Das Leben der sogenannten „Medusa von Florenz“ gehört sicherlich zu den mysteriösesten in der Medizingeschichte. Die Biograpien der meisten berühmten Ärzte sind uns bekannt, jedenfalls soweit sie oft auf irgendeine Art und Weise mit den mächtigen ihrer Zeit in Kontakt kamen.

Der größte Teil des Lebens von Girolamo Segato liegt aber im Dunkeln. Von ihm sind fast nur die Werke erhalten, wegen derer er diesen Namen trägt.

Wir wissen, dass er Ende des achtzehnten Jahrhunderts in der Nähe Venetiens geboren wurde, aber die Aufzeichnungen des Klosters erklären nicht, wer seine Mutter war oder wieso sie unter Mönchen ihr Kind gebar. Wir wissen, dass er unter den Carthusianern aufwuchs, unter den wachsamen Blicken des Priesters Bagini. Etwa fünfzehn Jahre später taucht sein Name auf einer der Listen von Schülern einer kleinen Oberschule der Gegend auf und auf der Gehaltsliste eines kleinen Händlers im selben Städtchen. Die Medusa muss des Schreibens und Rechnens also mächtig gewesen sein.

Für einige Jahre verlieren wir sie sodann aus den Augen und finden über fünf Jahre verteilt nur spärliche Informationen über sie. Die meisten davon von einer auf den ersten Blick gänzlich unerwarteten Quelle: Der Passagierliste der „Pelikan“, die zwischen 1818 und 1823 eine Reihe von Reisen nach Ägypten unternahm, angeheuert von einer Gruppe italienischer Forschungsreisender.

Ob die Medusa als Schreiber, als Buchhalter oder in einer wissenschaftlichen Funktion an diesen Expeditionen teilnahm, ist uns nicht bekannt. Wir wissen nur, dass er auf diesen Reisen eine Methode entwickelt haben muss, die einzigartig in der Geschichte der Biologie, ja der Wissenschaft ist.

Dieses Faktum ist umso erstaunlicher, als dass die Hieroglyphen gerade einmal ein Jahr vor der Rückkehr Segatos nach Florenz durch den jungen Franzosen Champollion entziffert worden sind – den allermeisten Expeditionen dieser Zeit blieben die Tempel der Vorzeit stumm, die Vergangenheit verschlossen.

Und dennoch. Dennoch kehrte Segato von seiner Reise mit einem Wissen zurück, das ihm kurz danach erlaubt, einen bis heute einzigartigen Platz in der Wissenschaft zu erringen. Er kehrt also nach Florenz zurück… und beginnt die Erprobung eines Konservierungsprozesses, der im wahrsten Sinne des Wortes unnachahmlich beibt. Niemandem auf der Welt ist es bis heute zufriedenstellend gelungen, diesen Prozess zu replizieren.

Die Leiche Rosalia Lombardos, des „Dornröschens von Palermo“, die knapp einhundert Jahre nach den Expeditionen der Medusa konserviert wurde, ist dagegen nur ein schwacher Vergleich.

Während ihr Körper, zweifellos beeindruckend erhalten ist – mit Haaren so fein, dass es frisch gekämmt wirkt, und Fleisch das den Anschein erweckt, bei Berührung noch sanft nachzugeben – ist die Methode ihrer Konservierung doch wenig beeindruckend. Das Mikroklima der Kapuzinergruft, in der sie beigesetzt ist, trägt einen nicht eben geringen Anteil an ihrem beeindruckenden Zustand und die Substanzen, die in ihren jungen Körper gepumpt wurden, sind gänzlich gewöhnlich: Formalin tötet den größten Teil aller Bakterien, Salycilsäure die üblichen Schimmelpilze, Glycerin verhindert eine Austrocknung des Fleisches und Zinksalze beginnen ansatzweise einen Prozess der Versteinerung.

Dieser letzte Punkt ist der eigentlich interessante, denn er kommt dem Vorgehen der Medusa zumindest auf die Spur.

Aber so schrecklich und schön sie auch anzusehen ist: Sie verwest. Ihr Fleisch zeigt bereits erste Spuren von Discoloration und der Kurator der Katakomben wird sie alsbald in einen versiegelten Glassarg verbringen, der mit Stickstoff gefüllt wird.

Ein effektiver Vorgang, der dennoch ein chemischer Prozess ist, der ihren Körper deswegen erhalten wird, weil er alle Bakterien tötet, die sich von ihm ernähren würden. Die etwa doppelt so alten Konservierungen der Medusa dagegen scheinen für die Ewigkeit gemacht – gleich, ob sie unter perfekten Bedingungen gelagert wurden oder nicht. Die Petrifikation ist bei ihnen vollständig und nicht von atmosphärischen Zuständen abhängig. Fleisch und Haut dieser Exemplare ist unumkehrbar in Stein verwandelt.


Es ist diese simple Tatsache, die Girolamo Segato, einen Platz als Meister sichert.

Obwohl sämtliche seiner Stücke bei vollzogener Analyse sich zweifelsfrei als aus Mineralien bestehend erweisen – anorganischem Material, das den Platz und die Form und die Farbe des organischen angenommen hat – wirken sie nicht einmal schlafend. Sie erwecken viel eher den Eindruck, als hätten sie gerade einmal die Augen geschlossen und tief Luft geholt, um sie sogleich wieder zu öffnen.

Selbst das Gesicht des jungen Francesco di Bartolomeo sieht nicht wie das einen Schlafenden aus, sondern als hätte er nur kurz das gedankenschwere Haupt gesenkt. Als drückten ihm die feinen Lider vor Müdigkeit und als würde er mit den Fingern gleich durch den Spitzbart fahren, um sich einen Gedanken hervor zu locken.

Ungezählte Besucher des „Specola“ in Florenz berichten davon, sich im lebendigen Anblick dieses jungen Mannes zu verlieren, von denen gerade einmal wenige dutzend Quadratzentimeter an Gesicht erhalten sind. Etwa eine handtellergroße Fläche, vom Skalp über die Ohren zum Kinn, mehr ist von ihm nicht übrig.

Die Qualität dieser Stücke kann gar nicht genug betont werden. Sie sind einzigartig in der gesamten Geschichte der Biologie und Medizin, niemand war bislang in der Lage, sie zu reproduzieren. Weder in den angesehenen Hallen des Charoninstituts noch in Heidelberg oder Paris, soweit es das betrifft. Die verzweifelten Suchen und das letztliche Scheitern hunderter ehrgeiziger Wissenschaftler ist ausreichend dokumentiert. Und noch immer werden jedes Jahr Doktorarbeiten vorgelegt, die eine absurde Theorie nach der anderen vorstellen, wie die Medusa von Florenz diese Ergebnisse erzielt haben könnte. Von komplexen, frankenstein‘schen Apparaturen und Laboratorien, wie sie aus alten Filmen bekannt sind, bis hin zu Gerüchten von ägyptischer Zauberei, finden sich alle möglichen Ideen in der Literatur.

Selbstverständlich ist das Institut diesen Ideen nach gegangen. Nach einigen hundert Jahren der quälenden Neugier scheint keine Idee zu extravagant, um beachtet zu werden. Aber keine der Texte, die seit der Arbeit Champollions gefunden, übersetzt und erforscht wurden, deutete auch nur in die Nähe dieser Möglichkeiten.

Doch selbst, wenn sie es täten: Die Medusa muss bei ihrer Reise unfähig gewesen sein, diese Texte zu lesen, wenn sie denn existiert hätten. Jedenfalls sind weder Aufzeichnungen noch Monographien erhalten, die darauf schließen lassen würden. In keiner der Bibliotheken in keiner der Städte, in denen die Medusa den Rest ihres Lebens verbrachte, sind Texte zu ägyptischer Mummifizierung zu finden. Diese Schriften befassen sich fast ausschließlich mit Handelsregistern, Widmungen von Tempeln und Listen von Steuern.

Immerhin wären Übersetzungen der Hieroglyphen für sich genommen bereits eine beachtliche Leistung, die Ruhm und eine Professur gesichert hätte. Die meisten Verteidiger der ausgefalleneren Theorien stützen sich auf diese fehlenden Aufzeichnungen als eine wichtige Säule ihrer Argumentation. Gerade weil es sie nicht mehr gibt, muss es sie einmal gegeben haben. Gerade weil es sich um derart gefährliches und geheimes Wissen gehandelt haben soll, muss es vernichtet worden sein.

Doch damit betreten wir das Gebiet der Verschwörungstheorien, die wir später noch betrachten werden.

Segato kehrte also von einigen Reisen nach Ägypten zurück und beginnt beinahe unmittelbar darauf mit der Petrifikation von Menschen.

Die ersten Erfolge sind noch ungeschlacht, geradezu primitiv: Wir sehen hier Diskolorationen der Haut, einfallendes Gewebe, unvollständige Mineralisierung, was zum langsamen Verrotten einiger Bereiche geführt hat. Sie sind oft gräulicher Farbe, uneben und meist nur handtellergroß. Doch mit jedem weiterem, von den Experten zertifiziertem, Stück verbessert sich seine Methode, bis er schließlich bei der kleinen handvoll an beinahe perfekt erhaltenen Teilen und Teilstücken von Körpern angelangt, die heute ihr Vermächtnis ausmachen.

Gekrönt wird diese Sammlung von einem besonderen Exemplar, auf das ich später zu sprechen kommen werde.

Der weitere Weg der Medusa über die nächsten Jahre ist nur unvollständig erhalten. Weder ging sie zur Universität nach Florenz noch nach London oder Ingolstadt, wo ihre Methoden sicherlich nicht nur Aufsehen, sondern auch Bewunderung und einige Forschungsgelder hervor gerufen hätten. In dem kleinen Dorf aber, etwa zwanzig Kilometer östlich von Florenz, in dem sie weiter lebte, muss ihr nur Verachtung entgegen geschlagen haben.

Das wenige, was mittlerweile an Berichten über diese Jahre als gesichert gilt, ist uns nur aus dem Tagebuch eines einzelnen Mannes überliefert. Eines gewissen Pellegro. Seine Beobachtungen sind weitgehend geistlos, sein Stil behäbig, seine Sprache steif. Die Einträge schwanken zwischen dem banalen, alltäglichen und einer unerklärlichen Schwärmerei zu dem eigenbrötlerischen Segato. Von einer streng wissenschaftlichen Perspektive her betrachtet, sind sie wertlos. Sie enthalten keinerlei Hinweise darauf, was in dem Laboratorium der Medusa vor sich ging, welche Methoden er wohl erprobte, welche Elixiere und Stoffe er erwarb.

Lediglich auf einer persönlichen Ebene gewinnen wir einen kurzen, wenn auch verzerrten, Blick auf den Charakter dieser eigensinnigen Figur. Wir erfahren aus ihnen, welche Ausgrenzung dieser geniale Mensch erfahren haben muss, wie viel Furcht. Und eine Reihe an Daten und Orten, die auf Treffen mit wohlhabende Gönnern oder kleineren Expeditionen hindeuten. Mailand, Neapel, Rom und Venedig sind darunter, weswegen vermutet wird, einige Mitglieder der Oberschicht hätten entgegen den Ängsten der Zeit die Hilfe der Medusa in Anspruch genommen, um einen geliebten Menschen zu verwegigen., ganz ähnlich wie es der Signore Lombardo ein Jahrhundert später tat. Von ihnen nämlich sind uns die etwa drei Dutzend Stücke und Stückwerke erhalten, die zweifelsfrei mit der Medusa in Verbindung zu bringen sind.

Aber mehr nicht.

Das ist das ganze Leben der Medusa von Florenz: Eine Reihe von schwerlich verbundenen Episoden, einzelne Lichtwürfe in einer ansonsten alles verdeckenden Dunkelheit, ein enigmatischer Nachlass und eine Menge ungelöster Fragen.

Die sterbliche Hülle des Girolamo Segato, den wir die Medusa von Florenz nennen, starb im Februar des Jahres 1836 – vierundvierzig Jahre nach seiner Geburt – unter noch ungeklärten Umständen.