Netflix‘ „The Witcher“ ist mit Abstand die schlechteste Fantasy-Serie, die mir in den letzten paar Jahren in ihrer Gewichtsklasse untergekommen ist. Und angesichts dem enttäuschenden „Carnival Row“1 und dem verächtlichen Ende von „Game of Thrones“ will das einiges heißen.

Dabei hat sie sogar alle Zutaten, die es für eine gute Serie bräuchte. Mit Henry Cavill und Anya Chalotra ist durchaus schauspielerisches Talent vorhanden. Gavin Struthers und Jean-Phillipe Gossart leisten hinter den Kameras Titanisches.2 Die Kurzgeschichtensammlung von Sapkowski, die als Vorlage dient, verspricht endlich einmal einen interessanten Umgang mit der in der Fantasy so ausgelutschten Mittelalterstasis zu leisten.

Stattdessen kehrt „The Witcher“ stolz all diesen Möglichkeiten den Rücken und marschiert stramm zurück in die 90er Jahre. Was nicht nur dem zugrundeliegenden Material angerechnet werden muss, sondern auch Lauren Schmidt („Daredevil“, „West Wing“) und ihrem Kader von einem halben Dutzend Autoren.3 Über klischeebeladene Plots, schwächelnden Handlungsaufbau, mieses CGI, alberne Dialoge und beleidigende Frauenfiguren ist an anderer Stelle schon genug gesagt worden. Viele Worte dazu zu verlieren ist vergebene Liebesmüh. Entweder man übersieht diese handwerklichen Schwächen zugunsten von Cavills Sixpack – oder eben nicht.

Ich möchte mich stattdessen auf die ästhetische Dimension konzentrieren und wie „The Witcher“ dabei viele Möglichkeiten ungenutzt lässt. Mein Hauptkritikpunkt ist dabei das Versagen der Serie, die einzelnen – durchaus gut gemachten – Charakterszenen in ein stimmiges Gesamtbild zu fügen. Einen großen Charakterbogen für die einzelnen Figuren gibt es kaum, ihr Leben überspannende Motivation wird entweder nicht gegeben oder von der Handlung ihrer einzelnen Szenen nicht unterstützt.

Geralts unterbelichtete Reise durch die finstere Welt ist dafür das beste Beispiel.

Der einsame Wolf

Geralt als Typus ist nicht sonderlich komplex. Als Charakter ist er von einem inneren Konflikt getrieben, der sich auf mehreren Ebenen abspielt: Einerseits ist er von einem leicht angeknacksten Idealismus und einem Drang getrieben, eine ‚Legacy‘ zu hinterlassen. Andererseits ekeln ihn in allen Iterationen die Methoden der Hexererschaffung an und er schützt seinen enttäuschten Idealismus oft mit einer zynischen Maske.

Aber als Typus ist er im wesentlichen ein Revolverheld, der in eine düstere Version europäischer Volksmärchen verfrachtet worden ist: Ein grantiger, schlecht rasierter Einzelgänger mit einem übermenschlichen Talent für‘s Töten. Ein Kopfgeldjäger, der aber nur die Bösen ausrottet und zu unrecht verfolgte ‚Monster‘ auch mal laufen lässt. Einer der nie viel sagt, der oft von einem plappermäuligen Sidekick verfolgt wird, was aber nur seine eigene Menschlichkeit hervorhebt. Ein klassischer Anti-Held, der ohne Wurzeln von einem Dorf zum nächsten zieht, um seinem einsamen aber notwendigen Geschäft nachzugehen.

Damit teilt er eine ganze Menge seiner Charaktereigenschaften mit den Gunslingern des Western, vor allem der sechziger und siebziger Jahre. (Dollar Trilogie, Django, Yojimbo, Sankuro etc. pp.)4


Was die ‚Frontiers‘ der Romanwelt Sapkowskis einigermaßen interessant macht ist dabei gerade deren nahendes Ende. Hexer als Mutanten und Über-Menschen sind ein aussterbender Orden. Wenn die Wildnis Stück für Stück gezähmt wird, wenn Monster seltener werden und sogar zu Tode gejagt werden und sich die ehemaligen ‚Frontiers‘ langsam zu Kerngebieten neuer Königreiche auswachsen… wer braucht dann noch diese Grenzgänger? Die Welt des Witchers ist trotz aller Fantasy und Monster eine der sterbenden Magie – zumindest ein Stück weit.5

Das macht Geralts Beziehung zu Ciri auf einer thematischen Ebene so wichtig. Geralt weiß, dass er wie alle Monster verschwindet und es in der Welt keinen Platz mehr für ihn gibt. Aber er will trotzdem etwas hinterlassen. Auch wenn er sich anfänglich dagegen wehrt, erlaubt seine Verbindung zu Ciri ihm, nicht einfach als Relikt einer alten Zeit zu verschwinden.6

So weit, so einfach.

Die Serie behält diesen Typus weitgehend bei. Sie verzichtet zwar in weiten Teilen auf die Bildsprache des Western – keine Close Ups oder Stand-Offs etwa. Nur in der „Valley of Plenty“ wird ein wenig Ikonographie des Western aufgegriffen, was aber vermutlich hauptsächlich am Drehort liegen dürfte und auch nicht weiter schadet. Die Darstellung von Geralt bleibt aber weitgehend die gleiche. Überhaupt ist die Serie sehr getreu in ihrer Adaption.

Knurrt und beißt, ist aber lieb

Die Serie adaptiert nun zwar die bloße Handlungsabfolge der Bücher, lässt aber ihren tieferen thematischen Zusammenhang außen vor und gibt uns einen ungleich schlechteren – den des Eltern-Seins. Awww.

Bereits die erste Folge verspielt dabei Potential, diese Themen hervorzuheben und dem Zuschauer einen Blick hinter Geralts Fassade zu geben. Diese erste Folge ist eine Adaption von Sapkowskis Kurzgeschichte „The Lesser Evil“, die wiederum eine Fantasy-Version des Märchens Schneewittchen ist.

Der Plot ist simpel. Ein Zauberer namens Stregobor versucht Geralt zu überzeugen, eine Banditin und ehemalige Prinzessin namens Renfri zu töten, mit der er sich in einem blutigen Konflikt befindet. Der Zauberer behauptet, Schneewittchen sei böse geboren woren und hätte deswegen sterben sollen. Die ehemalige Prinzessin behauptet, ihre Stiefmutter hätte sie aus Machtgier töten wollen. Geralt weigert sich zunächst, Partei zu ergreifen, erfährt aber bald von einem geplanten Massaker an den Bewohnern von ‚Blaviken‘, mit dem Schneewittchen den Zauberer hervorlocken will.

Geralt greift schließlich in die Situation ein, tötet die sieben Zwerge Räuber von Schneewittchen und fängt sich dabei den Spitznamen „Schlächter von Blaviken“ ein.

Die Szene wirft für sich genommen Licht auf eine Reihe von für Geralts Figur wichtige Elemente:

Erstens ist er ein übermenschlicher Kämpfer, der auch eine Vielzahl von Gegnern leicht besiegt. Zweitens ist er zwar auf der Seite der Bürger und Bauern, wird von diesen aber oft missverstanden.7 Drittens ist dieses Missverständnis ebenso oft Rassismus der „Normalen“ gegenüber den „Anderen“, wie seine eigene Schuld. In diesem Fall stürzt Geralt sich – ohne den Dorfvorsteher von Blaviken über den bevorstehenden Angriff zu informieren – in den Kampf, was seine Verteidigung der Dorfbewohner wie einen unprovozierten Angriff auf die vom König protegierten Banditen wirken lässt.8

Viertens ist sein „Hexerkodex“, hinter dem er sich versteckt, eine Fassade. Geralt wäre durchaus lieber ein Held und Ritter als ein Hexer. Im Zweifelsfall steht er auf der Seite „des Guten“ und wählt zwischen dem größeren und dem geringeren Übel. Was es sehr amüsant macht, dass die Serie diesen Punkt weitgehend übergeht und auf seine selbstbehauptete moralische Überlegenheit herein fällt.

Auch diese Charaktereigenschaften teilt sich Geralt der Hexer mit den Revolverhelden des Westerns, die zwar bärbeißig und gewalttätig, im Zweifelsfall aber verlässlich auf der Seite „ des kleinen Mannes“ sind.

Diese Szene ist als Klimax für eine erste Folge an sich gut gewählt. Sie ist emblematisch für Geralt, vor allem weil sie diese Zerissenheit von Geralts Charakter darstellt. Er behauptet gern das eine, fühlt und handelt in Wirklichkeit aber gerne anders.

Überzüchtung

Die Serie macht bei der Adaption dieser Szene nun einiges falsch. Oder sagen wir: Sie verliert das Ziel aus den Augen. Zwar behält sie alle oberflächlichen Abläufe bei – Dialog, Szene, Kampf, beteiligte Charaktere und Motivation bleiben gleich – verschenkt aber trotz großartiger Choreographie die einzigartige Sprache des Films und damit die Chance, aus der Szene mehr als nur ihre oberflächliche Handlung zu machen.

Die Kampfchoreographie ist, wie schon gesagt, großartig. Sie ist schnell, flüssig, mühelos geschnitten. Die Kamera bleibt nahe am Geschehen und in einer sehr fließenden Bewegung folgt sie Geralts Massaker an sieben Männern, die nicht einen einzigen Hieb gegen ihn landen.

Versäumt werden in der rasanten Action aber fast alle der oben angesprochenen dadurch thematisierten Handlungsmomente.

Während der Kampfszene mit den Räubern und Renfri gibt es kein Publikum. Der Kampf wird vom offenen Marktplatz mit Schaulustigen, Gaffern und Händlern in eine enge Gasse irgendwo verlegt.

Die rasante Bildsprache verdeutlicht Geralts Fähigkeiten als Kämpfer, verengt das Geschehen aber gleichermaßen. Es fehlt der Kontext in dem sich dieser Kampf abspielt, nämlich der soziale.9

Es fehlen die Beobachter, die diesen Kampf als Aggression von Geralt auslegen (sie kommen erst später dazu, wie aus dem Off).

Es fehlt Geralts (dünne) Begründung dafür, warum er trotz aller vorgehaltener Distanzierung zu „greater und lesser evils“ sofort ins Getümmel stürzt, ohne die Wachen des Dorfes oder den Vorsteher darüber zu informieren.

Es fehlt sogar die simple Erwähnung, dass Renfris Leute im Auftrag des Königs unterwegs und damit vor solcher Gewalt geschützt sein sollten.

Der soziale Kontext der Handlung, die dieser Handlung erst ihre eigentliche thematische Bedeutung gibt, wird von der Serie völlig ausgeblendet. Die Verfilmung nimmt gewissermaßen die Szene aus dem Buch, konvertiert die Handlung so gut es geht in Film und pflanzt sie dann in die Handlung ein. Dabei geht fast sämtlicher Subtext verloren, der in einer Erzählung durch Erzähltext präsentiert wird, der aber in der Serie nicht ersetzt wird.

Unausgesprochene Motive

Das Problem der Serie ist, dass Geralt wie alle Revolverhelden ein stummer Held ist. Sein Dialog besteht im wesentlichen aus Grunzlauten, Exposition über die Monster, die er jagt, und die gelegentliche Erklärung seiner moralischen Überlegenheit in einer angeblich schlechten Welt. Er gibt sich weder für dramatische Monologe noch für großartige Erklärungen seiner Gefühlswelt her. Was in einem literarischen Medium mit Erzähl- und Subtext gelöst werden kann, muss in einem visuellen Medium dagegen durch Bildsprache, Szenensetting, Schnitte, Blendtechniken, Kostüme und im Zweifelsfall neue Szenen gestaltet werden.

Die Serie vermisst es aber, dieses Problem mit den ihr eigenen Mitteln zu lösen. Blind übernimmt sie Szenen und Handlungen aus der Vorlage, ohne ihnen damit mehr Tiefe zu geben.

Der in der Blaviken-Szene ausgeblendete soziale Kontext ist nun von Bedeutung für die thematische Tiefe von Geralts Charakterentwicklung. Diese richtet sich weitgehend an Ciri von Cintra aus.

Oberflächlich gesehen ist Ciri ein Schicksalskind, das Geralt von der Prinzessin von Cintra unbekannterweise verlangt hat als Belohnung für seine Mithilfe bei ihrer Hochzeit. Sapkowski ist aber cleverer, als die tragende charakterliche Handlung der Reihe nur auf „Weil das Schicksal es so verlangt“ ruhen zu lassen.


Geralt weiß im Grunde, dass er einer aussterbenden Art angehört, dass Hexer nicht mehr benötigt werden. Wiederholt geht es in den Erzählungen um das Ende der Hexer als Orden, um das Ende der Monster als Bedrohung, um das Aussterben der phantastischen Elemente wie Elfen und Magie. Selbst die Serie begreift das ansatzweise, wenn sie etwa in einer Folge einen Drachen auftauchen lässt, der seine letzten Nachkommen vor einer Jagdgesellschaft retten will. (Die Folge rennt aus diversen anderen Gründen mit dem Gesicht voran in eine Ziegelmauer).

Daher sein Drang nach einer ‚Legacy‘, die in dieser neuen Welt noch eine Berechtigung hat.

Ciri ist gleichermaßen eine Prinzessin von Cintra und königlichen Blutes wie auch eine Grenzgängerin ähnlich wie Geralt. Sie ist Prinzessin, aber auch Zauberin. Sie eine notwendig gesellschaftliche, politische und soziale Figur, die durch die Eroberung von Cintra aus dieser Gesellschaft hinaus in die Wildnis und damit in Geralts Welt gedrängt wird. Wo Geralt eine Figur ist, die zwischen zwei Welten balanciert – der der Menschen und der der Monster – kommt Ciri aus der der Menschen und nähert sich Geralt an seiner Grenze an, kehrt aber letztlich wieder zu ihrem Platz im Kern von politischen und gesellschaftlichen Plots zurück.

Ciri ist thematisch damit sowohl für ihn als auch Yennefer eine Antwort auf dieses charakterliche Bedürfnis – daher die Besessenheit der beiden mit ihr, die über eine „Adoption“ oder ein „Schicksal“ hinaus motiviert wird. Ciri erlaubt Geralt, sein Wissen und seinen Lebensstil auf eine angepasste Art an eine Nachwelt weiterzugeben, die dafür noch Verwendung hat. Sie erlaubt ihm, etwas ganz und gar gutes zu tun, ohne Grautöne, ohne Selbstzweifel und Zynismus.

Umgekehrt ist sie für Yennefer nicht (nur) als Tochter-Ersatz von Bedeutung sondern vor allem als zukünftige Herrscherin.10 Über sie versucht Yennefer ihr Versagen als Beraterin von Königen aufzuholen, das trotz all ihrer magischen Macht immer wieder im Untergang des ihr zugeteilten Königreiches endet. Ein Thema das in sämtlichen ihrer Szenen immer wieder angedeutet wird – in ihrem persönlichen Plot aber leider auf biologische Nachkommen reduziert wird.

Diese thematische Spannung ist der Kniff von Sapkowskis Romanen, in denen Ciri zwar die Hauptfigur, Geralt aber der Protagonist ist.

In der Serie werden diese unzähligen kleinen Momente und Szenen nun nicht mit dem thematischen Bogen der Charakterentwicklung verknüpft. Dabei geht es mir nicht einmal darum, ob es eine gute oder eine schlechte Adaption der Bücher ist. Persönlich halte ich die Haupthandlung der Bücher für eher langweilig und fand die Ideen der Kurzgeschichtensammlung deutlich besser.

Nein, meine Kritik geht tiefer.

Die Serie krankt an einer fundamentalen Unfähigkeit, ihren Hauptcharakteren eine konsistente Tiefe zu geben, obwohl sich mehr als genug Material dafür finden würde. Sie übergeht jede erdenkliche Gelegenheit, eine roten Faden zu spinnen, zugunsten von coolen aber letzten Endes bedeutungslosen Kampfszenen.

„The Witcher“ ist Spektakel über Substanz. Und um das länger als drei Folgen zu ertragen, ist Cavill längst nicht oft genug nackt.

1Keine Sorge, zu diesem Friedhof guter Ideen komme ich noch.

2Ernsthaft, diese Serie hat kein Recht darauf, in ihrer Kameraführung so derartig hübsch zu sein. Man sieht, dass mit Gossart die Zierde von Disneys „Last Jedi“ übernommen wurde.

3Declan De Barra, Beau DeMayo, Jenny Klein, Sneha Koorse und Mike Ostrowski zeichnen für je eine Folge verantwortlich, Haily Hall für drei weitere. An der gesamten Staffel hauptsächlich geschrieben haben dagegen Sapkowski und Schmidt. Vgl.: https://www.imdb.com/title/tt5180504/fullcredits?ref_=tt_cl_sm

4Weswegen es irgendwie traurig ist, dass Geralt unabhängig von der Serie scheinbar nicht viel aus der Dekonstruktion von Clint Eastwoods Image in „Unforgiven“ gelernt hat – immerhin ein Film, der einige Jahre älter als selbst die Buchvorlage von „The Witcher“ ist.

5Vergleiche „Red Dead Redemption“, das das Ende der Gunslinger-Ära als Hauptthema hat.

6Auch ein für den Western typisches Schema, siehe „Gran Torino“ oder „Tombstone“.

7Ein Motiv, das durch seine spätere Erzählung von seiner ersten „Heldentat“ fortgesetzt wird. Direkt auf seiner ersten Reise in die Welt, nachdem er endgültig zum Hexer wurde, begegnet er einer Kutsche, die gerade überfallen wird. Er tötet die Räuber, rettet die Jungfrau in Nöten… die prompt hysterisch wird, da sie mit dem Blut ihres Angreifers besudelt ist und unter Schock steht. Die Szene zeigt uns ebenfalls, dass die Welt des Witchers keine Märchenwelt von gut und böse ist – selbst, wenn sie sich derselben Motive und Themen bedient.

8Unpopular Opinion: Die meisten Elfen sind in der Buchreihe ebenso oft Opfer von Rassismus wie selbst rassistische Arschlöcher.

9Für ein vergleichendes Beispiel empfehle ich diese Analyse der Adaption des Kampfes zwischen „Red Viper“ und „The Mountain“ in Game of Thrones durch die Betreiber des Wikis of Ice and Fire

10Was nicht heißt, dass die Figur Yennefer an der Figur Ciri nur deswegen interessiert ist, aber ihre Beziehung wird von diesem Thema maßgeblich beeinflußt. Das meine ich mit einer thematischen und einer handlungsbasierten Relevanz.