„Die silberne Königin“ ist ein Roman von Katharina Seck, erschienen 2016 bei Bastei Lübbe und mit dem Seraph 2017 als „Bestes Buch“ ausgezeichnet. Ich habe mir das Werk im Rahmen meiner Quest, druckfrische, deutschsprachige Fantasy besser kennenzulernen, einmal angeschaut und bin recht zwiegespalten.

Einerseits ist es voller guter Ideen, einer herrlich schlauen Lösung des Hauptkonflikts und wunderschöner Namen – andererseits ist es behäbig, erzählt vieles doppelt und daher etwas zäh. Was aber besonders heraus sticht, ist der Fokus auf das Märchenhafte. Eine Märchenerzählung nimmt einen prominenten Platz in der Handlung ein, löst sogar einen großen Teil des Hauptkonflikts auf, und der Erzählstil imitiert (manchmal recht geschickt) den Stil eines Hans Christian Andersen.

Der Roman hat darin durchaus eskapistische Züge, strauchelt allerdings auf den letzten Metern. Ich möchte das zum Anlass nehmen, diese Woche einige Worte über Eskapismus zu verlieren. Nächste Woche möchte ich dann mit einem geschärften Begriff bewaffnet „die silberne Königin“ etwas genauer unter die Lupe nehmen.

Eskapismus wird hierzulande oft missverstanden. Als eine irgendwie kindische Feigheit vor der Realität, als eine Flucht vor der Wirklichkeit, die sich lieber mit dem „War of the Five Kings“ als dem syrischen Bürgerkrieg befasst. Kollegen bemühen dann oft, wie ich vermute ohne allzu sehr darüber nachzudenken, dieses Zitat von Tolkien:

„Why should a man be scorned if, finding himself in prison, he tries to get out and go home? Or if, when he cannot do so, he thinks and talks about other topics than jailers and prison-walls? The world outside has not become less real because the prisoner cannot see it. In using escape in this way the critics have chosen the wrong word, and, what is more, they are confusing, not always by sincere error, the Escape of the Prisoner with the Flight of the Deserter.”1 2

Weswegen viele, die diese Sätze bemühen, meiner Meinung nach kaum darüber nachdenken, hat zwei Gründe.

Erstens wird der weitere Kontext oft weggelassen. Tolkien – ein Kriegsveteran der blutigen Schlacht an der Somme des ersten Weltkriegs und scharfer Beobachter des zweiten – sieht nichts schlechtes an einem Eskapismus des Gefangenen. Und spricht hier explizit von „the misery of the Führer’s or any other Reich“, der es zu entkommen gelte. Dass Ablehnung von Eskapismus in solch einer Situation für ihn kein Patriotismus sondern Kollaboration ist.

Tolkien hat hier wohl kaum die Flucht vor der Mittelmäßigkeit der deutschen Reihenhäuschen vor Augen, sondern die Flucht aus Elend. Aus Konzentrationslagern, Krieg und Verheerung.

Zweitens deckt dieses Zitat nicht alle Arten des Eskapismus ab, sondern wendet sich nur gegen Kritiker der phantastischen Literatur, die (ungerechtfertigterweise) Flucht und Desertion gleichsetzen.

Zweifelsohne, und das möchte ich auch gar nicht bestreiten, ist die Flucht eines Gefangenen bewundernswert. Kunst und ganz besonders die Literatur kann vieles Leid mindern. Ich weiß es, weil ich in vielen grausamen Nächten wach gelegen und in Mittelerde Zuflucht vor dem endlosen Piepsen der Beatmungsmaschinen gesucht habe.

Tolkien und mit ihm jeder, der nur diese Worte bemüht, verkürzt aber auch. Eskapismus ist nach obigem Zitat nur Flucht. Die Wahl liegt nur mehr zwischen der Flucht des Feiglings und der des Gefangenen.

Ich möchte einen Schritt früher ansetzen, noch vor dieser etwas irreführenden Unterscheidung und eine weitere Bedeutung anbieten.

Dem Wort nach kommen oberflächliche Beobachter leicht zu dem Schluss, dass Eskapismus und das englische „escape“ gleichbedeutend seien. Das stimmt aber nur zum Teil. Seit Mitte des 20ten Jahrhunderts, vor allem im Zuge der dominierenden amerikanischen Psychologen, wird Eskapismus und „escapism“ in der Tat gleichgesetzt. In der Psychologie spricht man, stark vereinfacht gesagt, von einer Realitätsflucht auch als „escapism“ – von der Weigerung, an der Wirklichkeit teilzunehmen und sich stattdessen in Wahn- und Phantasievorstellungen zu flüchten.

Seinen Wurzeln nach ist das Wort aber älter und leitet sich, wie das englische „escape“ vom Altfrönzischen „echappieren“ her.3 Im Deutschen tritt dieses Wort nun zuerst in der Form der Eskapade auf, von dem sich wiederum der Eskapismus ableitet. Eskapade, das ist das Abenteuer, der launenhaften Einfall oder auch Ausbruch aus den gewohnten Formen (etwa beim Tanz oder beim Reitsport). Diese etwas von der Zeit begrabene Bedeutung möchte ich für Eskapismus geltend machen.

Verfolgen wir diese Etymologie des Eskapismus vom Abenteuer her weiter, kommen wir zu einer überraschenden Einsicht. Neben Tolkiens falscher Dichotomie vom Gefangenen und vom Fahnenflüchtigen gibt es noch einen dritten Modus der „Flucht“ – die nach vorne. Die Flucht des Eskapisten, der sich, einem tollkühnen Einfall folgend, aus der behaglichen Sicherheit seines Auenlandes heraus jagt, um auf Abenteuer zu gehen.

Des Lesers, der mit der Literatur seinen Horizont erweitert, neue Orte, Stimmen und Perspektiven sammelt, um schließlich an Erfahrung reicher und weltgewandter nach Hause zurück zu kehren.

Mich verwundert etwas, dass gerade Tolkien diesen dritten Modus nicht erwähnt hat, immerhin ist doch gerade im „Hobbit“ eine Abenteuer- und Wanderlust, die Bilbo fort drängt. Das Motiv des Fortgehens, um danach wieder mit neuer Erfahrung und neuer Perspektive zurückzukehren, zieht sich durch seine drei großen Werke. Nicht zuletzt lautet der Untertitel des Hobbits ja auch „There and back again“ Jedenfalls ist mir kein derartiger Text von Tolkien dazu bekannt, ich bin aber beileibe kein Fachmann, was Tolkienforschung angeht und für Hinweise in diese Richtung dankbar.

Es erfordert Mut, dieses Abenteuer zu wagen. Sie führt einen weitab und wenn man nicht aufpasst, trägt einen die Literatur sonst wohin, in gänzlich fremde Kulturen und Zeiten. Die Eskapaden eines Abenteurer sind keine Flucht vor der Realität, sondern im Gegenteil deren Bestätigung. Sie suchen das Utopische, das Fantastische, auch das Schreckliche, um den Blick für das Alltägliche zu schärfen.

Mein ehemaliger Professor macht in seiner (im Übrigen viel zu langen und in ihren Themen ausufernden) Habilitation zur Phänomenologie der Wahrnehmung folgendes gelten: „Die [im Märchen] gemachte Fremdheitserfahrung hat durchweg Realität stiftenden, nicht Realität voraussetzenden Charakter.“4

Das klingt komisch, meint aber für unsere Zwecke vorerst dasselbe: Das Verhältnis von Realität und Phantasie ist nicht so gelagert, wie man gemeinhin annimmt. Das Märchen setzt nicht eine Wirklichkeit voraus, um diese dann „umzudeuten“, sondern es schafft durch seine Fremdheit überhaupt erst ein Verständnis für Wirklichkeit.

An dieser Stelle lohnt es sich, phänomenologische Ästhetik in eine literarische Diskussion zu bringen. Der Mechanismus, mit dem Kunst Realität schaffen kann, ist nämlich überaus interessant. Der Verständlichkeit halber setze ich „Märchen“ und „Fantasy“ im Folgenden gleich.5

„Realität schaffen“ klingt zugegeben nach einem starken Stück. Gemeint ist damit eher die Schaffung kultureller Realitäten. Kulturelle Objekte sind nämlich sehr real, auch wenn sie nicht greifbar sind. Unsere Neigung, kulturelle Normen oder Werkzeuge aus Kunstwerken zu übernehmen ist gut dokumentiert. Ein Richter des obersten Gerichtshofes der vereinigten Staaten von Amerika etwa bezieht sich in seiner Überzeugung, dass Folter zweckmäßig ist, auf deren (falsche) Darstellung in der Erfolgsserie „24“.6 Ein etwas weniger krasses Beispiel ist die Annahme der meisten Europäer, ihnen stünde per Gesetz ein Telefonanruf zu – weil das in den meisten US-amerikanischen Fernsehserien so erzählt wird.

Diese Realitätsstiftung ist strikt von der Moral- oder der Lehrgeschichte zu trennen. Das Märchen

stiftet keine Realität, indem es eine Erziehung im humanistischen Sinne vornimmt. Es lehrt uns nicht Gut und Böse, es zeigt uns auch nicht tiefere Wahrheiten mithilfe von Jung‘scher Tiefenpsychologie auf – es heißt ja Wolfs im Schafspelz – nicht Wolf im Großmutterrock.

Das Phänomen der Realitätsstiftung durch Kunst geht tiefer, nämlich in den Kern der Ästhetik: Das Märchen zeigt mir eine Welt auf, die ihren eigenen Gesetzen folgt. Wir alle haben ein grobes Gefühl dafür, was „märchenhaft“ ist – eine Welt der sprechenden Tiere, der symbolischen oder meinetwegen auch mythischen Logik, der Zauberei und Überlagerung von Traum und Wachen. Eine Welt, in der Wölfe sprechen und sich glaubhaft als Großmütter verkleiden können. In der Tauben Erbsen sortieren können und sieben Fliegen (auf einen Streich!) zu töten von Heldenmut zeugt.

Die Märchenwelt verlässt sich aber nicht auf unsere Realität, um ihre Gesetze zu machen. Welches Kind hat schließlich ein Einhorn gesehen, bevor es ein Märchen erzählt bekommen hat? Sondern es ist gerade umgekehrt. Erst das Märchenhafte des Märchens zeigt uns heute an, wie gewöhnlich unsere Welt ist, wo ihre Grenzen verlaufen.

Anders gesagt: Es ist nicht die englische Ländlichkeit, die das Auenland auszeichnet, sondern gerade die Abwesenheit von Orcs, Trollen, Elben usw. die England auszeichnet. Erst die Begegnung mit diesen fremdartigen Dingen stiftet wirklich die Realität der eigenen Welt.7

Unter Anderem deswegen bin ich ein Fan davon, dass die Peter Jackson Adaption die „Scourge of the Shire“ heraus gelassen und Saruman bereits zu Beginn von „Rückkehr des Königs“ getötet hat.

Der Eskapismus des Abenteurers folgt eben diesem Muster. Und er unterscheidet sich darin von dem Fahnenflüchtigen und vom Gefangenen, die der Realität den Rücken kehren. Denn der Abenteurer kehrt wieder nach Hause zurück. Für ihn ist die Realität kein Gefängnis und auch keine Gefahr, sondern eine Heimat. Aber erst die Eskapade ermöglicht es ihm, sie als solche zu begreifen, sie „von Außen“ zu betrachten. Er benötigt das Fremde, um das Eigene erst eingrenzen und besser handhaben zu können.

Das literarische Abenteuer ermöglicht es den LeserInnen, neue Perspektiven auf die eigene Lebenswirklichkeit zu gewinnen. Plakativ gesagt lesen sie „1984“ und hinterfragen ihre eigene Sprache und die der Mächtigen, die sie umgibt. Sie lesen „Handmaid‘s Tale“ und hinterfragen die Mechanismen ihrer eigenen Gesellschaft.8

Katharina Secks Roman nun versteht, wie viele andere auch, Eskapismus nur anhand der Sichtweise des oben dargelegten Zitats. Und wie alle anständigen Menschen schlägt sie sich auf die Seite des Gefangenen, dessen Flucht großartig und bewundernswert ist.

Sie vergisst darüber aber die Möglichkeiten der Phantastik, ein Abenteuer und Höhenflug des menschlichen Geistes zu sein.

Was genau ich damit meine, möchte ich in zwei Wochen anhand einer genaueren Besprechung von „die silberne Königin“ erläutern.

1Tolkien, J.R.R.: On Fairy-Stories in Ders.: The Monsters And The Critics. New York: Harper Collins 2006.

2Ein weiterer Hinweis gebührt „The Tolkienist“, der dieses Zitat eindeutig von einem oft für es eingesetzten Zitat trennt, das nicht von Tolkien stammt. Vgl.: https://thetolkienist.com/2014/01/03/not-a-tolkien-quote-fantasy-is-escapist-and-that-is-its-glory/

3Vgl. etymologisches Wörterbuch des Deutschen: Eskapismus.

4Stenger, G.: Philosophie der Interkulturalität. Freiburg/München: Karl Alber 2006. S. 359

5Freilich gäbe es hier etwa dreißig Fußnoten zu machen, dass das für begrenztes Publikum gilt, nicht im empirischen Sinne zu verstehen ist, überhaupt Welt und Wirklichkeit zwei etwas unhandlich und nicht-üblich gebrauchte Begriffe sind, dass „das Fremde“ hier vorkulturell verstanden wird und derlei mehr. Aber weil das hier ein Blogartikel ist und keine Seminararbeit, verschieben wir diese Anmerkungen auf später.

6https://www.theatlantic.com/daily-dish/archive/2007/06/scalia-and-torture/227548/

7Für die Phänomenologie des Fremden heißt das, nebenbei bemerkt, dass das Fremde dem Eigenen voraus geht. Das Eigene ist eine Antwort, eine Abgrenzung von etwas. Selten eine originäre Leistung. Nur falls es dort draußen noch Leute gibt, die an eine kulturelle Eigenleistung „des Westens“ denken.

8Natürlich können diese Abenteuer auch in die Irre führen, Kunst ist keine moralische Einbahnstraße. Man denke nur an irgendeines von Ayn Rands Büchern.