Ein dumpfes, gefühlloses Nichts. Ein Nebel, der so dicht war, dass sie selbst ihren eigenen Körper aus den Augen verlor. Eine Art von Dunkelheit, die samtig weich war, wohltuend. Als wäre das ganze bisherige Leben nur ein Traum gewesen, aus dem sie endlich erwacht war.

Eine vollständige Finsternis der Seele. So tief, dass in ihr nicht einmal Zweifel und Verachtung genug Licht zum wachsen fanden.

Der letzte Frieden auf Erden.

Es war der Schrei der Kreissäge in ihrer Brust, der sie aus diesem Nichts riss. Ein quälendes Geräusch, das dieses Nichts mit Alpträumen zu füllen begann. Mit Bildern, mit Geräuschen und Gefühlen.

Panik begann, sich in ihrem Bewusstsein auszubreiten, das bis eben noch so kalt und tot wie der Rest von ihr gewesen war.

Sie fühlte sich nackt. Nackter noch als je zuvor in ihrem Leben, weil es um sie herum nichts weiter gab, was sie gekleidet hätte. Nur Stahl, Plastik und ihr eigenes Fleisch, jede Schicht vor den Augen der Welt entblößt. Und ihr war kalt. So unendlich kalt.

Ihre Muskeln gehorchten ihr nicht. Ihr Leib war aus Stein und ein unnachgiebiges Gefängnis für ihren Geist, der sich noch todestrunken regte. Sie sah nur, was sie mit einem starren Blick nach vorn sehen konnte.

Sie lag auf einer Art von Bahre und starrte an eine geflieste Decke, von der eine Neonröhre giftiges, weißes Licht versprühte. Über sich sah sie einen Mann mit Atemschutzmaske, die den größten Teil seines Gesichts verbarg. Er trug ein Haarnetz und eine breite Schutzbrille aus durchsichtigem Plastik die eine etwas kleinere Brille aus Draht beschützte. Schutzbrille und Atemmaske gleichermaßen waren von feinen roten Flecken benetzt. Blut, das von der hochfrequenten Rotation einer kleinen Metallscheibe zerstäubt worden war.

Von der selben Metallscheibe, die sich in diesem Moment durch ihr Brustbein fräste.

Sie wollte schreien, aber kein Wort entkam ihr. Ihre Kehle war versteinert. Totenstarre hatte eingesetzt, ihre Muskeln erkalten und erhärten lassen. Nicht einmal ihre Augen wollten sich bewegen oder blinzeln. Sie konnte nur fühlen, wahrnehmen, was ihr angetan wurde. Hören, wie Knochen zerteilt wurden. Sehen, wie der fremde Mann mit der Maske ihren Brustkorb auseinander bog.

Und dann… dann fühlte sie ihr Herz wieder schlagen.

Ein einsamer, zäher Schlag, der gegen die Kälte und Steifheit ankämpfte, die ihr bis ins Blut gekrochen war. Sie fühlte ihn in ihrem ganzen Leib, wie den Schlag einer entsetzlich großen Glocke.


Der Mann hielt inne. Seine Hand zitterte, sie sah es an der Kreissäge, von der das Blut hinunter lief. Ihr Blut. Er machte einen Schritt zurück, weg von ihrem geöffneten Brustkorb. Hinter seiner Schutzbrille sah sie seine Augen sich auf das Loch in ihrer Brust richten. Auf das Herz einer Toten, das wieder zu schlagen begann. Ihre Lungen füllten sich mit Luft, blähten sich auf.

Bewegung kehrte in ihren Körper zurück. Unendlich langsam konnte sie sich bewegen. Die Augenlider zuerst, die sie flattern ließ, dann die Finger, die auf dem Stahl ihrer Liege trommelten. Dann ihre Beine, die auf den Stahl schlugen. Sie rollte die Seite der Liege hinunter, fing sich hart mit den Unterarmen ab.

Kein Schmerz. Nur Kälte, nur taubes Fleisch und tote Knochen. Der Mann mit der Maske schrie auf, ein hohes, panisches Geräusch, das beinahe das Kreischen der Säge übertönte. Er fiel nach hinten, stieß die Liege von sich weg. Und ließ die Säge fallen, die Brocken aus den Bodenfliesen schlug.

Die Frau kroch auf die Knie. Sie wurde von der Liege getroffen, stolperte nach vorne. Sie krachte in eine Theke. Schmerz schoss plötzlich durch ihr Schlüsselbein. Sie zog sich daran nach oben, bekam etwas zu fassen. Ein Skalpell.

Wie einen Schild hielt sie es vor sich, kauerte auf dem Boden. Ihre Kehle gehorchte ihr noch immer nicht. Kein Schrei entkam ihr, nicht einmal ein Wimmern.

„Ich bin Doktor“, stieß der Mann mit der Maske hervor. „Bei der Polizei. Doktor Heinrich. Sie sind in einer Polizeiwache, meine Dame.“ Doktor Heinrich kam ihr näher. Er hatte die Arme erhoben, die Handflächen nach außen. Vorsichtig schob er die Liege zur Seite, auf der sie gelegen hatte. „Bitte, legen Sie das Skalpell weg. Ich will Ihnen helfen. Ich bin Arzt. Ich weiß nicht, was passiert ist. Legen Sie das Skalpell weg. Wir werden eine Lösung finden.“

Seine Stimme war beruhigend, ganz weich. Nicht so, wie sie sich die Stimme eines Leichenbeschauers vorgestellt hätte. Sie sah mit zitterndem Blick durch den Raum. Ein Abfluss in der Mitte des Raumes, geflieste Böden, Wände und Decken, eine Reihe von versiegelten Metallkammern an der Rückwand, medizinische Gerätschaften überall aufgereiht.

Eine Totenkammer.


Der Doktor kam näher, berührte sie an der Hand. Die Frau schlug um sich. Ein Schnitt, ein Gurgeln und Doktor Heinrich wand sich auf dem Boden. Er hielt sich eine Hand an die Kehle, aus der das Blut in Strömen floss. Mit der anderen griff er nach der Frau. Er gurgelte etwas, das sie nicht verstand. Sein Versuch, um Rettung zu flehen, ertrank in seinem eigenen Blut.

Sie hockte dort und zitterte. Sie konnte sich nicht daran erinnern, jemals jemanden getötet zu haben. Nicht so jedenfalls. Die Blutlache erreichte fast ihre Füße, sie kroch zur Seite an der Theke entlang, weg von ihm.

Unendlich lange sah sie dem Doktor dabei zu, wie er starb. Wie das Leben seine Augen verließ, bis er ganz stumm und reglos dort lag, wo sie eben noch gelegen hatte. Kein Ton entkam ihr, nicht einmal ein Wimmern.

Erschreckt stellte sie fest, dass sie in ihrer Hand noch das Mordinstrument hielt. Sie ließ es fallen und kam mühsam auf die Beine.

Sie musste raus.

Raus aus dem Leichenschauhaus und diesem Alptraum, der ihr zweites Leben war.

Sie stolperte zur Tür, streckte den Kopf hindurch. Dahinter befand sich ein Gang, nichtssagend, mit Luminol und dem Gestank von Zitronenseife ausgelegt. In beide Richtungen führten Reihen von Türen mit kleinen Schildchen daran. An einem Ende befand sich eine Treppe.

Sie huschte hinaus, ignorierte das fleischige Tapsen ihrer Schritte. Sie ging halbgeduckt in Richtung der Treppe und versuchte die Schilder an den Türen zu lesen. Sie brauchte Kleidung, einen Überwurf. Irgendetwas, das sie sich nicht so nackt fühlen ließ.

„Kühlkammer“ las sie auf einem Schild. „Medizinschrank“ auf dem nächsten. Die dritte schließlich: „Umkleide“.

Sie öffnete die Tür und schlüpfte hindurch. Es war niemand hier, bis auf eine Gestalt in der Spiegelwand über den Waschbecken, die sie so gut es ging ignorierte. Auf der anderen Seite des Raumes stand eine Reihe von Spinden. Einer von ihnen war geöffnet – der von Doktor Heinrich Rasumichin, wenn das Schildchen daran nicht log.

Die Frau fluchte leise. Seine Kleidung war ihm drei Nummern zu groß, aber sie war sauber. Sie zerrte sie zum Spülbecken, suchte den Notfallkasten, der sicherlich hier wie überall sonst vorgeschrieben war. Sie fand ihn an der Wand daneben. Sie fand Klebeband, Bandagen und Scheren darin. Auch wenn Erste Hilfe für sie schon zu spät kam.

Endlich konnte sie den Blick in den Spiegel nicht länger vermeiden. Sie musste hinein sehen, wenn sie sich halbwegs in Ordnung bringen wollte – wenigstens genug, um hier heraus zu kommen.

Sie würgte augenblicklich an Erbrochenem, das ihre Kehle empor kroch, zwang es aber wieder hinunter. Sie konnte sehen, wie es sich durch schleimige Röhren an ihren Lungen vorbei schob.

Ihre Brust war weit geöffnet, ihr Herz schlug noch. Es gab erstaunlich wenig Blut zu sehen, abgesehen von den gezackten Knochenenden, die aus ihrem Oberkörper hervor standen. Ihr wurde schlecht. Aber sie spürte erstaunlich wenig Schmerzen.

Ihr Schlüsselbein, das gegen die Theke gerammt worden war, schmerzte weit mehr. Und dort bildete sich auch bereits ein blauer Fleck aus, groß wie ein Pferdekuss.

Sie würgte wieder, fand aber rasch das Klebeband im Notfallkasten. Es sah brauchbar aus und sauber genug. Nicht, dass sie sich darüber wirklich Sorgen machen müsste, dachte sie. Sie war gerade von den Toten auferstanden – was hatte sie da schon zu verlieren? Eine Infektion war sicherlich ihr geringstes Problem.

Sie applizierte die Bandagen, ignorierte so gut es ging das feuchte Schlürfen, als ihr Brustbein sich wieder in ihren Brustkorb einfügte. In ihrem Rücken zog es seltsam, als ihr Oberkörper wieder in Form sprang. Mit Klebeband fixierte sie die Bandagen und betete, dass es halten würde. Wenigstens bis… Ja, bis was?

Sie warf sich die Doktor Heinrichs Kleidung über, wusch sich notdürftig Hände und Gesicht mit Wasser, das so heiß war, dass es kochte. Schmieren von Blut und Dreck blieben zwar zurück, aber die Seife beseitigte das gröbste. Der Tod hatte ihre Haare aschblond werden lassen, ihre Haut war fahl. Außer um die Augen, wo sie Tränen bemerkt hatte. Oder vielleicht, wo das kochende Wasser ihre Haut gereizt hatte. Sie wischte es sich aus dem Gesicht, ließ ihre Haare hinunter fallen, um halbwegs ihr Gesicht zu verdecken.

„Hör mir zu, Fräulein“, sagte sie zu ihrem Spiegelbild. „Du gehst jetzt da raus und du wirst raus finden, was passiert ist. Hörst du… ? Hörst du… Ma… So…?“

Sie blinzelte ihr Spiegelbild an. Das dort vor ihr war unzweifelhaft sie. Es blinzelte, wenn Sie blinzelte. Es zeigte sie selbe Verwirrung, die selbe Angst, die sie in ihrer Brust spürte. Aber sie konnte keinen Namen mit diesem Gesicht in Verbindung bringen. Nichts.

Gerade einmal diese Idee, dieses halb geformte „Ich“.

Sie musste heraus finden, wer sie war. Zumindest wer sie gewesen war, bevor der Tod sie gefunden hatte. Kurz dachte sie daran, zurück zu gehen, in den anderen Raum, verwarf den Gedanken aber schnell wieder. Zu unsicher. Und vielleicht zu unnütz. Wenn es Unterlagen über sie gab, dann wären sie nicht dort. Wenn Sie eine Brieftasche besessen hatte, würde sie kaum direkt neben ihre Leiche aufbewahrt werden. Am besten noch in einer Kiste mit all ihrem anderen Zeug.

Also ging sie hinaus auf den Gang und auf die Treppe zu. Langsam, gesetzt. Wie eine, die gerade erst das Laufen wieder lernt.
Schau einfach aus, als gehörtest du hier hin, dachte sie grimmig. Nur nicht gerade auf diese Art.“

Aber niemand kam ihr entgegen, niemand hielt sie auf. Niemand fragte sie, ob sie überhaupt am Leben war.

Sie nahm die Treppe und fand sich in einem Gang im Erdgeschoss wieder. Durch die vergitterten Fenster am hinteren Ende sah sie den Parkplatz hinter der Polizeiwache. Sie drehte sich zur Seite um.

Dort hinter einer großen Doppeltür aus Verbundglas mit Gitternetz darin, lag die Lobby. Eingangshalle wäre zu viel gesagt: Es war schlicht eine leere Fläche Stahlbeton. Vor einer weiteren Doppeltür, die aber nach draußen auf die Straße führte, befand sich eine kleine Kammer mit einem Portier darin, der hinter schusssicherem Glas saß und ein gelangweilt hinaus blickte.

Die Frau biss die Zähne zusammen. Sie musste nur dort an ihm vorbei. Nur einige Dutzend Schritte machen, nur ein grimmiges Lächeln und etwas Nerven beweisen und sie wäre aus diesem Fegefeuer hinaus.

Sie schaffte ganze drei Schritte, bevor sie zwei Herren durch die Stufen zum Eingangsportal hinauf kommen sah. Die zwei waren in ein Gespräch vertieft. Das heißt der eine war es, der jüngere von beiden, der energisch auf den älteren einredete. Die Frau war wie angewurzelt, stand inmitten der leeren Halle, und konnte nur starren. Die Doppeltür hinaus öffnete sich, der Jüngere ging zum Portier.

Durch die zweite, elektronisch gesicherte Glastür, konnte die Frau nur Bruchstücke ihrer Unterhaltung verstehen.

„Kann Ihnen nicht einfach Beweismittel überlassen“, sagte der Jüngere. „Noch weniger die Leiche.“ Dann drehte er sich zum Portier um und redete über seine Schulter hinweg mit dem Älteren. „Staatsschutz“ verstand die Frau noch und „Landessache“.

Den Älteren verstand sie aber, denn er blickte gelangweilt in die Lobby und sprach in ihre Richtung. „Ich habe Ihnen den Überstellungsauftrag meines Vorgesetzten übergeben, Herr Andersen, Sie wissen doch, wie das läuft. Der Fall ist nicht mehr ihre Angelegenheit.“

Sein Blick blieb an der Frau haften und seine Krötenaugen weiteten sich. Er sagte nichts, aber sein Mund öffnete sich zu einer Grimasse. Wie ein Fisch auf dem Trockenen schnappte er vergeblich nach Luft.

Die Frau sprang beinahe einen Schritt zurück.

Heißer Schmerz schoss ihr durch die Brust. Sie glaubte ein Knirschen zu hören. Als würde ihr die Brust zerspringen. „Es ist ein Band von meinem Herzen, das da lag in großen Schmerzen“, dachte sie und schluckte ein hysterisches Lachen hinunter. Sie drehte sich um, um nicht in dieses Gesicht sehen zu müssen. Dieses scheußliche Krötengesicht des älteren Mannes, der neben dem Kommissar ging. Dieser Mann dort, das wusste sie tief in ihrem Herzen, dieser Mann dort war für ihren Tod verantwortlich. Er hatte sie getötet.


Sie lief los, rannte den Gang zurück, den sie gekommen war. Weiter in Richtung des Parkplatzes. Die Fenster waren verrammelt und vergittert, aber nach rechts ging der Gang weiter. Dort, an seinem Ende führte eine Tür hinaus. Der Hintereingang für Dienstwagen vermutlich.

Die Tür war verschlossen und kein Rütteln oder Hämmern öffnete sie. Sie fummelte in den Taschen Ihrer geraubten Kleidung herum.

„Komm schon, komm schon“, murmelte sie. Sie brauchte einen Chip, eine Schlüsselkarte, irgendetwas, das ihr den Austritt gewähren würde. Ihre Hände zitterten, als sie einen Plastikausweis hervor brachten. Sie las den Namen gar nicht erst, ignorierte das Bild von Doktor Heinrich, sondern presste das Plastik einfach gegen ein Lesegerät an der Seite.

Es piepte, die Tür öffnete sich und die Frau sprang in die Kälte hinaus. Auf dem Parkplatz stand mindestens ein Dutzend Wagen der Polizei, ein halbes Dutzend privater Wagen. Kurz überlegte sie, verwarf den Gedanken aber, so verlockend er auch war. Sie hatte keine Möglichkeit, schnell den Wagen zu identifizieren, der zu dem Schlüssel in ihrer Hosentasche passen würde. Und keine Zeit, sie alle auszuprobieren.

Also hastete sie zum Hoftor hinüber. Das Gitter war zwar beiseite geschoben, aber ein altmodischer Schlagbaum versperrte noch den Weg. Ein Posten stand dabei, zum Schutz vor der Kälte in sein kleines Wachhäuschen gedrückt.

Hinter ihr plärrte der Alarm los. Jemand hatte den toten Doktor Heinrich gefunden. Sie fluchte, als sich das Tor ganz von selbst in Bewegung setzte und ihr den Weg abzuschneiden drohte. Dann schlüpfte sie unter der Absperrung durch, ignorierte die Rufe des Wachposten am Durchgang, und rannte, was ihre steifen Beine hergaben.

Der Asphalt schmerzte unter jedem ihrer Schritte, doch mit jedem davon wurde es leichter. Mit jedem Meter Abstand zwischen ihr und diesem Krötengesicht von Mann wurde ihr leichter ums Herz.

Sie rannte und rannte, Kilometer um Kilometer und Straßenblock um Straßenblock. Bis der Schweiß ihr die Haare in die Augen klebte. Bis ihre Beine unter ihr nachgaben und sie erschöpft gegen eine Häuserwand sackte. Bis ihre Brust wieder zu zerspringen drohte, aber dieses Mal vor Leben und vor Hitze.