Vorwort

Ich habe in den letzten Jahren sehr wenige Bücher aus der Phantastik gelesen. Noch viel weniger davon sind einigermaßen zeitgenössisch. Von diesen wiederum ist der kleinste Teil deutschsprachig gewesen. Genau genommen waren es zwei: „Alchemie der Unsterblichkeit“ von Kerstin Pflieger und „die Spiegel von Kettlewood Hall“ von Maja Ilisch.

Nachdem ich selber schreibe, mein Studium vor allem auf Ästhetik und Literatur ausgerichtet habe und irgendwann einmal praktisch Tinte geblutet habe, bin ich darüber sehr betrübt.

Also habe ich mir von Bekannten und befreundeten Kollegen einige Werke der jüngeren Zeit empfehlen lassen. Weil die stille Lektüre aber nicht ganz so befriedigend ist, möchte ich über ein paar Dinge reden, die mir dabei aufgefallen sind. Das werden hauptsächlich ästhetische Probleme sein, die für die Literatur oder das Genre selbst meiner Meinung nach interessant sind. Ich will versuchen, die literaturwissenschaftlichen und philosophischen Instrumente mal an zeitgenössischer, deutscher Phantastik zu erproben.

Vorneweg: Das ist keine Kaufempfehlung oder ein Abraten davon. Mir gefielen einige der Bücher gerade wegen ihrer Fehler und andere trotz durchaus interessanter Ansätze nicht. Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten – über ästhetische Qualität dagegen schon.

Mrs. Frost & Mr. Payne

Das erste Buch, über das ich sprechen möchte, ist eigentlich sechs kleine Novellen: Frost&Payne von Luzia Pfyl, erschienen 2016 bei Greenlight Press. Erschienen ist es zunächst als eine Serie von Novellen zu je knapp einhundert Seiten, von denen jeweils drei später zu einem Sammelband zusammen gefasst worden sind. Von diesen mittlerweile fünf Sammelbänden habe ich die ersten zwei gelesen. Meine Beobachtungen werden sich also auf die Grundzüge beschränken.

Die Prämisse ist relativ schnell erzählt: Lydia Frost ist eine Diebin in London, die ein mechanisches anstelle eines organischen Herzens hat und eine Privatdetektei eröffnet. Ihr zur Seite steht Mr. Payne, ein Pinkerton1 aus den Vereinigten Staaten, der mehr versehentlich zu ihrem Partner wird, als sie ihm das Leben rettet. Die beiden setzen sich bald auf die Spur eines Serienmörders, der eng mit Frosts mechanischem Herzen in Verbindung steht.

Der Hauptplot ist, soweit ich das sehe, relativ stringent durchgezogen. Es ist in jedem Fall kein Procedural oder „Monster of the Week“, auch wenn einige Folgen recht abgeschlossen sind. Es gibt einige Cliffhanger zwischen den einzelnen Folgen und keine „Frage“ die jeweils eine Novelle dominieren würde.

Insgesamt war es ein recht unterhaltsames Buch, flüssig erzählt und ohne große Löcher, wenn auch der Plot mich nicht sonderlich mitgerissen hat und vergleichsweise vorhersehbar war. Das liegt aber am persönlichen Geschmack, da mir Homagen an Jack the Ripper nicht mehr gefallen, seitdem ich selbst eine in den Sand gesetzt habe. Die Charaktere sind nett, der sich anbahnende „Will they – won‘t they“-Plot zwischen Frost&Payne – kein Spoiler, weil man den beim ersten lüsternen Blick auf seinen bewusstlosen Körper kommen sieht – etwas altbacken und unnötig, die Dynamik im Groben aber unterhaltsam.

Viel interessanter als die handwerklichen Aspekte der Reihe, die ich durchgehend als solide bezeichnen würde, sind aber die ästhetischen. Das heißt die eigentlich künstlerischen Mittel. Die Auswahl des Sujets und Stils, der Topoi, Motive, der Atmosphäre und all dieser Kleinigkeiten, die aus einer Handlung etwas einzigartiges machen.

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„Frost&Payne“ macht dabei einen klassischen Kunstfehler, der mir bei vielen Schriftstellern immer wieder auffällt: Es reduziert seinen eigenen Inhalt allzu oft auf den Plot. Aspekte der Charakterentwicklung, konfliktfreie Szenen, informierter Weltenbau2 fallen hinter einer atemlosen Plotjagd zurück.

Ich möchte sogar noch einen Schritt weiter gehen. Das Genre ist für die Reihe recht überflüssige Schaufensterdekoration. Frost hätte genau so gut im New York der 20er Jahre, im modernen Berlin oder in Hongkong leben können. Für die Charaktere macht das keinen nennenswerten Unterschied, sie funktionieren in ihren Entwicklungen, Zielen und Konflikten in jedem Setting. Was keineswegs als Kompliment misszuverstehen ist, weil es sich gerade eben nicht um universale Erfahrungen oder Themen handelt.

Der thematische Kern der persönlichen Handlung von Lydia Frost – soweit diese auf den ersten siebenhundert Seiten skizziert wird – ist nicht weiter vom Setting oder der Welt informiert. Ich würde sogar argumentieren es sind in Wirklichkeit zwei Handlungsstränge, die sich nicht recht miteinander vertragen, aber das ist hier nicht der Streitpunkt.

Frost wird ohne Erinnerungen, nur mit einem Schlüssel um den Hals, der ihr mechanisches Herz aufzieht, von der chinesischen Mafia Londons aufgelesen. Ihre persönlichen Konflikte sind in der Folge: Erstens die Suche nach ihrer Vergangenheit und das heißt vor allem die Suche nach dem Doktor, der sie dieser Operation unterworfen hat und der augenscheinlich wieder aktiv wird. Zweitens gleichzeitig eine Flucht vor ihrer Vergangenheit, das heißt ihre Versuche, aus dem Netzwerk der Mafia auszubrechen, die Avancen ihres Kindheitsfreundes und jetzigen Mafiabosses abzuwehren und ihre Unabhängigkeit von ihrer Ziehmutter zu erlangen.

Diese Handlungsbögen wiederum sind nur oberflächlich mit den eher phantastischen Elementen des Werkes verknüpft.

Es gibt eine Substanz namens „Aether“, die sehr vage definiert und im wesentlichen als magisches Phlebotinum fungiert. Für sich genommen wäre das kein Problem, aber obwohl dieses fünfte Element eindeutig magischer Natur ist, scheinen gewisse Dinge für die Charaktere weiterhin unvorstellbar. Aether wird hauptsächlich genutzt, um moderne Technologie in ein historisches Korsett zu bringen: Motorräder, Granaten, Funktelefone und dergleichen mehr werden im Plot an manchen Stellen benötigt, um Hindernisse und ihre Lösung für die Protagonisten bereit zu stellen. Sie bleiben aber auf der Ebene der Gimmicks. Abgesehen von unmittelbaren Auswirkungen auf das aktuelle Problem im Plot haben sie kaum Bedeutung. Tatsächlich sind die meisten dieser Technologien zur Zeit des Romans bereits erfunden oder wären mit nur wenigen Abweichungen von der verbürgten Historie möglich gewesen: Die ersten Motorräder wurden in Europa um 1900 fabriziert, Granaten sind seit etwa 1600 verbürgt, Zeppeline waren bis 1937 in Gebrauch und das Funktelefon, um das größeres Aufhebens gemacht wird, wird in den ersten sechs Novellen exakt einmal zur Kommunikation verwendet, was anders lösbar gewesen wäre. Besonders auffällig ist das Erscheinen eines sprachgesteuerten Roboters in der ersten Folge, dessen Funktion im wesentlichen die eines Bibliothekars ist – und der in der restlichen Reihe nie wieder erwähnt wird. Ähnliches gilt für Aether, der nur spärlich eine Rolle spielt und nicht einmal den Alltag der Protagonisten berührt.

Kurzum: Vieles von dem, was auf den ersten Blick phantastische Elemente in der Reihe ausmachen würden, ist unnötig. Es informiert den Plot nicht nennenswert, es hat keine Auswirkungen auf das Thema und es kontextualisiert die Welt von Frost&Payne nicht neu. Es ist nicht einmal derartig phantastisch.

Das macht das Genre, zu dem all diese Aspekte gehören würden, ebenso willkürlich. Die steampunkigen Elemente sind in Frost&Payne weniger ein Werkzeug oder ein ästhetisches Mittel des Ausdrucks, als viel mehr Schaufensterdekoration. Sie stehen wie bunte Hunde in den ansonsten gewöhnlichen Szenen herum und schreien nach Aufmerksamkeit.

Riss zwischen Form und Inhalt

Wieso ist das nun relevant? Viele Bücher haben Elemente, die streng genommen nicht „benötigt“ werden. Natürlich will ich auch keineswegs für einen allesfressenden Realismus in der Phantastik streiten.

Ich glaube aber, dass „Frost&Payne“ dadurch ein Potential verschenkt, das meiner Meinung nach oft unterschätzt wird: Die bewusste Verwendung des Weltenbaus als künstlerisches Werkzeug.


Es ist, denke ich, nicht kontrovers zu sagen, dass „die Welt“ in der Phantastik einen besonderen Platz einnimmt. Mittelerde, Wonderland, Zamonien usw. sind mehr als bloß fremde Schauplätze, die wir besuchen, wie wir London oder Paris besuchen. Sie sind seltsam fremdartig und doch vertraut, sie ängstigen oder verwundern uns, sie fordern unsere Vorstellungen heraus.

Wieso sollten sie also nicht ebenso bewusst ausgearbeitet sein, wie handelnde Charaktere? Nur weil sie passiv sind?

Ich möchte im folgenden kein 14-Punkte-Programm zum Weltenbau errichten, keine Angst. Das soll keine Anleitung zu einer diverseren Ethnographie oder realistischem Historienbau werden. Sondern ein kurzer Blick auf die Ästhetik des Weltenbaus, das heißt die grob skizzierten Grundlagen davon.

Ich spreche hier von „Welt“ auf eine andere Weise, als es in der Fantasy üblicherweise der Fall ist: Ich meine damit etwa nicht Mittelerde oder Narnia als geographischen Ort sondern die Gesamtheit dessen, was der Herr der Ringe oder die Chroniken darstellen. Die Welt eines Kunstwerks ist komplex, vielschichtig und vor allem ist sie mehrdimensional. Das heißt sie wird nicht nur vom Werk selbst bestimmt, also sagen wir einmal vom Text, sondern eben auch von dessen Autor, von seinen impliziten Annahmen – dem Subtext – und seiner kulturellen Verortung – dem Kontext. Für den Leser gilt ähnliches: Eine Erzählung ohne Zuhörer ist in diesem Falle stumm.

In der Phantastik kommt noch mindestens eine weitere Ebene dazu, die begrifflich etwas schwierig ist: Diejenige der ästhetischen Welt (des Kunstwerks) in ihrem Aspekt als literarische Welt (der Handlung).

Klingt erst einmal hoch gestochen, meint aber lediglich, dass Mittelerde nicht nur die Welt des Epos‘ „Der Herr der Ringe“ ist – sondern gleichzeitig eben auch Schauplatz seiner Handlung. Weltenbau“ meint hier also nicht die Konstruktion von Geographie und Geschichte eines fiktiven Ortes, sondern auch seine (bewusste) Konstruktion als Kontext der Handlung.

Das heißt sie umfasst neben den inhaltlichen Gesichtspunkten (Ethnographie, Geschichte, Geographie, Regeln der Magie usw.) auch ästhetische, die natürlich die inhaltlichen mitbestimmen.

Gehen wir mit diesen Ideen zurück zu Frost&Payne.

Der Fehler dieser Reihe ist in meinen Augen ein Missachten des ästhetischen Weltenbaus. Die aufgebaute Parallelwelt mit ihrem Aether und ihrer etwas fortgeschritteneren Technologie und die Handlung stehen in kaum einer Beziehung zueinander. Der emotionale Konflikt der Hauptfiguren wird von ihr nur in einem einzigen Punkt berührt – das ist Frosts mechanisches Herz. Dieses wird allerdings selbst innerhalb der phantastischen Welt als außergewöhnlich und besonders behandelt. Es ist, um einen englischen Ausdruck zu benutzen, ein „Point of Divergence“ in einer ohnehin alternativen Welt, die sich angeblich von der unseren unterscheidet.

Die fiktive Welt kann den Hauptplot der Figur also überhaupt nicht mit Subtext und Bedeutung versehen, weil er in ihr selbst eine Abnormalität ist.

Die steampunkigen Topoi dienen einem gewissen Spektakel – einem Knalleffekt, der sich an die Erwartungen der Leser hält, um Action, Verfolgungsjagden und Mysterien zu generieren, das aber eher durch Leerstellen als durch bewusste Handzeichen erreicht.

Die Wahl des Schauplatzes ist beinahe willkürlich. Außerhalb von London gibt es in „Frost&Payne“ nicht viel. Die wenigen Hinweise, die wir auf eine Welt jenseits der klassischen Fixpunkte und Konstanten des gewöhnlichen Londons bekommen, sind sehr sporadisch und nicht weiter relevant. Einmal ist die Rede von „Preußen“, was entweder ein Recherchefehlgriff der Autoren ist, da Preußen 1871 im deutschen Reich aufging, oder eine enorm versteckte Historiographie, die aber nie wieder aufgegriffen wird. Das London „Frost&Paynes“ ist vom gewöhnlichen nicht nennenswert unterschieden. Seine Eckpfeiler sind die British Library, das National Museum, der Regency Park und die Tube. Sie wären beliebig austauschbar und dienen nur der Dekoration eines Sets, vor dessen Hintergrund eine Handlung abläuft, die dieses aber nie berührt.


Es ist im Wesentlichen eine Theatermalerei des sechszehnten Jahrhunderts.

Nachwort: Informierter Weltenbau
Um es noch einmal klar zu sagen: Frost&Payne ist fine. Es ist weder beleidigend noch herausragend, sondern ein solides Werk deutschsprachiger Mittelmäßigkeit.

Was „Frost&Payne“ vor diesem Schicksal gerettet hätte, wäre ein Weltenbau gewesen, der tatsächlich bewusst wäre. Nicht vordergründig phantastisch oder .

Das emotionale Thema der Hauptcharaktere ist die Vergangenheitsbewältigung.

Ich habe Frosts persönliche Konflikte bereits angesprochen, aber auch Payne kämpft damit: Er jagt (mehr oder minder hingebungsvoll) den Entführer seiner Tochter, die – so glaubt er – als Strafe für Paynes Vergangenheit entführt worden ist.

Selbst der verrückte Wissenschaftler schlägt in diese Richtung, denn nach mehr als zwanzig Jahren der Stille taucht auch er plötzlich wieder auf, um an sein einziges erfolgreiches Experiment – Mrs. Frost – anzuknüpfen, seine erfolgreiche Vergangenheit noch einmal aufleben zu lassen.

Die phantastischen Elemente der Welt von „Frost&Payne“ unterstützen diese Themen aber leider in keinster Weise. Weder hat „Aether“ eine Konservierung von Vergangenheit im weiteren Sinne zur Folge, noch eine Zerstörung. Es berührt die Vergangenheit überhaupt nicht.

Das klingt abstrakt, meint aber sehr kleine Sachen im Hintergrund, die die Welt mehr zu einer natürlichen Ergänzung der Charakterthemen gemacht hätten. Die Royal Family ist zum Beispiel weder in ihrer Macht durch die enormen technischen Fortschritte bedroht, noch scheint sie viel einflussreicher als in unserer Realität zu sein. Obwohl sie in einigen Plotpoints relevant wird, ist sie

Auch die chinesische Mafia Londons und die Coppers, die einen signifikanten Anteil an der Hauptgeschichte haben, scheinen von den vereinzelten phantastischen Elementen nicht nennenswert beeindruckt. Weder zerbricht das fragile gesellschaftliche Gebilde, das Polizei und Verbrechen zusammen hält, an neuen Technologien, noch werden alte Gräben dadurch vertieft.

Tatsächlich finden sich gar keine phantastischen Elemente im Dunstkreis dieser beiden Organisationen. Der größte „Konflikt zwischen Vergangenheit und Zukunft“, wenn man das so sagen will, ist ein kultureller: Die Köpfe der chinesischen Mafia zetteln in einem der späteren Bände einen Bürgerkrieg an, weil sie sich gegen den in England geborenen und aufgewachsenen Sohn eines früheren Mafiabosses verwehren. Das ist ein Konflikt, in dem „Steampunk“ keine Rolle spielt, tatsächlich könnte dieser Plot genau so gut in einem Abenteuerroman von Dumas stehen, komplett mit hübschen Attentäterinnen und Sänften.

1Die Pinkertons waren Privatdetektive in den USA, gegründet 1850 von Allan Pinkerton. 1871 hat das Departement of Justice die Pinkertons angeheuert, Vergehen gegen Bundesgesetze zu erkunden und aufzuklären, da dem DOJ die Mittel für eine eigene interne Abteilung fehlten. Sie wurden unter anderem als Streikbrecher, Bodyguards und Söldner div. Großindustrieller im Konflikt mit den Gewerkschaften (v.A. Andrew Carnegie) eingesetzt. Der Anti-Pinkerton Act verbietet seit 1893 das Anheuern von Söldnern und Privatermittlern durch die Bundesbehörden. Ihre Funktion beim DOJ wurde 1896 vom FBI übernommen.

2Auf das informiert kommt es mir dabei an, wie wir gleich sehen.