IDie neuere Forschung vermutet, dass Pellegro – dem Freund und manche behaupten auch der Liebhaber von Segato – die Geheimnisse der Medusa versprochen worden waren. Die Medusa nahm zwar keine Schüler und führte, von der mehr oder minder öffentlichen Schwärmerei Pellegros abgesehen, ein Leben der Isolation und Einsamkeit. In seinen Tagebüchern finden sich aber einige Hinweise darauf, dass er erwartete, zu gegebenem Zeitpunkt die Details von Segatos Petrifikation zu erfahren. Oder jedenfalls darauf hoffte, aus welchen Gründen auch immer.

Auch, wenn es keine Zweifel daran geben kann, dass Pellegro sein Werk kaum hätte fortführen können, selbst wenn ihm sämtliche der dunklen Geheimnisse zugänglich gemacht worden wären.

Doch er ging wohl leer aus. Zu jener Zeit grassierte der Handel mit exotischen und ‚orientalistischen‘ Schätzen in ganz Europa: Selbst die Leichen altägyptischer Könige wurden damals wie Vieh verschachert, um als Kuriosum in irgendeiner großbürgerlichen Wohnung zu verrotten. Pellegro hätte mit den Geheimnissen der Medusa Unmengen an Geld verdienen können – in Florenz ebenso wie später in Amsterdam oder Berlin. Aber von Segato ist nur eine winzige Menge an originären Stücken erhalten und alle weiteren Nachahmer sind erst nach dem Tode Pellegros entstanden.

Umso erstaunlicher ist, was nur wenige Tage nach dem Tode der Medusa geschah. Wenn Pellegro, wie wir vermuten, hoffte, in seine Dienste aufgenommen zu werden, dann muss sein weiteres Handeln verwundern.

Man kann ein ganzes Leben mit dieser Frage zubringen, ohne ihrer Antwort wirklich näher zu kommen: Wieso steckte er nur drei Tage nach dem Tod Segatos dessenLabor in Flammen, vernichtete sämtliche der etwaigen Aufzeichnungen und den größten Teil seiner Arbeit?

Brandstiftung aus religiösen oder moralistischen Beweggründen ist sicherlich eine mögliche Begründung. Auch damals noch hielt der Aberglaube bedeutsamen Einfluss in der Toskana. Segato wurde für seine Forschung wiederholt der Hexerei und anderer Vergehen angeklagt, wenn auch nie im juristischen Sinne.

„Der Leib des Menschen soll vergehen“, schrieb etwa der Bischof der Gegend in einem offenen Brief an die Medusa, den er in einer Tageszeitung publizierte, „Staub zu Staub und Asche zu Asche. Gott allein ist ewig.“

Auch ein enger Freund der Medusa mag diesen Gedanken nicht ganz entwachsen gewesen sein. Es ist denkbar, dass er viel weniger von den tatsächlichen Methoden der Medusa wusste, als gemeinhin vermutet wird. Dass er, mit dem Nachlass der Medusa konfrontiert, von diesen Methoden abgestoßen wurde. Dass er sie selbst den Flammen überantwortete.

Ebenso denkbar ist aber auch, dass er vor den Feinden der Medusa floh, die womöglich gewaltsam zu Tode kam, und alles vernichtete, was er nicht leicht transportieren konnte.

Die Wahrheit wird wohl verborgen bleiben, denn mit dem Tode der Medusa verstummt auch Pellegro. Er überlebte sie um einige Jahre und beginnt eine irreguläre, komplexe Reise durch Europa, von der wir aus diversen anderen Schriftstücken, Zeitungen und Logbüchern wissen.

Aber von ihm selbst ist nichts weiter erhalten. Er unterbricht die Führung seines Tagebuchs mit einem recht unverständlichen Absatz und wird es nie wieder fortführen, obgleich er es bis ans andere Ende des Kontinents mit sich führt.

„Manches soll vergessen bleiben“, schreibt er dort in seinem letzten Eintrag, der auf den einundzwanzigsten Februar 1836 datiert ist. „Zu schwer lastet die Erinnerung auf mir, als dass ich sie Anderen aufbürden könnte. Es ist besser, dieses Wissen stirbt mit mir und überdauert mein Leben nicht.“

Zu der bereits erwähnten Theorie, Pellegro sei geflohen und habe das Erbe seines Freundes zu retten versucht, passt auch ein besonderer Umstand, der die Forschung seit Jahrzehnten immer wieder in Zweifel stürzt.

Nur eine kleine Anzahl an Arbeiten der Medusa ist je über die Grenzen von Florenz hinaus geschafft worden. Was dort im Museo Anatomico vorhanden ist, sind die Geschenke oder Erbstücke von reichen Gönnern der Medusa, die auf die ein oder andere Weise mit ihr Geschäfte gemacht haben. Das aber, was etwa im Trippenhuis in Amsterdam oder dem Berliner Alexandrinum zu bestaunen ist, geht ausschließlich auf das zurück, was Pellegro aus Florenz hinaus schaffen konnte. Darunter auch eine Reihe an verschlüsselten Handschriften, Kodizes und halbübersetzte Schriften, die selbst ein Leben der Forschung kaum entziffern konnte.

Diese Arbeiten lassen nur das Genie erahnen, das an ihnen am Werke war, sind aber doch nur Bruchstücke, Teile von Körpern und Leibern, die beinahe wie zersplittert wirken.

Bis auf eine Ausnahme. Diese Ausnahme ist ohne jeden Zweifel nicht nur das Meisterstück der Medusa, sondern sie deutet auch darauf hin, dass kaum der Ekel vor der Medusa den Pellegro zur Flucht drängte. Entgegen aller Beteuerungen aus konservativen Kreisen.

Bei dieser Ausnahme handelt es sich um einen schlichten Zinnsarg, ohne jedwede Prägungen oder Verzierungen. Keine Inschrift hinterlässt uns einen Namen, ein Alter oder auch nur einen möglichen Geburtsort. Der darin enthaltene Leib entspricht nicht dem klassischen italienischen Phänotyp, der ohnehin nur ein Amalgam von Stereotypen ist. Eine Datierung von Gewebeproben erweist sich aus diversen, später zu erklärenden, Gründen als unmöglich.

Es handelt sich um den vollständig und lebensecht erhaltenen Kadaver eines Knaben von etwa dreizehn Jahren. Von Kopf bis Fuß ist er ein Sinnbild jugendlichen Lebens und es fällt schwer, sich bei seinem Anblick in Erinnerung zu rufen, dass es sich in der Tat um einen Leichnam handelt und nicht um einen schlafenden Knaben. Seit seinem ersten Erscheinen in der Öffentlichkeit, etwa mit dem Tode Pellegros, bewegt er immer wieder die Geister und vor allem die Kunst. Der Berliner Jugendstil erhob ihn zum Sinnbild der neuen Kunst, zum Fundament eines Zusammenschlusses aus Leichtigkeit und Endlichkeit, zum ätherischen Ver Sacrum. Die ausgehenden neogotischen Künstler verklärten ihn als modernen Augustus und Wilde nannte ihn bekanntermaßen in seinen Briefen aus der Tiefe „das Spiegelbild Calibans“.

Die gemeine Forschung hat – in Ermangelung eines Taufnamens oder irgendeiner persönlichen Information über diesen Knaben – den Spitznamen eines italienischen Poeten übernommen, der ihn wohl um 1838 im Trippenhuis gesehen hat: „Biancaneve“ oder Schneewittchen.

Der Name verwundert nicht weiter, wirkt er doch wie schlafend, als würde der Kuss einer Prinzessin ihn aus seiner Starre lösen. Mehrere, zweifellos dem Rausch geschuldete, Berichte behaupten gar, genau dies wäre ihnen gelungen. Sie hätten den leblosen Knaben mit einem Kuss zum Leben erweckt.

Natürlich sind derlei Dinge leicht zu erklären, ohne in den Aberglauben zu verfallen, die Toten würden sich aus ihren Gräbern erheben: Selbst bei der Rosalia Lombardo, sie erinnern sich, gibt es immer wieder Gerüchte, sie würde die Augen öffnen, blinzeln und die Besucher wie lebendig ansehen. Optische Täuschungen sind eine einfache Erklärung für diese Erscheinungen, ebenso die Bewegung der Leichen durch Scharlatane, die mit ihnen Geld verdienen wollen, oder schlichtweg die überreizten Nerven der Besucher. Selbst heute noch fallen die Menschen darauf herein, nicht nur in den mongolischen Einöden von Ivolginsky Datsan, wo der Mönch Itigilov seit hundert Jahren den Totenschlaf schläft.

Ausgeschlossen ist in jedem Fall, dass der Knabe , den wir Biancaneve nennen, sich wirklich erhebt oder umblickt.

Pellegro floh also vor den Häschern seines Freundes oder vor repressiven Gewalten und brachte nur weniges mit sich. Darunter befand sich aber die Kiste mit den Zinnsarg. Seine weitere Reise von Florenz an ist einigermaßen verlässlich dokumentiert. Er gelangte – auf unklarem Wege, doch die Logbücher und Einträge der Zeit beweisen seinen Aufenthalt dort – bis nach Pisa, von wo aus er sich auf eine kleine Insel vor der Küste absetzte. Die Scalo di Gorgonna befand sich lange Zeit im Besitz derselben Karthusianer, deren Orden die Medusa von Florenz in ihrer frühen Kindheit einst beherbergt und aufgezogen hatten. Und obwohl das Kloster auf der Insel damals bereits verlassen war, lebten noch einige Fischerfamilien in einem kleinen Dorf an der steilen Küste. Sie gewährten dem Verfolgten, zumindest für eine Weile, Obdach.

Interessanterweise handelt es sich um die selbe Insel, auf der für einige Zeit die Leiche des Niccolo Paganini verbracht war, da sich in den Höhlen der steilen Klippen unter den hohen Decken das Salz sammelt und trocknet, sodass sie sich gut zur Luftkonservierung eignen.

Pellegro verbrachte wohl einige Monate dort, bis es ihm gelang eine Überfahrt zu besorgen. Ein sardinischer Landadliger schmuggelte wohl Pellegro und seine Beute bis nach Cagliari, wie uns die erhaltene Korrespondenz zeigt. Von dort nahm er ein Schiff nach Westeuropa. Seine weitere Reiseroute ist unklar. Entweder verlief sie über Land von Marseille über Straßburg nach Amsterdam oder – was wahrscheinlicher ist – mit dem Schiff über die Stationen Gibraltar, Lissabon und Finistere zum selben Ziel.

Erst dort finden sich wieder verlässliche Spuren seines Aufenthalts, auch wenn es in einigen französischen Kleinstädten durchaus Gerüchte und Hinweise gegeben hat, denen zufolge ein „pharaonischer Magier“ mit „allerlei elektrischen und chymischen Gerätschaften“ die Bevölkerung in Aufsehen und Panik versetzt haben soll. Gewäsch der übelsten provinziellen Sorte.

In Amsterdam also taucht der Nachlass der Medusa von Florenz wieder auf, wenn auch nur kurz. Sie sorgt dort ebenso wie überall sonst für Aufsehen, für Aufruhr beinahe, als sie im Trippenhuis, dem Sitz der königlichen Akademie, einem breiten Publikum zugänglich gemacht wird. Ja, sie lösen geradezu eine Manie aus, die gerade in das einsetzende Ende der Faszination mit gestohlenen ägyptischen Schätzen hinein gerät und diese noch einmal aufleben lässt. Hier wird Segato das erste Mal als „Medusa von Florenz“ der Öffentlichkeit vorgestellt, seine Werke als „ägyptische Zauberkunst“ verschrien, seine Quellen wahlweise als „das Totenbuch des großen Pharao Nyarlatothep“ oder „die geheime chymische Alchemie Ägyptens“ verkauft. Die reißerischste Scharlatanerie jenes infamen Ausverkaufs ist zweifellos die Behauptung, der Knabe Biankaneve selbst sei der Meister, die Medusa bloß ein Schüler gewesen.

Zweifellos ging Pellegro das Geld für seine Flucht mit unbekanntem Ziel aus und er versuchte, aus dem Aufsehen, das er bei jedem seiner Schritte erregte, Kapital zu schlagen.

Pellegros Flucht dauerte aber nicht ganz zwei Jahre und endet ebenso mysteriös wie sie begann. Er wird ermordet in einem Kanal aufgefunden. Schneeweiß und ausgeblutet, bis auf eine gräßliche Wunde an der Kehle. Der Obduktionsbericht der Behörden spricht damals von einem Raubüberfall in einem üblen Viertel, der unglücklich geendet sein muss. Wahrscheinlicher ist, dass dieselben Kräfte, die Pellegro aus Florenz vertrieben und Girolamo Segato ermordet haben, ihn endlich eingeholt haben. Wie sonst erklärt sich, dass ihm nichts gestohlen wurde? Dass der Nachlass der Medusa – mittlerweile außer Reichweite gebracht und auf der Reise Stück für Stück veräußert – beinahe unmittelbar ikonoklastischem Zorn ausgesetzt wird?

Der Tod Pellegros läutet einen länger währenden Rechtsstreit ein über die juristische Nachfolge und den Besitz der Medusa, der schließlich einem denkbar unwahrscheinlichen Erben zugeschlagen wird.

Allein der unermüdlichen Hingabe des Herrn Doktor Gottfried ist es zu verdanken, dass wir wissen, wie „Biankaneve“ schließlich in die Stadt an der Spree gelangte:

Rudolf Virchow muss bei dieser Ausstellung dem Pellegro begegnet sein. Die genauen Hintergründe sind uns bis heute verborgen, doch gesichert sind zwei Fakten:

Erstens befand sich Virchow zu diesem Zeitpunkt in Amsterdam, da er gerade von der königlichen Akademie zum Mitglied ernannt worden war.

Und zweitens tritt der gerade neunzehnjährige, aber geniale Arzt, die Erbfolge Pellegros an und bring es mit sich zurück nach Berlin.

Noch bis in die 1870er hinein finden sich Notizen – einzelne, verstreute Berichte in Tagebüchern und Briefen – dass der spätere Leiter der Charité und einer der Gründer des Charoninstituts dieses Wunderwerk der Medizin als eine Art Talisman oder Glücksbringer aufbewahrte. Er war aber seitdem nie wieder der Öffentlichkeit zugänglich, sondern zirkuliert nur in den ausgesuchten und manchmal nebulös verknüpften Zirkeln der Berliner Intelligenz.

Der Junge mit dem Spitznamen „Biankaneve“ verliert sich im Lauf der Geschichte immer wieder aus dem Blick. Wir wissen, dass er nach Virchows Tod in den Besitz des Präsidenten der Berliner Garnison geriet und wohl in den ersten schmerzhaften Wachstumsjahren der Republik Plünderungen zum Opfer fiel. Durch die Wirren der Weimarer Republik und des vulkanischen Großberlins hindurch ist seine Inhaberschaft wechselhaft. Er taucht im Besitz reicher Magnate und einflußreicher Künstler auf, immer wohl als morbides, verächtliches Memento oder Talisman. Als Glücksbringer erwiesen sich aber sowohl das Erbe der Medusa wie auch „Biankaneve“ wechselhaft – vor allem der tragische Fall des Magnaten Donnermark und der Krankheit seiner Frau sind uns bis heute eine mahnende Erinnerung, dass der Tod nicht aufzuhalten ist. Nicht einmal mit den Geheimnissen der Medusa.

Im zweiten Weltkrieg verliert sich seine Spur erneut in den Wirren des Krieges und der Plünderung. Lange ging die Forschung davon aus, er sei bei den Raubzügen nach der Schlacht um Berlin wie so viele andere Kulturschätze des ehemaligen Reiches gestohlen und in die Fremde verbracht worden.

Bis er schließlich zu Beginn des neuen Jahrtausends an einem durchaus passenden, aber gänzlich unvermuteten Ort wiedergefunden wurde: Im Alexandrinum, dem anatomischen Museum des Charoninstituts, wo der sehr verehrte Herr Doktor Gottfried ihn verborgen in einer der hintersten Kammern des Gebäudes wieder fand.

Seiner Hingabe und Provenienzforschung allein ist es zu verdanken, dass das Charoninstitut die Rechtmäßigkeit seiner Ansprüche auf das Erbe Segatos und den Besitz diverser Stücke zweifelsfrei und juristisch endgültig nachweisen konnte.

Auch, wenn er dieser Erfolg bittersüß eingefärbt ist. Denn unglücklicherweise erlitt Doktor Gottfried kurz nach seiner Entdeckung einen schweren Nervenzusammenbruch und verstarb bald darauf. Nicht jedoch, bevor er den Zinnsarg des Meisterstücks der Medusa von Florenz entwendet und unter ungeklärten Umständen versteckt hat, denn keiner unserer Mitarbeiter war bislang in der Lage, ihn ausfindig zu machen.

Der Verbleib von „Biankaneve“ ist also erneut ungeklärt.

Wir wissen nur, dass er sich zweifelsfrei noch immer in Berlin befinden muss, das er trotz aller Wirren in den letzten einhundertfünfzig Jahren nicht verlassen hat.

ALT

Weshalb aber gerade drei Tage nach seinem Tod das Labor in den Weinbergen vor Florenz mit, so ist der wissenschaftliche Konsens, sämtlichen seiner Aufzeichnungen in Flammen aufging, ist nicht zweifelsfrei geklärt.

Brandstiftung durch religiöse oder moralistische Elemente ist sicherlich am wahrscheinlichsten. Nicht auszuschließen ist aber auch, dass Pellegro das Lebenswerk seines Freundes vor Neidern und Konkurrenten in Sicherheit zu bringen versucht und verbrennt, was er nicht retten kann.