Mit Elisabeth zu reden, erwies sich als fruchtlos. Zum zweiten Mal fand ich ihre Tür verschlossen, die Wohnung kalt und still. Ich wusste, dass sie da war: Schuhe standen im Flur, ihr Schlüssel hing am Haken. Aber gleich, wie sehr ich an ihre Tür hämmerte, ich erhielt keine Antwort.

Nur diese verdammte Musik tönte wieder, wie schon vor wenigen Tagen. Schwankende, sprunghafte Violinenmusik, die ich nicht einmal im Ansatz beschreiben kann. Sie widersetzte sich mir ebenso wie Elisabeth.

Einigermaßen wütend zog ich wieder von dannen. Verstand sie nicht, dass ich ihr nur helfen wollte? Dass es auch mich anging, was sie tat? Mich kümmerte ihr Schamgefühl in diesem Augenblick wenig. Natürlich verstörte mich, dass ich sie bei ihrer Selbstverstümmelung beobachtet hatte. Ich hatte wirklich in den letzten Tagen immer wieder davon geträumt, von zerrissenem, offenen Fleisch, in das Stahl und Drähte unnötig eingebracht worden waren. Aber trotz allem war sie doch eine Freundin und mein Ekel nur eine erste ungezügelte, ungebildete Reaktion gewesen – nicht wie ich damals über diese Dinge dachte.

Den restlichen Abend verbrachte ich ihm Salon, vergrub mich wieder in meinen Prüfungsunterlagen. In Wahrheit bekam ich nicht vieles davon mit, sondern saß ich auf der Kante des Sessels. Immer wieder lauschte ich für endlose Minuten, aber ohne Erfolg. Dann, endlich, nach einer halben Ewigkeit hörte ich ein Knarzen im Flur.

Ich stellte sie, als sie sich gerade Mantel und Stiefel angezogen hatte. Sie trug einen schwarzen Rollkragenpullover, Chinons und Chelseas ohne Profil, als sei sie auf dem Weg zu einer geheimen Mission.

„Ich kann gerade nicht“, sagte sie und warf mir nur einen flüchtigen Blick zu. Er wirkte entzündet, wie irre. Sie hatte etwas von einem Reh im Scheinwerferlicht.

„Elisabeth!“, sagte ich, etwas lauter als ich es gewollt hatte, und stampfte unwillkürlich auf. „Du kannst mir nicht ewig aus dem Weg gehen. Bitte, rede mit mir. Ich weiß, was los ist, ich will dir helfen.“

Das ließ sie innehalten. Eigentlich brachte es sie mehr ins Schwanken, so dass sie sich am Türrahmen festhalten musste.

„Winterstein hat mit dir gesprochen?“

Ich hasse mich heute für die Dinge, die ich damals sagte. Für unbedarfte Versuche, ihr zu helfen, die nur als Angriffe verstanden werden konnten. Hätte ich damals gewusst, was ich heute weiß, ich hätte alles anders gemacht. Stattdessen aber sagte ich:

„Nein, aber Selin. Und sie macht sich Sorgen um dich, weil Winterstein mit ihr geredet hat. Ich… Sie macht sich Sorgen, dass du durchfallen könntest. Dass du das Stipendium und die Wohnung verlieren könntest…“

Meine Worte versetzten ihr einen Stich. Wo sie eben noch geschwankt hatte, raffte sie sich nun zusammen. Mit neuem Elan griff sie sich eine Sporttasche. Sie wandte den Blick von mir ab, als sie die Tür öffnete. Als ob sie Angst hätte.

„Es… Ich bringe das in Ordnung, okay? Vertrau mir da. Ich weiß nicht, ob… Ich kann dir nicht davon erzählen. Nicht von der Prüfung, nicht von den Vorbereitungen. Sie ist für jeden anders, aber ich hab das Griff. Ich verspreche es. Ich… Ich werde nicht enttäuschen. Dich nicht und die anderen nicht und Winterstein nicht.“ Sie richtete sich auf und warf sich die Tasche über die Schultern. „Ich bring das in Ordnung.“, sagte sie und verschwand.

Das war das letzte Mal, dass ich sie gesehen hatte. Die echte Elisabeth, meine ich. Danach war sie anders. Sie ähnelte der echten Elisabeth, wie ein Simulakrum ihrer selbst.

Wo sie in dieser Nacht hin ging weiß ich nicht. Oder was sie dort tat. Ich weiß, dass ich zwei Tage später aufstand und ihre Kleidung im Flur vorfand, verächtlich in eine Plastiktüte gestopft. Ihre Schuhe waren von Schlamm verkrustet, ihr Mantel zerrissen. Ich bemerkte Flecken auf ihrem Pullover, die ich nicht identifizieren konnte.

Sie schlief den ganzen Tag über und auch die ganze Nacht. Ich hörte sie nie aus ihrem Zimmer huschen, egal wie spät ich in der Bibliothek saß und lauerte. Wenn sie überhaupt etwas aß, dann nur, wenn ich außer Haus war.

Ihre Tür blieb mir verschlossen.

Selin raste beinahe, als ich ihr davon erzählte. Ich verstand nicht, warum. Sie schleuderte einen Packen technischer Pläne durch ihr Büro, zerschlug damit eine Vitrine. Ihr Atem ging schwer, ihre Augen sprühten Funken. Es kostete sie scheinbar alle Beherrschung, mich nicht anzubrüllen.

Sie warf mich ohne eine Erklärung aus ihrem Büro und beurlaubte mich für eine Woche, „bis sie eine Lösung für diesen Unfall gefunden hatte.“

Ich verstand nichts davon und es brauchte eine sehr viel schlauere Person, die mir erst später die Augen öffnete.

Meine Urlaubswoche verbrachte ich daheim, eingepfercht zwischen Büchern und der Hausbar. Diese Zeit über bemerkte ich nichts von Elisabeth. Ich weiß nicht einmal, ob sie daheim oder ausgeflogen war, aber ich verlegte mich trotzdem aufs Lauern, immer in Hörweite der Wohnungstür.

Erst nach vier Tagen hatte ich Erfolg.

Eines Morgens kam Elisabeth aus ihrem Zimmer in die Küche geschlichen. Sie sah fürchterlich aus, als hätte sie nicht viel geschlafen. Die Haare standen ihr in alle Richtungen ab, sie hatte dicke Ringe unter den Augen und bewegte sich sehr tapsig und schwerfällig. Als laste ein unsichtbares Gewicht auf ihr. Wir unterhielten uns nicht viel an diesem Morgen. Das heißt ich unterhielt mich nicht viel mit ihr. Sie redete beinahe ohne Unterlass. Viel mehr, als sie selbst früher getan hatte. Nach dem Schweigen der letzten zwei Wochen überwältigte mich ihr Redeschwall beinahe. Ich antwortete nicht viel. Weil ich fürchtete, sie zu verärgern. Weil ich gar nicht wissen wollte, wo sie gewesen war. Ich fühlte, dass es gut genug war, wenn sie ihre Seele erleichterte.

Winterstein hatte für den heutigen Tag endlich die Prüfung anberaumt. Die Habilitation. Offiziell war es lediglich eine Operation, die für meinen Lehrgang im anatomischen Theater gezeigt werden sollte. Eine letzte Prüfung ihrer Fähigkeiten als Chirurg und Ingenieur. Sie behauptete, die letzten vier Tage über der Vorbereitung dafür zugebracht zu haben und ich schluckte meine Zweifel hinunter. Nicht eines der relevanten Bücher war aus der Bibliothek verschwunden und ich war mir sicher, sie hatte beinahe sechs volle Tage im Dunkeln in ihrem Zimmer verbracht und an die Wand gestarrt.

Wir fuhren gemeinsam bis zum Institut, schwiegen aber, sobald wir die Wohnung verlassen hatten. Sie ging in die klinischen Teile des Instituts, um sich ihren Instrumenten und der technischen Vorbereitung zu widmen. Ich setzte mich bereits ins anatomische Theater und wartete, da ich einige Stunden zu früh war, über einem Roman.

Um mich herum füllten sich die Sitzbänke langsam. Das knappe Dutzend Studierender, die es mit mir zusammen bis ins dritte Semester von Wintersteins Studiengang geschafft hatten, kamen dazu. Einige aus anderen Kursen und Studien, aber alles in alle nicht sehr viele. Professorin Selin und weitere Prüfer kamen erst kurz vor der angegebenen Stunde. Sie war als Leiterin unseres Zentrums dort, ebenso zwei weitere Professoren aus anderen Abteilungen. Und Sie, Herr Doktor Teer, waren auch dort. Sie saßen in der ersten Reihe, mit Klemmbrettern und Notizen ausgestattet. Selin ignorierte mich, so gut es ging. Sie wirkte autoritär wie sonst, sehr elegant und souverän, vor allem gegenüber den zwei älteren Herren neben ihr. Sie lachte viel und zeigte ihre Zähne. Aber ich spürte eine gewisse Nervosität. Es schien, als hätte sie „diesen Unfall“ noch nicht ganz in den Griff bekommen, was auch immer das heißen sollte. Ihre Blicke waren erwartungsvoll auf die Seitentür gerichtet, durch die Elisabeth und Professor Winterstein kommen mussten.

Ich war überrascht, plötzlich Marie neben mir sitzen zu sehen. Ich hatte sie nicht herein kommen gesehen und auch nicht gehört. Sie hatte nichts weiter dabei als ihr kleines, rotes Notizbüchlein, in das sie mich noch nie hatte hinein schauen lassen. Mitschriften zu den Vorlesungen fertigte sie in einem anderen Buch an, dieses hier diente einem gänzlich anderen Zweck. Sie bemerkte meinen Blick und lächelte verstohlen.

„Elisabeth wird eine interessante Operation hinlegen“, sagte sie. „Das lohnt sich, in dem wichtigen Notizbuch festzuhalten.“

„Ich weiß nicht“, sagte ich, „sie ist ziemlich zerstreut heute. In den ganzen letzten Tagen. Ich habe echt Angst um sie.“

„Sie schafft es ganz sicher, ohne jeden Zweifel. Der Alte kann sich warm anziehen, das wird eine Überraschung.“

Ich runzelte die Stirn.

„Was meinst du?“, fragte ich.

Sie legte einen Finger auf die Lippen, deutete nach vorn. „Schau nur genau hin“, flüsterte sie.

Winterstein trat ein und schlagartig erstarb der Raum. Er wurde dicht gefolgt von Elisabeth, beide waren sie ganz in weiß gekleidet. Hinter ihnen schoben zwei Pfleger eine Bahre hinein.

Elisabeths Gesicht glich einer Totenmaske: Ausdruckslos, starr, kalt. Aber ich sah, dass sie die Wangen eingezogen hatte. Das tat sie immer, wenn sie nervös war und auf der Innenseite ihrer Wangen herum kaute. Sie blickte durch den Raum, scheinbar ohne mich und Marie überhaupt wahrzunehmen. Ihr Blick ging über uns hinweg, als wären wir gar nicht da.

Winterstein holte Luft, um zu sprechen. Aber noch bevor er seine Rede begonnen hatte, wusste ich, was folgen würde.

Ich wusste es, weil sich mir die feinen Haare im Nacken aufstellten, weil ein eisiger Griff meine Brust umklammert hielt.

Und weil ich in der Stille des Theaters ein leises Wimmern von der Bahre hinter ihnen vernehmen konnte.


Vivisektion.

Winterstein sagte irgendetwas, ging wohl mit allem Furor, den wir von ihm erwarteten, auf die kommende Vorführung ein. Ich hörte ihn kaum, ich starrte nur auf die Bahre hinter ihm und den Körper, der sich unter dem Tuch abzeichnete.

Endlich zog er das Tuch herunter und bestätigte meine Ahnung. Ein Raunen ging durch den leeren Saal.

Der Mann lebte noch. Er war mit einem starken Drogencocktail narkotisiert worden, so dass seine Augen blickleer und sein Fleisch gefühllos blieb. Aber er lebte und stöhnte leise, als ihm die Pfleger seine Fesseln anlegten. Zu seiner eigenen Sicherheit, hieß es, damit er sich nicht zu sehr bewegte oder etwa den Ablauf der Operation gefährdete.

Er war bei Bewusstsein. Und wenn Elisabeth versagte, würde er sterben. Vor unser aller Augen, ausgestellt wie ein Stück Fleisch.

„Der Tod ist ein natürlicher Teil des Krankheit“, tönte Winterstein, „und auch vor ihm müssen sie die Angst ablegen. Sie müssen ihn beherrschen, ihn kommen sehen, wenn Sie mit ihm ringen und siegen wollen.“

Und ich wusste, dass die kommenden Stunden ebenso eine Prüfung für uns als Zuschauer wie für Elisabeth als Chirurgin sein würden.

Ich starrte Marie an. Hatte sie davon gewusst? Obwohl wir bereits in der dritten Reihe saßen – so nah wie möglich am Geschehen, ohne in der Spritzzone zu sitzen – beugte sie sich derart über den Pult vor ihr, dass sie beinahe darüber hing. Meinen Blick ignorierte sie und hatte nur Augen für das Geschehen auf der Bühne.

Ohne weitere Umstände begann es.

Ich erinnere mich daran, dass ich frenetisch Notizen anfertigte. Seite um Seite schrieb ich mit, was Elisabeth dozierte und tat. Sie war immer schon ein Wissensquell gewesen, so lange wie ich sie kannte. Sie war- verstehen Sie mich bitte nicht falsch – eine geniale Frau. Aber sie führte diese Operation mit der Kühle und Präzision einer Chirurgin aus, die hunderte dieser Art durch geführt hatte.

Die Operation war auf dem Papier einfach genug: Der Austausch eines schlagenden Herzens durch eine Maschine. Stahl und Plastik würden am Leben halten, was das Fleisch im Stich gelassen hatte. Aber die Art und Weise der Operation war entsetzlich, denn sie wurde bei lebendem Leib, ohne nennenswerte Narkose des Patienten durchgeführt. Es war wie eine Szene aus dem vorletzten Jahrhundert.

Als der erste Schnitt auf seinem Brustkorb gemacht wurde, begann der Mann, sich zu krümmen. Sein Wimmern war deutlich bis zu mir in die dritte Reihe zu hören: Er spürte Schmerzen.

Ich sah mich im Saal um. Niemand stand auf, niemand verwehrte sich gegen diese Barbarei. Ich selbst… war zu feige dazu. Ich starrte wieder zu Elisabeth hinunter, die ihm methodisch die Innereien offen gelegt hatte.

Sie schritt um den Leib herum, verdeckte für einen Augenblick unsere Sicht auf ihn. Einen Augenblick lang zögerte sie, hielt die Operation an. Marie hielt neben mir hörbar die Luft an und Selin rutschte auf ihrem Sitz nach vorne. Elisabeth selbst zitterte einen Moment, schwankte an der Türschwelle zur Hölle.

Und ich… ich blinzelte, denn ich wollte es nicht sehen.

Ich musste mich irren, dachte ich. Ich konnte nur falsch liegen. Es war ein wahnsinniger Gedanke, dachte ich damals. Heute… Heute ist er noch immer wahnsinnig, aber die ganze Welt ist es, soweit es mich betrifft. Ich verdrängte ihn, genau so wie ich erst wenige Tage zuvor verdrängt hatte, wobei ich Elisabeth beobachtet hatte.

Heute weiß ich, dass ich die Wahrheit gesehen habe, vor der ich die letzten Jahre die Augen verschloss:

Ich sah, wie sie mit dem Skalpell ein Stück Fleisch aus seinem Leib trennte, es mit zitternden Fingern empor hob… Eine Bewegung ihrer Hand deutete an, dass sie es in eine der bereit stehenden Silberschalen, wie Winterstein sie damals bei der Sezierung verwendet hatte, warf. Aber ich sah es, sah es ganz deutlich. Sie verschlang es, roh und blutig.

Dann ging alles ganz schnell. Schnell genug, dass ich vergessen konnte, was ich gesehen hatte.

Elisabeth krümmte sich plötzlich, stürzte beinahe auf die Bahre. Ich sprang auf, aber Marie zerrte mich am Hemdskragen wieder hinunter auf meinen Sitz.

„Bleib sitzen“, zischte sie, „und schau hin!“

Elisabeth kam wieder auf die Beine, unendlich langsam. Unter Anstrengung sprach sie weiter. Jeder Schnitt, den sie machte, jede zertrennte Faser, wurde von detaillierten Beschreibungen begleitet. Aber ihre Stimme hatte die gepresste Tonlage einer Frau angenommen, die unter großen Schmerzen litt. Vor jedem Handgriff zögerte sie, eine einzelne, wertvolle Sekunde zögerte sie, als ob sie sich immer wieder neu überwinden müsste. Als ob sie selbst erleiden würde, was sie dem Mann vor ihr auf der Bahre antat.

Dennoch zerriss sie ihm die Geschwüre auf Leber und Nieren, entfernte sie ihm, nachdem sie Schicht um Schicht seine Gedärme vor uns allen bloß gelegt hatte, und ersetzte sie durch bereitliegende Maschinen.

Marie, das sah ich aus den Augenwinkeln, reagierte mit kaum weniger als unverhohlener Gier auf das Geschehen. Einmal blickte ich zu ihr hinüber und bemerkte, dass sie nichts mitschrieb. Sie, die üblicherweise jedes Wort transkribierte, hatte stattdessen ihr rotes Notizbuch aufgeklappt und fertigte darin eine komplexe Zeichnung der Operation an. Sie war beinahe noch drastischer als das Fleischerhandwerk, das Elisabeth dort unten durchführte. Oder es war die Leichtigkeit, der distanzierte Realismus der aufgefalteten Haut, Muskel und Fettschichten in seinem Gedärm, die mich so schockierte. Es war nicht einmal klinisch, damit hätte ich leben können. Sondern körperlich auf eine Art und Weise, die mir und jedem Arzt Unwohlsein bereiten musste.

Ich wandte mich von Marie und ihrer Neugier wieder meinen eigenen Notizen zu.

Die Operation dauerte alles in allem gute vier Stunden, die quälend langsam verstrichen. Am Ende des Spuks war Elisabeths weißer Kittel von Blut und anderen Flüssigkeiten besudelt. Sie verneigte sich vor ihren Prüfern mit schweißnassem, rotfleckigem Gesicht und einem Blick in den Augen, den ich meinen Lebtag nicht vergessen werde.

Sie bestand, natürlich, mit Bravour.