Wie es Professorin Selin verlangt hatte, begann ich noch am nächsten Montag meine Arbeit bei ihr. Es war eine schwierige Stelle, deren Details hier nichts weiter zur Sache tun. Wir arbeiteten, ganz wie sie es angekündigt hatte, an den neurischen Schnittstellen von Körper und Konstrukt. Das heißt sie arbeitete mit ihrer Abteilung daran. Meine Tätigkeit als Assistent kann ich dagegen nur als verwalterisch bezeichnen. Ich sortierte eine Unmenge an Daten für sie vor, die ich kaum verstand, die für ihr Projekt aber elementarer Natur waren.

Damals war ich noch blauäugig, das heißt ich war idealistisch. Moralische Fragen stellte ich gar nicht erst, zu sehr beeindruckten und beschäftigten mich all die Gizmos, die ich als Assistent von Professorin Selin in die Finger bekam. Ohnehin arbeitete ich ja gar nicht selbst daran, ich tat nichts verwerfliches. Ich tat einfach nur meinen Job, damit andere ihren tun konnten.

Es war eine aufregende und gleichermaßen auch aufreibende Zeit, die mich oft bis spät in die Nacht beschäftigt hielt. Ich begann, wie Elisabeth bei meinem Einzug gescherzt hatte, mehr und mehr im Institut zu leben und mir einfach nur eine teure Wohnung zu leisten.

Einmal, es war gegen Ende meines dritten Semesters, noch kurz vor der ordentlichen Prüfungsphase, kam ich erst früh am nächsten Morgen nach Hause. Ich erinnere mich genau daran. Ich sah kaum die Straßen, durch die ich ging. Der kleine Platz mit dem Cafe vor unsere Wohnung war eine Insel in einem weißen Nebelmeer. Vom Treppenhaus her wirkte es, als sei die ganze Welt um mich herum verschwunden. Mein Blick reichte kaum weiter als bis zu den gelblichen Irrlichtern am Straßenrand, die einmal Laternen gewesen waren.

Ich betrat Elisabeths Zimmer ohne anzuklopfen. Wir hielten es in dieser Zeit öfter so, dass wir uns nicht nur die Wohnung sondern auch Privatsphäre teilten. Ich glaube auch das war Teil des Paktes, den wir stumm geschlossen hatten. Wir teilten alles. Gut, nicht alles, aber vieles – unsere Gedanken, unsere Zeit, unsere Wohnung – um nur weiter im Studium zu kommen. Es war eine intensive Art der Zusammenarbeit, die ich seitdem nie wieder gekannt habe.

Sie musste nicht mit mir gerechnet haben. Vielleicht war es zu früh gewesen – ich schlief in letzter Zeit vemehrt bis in den späten Vormittag hinein – , aber in jedem Fall war sie tief in seine Arbeit versunken.

Ich sah sie im Schein ihrer Gelenklampe am Arbeitstisch sitzen. Sie hatte ihren Kittel um, von dem sie fest überzeugt war, er würde ihrer Konzentration dienlich sein. Obwohl er voller Flecken war, die man nie wieder aus dem Stoff hinaus bekommen würde, und eigentlich nur verbrannt gehörte, trug sie ihn ständig.

„Leibliche Kognition ist keine Scharlatanerie“, sagte sie immer dann, wenn ich mich darüber lustig machte. „Wie der Leib sich kleidet, so denkt er. Der Kittel macht vielleicht nicht den Arzt, aber er stützt ihn.“

Ich klopfte an den Türrahmen. Elisabeth zuckte zusammen, drehte mir aber weiterhin den Rücken zu.

„Was?“, fragte sie. Sie krümmte sich über ihren Schreibtisch zusammen. Ich hörte, wie etwas auf die Arbeitsfläche fiel, ignorierte es aber vorerst.

„Hast du den Borellus? Mich hat den ganzen Heimweg eine Idee nicht losgelassen und ich muss einfach nachschlagen, sonst wird sie mich in meine Träume verfolgen“, sagte ich.

„Zweiter Buchschrank, dritte Reihe von oben.“

Ich ging hinüber, suchte einen Moment über die ledernen Einbände mit goldverzierten Frakturtiteln, die sich in dieser und der Reihe darüber eingefunden hatten, und zog schließlich einen dicken Band hinaus. Es war ein Faksimile, ein moderner Nachdruck einer älteren Handschrift. Aber für gewisse Gelegenheiten gehörte sich auch eine altertümliche Aufmachung.

„Die essentiellen Salze des Tieres mögen so preserviert und prepariert seyn, datz ein Ingenius in seinem eigenen Studio die Gestalt dererley Tiere aus ihrer Asche erheben kenne zu seinem Wohlgefallen“ las ich mit grabesschwerer Stimme einen Absatz daraus hervor.

„War‘s das?“, fragte Elisabeth. Ihre Stimme klang angestrengt, als gebe sie sich große Mühe, normal zu klingen.

Ich runzelte die Stirn, schlug das Buch hörbar zu. Normalerweise war Elisabeth mit solchen Witzen zu begeistern. Vor der Lehre und ihrer Tradition hatte sie zwar Respekt, aber nicht vor ihren eher esoterischen Ablegern und Theorien.

„Ist… ist alles okay bei dir?“, fragte ich.

„Mir ist nur schlecht. Von gestern noch“, sagte sie. „Hab nicht viel geschlafen, sitze an was wichtigem.“
Sie saß verkrampft an ihrem Schreibtisch, die Arme vor ihre Brust gepresst. Eigentlich kauerte sie mehr und sah mich nur über ihre Schulter aus den Augenwinkeln an. Als erwartete sie, dass ich bald wieder verschwinden würde. Ihr Gesicht war gerötet und verzerrt. Wie von Schmerz.

Sie funkelte mich an und ich glaubte, dunkle Flecken auf ihrem Kittel ausmachen zu können. Blut, das zwischen ihren Fingern hervor quoll, die sie um ihren Unterarm gekrallt hatte.

„Elisabeth“, sagte ich, vorsichtig, weil ich Angst hatte, sie mit meinen Worten zu verletzen, „kann ich dir helfen bei irgendetwas?“

„Du kannst gehen“, stieß sie hervor und hielt die Faust geballt. „Ich stecke bis zur Nasenspitze in Prüfungsstress. Du kannst gehen, damit ist mir schon geholfen.“

„Prüfungsstress“, wiederholte ich. Ein dumpfes, machtloses Wort. „Was zum Teufel wirst du geprüft?“

„Bodyhacken“, giftete Elisabeth mich an. „Was ist dabei? Ich kann es nicht, ich muss es lernen, wenn ich je bestehen will. Ich habe weiter keine Möglichkeiten, also übe ich eben an mir selbst.“

Ich wusste nicht recht, wie ich darauf reagieren sollte. Was sagt man darauf, wenn ein Freund sich vor den eigenen Augen das Fleisch öffnet, nur um sich darauf wieder zu vernähen? Wenn einer Selbstverstümmelung gesteht und derart rechtfertigt?

Ich sagte gar nichts, bis Elisabeth endlich aufsprang und mich mit der rechten Hand zur Tür schob. Die linke hielt sie gegen die Brust gepresst und ich sah noch deutlich offene Wunden daran.

„Geh bitte“, knurrte sie.

„Gut, gut, ich bin weg“, sagte ich und ließ mich ohne Gegenwehr hinaus schieben.

Als ich gerade zur Tür hinaus war, viel mir ein, wie ich reagieren sollte. Was ich ihr sagen sollte, um sie zu beruhigen.

Doch es war zu spät. Zum ersten Mal, seit ich bei ihr wohnte, hörte ich ihr Türschloss klicken und mich aussperren. Alles, was mein Trommeln und Rütteln an ihrer Tür erreichte, war, dass sie eine mir unbekannte und unberechenbare Violinenmusik einschaltete und lauthals durch die Wohnung schreien ließ.

Nach fünf Minuten gab ich auf. Mit dem Borellus unter dem Arm kroch ich weiter bis in die Bibliothek, wo ich hoffte, auf sie warten zu können. Vielleicht, war mein Gedanke, könnte ich ein wenig lesen und sie abfangen, sobald sie ihr Zimmer einmal verließ. Für etwas weniger als zwei Stunden harrte ich aus, ehe ich von Erschöpfung übermannt wurde.

Als ich aufwachte, war sie bereits fort.

Ich versuchte, einige Tage später mit ihr über diesen Vorfall zu reden. Sie dagegen tat, als sei es bloß ein Alptraum von mir gewesenIch… Ich will nicht sagen, dass ich ihr den Gefallen tat und ebenfalls Ignoranz vortäuschte. Aber mein Leben war gut. So gut, dass ich bis zu diesem einen Morgen alle anderen Zeichen ignoriert hatte, die auf Probleme hindeuteten. Es war leicht für mich, dieses eine zu ignorieren, mir zu wünschen, es wirklich nur geträumt zu haben.

Es war einige Tage später, als mir die Krise mit Krallen voran ins Gesicht sprangen.

Professorin Selin nahm mich nach der Arbeit beiseite. Ich war bereits im Flur des Institutsgebäudes am Alexanderufer, halb auf dem Weg hinaus, als sie aus ihrem Büro hervor schoss.

„Gärtner“, zischte sie, „kommen Sie kurz.“

Eine Aufforderung, keine Frage. Ich betrat mit flauem Gefühl ihr Büro, das einem Schlachtfeld glich. Von Notizzetteln und Stiften wie von Pfeilen gespickte Bücher lagen herum, anatomische Karten hingen wie Schlachtpläne an den Wänden und Professorin Selin umwehte der Hauch einer Kriegsherrin. Sie nahm zwischen einem Stapel technischer Spezifikationen an ihrem Schreibtisch Platz und hieß mich ihr gegenüber sitzen.

„Nehmen Sie die Präsenzbefunde direkt mit, sie können die morgen mit unseren Ergebnissen abgleichen, ob geeignete Kandidaten für die zweite Runde dabei sind. Alles mit einem CRP von unter 50.“

Ich setzte mich, die Befunde auf meinen Knien balanciert. Sie hatte mich klarerweise nicht deswegen zu sich zitiert, ich hätte die Unterlagen auch am nächsten Morgen durchgehen können.

„Ich mache mir Sorgen“, sagte sie und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. „Das heißt Winterstein macht sich Sorgen und das wiederum beunruhigt mich.“ Sie tippte ihre Fingerspitzen unruhig aneinander. „Genau genommen macht sich Winterstein Sorgen um Elisabeth und das beunruhigt mich zutiefst.“

Mit großen Augen sah ich sie an. Es war in der Tat ungewöhnlich, dass sich Professor Winterstein um irgendjemanden sorgte. Ich hatte ihn seit meiner ersten Vorlesung bei ihm nicht näher kennen gelernt, aber er war nach außen hin genau so geblieben, wie er damals gewirkt hatte: Hart und fordernd.

„Weswegen?“, fragte ich.

„Sie scheint ihre Habilitation in letzter Zeit etwas auf die leichte Schulter zu nehmen.“

Der Satz war wie ein Schlag ins Gesicht. Ich hatte in den letzten Tagen wenig mit ihr gesprochen, zugegeben, weil ich sie kaum sah. Aber ich wusste, wusste unbedingt und ganz ohne Zweifel, dass sie ein Arbeitstier war, das nicht einmal ihr Frühstück auf die leichte Schulter nahm. Geschweige denn die letzten und wichtigsten Jahre ihres Lebens. „Und ich wüsste von Ihnen gerne, woran das liegen könnte.“

„Sie könnten Sie selbst fragen?“, schlug ich vor.

„Seien sie nicht albern“, sagte sie. „Sie wissen so gut wie ich, dass sie für die letzten Monate ihrer Habilitation freigestellt worden ist. Seitdem lässt sie aber ihre Verpflichtungen gegenüber den Alumni und auch mir schleifen.“

Ich starrte sie an. Ich hätte mir nie träumen lassen, dass Elisabeth irgendetwas vernachlässigen konnte.

„Frau Professorin, ich versichere Ihnen: Elisabeth nimmt gar nichts auf die leichte Schulter. Sie ist so motiviert wie eh und je. Wenn sie Termine nicht wahrnimmt, dann bin ich mir sicher, dass sie sich stattdessen intensiv auf ihre letzte Prüfung vorbereitet. Sie ist sehr fokussiert auf das Examen.“

„Nun, ich wünsche Ihnen, dass sie tatsächlich eben so viel Vertrauen in sich hat, wie Sie in sie. Sie wissen, dass ihr Stipendium an diese Termine geknüpft ist? Das heißt auch, an das Bestehen von Elisabeths Habilitation?“

Ich wurde blass und rot und heiß und kalt gleichermaßen. Mir stieg der Schweiß in den Nacken. Ich bemerkte, dass ich im ersten Schock die Finger in den Stapel Papiere auf meinem Schoß gekrallt hatte, und löste meine Finger einen nach dem anderen.

„Wie meinen Sie?“

„Das Stipendium ist erfolgsgebunden? Versager fördern wir nicht weiter, das wissen Sie. Scheitert Frau Brausewetter an dieser Prüfung, dann war es das. Für sie. Und für Sie.“ Professorin Selin zog die Augenbrauen hoch, nickte vage in meine Richtung. „Mittelmäßigkeit kann so spät nicht mehr geduldet werden, Winterstein würde sie aus dem Institut ausschließen.“ Sie lehnte sich über die Berge aus Papier auf ihrem Schreibtisch zu mir. Ihre Stimme sank zu einem verschwörerischen Flüstern herab. „Ich will ihr helfen, Benjamin. Ich kann ihr helfen. Aber dazu muss sie mich lassen. Frauen müssen zusammen halten, besonders gegen Winterstein. Ich würde es hassen, eine kompetente Verbündete zu verlieren.“

„Natürlich“, sagte ich lahm.

Ich war ein Narr gewesen, mich nur um meinen Erfolg im Studium zu scheren. Allein aus Eigennutz hätte ich mich auf dem Laufenden halten sollen. Ich zahlte dank des Stipendiums nur einen symbolischen Betrag für unsere gemeinsame Wohnung und hing von ihr ab.

Und ich hätte es als Freund tun sollen. Ich hatte in all der Zeit nicht ein einziges Mal gefragt, wie es ihr bei ihren Studien ging, ob sie dem Druck stand hielt. Sie war einige Jahre älter als ich, erfahrener und außerdem doch diejenige gewesen, die jeden nur erdenklichen Erfolg für sich verbuchen konnte. Von der ich Gefälligkeiten annahm, um besser dazustehen. Ohne sie würde ich wohl immer noch auf irgendeiner Couch schlafen oder wäre achtkantig aus dem Studium geworfen worden.

Und ich konnte mir nicht vorstellen, dass er jemals an ähnlichen Problemen gelitten haben könnte.

„Reden Sie mit ihr“, sagte die Professorin eindringlich. „Reden Sie mit ihr und sagen Sie ihr, dass sie mich unbedingt sehen muss.“