Elisabeth stand dort auf der Bühne des anatomischen Theaters und war aschfahl im Gesicht. Winterstein klopfte ihr auf die Schulter. Er packte sie, wohl auch damit sie nicht im Moment seines Sieges umfallen würde. Was er sagte hörte ich nicht, aber ich konnte es mir lebhaft vorstellen. Das Geraune und Geraschel der Studierenden, die aus dem Saal hinaus strömten, würde selbst für Elisabeth die meisten seiner Worte undeutlich machen. Er sich ganz nahe zu ihr hinab beugen. Sein Atem wäre staubig, sein Tonfall fast erstickt.

„Sie haben es geschafft“, würde er sagen, als er sie näher an sich drückte. „Ich habe immer gewusst, dass Sie nicht so unfähig sind, wie Sie sich anstellen.“

Elisabeth antwortete ihm nicht. Ihre Lippen blieben stumm aufeinander gepresst, bis sie kaum mehr als ein Strich waren. Im Gesicht trug sie wieder diese Maske, die kalt war und blickleer. Als hätte sie sich eben selbst das Herz heraus gerissen.

Professorin Selin und die anderen Prüfer waren von ihren Sitzen aufgestanden. Sie gratulierten Elisabeth zur bestandenen Habilitation, hatten wohl ähnliche lobende Worte für sie übrig. Auch der Doktor Teer war darunter.

Ich sah, wie sie wie von Geiern umkreist wurde, und sprang die Treppen hinab. Aber sie floh, bevor ich mit ihr sprechen konnte. Und es war eine regelrechte Flucht: Sie riss sich von Wintersteins Griff los und hastete an dem Leib ihres Patienten vorbei zur Tür hinaus, noch ich sie erreicht hatte.

Wie ein Trottel blieb ich im Dunstkreis der Prüfer stehen. Sie beglückwünschten Selin zu ihrem Schützling und Winterstein zu seinem Gespür und schlugen sich gegenseitig auf die Rücken, was für großartige Früchte ihr Institut trüge.

Hinter ihnen zerrten zwei gesichtslose Assistenten die Bahre mit dem blutigen Patienten heraus. Ich hatte keine Ahnung, wie er hieß, und es war mir auch gleichgültig. Ich hatte andere Sorgen.

Der Ausdruck auf Elisabeths Gesicht hatte mich erschüttert. Irgendetwas darin hatte verletzt gewirkt, verstört. Ich schleifte mich die Treppen wieder hoch, jeder Schritt war mir schwer. Marie krümmte sich noch immer über ihr Notizbuch. Sie fertigte Zeichnungen und Diagramme an, die ich nicht einmal im Ansatz verstand, obwohl ich die gleichen Kurse wie sie belegte, die gleichen Spezialisierungen erlangt hatte. Und am Institut arbeitete, während sie… Ich weiß nicht was tat.

Und trotzdem war sie mir Lichtjahre voraus.

„Wusstest du davon?“, fragte ich.

Marie sah nicht von ihren Aufzeichnungen auf. Sie war ganz darin versunken und ich konnte nicht verstehen, weshalb. Das Schauspiel hatte mich mit Ekel erfüllt, auch weil ich wusste, dass Elisabeth sich niemals für so etwas hergegeben hätte.
Ich dachte, ich kannte sie. Klarerweise tat ich das nicht. Nicht wirklich, nicht bis tief ins Innerste. Ich kannte nur eine Maske, die wundervoll war und faszinierend und beeindruckend. Aber doch nur eine Maske, die manchmal verrutschte. Ich packte sie an der Schulter. Nicht stark, nicht böswillig, aber ich packte sie an der Schulter und schüttelte sie. Sie funkelte mich an.

„Wusstest du, das sie das hier tun müsste?“, brüllte ich. Mir war gleichgültig, ob ich mich hysterisch benahm. Sie stieß meine Hand von sich.

„Ich weiß eine Menge Dinge, Ben. Dinge von denen du nicht einmal träumst“, sagte sie.

„Zum Beispiel?“

Ich ballte meine Hand zur Faust. Sie war eine Freundin, dachte ich damals, und ich hätte sie nie geschlagen. Aber ich fühlte mich dumm, bloß gestellt. Von dem, was ich eben gesehen hatte. Von meiner Ignoranz gegenüber Elisabeth.

„Zum Beispiel was für schmutzige Scheiße im Institut so mitschwimmt“, sagte Marie. „Zu was wir hier getrieben werden, wenn wir Erfolg haben wollen.“

Ich blinzelte sie an.

„Du wusstest…“, flüsterte ich und sah mich im Saal um. Er war leer bis auf uns beide und einige Assistenten, die die Bühne unter uns von Blut und anderen Flüssigkeiten reinigten.

„Das sie an sich herum operiert? Natürlich wusste ich. Nur ein Dummkopf hätte es nicht gesehen.“ Marie signierte ihre letzte Zeichnung, klappte ihr Notizbuch zu.

„Was hast du getan?“, fragte ich.

„Was nötig war, Ben. Ich habe ihr eine Waffe gegeben, mit der sie zurück schlagen kann. Schau mich nicht mit diesem vorwurfsvollen Blick an. Was hast du denn getan, hm? Es ist ein undankbarer Job, der Primus zu sein. Nicht, dass du davon etwas wüsstest. Dir genügt es, gerade gut genug zu sein. Mitzumachen. Die Augen davor zu verschließen auf was für einer Glückswelle du eigentlich schwimmst.“

Plötzlich sprang sie auf mich zu, packte mich an den Schultern. Ich knallte gegen die rückwärtige Sitzreihe, deren Pulte sich mir in den Rücken bohrten. Marie setzte einen Hebel an, schob mich aus ihrem Weg. Ihr Gesicht war meinem ganz nahe, sie fletschte die Zähne.

„Wir werden uns von dieser Scheiße nicht brechen lassen“, warnte sie mich, „Ich werde diesen Wichser nicht damit durchkommen lassen, was er tut, verlass dich drauf. Und du stehst mir entweder einfach nicht im Weg – oder du siehst endlich die echten Probleme.“

Sie grinste, als sie meinen verwirrten Gesichtsausdruck sah. Sie drückte mir einen Kuss auf die Wangen und quetschte sich an mir vorbei.

„Bis Freitag bei euch.“

Mit ein paar Sätzen die Stufen hinauf war sie verschwunden und ließ mich verwirrt zurück.

Ich war allein im Theater. Zu meinen Füßen lagen meine Unterlagen, dort verteilt, wo Marie sie vom Pult gefegt hatte. Ich atmete tief ein, dann wieder aus.

Ich hatte keine Ahnung, was ich davon zu halten hatte. Aber es beschäftigte mich. Mittlerweile glaube ich, dass es meine eine rettende Charaktereigenschaft ist. Die eine Sache, die mich daran gehindert hat, ihm nach zu folgen. Selbst, wenn ich es erst viel zu spät einsehe. Meine Unfähigkeit, loszulassen. Selbst, wenn ich damals noch nicht wusste, wie ich damit umzugehen hatte und glaubte, es störte mich nur, weil es mich eben direkt anging..

Aber ich wusste doch: Es störte mich.

Dann schlug das Schicksal zu: Die Seitentür zu den Gängen unterm Institut, von wo die Leiber und die Gerätschaften in die Operationssäle und Theater gebracht wurden, öffnete sich wieder. Doktor Teer kam wieder hinein. Er schien etwas vergessen zu haben und suchte unter den Stühlen und dem Rednerpult der Bühne nach etwas. Ohne sich in dem vermeintlich leeren Saal umzusehen oder meine Gegenwart zu quittieren, ging er auf der Bühne auf die Knie.

„Herr Doktor?“, rief ich ihm hinunter. Ich sprang die Stufen zur Kanzel förmlich hinab. „Herr Doktor, ich muss mit Ihnen reden.“

Mein Herz raste in meiner Brust, als ich ihm gegenüber stand. Die Stufen, redete ich mir ein. Es war nur die plötzliche Anstrengung. Vielleicht meine Aufregung, weil ich ihn kaum kannte. Ich hatte ihn ein oder zwei Mal auf den Alumnifeiern bei uns in der Wohnung gesehen und ich wusste, dass er und Professorin Selin auf dem Kriegsfuß standen. Weil er einen psychologischen Ansatz vertrat und sie das wie die meisten unseres Faches für Scharlatanerie hielt.

„Es geht um Elisabeth.“

Doktor Teer hielt in seinen Bewegungen inne. Er richtete sich langsam, mit vorgetäuschter Dignität auf. Mit erhobenen Augenbrauen sah er mich an. Wie eine Eule eine Maus.
„Was soll mit ihr sein?“, fragte er.

„Ich… Also ich mache mir Sorgen um sie. Sie wissen, dass wir zusammen wohnen? Sie ist eine Freundin für mich, nicht nur eine Lehrerin. Und ich glaube… Nun, ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll, ohne…“

„Heraus damit, Junge, meine Zeit – und Geduld – ist begrenzt“, unterbrach er mich, mit einem Blick über seinen Zwicker.

Ich holte tiefe Luft. Und sprach es aus.

„Ich fürchte, diese Prüfung hat Elisabeth mehr zugesetzt, als sie vielleicht zeigt. Ich glaube… Ich habe sie kürzlich dabei beobachtet, wie sie an sich selbst operiert hat. Und ich fürchte, sie könnte sich etwas antun.“

Der Doktor zog eine seiner buschigen Augenbrauen in die Höhe. Sein Gesicht war eine Grimasse, halb höhnisch und halb besorgt. Nur konnte ich nicht sagen, ob wegen mir oder wegen Elisabeth.

„Ich verstehe Ihre Sorgen, Gärtner. Sie sind nicht ungewöhnlich unter jüngeren. Der Erfolgsdruck kann durchaus seinen Tribut fordern.“

Der Professor ließ seinen Blick schweifen. Mir wurde schmerzhaft bewusst, dass alle anderen schon lange den Saal verlassen hatten. Dass ich mit ihm allein war. Ich bemerkte, dass ich schwitzte und mir heiß war. Wieso schwitzte ich? Der Saal hatte höchstens fünfzehn Grad.

„Ich versichere Sie: Es gibt keinen Grund zu Sorgen“, sagte er. Und dann begann er, mir große Sorgen zu machen. Er knüpfte sich das Hemd auf, bis er es zum Ellbogen zurück geschlagen hatte. Das Fleisch darunter war fahl und grau. Ihm fehlte alle Lebendigkeit, die ich von mir und selbst Marie gewohnt war – unter seinen Fingerspitzen bewegte es sich kaum. Wie Knetmasse behielt es eine einmal angenommene Form bei, bis es in eine neue gezogen wurde.

Es war älter, als ich erwartet hätte. Eingefallener.

Und sein Fleisch war eine einzige Masse aus Narben, Drähten, Geschwülsten. Haut und Knochen, die er aufgetrennt hatte, nur um sie wieder zusammen zu nähen. Die er wieder und wieder aufgeschlitzt hatte, nur damit er die Handgriffe üben, damit er den Schmerz überwinden konnte. Fleisch, das er mit Krankheiten infiziert hatte, nur um es zu heilen, um Beulen heraus zu schneiden oder neue Gefäße einzusetzen.

Ich sah von seinem Arm weg, starrte ihm in die Augen. Woanders hin zu blicken, wagte ich nicht, weil ich mich vor meinen eigenen Gedanken fürchtete. Vor dem, was ich wohl sehen würde.

Ich hielt ein Würgen zurück, das mich ohne Zweifel meine Karriere gekostet hätte. Mein Entsetzen aber musste mir ins Gesicht geschrieben stehen, denn der Doktor hielt mir seinen Arm näher hin und sagte:

„Größe fordert Opfer, Benjamin. Manchmal sind es Opfer am eigenen Körper. Sie tun gut daran, sich an Elisabeth ein Beispiel zu nehmen – sie ist bereit, für ihre Ziele Opfer zu bringen. Opfer, die ich selbst gebracht habe, wie auch Selin oder Winterstein. Opfer, die sie auch von ihren Schülern erwarten. Es ist nicht leicht, aber das ist die Welt in der wir leben.“

Ich zitterte ein Nicken. Mir war bewusst, dass ich bleich und schweißnass geworden war, aber ich brachte ein grimmiges Gesicht zustande.

„Ich… ich weiß, Herr Doktor. Nur ist sie mir eine Freundin, nicht bloß eine Kollegin. Und ich fühle… Ich sehe, dass sie leidet. Ich… Sehen Sie, ich möchte ihr nur helfen. Auch gebrachte Opfer schmerzen doch, oder nicht? Selbst, wenn sie es alle wert waren.“


Doktor Teer schlug sein Hemd zurück, knüpfte sich die Manschetten zu. Er sah mich dabei nicht an, sondern sagte nur mit trockener Stimme:

„Lassen Sie mich deutlich mit Ihnen sein, Benjamin: Dieses Institut duldet keine Schwäche – sei es körperliche oder geistige. Wer sich seinen Anforderungen nicht gewachsen sieht, hat hier nichts verloren. Winterstein bildet die Elite unseres Faches aus und erwartet von Ihnen Feuer und Leidenschaft – und wenn es sie selbst verzehren sollte.

Ich denke nicht, dass Elisabeth es begrüßt, wenn Sie hinter ihrem Rücken Gerüchte über sie verbreiten. Schwäche und Versagen werden hier nicht geduldet.“

Er musterte mich wieder mit diesen hochgezogenen Augenbrauen, mit diesem höhnisch-besorgtem Ausdruck im Gesicht. Sein Blick fuhr mir bis ins Herz. Er erfasste mich und ich erstarrte wie ein Reh im Scheinwerferlicht. Ich verneigte mich vor ihm, murmelte ein „Jawohl“ und wollte fliehen vor ihm. Ich verstand, wieso Elisabeth vor kurzem erst davon gejagt war, noch bevor ich mit ihr hatte sprechen können. Sie fürchtete ihre Schwäche fast so sehr wie mein Urteil darüber.

Wie wenig ich damals von diesen Dingen verstand! Was für ein Narr und Idealist ich war, der alles immer nur schlimmer machte mit seiner Hilfe.

Was ich an diesem Tag getan habe ist unverzeihlich. Ich wünschte, ich hätte etwas anderes getan. Ich wünschte, ich hätte Winterstein konfrontiert oder wenigstens Maria. Sie hätte ich vielleicht bezwingen können, mit ihr hätte ich vielleicht einen Plan entwickeln können.

Stattdessen fasste ich genau im falschen Moment all meinen Mut zusammen, sah zu Doktor Teer auf und sagte:

„Aber Sie sind nicht Professor Winterstein. Sie sind Psychologe. Sie könnten ihr helfen, ohne es Winterstein zu verraten.“