Der Frühling war weit vor seiner Zeit gekommen. Die Luft war milder als es im Februar üblich war und obwohl die junge Frau nur einen dünnen Pollunder trug, stand ihr der Schweiß im Nacken. Durch die Straßen der großen Stadt war sie gerannt, hatte Straßenblock um Straßenblock zwischen sich und die verdammte Polizeistation gebracht, bis sie den Schmerz in ihren Lungen nicht mehr aushielt.

Und bis sie nicht mehr wusste, wo sie sich befand. Die Straßennamen schwiegen sie an, die Häuserfassaden glotzten verständnislos. Nur die Nummernschilder auf den parkenden Autos versicherten ihr, dass sie noch immer in Berlin war. Irgendwo.

Sie war ziellos, gestand sie sich ein. Sie hatte vor der Polizei fliehen wollen und das zumindest war ihr gelungen, jedenfalls für den Augenblick. Sie warf einen Blick über die Schulter und die Straße hinab. Sie konnte keine Polizisten ausmachen, keinen Streifenwagen. Nur eine Reihe an Privatwagen, einen kleinen Zeitungsladen an einer Kreuzung. Und ein kleiner Imbissladen auf der anderen Straßenseite.

Hunger zerrte an ihren Innereien. Eine Art von Hunger, die sie so noch nie gespürt hatte. Als ob sie noch nie in ihrem Leben etwas gegessen hätte. Sie hatte nicht länger einen Magen, sondern nur ein großes Loch, das verschlang und verschlang und auch sie aufzuzehren drohte.

Sie torkelte bis zur Imbissbude hinauf. Aus den Augenwinkeln sah sie ihr Spiegelbild, wie es in den Scheiben der Autos neben ihr her lief. Sie ignorierte es, so gut sie konnte. Es gab wichtigeres. Zunächst gab es da diesen Hunger.

Das Lokal erinnerte weniger an ein richtiges Restaurant und mehr an eine Frittenbude mit Sitzen. Tafeln hinter der Theke versprachen Fleisch und Kartoffeln in allen möglichen Variationen, solange sie nur frittiert waren.
Bis auf einen jungen Mann hinter der Theke und ein dröhnendes Fernsehgerät in der Ecke war es leer. Sie legte alles Kleingeld auf den Tisch, das sie in ihrer Hose finden konnte. In der Hose des toten Doktor Heinrich. Achtzehn Euro und siebzehn Cent.

„Ich nehme irgendetwas“, sagte sie und erschrak über sich selbst. Ihre Stimme krächzte wie altes Eisen, das über Stein rieb. Sie räusperte sich. „Irgendwas, Hauptsache es macht satt.“ Sie deutete auf ein Supersparmenü mit Doppel Deluxe Option. „Das da bitte. Zwei Mal.“

Der junge Mann sah sie an, ohne sich aus seiner lümmelnden Haltung zu bewegen. Geistesabwesend zupfte er sich am Spitzbart, wackelte mit der Nase. Er begutachtete sie eindringlich, sagte aber nichts. Sie war sich plötzlich bewusst, wie sehr sie einem Mörder auf der Flucht ähneln mochte. Oder dem Opfer von einem, das gerade aus dem Mörderhaus gekrochen war.

„Ist Pepsi okay?“, fragte der junge Mann.

Als Antwort zuckte sie mit den Schultern und setzte sich auf einen der Hocker an der Theke. Der junge Mann strich das Geld ein, ohne ihr eine Rechnung zu geben, und machte sich an die Arbeit. Sie sah ihm dabei zu, wie er zerhackte, versalzte und in Fett ertränkte, was sie bestellt hatte. Der Anblick machte ihr nichts aus. Sie wollte irgendetwas, das zu Tode verarbeitet worden war. Etwas das schmeckte, als wäre es nie am Leben gewesen.

Als die Platte mit ihrem Essen fertig war, verschwendete sie keine Zeit mit dem Waschen ihrer Hände. Im Versuch das Loch in ihren Eingeweiden irgendwie zu stopfen, verschlang sie alles. Vielleicht würden die Ketchupflecken das Blut verstecken.,

Sie ignorierte den Mann hinter dem Tresen, der sie aus den Augenwinkeln her beim Schlingen beobachtete. In ihr gab es keinen Platz für Rücksicht auf die Urteile eines Typen in irgendeiner schmierigen Imbissbude. Nur Hunger.


Es dauerte etwa fünfzehn Minuten, bis sie die halbe Tonne frittierter Kartoffeln und Schweinereste inhaliert hatte. Jedenfalls nach dem Fortschritt des Zeichentricks im Fernsehen zu urteilen.

Sie sackte auf ihrem Hocker etwas nach hinten und stieß laut auf. Sie fühlte sich vollgestopft bis zum Platzen, aber nicht befriedigt.

Vor ihr lag ein Massaker: Essensreste waren über die halbe Theke verteilt, sie fühlte einige davon in ihrem Gesicht. Reste von Ketchup klebten zwischen ihren Fingern, auf ihren Wangen. Von dem Anblick wurde ihr schlecht.

Der Kerl hinter der Theke starrte sie jetzt offen an.

„Geht es Ihnen gut?“, fragte er.

Sie wollte ihn abblitzen lassen, erstickte aber beinahe an Sodbrennen. Sie würgte es wieder hinunter, wischte sich die Mundwinkel mit einer Serviette ab und warf sie auf den Haufen abgenagter Knochen und Fettstreifen vor sich. Mit derselben Bewegung schob sie das unbenutzte Steakmesser in den Ärmel des übergroßen Hemdes.

„Könnte ich das Bad benutzen?“, fragte sie. Ihre Stimme klang beinahe wieder normal, jedenfalls für sie.

Er dachte kurz nach, zuckte dann aber mit den Schultern. „Klar. Wie heißen Sie übrigens?“


Sie dachte nach. Lange. Zu lange. In ihren Gedanken hatte sie keinen Namen gebraucht, seit sie von der Leichenbahre hinunter gestiegen war. Immer hatte sie von sich als „Ich“ gedacht. Sie lächelte verschämt, als ihr nicht direkt eine Antwort einfiel.

Kurz überlegte sie, sich Henrietta zu nennen. Aber sie wollte sich wirklich nicht nach einem Diener in einem Märchen nennen. Wenn schon, dann war sie die verdammte Prinzessin, die in irgendeinem Fluch gefangen war. Nur hatte sie keine Ahnung, wessen Schuld das war.

Sie musste an ein Buch denken, dass sie vor einer Weile gelesen hatte. Eine Geschichte über eine Diebin mit einem Schlüsselloch in der Brust, durch das sie ihr Herz aufziehen konnte. Die auch nicht wusste, woher sie kam oder wie sie eigentlich hieß.

„Lydia“, sagte sie. „Ich heiße Lydia.“

Der Name war so gut wie jeder andere.

„Freut mich, Lydia. Ich heiße Nick.“ Er legte ihr einen Schlüssel auf den Tresen. „Mitarbeiterbad, da vorne links. Nehmen Sie sich so viel Zeit, wie Sie brauchen.“

Lydia lächelte, zum ersten Mal in ihrem Leben, und nickte.

„Danke“, sagte sie zog den Schlüssel vom Tresen.

Das Bad war eine kleine, private Angelegenheit. Trotzdem schloss sie die Tür hinter sich ab. Zum zweiten Mal in einem Bad eingeschlossen, dachte sie und zog eine Grimasse. Auch ohne Zeitdruck würde sie nicht lange bleiben. Das Waschbecken reichte gerade für eine Katzenwäsche und ihre Haare würden eine Tiefenreinigung verlangen, um Blut und Chemikalien los zu werden.

Aber das wichtigste war ohnehin einen stillen Moment zu haben, nur für sich.

Ohne große Sentimentalität nahm sie das gestohlene Steakmesser hervor und hackte auf die Knoten in ihren Haaren ein. Sie würde wie ein Filmschurke aus den Neunzigern aussehen, aber zumindest nicht mehr ganz so sehr wie die unbekannte Lieschen Müller auf den Polizeifotos.

Nach getaner Arbeit betrachtete sie ihr Spiegelbild. Es sah nicht aus wie eine Lydia. Nicht einmal mit den kurzen Haaren. Und sie sah älter aus, als sie vorhin dachte. Sie hätte sich nicht für so alt gehalten.

Nicht, dass sie wusste, wie alt sie war. Sie dachte nach, versuchte sich an ihre Kindheit zu erinnern, ihre Eltern, wann und wo sie zur Schule gegangen war. Das Ergebnis war das gleiche wie bei ihrem Namen: Nichts. Nur an die letzten Monate erinnerte sie sich und das verschwommen, als läge ein dünner Nebelfilm darüber und verwischte einzelne Personen zu undeutlichen Stereotypen.

Ihre Finger fanden den Kragen des gestohlenen Pollunders von Doktor Heinrich. Sie zögerte. Wollte sie wirklich einen neuen Blick wagen?

Nicht, dass sie groß eine Wahl gehabt hätte. Irgendetwas ging hier vor sich. Etwas verdammt verstörendes. Es war falsch, seine eigene Obduktion zu überleben. Vor allem weil sie ziemlich sicher war, sie nicht wirklich überlebt zu haben. Aber hier war sie, atmend und zitternd in einem beschissenen Klo irgendwo in Ostberlin. Ihr Atem kondensierte am Spiegel, ihre Hand hinterließ Schmieren darauf. Zweifellos war sie jetzt gerade am Leben, selbst wenn sie es gestern nicht gewesen war.

Vorsichtig zog sie erst den Pollunder hoch. Die Bandagen darunter waren von Blut durchtränkt, ein gerader, roter Strich, vom Brustbein bis zum ersten Rippenbogen. Aber sie hatte keine Schmerzen, kein Ziehen. Nicht einmal, als sie die Bandagen berührte und vorsichtig von ihrem Fleisch zog.

Darunter kam frische, junge Haut zum Vorschein. Rosig, als hätte dort nie eine Wunde geklafft.

Sie würgte und schaffte es gerade noch bis zum Mülleimer, ehe sie alles von sich gab, was sie eben gegessen hatte. Nächstes Mal etwas sorgfältiger kauen, Lydia, dachte sie und spuckte Galle und frittiertes Fleisch in den Papierkorb. Zwar bezweifelte sie, dass die Brocken unzerkauter Nahrung Schuld an ihrem Elend waren. Aber die Größe der Brocken half nicht gerade, die Erfahrung angenehm zu gestalten.

Sie starrte in den Papierkorb, ignorierte so gut es ging den Gestank darin. Ihr gepresster Atem dröhnte in ihren Ohren. Es gab nichts in ihrer Galle und der dünnen Flüssigkeit, das ihr eine Erklärung dafür liefern könnte. Keine Verfärbungen, kein Blut oder Spuren eines verletzten Magens. Nur kleinere Bröckchen, Klumpen mehr, von tiefschwarzer Farbe schwammen darin. Verbranntes Fett oder Fleisch, sagte sie sich. Keinesfalls Blut.

Selbst wenn Doktor Heinrich bei ihrer Obduktion bereits den Magen geöffnet hätte – sie hatte offenbar eine aufgebrochene Brust so schnell geheilt wie andere einen Papierschnitt.

Vielleicht nur Streß, dachte sie. Man erstand schließlich nicht jeden Tag von den Toten auf. Oder vielleicht widerte sie Essen einfach nur an, als Teil irgendeiner psychischen Krankheit ihres letzten Lebens.

Aber sie verlangte nach etwas, nach irgendetwas, um das Loch in ihren Inneren zu füllen.

Sie wischte sich das Gesicht mit Papiertüchern ab, dann wusch sie sich den Mund aus. Sie würgte kurz und erbrach die Mischung aus Seife und Speichel ins Waschbecken. Aber alles war besser als der Geschmack von Erbrochenem gemischt mit altem Fett. Sie streifte sich den Pullover wieder über und wandte ihren Blick von ihrem Spiegelbild ab.

Sie ging hinaus, setzte sich wieder an den Tresen.

„Kannst du mir einen Stift geben?“, fragte sie und der junge Mann lieh ihr einen Kugelschreiber. Sie ignorierte seine Avancen, schrieb ihm aber eine willkürliche Telefonnummer aus dem Berliner Raum auf eine Serviette, damit er sie in Ruhe ließ. Mit einer weiteren Serviette bewaffnet notierte sie, was sie über sich selbst wusste, woran sie sich erinnern konnte.

Sie hatte Fragen. Unendlich viele Fragen, die sie sich gerne selbst gestellt hätte, auf die sie aber keine Antworten wusste. Wer war sie vor ihrem Tod gewesen? Was hatte sie getan? Aber sie wusste nichts von diesen Dingen. Sie erinnerte sich nur an die letzten paar Monate ihres Lebens, etwa das letzte Jahr, von kurz nach Januar an. Und sonst nichts. Als wäre sie kein echter Mensch, sondern nur ein Pappaufsteller von einem, eine schlechte Fotokopie, die einen flüchtigen Eindruck von Menschen geben sollte.

Sie erinnerte sich nicht einmal an eine Wohnung oder eine Adresse, die ihr gehört hätte. Nur an die von einem Menschen, der ihr sehr wichtig gewesen war und in der sie den Großteil der letzten vierhundert Nächte verbracht hatte.

Die junge Frau dachte über ihre Situation nach. Ihr wurde klar, dass es nur zwei Gewissheiten für sie auf der Welt gab: Ein Gesicht ohne Namen, das ihr eigenes war, und einen Namen ohne Gesicht.

Er spukte wie ein schlechter Geist durch ihre Erinnerungen der letzten Monate.

„Karl Rosenblatt“, vervollständigte der Nachrichtensprecher im Fernsehen ihren Gedanken.
Sie erstarrte und schaute hinauf.

„wurde heute im kleinen Kreis beigesetzt. Der Lokalautor hatte sich vergangene Woche das Leben genommen, nachdem schwere Mordvorwürfe im Fall der verstorbenen Andrea L. gegen ihn erhoben wurden. Er hinterlässt im Alter von vierunddreißig Jahren ein umfassendes und skandalträchtiges Werk, das viele als Favoriten für den diesjährigen Büchner-Preis ansahen. Wir berichten heute Nachmittag…“

Unter Lydia schien der Hocker zu schwanken. Sie klammerte sich an der Theke fest und versuchte, ein Zittern zu verbergen. Der Name Andrea bedeutete ihr nichts. Sie fühlte keine Verbindung zu ihm, nur eine flüchtige Vertrautheit. Wie mit einem Kleid, das sie einen Sommer lang aber dann nie wieder getragen hatte.

Sie musste heraus finden, ob es ihr Name war, den sie im letzten Leben getragen hatte. Oder ob auch er nur gestohlen war, wie der, den sie jetzt trug.

Karl Rosenblatt andererseits…

Das war ein Name, an den sie sich erinnerte. Dem sie auf die Spur gehen konnte.