Ihr zitterten die Hände. Sie zerknüllte das Papier, presste es zusammen, als ob sie den Seiten Schmerzen zufügen könnte. Der Hunger in ihr raste, er schrie einen Namen, den sie nicht kannte.

Etwas in ihrem Inneren fehlte. Dort, wo Liebe hätte sein sollen, war ein Loch, ein nicht enden wollender Hunger, den sie nicht zu stillen wusste. Und Rosenblatts letzte Worte waren Zunder auf dem Feuer.

In der Wohnungstüre wurde langsam ein Schlüssel gedreht. Schwere Schritte knarrten auf dem Parkett. Zwei Männer, die sich leise unterhielten. Eine der Stimmen erkannte sie: Es war das Krötengesicht, das sie in der Polizeikommission in Angst versetzt hatte.

„Sie muss augenblicklich meinem Gewahrsam übergeben werden“, zischte er, „bevor sie weiteren Schaden nimmt. Die Sache ist zu wertvoll, um sie aus der Hand zu geben.“

Der andere war der Kommissar, der junge, vor dem sie ebenfalls geflohen war.

„Still! Sie könnte noch hier sein“, sagte er.

Die beiden Männer bewegten sich vorsichtig durch die Wohnung, krochen Stück für Stück voran. Sie hörte es am Knirschen des Holzfußbodens.

Woher wussten Sie… ? Natürlich, wegen des Siegels. Sie hatte die Polizeiversiegelung zerrissen, als sie in die Wohnung gekommen war. Und diesen Ort aufzusuchen wäre nach ihrer Flucht wohl wirklich das naheliegendste gewesen.

Sie war so dumm. So unmittelbar auf der Suche nach sich selbst, dass sie dabei Spuren für andere hinterließ. Wie ein Bär im Unterholz, der kaum zu übersehen war. Panisch blickte sie sich um. Aber da war nichts, kein Ausweg außer das Fenster mit dem Baum dahinter und dem Pflaster des Hinterhofs drei Stockwerke unter ihr.

Ich habe nichts verbrochen“, erinnerte sie sich selbst. „Noch ist leben wollen nicht verboten.“

Sie stählte sich, atmete tief ein und aus. Noch einmal würde sie nicht wegrennen. Es gab nichts, das die zwei beweisen konnten. Es gab keine Beweise, es gab nicht einmal ein Verbrechen, abgesehen von den Anschuldigungen eines Mörders und Selbstmörders.

Und die hielt sie immer noch in den Händen.

Die Männer traten um die Ecke. Der Kommissar hatte seine Waffe gezogen. Ein hässliches, kurznasiges Ding aus schwarzem Stahl, dessen Mündung er nach Vorschrift auf den Boden gerichtet hatte. Nicht auf sie. Noch nicht.

Hinter ihm schlich das Krötengesicht drein, hielt sich in seinem Rücken. Wenn er bewaffnet war, dann fuchtelte er damit zumindest nicht herum.

Keiner von den beiden schien überrascht, sie hier zu sehen. Sie blieben im Eingang zum Schreibzimmer stehen.

„Frau L.?“, fragte der Kommissar und forderte ihre Aufmerksamkeit ein. Sie schüttelte den Kopf. Beinahe hätte sie einen Schritt zurück gemacht, besann sich aber im letzten Moment. Stattdessen hielt sie sich mit einer Hand am Sekretär fest.

„Das ist nicht mein Name“, sagte sie. Ihre Stimme zitterte. Sie zwang sich zu atmen, hob den Kopf in die Höhe.

Der Kommissar zog die Augenbrauen zusammen.

„Wie möchten Sie dann genannt werden?“

„Ich weiß nicht. Für den Augenblick Lydia. Bitte.“

„Sehr gut. Lydia. Wir haben da einige Fragen an Sie und würden gerne…“

„Sie haben keinen Namen, Fräulein,“ sagte das Krötengesicht. „Sie sind ein Niemand und sie sind in Gefahr. Kommen Sie mit uns, oder…“

„Oder was?“, zischte Lydia. Etwas in seinen Worten hatte sie getroffen. Hatte einen Teil von ihr erreicht, den sie in diesem Leben noch nicht gefühlt hatte. Sie wurde wütend.

Krötengesicht bleckte die Zähne. Sie waren gelb und eckig und viel zu groß in seinem schmalen Maul. „Ihm fehlt noch ein Goldzahn noch zwischen seinem Backenbart, dann wäre er perfekt“, dachte Lydia.

Er machte Anstalten, sich ihr zu nähern, aber der Kommissar hinderte ihn daran.

„Andersen …“, sagte Krötengesicht, wurde aber seinerseits unterbrochen.

„Das hier ist immer noch mein Tatort. Und ihr Überstellungsbefehl gilt für die Leiche einer gewissen Andrea L., nicht die Zeugin Lydia, oder?“ Dann sah er wieder zu Lydia. „Das hier ist der Kollege Steiner vom Staatsschutz. Mein Name ist Andersen, von der Kripo.“

Andersen zog mit der linken Hand einen Ausweis aus seiner Tasche, hielt ihn nach vorne gestreckt. Was nicht viel half, weil er immer noch vier oder fünf Meter von Lydia entfernt stand und die Schrift darauf viel zu klein war, um sie erkennen zu können.

„Das weiß ich. Ich habe Sie gesehen, als ich aus der…“ Lydia schüttelte den Kopf. „Ich habe Sie gesehen.“

„Wir haben Sie auch gesehen, Lydia“, sagte Andersen. Er steckte seinen Ausweis langsam wieder weg. In der rechten Hand hielt er immer noch seine Pistole, schussbereit, aber nicht auf sie gerichtet. „Sie müssen ebenso verwirrt wie wir sein. Bitte, kommen Sie mit uns. Wir würden Ihnen gerne einige Fragen stellen, dann wird vieles klarer werden.“

Lydia ignorierte die Anspielungen, sie blickte zum Fenster hinaus in den mittlerweile späten Nachmittag.

„Bin ich verhaftet?“, fragte sie.

„Bislang nicht“, sagte Andersen.

„In Gewahrsam“, korrigierte das Krötengesicht Steiner. „Jemand hat versucht, Sie zu töten. Das könnte wieder geschehen.“

Lydia deutete auf den Blut besudelten Schreibtisch ans ihrer Seite, zog spöttisch eine Augenbraue hoch.

„Man hat nicht versucht, mich zu töten“, giftete sie, „man hat mich getötet. Aber Rosenblatt ist tot. Außer der Tod ist für ihn auch nur eine Unbequemlichkeit…?“ Sie leckte sich über die rissigen Lippen. Der Geruch von Blut in der Luft wurde langsam aber sicher unerträglich für sie. Sie musste hier raus. Nur wohin? Die ganze Welt der Lebenden war ein Käfig für sie.

Andersen sah aus den Augenwinkeln zu dem Krötengesicht. „Wir wissen nicht, was geschehen ist, Lydia. Wir bedauern diese Umstände, aber wir müssen mit Ihnen reden.“

„Fräulein“, sagte Krötengesicht wieder. Es machte Lydia nervös, dass sie seine Hände nicht sehen konnte. „Niemand kann Ihnen bei ihrem Tod helfen. Ich kann nur versuchen, Ihnen bei Ihrem Leben zu helfen…“

Ihr Blick brannte sich in den Schädel von Steiner. Sie konnte sich nicht daran erinnern, ihn schon einmal gesehen zu haben. Nicht so, wie sie sich an einen Abend mit Rosenblatt oder an einen ihrer gemeinsamen Freunde erinnern konnte. Und doch war ihr das Krötengesicht vertraut und bekannt. Sie fühlte bei seinem Anblick mehr, als sie je bei Karl gefühlt hatte. Da war ein Bund im Spiel, der stärker war als Leben und Tod. Vor allem fühlte sie lodernden Hass auf diese Kreatur.

Ganz ohne Zweifel wusste sie, dass dieser Mann sie getötet hatte.

Und dass er es wieder tun würde.

„Als ich mich das letzte Mal im Polizeigewahrsam befand, bin ich auf einem Operationstisch aufgewacht, mit einer Säge in der Brust und meinen Eingeweiden offen gelegt wie bei einem Fisch. Ich weiß nicht, was hier los ist. Wenn ich es wüsste, würde ich es Ihnen nicht sagen. Ich erinnere mich an wenig mehr als das letzte Jahr mit Rosenblatt und ich hatte gehofft, er könnte mir Antworten geben, aber…“ Sie deutete kraftlos in den leeren Raum hinein, zur Blutlache auf dem Sekretär. Dann zuckte sie mit den Schultern. „Und Sie können mir auch keine Antworten geben.“

Krötengesicht bleckte wieder die Zähne. Sein Blick bohrte sich in den Rücken seines Kollegen.

„Vielleicht kann ich das. Vielleicht weiß ich, warum du getötet worden bist.“

Andersen spannte sich plötzlich an. Lydia blickte wieder zum Fenster. Vor dem grauen Hintergrund der Stadtlandschaft sah sie ihre Spiegelung im Glas. Sie fühlte sich jung, aber das Spiegelbild wirkte alt. Noch älter als erst vor einer Stunde, als sie im Imbiss gewesen war. Noch älter als kurz davor, als sie auf der Polizeistation gewesen war. Ihre Haut war eingefallen. Falten zogen sich über ihre Stirn, die vor wenigen Stunden dort noch nicht gewesen waren.

Sie wirkte, als sei sie um Jahre gealtert.

„Du erinnerst dich nicht an mich“, sagte Krötengesicht. Die Feststellung war wie ein Schlag ins Gesicht für sie. Sie fuhr herum, taumelte. „Du verrottest. Lydia. Was du jetzt fühlst, ist der wahre Tod. Du hungerst, oder? Ein blutiger Hunger tief in dir, den du mit menschlicher Nahrung nicht stillen kannst, egal wie viel du in dich stopfst.“

Andersen blickte Krötengesicht aus den Augenwinkeln an, als sei er verrückt geworden. Die Waffe zitterte in seinen Händen.

„Wovon zum Henker reden Sie da, Steiner?“, zischte er, machte einen Schritt zur Seite, in den Raum hinein. Er sah von Lydia zu Krötengesicht und wieder zurück, unsicher auf wen er sich konzentrieren sollte.

Steiner hob seine Hände, zeigte seine leeren Handflächen nach vorne.

„Das ist nicht das erste Mal, Fräulein, auch nicht das zehnte Mal“, sagte das Krötengesicht. Du fühlst es. Du weißt, dass Rosenblatt kein Mörder war. Du hast ihn getötet, du weißt es. Du hast ihn getötet, weil das deine Aufgabe war und jetzt bist du eine Waffe ohne Ziel.“

Andersen riss die Augen auf und seine Pistole nach oben. Er zielte auf Lydia, die nach vorne sprang.

„Sie stehen unter Arrest“, rief er im selben Moment, in dem sie sich in Bewegung setze.

„Nein!“, brüllte Krötengesicht und warf sich gegen den Kommissar. Plötzlich hielt er ein Messer in der Hand. Stahl blitzte, Schüsse dröhnten und Blut dampfte. Im nächsten Moment war Lydia durch das Fensterkreuz gesprungen, prallte gegen den Baum. Die nasskalten Äste entglitten ihrem Griff, sie fiel, prallte auf dem feuchten Pflaster des Innenhofes auf. Der Aufschlag trieb ihr die Luft aus der Lunge, ließ ihre Beine vor Schmerz schreien. Sie fühlte Kugeln in ihrer Brust, in ihrem Rücken.

Einen Augenblick später war sie über die Hofmauer hinweg und wieder auf der Straße. Ihre geprellten Beine behinderten sie mehr als die Kugeln.

Der Pullover war blutdurchtränkt. Sie zählte drei Einschusslöcher, zwei in der Brust und eines im Rücken. Die kleinen Löcher im Stoff waren von etwa faustgroßen Kreisen aus Blut umrandet. Auch die Bandagen um ihre Brust hatten gelitten: Ebenfalls Blut durchtränkt und von drei Einschusslöchern zersiebt.

Nur das Fleisch darunter war heil geblieben, rosig und frisch.


Lydia zitterte, als sie den Pullover sinken ließ. Ihr war kalt. Sie fror und hungerte und ihre Beine und ihre Lungen schmerzten von der ganzen Bewegung, dem Gerenne, wie es wohl bei jedem anderen Menschen auch war.

Nur schlossen sich ihre Wunden mit entsetzlicher Geschwindigkeit und ihr Hunger ließ sich mit nichts in der Welt stillen.


Sie schloss die Augen und schauderte. Der Geruch von Blut waberte durch ihren Kopf. Das Blut von Rosenblatt, das alt war und faulig süß stank. Das von Andersen, der mittlerweile ebenfalls von dem Krötengesicht getötet worden war, das scharf und frisch roch.

Lydia streifte sich den zerschundenen Stoff wieder über, rieb sich über die Handgelenke. Der Hinterhof, in dem sie sich befand, war ruhig und dunkel. Sie hatte ihn willkürlich ausgewählt, nachdem sie irgendwo eine weitere Abzweigung genommen hatte. Nachdem sie bei ihrer Flucht zu Fuß durch diverse Hecken und Seitenstraßen, durch Unterführungen und Gräben gesprungen war, bis sie nicht länger laufen konnte.

Sie glaubte, den Kommissar abgeschüttelt zu haben, war sich aber nicht sicher. Vielleicht war auch dieser unbedeutende Hinterhof irgendein Ort, zu dem sie sich aus vergessenen Gründen hingezogen fühlte. Irgendeine weitere Lüge, die sie unter Falschheit begraben hatte. Eine, die Krötengesicht leicht heraus finden konnte.

Mittlerweile war es ihr sogar halbwegs egal. Neben ihr lag das zerknitterte Schreiben, das Rosenblatt ihr geschenkt hatte. Das er für sie hinterlegt hatte, wie es ihr schien.

Sie fühlte Trauer in sich aufsteigen, die sie nicht erklären konnte. Nicht über ihn. Krötengesicht hatte Recht gehabt: Sie fühlte nichts für Rosenblatt, nicht einmal Mitleid mit seinem Tod. Sie fühlte nur Trauer, dass sie zu solchen Lügen in der Lage gewesen war. Dass Krötengesicht Recht hatte.

Sie brauchte Antworten, mehr als Rosenblatt ihr gegeben hatte, aber es gab keine. Nur noch mehr Lügen und Verwirrung. Sie lachte bitter und manisch über sich selbst. Vielleicht hatte sie sich ja gar nicht geirrt und Rosenblatt würde sich ebenfalls von den Toten erheben, wenn er nur einen Grund dazu hätte.

Als sie aufstand, griff sie die Papiere neben sich und stopfte sie in eine ihrer Taschen. Wie gottverdammt tragisch und stereotyp. Sie würde sich Antworten von einem Toten besorgen, den sie nicht einmal mochte, geschweige denn liebte.

Aber was auch immer sie vom Sterben abhielt – wenn es gut genug für sie war, dann auch für diese faule Ausrede von einem Dichter. Lydia ballte die Hände zu Fäusten.

Sie würde die Wahrheit über sich heraus bekommen. Und wenn sie sie aus der Hölle selbst holen musste.