NStau. In einer Stadt von dieser Größe, die in gerade einhundert Jahren von fünf verschiedenen Regimen – teils einander widersprechend – nicht gerade sorgsam geplant worden war, war er keine Seltenheit. Vor allem nicht auf einer vielbefahrenen Straße wie der Skalitzer. Erhitzte Gemüter kühlten sich nur mühsam in der Abendluft ab, wie eine Dunstglocke hingen Abgase, Tabakrauch und Schweiß über dem Platz.

Jeder war frustriert von dem zähfließenden Verkehr, aber auch zu müde, um nach Feierabend etwas an der Ursache dafür zu ändern. Von ansonsten vier Spuren waren kurz vor dem Kottbusser Tor gerade einmal zwei benutzbar. Eineinhalb mehr, man musste auf den Mittelstreifen ausweichen und in der letzten halben Stunde ihrer Beobachtung hatte Maxine bereits mehrere Blechschäden gesehen.

Die restlichen zweieinhalb Spuren waren von Müllcontainern versperrt. Sie waren unauffällig, fügten sich nahtlos in das verwahrloste Bild der Menschenmengen, der Graffitis und der offen handelnden Drogendealer ein. Man hätte sie fast für einen Teil der Straße halten können, als ob sie immer dort stünden oder nur von besonders unachtsamen öffentlichen Dienern dort stehen gelassen wurden. Und tatsächlich fielen sie den meisten Anwohnern auch gar nicht mehr auf. Man hatte sich daran gewöhnt, dass solche Dinge öfter vorkamen, auch wenn man jeden Tag neuerlich darüber schimpfte. Wer es eilig hatte, umfuhr das Gebiet über die Prinzen- und dann die Oranienstraße.

Es war zu unordentlich, zu unorganisiert, die örtlichen Behörden zu überlastet und unterbesetzt, um

Max wusste es besser. Es war ein alter Trick, den sie selbst ein paar Mal benutzt hatte:

Auffällig genug, um die Lawine aus Blech zu unterbrechen, zu verlangsamen und kontrollierbar zu machen. Unauffällig genug, um nicht als zu offensichtlicher Widerstand zur Staatsgewalt zu gelten. Denn die wollte man hier unter keinen Umständen haben.

Der Platz war Sperrbezirk. Kontrolliert nicht von der Sicherheitspolizei oder irgendwelchen Gangs, sondern Männern wie Gyorgi. Gyorgi Ribor war der Hüne, der dort auf der gegenüberliegenden Straßenseite an einer der Säulen lehnte, die die S-Bahnschienen trugen. Bisher hatte er sie nicht gesehen, obwohl er den Verkehr intensiv beobachtete.

Sie wusste das, weil er noch nicht auf sie geschossen hatte.

Ihre Möglichkeiten waren leicht abzuwägen. Mit ihm sprechen fiel aus. Durch die Absperrung spazieren ebenfalls – selbst wenn er sie nicht bemerken würde, konnte sie nicht riskieren, einem der Anderen zu begegnen. Und dennoch war sie neugierig.

Heute Abend war mehr los als gewöhnlich. Die Absperrungen auf der Straße waren etwas dichter, die Mauern etwas dicker. Und auf dem Platz dahinter herrschte ein Gewirr, das sich am besten mit einem aufgebrachten Bienenstock vergleichen ließ. Alles summte und schrie durcheinander.

Gyorgi Ribor war der Bär, der eifersüchtig darum herum schlich, um seinen Vorrat an Honig zu verteidigen.

Wenn sie sich nur etwas geduldete, würde Max ihm dabei zu sehen können, wie er sich seinen Anteil holte. Und wer weiß, vielleicht konnte Sie ja noch etwas lernen? Wenn er nicht eingerostet war, seit ihrer letzten Lektion.

Sie musste nicht lange warten, bis Ribor seine Pranken in den Schwarm steckte, um seinen Anteil zu holen. Ein ausländischer Geschäftsmann mit einem Leihwagen fuhr vor. Selbst ohne das Logo auf der Seite hätte man erkannt, dass er nicht von hier war, denn mit so einem Wagen fuhr man einfach nicht in diese Gegend. Nicht, wenn man es derart eilig hatte, dass man beständig dem Fahrer ins Lenkrad griff, um den gefühllosen Stau anzuhupen. Scheinbar hatte er es eilig zu einem Termin zu kommen, der leider ohne ihn würde stattfinden müssen.

Ribor setzte sich nämlich in Bewegung. Für einen Mann seiner Größe bewegte er sich erstaunlich flink durch die Lawine aus Blech und Reifen, die sich durch das eineinhalbspurige Nadelöhr in Richtung Stadtrand zu quetschen versuchte. Kurz verlor Max ihn aus den Augen, als er um einen Lieferwagen herum schlich. Sie sank nach hinten in den Hofdurchgang, von dem aus sie das Geschehen beobachtet hatte. Ribor wechselte beinahe auf ihre Straßenseite und sie wollte ihm wirklich nicht dazwischen funken.

Der Bär lehnte sich gegen den Wagen des Geschäftsmannes. Er klopfte mit seinen Pranken auf das Dach, dass es die Insassen ordentlich durchrüttelte. Ein breites, zahnbewehrtes Grinsen und einige Gesten bewegten den Fahrer dazu, die Scheibe herunter zu kurbeln.

Dann ging alles ganz schnell. Fäuste flogen, Scheiben barsten. Zwei Minuten später zerrte Ribor den fremden Mann an der Krawatte durch die Türfenster. Seine Schreie gingen im Getummel beinahe vollständig unter, zwischen den Wagen und dem Lärm war das weitere Geschehen nur schwer auszumachen.

Den Rest musste Max auch gar nicht sehen, sie wusste, wie es weitergehen würde. Der Fahrer des Wagens würde Anzeige bei der Polizei erstatten. Und die würden den Fall zu den anderen legen. Zwei oder drei Tage später würde der Schlipsträger wieder am andern Ende der Stadt wieder auftauchen – zerzaust, etwas mitgenommen und schwer verwirrt, aber am Leben. Sein Bankkonto wäre um einige Tausender und was auch man ihm in dieser kurzen Zeit sonst noch abpressen konnte leichter. Und es wäre nicht aus ihm heraus zu bekommen, was genau geschehen war. Wen man anklagen sollte, auch wenn es nur zu gut bekannt war.

Max wusste es, weil einige dieser Fälle vor nicht allzu langer Zeit auf ihrem Schreibtisch gelandet waren. Bevor sie die Seiten gewechselt hatte.

Sie drehte sich um und schlich zurück durch die Hinterhöfe, raus aus dem Viertel. Ribor war nicht eingerostet und war, mit ziemlicher Sicherheit, der Mann, nach dem sie gesucht hatte.

Ein paar Tage brachte sie in ihrer eigenen Wohnung durch, nervös, ungeduldig, wieder und wieder ihren Plan durchgehend. Ihre Waffen kontrollierend. Alternativen abwägend. Aber es gab keine andere Möglichkeit. Keine andere Lösung, so sehr sie auch nach einer anderen suchte.

Nach drei Tagen riss ihr der Geduldsfaden. Inzwischen würde Ribor seinen Fang ausgepresst haben und war vermutlich auf einem Höhenflug. Entweder er versoff gerade einen großen Teil seiner Beute in irgendeinem Casino oder er hatte sich schöne Gesellschaft gekauft.

So oder so würde er dorthin zurück kehren, wo er sein Lager aufgeschlagen hatte: Ins Wildenstein.

Das Wildenstein war eine Art von Pension irgendwo im Dickicht der Stadt. Wobei Räuberhöhle das bessere Wort war. Eine üble Spelunke mit einigen Räumen für Stammgäste und Freunde des Hauses wie Ribor und einem Barmann, der keine Fragen stellte. Nicht einmal Max fragte er, die er trotzdem hin und wieder verstohlen ansah und überlegte, wo er ihr Gesicht schon einmal gesehen hatte.

Sie trank bis um zwei Uhr nachts. Dann wankte Ribor mit zwei Mädchen im Arm durch die Vordertür. Er benahm sich laut, ausgelassen, und machte kein Geheimnis daraus, dass er die Frauen mit aufs Zimmer nahm. In den frühen Morgenstunden kamen die zwei wieder hinunter, Ribor blieb oben. Max gab ihm eine weitere knappe Stunde träume.

Mehr nicht.

Sie zahlte ihre Rechnung in bar und ging durch die Vordertür, nur um durch den Hintereingang wieder in die Pension zu kommen. Man hatte das Schloss in den letzten Jahren nicht gewechselt, ihr Schlüssel passte noch. Sie fand Ribors Zimmer leicht genug, im zweiten Stock, das mit den Prankenabdrücken im Türrahmen und dem ohrenbetäubenden Schnarchen dahinter.

An dieser Tür fummelte sie ein wenig länger, aber kaum mehr als zwei Minuten. Im Wildenstein zahlte man für Diskretion, nicht für Sicherheit.

Ribor lag im zerwühlten Bett, alle Viere von sich gestreckt, und knurrte in sein Kissen. Selbst im Schlaf sah er bissig aus. Er war gut einen Kopf größer als sie und beinahe dreimal so schwer. Überhaupt bestand Gyorgi Ribor nur aus Muskeln, Pelz und Schrapnell.

Max krallte ihre Finger so hart um ihre Pistole, dass ihre Knöchel weiß anliefen. Sie wollte das nicht tun. Es gab eine Million anderer Dinge, die sie lieber täte, als in dieses Loch zurück zu kriechen. Zu diesem Leben. Zu ihm.

Aber jetzt war es zu spät. Sie hatte ein Problem, das gelöst werden musste.

„Wach auf, verfickte Scheiße“, brüllte Sie und trat mit ihren Stiefeln gegen das Bettgestell. Es schepperte, ohrenbetäubend.

Der Berg von einem Mann sprang auf, schneller als Max reagieren konnte. Er schleuderte ihr die Decke entgegen, sie versuchte auszuweichen, wischte sie mit ihrem freien Arm beiseite. Doch er kurze Augenblick hatte ihm gereicht. Als sie wieder freien Blick hatte, stand Ribor neben dem Bett, in der Hand eine Škorpion: Eine hässliche kleine Maschinenpistole, die ihr Magazin in unbedeutend mehr als zwei Sekunden verpumpte und neben seinem Bett gehangen hatte.

Ihr Lauf war aus etwa zwei Metern Entfernung auf Maxines Kopf gerichtet.

Sie leckte sich über die Lippen. Starrte Ribor in die Augen. Auch, weil er beinahe nackt war und sie diese Bilder lieber nicht im Kopf haben wollte.

„Ich will nur reden“, sagte sie.

„Reden wir. Mit einer Pistole in der Hand.“

Es war das erste Mal, dass Maxine ihn wieder sprechen hörte, seit sie ihn verfolgte. Ribor hatte einen Akzent so dick und eine Stimme so tief, dass die zwei Mädchen von vorhin ihre Finger wie in Fell hätten verkrallen können.

Sie hielt ihre eigene Waffe auf ihn gerichtet.

Vielleicht könnte sie ihn erledigen. Vielleicht würde er sich die Kugeln aus dem Pelz schütteln und sie mit bloßen Händen erwürgen. Aber sie brauchte Antworten von ihm.

Aber es war zwecklos, nachsichtig zu sein. Max hatte genug davon, diese Fleischberge zu unterschätzen.

Der letzte Kerl, den sie aus dieser Entfernung erschossen hatte, war ein wenig kleiner als Ribor gewesen und nicht ganz so muskulös. Und trotzdem war er einfach wieder aufgestanden. Auch, wenn Ribor wahrscheinlich nicht wie Stephan Beiß einfach betrügen würde, was die Regeln der Sterblichkeit anging.

Ribor bleckte die Zähne. Sie waren hässlich: Gelb von Nikotin und Kaffee, breit und abgestumpft von einer Diät die hauptsächlich aus Fleisch und Brot bestand.

„Du bist nicht hier, um mich zu verhaften.“

Es war eine Feststellung, keine Frage. Ein Blinder konnte sehen, dass sie in Zivil hier war und sich nicht ausgewiesen hatte.

„Ich bin allein“, sagte sie.

„Was für ein Trick ist das?“

„Ribor…“

„Fischer“, sagte Ribor. „Georg Fischer. Anderer Name, deutscher Name, ist besser für Geschäft.“

Max zog eine Augenbraue hoch. Ihr Serbisch war etwas eingerostet, eigentlich nicht existent, aber sie wusste, was sein Name bedeutete.

„Gyorgi Ribor und Georg Fischer ist der exakt selbe Name.“

Ribor zuckte die Schultern, ohne die Mündung seiner MP von ihr zu nehmen.

„Ist guter Name“, sagte er.

„Fein. Fischer, ich bin nicht offiziell hier. Ich bin nicht mehr bei der KriPo, tatsächlich. Arbeite wieder allein. Fast.“

Ribor grinste das zahnbewehrte Grinsen, mit dem er seit jeher seine Aggressionen überdeckte. Üblicherweise kurz, bevor er diese auslebte. Nicht, dass es ihn freundlicher wirken ließ.

„Heißt nicht, dass du mich erschießen kannst. Also. Schon, könntest du. Ist aber immer noch illegal. Und ich hab immer noch Freunde bei der KriPo. Und es gibt keinen Deal, wenn du mich erlegst.“

Bei diesem Satz legte sich Ribors Stirn erst in Falten, dann leuchtete sein Gesicht auf.

„Du willst, dass ich wen töte? Ausgerechnet du?“

„Was? Nein. Niemanden.“ Max schüttelte den Kopf. „Ich glaube nicht, dass du könntest, selbst wenn du wolltest.“

„Schade. Könnte Geld gebrauchen. Die Bruchbude stinkt. Das Kind ist krank.“

„Du hast kein Kind.“

„Das Kind meiner Schwester, Zuhause in der alten Heimat.“

„Du hast keine Schwester.“

Ribor zuckte mit den Schultern. Er bewegte sich anstandslos von einer bedeutungslosen Unwahrheit zur nächsten.

„Du willst reden? Gut, ich rede gern. Reden wir. Aber unten. Wie Menschen, nicht wie Tiere. Angezogen, bei Kaffee und Schnaps.“

Maxine zögerte. Sie sah zum Lauf seiner Waffe

„Ich werde nicht schießen. Schau“, sagte Ribor und schlang sich den Riemen seiner Maschinenpistole um den Unterarm, sodass die Mündung von ihr weg deutete, auf die Wand. Er könnte reagieren, wenn sie schoss, er hatte eben erst bewiesen, wie schnell er trotz seiner Masse sein konnte. Aber er würde sie nicht sofort erschießen.
„Du willst reden? Reden wir“, sagte er. „Du willst danach noch schießen? Dann schießen wir. Aber erst nach dem Frühstück. Ich habe Hunger und mein Schädel singt garstig.“

Max ließ ihre Waffe sinken und seufzte. Aus irgendeinem Grund kam ihr das schlimmer vor als ihre Befürchtungen.

Zehn Minuten später setzte sich ‚Georg Fischer‘ zu Maxine an einen der Tische unten in der Bar. Das Wildenstein schloss eigentlich nie seine Türen und verfügte über eine schmuddelige, aber ausreichende Küche, um zu jeder Tageszeit zumindest etwas vorsetzen zu können.

„Kaffee. Und Essen“, knurrte Ribor, als der Barmann zur Bestellung vorbei kam. Er kommentierte weder Max‘ neuerliches Erscheinen noch ihre Bekanntschaft mit Ribor, sondern sah sie nur auffordernd an.

Maxine nickte. Sie nahm das selbe.

„Und Schnaps!“, brüllte Ribor dem Barmann hinterher. Aus seiner Hemdtasche zog er eine zerknitterte Zigarettenschachtel und zündete ihnen beiden an. Max verzog die Lippen zu einem schmalen Lächeln und überlegte kurz, ob sie ihm ein paar Schmerztabletten anbieten sollte. Stattdessen rauchte sie und beobachtete ihn dabei, wie er abwechselnd rauchte, trank und große Mengen gebratene Wurst, Bohnen, Toast und Eier in sich hinein stopfte.

Sie schätzte, dass ein Mann seiner Statur einiges an Essen verdrücken konnte. Aber nicht so viel, wie er hier bestellte und in sich hinein stopfte. Das hier war Ribor, wie er sie ausnahm, weil er wahrscheinlich seit einigen Tagen nicht vernünftig gegessen hatte – oder jedenfalls nicht regelmäßig – und sie ihn technisch gesehen eingeladen hatte.

Max akzeptierte das als ihren Einsatz für die Verhandlungen. Außerdem bezahlte Beiß die Rechnung und er konnte in irgendeiner Gasse ausbluten, soweit es sie betraf.

„Du bist immer noch sauer, hm?“

Ribor warf ihr einen giftigen Blick zu, der sein joviales Gehabe als eine Maske entlarvte.

„Du hast uns verraten“, sagte er und wurde plötzlich ganz leise. „Bist abgehauen.“

Max schüttelte den Kopf.

„Ich hab meinen eigenen Arsch gerettet, Gyo…Georg. Du hättest das gleiche getan. Du weißt es und ich weiß es. Lass den Moralapostel stecken.“

„Und schau, wohin es dich gebracht hat, ein braves Mädchen sein zu wollen. Wieder zu mir.“

„Ich hab‘s versucht, Georg. Hab‘s wirklich versucht.“

„Hat nicht funktioniert,?“

„Unehrenhaft entlassen worden. Bin nicht mit den Regeln klar gekommen, hab fast einen umgebracht.“

„Hah!“

Ribors Lachen war ein beißendes, lautes Geräusch, das gleichermaßen ein Ausdruck von Freude wie eine Einschüchterungstaktik war.

„War er schuldig?“

„Wie die Sünde selbst.“

Ribor zuckte wieder mit den Schultern.

„Dann hast du recht gehandelt. Regeln sollen helfen nicht hindern.“

„Du bist auch schuldig“, gab Max zu Bedenken.

„Mein Gewissen ist ruhig. Ich tue alles nur für meine Familie.“

„Du hast keine Familie. Und selbst, wenn sie noch leben, hast du mit denen seit dem Kosovo kein Wort mehr gewechselt.“

„Ich hab dich,“ sagte Ribor und überging, dass er sie vor nicht einer halben Stunde noch erschießen wollte.

„Hast du den Kleinen noch einmal gesehen?“, fragte er. „Den Thommy?“

Max biss sich auf die Lippen. Nickte dann.

„Tot.“

Ribor zog die Augenbraue tief in die Stirn. Er hob das Schnapsglas.

„Auf Thommy. Auf Yussuf. Auf Jakob. Auf die Gefallenen!“

„Auf die Gefallenen“, murmelte Max und stieß mit Ribor an.

Anisschnaps. Irgendeine billige Plörre, die der Besitzer der Spelunke wahrscheinlich selbst in der Badewanne zusammen geschüttet hatte. Aber er brannte ihr den faulen Geschmack aus dem Mund, der sie die halbe Nacht begleitet hatte.

„Ich brauch deine Hilfe“, sagte Max schließlich. Sie hob die Hände. „Du sollst niemanden töten. Und es nicht aus Nächstenliebe tun. Ich zahle. Ich zahle sehr gut.“

„Wie viel?“, fragte Fischer.

„Zehntausend“, spekulierte Max.

„Zu wenig.“

„Du weißt nicht einmal, worum es geht“, sagte Max mit einem schiefen Lächeln.

„Egal. Für dich ist es zu wenig. Du hast mich verletzt. Nicht nur, weil du mich dort zurückgelassen hast. Weil du ohne ein Wort zu sagen verschwunden bist. Aber gut. Sag mir, was du brauchst. Dann hörst du meinen Preis.“

„Ich muss etwas stehlen. Ich kann dir nicht sagen, was es ist oder weshalb ich es brauche. Aber ich brauche deine Hilfe dabei, weil ich es alleine nicht schaffe. Weil es… Weil es eine Kragenweite zu groß für mich ist, oder drei.“

Ribor drückte seine Zigarette in den Überresten seines Käsetoasts aus. Er musterte sie, von oben bis unten. Ein kühler, distanzierter Blick, den sie von sich selbst kannte. Auf einmal fühlte sie sich wieder jung und als würde er ihre Kleidung beurteilen.
„Nein.“

„Einfach so? Nein?“, fragte Max. Es war schlimmer, als hätte er sie in den Magen geschlagen. Sie fühlte Übelkeit in sich aufsteigen.

„Einfach so“, sagte er. „Ich liebe dich, Kleine, wie die Tochter, die ich in der Heimat lassen musste. Aber nein. Ich bin nicht dumm. Ich lebe gut genug. Ich brauche nicht das Geld – nicht gerade jetzt. Und was du willst ist schlecht. Sehr schlecht. Jetzt sieh dich an. Du kommst hierher mit neuem Geld und neuen Problem und du denkst, ich tausche das eine gegen das andere. Aber ich habe auch Stolz. Ich meine, was ich gesagt habe: Du hast mich verletzt.

Nein, lass mich reden. Das ist wichtig. Mir ist egal, dass du zu den Bullen bist. Mich interessiert nicht, dass du ehrlich sein wolltest. So ehrlich, wie einer wie wir sein kann. Ich war das auch einmal, ich habe es dir erzählt? Ja, eure Bücher nennen es Verbrechen. Ich nenne es Pflicht. Aber ich weiß, dass Regeln grausam sein können. Sinnlos. Aber du wolltest mir nicht glauben. Du bist gegangen, weil du alles besser wusstest. Und jetzt sieh dich an, Puppe: Jetzt hast du dich verheddert in deinen Fäden.“


Darauf wurde Max still. Was sagte man auch zu so etwas? Was konnte sie sagen, das nicht wie eine Lüge klang oder eine Ausrede.

Sie biss sich auf die Unterlippe, goss sich ein weiteres Glas von dem Schnaps ein und stürzte es hinunter, ohne es ihre Zunge berühren zu lassen.

„Du denkst falsch von mir. Ich bin nicht mehr das egoistische kleine Mädchen, das du einmal kanntest. Ich bin hier, Gyorgi, weil ich wegen eines anderen Hilfe brauche. Es ist kompliziert. Alles ist so verdammt kompliziert geworden. Deswegen kann ich es nicht erklären. Ich wüsste nicht, wo ich beginnen sollte. Aber ich schulde einem… Monster ein Leben. Es hat einen Freund von mir gehen lassen, im Austausch gegen ein Leben. Meines. Deswegen brauche ich deine Hilfe um zu stehlen, was ich stehlen muss. Weil es die Schuld zurück zahlen könnte, die ich für den Freund auf mich genommen habe.“

Sie konnte sehen, dass es in Ribor kochte. Trotz der verschränkten Arme, trotz der aufeinander gepressten Kiefer und des harten Blicks, sah sie ihm deutlich seine innere Unruhe an. Er schwankte zwischen der Entscheidung, ihr eine Ohrfeige oder eine Umarmung zu geben.

„Vielleicht“, sagte er nach einer Weile, die Max wie eine Ewigkeit vorkam, „vielleicht ist mein nein kein nein, sondern ein vielleicht. Wenn du erklärst. Aber langsam, denn mein Kopf dröhnt.“