Der Dorotheenstädtische Friedhof lag bis auf vereinzelte Grüppchen von Besuchern verlassen. Eine Ahnung von Spinnweben und Laub lag in der Luft, obwohl es gerade erst Februar war. Die Kälte aber und mit ihr der Schnee waren den Winter über fortgeblieben. An ihrer Stelle hatte sich eine unbefriedigende Wärme breit gemacht, die weder Frühling noch Winter war, aber einen dezidierten Geschmack von Verfall mit sich brachte.

Trotz der eher unromantischen Zustände versprühte das Gelände einen gewissen Charme, der Lydia mit den Zähnen knirschen ließ. An die Gründe für ihren Widerwillen erinnerte sie sich nicht, wohl aber an das Gefühl. An diesen Ekel vor verregneten Friedhöfen und Spaziergängen, vor Melancholie und Sentimentalität. Lydia beobachtete eine handvoll Leute dabei, wie sie am Grab des Schriftstellers standen. Es waren junge Leute, was sie noch mehr verwunderte, die mit betretenen Gesichtern drein schauten, Steine auf die bescheidene Grabplatte legten und Papiere dazwischen klemmten.

Sie rollte mit den Augen, hielt sich aber zwischen den Bäumen im Hintergrund. Weniger aus Respekt und mehr, um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Nichts an Rosenblatt – abgesehen vom Namen vielleicht – hatte ihr den Eindruck gegeben, dass er je jüdisch gewesen wäre. Weiß Gott, was die Leute sich dabei dachten, diese leeren Gesten zu imitieren. Lydia lehnte gegen eine Laterne, die Arme um ihren blutfleckigen Pullover geschlungen, und wartete, bis die Besucher gegangen waren. Es war bereits Dämmerung, das Wetter ungemütlich und verwaschen, also dauerte es nicht lange, bis sie wieder allein war.

Sie ging zur Grabplatte hinüber, die in einer Art von Nische eingelassen war. Kieswege erstreckten sich hierhin und dorthin, die Parzellen der einzelnen Gräber von knorrigen Hecken abgegrenzt. Niemand näherte sich ihr über die Alleen.

Mit der Fußspitze strich sie über das Grab von Karl Rosenblatt. Dem Mann, den sie in den Selbstmord getrieben hatte. Der sie getötet hatte. Angeblich. Er oder das Krötengesicht. Sie schüttelte den Kopf.

Was nun?“, flüsterte sie in die Stille. Was wollte sie hier überhaupt? Ihr Magen knurrte entsetzlich. Die letzten Minuten waren die ersten ruhigen Augenblicke des ganzen Tages gewesen. Die ersten ohne Flucht und ohne Angst. Sie spürte ihren Schweiß auf der Haut, die Kühle im Abendwind. Und die Hitze in ihrer Brust, dort wo die Wunden von Messern und Kugeln bereits wieder verheilten.

Sie starrte auf die Granitplatte zu ihren Füßen.

„Was nun?“, fragte sie die Überreste ihres Mörders.

Du könntest im Boden scharren, wie ein Tier, und seinen Gebeinen das Mark aussaugen.“

Lydia kniff die Augen zusammen, versuchte, den Gedanken abzuschütteln. Sie sah sich um, konnte aber in der Dunkelheit niemanden ausmachen.

Bitte nicht“, dachte sie.Bitte nicht.“

Bitte was?“, fragte die Stimme in ihrem Kopf.

Bitte lass mich nicht den Verstand verlieren, Herr Gott.“

Die Stimme in ihrem Kopf gluckste. Ein tiefes Geräusch, wie Schritte in Morast, die mit jeder Bewegung schwerer wurden.

Geister haben nicht viel Verstand, den sie verlieren könnten, oder?“

„Ich verliere den Verstand“, sagte Lydia. Sie sackte nach vorn auf die Grabplatte, sah sich noch einmal um. Die Sonne war untergegangen, aber die Gaslaternen auf dem Gelände waren bereits angezündet worden und verbreiteten ein warmes Leuchten. Es gab sicherlich Ecken, in denen sich jemand hätte verstecken können.

Aber die Stimme kam aus ihrem Kopf, direkt in ihren Gedanken. Und sie antwortete auf Dinge, die Lydia nur dachte.

Wer zum Teufel bist du?“, dachte sie.

Ich habe viele Namen, hunderte. Teufel ist einer davon. Andere nennen mich den Oberleutnant. Und doch bin ich niemand. So wie du.“

„So wie ich?“, fragte Lydia.

So wie du“, wiederholte die Stimme, „Nun, um mir gerecht zu werden: Eher bist du so wie ich. Ich bin der Hunger in dir, seine Quelle.“

„Ich verliere den Verstand und unterhalte mich mit mir selbst“, murmelte Lydia. Sie nahm den Kopf in die Hände und atmete tief ein. Tief wieder aus. Sie spürte, wie ihr Brustkorb sich dabei dehnte, wie die Narbe zwischen ihren Brüsten zog. Die Erinnerung an den Schmerz half ihr, sich zu fokussieren.

„Das ist nicht wahr. Das ist alles nicht wahr. Nur eine Einbildung, weil ich nicht mit meiner Ratlosigkeit umgehen kann“, sagte sie und öffnete wieder ihre Augen. Der Himmel über ihr war schwarz, eine leere Leinwand voller Möglichkeiten. „Ich brauche nur ein Ziel.“

Hmh“, brummte die Stimme. „Belüg dich nicht selbst. Dein einziges Ziel ist die Flucht.“

Lydia hielt in ihrer Bewegung inne. Wieder beobachtete sie die Nischen und Ecken des Friedhofs, konnte aber niemanden entdecken. Was durchaus der Sinn der Sache war. Wie entdeckt man schon einen Niemand?

Jetzt gehen dir die Fluchtrouten aus. Steiner hat durchaus Recht gehabt. Du verrottest bei lebendigem Leib. Wohin du auch gehst, du hinterlässt nur Stücke von dir, Fetzen von deiner Idee von dir selbst.“

Sie ignorierte den Unterton und die Frage in ihrem Hinterkopf. Wenn es ihr eigener Verstand war, der sich mit ihr unterhielt, würde er natürlich von Steiner wissen. Wenn es nicht ihr eigener Verstand war, hatte sie ganz andere Sorgen. Lydia stand auf, rieb sich die kalten Knie, und wandte sich zum Gehen. Möglich, dass die Stimme recht hatte. Möglich, dass sie nur floh. Dann würde sie eben auch hiervor fliehen. Vor der Erkenntnis, dass es nichts zu erkennen gab an dieser ganzen Angelegenheit.

Ich kann diesen Hunger in dir Stillen. Bevor er dich auffrisst.“

Ein letzter Versuch, ein letztes Angebot der Stimme. Und Lydia konnte es sich genau so gut anhören, bevor sie das nächste Mal dem Geruch von Blut nicht widerstehen konnte.

„Wie?“, fragte sie. „Wie hört dieser Hunger auf?“

Nimm eine der Laternen herunter und geh damit zum Grab.“

Lydia zögerte. Sie sah zu einem nahen Laternenpfahl hinüber. Es war ein altes Modell, uralt, und der Leuchtkörper war nur eine mit Öl gefüllte Lampe, die auf kleinen Haken hing in etwa vier Metern Höhe. Der Pfahl selbst war reich verziert, auf eine Art und Weise, die für sie keinen Sinn ergaben, aber auch ihren Fingern nur schmerzhaften Halt bieten würden: Hunderte spitzer Vorsprünge, Blumenblätter und Reliefs, die wie rostige Nadeln hervor staken. Dennoch wäre der einzige Weg hinauf zur Laterne, dort hinauf zu klettern.

Hast du Angst zu stürzen?“, spottete die Stimme.

Lydia verzog das Gesicht und ging hinüber. Mit einem Sprung überwand sie den ersten Meter und erklomm den Rest mit blutigen Fingern und Handballen. Die Verzierungen stachen ihr ins Fleisch, aber sie zog sich an ihrem eigenen Schmerz empor. Der Griff der Laterne war heiß und brannte ihr in der Hand, aber sie hielt tapfer fest. Sie stieß sich vom Pfahl ab und landete mit Wucht auf dem Kiesweg. Der Aufprall ging ihr durch die Knochen, schmerzte aber weniger als der Sturz aus dem dritten Stock.

„Was jetzt?“ fragte sie und so klang ungezwungen wie möglich dabei.


„Geh zum Grab“, befahl die Stimme und Lydia tat es.

Ich schwöre, wenn du mich in der Erde scharren lässt“, dachte sie versenkte eine Schuhspitze in der noch weichen Erde am Rand der Grabplatte. All das war Irrsinn. Blanker Irrsinn.

Noch ist nicht der Zeitpunkt für Angst. Jetzt halte das Licht hinter deinen Kopf. Hoch, noch höher. Das Licht muss die Nacht gerade genug vertreiben, damit du einen Schatten wirfst.“

Lydias Schatten war nur ein Flecken von Grau, der etwas weniger Grau auf der dunklen Erde wirkte. Sie schritt über die kläglichen Reste von Rosenblatt hinüber, drehte sich mit der Vorderseite zum Weg und hob das Licht hinter ihren Hinterkopf, bis sich ihr Schatten etwas deutlicher über der dunklen Grabplatte abhob.

Ahhhh“, seufzte die Stimme. „Sehr artig. Harre einen Augenblick lang so aus, mein Fräulein, dann öffnet sich die Tür und ich bin bei dir.“

Was zum Henker soll das heißen?“, dachte Lydia. „Du bist eine Einbildung, du bist immer hier, solange ich dich haben will.Sie kniff die Augen zusammen. Es schien ihr, als würde das Licht hinter ihr plötzlich heller strahlen, als eine simple Ölfunzel es sollte. Es blendete sie und ihr Schatten zeichnete sich scharf gegen den Lichtstreifen ab, der sie umflutete.

„Oder etwa nicht?“, flüsterte sie und sah mit wachsendem Schrecken zu, wie sich etwas in ihrem Schatten rührte. Er wurde tiefer und schwärzer, als ein Schatten sein durfte. Schwärzer noch als die sternenlose, lichtverschmutzte Nacht der Großstadt. Tiefer als die Dunkelheit aus der sie sich im Obduktionsraum gekämpft hatte. Es war, als hätte sich vor ihren Füßen ein Loch aufgetan, eine weitere Dimension, die nicht dem wirklichen Raum zuzuordnen war. Die anderen Gesetzen gehorchte.

Inmitten der Finsternis öffnete sich eine Tür, wie schwarz lackiert und einer matten Oberfläche, die jeden Widerschein der Friedhofslaternen fraß. Ohne ein Geräusch schwang sie auf, verdeckte einen Teil des Parks mit ihrer undurchdringlichen Schwärze.

Und heraus trat… ein Mann in dunkelblauer Uniform. Mit einer schlichten Bewegung seiner Hand schloss sich hinter ihm die Tür, sank wieder zurück in den Schatten zu seinen Füßen und war verschwunden wie ein schlechter Traum im Morgendämmern.

Er aber war real. Jedenfalls sah er so aus, denn auf seinen bleichen Wangenknochen spiegelte sich das Licht der Laterne, seine Kleidung wehte im schwachen Abendwind und er verströmte einen Geruch von Schießpulver, von Tinte. Und Blut.

Nur seine Augen. Seine Augen waren pechschwarz und es war Lydia unmöglich, in ihnen einen Funken von Menschlichkeit oder menschlichem Verstand zu erkennen. Das sind die Schatten, die sein Gesicht verdunkeln, dachte sie und vergaß, dass er gerade aus eben diesen gestiegen war.


„Das Licht bitte“, sagte er und deutete mit einem Spazierstock mit Silberknauf auf die Laterne in ihrer Hand, die sie langsam hatte sinken lassen.
„Wer? Wie?“

Lydia war zum Stottern verdammt. Sie hatte gerade ihren Wahnsinn dabei beobachtet, wie er aus einer verfluchten Ecke ihres Verstandes hinaus in die Welt getreten war. Ihre rissige Idee von der Welt als einem vernünftigen Ort sprang vollends in Stücke.

Der Mann deutete mit seiner linken Hand – derselben, mit der er die Tür geschlossen hatte – in ihre Richtung. Fetzen ihres eigenen Schattens lösten sich wie ein Dutzend Schmetterlinge und stürzten sich in die Flamme. Sie zerstäubten bei der Berührung mit dem Feuer, lösten sich in Angst und Nichts auf – aber sie erstickten das Licht.

Die Lampe klirrte zu Boden, Lydia hatte sie erschreckt fallen gelassen.

„Wer zum Teufel sind sie?“, fragte Lydia. Sie wich zurück, drückte sich an die Hecke, die Rosenblatts Grab von den anderen trennte. Blutverschmierte, vor Schmerz pochende Hände presste sie vor die Brust.

Der Mann aus Schatten zog seinen Hut vor ihr, den sie bisher nicht bemerkt hatte, und deutete eine Verneigung an.

„Ein Niemand“, sagte er und zuckte mit den Schultern. „Ein Teufel. Ein Mann, ein Monster, ein Magier. Was immer dir beliebt. Ich bin wie du: Ein Mann mit hundert Namen. Die meisten der Eingeweihten nennen mich den Oberleutnant.“

Der Niemand deutete mit der linken Hand an seiner Uniform herunter. Lydia konnte weder Rang noch Abzeichen daran erkennen, aber dass es eine Uniform war, so viel war klar. Er trug einen abgewetzten Dreispitz auf dem Kopf, eine Art von ledernem Kürass unter einem Wollmantel und schwere Lederhandschuhe mit breiten Krempen an den Unterarmen. Sie wäre nicht verwundert, wenn er in seinem Spazierstock einen Degen oder Rapier versteckt trüge.

„Eingeweiht in was?“, fragte sie, atemlos.

Der Blick des selbsterklärten Oberleutnants lastete schwer auf ihrer Seele. Er lächelte und entblößte dabei ein paar makelloser Fänge.

„Die Natur des Hungers“, sagte er. „Es ist die Gier nach Leben, die wir nie gehabt haben. Nach Träumen, die wir verloren haben. Nach Echtheit, die wir selbst nie gefühlt haben. Ein dekadentes kleines Verlangen, das nie ganz erfüllt werden kann. Jeder, der nicht wirklich lebt, fühlt ihn.“

„Bin ich…?“ Lydia zögerte, das Wort auszusprechen. Die Frage war ihr den ganzen Tag über immer wieder in den Sinn gekommen, aber sie hatte sie jedes Mal erfolgreich verdrängt.

„Lebendig? Ja. So sehr, wie du nur sein kannst. Leidest du nicht, wenn du dich verletzt? Ängstigst du dich nicht, wenn du in der Dunkelheit alleine bist? Dass du gestorben bist, tut der Sache keinen Abbruch.“

Erleichtert atmete Lydia aus. Dann machte sie einen Halbschritt aus der Hecke hinaus auf das Grab von Karl Rosenblatt.

„Und mein Name?“, fragte sie, „Wie lautet mein Name? Ich erinnere mich nicht daran.“

„Ist das wirklich von Bedeutung? Ich kenne den Namen deiner Geburt, es ist einer von vielen. Einer von denen, die du nicht einmal selbst gewählt hast. Du hast keinen echten Namen. Keinen, der echter wäre als die anderen jedenfalls.“

„Was habe ich dann, wenn schon keinen Namen? Ich muss doch etwas haben, wenn schon kein Name. Irgendetwas, das keine Lüge ist, die ich einem Toten oder mir selbst vorgespielt habe. Einen Namen, eine Geschichte, irgendetwas!“

Ihre Stimme brach sich in der Dunkelheit, verlor sich in der Stille des dunklen Friedhofs.

„Eine Pflicht“, sagte der Oberleutnant und zog einen Brief aus den Tiefen seines Mantels hervor. Er war auf dickem Büttenpapier verfasst und offenbar nur zusammen gefaltet und versiegelt worden, so wie Briefe vor der Erfindung des Kuverts. Der Mann schnippte mit den Fingern und das Papier verfiel zwischen seinen Fingern. Zurück blieb einzig das Siegel, mit welchem der Briefe verschlossen worden war. Der Oberleutnant ließ das Siegel wie eine Münze durch seine Finger wandern, warf es ihr schließlich zu. Sie fing es auf und hielt es nah vor ihr Gesicht, um es im dünnen Licht der Sterne betrachten zu können. Zwei Daumenabdrücke waren darin eingepresst worden, als das Siegelwachs noch weich gewesen war. Ein dickerer, männlicher – Rosenblatts – und ein filigranerer, weiblicherer. Der von dieser Isabella, wahrscheinlich, mit der er einen Pakt geschlossen hatte, um Künstler sein zu können.

„Was… was hat das zu bedeuten?“, fragte die Frau. Sie starrte das Siegel an, als könnte sie ihr die Geheimnisse des toten Schriftstellers verraten.

„Die Schuld ist beglichen“, sagte der Oberleutnant. Er war zu würdevoll, um mit den Schultern zu zucken, aber seine Stimme hatte in etwa die gleiche Wirkung: Sie vermittelte milde Gleichgültigkeit „Rosenblatt hat einen Pakt geschlossen und ihn gebrochen. Du hast seine Schulden eingetrieben. Das ist dein Pakt, deine Pflicht, in die du eingewilligt hast. Die seine ist nun beglichen, möge er in Frieden ruhen.“

Ihre Faust schloss sich um das Siegel. Sie zitterte.

„Und das Krötengesicht?“, fragte sie. „Dieser Steiner vom Staatsschutz? Hat er… hat er mich getötet? Er behauptete das. Dass Karl… dass Rosenblatt nicht wirklich.“

„Ja. Das war Teil des Plans. Dass du während dieser… Prozedur, die deinen Tod durch Rosenblatts Hand erweisen sollte, aufwachst dagegen nicht. Üblicherweise erwachst du erst wieder, wenn Steiner dich zu mir zurück gebracht hat.“

Die Frau streckte das Kreuz durch, richtete sich so stolz auf, wie sie es nur konnte. Sie erinnerte sich nicht an dieses Siegel im Speziellen, aber daran, einige von ihnen schon einmal in den Händen gehabt zu haben. Es fühlte sich vertraut an in ihrer Hand. Der Oberleutnant stand wie eine Statue seiner Selbst vor dem Grab von Rosenblatt. Er musterte sie mit einem Blick, den sie noch nie gefühlt hatte. Mit Interesse.

„Wie oft?“, fragte sie. „Wie oft habe ich das getan? Ein neues Leben gelebt, um jemanden zu töten?“

„Dutzende Male? Unzählig? Ich weiß es nicht, ich müsste die Aufzeichnungen konsultieren.“ Der Oberleutnant verzog das Gesicht zu einem grausamen Schmunzeln. „Dieser Fall ist aber neu. Noch nie musste ich dich persönlich extrahieren. Überaus faszinierend, ich muss schon sagen.“

„Das bin ich also. Ein Geist. Ein Niemand.“

„Ein Rachegeist“, präzisierte der Oberleutnant. „Aber ja. Im Wesentlichen, ja.“

Er deutete auf seinen eigenen Schatten. Er wirkte tiefer als die Schatten der Umgebung, dichter. Als wäre er aus einem ganz anderen Material gemacht.

„Sollen wir was?“, fragte sie und sah zu dem Mann in Uniform vor ihr auf.

„Diesen Hunger in dir stillen. Es hat keinen Zweck, dich hier verwundet und hungrig herum streunen zu lassen. Ich kann… die Erinnerungen an heute aus dir heraus schneiden. Es wird so wie sonst sein, wenn du erwachst: Du wirst unschuldig sein wie ein Neugeborenes, dein Geist nackt wie eine Leinwand. Du wirst nichts von dem hier wissen, nichts von diesen Schmerzen.“

„Groß eine Wahl habe ich nicht“, sagte sie.

Weiße Fänge blitzten in der Dunkelheit. Ein teuflisches Grinsen.

„Nein. Aber die habe ich auch nicht. Es ist ein Pakt, mein Fräulein. Ein Pakt zwischen dir und mir, der uns beide gleichermaßen bindet. Du kannst ihn honorieren, oder…“ Der Oberleutnant deutete mit seinem Spazierstock auf die Stelle, wo die sterblichen Überreste von Karl Rosenblatt in der feuchten Erde verscharrt worden waren.

Die Frau sah zu ihrer geballten Faust hinunter. Ihr Blut hatte das Siegel besudelt, das der Oberleutnant ihr zugeworfen hatte. Dann… traf sie ihre Entscheidung.

Was war schon ein schlechtes Leben unter Dutzenden?