Zwei Tage nach meiner ersten Erfahrung von Professor Winterstein tauchte ich bei Elisabeth auf. Ihre Wohnung lag in einem Dachgeschoss an der Prenzlauer Allee, mit Blick auf einen kleinen Platz mit Bäumen und Cafés drumherum. Ich klingelte bei „Dr. Brausewetter“ und wurde eingelassen.

Sie begrüßte mich an der Tür mit einem Handschlag, ohne Blut an den Händen dieses Mal, und ließ mich ein.

Es war eine altbürgerliche Wohnung mit vielen Fensternischen und doppelten Flügeltüren, die von einem Zimmer ins nächste führten. Sie musste gigantisch sein, so viele Türen wie ich im Flur zählte. Selbst fünf Leute hätten leicht Platz in ihr gehabt.

Elisabeth alleine musste sich schrecklich einsam gefühlt habe. Nachdem ich meine Jacke aufgehängt hatte, zeigte sie mir die Küche und kochte Kaffee.

Ich pfiff anerkennend und legte den Kopf in den Nacken, um die Stuckatur sehen zu können.

„Wow, das ist ja riesig. Ist es die Stadtwohnung deines Vaters? Wer zahlt das alles?“

Elisabeth schüttelte den Kopf.

„Nein, die Wohnung läuft auf meinen Namen.“

Sie drückte mir einen heißen Becher in die Hand, auf dem das Wappen eines englischen Colleges abgebildet war, und führt mich durch die Hallen gänge. Ich stutzte. Der Professor hatte sie stets nur als „das Fräulein Brausewetter“ oder „die Assistentin“ vorgestellt. Mit keinem Wort hatte er ihren Titel erwähnt.

„Das Institut zahlt das alles“, sagte sie. „Teil meines Stipendiums. Also, das heißt das Stipendium fällt großzügig aus und ich kenne wen, der jemanden kennt, der mir erschreckend günstig die Wohnung hier vermietet hat. Verbindungen im Institut sind zu mehr gut, als nur Doktortitel sammeln.“

Ich betrachtete sie, während sie redete, und überlegte. Sie musste Ende der zwanzig sein. Zu alt für eine einfache Studentin am Institut. Ich lächelte verkrampft und schrumpfte um etwa zwei Größen.

„Du bist keine Magisterstudentin“, sagte ich und sprach meinen plötzlichen Einfall aus.. Sie lachte, schüttelte den Kopf.

„Nein.“

„Und auch keine Doktorandin.“

„Habilitiere seit einem Jahr bei Winterstein und Professorin Gül.“

„Ohmeingottdastutmirleid“, nuschelte ich. „Ich wollte nicht unhöflich sein.“

Sie winkte ab, irgendwie müde. Als hätte sie dieses Gespräch öfter führen müssen. „Jeder hat Titel, ich mache mir nicht viel draus. Komm, ich zeig dir die Wohnung, dann kannst du dir überlegen, ob sie dir gefällt.“

Die Wohnung bestand neben der Wohnküche mit mehreren Sofas und einer kleinen Bibliothek, in der die Schränke sich drei Meter bis zur Decke türmten. Einige Lesesessel standen in einem Erker und der Boden war mit Parkett ausgelegt. Weiters gab es ein Zimmer, das in einer geringeren Wohnung ein Wohnzimmer gewesen wäre, hier aber einem Salon glich: Diverse Sofas, Chaiselongues und Beistelltischchen drapierten sich willkürlich und unpassend, aber elegant im Raum herum. Eine Heimkinoanlage und diverse Kuriositätenkabinette rundeten das Bild ab. Ein Raucherzimmer schloss sich an, dessen einziger Inhalt eine kleine Hausbar, Lehnstühle und ein ominöses Medizinerschränkchen waren.

Dahinter folgten Elisabeths Räumlichkeiten. Ein Schlaf- und eigenes Badezimmer, das sehr elegant mit blauen Mosaiken ausgelegt war. Sowie natürlich einem Arbeitszimmer, das als eine Art von Vorraum zum Schlafzimmer fungierte. Die wichtigeren medizinischen Bücher stapelten sich in den Schränken, der Schreibtisch blickte aus dem Eckerker hinab auf den Vorplatz.

„Manchmal starre ich einfach nur auf die Bahngleise hinab“, gestand sie mir, als ich mich aus dem geöffneten Fenster lehnte. „Wie die Züge vorbei rauschen und mit welcher Wucht sie immer kurz vor den Menschen zum stehen kommen, die dort an den Bahnsteigen warten.“

Sie schüttelte den Kopf, als wäre ihr der Gedanke peinlich. Dann zeigte sie mir, was mein Zimmer werden würde. Es war leer bis auf Staub und eine Reihe an Leinwänden, Staffelagen und solche Dinge. Das zweite Badezimmer wurde als Lager für Farben und Malzeug benutzt. Offensichtlich war sie seit einer Weile nicht mehr in diesem Zimmer gewesen.

„Du malst?“

Elisabeth zuckte mit den Schultern. „Seit dem Doktor nicht mehr, nein. Keine Zeit dafür, leider. Obwohl es gut für die Haltung und das Fingerspitzengefühl ist.

Ich nutze den Raum also ohnehin nicht, er wäre frei. Ich würde einen Platz für die paar Bilder finden, sie gefallen mir ohnehin kaum mehr. Zu bunt, zu quietschig. Der Raum wäre, puh, ich glaube dreißig im Quadrat? Plus Badezimmer eben. Es ist nicht so viel, ich weiß, aber…“

„Ich nehme es“, sagte ich und versuchte, mir mein Glück nicht anmerken zu lassen. Das hier war ein Freifahrtschein in die oberen Ränge des Instituts. Damals kam mir das wie mein Traum vor. „Egal, wie viel es kostet.“

Elisabeth zuckte mit den Schultern.
„Kümmer dich um den Haushalt und nimm mir ein paar Besorgungen ab, dann kannst du das Zimmer haben. Es steht eh nur leer und es ist mir lieb, wenn es wenigstens ein anderer nutzen kann.“

Über die nächsten Wochen und Monate besorgte ich mir einige wenige Möbel, aber hauptsächlich nutzte ich das, was Elisabeth bereits eingerichtet hatte. Sie störte sich nicht daran, sondern fand es sogar sympathisch.

„Endlich wird es einmal benutzt“, sagte sie und scherzte darüber, dass er in den letzten Jahren ohnehin nur am Institut lebte.

Die ersten Monate meines Studiums verliefen… gewöhnlich. Ich denke sie erfordern keine weiteren Ausführungen. Für mich waren sie etwas besonderes, waren sie der Sprung ins kalte Wasser einer neuen Welt. Für mich änderte sich alles.

Aber das tut es für jeden blauäugigen Ersti, der unter einem wie Winterstein studierte. Mit ihm hatte ich nur selten zu tun, wofür ich dankbar war. Er las unerbittlich alle Applikanten aus, die ihm zu schwach, zu dumm, zu ungeschickt waren. Die eigentliche Ausbildung übernahmen andere, wie die Leiterin des Zentrums für Prothetik – Professorin Selin Gül – oder eine ganze Reihe an anderen Professoren. Ich bin sicher diese Berichte einer gewöhnlichen Erfahrung würden Sie nur langweilen und Sie tun auch gar nichts zur Sache.

Elisabeth war mir eine große Hilfe dabei, im Institut und der Stadt Fuß zu fassen. Nicht nur, weil sie in vielen Fällen die eigentliche Ausbildung der Studenten übernahm. Sie hielt mich zwar zunächst noch etwas auf Abstand und ließ mich nicht daran teilnehmen. Aber ich bemerkte rasch, dass Elisabeth ihre Wohnung regelmäßig mit allerlei Besuchern füllte. Ehemalige Studenten des Instituts, Alumni, aber auch Kollegen und Kommilitonen späteren Semesters, die sich alle paar Wochen zu … Feiern dort einfanden.

Einige Male assistierte ich ihr dabei, diese Abende auszurichten, ohne jedoch selbst viel davon mit zu bekommen. Ich besorgte Getränke, manchmal auch andere Substanzen, kümmerte mich um das Catering und das Aufräumen am nächsten Tag. Bis sie mir eines Tages – es war in meinem dritten Semester – sagte, ich könnte teilnehmen.

Ich erinnere mich an den Abend, weil er… magisch war. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich ein behütetes Leben geführt. Ein kleines Leben in einer kleinen Stadt. Natürlich kannte ich Feiern. Natürlich hatte ich auch schon ein oder zwei Mal die ganze Nacht hindurch getrunken und bis ins Morgengrauen mit interessanten Menschen gesprochen. Natürlich waren mir auch Drogen ein Begriff, ich hatte immerhin zu diesem Zeitpunkt bereits ein Jahr lang in Berlin gelebt und war entgegen aller meiner Beteuerungen einige Male im KitKat oder Grünspan gewesen.

Aber dieser Abend war etwas anderes. Nicht nur, weil ich dort das erste Mal auf einen gewissen Doktor Teer traf. Ich will Ihnen auch begreiflich machen, was ich verloren habe.

Ich glaube, Elisabeth war es unmöglich, irgendetwas nur zum Zweck der Erholung zu tun. Ihre Feiern waren offenkundige Alumnitreffen, dazu da, um alte Freunde und Konkurrenten wieder zu sehen. Um Gefälligkeiten und Freundschaften zu schachern. Und ich hatte nie eine Berührung mit einer derartigen Klasse von Gesellschaft gemacht. Wenn es eine oligarchische Klasse in diesem Land gibt oder auch nur in dieser Stadt, dann war sie bei uns – bei mir!, dachte ich aufgeregt- in der Wohnung anzutreffen.

Einige der Gäste, die im Lauf des Abends eintrafen, kannte ich bereits vom Institut: Menschen wie Marie Rauschenberg waren da wie dort meine Bekannten. Ich schulde ihr vieles. Meinen Erfolg im Studium, zu einem nicht unbeträchtlichen Teil. Und noch so viel mehr. Mit anderen hatte ich bisher nicht persönlich zu tun gehabt, obwohl ich sie bei anderen Veranstaltungen bereits gesehen hatte, ohne ein Wort mit ihnen zu wechseln. Die Leiterin unseres Zentrums für Cyberprothetik und die unmittelbare Vorgesetzte von Elisabeth etwa: Professorin Selin Gül. Ebenso eine ganze Reihe von Alumni, die nicht am Institut verblieben waren, die Kontakte aber weiterhin pflegten. Doktor Teer war einer von ihnen.

Ein Teil von uns saß im Salon, rauchte, trank und diskutierte. Über Gott und die Welt. Ich erinnere mich nicht mehr an das genaue Thema und es lässt sich ohnehin unmöglich sagen, da ein ständiges Kommen und Gehen herrschte. Streng genommen begann die Veranstaltung erst ab einundzwanzig Uhr, obwohl einige der Jüngeren bereits zum Canapé vorbei gekommen waren, und sie würde sich bis in den nächsten Morgen ziehen. Dann und wann zersprengten sich die Gäste ohnehin, wechselten aus diesem Raum in jenen oder verschwanden schlicht für eine Weile.

Was diese hohen Herren in ihrer Freizeit taten, geht sie nichts an. Ich bin nicht illoyal.

Professorin Gül war modisch spät zur Feier erschienen, kurz vor Mitternacht, und ertappte mich und Marie in ein Gespräch vertieft. Sie drapierte sich uns gegenüber auf eine Chaiselongue, einen Gin&Tonic in der Hand und wartete geduldig, bis Marie sich für sie unterbrach.

„Frau Professorin“, sagte Marie und hob ihr Glas. „Ben und ich diskutierten gerade, ob Forschung wirklich frei sein kann, wenn sie von Funktionalität und Effizienzgedanken beherrscht wird.

Die Professorin winkte ab.

„Bitte, nennt mich Selin. Titel haben wir alle, aber nicht hier“, sagte Sie. Eine Lüge. Nirgendwo zählte der Titel mehr als hinter den Kulissen des Charoninstituts. Selbst, wenn niemand ihn benutzte, war sich doch jeder sehr genau der feinen Hierarchie bewusst, die alle von uns umsponn.

Und wenn Professorin Selin auch nicht die fette Spinne im Netz war, war sie doch deren rechte Hand. Und jeder wusste es.

„Und, was halten Sie davon?“, fragte Marie.

Selin zuckte nonchalant mit den Schultern.

„Unsere Forschungsabteilung entwickelt unter anderem für das Heer. Sie wissen also sehr genau, wo ich stehe, Marie. Natürlich kann sie frei sein. Wir verwenden diese Gelder nicht nur zur Entwicklung von Kriegsmaschinerie, sondern auch neuen Gliedmaßen für diejenigen, die nicht dem Militär angehören.“

Ich hatte von der Forschungsabteilung, die sie leitete gehört. Am Institut gab Selin die Kurse für Neuroprothesen und Neurochirurgie, aber man munkelte von einer mehr oder minder geheimen Abteilung, die moderne Prothesen herstellte. Tatsächlich war die Bezeichnung „Prothese“ eine Beleidigung für diese Dinger. Es waren allen Gerüchten nach Gliedmaßen, die stärker, geschickter und haltbarer als diejenigen waren, die sie ersetzen sollten. Von einer brandheißen Schnittstelle zwischen Nervensystem und Elektronik ganz abgesehen, die wohl noch ein Prototyp war, aber das nächste Zeitalter von Mensch-Maschinen-Schnittstellen einleiten würden.

Sie waren besser als natürliche Gliedmaßen, würden einige sagen. So auch Professorin Selin:

„Diese Dinger sind mein Traum, seit ich als junge Studentin Neuromancer gelesen habe. Sicher, das Militär hat bei den Spezifikationen einiges mitzureden gehabt, aber täuschen Sie sich nicht, Marie: Das sind meine Kinder, ganz allein meine. Und glauben Sie mir, auf den Wartelisten stehen nicht nur Soldaten, sondern auch eine ganze Menge Leute, die für diese Geräte einen Arm und ein Bein hergeben würden.“


Ich lachte, auch wenn ich den Witz schlecht fand. Ich leichte, weil ich dazu gehören wollte. Marie dagegen war ungewöhnlich feinfühlig.

„Fürchten Sie nicht die Klippe, auf die sie da zusteuern? Sie machen Witze darüber, sicherlich, aber es ist doch nur witzig, weil es ein Körnchen Wahrheit enthält. Wie viele gesunde Menschen würden völlig gesunde Gliedmaßen gegen Ihre Maschinen austauschen, nur um einen kleinen Vorteil heraus zu schlagen?“

Die Professorin dachte einen Augenblick lang nach, trommelte mit ihren Fingerspitzen auf ihrem Glas herum.

„Alle, würde ich meinen. Die Welt dort draußen ist leider nicht wie die akademische Blase. Dort zählt allein Leistung.

„Nur indem Sie den Menschen bloß als Maschine betrachten, reduzieren sie ihn. Wir sind mehr als bloß Körper und Geist. Das beides hängt zusammen, eine Verstümmelung des Einen führt zwangsläufig zu Verletzungen des Anderen.“

„Und Sie glauben nicht, dass wieder Gliedmaßen zu haben, wo vorher nur faulende Stümpfe waren, oder wieder frei atmen zu können, ohne an eine ständige Maschine angeschlossen zu sein oder eine persönliche Dialysemaschine eingesetzt zu bekommen, diese psychischen Traumata ebenso heilen kann wie die physischen?“
Marie schüttelte den Kopf. „Ich glaube, dass wir gerade in der Neuroprothetik aufpassen müssen, keine geistlosen Roboter aus den Menschen zu machen. Technik verändert uns und die Welt mit uns, so viel ist klar. Aber wir müssen doch wenigstens ahnen dürfen, wie sie uns verändert.“

Ich zog die Augenbrauen zusammen. Obwohl ich zu aufgeregt war, um an diesem Abend viel getrunken zu haben, fühlte ich mich müde, irgendwie träge. Das Thema drohte, philosophisch zu werden und ich verstand von diesen Dingen damals wenig. Ich war ein Handwerker mit einem Skalpell und überließ Fragen der Ethik gerne anderen.

Professorin Selin lachte daraufhin leise. Ich konnte mir keinen Reim auf sie machen. Sie war noch nicht allzu alt, eine der jüngeren ProfessorInnen am Institut und auf jeden Fall die erfolgreichste. Knapp Mitte vierzig und so etwas wie die rechte Hand Wintersteins. Jedenfalls leitete sie eigenständig eines der neunzehn Schwerpunktzentren neben einigen anderen Firmen und Gesellschaften, in die sie so verwickelt war.

„Natürlich, natürlich, und es gibt auch angemessene Orte für diese Zweifel und Fragen. Ganz unter uns: Ich würde mich in der Nähe von Winterstein mit Gedanken dieser Art zurück halten. Jedenfalls solange sie noch Studenten sind und Lernende, sollte das ihre oberste Priorität sein. Und nicht die jugendliche Bilderstürmerei. Glauben Sie mir, nach Erhalt ihres Doktortitels haben sie auch tatsächlich die Fähigkeiten dazu.“

„Und sie finden das nicht fraglich?“, fragte ich in einem plötzlichen Anfall von Übermut. „Dass Ihre Schüler alle zurecht gestützt werden?“

„Im Gegenteil, das ist der natürliche Weg“, sagte Professorin Selin. „Der Schüler folgt auf den Lehrer. Sicherlich wird er irgendwann selbst zum Meister. Aber solange ist er eben Schüler und lernt. Nehmen wir Elisabeth. Sie hat fünf Jahre gut mit mir zusammen gearbeitet, wird aber bald wohl endlich ihre Habilitation abgelegt haben. Das heißt, sofern sie noch diese und jene Prüfung schafft, die von Winterstein vorgesehen sind. So oder so wird sie dann nicht mehr unter mir arbeiten. Ich werde mir neue Mitarbeiter suchen, Winterstein eine neue Assistentin und sie wird womöglich selbst Schüler aufnehmen.“

Ich runzelte die Stirn und warf einen Blick ins Raucherzimmer. Von meinem Platz aus konnte ich Elisabeth sehen, die gerade eine kleine Glasplatte entgegen nahm, etwa handgroß, von einem Herrn im Anzug, den ich an diesem Abend das erste Mal gesehen hatte. Ein gewisser Doktor Teer, wie sie später sagte, und Altherr des Instituts.

Der Ton, den Professorin Selin anschlug, gefiel mir überhaupt nicht.

„Ich muss leider passen, Frau Professor“, sagte Marie zu meiner Seite. „Anderweitige Verpflichtungen nehmen meine Zeit sehr in Anspruch. Ich könnte Ihnen nicht guten Gewissens zusagen, wenn meine Noten langfristig darunter leiden würden.“

Die Professorin lächelte gutmütig, wandte ihre Blick dann mir zu.

„Und Sie, Benjamin?“

„Wie meinen?“, fragte ich, etwas verwirrt.

„Wie ich sagte wird Elisabeth bald nicht mehr unter mir arbeiten. Ich suche also bereits nach neuen Kandidaten für eine Assistenz. Hätten Sie Interesse?“

„Ich… ja, ja, natürlich“, sagte ich. „Es wäre mir eine Ehre.“

Sie winkte ab.

„Ach Ehre. Am Institut müssen wir zusammenhalten und ein Freund Elisabeths ist auch meiner. I‘d rather you work with me and learn something than.“

Professorin Selin erhob sich wieder von ihrer Chaiselongue. Als sie ging, legte sie mir flüchtig eine Hand auf die Schulter.

„Ich erwarte Sie Montagmorgen in meinem Büro. Bitte entschuldigen Sie mich jetzt, ich muss unbedingt mit Heinrich sprechen, bevor er mir meine Elisabeth verdirbt.“

Mit diesen Worten rauschte sie ins Raucherzimmer ab und ließ Marie und mich allein mit den anderen jüngeren auf der Feier.

Wir unterhielten uns den ganzen restlichen Abend, mal in dieser, mal in jener Konstellation. Aber immer dabei war Marie. Marie, an deren Lippen ich hing, weil sie sich vor nichts fürchtete. Auch nicht vor Widerworten. Auch nicht vor dem Gang über brennende Brücken. Nicht einmal vor solchen, die sie selbst angezündet hatte.

Ich glaube, ich hätte sie lieben können, wenn ich etwas weniger feige gewesen wäre. Doch wie es war, war ich ein Freund und es war mir genug, sie zu beobachten. Diesen finsteren Blick in ihren Augen, der Fleisch und Lügen gleichermaßen durchbohrte und keinen Blödsinn duldete. Ich verlor sie dennoch irgendwann aus den Augen.

Erst in den frühen Morgenstunden sah ich Elisabeth wieder. Ich saß bei der aufgehenden Morgensonne und der letzten Flasche Gin in der Küche, neben mir eine ein junges Mädchen, vor dem ich mich nicht fürchtete, als sie aus der Dusche kam. Sie sah frisch aus und vergnügt und nicht wie jemand, der die ganze Nacht unterwegs gewesen war.

Sie hatte noch nie eine Party vor dem Morgengrauen verlassen. Damals hielt ich sie bloß für ein Arbeitstier, einen unerschöpflichen Quell an Lust und Leben. Ich kann nicht sicher sagen, ob sie damals schon ihre Gefühle versteckte oder erst später wirklich erkrankte. Aber ich glaube schon damals hatte sie eine Abneigung gegen schlaf. Ich glaube sie betrachtete Schlaf als eine unangenehme Notwendigkeit, einen Stillstand, den sie mit Chemikalien und anderen Mitteln um jeden Preis so lange wie möglich aufzuhalten versuchte.

Und später lernte sie ihn und seine Rache zu fürchten.

Mit einem weisen Augenzwinkern wünschte sie mir und meiner Eroberung einen schönen Sonntagmorgen und versprach, gleich wieder fort zu sein. Sie hätte eine wichtige Besprechung mit Winterstein, eine Vorbereitung zu ihrer Prüfung. Sie gratulierte mir zu meiner künftigen Stelle bei Selin und ließ mich berauscht und überwältigt zurück.

So geblendet von meiner eigenen Herrlichkeit war ich, dass ich nicht bemerkte, wie ihr die Hände zitterten, als sie ihre Schlüssel vom Haken nahm und sich auf ins Büro machte.