Alles begann, als ich auf Elisabeth traf.

Vor ziemlich genau sechs Jahren begann ich mein Studium der Medizin. Ich hatte das ganze vorherige Jahr lang ganz auf die Aufnahmeprüfungen zum Studium gerichtet. Als ich den Brief mit der Zusage bekam, packte ich noch am selben Tag mein Köfferchen und zog nach Berlin. Raus aus dem Kleinstadtmief in die Großstadt, wo ich an Smog und Leuten ersticken konnte.

In der allerersten Vorlesung traf ich auf sie. Der Saal war gesteckt voll. Reihe um Reihe saßen dort junge Männer und Frauen, die wie ich hofften, später einmal zu den besten des Landes gehören zu dürfen. Die Bedingungen waren brutal, der Saal trotzdem überfüllt. Wer nicht eine Stunde vor Beginn da gewesen war, hatte keinen Sitzplatz mehr bekommen. Allein die Aufnahmeprüfungen hatten uns alle ein oder zwei Jahre gekostet.

„Ich hab es beim zweiten Versuch geschafft“, sagte mein Sitznachbar damals. Er war ein langer Kerl gewesen, die blonden Haare lässig über den Kopf nach hinten gekämmt. Er hatte sich halb nach hinten gedreht und redete zu der Frau hinter uns. „Aber mein Vater ist selbst Mediziner, er konnte mir bei vielem helfen. Nur das Glück einer guten Erziehung, schätze ich.“ Sein weißes Lächeln perlte an der Frau ab. „Irgendwo aus der Provinz, nehm ich an?“

„München“, sagte er und warf sich etwas in die Brust.

„Also auch noch stolz drauf.“

Ich lachte leise und wischte mir über den Nacken. Es war schon Oktober, aber immer noch unnatürlich heiß. Der Sommer ging mittlerweile nahtlos in den Winter über und im ganzen Raum stand knöcheltief der Schweiß. Ich wartete ungeduldig auf die Lesung. Wobei Lesung das falsche Wort dafür ist. Eher müsste ich es ein Spektakel nennen, denn unser Dozent war der Dekan selbst: Professor Doktor Gregor Winterstein. Ein Mann von Format und Grausamkeit.

Als er den Saal durch eine kleine Seitentüre hinter der Bühne des anatomischen Theaters betrat, verstummten wir. Schlagartig wurde es eisig im Raum und alle Gespräche welkten dahin. Wo ich eben noch geschwitzt hatte, fror ich jetzt, als Schweiß auf meiner Haut verdunstete, mich abkühlte wie einen überhitzten Motor.

Professor Dr. Dr. h.c. Winterstein trat in aller Herrschaftlichkeit ein. Er sagte kein Wort, musterte uns Studenten nur durch seine Drahtbrille und über seinen buschigen Spitzbart hinweg. Wie der Mann, der ihn trug, war er ein Relikt – ein Requisit, das man bei einem Lazarettsarzt an der Sommé hundert Jahre zuvor erwartet hätte, nicht bei einem weltweit führenden Chirurgen.

Hinter ihm schob sein Assistentin eine Trage hinein, die von einem weißen Tuch verhüllt war. Im Gegensatz zum Professor war sie hager, ihr Gesicht vor Nervosität rotfleckig und trotzdem bleich. Sie schob die Trage in die Mitte der Bühne, dort wo üblicherweise der Seziertisch stand, und ging dann wieder hinaus, um die Unterlagen des Professors zu holen.

Der begann mit einer Rede, die er scheinbar aus dem Gedächtnis hielt, so oft wie er sie in den letzten Jahrzehnten bereits gegeben hatte. Trotzdem machte sie Eindruck auf mich.

„Sie alle hier wollen einmal Bioingenieure werden“, dröhnte Winterstein. „Vielleicht, weil Sie es als Ihre Pflicht ansehen. Vielleicht, weil Sie den Respekt einfordern, der Ihnen gebührt. Vielleicht, weil Ihre Eltern Sie dazu zwingen.“

Ein nervöses Lachen huschte durch das Auditorium.

„Mich scheren keine Sentimentalitäten.

Sie sind hier, weil unser Institut zu den besten der Welt gehört. Weil unser Institut mehr relevante Nobelpreisträger hervor gebracht hat als der Rest des Landes zusammen genommen.

Sie sind hier, weil Sie einer von uns werden wollen. Einer der besten.

Unglücklicherweise kann nicht jeder der Beste sein, das liegt in der Natur der Sache. Tatsächlich werden die meisten von Ihnen es nicht einmal durch das erste Semester schaffen.

Wenn Sie das für einen bedauernswerten Zustand halten, sollten Sie zurück in ihre kommunistische Kindertagesstätte gehen. Carl Zeiß oder Max Planck werden Ihnen ein Leben in berauschender Mittelmäßigkeit ermöglichen. Für uns dagegen ist alles weniger als Perfektion ein Kompromiss mit dem Versagen.

Zweifel sind nicht gut genug. Zögern ist nicht gut genug.“

Winterstein war während seiner Rede auf und ab gegangen. Jedes seiner Worte folgte ganz natürlich auf einen bestimmten Rhythmus seiner Sprache. Die Sätze waren so sehr Teil von ihm, dass er sie auslebte.

„Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, die Spreu vom Weizen zu trennen“, sagte er und zog das Tuch von der Trage.

Er entblößte – einen Körper.

Ein unterdrücktes Raunen ging durch den Saal. Ich selbst sah wie gebannt auf den Körper hinunter. Noch nie hatte ich eine Leiche gesehen, und besonders nicht eine, die in beinahe ehrfürchtiger Ruhe dort lag, wie schlafend. In meinem Kopf waren Tote immer grässlich von Unfällen oder Wunden entstellt.

Er dagegen… Sie war einmal eine Frau gewesen. Mit vollen, blondem Haar und einer spitzen Nase, mit schmalen Lippen, einem festen Kinn, das mich an eine ehemalige Mitschülerin von mir erinnerte.

Und mit grauem, totem Fleisch.

Der Professor hob eine Augenbraue und tötete alle Unterhaltungen ab. Elisabeth eilte aus einer dunklen Ecke hervor und reichte ihm ein ledernes Etui. Ich hatte nicht bemerkt, wie sie wieder herein gekommen war, aber dort stand sie, in der einen Hand einen Stapel Papiere, die der Doktor nicht benötigte, und in der anderen das Operationsbesteck.

Der Professor nahm eine hässliche Säge hervor. Eine Knochensäge, die dazu diente, den Brustkorb der Frau mit einem Knirschen zu öffnen, das dem Geräusch von Metall auf Metall ähnelte. Nachdem er den Schnitt gemacht, griff er mit bloßen Händen in ihren Oberkörper, erfasste die Rippen zu beiden Seiten und ohne die übliche Hilfe des Stemmeisens brach er ihre Brusthöhle auf.

Von den oberen Plätzen aus konnten wir Lunge und Muskelfell sehen, die kalt und schleimig in der Höhle lagen.

Ich hörte, wie hinter mir einige der Anderen würgten, sah, wie vor mir sich einige abwendeten.

„Sie müssen den Ekel vor dem Körper verlieren, um den Patienten behandeln zu können. Manche von Ihnen werden ekel empfinden. Mich für unmenschlich halten. Aber wir haben hier keine Frau mehr vor uns, sondern einen Körper, den wir auseinander nehmen müssen wie eine kaputte Maschine, wenn wir ihn reparieren wollen. Oder wissen, was sie getötet hat.“

Der Professor warf die Säge zurück in das Etui, dass Elisabeth leicht zuckte, und griff sich ein Skalpell. Er zog die Lunge mit einer Hand hinauf – ein großers, feuchter Sack, der schlapp herunter hing. Die Bewegung trieb tote Luft aus den Lungen der Frau. Sie stöhnte das Seufzen einer Untoten und mir gerann das Blut in den Adern.

Mit einer fließenden Bewegung zertrennte Winterstein die Luftröhre, hob die Lunge hinaus und warf sie in eine der bereit stehenden Silberschalen. Dann griff er mit verschmierter Faust in den Brustkorb der Frau, schloss seine Finger um etwas darin.

Er riss ihr das Herz mit bloßer Hand heraus, hielt es triumphierend in die Höhe. Im Gegenlicht der Morgensonne, dort auf dieser kleinen Bühne unter uns, sah er weniger wie ein Arzt und mehr wie ein aztekischer Priester aus.

Meine Sitznachbarn standen beide abrupt auf. Einer von ihnen – der mit dem Doktorvater – riss dabei seinen Laptop herunter, der andere stieß mich unsanft an, als er hinter mir vorbei kletterte.

Ich musste wegsehen, nur irgendwo anders hin, also sah ich durch das Auditorium. Gut die Hälfte aller Studenten flüchtete gerade oder war bereits gegangen.

Auch die Frau hinter mir, die vorhin noch den Münchner verspottet hatte, stand auf. Nur ging sie mit dem Notizbuch in der Hand die Stufen hinunter, entgegen dem Strom der Fliehenden. Ich sah ihr dabei zu, wie sie sich auf einen freigewordenen Platz in der ersten Reihe setzte. Sie musste dem Professor nahe genug sein, um das Desinfektionsmittel riechen zu können.

„Das hier“, sagte der Professor ungeachtet der Tumulte und unterbrach meine Gedanken, „ist der Motor unser aller Bemühungen. Im Laufe Ihrer Ausbildung hier werden Sie lernen, das Herz zu behandeln, um Leben zu retten und zu verlängern und nötigenfalls auch aufzuhalten. Medikamentös. Chirurgisch. Wenn es sein muss auch technologisch.“

Mit stechendem Blick musterte er die noch anwesenden Studenten – gut die Hälfte der ursprünglichen Anzahl. In seiner Stimme lag Verachtung für alle, die bereits geflüchtet waren.

„Wer von denen, die noch nicht den Schwanz eingekniffen haben, ist wegen meines speziellen Studienganges hier?“

Ich meldete mich zögerlich, ebenso wie einige andere. Fünfundzwanzig Hände gingen nach oben. Fünfundzwanzig von ursprünglich etwas mehr als zweihundert Erstis. Der Rest wollte gewöhnlicher Arzt werden. Ich schauderte ein wenig über diese Ausfallrate.

„Sie wollen nicht nur Ärzte werden“, dröhnte der Professor weiter. Achtlos ließ er das Herz aus seinen Händen fallen, wo er stand. Elisabeth eilte mit einer Silberschüssel herbei und fing es geschickt auf. „Sondern Bioingenieure. Sie werden Kabel in Nervenbahnen legen, Herzen durch Motoren ersetzen und Glieder durch harten, hartnäckigen Stahl. Ihre Pflicht wird es nicht nur sein, Verletzungen zu reparieren, sondern Fleisch und Maschine zusammen zu nähen.

Dies hier ist kaum der erste Einblick in die Körperwelt, die sie beherrschen wollen. Ich habe im Lauf meiner Karriere Menschen behandelt, die grässlich entstellt waren. Denen ich neue Glieder aus Stahl und Draht gegeben habe, deren Innereien derart von Krebs zerfressen waren, dass ich sie vollständig entfernen und durch Schläuche und chemische Pumpen ersetzen musste. Menschen, denen eine Entzündung die gesamte Knochenmasse des Schädels weggefressen hat, sodass ich sie mit Stahlplatten ersetzen musste. Deren Brustkorb eine von Exoskeletten zusammen gehaltene Masse von Schleim und Röhren war.“

Ich leuge nicht, dass mir schlecht wurde. Es war entsetzlich heiß im Saal, die späte Oktoberhitze stand uns noch allem im Nacken und vor unseren Augen war ein Leichnam geöffnet worden. Aus dem Brustkorb der Leiche waberte ein Gestank zu mir herauf, den ich kaum beschreiben kann. Süßlich, wie faulendes Laub. Das weitere Gerede Wintersteins von all den widerlichen Operationen ließ mir den Blick verschwimmen und mein Bewusstsein drehte sich wie ein müder Kreisel.

Einem anderen Studenten ging es ähnlich. Mitten in der Ansprache des Professors sprang er auf, hastete zum Ausgang, und schaffte es gerade noch zu einem der Eimer an der Tür, ehe er sich geräuschvoll übergab.

Der Professor unterbrach seine Ansprache einen Augenblick, starrte ihn mit funkelndem Blick an.„Sie sind entlassen und brauchen nicht wieder kommen“, brüllte Winterstein ihm hinterher. „Für Nervenschwache haben wir hier keinen Platz.“

Abrupt stand ich auf. In meiner Kehle spürte ich die Übelkeit aufsteigen und die Knie wurden mir schwach. Ich musste mich am Tisch festhalten, um nicht vorüber die Stufen hinunter zu stürzen. Mein Schreibblock klatschte zusammen mit meinen Stiften auf den Boden.

Da wurde mir klar, dass die junge Frau, die eben noch hinter mir gesessen hatte, mich beobachtete. Sie starrte zu mir hinauf, kaute gedankenverloren auf der Kappe ihres Kugelschreibers herum. Winterstein sah mich ebenso an. Mir wurde heiß, etwas stach in meiner Brust.

Ich konnte nicht gehen. Ich konnte nicht einfach fliehen. Irgendetwas hielt mich davon ab, meinem Bauchgefühl zu folgen. Dummheit vielleicht, oder der sture Wunsch, eine Frau zu beeindrucken, die mit nichts zu beeindrucken war. Nicht von mir.


Ich ging auf die Knie, sammelte meine Stifte und Zettel wieder ein. Sie zitterten auf meiner Brust, tanzten bei jedem Schlag meines Herzens. In der vierten oder fünften Reihe kam ich zum stehen und sank auf einen der Tische. Der Professor hatte mich die ganze Zeit beobachtet, ohne auch nur ein Wort zu sagen.

Sein Blick rief in mir den Drang wach, irgendetwas zu sagen, nur um zu beweisen, dass ich des Sprechens mächtig war.

„Wieso?“, fragte ich mit zitternder Stimme. „Wieso den Körper derart entstellen?“

Professor Winterstein zog eine Augenbraue in die Höhe, wie ein Habicht, der eine besonders neugierige Maus beobachtete.

„Weil es manchmal nötig ist, um größere Entstellungen zu verhindern“, sagte er und zog die Ärmel seines linken Arms zurück. Wo einmal Fleisch gewesen war war, glänzte jetzt Stahl. Seine Hand dagegen schien noch organisch zu sein, es war nur der Unterarm, der durch eine moderne Prothese ersetzt worden war, ein Konvolut aus Kupferdrähten, Platten und Röhren.

Nachdem er uns einen kurzen Blick gewährt hatte, ließ er den Ärmel wieder sinken.

„Lieber bin ich ein Mensch mit Stahl am Körper, als ein Wesen ohne Hände“, sagte er.

Ohne weitere Sentimentalitäten – und ohne weitere Unterbrechungen der Studenten – setzte er den Unterricht mit Skalpell und Knochensäge fort. Mit präziser Brutalität zerlegte er den Körper auf der Trage. Er entfernte ihm innere Organe, all die Drüsen, Blasen, Knoten und weiteres Gewebe, das er mit blutverschmierten Händen vor uns in die Höhe hielt. Die medizinischen Namen der einzelnen Teile, eine unendliche Reihe an Krankheiten sowie deren Heilung ratterte er ohne Atempause hinunter. Erklärte ebenso die Prozeduren, die er selbst erfunden und durchgeführt hatte, welches krankes und schwaches Fleisch ersetzten oder einem neuen Zweck zuführten.

Konsequent dünnte er mit diesen widerwärtigen Details während der nächsten knappen Stunde die Masse an Studenten aus. Elisabeth assistierte ihm dabei mit geübten Handgriffen. Sie reichte ihm seine Instrumente, ohne dass er erst danach verlangen musste, und fing in passenden Schüsseln alles überflüssige Material auf. Wie ein Schatten schlich sie hinter dem Professor her und ich glaube, es war für sie mindestens ebenso sehr eine Prüfung wie für uns.

Als Professor Winterstein geendet hatte, richtete er sich wieder an uns.

„Gibt es Fragen?“

Tausende gab es, hunderte. Angefangen von den präzisen Schnitten und den Anforderungen an mechanische Fähigkeiten, über das medizinische Kleinklein bis hin zu den abstrakten Themen von Ethik und Menschlichkeit. Doch ich konnte darauf verzichten, mehr als einmal am Tag auf meinen Platz verwiesen zu werden.

Ich sah mich im Auditorium um, das auf vielleicht vier Dutzend Studenten zusammen geschmolzen war und leer wirkte. In ihren Gesichtern erkannte ich denselben Verdacht, die selbe Übelkeit, die auch mich beherrschte. Wie auch ich vermuteten sie eine Falle hinter der Frage.

Nur eine junge Frau hatte ihren Bleistift erhoben. Dieselbe, die vorhin bereits eine beinahe perverse Neugier an den Tag gelegt hatte.

Winterstein grunzte ihr die Erlaubnis zu, sich zu Wort zu melden.

„Marie Rauschenberg, Matrikelnummer 402043“, sagte sie, ohne dazu aufgefordert worden zu sein.

„Wie hieß die Frau?“

Wir anderen starrten gebannt zu ihr herüber, dann zum Professor. Unter seinem Bart verzogen sich seine Lippen zu einem schmatzenden Lächeln.

„Sie insinuieren, dass ich meine Patienten nicht als Menschen wahrnehme, nur weil ich ihre Körper als Objekte betrachte?“

Marie leckte sich über die Lippen. Sie trommelte mit ihrem Kugelschreiber auf einem Notizbuch herum – ein rotes, mit ganz flexiblem Einband, der schon ganz zerbrochen war – und schien über die Frage ein wenig nachzudenken.

Sie bejahte und die Reaktion des Professors versetzte uns alle in Staunen: Er lachte. Herzlich, tief und aus voller Brust lachte dieser Mann, dass es von den Wänden widerhallte.

„Saskia Pfeil, gerade einundzwanzig Jahre alt, Tochter einer bürgerlichen Berliner Familie. Eine ehemalige Studentin von mir. Schauen Sie nicht überrascht, ich sagte Ihnen bereits, wie essentiell die professionelle Distanz zum Körper ist. Sie starb von knapp drei Tagen und hat uns – wie übrigens fast alle unserer Studenten, ihren Körper zu Lehrzwecken vermacht.“
„Woran ist sie gestorben, Herr Professor?“

„Wie sie an den Verfärbungen der Niere und dem Mangel an Discoloration in den unteren Körperteilen sehen, war sie anämisch, Herz zu schwach, das Blut durch den gesamten Organismus zu pumpen, einsetzende Nekrotisierung der Finger und Zehen, dabei hat sich dort kaum Blut gesammelt.

Todesursache: Transiente linksventrikuläre apikale Ballonierung. Oder für sie: Gebrochenes Herz.“

Winterstein wischte sich die Hände mit einem Stofffetzen ab, den Elisabeth ihm reichte. Es half nur bedingt, die schwarze Plörre von seinen Fingern und Unterarmen zu entfernen.

„Professionalität ist keine Ausrede für Faulheit. Wenn Sie den Menschen zu ihrer perfekten und höchsten Funktion verhelfen wollen, müssen Sie ihn als eine Maschine begreifen können. Wenn Sie das anders sehen sollten, scheren Sie sich in die Homöopathie.“

Der Professor schleuderte den Fetzen zu Elisabeth, die ihn geschickt auffing.

„Diese Stunde ist beendet“, sagte Winterstein. „Die nächste wird entgegen der bisher verteilten Stundenpläne im Theater Nummer drei stattfinden. Ich erwarte, dass Sie diese Planänderung ihren nervenschwacheren Kommilitonen nicht mitteilen. Jene Herrschaften sind hiermit von meinen weiteren Lehrveranstaltungen ausgeschlossen. Vergessen Sie nicht, sich in die Anwesenheitsliste des Fräuleins Brausewetter ein, ansonsten ergeht es Ihnen ebenso.

Guten Tag.“

Professor Winterstein verließ den Raum, ohne sich noch einmal nach uns umzusehen. Er hinterließ die Leiche von Saskia Pfeil offen, auseinander genommen und ihre Innereien in einer Reihe von Silberschalen verschiedener Größe verteilt.

Ich beobachtete die verbliebenen Studenten dabei, wie sie die Stufen hinunter trotteten und vor der Assistentin eine Schlange bildeten. Sie stand dort, eine schmächtige junge Frau mit Kittel und strohigen Haaren und einem ernsten Blick, und ließ sich von jedem den Personalausweis zeigen, um die Namen mit ihrer Liste abzugleichen. Ich besann mich, dass ich später noch eine Wohnungsbesichtigung geplant hatte, warf notdürftig alles durcheinander in meine Tasche und hastete nach unten.

Fast niemand sprach miteinander. Alle blickten nur ein wenig verängstigt ihre zukünftigen Mitstudenten an. Eine überschaubare Menge war übrig. Ein geringer Teil der wenigen hundert, die es durch die unmöglichen Prüfungen gekommen waren. Ich war der letzte in der Reihe und suchte bereits ungeduldig nach meinem Geldbeutel und Ausweis, ohne ihn in der Unmenge an Zetteln und Formularen zu finden.

Als ich vor Elisabeth stand, hatte ich ihn immer noch nicht gefunden, aber die Hälfte meines Tascheninhalts auf dem Boden vor ihr verteilt.

„Und du bist?“, fragte sie. Ihr Gesicht war ganz glatt, ganz unnahbar. Nur ihre Augen waren etwas gerötet, aber ich konnte damals nicht sagen, woran es gelegen haben mochte. Ich war zu eingenommen von Wintersteins Vorführung gewesen, um den Blick auf seinen Assistenten zu wenden.

„Ben. Benjamin Alexander Gärtner, aber zuhause haben mich alle immer Ben genannt“, sagte ich, und fischte meine vorläufige Jahreskarte für die öffentlichen Verkehrsmittel aus der Tasche. Vorläufig, weil ich der BVG noch keine Adresse hatte geben können, an die sie die Plastikkarte hätte schicken können.

„Reicht der? Ich habe wirklich keine Zeit, ich muss noch zu einer Wohnungsbesichtigung und ich glaube es kommen etwa dreitausend andere Leute noch und ich verspreche ich liefere ihn nach.“

Elisabeth betrachtete mich etwas mitleidig und schüttelte nur den Kopf.

„Ich fange derweil mit dem Putzen an“, sagte sie. „Melde dich, wenn du ihn gefunden hast.“

Während ich methodisch meine Tasche entleerte und in jedem Winkel nach dem verdammten Stück Plastik suchte, widmete sie sich den Instrumenten. Jeder Handgriff zeigte eine Liebe zum Werkzeug, zum theoretischen und mentalen Aspekt seines Berufs. Sorgfältig wusch sie jede einzelne mit Chemikalien, polierte sie mit Baumwolle und Mikrofaser.

„Wo kommst du her?“, fragte sie mich über ihre Schulter hinweg. Wie um sich von ihrer eigenen Tätigkeit abzulenken.

„Nirn. Das ist bei Bonn“, sagte ich und stopfte meinen Laptop zurück in die Tasche.

„Ah, Bonn. Süß. Ein paar meiner Freunde sind von da. Noch ganz frisch in der Stadt, hm?“

„Ja, haha.“ Ich wischte mir den Schweiß aus dem Nacken. Ich musste diesen Ausweis finden, wenn ich nicht doch noch rausfliegen wollte. „Gerade frisch hergezogen. Letzte Woche eigentlich. Ist alles noch so neu und aufregend und. Naja. Wild. Viel größer als Bonn.“

„So geht es den meisten, die neu in der Stadt sind. Pass nur auf, dass du nicht untergehst. Ich kenne zu viele, die nur zum Party machen herziehen und dann verloren gehen über Monate. Faulheit ist der zweitsicherste Weg, vom Professor aussortiert zu werden.“

Ich grinste schief.

„Was ist der sicherste?“
„Dummheit.“

„Oh“, sagte ich. Ich fühlte mich schon seit meiner Frage von vorhin dumm. Unvorbereitet, naiv und auf Neuland ausgesetzt. Wie jemand, der nur darauf wartete, dass man ihm in den Rücken fiel.

Immerhin hatte ich meinen Perso gefunden und sprang triumphierend auf. Strahlend hielt ich ihn Elisabeth hin, bereit die erste Vorlesung endgültig hinter mich zu bringen.

Erst bei ihrem Blick bemerkte ich, dass sie die Handschuhe voller Blut und keine davon frei hatte, mich ordentlich einzutragen. Verschämt ließ ich die Hand wieder sinken.

Sie nickte nur.

„Also Ben, ich freue mich drauf, dich bei den nächsten Vorlesungen zu sehen. Wenn es Fragen zum Stoff gibt, frag mich ruhig, ich helfe den Frischlingen immer ganz gerne. Wir waren alle einmal jung. Ich trage dich nachher nach. Sobald ich die Hände wieder frei habe.“

„Danke, das mache ich“, sagte ich.

Ich drehte mich zu gehen um, immer noch berauscht und verwirrt von der Sektion, der ich eben beigewohnt hatte. Die wenigen Treppen zum Ausgang hoch ließen mir den Schweiß ausbrechen, aber ich nahm sie drei Stufen auf einmal. Als ich oben angekommen war, hielt ich inne.

„Ben?“, rief Elisabeth mir hinterher. „Was war dein Ergebnis in der Aufnahmeprüfung?“

Ich lächelte verklemmt. „Gerade fünfundsiebzig von einhundert Punkten. Nicht das beste, ich weiß, aber ich bin schon froh, es beim ersten Antritt geschafft zu haben. Zwei Kommilitonen haben sich vor der Lesung darüber unterhalten und beide gemeint, die paar, die es schaffen, schaffen es meistens nur nach dem zweiten Antritt oder mit… Beziehungen.“

„Nein, wirklich nicht das beste Ergebnis. Das hatte die junge Frau mit der Wortmeldung, Frau Rauschenberg. Mit genau achtzig Punkten. Du bist also gar nicht schlecht für einen Frischling.“

Sie legte den Kopf schief, zog eine Augenbraue nach oben. Eine Geste, dachte ich mir, die sie unzweifelhaft von Professor Winterstein abgeschaut hatte.

„Und du suchst noch eine Wohnung? Der Wohnungsmarkt kann ziemlich brutal sein. Freunde von mir haben nach drei Jahren noch keine eigene Wohnung gefunden.“

Wieder grinste ich dumm, zuckte müde mit den Schultern.

„Ich schleif‘ mich so von Couch zu Couch. Ein paar meiner Schulfreunde sind schon letztes Jahr hergezogen, während ich mich auf die Prüfung vorbereitet habe. Die lassen mich abwechselnd auf ihrer Couch schlafen. Wenn ich nicht zu Wohnungsbesichtigungen zu spät komme.“

Sie musterte mich einen Augenblick lang, wägte Kosten und Nutzen ab, dann warf sie mir ein Rettungsseil zu. Nur dass ich mir nicht mehr sicher bin, wer von uns beiden der Ertrinkende war.

„In meiner Wohnung ist ein Zimmer frei“, sagte sie.

„Ich äh… ich habe nicht viel Geld“, sagte ich.

Elisabeth machte mit ihren blutbesudelten Händen eine abwehrende Geste.

„Das Institut zahlt die Wohnung, du wirst dich anders nützlich machen müssen. Aber eine Hand wäscht die andere, oder?“

Ich grinste wie der letzte Schwachkopf.

„Okay“, sagte ich.

Es war wie ein Pakt, den wir eingegangen waren. Besiegelt mit dem Blut von Saskia Pfeil.

Zwei Tage später zog ich bei ihr ein.