Das Grauenhafte und das Lächerliche liegen oft nahe beieinander. Beide verzerren sie das Erwartete, lassen es unerwartet scheinen und fordern eine Reaktion, die unmittelbar ist. Viszeral. Für Balthasar war die Verbindung dieser Gefühle das Groteske: Eine Maske, die mal komisch, mal fürchterlich erscheinen konnte, je nach Perspektive und Abstand zu ihr.

Und sein Leben war in letzter Zeit eine immer demütigendere Abfolge von Grotesken.

Das jedenfalls war der Gedanke, der ihm durch den Kopf ging, während ihm ein Lachen den Oberkörper schüttelte. Es war schon irgendwie komisch. Grotesk, eigentlich, was für ihn nahe genug an komisch war, um zu lachen.

Vor ihm lag eine Grube von etwa zwei Metern Tiefe, die er in den letzten Stunden ausgehoben hatte. Eine Grube, die seinen Informationen zufolge die sterblichen Überreste eines Mannes enthalten sollte, denen er mittlerweile seit Jahren hinterher jagte. Ein Herr „Luzius Agathe Prisko“ sollte dort beerdigt liegen seit unbestimmter Zeit. Das Todesjahr auf dem Grabstein war allerdings – nicht von ihm – mit einer Hacke heraus geschlagen worden war, so dass nur die letzte Zahl, die sieben, erkenntlich war.

Nur war der gute Luzius seltsam abwesend, denn das Grab enthielt nichts.Weniger als Nichts tatsächlich, denn die Leere verspottete ihn. Balthasar wischte sich den Schweiß aus den Augen. Er hatte den Sarg gefunden und soeben mit dem Spaten geöffnet. Das verrottende Holz hatte leicht nachgegeben, es war ohnehin schon an manchen Stellen weg gefault und war vor der drückenden Graberde eingebrochen.

Aber zwischen den Brocken von Erde und dem verschimmelten Samtkissen befand sich… Nichts. Nur auf dem Sargdeckel, dort glänzte etwas. Balthasar stieß den Spaten in die Erde, bückte sich und zerrte das zerbrochene Holz hervor. Mit groben Bewegungen fegte er den Schmutz herunter und zog unmittelbar eine Grimasse, als er die Inschrift darauf las. In filigraner Silberschrift prankte dort: „Hanc nec molum nec sepulchrum. Sed omnia. Scit et nescit cui posuerit.“

Es war wirklich grotesk, fand Balthasar. Er warf den Deckel zurück in den Sarg, gab ihm einen ordentlichen Tritt, dass das morsche Holz knackte.

Wie oft fand man schon ein Grab für jemanden, den es gar nicht gab?

Die Inschrift verspottete ihn, ebenso wie die Leere. Er kannte sie nur zu gut, weil sie seit gut vier Jahrhunderten eine Art Visitenkarte für Scharlatane aller Art war, die behaupteten, eine Lösung für das letzte Rätsel des Menschen gefunden zu haben. Wie diese umgab sie sich mit Mysterium, mit Schall und Rauch und Illusionen, deutete Tiefen an, wo es nur die flachesten Bedeutungen gab – und verlangte eine Antwort auf ungestellte Fragen. Und normalerweise bereitete es ihm große Freude, diesen Irrsinn im großen Gebäude der Wissenschaft zu suchen und – wie jener fremde Vandale, der das Todesjahr auf dem Grab heraus geschlagen hatte – von den Wänden zu reißen.

Aber nur dieses eine Mal fand Balthasar keine Kraft dazu.

Für den Augenblick war er mit seinem Latein wirklich und wahrhaft am Ende.

Es war, als ob die Toten sich erheben würden. Nun, nicht die Toten in ihrer Gesamtheit. Der Rest des Friedhofs ruhte in Frieden und Balthasar war sicher, wenn er jedes beliebige andere Grab geöffnet hätte, würde er dort die Überreste eines Menschen vorfinden. Oder seinetwegen auch eines liebgewonnenen Tieres wie des verehrten Katers Murrs. Oder dem berüchtigten Magnaten und Nekromanten Donnermark dessen Enkelkinder heute noch wichtige Leute der Stadt waren.

Zu dumm, dass Balthasar unter den hunderten Gräbern nur dieses hier interessierte. Und das war leer. Dieser eine Tote jedenfalls schien sich jedes Mal, wenn Balthasar seiner letzten Ruhestätte nur nahe genug kam, zu erheben und einen neuen Fleck als Grab auszusuchen.

Dieses hier war mittlerweile das vierte, das er in den Jahren seiner Jagd geöffnet hatte. Und es war – entgegen aller Vernunft – noch leerer als die vorherigen drei.

Balthasar seufzte und stieß so viel Luft aus seinen Lungen, wie er nur konnte. Er schoss einige Fotos, als Beweis für seine eigenen Recherchen, und achtete sehr darauf, den Grabstein und die Sarginschrift mit im Bild zu haben.

„Lucius Agatho Priscus“, las Balthasar noch einmal und warf die Schaufel aus der Grube hinaus.

„Immerhin lügt die Inschrift nicht. Das hier ist kein Grabmal und kein Mausoleum. Und es weiß auch nicht, wem es eigentlich gewidmet ist. Zu dumm, dass ich es weiß.“

Balthasar wollte sich gerade aus der Grube hieven, als ein Schatten sich über den Mond legte. Er blinzelte aus der Dunkelheit hinauf und spannte sich augenblicklich an.

Dort oben am Rand des Grabes stand jemand und sah zu ihm hinunter. Sein Turnschuh nur einen Tritt von Balthasars Schädel entfernt, sein Gesicht unter einer Kapuze und dem Gegenlicht verborgen.
Einen Augenblick lang starrten Balthasar und der Schatten sich nur an, ohne etwas zu erkennen. Dann richtete Balthasar den Strahl seiner Taschenlampe in die Höhe und leuchtete dem Schatten ins Gesicht. Es war ein Mann – ausgemergelt, bleich – der die Hände aus den Taschen nahm und sich vor das Gesicht hielt.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte Balthasar aus dem Grab hinaus.

„Sie können mit der Lampe woanders hin leuchten.“

Die Stimme des Fremden war angenehm, fast einnehmend. Ein sonoriges Schnurren, dass Balthasar unwillkürlich an den Kater Murr erinnerte.

„Danke, aber ich sehe gerne, mit wem ich es zu tun habe“, sagte Balthasar. „Vor allem mitten in der Nacht.“

„Seltsam, ich auch.“

„Dumm nur, dass sie schon verdächtig sind und ich die Taschenlampe habe.“

Balthasar sah das Blitzen weißer Zähne, dann ein Grinsen.

„Sie steigen doch gerade aus dem Grab auf.“

„Tu ich wohl“, sagte Balthasar und zuckte mit den Schultern, „aber was geht Sie das an? Ist ja nicht Ihres.“

„Nein, aber das eines Verwandten.“

Das ließ Balthasar aufhorchen. Er zog eine Augenbraue nach oben, spottete:

„Ein Verwandter von wem? Luzius Agathe Prisko? Tut mir leid Sie zu enttäuschen, aber ihren Verwandten gibt es nicht. Gab es nicht.“

„Ich werde ja wohl wissen, mit wem ich verwandt bin.“

„Vielleicht. Aber nicht mit dem hier.“

Balthasar ließ die Taschenlampe sinken, ohne sie auszuschalten. Ohne wäre es in der Grube finster gewesen. „Gehen Sie mal ein Stück zur Seite“, sagte er und sein unerwarteter Besuch trat wirklich einen Schritt zurück. Balthasar nahm die zwei Schritt Anlauf, die ihm die enge Grube gestattete, und kletterte auf der Fußseite hinaus.

Oben angekommen klopfte er sich die Hände und die Hosen ab, an denen sich der feuchte Schmutz gesammelt hatte.

„Lucius Agatho Priscius ist eine geschichtliche Witzfigur“, erklärte er dem überrascht dreinschauenden Fremden. „Er taucht in einer angeblichen Grabinschrift aus dem sechzehnten Jahrhundert, nahe Bologna, auf. Als Gatte einer Aelia Laelia Crispis, die es ebenfalls nie gegeben hat. Sie sei weder Mann noch Frau noch Zwitter, weder Kind noch Jugendlicher noch Greisin und dergleichen paradoxer Unsinn mehr. Es ist ein alchemistischer Witz, fürchte ich. Und derjenige, der sich dieses Grab hier hat errichten lassen, fand diesen Witz über Gebühr amüsant.“

„Sie nicht?“, fragte der Fremde.

„Nein. Nein, nicht wirklich. Ich habe meine ganze Nacht für diesen dummen Witz verschwendet. Also“, sagte Balthasar und verschränkte die Arme. „sind Sie keinesfalls mit einem Mann verwandt, den es gar nie gegeben hat. Wer sind Sie wirklich?“

Der Mann antwortete nicht auf seine Frage, sondern sah stattdessen unbestimmt über die Landschaft. Der Friedhof war weitläufig, mehr ein Waldpark denn ein gepflegter Garten, und seit etwas über vierzig Jahren auch nicht mehr in Gebrauch. Balthasar fiel auf, dass er und der Mann etwa im selben Alter sein mussten. Nur dass sich der Andere weniger gut gehalten hatte. Er wirkte krank, ausgezehrt.

„Sie sind Wissenschaftler? Historiker?“, fragte er, aber ohne Balthasar wirklich anzublicken.

Balthasar zuckte mit den Schultern.

„Sicher, wenn Sie wollen. Historiker, Archäologe und Teilzeit Grabräuber. Ich jage die Vergangenheit und ihre Geheimnisse, mein Freund, wo immer sie sich versteckt. Auch wenn sie sich üblicherweise nicht ganz so sehr versteckt wie das des guten Luzius‘ hier.“

Der Fremde nickte darauf hin. Seine Augen schimmerten im fahlen Mondlicht, als er endlich Balthasar ansah.

„Was dann wohl das Geheimnis des tatsächlichen Grabes von Friedrich Athanasius Roth wäre, korrekt?“

Balthasar spürte, wie er sich unwillkürlich anspannte. Der Fremde lächelte, hob die leeren Hände. Es war entwaffnend, aber trotzdem blieb Balthasar vorsichtig.


„Seien Sie unbesorgt, Doktor Grünberg, mich schert ihre Grabräuberei nicht. Ich bin eine Art von Fan von Ihnen. Ich bewundere Ihre Arbeit, so weit ich sie überhaupt verstehe natürlich nur. Aber Sie setzen sich über die Grenzen hinweg, die Ihnen kleinere Geister gesetzt haben. Das ist bewundernswert, meine ich.“

„Sie treffen mich in einer unglücklichen Situation. Sie scheinen sehr genau über mich informiert zu sein, während ich nicht einmal Ihren Namen kenne, Herr…“

„Roth. Franky Roth.“, sagte selbiger und streckte ihm die Hand hin.
Balthasar zögerte einen Augenblick, dann schlug er ein. Der Griff des Anderen war hart, unnachgiebig. Und irgendwie klamm.

„Sie haben wichtige Verwandtschaft.“

Roth zuckte mit den Schultern. Er griff nach der Schaufel zu seinen Füßen und begann damit, die dunkle Erde wieder in das Loch zu werfen.

Balthasar war dankbar für die Hilfe. Zwar war es noch nicht einmal Mitternacht und der Friedhofswärter würde erst am späten Vormittag seine Runde machen. Doch er war ausgelaugt, körperlich wie geistig, und von der Entwicklung des Abends überrumpelt. Er ließ sich auf dem entstellten Grabstein nieder und holte eine Trinkflasche aus seinem Rucksack.

„Was wollen Sie von mir?“, fragte er seinen Besucher.

„Das gleiche, wie sie: Die Wahrheit über Friedrich Roth. Er hat mir eine Villa hinterlassen. Gut – meine Mutter hat mir eine Villa hinterlassen, aber es war einmal seine. Und trotz allem habe ich keine Ahnung, wer der Mann war. Vermutlich weniger als sie.“

„Hmph“, grunzte Balthasar. Er war dazu übergegangen, sich mit einem Stück Stoff und Wasser aus der Trinkflasche das Gesicht und die Hände zu waschen. Er war ganz schwarz im Gesicht und an den Händen. „Wie haben Sie mich gefunden?“

„Ist das wichtig?“

„Etwas. Das heißt ich bin unvorsichtig geworden. Sie finden mich, andere finden mich auch. Ich arbeite aber gerne ungestört.“

Er erwähnte nicht, was er befürchtete, wie Roth ihn noch gefunden haben könnte. Warum er von einem leeren, geheimen Grab wissen konnte, dessen angeblicher Leichnam Balthasar seit Jahren unauffindbar schien. Aber er beobachtete Roth sehr genau.

Der lächelte ihm zwischen zwei Spatenstichen zu. Er überlegte kurz, ob er schweigen sollte, warf die Information dann aber in die Waagschale. Vielleicht, um guten Willen zu demonstrieren.

„Ich sagte ja: Ich bin mit dem Objekt Ihrer Suche verwandt, weiß aber nicht viel von ihm. Meine Mutter hat mir nach ihrem Tod eine Villa vermacht, von der ich nichts wusste. Ein altes Anwesen, das einmal ihm gehört haben soll – die Löwenvilla? Jedenfalls wurde ich neugierig, weil ich von diesem Teil meiner Familie noch nie gehört habe. Ich habe eine paar Nachforschungen angestellt, bin rasch auf Sie als Experte in dieser Sache gestoßen und habe versucht, sie ausfindig zu machen.

Einige Ihrer ehemaligen Kollegen an der Akademie waren recht hilfreich in ihren Tiraden über sie. Auch, wenn sie es vermutlich gar nicht sein wollten. Einer besonders hat mir weitergeholfen. Junger Kerl, etwa in unserem Alter, sehr wirr und wuschig, irgendwie. Wollte nichts von Ihnen wissen, zog über sie her und meinte, sie würden wohl das Grab eines.

Den Friedhof ausfindig machen und alle paar Nächte vorbei zu schauen war dann eine Kleinigkeit.

Balthasar verzog das Gesicht, lächelte bitter.

„Ich werde wirklich unvorsichtig“, sagte er und sah auf das sich füllende Grab hinunter.

Es war nicht das erste, das Balthasar je geöffnet hatte. Und nach allem, was er heute Nacht gefunden oder eher nicht gefunden hatte, würde es auch nicht das letzte sein.

Es war nicht einmal das erste Grab, das ohne Genehmigung oder Wissen der Behörden geöffnet hatte. Zu Beginn seiner Karriere – als er noch von der Finanzierung durch die Akademie abhängig war und sich um unbedeutende akademische Wahrheiten bemühte – hatte er noch Skrupel gehabt. Mit ihnen zusammen hatte er – soweit es seine geschätzten Kollegen betraf – auch den Anspruch auf Respekt abgelegt. Und war prompt aus der Akademie geworfen worden, unehrenhaft, und zu so einer Art von Schande für sie geworden.

Ihm war das recht. Für ihn war das Gebäude der Wissenschaft zu eng gebaut, ihm waren die verzierten Erkerchen und Ziertürmchen gleichgültig, die seine Kollegen dort anbauten. Für Balthasar zählte nur, was er im Keller an fast vergessenen Geheimnissen finden konnte. Dinge, die seine geschätzten Kollegen nur zu gerne vergessen hätten.

„Nun, Herr Roth, da sie meine Neugier befriedigt haben und sich als so hilfreich erweisen… Erklären Sie mir: Wie kann ich Ihnen helfen?“

„Wie ich sagte… Ich wüsste gerne mehr über meinen geheimnisvollen Vorfahren. Und ich könnte Hilfe dabei gebrauchen, einen eher… ungewöhnlichen Fund in der Villa zu begutachten. Zu verstehen.“

Balthasar fixierte ihn mit einem Blick, der ein Kaninchen an der Stelle aufgespießt hätte. Roth ließ sich aber nicht beirren und schaufelte weiter.

„Was meinen Sie? Was für einen ungewöhnlichen Fund?“

„Nun… Eine Art von Mausoleum. Es ist etwa mit diesem hier vergleichbar: Es macht keinen großen Sinn. Es gibt kein Grabmal, kein rechtes Grab. Nur eine große Bronzeplatte markiert den Platz. Und darauf steht auch nicht, wer dort eigentlich begraben liegt, aber auf der Platte ist ein komplexes Bild – eine Art Wappen, denke ich – eingelassen, das ich nicht enträtseln kann. Sie verstehen aber mehr von diesen Dingen als ich. Mir jedenfalls ist es unverständlich.“

Mitten in der Bewegung erstarrte Balthasar. Er ließ den mit Schmutz und Wasser durchtränkten Stoff sinken, wägte seine Antwort sehr vorsichtig ab. Er hatte von der Löwenvilla gehört, allerdings im Zusammenhang mit einem anderen Geheimnis, das vor ihm davon lief, einem gewissen Herrn von Löwenstern. Nur hatte er sie nie lokalisieren können. Genau wie die letzte Ruhestätte von Athanasius Roth.

„Und dieses Bild auf der Grabplatte…“, verlangte er zu wissen, „Was ist darauf abgebildet?“

„Ich denke wirklich, dass sie sich das selbst ansehen sollten, Herr Doktor. Ich kann es nicht recht beschreiben. Ich bin mir nicht einmal sicher, dass ich es wirklich sehen kann“, sagte Roth und lächelte wieder sein einnehmendes Lächeln. „Man muss es sehen, um es zu glauben.“