fotos und Zeichnungen darin eingeklebt, von Bemerkungen zum Kleidungsstil gewisser Personen, wie sie sich benahmen, wie sie sprachen. Es half mir dabei, mich ganz in meiner Rolle aufzugehen, wirklich ein anderer zu sein. Gewissermaßen war es mein Figurenkabinett.

Johann Schmied war eine der Gestalten darin.

Es war seine Stimme, mit der ich nachmittags den Anruf meiner Verabredung entgegen nahm.

„Therese!“, sagte ich, „Wie schön, von dir zu hören. Ich habe mich schon gefragt, ob du mir noch antworten würdest.“

Sie antwortete mit einer Spur von schlechtem Gewissen. Ich hätte nicht sagen können, ob es gespielt war oder nicht.

„Entschuldige bitte, ich habe einfach die Zeit vergessen. Hast du…“

„Schon jemand anderen gefunden? Ja.“

Kurze Pause. Dann ein Lächeln.

„Aber niemanden, den ich nicht versetzen könnte.“

Vorsicht, Johann, dachte ich. Nicht zu dick auftragen.

Sie lachte und mein Lächeln wurde ehrlich bei diesem Geräusch.

„Acht Uhr?“, fragte sie.

„Ich werde dich abholen“, sagte ich.

„Prima.“

„Ich freu mich.“

„Ich mich auch“, sagte sie.

Ich legte mit einem breiten Grinsen auf. Das selbe, das mich von einem Jugendfoto von Johann anstrahlte.

Fünf Minuten vor acht Uhr stand ich vor ihrer Tür, klingelte und wartete auf dem Gehweg.

Es gab keinen Grund, pünktlich zu sein… Sie würde ohnehin modisch spät herunter kommen. Aber früher da sein hieß, sie etwas unter Druck zu setzen. Sollte sie ruhig ein paar Minuten gehetzt durch ihre Wohnung rennen und deswegen noch länger brauchen. Ich würde angemessen zermürbt und ungeduldig erscheinen. Und mir die allergrößte Mühe geben, mich für diese Ungeduld zu entschuldigen.

Gut zwanzig Minuten später hörte ich es im Hausflur knallen. Kurz darauf ging das Licht an. Ich zündete mir eine Zigarette an, Marke Lucky Strike, und ließ ihr die Zeit, mich einen Augeblick heimlich aus dem Hauseingang zu betrachten, während ich nervös auf die Uhr zu sehen vorgab.

Ich rauchte eigentlich nicht und wenn dann JPS. Aber Johann rauchte schon immer mehr, um cool zu sein. Er war abhängiger vom Äußeren als dem echten Geschmack, sogar fixiert auf möglichst wenig Teer und Nikotin und lange Rauchbarkeit. Elektronische Zigaretten lehnte er nur deswegen ab, weil in den alten Noir-Filmen alle echten Tabak rauchten.

Hinter mir öffnete sich die Tür. Als ich die Klinke hörte, warf ich einen verstohlenen Blick aus den Augenwinkeln, tat überrascht und gab mir größte Mühe, die halb gerauchte Zigarette mit schuldbewußtem Lächeln verstohlen wegzuschnippen. Therese zog eine Augenbraue hoch, lächelte verächtlich und sagte nichts.

Ich unterwarf mich ihr trotzdem.

„Irgendwie musste ich die Zeit ja rumbringen“, sagte ich. „Lass mich weniger allein, dann rauche ich weniger.“
Sie schmunzelte und umarmte mich zur Begrüßung.

„Vielleicht. Wenn du dich benimmst.“

Ich warf einen kurzen Blick an ihr herunter. Sie war jung. Sehr viel jünger als ich, drei oder fünf jünger als Johann, und hatte alle Selbstsicherheit einer Frau, die es bislang nur mit kleinen Jungs zu tun gehabt hatte. Sie trug hohe Lederstiefel, deren oberes Ende von einem langen, enganliegenden Mantel verdeckt wurden. Dezentes Make-Up, allerdings mit Rouge auf den Wangen. Die Hände hatte sie um ihre Handtasche geschlungen, obwohl es noch recht kühl war und ich meine bereits in den Manteltaschen vergraben hatte.

Mein Lächeln wurde ehrlicher. Ihre Aufmachung bestätigte meinen ersten Eindruck von ihr: Ein gelangweiltes Mädchen mit Spieltrieb. Eine, die gern Katz und Maus spielte, solange man sie die Katze sein ließ.

Was für ein Glück, dass ich ihr genau diesen Eindruck geben wollte.

„Gut schaust du aus“, sagte ich und bot ihr meinen Arm an.

„Und das trotz unerträglicher Hetze von gewissen Leuten“, sagte sie und hakte sich ein.

Ich konnte sehen, wie ihr Blick dabei für einen Moment an mir herunterglitt. Nicht weit, aber doch vom Gesicht bis zur Brust. Ich hatte, ich gestehe, etwas geschummelt. Johann war eigentlich etwas kleiner und breiter, seine Nase platter und seine Haut grobporiger gewesen, als meine Verkleidung jetzt. Und ich hatte einen Teil meiner Statur beibehalten. Hauptsächlich die schlanken Muskeln.

Nun, Therese kannte den echten Johann nicht, also würde ihr kein Unterschied auffallen. Ich aber hatte gewisse Ansprüche, vor allem an mich selbst.

Außerdem verbesserte es meine Chancen deutlich. Mein Typ wäre er zwar nicht, aber das Feldmäuschen würde ihn kaum von der Bettkante schubsen. Tatsächlich konnte ich an der Art, wie sie eine Spur zu lang auf dem delikaten Nacken hängen blieb erkennen, dass ich ihren Geschmack einigermaßen getroffen hatte.

Die eigentliche Frage war nur: Warum ging sie mit einem Typen wie mir aus?

„Ich kann es eben nicht erwarten, dir meine guten Neuigkeiten mitzuteilen“, entschuldigte ich mich und hielt ein Taxi an. Ich öffnete ihr die Tür und ließ sie einsteigen.

„Dann raus damit“, sagte sie, „ich bin schon ganz gespannt.“

„Kantstraße“, sagte ich zum Fahrer und schloß die Tür hinter mir. Dann, zu Therese: „Später. Eine solche Nachricht braucht die richtige Atmosphäre. Eine feierliche. Nach dem Essen.“

Ich lächelte, als ich ihren bohrenden, etwas giftigen Blick sah.

Neugier war schließlich noch aller Katzen Tod.

Das Abendessen war weniger ein Vorspiel und mehr Spießrutenlauf. Lang und qualvoll und nicht annähernd schnell genug vorbei. Ich hatte aus meinem Fehler bei unserer ersten Begegnung, als ich noch nicht das Gesicht von Johann Schmied trug, gelernt. Sie wollte nicht beeindruckt sondern wahrgenommen werden. Und jetzt bezahlte ich den Preis dafür.

Ich sah zwar nicht auf die Uhr, aber ich ertappte mich mehrmals dabei, wie meine Gedanken von ihr abwichen. Wie sich wieder Zweifel in mir ausbreiteten. Was, wenn ich es vermasselte? Wenn ich weiter so dahin siechen würde, wie in den letzten Tagen. Irgendwann wäre ich gezwungen meiner Sucht nach Nähe, nach Menschen, auf anderen Wegen nachzugehen. Ein Gedanke, den ich nicht ertrug.

Sie war meine erstbeste und auch letzte Chance für diesen Monat.

Zu schade, dass sie sich nicht nur langweilig gab, sondern es auch war. Ihre Geschichten, die sie über ihrem zerbratenem Steak und Salat wie eine zerbrochene Spieluhr herunter leierten, drehten sich nur um das eine. Ihre Meinung. Über Arbeit, warum ihr Chef sie nicht ernst nahm, ihre Kollegen Schweine waren, in welcher total angesagten Stadt sie in zehn, fünfzehn Jahre wohnen wollte. Idealerweise natürlich in Kalifornien, von deren Leuten und deren Mentalität sie einem eine halbe Stunde das Ohr abquatschte.

Ich lächelte und nickte und warf einige clevere Bonmots ein, war aber nicht recht bei der Sache. Ihr Charakter war ordinär, fast gewöhnlich. Ich hatte Dutzende wie sie durch die Stadt kommen sehen. Anziehend, wenn man sie das erste mal singend oder tanzend sah und sie den Mund in Ekstase verschlossen hielt, worauf die Partys mit ihren Freundinnen oft genug hinaus liefen. Und ich hasste Amerika, also konnte ich nicht viel mehr zu unserem Gespräch beitragen, als Bewunderung für ihren Antrieb und ihre Ambitionen vorzutäuschen. Immerhin erfuhr ich, weswegen sie sich für mich interessierte: Sie wollte Schauspielerin werden. Ich machte eine geistige Notiz, um meine guten Neuigkeiten, wegen derer ich Sie ja eingeladen hatte, entsprechend anzupassen.

In Wahrheit waren mir ihre Träume gleichgültig. Es kam in meinen Augen auf die Opferbereitschaft an, diesen Ambitionen nachzugehen. Von ihr hörte ich während des gesamten Essens nichts davon. Nur von den selben leeren Träumen, wie hunderte hübsche Mädchen sie mir in den letzten Jahrzehnten gebeichtet hatten.

Das machte sie langweilig. Es ließ mich an meiner Urteilskraft zweifeln.

Ich durchlief seit einigen Jahren eine Medikation, bei der mir Weißwein, rotes Fleisch und Innereien untersagt waren – eine Schande, da Rinderleber mein liebstes Gericht war. Daher war ich an diesem Abend auf Fisch ausgewichen, als Getränk einen Gin Tonic. Bis ins letzte langweilig, ja, aber passend zu meiner Rolle. Es war ein Vorwand, eine Ausrede. Normale Nahrung ekelte mich an diesem Abend so sehr wie mein Frühstück zwei Tage zuvor. Trotzdem nahm ich sie zu mir. Es war eine widerliche Erwartung, der ich aus Anstand nachgab. Wer zum Essen einlud, der musste auch essen. Selbst wenn es grässlich schmeckte und roch.

Ich kann nicht genug die Arbeit betonen, die mir Johann Schmied bereitete. Tief drinnen war er ein ebenso langweiliger, unaufgeregter Klotz wie sie. Ob sie es wusste… Vielleicht, aber ich glaube nicht. Ich gab mir große Mühe, ihm eine Spur von Geheimnis zu verleihen, ein gewisses Etwas, das versteckte Tiefe andeutete. Diese subtile Brechung in Johanns Charakter dürfte ihr kaum verborgen geblieben sein – ansonsten hätte sie das wohl abgeschreckt oder jedenfalls in ihrem Selbstbild der Königin, die sich den strahlenden Ritter unterwirft, beschädigt.

Doch wenn ich ehrlich war, hatte ich diesen Aspekt seines Charakters vorwiegend für mich angelegt. Wohl in weiser Voraussicht, denn es bereitete mir unendlich mehr Freude, jede Antwort, jeden Satz und Witz auf diese verborgene Tiefe Johanns hin anzulegen, als das Abendessen mit ihr es je gekonnt hätte.

Ich fieberte dem Moment entgegen, da meine sorgfältig den ganzen Abend über konstruierte Lüge geprüft werden würde. Der Moment, in dem Therese darüber urteilen würde, ob meine Rolle ihr Lob finden würde.

Nachdem sie mit ihrem Essen fertig war und ich aufgehört hatte, mir totes Meeresgetier hinunter zu zwingen, konnte sie ihre Neugier nicht länger beherrschen. Sie orderte einen weiteren Rotwein vom Ober – Grünspan, ein Mann unmäßigen Alters, den ich bereits seit einigen Jahrzehnten recht gut kannte – und bestand darauf, den geheimen Grund meiner Einladung zu erfahren.

„Also, Johann“, sagte sie und lehnte sich in ihrem Jugendstilsitz zurück. „Ist dir die Atmosphäre jetzt passend und feierlich genug oder willst du mir weiterhin die guten Neuigkeitent vorenthalten?“

Für einen Augenblick schwieg ich. Ich überlegte, ob ich rauchen sollte, entschied mich aber dagegen. Stattdessen schmunzelte ich und hielt ihren Blick noch ein wenig länger aus. Sie hatte den gesamten Abend darauf gelauert, mir diese Frage zu stellen. Ich wusste es. Und ich wäre nicht ich, wenn mir die Neugier einer Frau nicht wenigstens etwas schmeicheln würde.

„Ich habe endlich eine feste Stelle“, sagte ich. „Regieassistent im Guignol.“

Das Schweigen zwischen uns war so tief, dass ich ihren Herzschlag hämmern hören konnte. Wie ihr Herz in ihrer Brust raste. Sie sah mich weiterhin an, auch wenn in ihre Augen ein Zug trat, den ich von ihr nicht erwartet hätte: Gier. Oder eher noch der Jagdtrieb, den eine echte Katze besaß. Eine, die nicht nur gespielt war. Es war der interessanteste Zug, den sie den ganzen Abend über gezeigt hatte. Ich hätte nie gedacht, dass unter der gelangweilten Fassade doch noch ein paar Raubtierinstinkte lagen.

„Das Grotesque Guignol?“, fragte sie.

„Kennst du noch ein anderes?“

Eine dumme Frage, für die ich sie einen Stich von Hohn spüren ließ. Sollte sie für einen Augenblick gereizt werden. Das würde ihren vermeintlichen Triumph über mich nur umso süßer machen für sie. Umso verlockender.

„Ich wusste gar nicht, dass du dich für solche Sachen interessierst.“ Sie zögerte, ihre Augen huschten zu den Nebentischen. Dann schob sie nach: „Ich wusste gar nicht, dass das Guignol Leute einstellt.“

Ich zuckte mit den Schultern. „Sie heuern nicht wirklich an. Aber ein Bekannter von mir war Fotograf bei einigen Veranstaltungen dort, das hat mir weitergeholfen.“

Nur eine halbe Lüge. Ich lächelte und ging darüber hinweg.

„Ich bin beeindruckt.“

Dieser Satz von ihr ließ mich innehalten. Ich hatte nicht damit gerechnet, ihn je von ihr zu hören, nicht in dieser Deutlichkeit.

„Danke“, sagte ich. Mein Lächeln wurde eine Spur ehrlicher. Ich bekam gerne Komplimente. Sie bedeuteten, dass meine Lüge glaubhaft war und gefiel.

„Ehrlich gesagt habe ich selbst gar nicht damit gerechnet. Ich meine… Es ist so ein exklusives Theater. Natürlich schreibt man und veröffentlicht und hofft, eines Tages auch dort einmal seine Stücke aufführen zu dürfen, aber…“

Ich lachte. Affektiert und ein wenig verschüchtert. Als wäre es keine große Sache. Oder eher noch: Als wäre es eine sehr große Sache, die mir peinlich wäre in ihrer Größe.

„Aber du bist dann doch überrascht, wenn deine Träume in Erfüllung gehen?“, fragte sie.

„Ein wenig“, sagte ich und blickte in mein Weinglas. „Von manchen Dingen sollte man lieber nicht träumen. Das Guignol… Es sind so viele großartige Leute dort, ich weiß nicht, ob ich dort hinein passe. Der Direktor ist ein Genie. Muss er sein, sonst wäre das Guignol nicht so berüchtigt.“

Als ich aufsah, bemerkte ich ihren Blick. Ihre grünen Augen waren hypnotisch, sie fixierten mich. Es lag eine Gier darin, mich zu benutzen, um ihren eigenen Zielen näher zu kommen. Sie erregte mich mit diesem Blick mehr als all ihr verschüchtertes Spiel der letzten Stunde.

Ich konnte die Frage hören, die darin mitschwang. Die Aufforderung, der ich mit Freuden nachkommen würde.

„Ich bin noch nie dort gewesen“, sagte sie.

Ich lächelte. Sie hatte meinen Köder mitsamt des Hakens gefressen.

Jedermann – Teil I: Ein netter Kerl

Ich fühle mich schlecht. Als hätte ich seit einigen Tagen nichts gegessen und meine Magensäfte würden sich über mein beschädigtes, schwächliches Gedärm hermachen. Eine Art von Sodbrennen, glaube ich, obwohl kein Arzt in den letzten Jahren mir etwas dazu sagen konnte. Die meisten hielten mich sogar für gesund.

Ich weiß es besser als sie.

Mittlerweile habe ich mich an das Gefühl gewöhnt. Es kommt alle paar Wochen, kündigt sich langsam an. Erst durch Unruhe, dann Konzentrationsschwäche. Ich kann dann an keiner Frau vorbeigehen, kein Parfum riechen, ohne einige Stunden zu phantasieren. Meine Gedanken beginnen sich um Wildfremde zu drehen, die mich nicht kennen und nichts mit mir zu tun haben wollen. Wie schweißgetränkte T-Shirts klebt ihre Anziehung dann an mir, lässt mich nicht los.

Ich muss sie dann haben. Sie müssen mich rein waschen, den Schmutz von mir abkratzen, mir die dreckige Fleischeshülle mit ihren roten Fingernägeln von der Seele ziehen.

Das ist weniger schaurig, als sie vielleicht denken. Ich schleiche denen nicht hinterher, überwältige und zerre sie nicht in eine dunkle Gasse, um mich zu befriedigen. Es ist keine Geilheit, die mich gepackt hält, sondern Hunger. Freier Wille ist mir sehr wichtig. Jeder meiner Partner hat sich mir freiwillig hingegeben und wollte mich ebenso sehr erlösen, wie ich erlöst werden wollte. Manche wollten es sogar noch mehr als ich, aber das waren die besonders gestörten Exemplare.

Vorwürfe mache ich denen aber auch nicht.

Warum auch? Mein Geschäft sind Träume und die verkaufe ich teuer. Ich bin ein Mann von Welt, manchmal auch ein Allerweltsmann. Ich kann der Mann ihrer Träume sein, wenn sie das wollen – genau so groß und genau so geformt, wie es ihnen gefällt. Ob ich intellektuell oder bodenständig oder meinetwegen schmierig erscheine, das Leben ist nur eine Maske für mich, eine Verkleidung, die nach meinem eigenen Geschmack auswähle.

Nur dass ich sie tragen muss, das habe ich mir nicht ausgesucht.

Diese… ich zögere, es Krankheit zu nennen, denn mein Leben ist nicht weniger erfüllt, mein Körper nicht schwächlicher, mein Geist nicht gefesselter dadurch. Viele meiner flüchtigen Bekanntschaftn haben solche Ticks, die sie in weit größerem Maße einschränken und zu bestimmten Verhaltensweisen zwingen. Nur heißt es dort eben Hobby, Steckenpferd oder Spleen.

Mein Dasein ist durch diese Kondition verändert, aber nicht behindert. Anders als bei den meisten anderen Suchtkranken.

Nun, meine Sucht sind die Frauen. Ihnen widme ich meine Zeit, Energie und ganze Aufmerksamkeit. Daran kann ich nichts schlechtes finden.

Es ist eine Sucht, der ich mich gerne hingebe. Sie füllt das Loch in mir, dass sich alle paar Wochen öffnet. Wenigstens für einige Zeit geht es mir gut, nachdem ich eine Frau verführt habe. Dann kann ich mich wieder im Spiegel ansehen, kann das Haus verlassen, ohne mich widerlich und klein zu füllen.

Dieses Gefühl kommt erst am Ende des Monats wieder. So wie heute.

Die erste Woche nach einem Erfolg bei einer Frau fühle ich mich gut. Beinahe wie ein Mensch, wie ein normaler Mann. Nicht, weil ich meine Männlichkeit unter Beweis gestellt habe, sondern weil die Sorgen für einen Augenblick aufhören. Weil ich für ein paar Tage die Zuversicht finde, aus dem Bett zu kommen.

Nach zwei Wochen sind es nur leise Zweifel, die sich ankündigen. Es sind die Makel an mir selbst, die mir im Spiegel auffallen – die Falten um die Augen, das grauer und grauer werdende Haar. Wenn mich die Blicke von Fremden in der Bahn streifen, besonders die von jungen Frauen, glaube ich, dass sie mein Geheimnis kennen. Dass sie mich verlachen.

In der dritten Woche kommen die Schmerzen dazu. Die Kopfschmerzen, die an mir nagen, die innere Unruhe. Ich bin dann wie ein roher Nerv, der bei jeder Berührung zuckt.s

Die letzte Woche dieses unausweichlichen Rhythmus‘ meines Lebens, die vierte, ist die schlimmste. Ich kann mir dabei zusehen, wie ich vergehe, wie ich wie eine gepflückte Blume verrotte. Mein Fleisch wird fahl und ich erschlaffe. Ich kann fühlen, wie das Leben aus mir schwindet, wie meine jugendliche Kraft vergeht.

Für meine Sucht gibt es keine Therapie: Ich bekomme meinen Fix oder ich gehe ein.

Und ständig kreisen meine Gedanken um diese eine Frage, die ich nicht zu stellen wage und die der Mittelpunkt meines Lebens geworden ist: Was, wenn ich es nicht noch einmal kann?

An allen Tagen dieser Woche ist mir schlecht. Ich bin schweißgebadet und schlafe nicht mehr. Etwas reißt mich alle paar Stunden aus dem Schlaf. Womöglich ist es ein Alptraum, vielleicht der eine. Der, der immer wieder kommt. Ich weiß es nicht, weil ich mir meine Träume seit Jahren nicht mehr merken kann. Sie sind zu mühsam, zu ermüdend in der unendlichen Kombination ihrer immergleichen Elemente. Also vergesse ich sie.

Ich weiß nur, dass ich mich leerer fühle, je länger ich im Bett liege. Ein bisschen leblos, als hätte mein Magen sich schon aufgelöst und einen Teil meiner Seele mitgenommen. Nicht, dass ich an die Seele glaube, aber meiner Übelkeit gehört eine größere Qualität als das rein organische an. Es sind mehr als nur aufwallende Säfte, die mich in Nöte bringen.

Wenn das Ziehen in meinen Innereien unerträglich wird, stehe ich auf.

Mein Müsli schmeckt verdorben, obwohl ich es gestern erst gekauft habe. Ranzig irgendwie, als hätte sich ein unsichtbarer Schimmel darin ausgebreitet. Ich weiß, dass mit dem Essen alles in Ordnung ist, dass es jedes Mal und wiederkehrend nur meine Einbildung ist… aber ich ertrage es trotzdem nicht. Also gehe ich an den Gasherd und mache Spiegeleier mit Speck, das Eidotter noch flüssig und das Schwein triefend im eigenen Fett. Alles ist völlig überwürzt, aber so schmeckt es wenigstens nicht nach Verwesung.

Meine Küche ist grauer geworden über Nacht. Ein dünner Film hat sich über alles gelegt, wie Gaze. Als ich das Fenster zum Hof öffne, zieht warme Luft in mein Appartement und saugt allen Dunst und Nebel heraus. Das Grau bleibt.

Auch Wohn- und Schlafzimmer haben diese Farbe angenommen. Die Drucke von Van Gogh und Cezanne über meiner Couch sind leblos, starr. Ich sehe in ihnen keine leuchtenden Farben, keinen schöpferischen Umgang mit der eigenen Wahrnehmung mehr – nur noch die körperlichen Gebrechen, die zu dieser Wahrnehmung geführt haben. Vincents Bleivergiftung und seine geschwollenen Netzhäute starren mich aus den Bildern an, sonst nichts.

Unruhe begleitet mich den ganzen Tag, den ich zuhause verbringe. Eingesperrt mit mir und meinen Gedanken.

Dann, endlich, klingelt mein Telefon. Nicht das, das ich mit zur Arbeit und auf Verabredungen mitnehme. Das unter meinem Bett in der kleinen Schachtel, die ich unter den Diehlen verberge.

„In zwei Tagen“, sagt die Stimme atemlos. Bei ihrem Tonfall stellen sich mir die Härchen auf, als würde sich eine Hand auf meinen Nacken legen. Sie wartet nicht auf eine Antwort, das tat sie nie. Aber diese Worte befreien mich aus meiner Lethargie.

Ich kann meine Sucht befriedigen, in zwei Tagen. Man wird mir die Mittel dafür geben, wenn ich den Preis bezahle.

Der besagte Tag würde ein Mittwoch sein. Nicht die beste Zeit für meine Jagd, aber sie duldete wenig Aufschub. Schon bis dahin zu überstehen, würde Kraft kosten. Ich fühlte mich verfaulen und alleine den Anschein einer gewöhnlichen Fassade aufrecht zu halten, strengte mich an.

Zum Glück hatte ich bereits jemanden im Auge. Ein Mädchen, das ich einige Male getroffen hatte. Zufällig mehr und gerade vor ein paar Tagen erst. Ich hatte überlegt, die üblichen paar Tage zu warten, das Mädchen erst zum Wochenende hin anzurufen. Es vorher in einer anderen Gestalt auszuhorchen. So spielte ich gern, langsam und von vielen Seiten, um alles über sie zu wissen. Es war ein Zeitvertreib, aber ein schöner, sie so aus der Ferne zu beobachten.

Wenn sie schwer zu haben spielen wollten, sollte mir das Recht sein. Ich versuchte es unter vielen Namen mit vielen Gesichtern und suchte nach ihren Schwächen und Vorlieben und Abneigungen. So kam ich ihnen näher. Näher als durch bloße Fleischlichkeit.

Der Anruf hatte diesen Plan beschleunigt. Ich sah mich im Badezimmerspiegel und fühlte mich von mir selbst abgestoßen. Es ängstigte mich immer wieder, wie sehr mein Körper unter dem litt, was ich nur als banale Appetitlosigkeit und steigenden Ekel empfand.

Es musste in zwei Tagen sein und sie war meine beste Chance. Alle anderen… alle anderen waren noch nicht so weit. Ich konnte sie nicht einschätzen, wusste nicht, wie sie auf diese für mich so wichtige Frage reagieren würden. Sie dagegen, sie war anders. Bei ihr glaubte ich, sie gleich zu verstehen, eine Verbindung zu ihr zu haben. Ich wusste, wie ich mich geben müsste, um genau die Antwort zu bekommen, die ich wollte. Die ich brauchte.

Den Tag des Anrufes verbrachte ich trotzdem mit Vorbereitungen. Mein eingefallenes Gesicht und meine stumpfen Augen verfolgten mich. Ich musste mich wieder lebendig fühlen, zumindest für eine kurze Zeit. Fehler würde es nicht geben.

Ich las noch einmal all ihre Mails und Nachrichten an mich. Belangloses Zeug, höfliche Plauderei. Wann immer ich zu deutlich wurde, zog sie sich zurück. Trotzdem machte sie Andeutungen, erzählte von sich, zeigte Interesse mit vielen Kleinigkeiten. Ich erinnerte mich an unsere Begegnungen. Auf sie aufmerksam geworden war ich auf einer kleinen Feier von vielleicht dreißig Leuten, im Haus von Luis, einem gemeinsamen Bekannten. Sie hatte mich völlig ignoriert, obwohl ich sehr darauf geachtet hatte, von Luis von meiner besten Seite präsentiert zu werden. Ich war ein erfolgreicher Immobilienmakler an diesem Abend, witzig, charmant, mit einem strahlenden Lächeln. Sie war den ganzen Abend so kalt und abweisend gewesen, dass ich fürchtete, sie hätte mein ganzes Spiel durchschaut.

Erst bei unserem zweiten Treffen hatte Sie Interesse gezeigt. Das war in einer Bar in der Warschauer gewesen, wohin ihre beste Freundin – Melissa – mich geschleppt hatte. Das heißt den jungen und etwas verklemmten Schriftsteller, der gerade von seiner Auslandsreise zurück gekehrt war. Melissa war fest überzeugt, sie müsste Johann Schmied vor ihren Freundinnen vorführen und ich hatte mitgespielt, aus Neugier.

Aber nun war ich überzeugt, dass es hier ein Muster gab. Einen Hinweis, worauf das Mädchen dieses Monats stand. Er wollte nur von mir gefunden werden.

Ich dachte an die Details, die sie mir verraten und die ich ihr gestohlen hatte, und was sie für ein Bild von ihr zeichneten. Sie schrieb mit Melissa oft und neben all dem belanglosen Krempel über ihr Leben unterhielten sie sich auch über mich. Dass Melissa sich an mich auch noch als ihren alten Bekannten Johann Schmied erinnerte, den sie seit Jahren nicht gesehen und daher nicht zu deutlich in Erinnerung hatte, machte alles etwas einfacher. Ein dummer, aber glücklicher Zufall, der mir in die Hände spielte.

Die Ablehnung der Kleinen gegen den sportlichen Aufreißer auf der Party – ich vermerkte zufrieden für die Zukunft, dass Melissa besser auf ihn angesprungen war – und wie sie die Augenbrauen bei den beeindruckendsten meiner Geschichten hochgezogen hatte…

Etwas in meinem Kopf rückte sich gerade. Ich zückte dasjenige Prepaidhandy, über das ich mit ihr schrieb, und tippte eine Nachricht an sie. Anrufe hasste ich, sie ließen sich zu schlecht planen.

„Hey,

habe etwas zu feiern und niemandem, der es angemessen würdigen könnte. Morgen Abend Sekt im Kaiserkaffee? Rette mich aus meinem Elfenbeinturm.

J.S.“

Ihre Antwort würde auf sich warten lassen, bis zum nächsten Morgen oder Mittag. Aber das machte nichts. Sie spielte gern auf Distanz – romantische Unterwerfung und Ironie waren ihre Mittel dazu. Ich würde sie am Haken haben. Ich müsste mich nur ein wenig auf den Rücken werfen, ihr das Gefühl geben ihre eisige Königin-Nummer würde funktionieren…und sie würde mitspielen.

Ich war mir ihrer Zusage gewiß, zumindest nach etwas gefühlsduseligem Leiden meinerseits, das ihr das Gefühl von Stärke geben würde. Sie wollte die Ansagen machen, was völlig okay war, solange man ihr eine Auswahl vorgab. Von der Verabredung selbst versprach ich mir nicht viel mehr, als die Freude, an einer guten Lüge arbeiten zu können.
Ein wenig Sekt, eine verwundbare und selbstreflexive Unterhaltung über die Zukunft und dann…

Dann würde sie mich erlösen.

Erbschaft – Teil XI: Die Wahrheit

Franky rollte auf die Seite.

Flüssigkeit platzte aus seiner Kehle, bedeckte den Staub und die Papiere vor ihm. Angst und Magensäfte mischten sich mit Tropfen seines eigenen Bluts. Die Kehle schmerzte ihm, aber die Krämpfe hielten ihn im Griff, quetschten ihn aus, bis er nichts mehr zu geben hatte.

Es war hell im Salon. Die von ihm erst neu verlegte Glühbirne leuchtete alles in erbarmungslosem Detail aus.

Die verschmierten Papiere, die von Charlottes Flucht weiter im Raum verteilt worden waren.

Die übelriechende Galle vor ihm.

Die Stücke von Fleisch und Blut und Knochen, die an der hinteren Wand klebten.

Er bekam es nicht in den Griff. Nicht die Situation. Nicht was passiert war. Nicht das blutige Tagebuch vor ihm, beschmiert mit Angst und Erbrochenem.

Was zum Teufel war das gewesen?

Ein Ghoul, flüsterte etwas in ihm. Ein Stimmchen hinten in seinem Kopf, ganz leise und fast vergessen. Ein Leichenfresser.

Der Gedanke kam ungebeten, wie so viele andere in den letzten Nächten. Franky stemmte sich auf die Knie. Er fühlte sich schwach. Wie ein Welpe, den man im Nacken genommen und geschüttelt hatte.

Ein Leichenfresser… Was zum Teufel?

Franky schwankte zur Wand hinüber. Charlotte… Sie hatte den Schlosserhammer mit einer Kraft aus ihrem Körper gerissen, dass sie ihren Brustkorb weiter zertrümmert hatte – und den Hammer mühelos in die Wand gegraben. Franky zerrte daran. Einmal, zweimal, dann hielt er das Ding in den Händen.

Sie sollte tot sein, dachte Franky. Er hatte ihre Rippen zerschlagen, ihre Lunge war von hundert Knochensplittern durchbohrt worden. Und von einem vier Zentimeter langen Stachel aus rostfreiem Stahl.

Trotzdem war sie aufgestanden und gelaufen, als wäre alles in Ordnung.

Sie hatte noch sprechen können.

Charlotte von Bützow sollte schon seit Jahrzehnten tot sein, nicht erst seit heute. Hundert andre Dinge hätten sie vor Urzeiten töten sollen.

Franky blinzelte, schüttelte den Kopf. Als ob er die Gedanken vertreiben könnte. Woher wusste er diese Dinge? Wieso waren Sie in seinem Kopf?

Er blickte zu der Eiche im Garten hinüber. Sie war dunkel, im Mondlicht und dem Lichtschmutz der umgebenden Stadt beinahe nicht zu erkennen. Der Anblick ließ ihn erschaudern.

An Schlaf war nicht zu denken. Nicht heute. Nicht mit den Dingen, die er erlebt und gesehen hatte. Nicht so, wie er sich fühlte. Seine Gedanken rasten, sein Kopf war heiß wie ein überdrehter Motor. Er zitterte am ganzen Köprer – und er hielt den Hammer wie eine Waffe vor der Brust die ganze Zeit, bereit auf jeden Schatten einzuschlagen.

Und trotzdem fühlte er sich in einem Wachtraum gefangen.

Bilder erschienen vor seinem geistigen Auge, die er nie gesehen hatte und die doch real waren. Wie die Träume, die er in den letzten Wochen wieder und wieder gehabt hatte. Nur wo diese Episoden und Erinnerungen an seine Vergangenheit gewesen waren, waren diese Träume neu – oder jedenfalls zeigten sie nicht seine Vergangenheit.

Franky konnte nicht länger sagen, ob er träumte oder wachte oder ob er wachend in einen Traum gegangen war; ob sich unter seinen Füßen ein Weg in die Traumlande aufgetan und er hinein gegangen war, wie in einen anderen, einen unbekannten Raum in seinem eigenen Haus. Durch eine Tür, die nur in seinem Irrsinn existierte.

Sein Kopf füllte sich bis zum Bersten mit Trugbildern, mit Visionen aus anderen Zeiten und Orten.

Er sah die Stadt um sich herum, die Häuser rund um sein Anwesen, Monster aus Stahl und Glas und Beton, wie sie schrumpften.

Jahrzehnte flossen an ihm vorbei, zurück in die Vergangenheit. Bomben zerschmetterten die Gebäude ringsum, nur die Villa blieb stehen. Russische und Amerikanische Granaten und Geschosse zerschlugen die Straße, die Brauerei hinter dem Haus.
Trümmer türmten sich auf, der nächtliche Himmel entzündete sich.

Im Hagel der Geschosse, schleiften drei Männer einen Körper durch die Straßen. Ein zerschundener Leib in zerrissener Kleidung, blutig und in Fetzen. Man brachte ihn ins Haus, in den Keller. Franky sah das Gesicht seiner Mutter, die sich über den Leib beugte, der wie eine Puppe von den Männern gehalten wurde. Sie warfen ihn in ein Loch, sie gossen Bronze darüber… und seine Mutter schleuderte einen der Männer hinterher.

Seine Schreie ertranken in der Masse aus heißem Metall.

Franky schnappte nach Luft und fiel in die Gegenwart zurück.

Er war hier und heute, in dem von ihm frei geräumten Kellerloch. Eine blutbeschmierte Gestalt, die sich durch die Gänge und den Staub schleppte, in der einen Hand ein Hammer, in der anderen ein Brecheisen.

Eine fahle Kreatur, die den Mund zu einem wütenden Schrei öffnete. Ähnlich derjenigen, die vor sechzig Jahren dort begraben worden war.

„Was bist du?!“, fragte Franky. Die Worte hallten durch die Gänge. Ungehört, scheinbar, denn nur sein Echo antwortete ihm. Sein Echo und die aufgewirbelte Luft im Kellerloch.

Es war ganz still, ganz ruhig, als eine Stimme in seinem Kopf sagte:

Nur ein toter Lügner.“

Die Stimme gluckste. Ein dunkles, finsteres Geräusch, wie ein Morast in dem ein Mann sich verirrt hatte und ertrank.

Ein Geist, an die Fundamente dieses Anwesens gekettet; ein Zauberer, aus der wachen Welt verbannt in die Träume eines dünngeistigen Nachkommens.“

Franky zitterte und sah sich um. Niemand war mit ihm im Raum. Niemand sprach. Und trotzdem hörte er die Stimme in seinem Schädel.

Und er ahnte, von wo sie kam, wo sie ihren Ursprung hatte. Er fühlte es, wie er selten nur irgendetwas gefühlt hatte. Wie ein Finger, der an einer noch offenen, kaum verheilten Wunde zupft, war er sich dieses Gefühls sicher.

Und aus irgendeinem Grund konnte er nicht einfach fliehen. Etwas hielt ihn an diesen Ort gebunden, fesselte ihn an diese halbe Ruine.

Die Wahrheit, hörte er seine eigenen Gedanken, wie in weiter Ferne. Ich will die Wahrheit wissen und daran ist nichts falsches.

Aber waren es seine Gedanken, nur weil sie in seinem Kopf waren? Es war ein Gedanke, den Franky selbst denken würde, fand er, aber er fühlte sich fremd an. Genau wie die kalten Grabeshände, die an den Narben seines Geistes zupften. Und er war sich sicher, er fühlte es, in einer dunklen, versteckten Ecke seiner Seele, dass es diese Stimme war, die sich in seine Gedanken geschlichen hatte und ihm Lügen zuflüsterte oder verführerische Wahrheiten.

Nur was Franky selbst dachte und was zu denken sich ihm aufdrängte, vermischte sich, wurde untrennbar. Er konnte nicht mehr unterscheiden, welche Gedanken er selbst dachte und welche sich von außen in seinen Kopf schlichen.

Sie alle kamen mit der gleichen Stimme zu ihm.

Je näher er der geheimen Kammer in seinem Keller kam, je näher er der Kupferplatte kam, die irgendetwas dort unten verborgen hielt, desto untrennbarer wurden die Gedanken in seinem Kopf.

Nur eine Gestalt war deutlich für ihn, eine Ahnung, die sich ihm aufdrängte und die er nicht mit einzelnen Gedanken, sondern nur mit dem Denken an sich in Verbindung bringen konnte. Eine rauchige, alte Figur, aber ohne Körper. Wie ein Nebel in Menschengestalt, der sich in Gedanken so leicht schleichen konnte wie ihn geschlossene Zimmer oder vergrabene Keller.

Du willst die Wahrheit, sagte sie. Und ich kann sie dir schenken. Genau wie deine Freiheit.

Franky lachte ein bitteres Lachen.

„Was auch immer du bist – wenn es dich wirklich gibt und ich nicht nur den Verstand verliere…“

Muss sich das ausschließen?

„Wenn es dich gibt… wie könntest du mir meine Freiheit schenken? Freiheit wovon? Ich habe mehr Geld, als ich je im Leben ausgeben könnte. Ich kann gehen, irgendwohin, nach Amerika oder Japan, und mein Leben in Frieden verbringen. Und du… du liegst in einem Kupfergrab in meinem Keller. Gott weiß, warum und wozu und wie – aber du bist der Gefangene hier. Nicht ich. Ich bin frei. Ich kann gehen.“

Du kannst weglaufen, schnarrte die Stimme. Das ist alles. Weglaufen vor einem Schatten. Nicht einmal deinem Eigenen. Ahhh… So viele Dinge, die du noch lernen musst, die ich dir beibringen kann. Du bist reich – na und? Was ist Reichtum, ohne den Mut, ihn einzusetzen? Du vergeudest ihn im Versuch, deiner Mutter zu entkommen. Leugne es nicht, ich habe es in deinen Träumen gesehen.

Franky zuckte zusammen, als hätte die Stimme ihm eine Ohrfeige gegeben. Er fühlte es. Die Stimme… Sie hatte auch seine Träume mit kalten Händen betatscht, hatte seine Erinnerungen umgegraben und mit knorrigen Fingern darin gestochert auf der Suche. Nur wonach?

Hatte sie sich von seinen Alpträumen, von seinen Erinnerungen und Gedanken genährt, Frankys schlechte Entschuldigung eines schlechten Gewissens ausgesaugt wie eine Spinne ein gefangenes Insekt? Oder war sie einfach gelangweilt gewesen, einsam?

Er starrte auf die Platte vor sich, auf ihre Windungen, die er nicht verstehen konnte, nicht einmal wirklich sehen. Sie verschwammen vor seinen Augen, wie ein schneebedecktes Feld in der Mittagssonne.

„Wieso tust du das?“, fragte Franky und wurde immer leiser und leiser, denn er fürchtete sich vor seinen Gedanken und Hintergedanken. Und vor der Antwort.


Weil ich das gleiche will, wie du, mein Junge. Frei sein. Ich bin wie du. Oder ich kann es sein, wenn du nicht achtsam bist. Ich bin ein Gefangener deiner lieben Frau Mama und du, Frank, bist mir ähnlich. Steht es so schlecht um die Welt, dass Miteid mit einem Mitgefangenen dir verdächtig scheint?

Franky sank auf die Knie. Vor ihm diese Grabplatte, diese Tür zwischen Wachen und Traum, die er nicht einmal wirklich sehen, geschweige denn verstehen konnte. Die Platte war eisig unter seinen Fingern. Grabeskälte, die sich ihm bis in die Knochen fraß. Als Franky die Hand fortzog, blieben Fetzen seiner Haut an dem kalten Metall hängen. Blut tropfte aus den Rissen in seiner Hand.

Befreie mich und ich zeige dir die Geheimnisse, die deine Mutter ins Grab geworfen hat – in ihres und in meines.

Die Stimme dröhnte jetzt, eifrig, gierig auf ihre Freiheit.

Franky schob sie beiseite und auch seine eigenen Gedanken. Er wollte an nichts weiter denken als den Hammer in seiner Hand, an das Gefühl von schwerem Eisen und einem klaren Ziel.

Wenn er den Verstand verlor… was war dann dabei, seinen Irrsinn auszuleben? Wenn er verrückt war… wenn er geistig krank war, dann seit so langer Zeit, dass es keine Heilung dafür gab. Dann hatte sich die Krankheit bis ins Mark gefressen und war so sehr ein Teil von ihm, dass er nicht mehr zwischen ihr und sich unterscheiden könnte.

Das Brecheisen stürzte auf die Platte nieder. Franky packte sie mit beiden Händen, hob sie über seinen Kopf. Wieder und wieder rammte er den gehärteten Stahl vor sich auf den Boden. Es gab nichts in seinem Kopf als diesen Drang, die Kupferplatte zu zerstören. Immer und immer wieder, wie ein Rammbock, knallte das Brecheisen vor seinen Knien auf den Boden. Bis seine Muskeln erschöpft und seine Arme taub und seine Gedanken ganz leise geworden waren.

Nicht ein Kratzer war auf dem Metall zu sehen. Es war makellos wie an dem Tag, als Franky es aus dem Beton gebrochen hatte. Nicht einmal die Gravuren waren zerkratzt oder undeutlicher als ohnehin schon. Nur das Eisen in seinen Händen hatte sich verborgen.

Die Stimme in seinem Kopf verlachte seine Anstrengungen.

Beherzt, aber unnütz, mein Kind. Deine Mutter war irre und ihr Meister grausam, aber sie waren nicht unfähig. Was mich hier hält, ist stärker als alles Eisen. Blut und Knochen binden mich und nichts anderes wird diese Fesseln lösen.

Franky atmete schwer. Es war kalt geworden in der engen Kammer unter seinem Anwesen. Sein Atem kristallisierte vor ihm, und vor Schweiß und Kälte fing er zu zittern an. Die Arme sanken ihm. Er ließ einen schweren, tiefen Seufzer hören.

„Wer bist du?“, fragte er. „Verliere ich den Verstand?“

Du kannst nicht verlieren, was du nie besessen hast, oder? Und du kannst nicht finden, was immer schon ein Teil von dir war. Ich bin ein Teil von dir, Frank.

Das Lachen der Stimme dröhnte in seinem Kopf. Es war das wärmste hier im Raum, ein väterliches, sorgendes Geräusch, das seinen Geist einhüllte wie eine warme Decke, während sein Leib fror.

Ich bin Athanasius Roth und du, du bist Fleisch von meinem Fleisch, das Kind meiner Kinder. Nur entfernt verwandt vielleicht, aber doch. Über deinen Vater, offensichtlich.

Ich bin eingesperrt für ein Verbrechen, das auch du begangen hast, Junge. Das hier war mein Heim, meine Zuflucht vor der Welt, lange vor deiner Geburt. Und wie du wollte ich mehr wissen, als die Welt dort draußen mir zugestehen wollte.“

Er fror. Franky fror bitterlich, aber er konnte nicht aufstehen, nicht in das Haus oben gehen, wo er auch nur gefroren hätte. Jeder Schatten dort war kühl, schon als er eingezogen war, hatte das Haus nichts von der sommerlichen Wärme aufgenommen.

Seine Beine erlaubten es ihm nicht, aufzustehen. Und seine Arme waren zu schwach, ihn empor zu stemmen.
Also saß er dort, in seinem dunklen Keller und starrte auf die Metallplatte, auf diesen Kupfersarg, von dem eine unnatürliche Kälte ausging.

Auf die Windungen darin, die ein Bild formten, das er nicht verstand. Das sich fin seinen Geist fraß.

Willst du mich und dich befreien? Dann schreibe dir diese Wahrheit ins Fleisch, dröhnte die Stimme von Athanasius Roth in seinen Gedanken. Schreib dir die Magie meines Kerkers in die Brust, Frank, und stiehl deiner Mutter das einzige Geheimnis, das sie wirklich vor dir verbergen wollte: Mich.

Erbschaft – Teil 10: Festgenagelt

Franky verlor seinen Verstand und obwohl er ihn sehr schätzte, trauerte er doch nicht darum.

Er saß im Salon seines herrschaftlichen Anwesens. Und wie das Anwesen selbst im Großen, so war der Salon im Kleinen ein halb renoviertes und halb verfallener Schutthaufen, in dessen Zentrum sich ein Berg an sich Rätseln und Geheimnissen auftürmte.

Rätsel, an deren Lösung sein Verstand verstummte. Machte es ihm etwas aus? War er sich dessen überhaupt bewusst?

Es schien unsinnig zu sein, sich diese Fragen zu stellen.

Ihre Bedeutung war gering. Seine Mutter war – unzweifelhaft – tot. Und was immer auch sie noch vor ihm versteckt hatte, sie hatte die Wahrheit mit ins Grab genommen. Ihre Wohnung war ausgeräumt, seit mehr als einem Monat besenrein. Franky selbst hatte ein Kommando an kräftigen Entrümplern hinein gelassen – Männer mit kleinen Köpfen und breiten Händen, die alles unterschiedslos in Säcke und Kisten gestopft und danach verbrannt hatten.

Nichts von seiner Mutter war übrig. Nichts als die Briefe vor ihm.

Und dieses Bild in seinen Händen.

Ein Foto in Schwarz-Weiß, datiert auf den 7.8.1932. Das Mädchen darauf war unzweifelhaft seine Mutter, so unzweifelhaft wie es der Leichnam gewesen war, den er vor einigen Wochen auf einer Edelstahlschiene unter einem weißen Tuch identifiziert hatte.

Nur dass seine Mutter nicht in den zwanziger Jahren geboren worden sein konnte. Dann wäre sie siebzig bei seiner Geburt gewesen.

Sie war zwanzig gewesen, die Heirat mit seinem Vater war früh geschehen. Eine überstürzte, leidenschaftliche Hochzeit, hatte sie erzählt, mit einem leidenschaftlichen jungen Mann. Und wie alle Leidenschaft war sie irgendwann an sich selbst zerbrochen.

Seine Mutter war keine Greisin gewesen bei seiner Geburt und auch nicht in seiner Kindheit. Sie war immer jung gewesen und hübsch, selbst ihre Verbitterung hatte das nicht auslöschen können.

Eine ganz Weile saß er so dort, vor diesem Haufen, der für ihn nur Unsinn enthielt. Der sein ganzes Leben eine Lüge scholt – und eine schlechte noch dazu.

An wen sich wenden? An die Polizei? Womit denn? Mit einer diffusen Geschichte über eine Tote, die viel älter sein sollte, als sie war? Mit vagen Alpträumen wegen eines alten Hauses und Vermögens in Millionenhöhe? Vielleicht sollte er ihnen von dem seltsamen Fund in seinem Keller erzählen, von dem Verdacht, es könnte sich um ein Grab handeln.

Der Gedanke verweilte einen Moment lang bei ihm. Er sah vor seinem inneren Auge die Staatsbüttel kommen, mit Hammer und Picke würden sie das gesamte Fundament umgraben, würden hervor holen, was immer dort verborgen war… und sie würden unzweifelhaft auf ihn fallen als dem einzigen Verdächtigen. Wem sollten sie sonst die Schuld dafür geben? Seiner toten Mutter, die in Wahrheit fünfzig Jahre älter gewesen sein sollte, als alle ihre Papiere besagten?

Franky verwarf die Idee. Zu gefährlich. Am Ende würde man ihm nur Fragen stellen, die er nicht beantworten konnte.

Und womöglich sein Vermögen pfänden.

Dann überlegte er, sich psychologische Hilfe zu holen, seiner Situation mit professioneller – und diskreter – Hilfe auf die Spur zu kommen. Wäre das nicht originell? Reicher Erbe geht wegen Mutterkomplexen zum Seelenklempner: Fühle mich ungeliebt, nirgendwo zuhaus. Ich habe hier nur diese zwei Millionen Euro und das große, kalte Anwesen, in dem niemand mit mir leben will. Helfen Sie mir, Doc, ich will mich doch nur lieben, wie ich bin.


Frankys Lachen hallte durch den Salon und rüttelte an den Türen. Ein bitteres Geräusch, das ihn selbst erschreckte. Es war zu befreit. Zu ehrlich mit sich selbst.

Nein. Er brauchte Antworten und die würde er nicht in seinem Inneren finden. Nicht, ohne sich in diesem Labyrinth zu verlaufen.

Also griff er zu seinem Telefon. Mechanisch wählte er eine Nummer, die er in den letzten Wochen wieder und wieder gewählt hatte, sobald er ein Problem hatte. Es klingelte nur kurz, dann melde sich eine männliche Stimme.

„Roth hier. Habe Neuigkeiten für Charlotte, brauche ihre Hilfe. Augenblicklich. Sagen Sie ihr Bescheid.“

Die Stimme versuchte, Zeit zu schinden. Sie habe ein Meeting, ein wichtiges, würde bei nächster Gelegenheit zurück rufen. Was es denn gäbe, ob er etwas ausrichten könne?

Franky beschloss, das Spiel mitzuspielen.

„Ein gewisser Leopold von Schlüsselburg war hier“, log er, „und stellt Fragen. Sehr unangenehme Fragen über den Tod meiner Mutter. Und die Rechtmäßigkeit meiner Erbschaft.“

Vage bleiben, Aussagen offen halten. Er hatte keine Ahnung, wer das sein sollte, nur dass seine Mutter ihn für wichtig gehalten hatte.

Und dass seine Mutter Charlotte offenbar gehasst und diesen von Schlüsselburg geliebt hatte.

„Bitte, sie soll schnell kommen“, sagte Franky.

Dann legte er auf und sah den Schatten beim Wandern zu. In seinem Kopf kreisten Gedanken, die er nicht zu denken wagte, die er an den Rand seines Bewusstseins schob und ängstlich beobachtete.

Was nur, was tust du jetzt, Franky?

Verlangst du Antworten? Baust dich vor ihr auf und sagst du bist kein Kind mehr, du erträgst die Wahrheit jetzt?

Sein Blick fiel auf den Hammer. Er war schwer, aber Franky hatte ihn einige Male geschwungen. Er hatte Übung darin. Und wenn er damit eine Ziegelmauer einschlagen konnte… wäre er im Zweifelsfall eine gute Keule. Gut genug, um Antworten aus Charlotte von Bützow heraus zu holen.

Die Frau, die nicht die Anwältin seiner Mutter war, ihm aber ihre Erbschaft verschafft hatte.

Der Gedanke kam ihm ganz plötzlich, ungebeten. Wie die Fragen zuvor. Wie die Wut über Therese vor einiger Zeit.

Was sie wohl gerade tat?

Fickt einen anderen, der weniger rumheult.
Es war das erste Mal, dass er wieder an sie gedacht hatte seitdem. Wirklich an sie gedacht hatte und nicht nur an diesen Abend.

Franky schüttelte den Kopf, als ob das diese Gedanken vertreiben könnte. Therese war nicht hier. Und wenn sie wusste, was gut für sie war, würde sie weg bleiben.

Es klingelte. Franky sah von seinem Papierhaufen auf, durch den dunklen Salon, zu der Eingangstür am anderen Ende des Hauses. Es war Nacht, draußen wie drinnen.

„Tür ist offen“, brüllte er und hörte nur einen Moment später, wie sie hinter dem Gast ins Schloss fiel.

Sie kam mit einem dunklen, wiegenden Gang ins Haus. Ihr Gesicht lag in den Schatten, aber es war unzweifelhaft Charlotte. Das aggressive Klacken ihrer Schuhe verriet sie. Sie stachen beinahe in den Boden, obwohl sie ganz flach waren.

Das Glitzern in ihren Augen sah er, noch bevor ihr Gesicht in den dünnen Lichtkreis des Mondlichts hinter ihm trat. Es war dasselbe Glitzern, das er bei seiner Mutter hin und wieder gesehen hatte. Eine Mischung aus Hingabe und Verachtung.

Sie knippste das Licht mit einem Fingerschnipsenan, das Glitzern verschwand aus ihren Augen. Charlotte besah sich den Haufen Papiere mit hochgezogenen Brauen. Sie sah ihn, inmitten der alten Papiere sitzend, an den Sekretär seiner Mutter gelehnt, im dunkeln. Wieder einmal. Und sie sah die alten Papiere.

Nicht gerade ein beeindruckender Anblick. Ein Mann umgeben von den Liebesbriefen und Tagebüchern seiner toten Mutter. Ziemlich erbärmlich eigentlich. Aber Franky wollte sie nicht länger beeindrucken.


„Das ging schnell“, sagte er, ohne die Uhrzeit zu kennen. Er stand nicht auf, um sie zu begrüßen.

Charlotte ignorierte es.

„Leopold von Schlüsselburg war hier?“, fragte sie.

Franky hätte gelacht, wenn er noch Humor gehabt hätte.

„Du brauchst eine Woche, um mir bei juristischen Sachen zu helfen, aber du hörst den Namen von diesem Kerl und bist hier. Sehr interessant.“, sagte er.

Sein Tonfall war trocken. Er war zu müde für Sarkasmus.

Die Frau überging die Bemerkung. Sie kam näher, bis zum Rand des Papierbergs vor ihm.

„Hat er die Polizei eingeschaltet?“, fragte Charlotte.

Franky zuckte mit den Schultern, verzog die Mundwinkel.

„Ich weiß nicht, hab nie mit ihm geredet. Keine Ahnung, wer der Kerl ist. Bei mir war keine Polizei. Und ich bislang auch noch nicht bei ihr.“

Franky warf ihr einen der Briefe zu, die er gelesen hatte. Von seiner Mutter an diesen Leopold von Schlüsselburg. Charlotte fischte ihn mit spitzen Fingern aus der Luft. „Ich habe nur seinen Namen gelesen. Dachte, er interessiert dich vielleicht. Mehr als ich wahrscheinlich. Und ich musste dringend mit dir reden.“

Charlotte zog die Brauen zusammen. Ihr Gesicht zeigte kaum eine Regung, als sie den Brief überflog. Es war eine Maske aus Fleisch, die sie aufgesetzt hatte, aber sie hatte wohl vergessen, ihr Gefühle einzuschnitzen. Nur dieser Ausdruck von Misstrauen war zu erkennen. Diese Mischung aus Hingabe und Verachtung, die Franky sein halbes Leben lang begleitet hatte.

Sie ließ den Brief aus ihren Händen gleiten. Er schwebte zu den restlichen Unterlagen hinab.

„Was soll das sein?“, fragte sie.

„Das wüsste ich gerne von dir. Meine Mutter hat mich aus dem Testament gestrichen. Sie sagt es dort selbst, auch in ihrem Tagebuch steht es. Keinen Pfennig, heißt es. Nicht für mich, nicht so lange das Haus noch steht… Und trotzdem bin ich der Alleinerbe, weil es gar kein Testament gab. Komisch, oder?“

Charlotte blieb ausdruckslos.

„Sehr“, sagte sie. „Vielleicht hat sie es sich anders überlegt und ihren letzten Willen geändert oder ihn vernichtet? Oder es ist in ihrem Chaos nicht gefunden worden. Bei uns in der Kanzlei hat sie nie eines hinterlegt.“

„Und ihre Wohnung habe ich vollständig verschrotten lassen. Wie schade.“

Franky sah zu Charlotte auf. Sie starrte ihn mit einem Blick an, der seine Augen schmerzte. Als ob ihr Blick ihm die Augen verbrennen würde. Wie nach einer durchwachten Nacht voller Alpträume.

„Aber zum Glück hast du als ihre Anwältin ja den letzten Erben ausfindig gemacht und dem Gesetz genüge getan“, sagte er.

„Bereust du, dass ich dir aus deinem Loch heraus geholfen habe? Dir Reichtum geschenkt habe, von dem du nie etwas ahntest? Dir ein Leben wieder gegeben habe, von dem du nicht einmal wusstest, dass es dir gestohlen wurde?“

„Du leugnest es nicht?“

Charlotte lachte. Ein Geräusch wie von Glocken, klar und hell und stechend in den Ohren.

„Was sollte ich denn abstreiten?“, fragte sie.

„Dass du gelogen hast!“

Franky sprang auf. Sein Gesicht war rot, sein Herz hämmerte ihm in der Brust. Er fühlte diese Wut in sich aufkommen, diese maßlose und ohnmächtige Wut, dass jeder in seinem Leben ihn immer nur belog. Dass die Wahrheit darüber, warum sein Leben so verkorkst war, wie es war, mit seiner Mutter zusammen im Grab faulte – oder auf irgendeiner Mülldeponie der Stadt.

„Dass du mich benutzt hast, aus weiß Gott für einem Grund! Um meiner Mutter etwas auszuwischen? Diesem von Schlüsselburg, ihrer angeblichen Familie?“

Charlotte verdrehte die Augen. Mit der Fußspitze durchwühlte sie den Berg an Papieren vor sich, suchte nach spannenderen Dokumenten darin. Eine beiläufige Geste, beinahe wie gelangweilt. Von Franky, von seiner Verzweiflung.

„Nicht alles dreht sich um dich, Franky-Boy“, sagte sie und bückte sich nach einer ärztlichen Untersuchung. „Die Sache hat sogar sehr wenig mit dir zu tun. Eigentlich nichtmal mit Schlüsselburg. Ich fürchtete nach deinem Anruf schon, er hätte von der Sache erfahren… Aber vielleicht wird er nach all der Zeit doch langsam weich im Schädel. Du, mein Kleiner, warst ein Zufall. Ein glücklicher für mich, ein unglücklicher für deine werte Frau Mama.“

„Schlampe.“

Das Wort hinterließ einen ekelhaften Geschmack in seinem Mund, wie fauliges Fleisch, das man gerade noch rechtzeitig ausspuckte.

„Miststück!“, brüllte er. Die selbe hilflose Wut, die er bei Therese gespürt hatte. Bei seiner Mutter. Bei jeder anderen Person in seinem Leben, die ihm je etwas bedeutet hatte. Diese Unfähigkeit, das zu bekommen, was er wollte. Den Job, von dem er leben könnte, die Freunde, vor denen er sich nicht schämte. Die Antworten, die er verstehen konnte.


Im nächsten Moment war Charlotte an seiner Kehle. Ihre schlanken Finger bohrten sich in sein Fleisch, ihre Nägel stachen. Blut floß, heiß und dick, aus seinem Nacken. Ihre Augen waren ganz nah an seinen. Ihr Blick brannte ihm in den Augen, die zu glühen schienen. Ihr Atem kroch bittersüß über seine Wangen.

„Benutzt?“, fragte sie. „Wozu sollte man dich schon benutzen können? Ich habe dir die Richtung gewiesen, Franky-Boy, aber in den Abgrund bist du ganz allein gesprungen. Sehenden Auges. Oder hast du gefragt, woher ihr Geld kam? Hast du dein schönes neues Leben abgelehnt? Nein. Du wolltest es. Schiebe jetzt nicht mir dafür die Schuld zu.“

Sie hielt ihn gegen den Sekretär gepresst. Beinahe mühelos drückte sie ihm die Luft ab und brach ihm fast das Rückgrat, indem sie in gegen die Kante des Schreibtisches schlug.

Langsam quetschte sie das Leben aus ihm heraus.

Seine Gedanken rasten, stauten sich in seinem Kopf, der zu zerspringen drohte.

Dann, ein Lichtbltz.

Der Hammer.

Seine Hand tastete hinter sich, bekam den harten Griff zu fassen. Er schleuderte ihn in einem weiten Bogen herum, kugelte sich fast den Arm dabei aus. Die Spitze traf. Erst ein Klatschen, dann ein Krachen. Von Eisen auf Fleisch, dann auf Knochen. Charlotte jaulte auf. Ein tierisches Geräusch. Wie ein Hund, der getreten wurde.

Ein großer, aggressiver Hund ohne Leine.

Ihr Griff hielt ihn weiter umklammert. Franky röchelte, hieb erneut zu. Die Spitze bohrte sich zwischen ihre Rippen. Ein Knacken, ein Brechen das in seinen Ohren donnerte. Dann ein weiteres Wutgeheul, das sie zur Seite schleuderte und Franky mit sich riss. Der Papierberg zerstob in Blut und Staub und Knochensplittern.


Sie rangen. Charlotte packte seine Kehle, hämmerte ihm den Schädel gegen das Parkett. Ihre Knie rammten ihm den Brustkorb und den Magen auf den Erdboden. Sie war leicht, aber kräftig. Mühelos trieb sie ihm die Luft und allen Widerstand aus.

Sie war viel kräftiger, als ihre schmale Gestalt vermuten ließ. Viel kräftiger als sie mit gebrochenen Rippen und einem Hammer im Brustkorb sein sollte, der noch aus der Ruine ihres Oberteils heraus ragte.

Sie packte den Schaft mit schlanken Händen. Ein Ruck befreite ihn aus ihrer Wunde. Blut spritzte auf Franky, es war warm. Ihres oder seines, er war sich nicht sicher.

Charlotte schrie auf. Ein Geräusch wie von Lust und Schmerz und Wahnsinn. Der Hammer krachte in den Haufen Bilder auf der anderen Seite des Salons.

Charlotte hockte über ihm, hielt ihn auf dem Boden wie ein Insekt. Sie atmete schwer. Franky sah es durch das faustgroße Loch in ihrem Brustkorb. Der fleischige Sack blähte sich auf, drückte sich gegen die weißen Zähne, die aus ihrem Oberteil kamen.

Ihr Atem roch ganz anders, als er ihn in Erinnerung hatte. Nach Staub und Asche und alten Büchern. Er überdeckte den Gestank ihres Blutes, das weiter auf ihn tropfte.

Franky schnappte nach Luft. Regen konnte er sich nicht. Nicht einmal atmen.

„Ich hasse es, wenn ihr sowas macht. Wenn eure kleinen Pissgehirne glauben, ihr könntet alleine irgendwas auf die Reihe kriegen, ihr reichen Muttersöhnchen. In Wahrheit, Franky-Boy, bin ich doch der einzige, der dir hier die Stange hält. Wo wärst du ohne mich? Hm? Mittellos in irgendeinem Loch in Kreuzberg. Oder diese Schläger, Jimmy und Johnny, hätten dir die Beine gebrochen. Weil du ohne mich mittellos wärst und hilflos.“

Ihr Gesicht verzerrte sich zu einer Grimasse. Charlotte presste die Zähne aufeinander, knurrte wie ein wildes Tier. Sie bäumte sich unter Schmerzen auf, als sie Luft schnappte.

„Ja, ich hab das Testament deiner Mutter gestohlen und es verbrannt. Ich habe mich in den Nachlass deiner Mutter geschlichen, um ihn dir zuzuspielen. Und? Was jetzt? Gibst du deine unrechtmäßige Erbschaft zurück?“

Franky spürte, wie sich ihre Finger um seinen Hals lockerten. Er rang nach Luft. Seine Augäpfel drohten, ihm aus dem Schädel zu springen. Seine Stimme war rauh, ganz gepresst.

„Wieso?“, fragte er.

„Weil ich es wollte. Weil deine Hure von Mutter mich bestohlen hat. Und ich werde es mir zurückholen. Bis auf den letzten Tropfen.“

„Wieso… lebst du noch?“, keuchte Franky hervor.

Das ließ Charlotte innehalten. Sie sah an sich hinab, folgte dann mit dem Blick der Flugbahn des Hammers. Bemerkte die Stücke von Blut und Fleisch und Knochen, die von ihr in einem Bogen bis zur Wand führten. Ihr Lachen hatte nichts menschliches an sich, sondern hatte alle Zurückhaltung verloren. Es klang wie ein Hund, der den Mond anheulte.

Charlotte biss die Zähne zusammen. Sie litt offenbar, aber allein dass sie bei Bewusstsein war, war ein Wunder. Geschweige denn, dass sie sprechen und Franky überwältigen konnte.

„Weil ich wie deine Mami bin, Franky-Boy. Ich fresse kleine Kinder wie dich, mit Haut und Haar, und sauge ihnen das Leben aus den Knochen.“

Ihre Grimasse kam seinem Gesicht noch näher. Sie fletschte die Zähne, kauerte über ihm. Geifer tropfte auf seine Wangen und vermengte sich mit ihrem Blut.

Franky konnte es fühlen. Diesen Druck in seinem Schädel, wie er ihn schon vor einer Weile gespürt hatte. Bei Therese. Als er sie heraus geworfen hatte wegen irgendeines Impulses, eines Gedanken, der nicht zu ihm gehört hatte. Einen Gedanken, der er bis in die seltsame Kammer unter dem Keller verfolgt hatte.

Es war wie ein psychische Ohrfeige, die ihn erfasste und für einen Augenblick das Bewusstsein raubte und alles auslöschte, was nicht zu dieser Ohrfeige gehörte.

Das Brennen in seinen Augen hörte auf. Eine Klarheit und eine Ruhe kam über ihn, wie bei einem Reh im Scheinwerferlicht. Das Gefühl, dass Charlotte ihm mit ihrem Blick die Augen ausbrannte, ebbte ab.

Auch Charlotte spürte es. Sie wurde davon zurück geworfen, wie von einer unsichtbaren Hand nach hinten geschleudert.

Es war ein einziges Wort, das in seinem Kopf dröhnte und das aus der Nacht zu kommen schien, das er aber nicht erfassen konnte.

Ein einziges Wort, das sich ihm einprägte, sich ihm in die Seele fraß.

Nein.

Niemand hatte es ausgesprochen, niemandes Kehle hatte es formuliert. Aber es war dort, zwischen ihm und der blutigen Frau über ihm, und sie beide hatten es gehört.

Charlotte sprang auf. Mit einer Gewandtheit, die er ihr bei ihrer Verletzung nicht zugetraut hatte, war sie auf den Beinen und wich langsam von ihm zurück. Sie riss die Augen auf und presste eine Hand auf ihre Brust. Nicht auf das faustgroße Loch darin, durch das sich Teile ihrer Lunge zwängten, sondern auf ihr Herz.

Sie wirkte verletzter und verletzlicher in diesem kurzen Moment, als sie es wegen des Hammers in ihrem Brustkorb je getan hatte.

Langsam ging sie rückwärts, rutschte kurz auf einem blutigen Stück Papier aus und fing sich mit Mühe wieder.

„Versuch, nicht wegzulaufen!“, zischte Charlotte ihm zu.

Dann war sie verschwunden und ließ Franky keuchend zurück.

Erbschaft – Teil IX: Ein Berg aus Ungereimtheiten

Erbschaft – Kapitel IX: Ein Berg aus Geheimnissen

Franky hatte einen Traum, der anders als die anderen war und einen schlechten Geschmack in seinem Mund hinterließ.

Bislang hatte er immer von seinen eigenen Erfahrungen geträumt, hatte wieder und wieder die schäbigsten, düstersten Momente seines Lebens durch gestanden. Dieser Traum dagegen… Er konnte sich nicht an die Ereignisse darin erinnern.

Es war nicht die selbe Flüchtigkeit von normalen Träumen, wegen der man sich nicht an die Nächte erinnern konnte. Noch schlief Franky und doch kam ihm der Traum flüchtig vor. Irgendwie war es anders. Der Traum selbst war klar – Franky stand, in seinen Schlafanzug mit der aufgedruckten Maus und Ente, vor der Schlafzimmertür seiner Eltern. Der Türrahmen fühlte sich greifbar an unter seinen Händen, echt. Die Worte seiner Mutter, die er durch den Türspalt belauschte, fraßen sich in sein Bewusstsein und er war sich sicher, er würde sie nie wieder vergessen.

„Eine Lüge!“, schrie sie, „Unser aller Leben ist eine Lüge und seines ein Unfall!“

Der Satz prägte sich ihm eben so wie das schmerzerfüllte Gesicht seines Vaters ein und das Wutgeheul, mit dem sein Vater sich auf seine Mutter stürzte.

Es war dieser Schrei und was darauf folgte, die ihn aus dem Schlaf rissen.

Der Traum lungerte noch herum, blieb im Morgengrauen vor seinen Augen schweben. Das Bild von seinem Vater über seiner Mutter, die Hände um ihren Hals gelegt.

Es war, als wäre die Erinnerung, die er geträumt hatte, selbst verschüttet. Und er hätte nicht sagen können, ob es Wirklichkeit oder Einbildung war, was er träumte. Ob sein Unterbewusstsein nur begann, lange verschüttete Erinnerungen hervor zu holen, oder ihn zu belügen.

Aber da war dieses Gefühl in ihm, das sein Mutter etwas mit der Sache zu tun hatte. Dass sie etwas vor ihm verborgen hatte – noch mehr als seine Erbschaft. Noch viel mehr.

Franky machte sich rasch an die Arbeit.

Noch vor dem Frühstüclk schaffte er alles beiseite, was sich über die letzten Wochen im Salon angesammelt hatte. Die Werkzeuge warf er auf einen Haufen in der Ecke, das Baumaterial direkt daneben. Die Couch und alle Tische und Stühle, die er irgendwann hierher getragen hatte, zerrte er auf die Gegenüberliegende Seite des Raumes. Am Ende hatte er die gesamte Mitte des Salons freigelegt, sodass nur noch die blanken Bohlen des Fußbodens zu sehen waren.

Dann ging er in den ersten Stock, in das Musikzimmer, das er mehr oder weniger zu einem Lagerraum umfunktioniert hatte. Einige seiner alten Sachen lagen dort herum, der Kleidung, die er zwar ersetzt, aber nicht ausgetauscht hatte. Genau wie die Kisten, die er aus der Wohnung seiner verstorbenen Mutter mitgenommen hatte. Eine nach der anderen trug er sie hintunter in den Salon und schüttete ihren Inhalt auf einen Haufen zusammen.

Er musste dieser Sache auf den Grund gehen. Aus irgendeinem Grund hatte er es vor sich hergeschoben, seit er hierher gezogen war. Er hatte die Unterlagen immer wieder und wieder beiseite geräumt, hatte die Kisten umgestapelt, um an anderen Kram zu kommen. Bis er sie schließlich für einige Wochen vergessen hatte. Womöglich hatte er gar nicht wissen wollen, was sich dort befand, was seine Mutter noch vor ihm verborgen hatte.

Er hatte sie loswerden wollen, selbst ihre eigenen Erinnerungen.

Aber sein Unterbewusstsein war noch nicht mit ihr fertig. Die Träume hatten es ihm gezeigt. Wieder und wieder hatten sie sich um seine Mutter gedreht, um ihre Lügen, ihre kleinen Grausamkeiten. Wie sie ihn erst aus ihren Armen stieß, weil er irgendein Andenken von ihr angefasst hatte, und ihn ohrfeigte – nur um ihn im nächsten Augenblick wieder zu drücken und zu herzen und bitterlich zu weinen.

Wieder und wieder hatte er davon geträumt. Irgendetwas musste es bedeuten, irgendetwas musste es ihm sagen wollen. Dort in seinem Inneren klaffte eine Narbe, die in all der Zeit nicht geheilt war und die nun aufzureißen begann.

Und Franky war der Überzeugung, dass nur die Wahrheit sie endgültig verschließen könnte.

Was er an Dokumenten vor sich fand, war ein weiteres Sammelsurium aus Unsinn. Ein kleiner Ausschnitt aus dem Leben seiner Mutter, die Schwachsinn wie Schätze gehortet hatte.

Er fand weitere Arztbriefe und Rechnungen und Unterlagen, die es nicht in den Ordner geschafft hatten, den er bei seiner ersten Durchsicht gefunden hatte. Es waren harmlose Dinge dabei, gemischt mit den Anfängen ihrer Todeskrankheit und den letzten. Stundenlang sortierte er sie, ohne ihre Krankheit darum auch nur einen Augenblick lang besser zu verstehen.

Ein Geschwür in ihrem Kopf hatte sie getötet. So viel war man sich sicher, so viel hatte die Obduktion und alle vorherigen Untersuchungen ergeben. Aber wie es dorthin gekommen war und wie es in nur wenigen Wochen derart hatte wuchern können und wie es bei dieser Größe derart lange unentdeckt hatte bleiben können – das gab ihm wie auch den Ärzten gleichermaßen Rätsel auf. Die Krankheit war rasch fortgeschritten und hatte sie noch schneller getötet.

Beinahe von einem Monat auf den anderen.

Weiter unten im Berg ihrer Ungereimtheiten fand er Briefe, allesamt undatiert, aber scheinbar älter. Viele davon waren wieder und wieder geöffnet und aus den Umschlägen genommen worden, sodass sie an den Rändern ganz abgenutzt waren. Liebesbriefe seines Vaters, die er sich kaum zu lesen traute. Als er sie schließlich öffnete, berührten sie ihn. Sie waren weichherzig und sanftmütig und an eine Frau gerichtet, die es für Franky nie gegeben hatte. Die eine Seite gehabt haben musste, die mit seinem Vater zusammen gestorben war.

Auch persönliche Korrespondenz mit Bekannten war darunter gemischt. Briefe von einem „L.v.S.“, der seine Schreiben mit einem extravaganten Siegel verschloss. Der Inhalt blieb für Franky hinter den von archaischem Sütterlin verborgen. Und selbst dort, wo er einige Worte entziffern konnte, ergaben sie für ihn keinen Sinn.

Aber es war kein einziges Schreiben an Charlotte darunter. Oder an oder von einer „Kanzlei von Büchow“. Er fand eine einzige juristische Auseinandersetzung mit „Kanzlei C. Von Bülow“. Und diese war aus dem Jahr, in dem sein Vater gestorben war. Es ging um einen Rechtsstreit über Eigentümerschaft des Hauses, in dem Charlotte die Gegenseite vertrat, einen unbekannten Verwandten Frankys väterlicherseits, von dem er noch nie gehört hatte und den Charlotte mit keinem Wort erwähnt hatte.

Das war alles gewesen, was er in ihren Unterlagen gefunden hatte.

Mehr Rätsel. Mehr Zweifel.

Einige Minuten saß Franky nur dort, umgeben von all dem bürokratischen Unrat, den seine Mutter angehäuft hatte, und versuchte zu atmen. Es war erstaunlich schwer, sich nur darauf zu konzentrieren. Auf das atmen. Die kreiselnden Gedanken in seinem Kopf kamen ihm immer wieder dazwischen, drückten ihm die Luft ab. Er fühlte, wie sich dieselbe Schleife aus Fragen,ifel. Verzweiflung und Selbsthass zurück zu fallen, die ihn als Jugendlicher begleitet hatte, enger und enger um seine Brust legte. Wie sie zupackte.

Wieso? Wieso war es ihm unmöglich, dieser Frau zu entkommen. Er konnte Sie nicht einmal begraben, um sie los zu sein. Wie ein Geist verfolgten ihre Untaten und ihre Geheimnisse ihn weiter und brachten ihn um den Schlaf – selbst in einem Haus, dass sie offenbar selbst nicht gewollt und von dem sie ferngeblieben war. Vielleicht würde er sich damit abfinden, dachte Franky, während er auf den Papierberg vor sich starrte, der ihn vernunftlos anschwieg. Irgendwann in ein paar Jahren vielleicht, nach etwas Therapie und ein wenig kathartischer Wut könnte er diese Sache beiseite lassen. Sich damit abfinden, dass seine Mutter keine geheime Agenda gehabt hatte, um sein Leben zu ruinieren. Dass sie einfach nur verrückt geworden war vor Trauer, eine arme, kranke Frau, die von ihrem Leben überfordert war.

Dass er nur der Kollateralschaden eines kaputten Lebens war. Nicht mehr. Und nicht weniger.

Dann fiel ihm ein, dass Charlotte gelogen haben musste. Sie war nicht die Anwältin seiner Mutter gewesen, jedenfalls fand er keinen Hinweis darauf. Das Haus gehörte ihm, daran gab es nichts zu rütteln. Er hatte die Besitzurkunde oben in einem kleinen Kästchen zu liegen und sie war mehrfach von den Behörden bestätigt worden. Wieso also hatte sie versucht, es seiner Mutter nach dem Tod seines Vaters abzusprechen?

Nein, dachte Franky und schüttelte den Kopf, es musste ihr Vater gewesen sein oder wem immer die Kanzlei zuvor gehört hatte. Charlotte konnte unmöglich damals bereits praktiziert haben. Franky war zwei Jahre alt gewesen, als sein Vater starb, und Charlotte war kaum älter als er.

Franky kroch zu dem Sekretär seiner Mutter hinüber. In den Schubladen fanden sich noch einige ihrer Unterlagen. Nichts, was ihm weiterhalf. Unwichtiges Zeug, fand er, und riss die Fächer mit roher Gewalt heraus. Zeichnungen und Skizzen und alte Fotos flogen durch die Gegend und vermischten die Papiere hinter ihm erneut zu einem undeutlichen Haufen.

Leise, beinahe heimlich, fiel ein schmales Büchlein heraus. Braunes Leder, ganz weich, mit einem schwarzen Federhalter, der daran geklemmt war.

Das Tagebuch seiner Mutter. Eines davon zumindest, den Daten und den freien Seiten am Ende nach zu schließen das letzte davon. Weiß Gott, wo die anderen geblieben waren. Vielleicht waren sie in den Bergen von Schundliteratur untergegangen, die Franky aus ihrer Wohnung hatte entfernen lassen. Vielleicht war Maria Johanna Roth selbst sie losgeworden, hatte sie verbrannt, um sich ihren eigenen Erinnerungen entziehen zu können.

Franky würde es nie erfahren. Aber was in diesem Büchlein zu lesen war, reichte aus, um ihn zu erschüttern.

Elfter Mai:

„Habe in den letzten Tagen meine alten Journalien durchgeblättert. Es ist ein seltsames Gefühl. So viele Erinnerungen, gute, schlechte, vergessene. Sie sind alles, was ich noch habe.

Urgroßvater hat mich fallen gelassen. Ich spüre es. Er weicht mir aus. Der verhasste Dr. Federer antwortet an seiner statt auf meine Anrufe, meine Briefe. Komme ich zu einem persönlichen Gespräch, hat er keine Zeit für mich und Dr. Federer wimmelt mich ab, vertröstet mich.

Ich habe mich geweigert, ihm meinen Sohn zu opfern und nun zahle ich den Preis dafür. Ich werde alt werden. Nein. Ich werde verwelken. Mein Alter wird zu mir aufschließen, ich kann ihm nicht länger entkommen. Es hat bereits begonnen, ich kann es fühlen. Der Entzug macht sich bemerkbar. Meine Haut wird schlaff und grau, meine Gedanken sind wirr und nebelig.

Habe Urgroßvater seit drei Wochen nicht mehr gesehen. Wenn er nicht… wenn er nicht… Eine Woche noch. Dann wird es nicht mehr aufzuhalten sein. Ich glaube nicht, dass die Ärzte mir helfen könnten. Keine Medizin der Welt kann das.

Viel mehr als einige Wochen werde ich nicht haben. Ich weiß es.

Vor einigen Tagen hatte ich einen schlechten Traum. Er war anders als die anderen, nicht so wirr. Er war sehr klar und deutlich. Mir träumte, das alte Anwesen stünde wieder in neuem Glanz. Ein fürchterlicher Gedanke, der mich den Rest der Nacht nicht schlafen ließ.“

Dreizehnter Mai:

„War heute im Anwesen, hielt die Ungewissheit nicht länger aus. Musste wissen, ob jemand in meiner Abwesenheit… Aber nichts hat sich dort verändert. Nicht seit er gestorben ist.

Es verrottet, Jahrzehnt um Jahrzehnt etwas mehr. Ich hatte gehofft, seinen Untergang noch zu erleben, aber… Der Zustand ist erbärmlich. Bald wird es zusammen fallen. Urgroßvater wird es zu betonieren, sobald es in seinem Besitz ist. Er wird es einreißen, den Keller mit Zement füllen und eine Tankstelle darauf errichten oder e Und das Ding, das darunter schläft, wird niemandem mehr ein Leid zufügen können. Nicht mir wenigstens. Nicht mir.

Ich muss sicherstellen, dass es so kommt. Es darf nicht dieser Bützow oder einem ihrer Schergen in die Hände fallen.“

Der fünfzehnte Mai:

„Habe Frank aus meinem Testament gestrichen.

Ein letzter Schritt. Es ist seltsam, wie lange ich mich ihm verweigert habe. Es war dumm, so lange zu warten. So ist es besser. Sicherer für ihn.

Vielleicht ist er in Amerika. Ich hoffe es. Ich hoffe er hat den Verstand besessen, so weit von mir zu fliehen, wie er nur konnte. Es war ein Fehler, seinen Vater zu lieben. Die Linie hätte mit ihm sterben sollen, nicht mit meinem Kind.

Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass von Bützow noch lauert. Auf einen letzten Augenblick der Schwäche, bevor es mit mir zuende geht. Urgroßvater will davon nichts hören, nicht von mir jedenfalls. Aber ich muss sicher sein, dass Franky nicht von seinem Erbe erfährt. Das ist der einzige Weg. Urgroßvater würde ihn töten.

Das Geld wäre mir gleichgültig, ich würde es ihm gönnen. Urgroßvater braucht es nicht, er hat mir erlaubt, es zu behalten. Aber die Häuser… Die Häuser darf Frank nie bekommen. Nicht dieses jedenfalls.

Es ist besser, wenn er glaubt, ich hasse ihn und habe ihn aus meinem Leben ganz verbannt. Ich fürchte, ihn nur neugierig zu machen, wenn ihm mein Geld in die Hände fällt. Es soll an das Charoninstitut gehen, sobald ich nicht mehr bin. Urgroßvater wird wütend sein, wenn er davon erfährt – er hasst sie mit einer Leidenschaft, die mir nicht begreiflich ist.

Und ich fürchte, Kontakt zu Frank aufzunehmen. Wenn ich ihn finden kann, dann auch Sie – das kann ich nicht ertragen. Nicht nach all der Mühe.

Es ist besser, Fehler zu vergessen.“

Das war der letzte Eintrag, der Frank interessierte. Die anderen waren ihm unverständlich. Wirres Zeug über einen Urgroßvater, von dem er nie etwas gehört hatte – die Familie seiner Mutter war tot, das hatte sie mehrfach gesagt – oder ausschweifende Beschreibungen ihrer Schmerzen. Sie war in den letzten Wochen ihres Lebens rapide gealtert, aber bei so klarem Verstand gewesen, das sie alles festgehalten hatte, in jedem ekelhaften Detail.

Zwischen den letzten Einträgen steckten eine handvoll Bilder. Mutter musste während ihrer letzten Tage Trost in ihnen gefunden und sich an frühere Zeiten erinnert haben.

Franky betrachtete sie eine Zeit lang unschlüssig.

Es waren Bilder seines Vaters, die er noch nie gesehen hatte und an die er sich nicht erinnerte. Die sie wohl vor ihm geheim gehalten hatte, aus ihrer gemeinsamen Jugend, wie es schien. Immerhin ihn hatte sie geliebt.

Ein Hochzeitsbild war dabei, in der kleinen Kapelle nicht weit von hier, nur von seinem Vater und ihr vor dem Altar. Seine Mutter war so schön und jung darauf, wie er sie in Erinnerung hatte. Eine herrische Frau mit einem klaren Blick und einem gewinnenden Lächeln, das er bewunderte und fürchtete. Eine Frau, die nichts mit den scheußlichen Bildern zu tun hatte, die er zuletzt von ihr gesehen hatte, ausgemergelt und sterbenskrank.

Und ein Bild, das sie in ihrer Jugend zeigte, als ein junges Mädchen mit blonden Zöpfen und einem frechen Grinsen umgeben von ihrer Familie beim Abendessen.

Ein Bild, das vergilbt und angelaufen war und dessen schwarz-weiß langsam gelbstichig wurde.

Auf der Rückseite stand in derselben geschwungenen Handschrift der mysteriösen Briefe geschrieben:

Maria Johanna von Schlüsselburg.

Siebter August Neunzehnhundertzweiunddreißig.

Erbschaft – Teil VIII: Wein im Keller

Franky wartete und erwürgte seine Zeit in einem langsamen Todeskampf. Es gab für ihn nichts weiter zu tun. Er hätte das Haus weiter renovieren können oder wenigstens Pläne dafür schmieden. Aber er traute seinen Augen nicht mehr, die richtigen Farben, Stoffe und Hölzer dafür auszusuchen – fast so wenig, wie er seinen Händen traute, die Pläne vernünftig zu zeichnen.

Vor ein paar Tagen war er erneut im Keller gewesen. Er wollte nur die Werkzeuge holen, die er dort hatte liegen lassen. Die Zerstörung, die er dort unten angerichtet hatte, war immens. Sie wäre beeindruckend gewesen, hätte Franky sie mit sich selbst, mit seinen eigenen Händen, in Verbindung bringen können. Aber über seiner Erinnerung lag eine Art von Schleier – burgunderfarben, dachte er – der diese Nacht beinahe vollständig bedeckte. Er war in eine Art von Rausch verfallen, den er von sich abgetrennt hatte..

Seit der kalten Wäsche im Garten am Tag danach hatte er nicht zu zittern aufgehört. Der Staub und Schweiß dieser Nacht war wie Schlamm von ihm abgefallen. Trotzdem fühlte er sich schmutzig. Mit den Steinen im Keller schien Franky auch seine letzte Disziplin zertrümmert zu haben.

Das war vor einigen Tagen gewesen.

Seitdem… seitdem wartete er. Unschlüssig, was er tun sollte. Ängstlich vor dem, was er tun könnte.

Er hatte nicht viel hier, um sich zu beschäftigen – eine Reihe an alten Büchern hatte er mitgenommen, aber die ödeten ihn schnell an. Einen Fernseher oder auch nur ein Radio besaß er nicht, selbst wenn: Das Anwesen hatte noch keine weiteren Anschlüsse, solche Geräte wären also tot geblieben.

Und andere Menschen… Menschen wollte er nicht sehen. Diejenigen, die er kannte und die noch mit ihm reden würden, lebten in der selben Zeit, aus der Therese kam. Die selbe Zeit, die er loswerden wollte.

Franky zeichnete daher viel. Ein Hobby, das er über Jahre hinweg nicht ausgeübt hatte, obwohl er es als Kind geliebt hatte. Vielleicht, weil es ihn an seine Mutter erinnerte. Aber in dieser Zeit jetzt war es ganz ungetrübt von Erinnerungen. Die Zeichnungen floßen einfach aus seinen zitternden Fingern.

Er tat nicht viel anderes in diesen Tagen. Er schlief, wenn ihn die Müdigkeit überkam, oft erst gegen Mitternacht, und verbracht eine unruhige Ewigkeit in den Händen von Alpträumen. Von halben Erinnerungen, die ihm wieder hochkamen.

Am nächsten Tag begann er sofort mit dem Zeichnen, reinigte sich von diesen Gedanken seiner Nacht. Blatt um Blatt füllte er mit Graphit- oder Kohlezeichnungen. Als ihm die Stifte ausgingen, malte er mit Schmutz und Staub und den Wandfarben, die er als Exempel besorgt hatte. Als ihm das Papier ausging, verwendete er die Reste von Brettern, die er für die Küche verwendet hatte.

Auf diese Weise brachte er einige Tage herum, erwürgte sie, Minute um gedankenlose Minute, untr zeichnenden Fingern. Sie gingen unter in dem Dröhnen seiner Farben auf dem Holz, in dem Fauchen der Pinselhaare.

An einem dieser Tage drang ein Klopfen zu ihm durch. Ein zärtliches, aber bestimmtes Klopfen, das sich alle paar Minuten wiederholte. Tock-TockTock. Erst bemerkte er es nicht. Aber die Beharrlichkeit, mit der es ertönte, drang langsam zu Franky durch.

Die Sonne war schon lange untergegangen. Wie dunkel es im Salon wirklich war, in welcher Finsternis er vor sich hin gearbeitet hatte, wurde Franky erst bewusst, als er die Uhr auf seinem Handydisplay kontrollierte. Das Licht stach ihm in Augen, die seit Stunden kein helles Licht gesehen hatten.

Wieder dieses Klopfen. Franky blinzelte, dann sah er zum Flur hinüber. Sein Blick blieb an dem verkleideten Eingang zum Keller hängen, wie von selbst. Angespannt lauschte er…

und atmete erleichert aus. Das Klopfen kam von der Eingangstür.

Franky erhob sich von seinem Stuhl und streckte sich. Sein Rücken und seine Schultern schmerzten, so verkrampft hatte er dagesessen. Er war immer näher und näher an das Holz gerutscht, bis er kaum noch eine Nasenspitze davon entfernt war.

Mit steifen Beinen ging er zur Tür hinüber und öffnete.

Charlotte von Bützow stand vor seiner Schwelle. Sie hatte die Arme unter der Brust verschränkt und einen säuerlichen Gesichtsausdruck aufgesetzt.

„Ich klopfe seit einer Viertelstunde“, sagte sie.

„Entschuldige“, sagte Franky. Er blinzelte. Die Straßenlaternen vor dem Haus brannten noch und auf der Straße war Verkehr. Es war eine ganz andere Welt dort draußen, so voller Farben und Lichter und Gerüche und Geräusche, dass sie ihn für einen Augenblick überwältigte.

„Darf ich reinkommen oder soll ich noch länger draußen stehen bleiben?“, sagte Charlotte und unterband seine müßigen Gedanken.

Schuldbewusst ging Franky beiseite. Er schloss die Tür hinter ihr, sie knippste das Licht im Flur an.

„Ist es schon Donnerstag?“, fragte Franky.

Charlotte zog eine schmale Augenbraue in die Höhe.

„Es ist Freitag. Ich hatte anrufen lassen, aber niemand war zu erreichen.“

Sie sah sich um, warf einen Blick in die Küche und den Salon. Als ob sie sicherstellen müsste, dass er nicht völlig im Dreck lebte.

Ihr Eindruck müsste durchwachsen sein, dachte Franky. Die unterste Etage war in Teilen von ihm renoviert worden, doch seit Therese ihn besucht hatte, war alles ein wenig versumpft. Immerhin war der Abwasch gemacht. Wenn auch nur, weil Franky in den letzten Tagen nicht viel gegessen hatte.

Franky ging derweil in die Küche. Er holte eine Weinflasche und zwei Gläser aus einem und ging dann in den Salon zurück. Charlotte stand mit dem Rücken zu ihm, über die Zeichnungen gebeugt, die er angefertigt hatte. Sie lagen alle auf dem Sekretär verteilt und die Anwältin hatte keine Scheu, einzelne davon hervor zu ziehen und zu betrachten.

„Sehr abstrakt“, sagte sie angesichts der scharfen Kanten, der ausgewaschenen Farben und der halbdunklen Erinnerungen an Träume, die er darauf verteilt hatte.

Franky runzelte die Stirn. Er war barfuß und war sicher, dass seine Schritte keine Geräusche machten. Er setzte sich auf die Couch, sagte:

„Es beschäftigt mich, während ich auf dich warte.“

Charlotte seufzte und rollte das Papier wieder zusammen.

„Weswegen wolltest du mit mir so dringend sprechen, dass es nicht am Telefon ging?“, fragte sie. Sie setzte sich nicht zu ihm auf die Couch, sondern blieb an den Sekretär gelehnt stehen.

Franky biss die Zähne zusammen. Wieso setzte sie sich nicht? Sie sollte sich setzen. Zu ihm. Wenigstens für einen Moment. Er wollte nicht, dass sie ging. Oder dass sie aussah, als wäre es ein Geschäftsbesuch.

„Es…“

Franky seufzte. Wo sollte er anfangen? Er konnte kaum einfach mit dem heraus platzen, was er wirklich von ihr wollte. Das würde ihm bestenfalls eine Ohrfeige einbringen. Bestenfalls.

In Gedanken rieb er sich die Wange.

„Es geht um das Haus“, sagte er. „Das Anwesen. Ich… Gott, ich hoffe, ich klinge nicht verrückt.“

„Nimmt es dich derart mit?“

„Ist es so offensichtlich?“ Er lachte aufgesetzt. „Ich dachte, ich hätte langsam ein Händchen dafür entwickelt.“

„Du siehst fürchterlich aus“, sagte Charlotte. Ihre Lippen hatten sich zu einem Ausdruck verzogen, den Franky nicht deuten konnte. Eine Mischung aus Witz und Mitleid vielleicht.

Aber der Ton, in dem sie das sagte, verletzte Franky am meisten. Er hatte keinen Spiegel zur Hand, aber sie musste wohl Recht haben. Er wusste nicht, wann er sich das letzte mal den fusseligen Bart rasiert oder überhaupt gepflegt hatte. Öl und Farbe klebten an seinen Fingern und Staub in seinen Haaren, wahrscheinlich hatte er auch Flecken im Bart.

„Ich schlafe schlecht“, sagte er. Als ob das eine Entschuldigung wäre. „Gar nicht, eigentlich. Wenn ich schlafe, bin ich wach.“

Abermals zog Charlotte eine Augenbraue in die Höhe.

„Was soll das denn heißen? Entweder schläft ein Mensch oder er ist wach, nicht? Andere Zustände gibt es kaum.“

„Ich… schlafe. Das heißt mein Körper schläft. Aber ich träume. Nicht normale Träume. Ich fühle mich wach dabei, aber gefangen in meinem Körper, in meinem Bett, und ich beobachte mich. Nicht meinen schlafenden Körper, sondern meinen vergangenen. Was ich erlebt habe. Ich träume nicht, sondern ich erinnere mich im Traum an all die Dinge, die ich getan habe. Die ich bereue. Wie eine kaputte Videokasette spiele ich sie ab, wieder und wieder. Wie ein Zuschauer in meiner eigenen Vergangenheit.“

Franky schüttelte den Kopf. Dann zerrte er den Korken mit den Zähnen aus dem Weinglas und goss den Wein ein.

„Egal“, sagte er und hielt ihr eines der Gläser hin. „Deswegen wollte ich nicht mit dir sprechen.“

Charlotte starrte ihn an. Ein unangenehmer Blick, der ihm das Herz schneller schlagen ließ. Es fühlte sich an, als wäre er nackt. Nicht auf die angenehme Art. Sondern eher, als würde sie ihm das Fleisch von den Knochen schälen und ihm in die Seele starren.

„Sondern…?“, fragte sie langsam, scheinbar unwillig, das Thema so einfach gehen zu lassen.

Sie war interessant daran. Das würde er sich merken. Vielleicht wäre es ein Vorwand, später noch mit ihr zu sprechen. Nur warum?

Sie nahm das Glas entgegen – einer ihrer Ringe sang, als er gegen das Glas stieß – und schwenkte es einen Augenblick unter der Nase. Dann erst nippte sie daran.

Franky leckte sich über die Lippen.

„Ich habe ein Problem mit dem Haus“, sagte er. „Und ich dachte mir, du könntest vielleicht helfen. Vielleicht weißt du etwas davon oder kennst jemanden oder…?“

„Ich bin Anwältin“, sagte sie, „keine Hausverwalterin.“

„Ja. Ja ich weiß. Entschuldige, das klang falsch. Ich hatte gehofft…“

Franky seufzte, rieb sich mit Daumen und Zeigefinger den Nasenrücken.

„Komm mit. Bitte. Es ist einfacher, wenn ich es dir zeige“, sagte er.

Er ging in den Flur zurück, Weinglas und Flasche noch in der Hand. Aus den Augenwinkeln konnte er sehen, wie die Neugier langsam in ihr Überhand gewann.

Das Licht im Keller stach ihm in den Augen. Die neuen LED-Lampen glühten nicht, sie brannten, und das Licht, das sie auf weißgekalkte Wände warfen, war eisig.

Er ging durch die Gänge, langsam.

„Es ist im Keller. In der hintersten Kammer“, sagte er. Seine Stimme hallte und verbarg alle anderen Geräusche. Er ignorierte es. „Erst dachte ich, es wäre vielleicht dieser… Lustkeller gewesen, von dem du anfangs erzählt hast. Erinnerst du dich? Dass irgendwelche Geräusche zu hören gewesen wären vor hundert Jahren. Dass irgendjemand sich vielleicht amüsiert hätte und man es als ein schmutziges Familiengeheimnis begraben hat. Irgendwie hat mich dieser Gedanke nicht los gelassen… Und… Naja, ich habe danach gesucht. War mehr ein Zufall, dass ich ihn gefunden habe, wirklich.“

Er lachte nervös. Besser, er sagte ihr nicht die Wahrheit. Nicht diese jedenfalls.

„Aber etwas daran will mir nicht einleuchten. Und je mehr ich darüber nachdenke, desto weniger verstehe ich es.“

Sie kamen an den letzten Raum im Keller und Franky ging hinein. Der Raum war noch genau so verwüstet, wie er ihn zurück gelassen hatte. Er hatte die Werkzeuge nach oben geholt, weil er mit Brecheisen und Hammer ein Wandpanel im Dachgeschoß hatte heraus brechen wollen – aber Franky hatte es keine Minute länger als nötig dort unten ausgehalten. Selbst jetzt war ihm kalt, nur beim Anblick der grauenhaften Öffnung in der Wand. Dahinter leuchtete noch die alte Birne, deren orangenes Licht ihn erst auf die Existenz des geheimen Raumes aufmerksam gemacht hatte.

Charlotte kam hinterher und betrachtete die Verwüstung, die Franky in seinem Rausch angerichtet hatte. Eine Hand hatte sie um die Brust geschlungen, die andere, die mit dem Siegelring, der vorhin so gesungen hatte, umklammerte das Weinglas. Sie musste frieren in ihrer dünnen Bluse und den Strumpfhosen.

„Wieso um alles in der Welt…?“, fragte sie, dann verstummte sie. Sie hatte die Platte entdeckt, die Franky frei gelegt hatte. Ihr blieb der Atem weg. Franky hörte es in der stickigen Luft ganz deutlich. Sein eigener gepresster Atem war zu hören und das rauschende Blut in seinen Ohren und das Hämmern seines Herzens. Aber von ihr nichts. Kein einziger Laut.

Seine Anwälting drängte sich an ihm vorbei durch die Maueröffnung, die er geschlagen hatte. Franky blieb davor. Etwas in ihm hielt ihn davon ab, sich dieser Platte weiter zu nähern. Er drehte ihr die Seite zu und starrte in den unauffälligen Vorraum. In seinen Händen hielt er die Weinflasche und das Glas wie ein Ertrinkender einen Rettungsring.

Ab und an trank er daraus.

„Sieht fast wie ein Grab aus, nicht?“, sagte Franky.

Der Gedanke war ihm vor einiger Zeit gekommen. Nicht sofort. Zunächst hatte er sich keinen Reim darauf machen können. Aber in den letzten Tagen hatte er viel darüber nachgedacht. Wenn er zeichnete und abgelenkt war, dann kamen ihm manchmal solche Gedanken. Gedanken, die er wie alle anderen auf‘s Papier blutete und erst Tage später feststellte, dass er sie einmal gehabt hatte.

Was also, wenn es ein Grab wäre? Ein anonymes Grab im Keller des familären Anwesens. Was gab es für einen besseren Platz, einen Mord zu vertuschen, als den weitläufigen Keller? Eine neue Schicht Beton darüber gegossen, den Kellerraum selbst versiegeln… und niemand würde ihn je finden.

Außer durch Zufall.

Außer irgendjemand käme im Drogenrausch auf die Idee, seinen Liebeskummer an einer auffällig unauffälligen Kellerwand auszulassen.

Charlotte schwieg. Aus den Augenwinkeln sah Franky, wie sie über der Metallplatte kniete und sie sanft berührte. Ihre Hände fielen Franky dabei zum ersten Mal auf. Sie waren zierlich, schlank, mit wohl manikürten Fingernägeln. Nichts anderes hatte er erwartet, aber doch hatte er noch nie auf ihre Hände geachtet. Mit den Fingerkuppen fuhr sie über die Linien, spürte jeder Rille und jeder Gravur nach, wo er keine hatte finden können.. Franky wandte den Blick ab. Der Anblick ließ ihm schlecht werden. Als täte sie etwas unanständiges. Als wäre er ein Voyeur, der etwas intimes beobachtete.

Der Moment verflog, sobald Franky etwas sagte.

„Ich hatte gehofft, du wüsstest vielleicht… Als Anwältin der Familie…“

Charlotte versteifte sich plötzlich. Hatte sie für einen Augenblick vergessen, dass Franky hier war?

Ihre Stimme verriet nicht, ob der Fund sie verstörte. Im Gegenteil klang sie höchstens erregt. Sie zitterte, wie sie dort auf den Knien hockte und zärtlich über das Metall fuhr.

„Ob deine Vorfahren jemanden hier ermordet und in einem namenlosen Grab verscharrt haben – und ob wir den Vorfall vertuscht haben?“, fragte sie.

Franky stockte der Atem. Wenn sie es so sagte, klang es brutal.

„Sowas in der Art“, brachte er hervor. „Vielleicht hat… Gott, ich weiß auch nicht. Was soll ich davon halten, dass ich hier so ein Ding finde? Es könnte ein Sarg sein, nicht? Ein Kupfersarg?“
„Zink. Metallsärge sind aus Zink“, sagte Charlotte ohne aufzublicken.

„Meinetwegen eben Zink. Also könnte es so etwas sein?“

Charlotte erhob sich langsam wieder. Ohne den Blick von der Platte abzuwenden, sagte sie:

„Möglicherweise. Ich kann natürlich nicht mit Sicherheit sagen…“

„Herr Gott, Charlotte! Ich frage dich nicht, ob du jemanden getötet hast, sondern ob einer meiner Vorfahren jemanden… Ob hier ein Verbrechen geschehen ist oder sonst was! Wenn, dann müsste deine Kanzlei doch etwas wissen, oder? Seid ihr nicht seit hundert Jahren die Anwälte der Familie?“

„Einhundertfünfzig“, sagte Charlotte. Sie leckte sich über die Lippen. Als sie Franky endlich wieder ansah, kam ihr Blick ihm eisig vor. Nicht kühl, nicht ablehnend, sondern wie von einer dünnen Schicht milchigen Eises überzogen, der den Grund ihrer Seele vor ihm verbarg.


Der Blick dauerte nur einen seiner rasenden Herzschläge lang an. Dann sah sie wieder zu der Platte hinüber.

„Ich bezweifle zwar, dass wir offizielle Akten angelegt haben, wenn es… Nun, wenn es ein Mord sein sollte oder etwas anderes derart illegales. Nur ein Dummkopf würde ein Verbrechen derart katalogisieren, dass es bei einer Hausdurchsuchung gleich gefunden würde.“

Sie sah zurück zu Franky. Wieder musterte sie ihn, mit etwas anderen Augen dieses Mal.

„Aber möglich ist es?“, fragte er.
„Wir führen ein umfangreiches Familienarchiv, privat natürlich. Es können sich Briefe oder Tagebucheinträge finden… Die Platte scheint nicht viel älter als siebzig Jahre zu sein. Es ist möglich, dass ich etwas finde. Aber ich müsste wissen, wonach ich suche.“

Franky runzelte die Stirn. Er sah zu der Platte. Für ihn war sie zeitlos, eine Ewigkeit die in Metall gegossen worden war. Sie hätte genau so gut aus dem achtzehnten Jahrhundert stammen können.

„Nach Umbauten vielleicht? Ich meine, es ist möglich…“

Seine Kiefer mahlten.

„Es sind offensichtlich Umbauten vorgenommen worden, oder nicht? Vor einigen Jahrzehnten offenbar: Die Wand war massiv, wie der Rest des Kellers. Davon müssten sich Aufzeichnungen finden lassen, falls es über die Kanzlei gelaufen ist.“

Charlotte wich seinem Blick aus, sah zu der Metallplatte mit ihren unleserlichen Zeichen darauf.

„Möglich“, sagte sie vage. „Ich kann es nachprüfen, aber in den Aufzeichnungen deiner Familie dürftest du mehr Glück haben. Ist es wegen dieses… sagen wir es ist ein Sarg. Sagen wir, es ist ein Grab. Also ist es wegen dieses Sargs, dass du Alpträume hast?“

Franky bildete sich ein, das Eis unter seinen Füßen knarren zu hören. Er zog die Brauen zusammen, sah zu der Platte im Boden. Nur kurz, dann ballten sich ihm die Eingeweide zusammen. Er schüttelte den Kopf.

„Ja?“, sagte er. „Ich denke nicht. Vielleicht. Ich meine: Ich weiß nicht. Es ist sicherlich aufwühlend, ja, aber ich schlafe schlecht, eigentlich seit ich eingezogen bin. Es wird schlimmer seit ich den Raum hier gefunden habe. Aber ich denke es ist eine allgemeine Sache. Ich träume von all den schlechten Dingen, die ich getan habe. Vielleicht, weil ich mich frage, was meine Familie getan hat, wo mein Platz in der Welt ist, weißt du?“

Franky schüttelte den Kopf. Ihm war kalt bei dem Gedanken daran und er schob ihn ganz weit von sich.

„Gehen wir nach oben“, sagte er. „Dort ist es wärmer. Du musst in deinem Kostüm ja erbärmlich frieren.“

„Oh ja, ja natürlich.“, sagte Charlotte. Sie lächelte schief.

Als Franky sich in Bewegung setzte, zögerte sie einen Augenblick. Er sah aus dem Augenwinkel, wie ihr Lächeln schmolz und wie sie einen letzten Blick zurück über ihre Schulter warf. Zurück in den geheimen Raum.

Dann folgte sie Franky nach oben.

Erbschaft – Teil VII: Rausch und Rage

Franky ertrug es nicht mehr. Die Bilder. Die Geräusche in seinem Kopf. Theresens Stimme, die diesen einen Satz wiederholte, diesen sinnlosen Satz, den sie gesagt hatte. So lange, bis er alle Bedeutung verloren hatte.

Und die Bilder, die er sah, während er auf seinem Bett lag, wie ein Opfertier alle viere von sich gestreckt, und aus dem Fenster in den dunklen Garten schauend.

Dieser Baum. Er verhöhnte ihn.

Vielleicht klang es verrückt – vielleicht war es verrückt – aber je länger Franky dort in seinem Zimmer lag, auf seinem Bett… In seinem Zimmer. Das klang als hätte Mutter ihn ohne Abendessen ins Bett geschickt! Je länger er dort in seinem Schlafzimmer lag, im zweiten Stock seines Anwesens, und mit schweren Augen aus dem Fenster starrte, desto mehr regte ihn dieser Baum auf.

Diese elende Schandmal stand dort im Garten, inmitten der Wildnis, und tat, als wäre nichts.

Als wäre sein ganzes Bemühen, das Anwesen zu renovieren und sich zu eigen zu machen, spurlos an ihr und diesem überwucherten Garten vorbei gegangen. War sie ja auch, denn Franky hatte nicht einmal Hand daran gelegt, seit er hier war. Weder hatte er den Müll entfernt, der sich dort angesammelt hatte, noch das Gras gestützt oder das trockene Geholz entfernt.

Es war ein irrsinniger Gedanke, dass dieser Baum – eine bescheuerte Pflanze, die dort seit fünfzig Jahren stand – ihn weiter verhöhnen sollte.

Aber er zefraß Franky. Genau wie die Stimme, die diesen Gedanken begleitete. Theresens Stimme, die diesen Satz wiederholte, endlos kreisend, und langsam allen Inhalt aus den Worten saugte. Bis sie nur noch leere Hülsen von Lauten waren, die in seinem leeren Kopf umher polterten.

Wieso hatte er so darauf reagiert? Weshalb war er derart zornig geworden, dass er sie gepackt und hinaus geworfen hatte?

Diese Wut war nicht von ihm gekommen. Sie hatte sich in seinen Kopf geschlichen – nein, sie war hinein gestürmt und hatte alle Türen aufgestoßen, die sie finden konnte. Aber sie war nicht von Franky gekommen. Ihm gehörte diese Wut nicht.

Er hatte Therese nicht einfach fortgejagt. Nicht, solange er nicht einmal wirklich sagen konnte, was ihn an diesem Satz gestört hatte. Und je länger er dort lag, im Dunkel seines Schlafzimmers, desto weniger schien ihm dieser Satz von Bedeutung zu sein. Desto mehr schien diese Wut ihm fremd.

Sie war von einer anderen Stelle gekommen.

Nur von wo?, dachte Franky und fand und fand keine Antwort darauf.

Bis ihm ein Gedanke kam, so verrückt wie seine plötzliche Abneigung gegen den Garten.

Diese Wut, diese Abneigung gegen Therese als einen Eindrling in seinem Leben, einen Störenfried, der alles durcheinander brachte, was er hier aufgebaut hatte… war vom Haus gekommen.

Sie war von dort unten gekommen. Von diesem geheimen Raum in seinem Keller vielleicht. Oder es war das Anwesen selbst gewesen, diese Atmosphäre, diese Geschichte, die hier in der Luft lag. Seine Geschichte, die Geschichte seiner Familie, die er erst noch entdecken und sich zu eigen machen musste. Vielleicht hatte er Therese plötzlich und einer Art geisterhaftem Impuls folgend loswerden wollen, damit sie ihn nicht an das altbekannte, dröge Leben in Armut und Einsamkeit ketten konnte.

So etwas war nicht unmöglich. Er hatte von solchen Dingen gehört. Von besonders starken Emotionen und Geschichten, die sich in einen Ort einschrieben, die als eine Art elektromagnetisches Echo in der Zeit nachhallten, bis sie… gehört wurden. Von einem Trottel wie ihm, der unwissend hinein stolperte.

Seine Gedanken kreisten darum. Um dieses Haus. Um seine Geheimnisse, die er nicht verstand, und die ihn zu Dingen trieben, von denen er nicht sicher war, ob er sie wollte.

Schließlich sprang er auf.

Er musste es wissen. Franky sprang die Treppen hinunter in der Dunkelheit des Abends, nahm ganze Treppenabsätze auf einmal, bis er im Flur war. Er rannte in den Salon, ging auf alle Viere. Im schlechten Licht sah er wenig, musste alles Werkzeug in die Hände nehmen, um zu finden, was er suchte. Hammer, Brechstange, Handschuhe. Sie stanken noch nach Fabrik, nach Gummi und Chemie, aber sie schmiegten sich an seine Hände, als hätten sie nie andere gekannt.

Dieses Mal hielten die Glühbirnen im Keller den Strom aus, leuchteten Franky den Weg bis in den letzten Raum, aus dem das seltsame Licht gekommen war, das letzte Mal.

Dieses Mal gab es dort nichts zu sehen. Ein ganz gewöhnlicher Raum, leer bis auf einiges Gerümpel. Und bis auf ein ungutes Gefühl in Frankys Magen.

Es staubte, als Franky begann, mit der Brechstange auf die Wand einzuschlagen. Sie war alt und nicht besonders fest verfügt. Eine schlampige Arbeit, die unter Frankys Gewalt Stück für Stück nachgab. Gips und Ziegel flogen auseinander, ein erstes Loch öffnete sich unter seinen Schlägen. Franky rammte das gebogene Ende der Brechstange hinein, zerrte mit einer Hand an den Steinen, mit der anderen hebelte er am Eisen.

Er kämpfte sich durch seinen Husten, riss weiter Stein von Stein, bis er von Staub und Schutt umgeben war. In kaum einer Stunde hatte er einen Durchgang geschlagen, eine Bresche in der Kellermauer, breit und hoch genug, um gebückt hindurch zu gehen.

Er schwitzte, trotz der Kälte. War es im Keller immer schon so kalt gewesen? Kühl, ja, aber so kalt, dass sich ihm trotz der großen Anstrengung die Nackenhaare aufstellten? Es musste der Schweiß sein, sagte er sich. Die plötzliche Abkühlung, nachdem er seine Arbeit beendet hatte.

Der ganze Raum war von zerschellten Ziegeln erfüllt, von Staub und Gipsresten, die sich ihm auf die Arme legten. Franky atmete schwer, aber flach. Der Staub reizte seine Lungen und er hustete, wenn er zu viel davon einatmete. Er zog sich das Hemd über Nase und Mund und ging durch das gähnende Loch in der Wand.

Der Raum dahinter… war leer bis auf Staub und alte Luft. Luft, die seit Jahrzehnten dort gestanden hatte, und Staub und Spinnweben, die sich dort gesammelt hatten. Gerümpel stapelte sich in den Ecken. Franky sah sich um mit der Hast eines Getriebenen, eines Wahnsinnigen, der den heißen Atem der Vernunft im Nacken hat. Mit den Händen tastet er über die Wände, suchte nach einer Lücke darin, einem Hinweis, irgendeinem Grund, der seine Raserei rechtfertigte.

Wand um Wand fand er nur Beton. Die gegossenen Fundamente seines Anwesens und der Kellerwände, an denen sein Brecheisen abglitt. Wände, genau wie alle anderen, an denen er auf dem Weg hierhin vorbei gekommen war..

Er trommelte dagegen, warf sich gegen die Wände in einer heulenden Wut, die keinen konkreten Auslöser hatte, außer die enttäuschte Hoffnung eines Mannes, der nicht selbst für seine Taten verantwortlich sein wollte. Es half nichts. Die Wände gaben kein weiteres Geheimnis preis. Er schien nur auf einen Raum gestoßen zu sein, der aus unerfindlichen Gründen versiegelt worden war. Vielleicht um eine neue Wand einzuziehen, die früher einmal als Weinregal gedient hatte. Vielleicht um irgendeinen Pfusch zu verbergen. Vielleicht um die Möbel hier wegzuschließen, die auf die perversen Gelüste eines Vorfahren deuteten. Gepolsterte Möbel mit Hand- und Fußfesseln daran, Liegen in unnatürlichen und extravaganten Positionen – vielleicht der Lustkeller, von dem Charlotte nur Gerüchte gehört hatte.

Vielleicht gab es überhaupt gar keinen Grund und seine Mutter oder irgendein anderer seiner verrückten Vorfahren hatte diesen Raum gehasst und wollte ihn loswerden.

Franky sank auf die Knie. Zum zweiten Mal an diesem Tag umschlang er seine Knie in Verzweiflung. Nur, dass es diesmal kein Geräusch gab, dem er die Schuld dafür geben konnte. Da war nur Stille und sich langsam setzender Staub.

Er blickte über die Zerstörung, die er in der letzten Stunde angerichtet hatte.

Das war alles, was es ihm eingebracht hatte: Zerstörung. Sinnlose. Er hatte der Wut freien Lauf lassen können, sich davon reinigen, zumindest für eine Zeit.

Dort, zu seinen Füßen in der Mitte des Raumes, waren Brechstange und Hammer aufgeschlagen, als er sie in seinem Wutgeheul beiseite geschleudert hatte. Sie hatten den Boden beschädigt, so kräftig hatte Franky sie geworfen. Der Hammerkopf hatte sich beim Aufprall gelockert.

Franky rutschte auf den Knien hinüber, die er sich auf dem rauen Boden aufschürfte. Den Staub und den Schmutz wischte er beiseite. Dort! Dort, wo der Hammer aufgeschlagen und ein kleines Loch gerissen hatte, dort glänzte es. Er griff sich die Brechstange und begann, auf den Fußboden einzuprügeln. Splitter flogen, aber er hörte nicht auf. Der Boden platzte unter seinen Schlägen auf, wie eine dünne Haut die eine noch schwärende Wunde verbarg. Und er offenbarte ewas, mit dem Franky nicht gerechnet hätte.

Eine Platte aus roter Bronze. Es war eine große Platte und wahrscheinlich war sie massiv. Es hatte nicht hohl geklungen, als er mit dem Brecheisen darauf gestoßen war, nicht nach einem darunterliegenden Hohlkörper. Rasch hatte Franky eine Fläche von etwa einem Meter im Quadrat freigelegt und schien dennoch nur einen Ausschnitt freigelegt zu haben. Jedenfalls machte das, was auf der Platte abgebildet war, nur als Ausschnitt einen Sinn.

Es war ein Muster darin eingeätzt oder eingetrieben oder eingelassen, er konnte es nicht sagen. Er konnte tatsächlich nicht einmal sagen, was es darstellen sollte. Es war zu verschlungen, zu wirr um irgendeinen klaren Gedanken davon fassen zu können. Es macht den Eindruck, als würde es nirgendwo beginnen und nirgendwo enden, als wäre es absichtlich dort in den Boden eingelassen und verborgen worden, um irgendein verrottendes Geheimnis zu bewahren.

Nur welches?

Er konnte eine Figur in einer Robe ausmachen, mit einer grässlichen Maske. Er sah Sterne, die schwarz aussahen, obwohl dem Muster alle Farben bis auf Rot fehlten. Er sah drei Figuren, die Tiere waren und zugleich Bettler, und eine endlose Reihe an Schnörkeln, Symbolen, Mustern und Buchstaben und Worten, die er nicht verstand.

Sie brannten sich kalt in seinen Verstand, aber gleich, wie lange er dort auf den Knien vor dieser Platte saß, er begriff nicht, was er sah. Er konnte sich auf keines der Elemente konzentrieren – sobald er eines davon in den Blick nahm, verschwamm es, wurde undeutlich, ging in dem Gewirr aller anderen unter. Sobald er das Ganze in den Blick nehmen wollte, begann sein Kopf zu schmerzen.

Irgendwann gab er auf. Die Anstrengung des Tages und die Verausgabungen der Nacht hatten ihn ermüdet.

Franky schleppte sich bis in den zweiten Stock – Werkzeuge und Handschuhe ließ er achtlos im Keller liegen – und fiel in sein Bett. Er ignorierte den Staub, der sich mit dem Schweiß auf seiner Haut zu einer Art lehmigem Film verbunden hatte. Die Dusche funktionierte noch immer nicht. Heute hatte er nicht die Kraft für eine kalte Wäsche in der Regentonne.

Morgen, sagte er sich. Morgen würde er sich waschen und am Morgen die Müdigkeit und Lethargie vertreiben.

Er rollte herum, und griff nach dem Kästchen, das auf dem Boden lag. Dort war es hingefallen, als er aufgesprungen war. Ein wenig seines Inhalts war heraus gefallen. Ein Beutelchen mit weißen Steinen musste er vom Boden sammeln – zum Glück hatte es sich nicht geöffnet sondern seinen kostbaren Inhalt bewahrt. Die Spritzen waren noch an Ort und Stelle und nicht verbogen. Er zündete eine der Kerzen auf dem Fensterbrett mit einem langen Räucherstäbchen and und begann seine Reise aus dieser Welt in eine andere.

Sein Schlaf war tief und schlecht. Nach jener ersten Nacht hatte er nicht mehr so unruhig geschlafen, hatte sich nicht derart von einem Alptraum in einen anderen gestürzt.

Er träumte von seiner Vergangenheit. Nicht von seiner Kindheit – die hatte er mit seiner Mutter zusammen begrabe – sondern von seinem Leben seitdem.

Aber er träumte von Therese. Sie ließ ihn nicht los. Die Erinnerungen an sie und an andere wie sie klammerten sich an seinen schlafenden Geist. Oder besser gesagt: Sein Geist klammerte sich an diese Erinnerungen, so wie er sich in seinen wachen Stunden an ihr warmes Fleisch geklammert hate. Sie hatten ihm Geborgenheit gegeben – Therese und andere Frauen hatten in den letzten Jahren immer eine Art von Anker gebildet für ihn. Er konnte sich nicht auf sie verlassen, aber er konnte sich mit ihnen zumindest von sich selbst ablenken.

Es war, als ob er im Geiste seine gesamte Vergangenheit noch einmal durchlebte. Nicht nur mit ihr, mit Therese, sondern mit allen Frauen, die er je gehabt hatte. Seine Vergangenheit mit allen Menschen, die ihm etwas bedeutet hatten in seinem Leben aus Sucht und Armut und Verbitterung, dem er nun langsam entkam. Ohne Erbarmen zerrten seine Träume ihn durch die zehn Jahre, die er ohne seine Mutter gelebt, die er so gut es ging ohne eine Erinnerung, ohne eine Spur seiner Herkunft verbracht hatte. Und sie zeigten ihm all die alten Sünden, für die er sich schämte, rissen jede alte Wunde wieder auf.

Er träumte von seiner ersten Liebe, die ihn betrogen hatte. Davon, wie er sich vor ihr erniedrigt hatte, um sie halten zu können, um um alles in der Welt nicht allein sein zu müssen mit sich und seinem Leben und seinen Gedanken, sondern jemanden bei sich zu haben. Wie viel er vor ihr geweint hatte, um sie zu überzeugen, bei ihm zu bleiben. Und wie sie ihn schließlich doch verlassen hatte, weil er sie dafür verachtete, dass sie ihn danach noch geduldet hatte.

Er träumte von seinem einem Freund, den er vor Jahren verloren hatte. Wie er ihn im Gefängnis zunächst noch besucht hatte für einige Monate. Dann aber nicht mehr. Weil er sich vor seinen neuen Freunden dafür schämte, jemanden zu kennen, der eingesessen hatte. Weil er sich schämte, davon gekommen zu sein, während Jakob gefasst worden war. Und weil er dieser Scham nicht mehr begegnen wollte.

Und zuletzt… zuletzt sah er, wie er Therese von sich stieß. Nicht, weil sie etwas getan hatte, das ihn verletzte. Sondern weil sein Anblick ihn an die Zeit erinnerte, die er mit ihr verbracht hatte. Und an die schlechte Zeit, vor der er geflohen war.

Solche Erinnerungen liefen vor seinem geistigen Auge ab, er durchlebte sie die ganze Nacht wieder und wieder. Mehrfach schreckte er auf, gerade lange genug um zu begreifen, dass er geschlafen hatte und nun aufgewacht war – dann sank er zurück in einen unruhigen Schlaf, der ihn in feinen Ketten aus Schuld und Angst hielt.

Als er am nächsten Morgen erwachte, glaubte er für einen Augenblick nicht, dem Schlaf entkommen zu sein. Erst als langsam die Sonne aufging und der Weg ihres Lichts auf den Wänden ihm das Verstreichen der Zeit ankündigte, blickte er auf die Uhr neben seinem Bett.

Was ihm in seinem unruhigen hin und herwerfen wie Tage der Qual und der Schuldgefühle vorgekommen war, hatte kaum mehr als sechs Stunden angedauert. Der Rausch hatte die Zeit für ihn verdünnt. In wenigen Stunden waren Jahre seines Lebens an ihm vorbei gezogen.

Franky fiel zurück in seine Kissen, die ganz feucht von seinem Schweiß waren und klebrig vom Schmutz, den er aus dem Keller hinauf getragen hatte. Zitternd atmete er ein. Tief und tiefer, bis seine Brust zu platzen drohte.

Der Geruch von Asche und altem Räucherwerk klebte ihm in den Lungen.

Er wusste, was er tun würde. Was er immer tat, wenn es ihm schlecht ging.