„Die silberne Königin“ ist einer der ersten Romane von Katharina Seck, erschienen bei Bastei Lübbe, 2016. Tatsächlich dachte ich zuerst, es wäre ihr Debütroman, diese Ehre gebührt allerdings ihrem Roman „Schattenwende“ vom Acabus-Verlag, 2011. Da dieser auf ihrer Webseite aber nicht geführt ist und zwischen den zwei Werken etwa fünf Jahre stecken, behandle ich die Königin als ihr Debüt. Das heißt ich nehme es beim Stil nicht ganz so genau. Der Roman erhielt darüber hinaus den Seraphen in der Kategorie „Bestes Buch 2017“. Beziehen lässt er sich über die Verlagsseite von Bastei Lübbe.1

Der Roman besticht vor allem mit zwei Punkten:

Erstens einem märchenhaften Stil, der allerdings stellenweise opak und sehr behäbig ist, wodurch viele der hübschen Details der Handlung verschwinden.

Und zweitens einer interessanten Struktur. Die Geschichte dreht sich im Kern um Emma, eine Halbwaise, aus der Stadt Silberglanz. Dort herrscht seit undenklichen Zeiten ein ewiger Winter, der schlimmer zu werden scheint und das ganze Königreich unter Schnee begraben hat. Dieser Winter, wie sie schnell heraus findet, ist mit dem König verknüpft, der ein Herz aus Eis hat. Emma macht sich auf, sein Herz zu erwärmen und den Winter zu beenden. Das ist der Kernkonflikt und den löst sie nicht, indem sie ihn überwältigt oder besiegt, und dazu zwingt, ihre Perspektive einzunehmen – sondern indem sie sehr feinsinnig und gewieft seine Zweifel und ihr Mitgefühl nutzt, um ihn von ihrer Perspektive zu überzeugen. Natürlich gibt es Actionszenen, aber der eigentliche Klimax des Romans ist eine über mehrere Wochen dauernde Unterredung zwischen Emma und dem König, an deren Ende der König schließlich wieder Mensch wird und Gefühle zulässt.

Der strukturell interessante Punkt kommt zur Auflösung des Hauptkonflikts hinzu. Der Großteil des Romans ist durchzogen von einer Binnenerzählung des titelgebenden Märchens von der silbernen Königin. Zunächst erzählt eine Märchenerzählerin, Chocolatrix und Weltenbummlerin namens Madame Weltfremd unserer Protagonistin dieses Märchen, die es später selbst weiter erzählt und recht clever nutzt, um den Konflikt zu lösen.

Ich möchte nicht zu viel verraten, weil ich die Auflösung des Hauptkonflikts tatsächlich für sehr gelungen und überraschend halte. Auch sehe ich einige stilistische und strukturelle Schwächen im Roman, vor allem was das sprachliche Register und die ausgedehnte, doppelte Erzählweise angeht. Aber das hier ist keine Buchbesprechung oder Stilkritik, sondern ein Essay – und ich möchte darin an unser letztes Thema anknüpfen: Den Eskapismus.

Die silberne Königin bietet sich dafür sehr an, weil das Märchenhafte in ihm eine große Rolle spielt oder wenigstens zu spielen vorgibt. Wie wir uns erinnern, habe ich letzte Woche das Märchen als ein Beispiel des abenteuerlichen Eskapismus vorgestellt. Das heißt als ein Eskapismus, der weder die Merkmale der Fahnenflucht eines Feiglings noch die des Ausbruchs eines Gefangenen aus der Realität zeigt. Die Eskapade des Abenteuers erlernt neue Perspektiven und erschließt neue Erfahrungswelten für die gelebte Wirklichkeit neue Perspektiven. Sie will mögliche Realitäten stiften, die ohne das Abenteuer undenkbar erscheinen. Das ist mitnichten ein automatischer Prozess. Um das vorläufig zu begreifen genügt es, uns all die Klischees und überkommenen Stereotypen vorzustellen, die Perspektiven nur auf das schon gewöhnliche richten.

Secks Roman arbeitet mit verschiedenen Motiven, die immer wieder angedeutet, leider aber kaum ausgebaut werden. Später mehr dazu, für den Augenblick sind die Motive des Märchens interessanter.

Da wird einerseits die transformative Kraft von Geschichten in den Vordergrund gerückt. Emma bekommt einen wichtigen Schubser für ihre persönliche Entwicklung durch das Märchen von Madame Weltfremd. Dasselbe Märchen lässt schließlich auch den König zu einem neuen Leben finden.

Da wird auch die mündliche Überlieferung von Geschichte durch Allegorien und Sagen angedeutet, wo das Märchen von der silbernen Königin die verloren gegangene Geschichte des Königreichs andeutet.

Die wird die Verfolgung und Manipulation von Geschichte durch die Mächtigen angedeutet, wenn Madame Weltfremd das Erzählen ihrer Geschichten vom Schergen des Königs verboten wird, der die „wahre Geschichte“ des Königreichs unterdrücken will. Letztlich sogar mit Erfolg.

Die Königin ist nun interessant, weil sie ganz offenbar zwei verschiedenen Formen des Eskapismus bedient, was den Roman in Teilen für mich nur umso frustrierender macht. Die Binnenhandlung des Märchens von der silbernen Königin ist abenteuerlicher Eskapismus: Emma erzählt dieses Märchen, um dem König selbst eine neue Perspektive auf sein eigenes Leben zu geben. Und Emma selbst bekommt mit diesem Märchen eine neue Perspektive auf ihr eigenes Leben. Das Märchen von der silbernen Königin schafft – innerhalb des Romans jedenfalls – in diesem Sinne Realität, anstatt sie zu verlassen. Das Phantastische, das Märchenhafte, stiftet eine Umgebung, die es dem König mit dem Eisherzen erlaubt, sein Eisherz zu erwärmen und wieder Mensch zu werden.

Großartig! Und selbst außerhalb des Romans funktioniert das, weil bis zu diesem Punkt die Kraft der Worte tatsächlich siegt. Weil der intradiegetische Perspektivwechsel einen extradiegetischen hervor bringt und damit die Erfahrung des Leser selbst wunderbar spiegelt.

Die Handlung des Romans selbst aber – die nach dieser herzerwärmenden Episode leider noch gute fünfzig Seiten weiter geht – ist der eher gewöhnliche Eskapismus. Oder sagen wir etwas versöhnlicher: Er verschenkt das von seinen eigenen Motiven und dem abenteuerlichen Eskapismus aufgebaute Potential leider und fällt in stereotype Konfliktlösungen zurück.

Ein Merkmal, das ich zum Eskapismus hervor gehoben hatte, war gerade der Weg zurück. Das lässt sich, stark vereinfacht, wie die zweite Hälfte der Heldenreise verstehen: Wer auf ein eskapistisches Abenteuer auszieht, der kommt zurück, der bringt von seinem Abenteuer etwas mit. Ansonsten ist er nur geflohen.2

Während im Roman selbst mit seinem Märchen dieser Rückweg vollzogen wird – was zunächst als eine bloße Flucht vor einem öden (mehr oder niemals endenden) Winterabend beginnt, verändert schließlich die Lebensrealität der Figuren – bleibt die Haupthandlung um Emma leider eskapistisch im Sinne der Flucht.

Und das auf mehr als eine Weise. Ich will mich dabei gar nicht allzu sehr auf die leider etwas zu kurz kommenden Motive von Geschichtsklitterei und den gesellschaftlichen Kräften von Erzählungen, Narrativen und Geschichten versteifen. Der erzählerische Hauptzweck der Madame Weltfremd ist es, der Hauptfigur den Anfang des Märchens zu erzählen, mit dem sie schließlich das Herz des Königs erwärmt. Sie nimmt letzten Endes die Rolle des weisen Mentors ein, der der Protagonistin eben die Mittel an die Hand gibt, um sein Problem zu lösen.

Problematischer ist da schon die doppelte Struktur von Märchen und Romanhandlung. Das Märchen ist eine stilisierte Fassung der Haupthandlung und damit eigentlich gut für ein paar Metakommentare geeignet. Da die möglichen Nebenstränge rund um die gesellschaftlichen (im Gegensatz zu individuellen) Mächten von Geschichten aber sehr kurz kommen, bekommen wir die selbe Handlung praktisch zwei mal nur in neuer Sprache verpackt vorgesetzt.

Viel mehr möchte ich mich auf das Ende des Romans konzentrieren. Denn nachdem unsere Protagonistin das Herz des Königs erwärmt hat, geht die Handlung leider noch gute fünfzig Seiten weiter und untergräbt damit vieles der guten Vorarbeit.

Nach diesem eigentlichen Klimax stellt sich heraus, dass der König selbst nur ein Opfer seiner eigenen Herkunft ist und sein vereistes Herz gar nicht die Ursache, sondern nur Symptom des ewigen Winters ist. In Wirklichkeit liegt ein Fluch auf einer abgelegenen Silbermine, aus dem der ewige Winter hervor quillt, und der König selbst ist nur ein unwilliger Handlanger des Bösen. Ursprünglich brachte die Gier seine Vorfahren dazu, diese Mine zu öffnen und mit ihrem Reichtum die ursprünglichen Könige vom Thron zu stoßen. Seitdem aber hält ein „schwarzes Eis“ die Herzen der neuen Königsfamilie gefangen und jeder neue König gibt das alte Trauma an seine Kinder weiter.

Was folgt ist eine erzählerisch geraffte Reise zu diesem Bergwerk, ein Kampf gegen einen magischen Schatten, ein von der Erzählerin vorgetäuschter Heldentod des Königs und alles in allem der schwächste Teil des Romans.

Neben den offensichtlichen Problemen dieser Entwicklung führt uns das wieder in den Bereich der Fahnenflucht zurück.

Man muss dem Roman allerdings sehr zu gute halten, dass die eher klassischen Elemente dieses Eskapismus oft sehr spielerisch umgesetzt werden. So ist Emma (Spoiler) natürlich die letzte Nachfahrin der ehemaligen Könige, die von der Familie des jetzigen Königs vor Jahrhunderten vom Thron gestoßen wurden und seitdem verfolgt werden. Es ist beinahe ein verkümmertes Motiv, was in jedem Fall eine willkommene Abwechslung ist, weil es keinen nennenswerten Einfluss auf die Handlung oder auch nur Emmas Charakter hat.

Dumm ist nur, dass durch diese verkümmerten Klischees leider trotzdem die üblichen Risse und Löcher im Plot verbleiben. Vielleicht sogar noch größer werden. Wenn Silberglanz einerseits so klein ist, dass die meisten Bewohner sich untereinander kennen, wie kann dann für einige ungezählte Jahrhunderte eine einzelne Familie sich direkt unter der Nase der Usurpatoren verstecken? Vor allem wenn diese selbst Aufzeichnungen über die Nachfahren der früheren Könige führen und in einer geheimen Kammer des Schlosses einen Stammbaum über sie führen?

Was für einen Zweck hat es überhaupt, die Protagonistin zu einer geheimen Prinzessin zu machen? Innerhalb das Plots hat es nur die Relevanz zu erklären, weshalb der „Schatten“ des Königs ein Interesse an ihr hegt. Weder führt es am Ende dazu, dass der König sein Amt wieder an Emma übergibt noch wird eine große Veränderung ihres Lebens durch diese Wahrheit angedeutet. Es ist ein einzelner Fakt, dessen Begründung letztlich lautet

Weil das in Märchen eben so ist.

Und das ist in Märchen eben so, behaupte ich kühn, weil sie eskapistisch sind auf die schlechte Weise einer Flucht. Es ist dieselbe Motivation die hinter Harry Potters Flucht aus dem Wandschrank steckt und wegen der hunderttausende Kinder einige Jahre lang auf ihren elften Geburtstag gewartet haben. Weil sie hoffen, vielleicht in Wirklichkeit jemand besonderes zu sein.

Ungeachtet dessen, dass die Kernasapekte der Haupthandlung – gerade bei der silbernen Königin – so viel stärker wären, wenn Emma letztlich doch nur ein gewöhnliches Mädchen wäre. Wenn ihre Ähnlichkeit zur silbernen Königin des Märchens nicht in irgendeiner Abstammung sondern ihrem Charakter begründet läge.

Mit einem gewagten Sprung landet „die silberne Königin“ damit wieder im ästhetischen Bereich des Flüchtlings. 3

Die Eskapaden des Abenteurers – wir erinnern uns – führen zwar in die Fremde, aber nur um von dort mit neuen Erfahrungen zurück zu kehren. Um sich der Realität zu stellen, auch all der hässlichen Realität. Nicht im Sinne eines ästhetischen Realismus, der nichts phantastisches zulässt, sondern um das Phantastische stets auf die Realität zurückzukehren. Um das eigene Handeln neu zu ermöglichen.

All die Grautöne und die Möglichkeiten des Märchens, uns einen besseren Blick auf unsere eigene Welt zu geben, werden durch den letzten Akt der „silbernen Königin“ augenblicklich beiseite gewischt.

Die letzten paar Dutzend Seiten des Romans torpedieren das vorher aufgestellte Thema des Hauptkonflikts. Es ist nicht mehr die Kraft der Worte, die das Elend in der Welt bekämpfen kann – höchstens indirekt. Es ist die Gewalt des Königs und die anderen können nur darauf hoffen, diese Gewalt in die rechte Richtung zu lenken.

Der König der Handlung ist nicht gut oder böse, er ist nicht einmal wirklich für seine eigenen Handlungen verantwortlich. Er ist nur von seiner Erziehung her verkorkst und von den äußeren Umständen gezwungen, was ihn vom Großteil seiner Verantwortung entbindet. Zugegeben macht der König Anstalten, seine Position zu benutzen, um das Königreich nach den Jahrhunderten des Eises wieder aufzubauen, aber er bleibt grundlegend jenseits aller Vorwürfe oder gar Bestrafung.

Das ist nicht wegen etwaiger marxistischer Lesarten meinerseits problematisch, sondern weil es direkt dem Abenteuer der Haupthandlung widerspricht und sich in eine Irrealität flüchtet, in der alle Menschen gut und alles Böse externalisiert ist – ein amorpher, namenloser Schatten aus irgendeinem Zauber.

Der letzte Akt des Romans wirkt wie angekleistert, vermutlich weil eine phantastische Handlung ohne actionreichen Abschluss als zu gewagt empfunden worden wäre.

Dabei war es gerade dieses Wagnis, dieses literarische Abenteuer, das den Roman so lesenswert gemacht hat.

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2Woran, nochmal gesagt, an sich nichts schlechtes ist. Problematisch ist diese Flucht lediglich wenn sie die Flucht eines Feiglings ist, das heißt wenn sie nicht die Verantwortung des Einzelnen, zu handeln und zu wachsen, zur Kenntnis nimmt. Das ist einer der wesentlichen Unterschiede zwischen Fahnenflucht und Ausbruch: Der Feigling flieht vor Verantwortung, der Gefangene vor Unterdrückung.

3Ich möchte noch einmal deutlich sagen: Eskapismus und die Erfüllung von Wunschvorstellungen zwei verschiedene Dinge sind. Eskapismus kann Wunschvorstellungen befriedigen, muss es aber nicht.