Der Schreibtisch war gerade groß genug, um die Hälfte des Folianten aufzufangen. Die andere Hälfte ragte darüber hinaus in einen schmalen, staubigen Gang und wurde von einer ermüdenden Hand getragen. Darüber krümmte sich ein Mann, der trotz seiner Jugend verhärmt aussah, und versuchte im Licht einer einzelnen Funzel die eng gesetzten Buchstaben zu erkennen. Auf seinem Schoß balancierte er sein eigenes Notizbuch und neben ihm auf einem Brett, das aus einem der Regale hinausragte, türmte sich ein halbes Dutzend weiterer Bücher.
Die letzte Stunde hatte er hektisch gekritzelt und notiert, sodass ihm beide Hände langsam taub und seine Notizen unleserlich wurden.

Endlich aber streckte Friedrich das Kreuz durch, dass es knirschte. Mit den Handballen rieb er sich die Augen, blinzelte heftig. Er schlug das Buch zu und bereute es augenblicklich. Hustenanfälle schüttelten ihn, ein, zwei Minuten lang, während derer er den Staub von Jahrzehnten aus der Lunge rotzte.

Dennoch: Dieses Buch hier war endlich das richtige, er war sicher. Er hatte es mehrfach überprüft und mit anderen Werken abgeglichen.

Nachdem er ausgehustet hatte, sortierte er die restlichen Werke wieder in ihre angestammten Plätze auf den Regalen. Das Liber Al vel legis. Der solomonische Schlüssel. Bestenfalls abergläubischer Unsinn, befand Friedrich. Schlechtestenfalls eine Zeitverschwendung. Aber sie alle bezogen sich hier und dort in verschlungenen Absätzen und Passagen auf ein einzelnes Kapitel. Ein Körnchen Wahrheit inmitten einer Wüste von Wahnsinn.

Und hier in diesem Folianten hatte er es gefunden: Ein Versprechen. Der Foliant konnte ihm vielleicht erklärlich machen, was ihm vor einigen Monaten widerfahren war und worauf er sich immer noch keinen Reim machen konnte.

Er umfasste ihn mit beiden Händen und hievte ihn vor die Brust gepresst nach vorne, aus dem hinteren Teil des Ladens hinaus. Es war schwer für ihn, seinen Weg zu finden. Zwischen den Regalen aus Eichenholz war nicht viel Platz und die Öllampen über seinem Kopf boten nur einen dünnen Lichtschein. Staub tanzte nicht so sehr zwischen den Reihen, als er vielmehr stand. Wie ein Nebel, durch den er sich Schritt für Schritt kämpfen musste, ohne den sicheren Weg zu kennen oder zu finden.

Der Einäugige hinter dem Tresen musterte ihn, wobei er den Kopf schief legen und wenden musste, um einen guten Blick auf ihn zu bekommen. Er wirkte wie ein Aasgeier mit einer milchigen Haut über seinem guten Auge, das Friedrich gierig anzustarren schien. Mit knorriger Hand pochte er auf den Ledereinband.

„Das steht nicht zum Verkauf“, knurrte er.

„Alles hier ist käuflich“, sagte Friedrich.

„Nicht für einen wie dich.“

Friedrich zog die Augenbrauen zusammen. Der Alte hatte ihm erst vor einigen Wochen bereitwillig genug einige andere Bücher verkauft, auch wenn er ihm Wucherpreise für ein paar Nachdrucke und Faksimiles abgeknöpft hatte. Nicht, dass Friedrich sich beschwerte – die Bücher hatten ihn schließlich zu diesem Band hier geführt. Und das war alles Geld der Welt wert.

„Und was für eine Sorte Mensch wäre das?“, fragte er.

„Die junge und gierige Sorte. Dies Buch ist alt, Junge, und gefährlich. Ich hab es selbst dem Verrotten entrissen, da warst du noch weniger als ein gieriges Funkeln im Auge deines Vaters. Das Laboratorium Chymicum ist keine Kleinigkeit, Jungchen. Es gehört nicht in Kinderhände, die damit nicht umzugehen wissen. Oder schlimmer: Die es verwenden wollen, um vor ihren übermäßig gebildeten und unmäßig verständigen Freunden anzugeben damit.“

Friedrich schüttelte den Kopf. „Ich will dieses Buch. Um jeden Preis.“ Er griff in die Innentasche seines Mantels, wie um seinen Geldbeutel hervor zu holen. Der Alte packte ihn am Handgelenk, Krallenhände bohrten sich ihm ins Fleisch. Ruckartig wurde er über den Tresen gezerrt. So nahe an den Alten, dass er dessen fauligen Atem riechen konnte.

„Ich will dein Geld nicht. Kein Geld der Welt kann aufwiegen, wie mein Gewissen mich quälen wird, wenn ich es dir gebe. Kein Geld der Welt.“

Friedrich starrte ihm in das eine Auge. Es widerte ihn an, obwohl er schon ekelhaftere Dinge in seinem Leben gesehen hatte. Obwohl der Mann selbst vermutlich nicht einmal etwas für die Infektion konnte, die die Hälfte seines Gesichts zerfressen und ihn das rechte Auge gekostet hatte.

„Ich brauche dieses Buch“, sagte Friedrich. Er wusste, wie er klang: Verzweifelt. Ängstlich. Aber es war die Wahrheit. Er brauchte es, wie er noch nie etwas in seinem Leben gebraucht hatte.

„Wozu?“, fragte der Alte. „Weshalb sollte ein junger Bursche sich freiwillig in diese Abgründe niederlassen?“

Mit der freien Hand deutete Friedrich auf die Öllampen über ihnen, die das Kellergewölbe in gerade genug Licht tauchten, um zwischen den tanzenden Schatten den Verkaufstresen ausmachen zu können. Es stank nach Staub und Trockenheit. Selbst der Alte hatte eine Haut wie Reisig.

„Der selbe Grund, aus dem alles hier brennbar ist, Alter: Aus Selbstschutz.“

In dem einen Auge des Alten tauchte so etwas wie Neugier auf. Seine Klaue ließ von Friedrich ab und der zog seine Hand wieder aus der Tasche. Darin hielt er einen mittlerweile angelaufenen und zerknitterten Zeitungsartikel, aus dünnem Papier, das bei der leisesten Berührung riss. Wieder und wieder hatte er ihn gefaltet und entfaltet, sorgfältig entlang der gekniffenen Falzen, dass das Papier sich fast weigerte, seine Form zu verlassen.

„Schutz vor ihr“, sagte Friedrich und hielt dem Alten mit spitzen Fingern den Zeitungsartikel hin.

Der Alte ergriff das Papier, entfaltete es geschickt und hielt es dicht vor seine Augen, verbog sich, um im schummrigen Licht die kleinen Buchstaben sehen zu können. Friedrich beobachtete ihn dabei, wie er las. Er kannte den Artikel auswendig, von der reißerischen Schlagzeile bis zum pathetischen Schlusssatz. Er kannte ihn, weil er die Hauptrolle darin spielte. Und er wusste mittlerweile, bei welchen Stellen der richtige Leser die Augen aufriss, wann er ihm der Atem stocke oder er ihn mit zweifelnden Augen ansah.

Der Alte las schnell oder aber er kannte den groben Inhalt bereits, denn nach nur kurzer Zeit ließ er das Papier wieder sinken.

„Friedrich Andersen?“, fragte er.

„Derselbe.“

Der Alte starrte ihn weiter an, immer in das selbe, das rechte Auge, ohne zu blinzeln. Ohne eine Regung zu zeigen. Als sähe er ihn zum ersten Mal wirklich an. Als wäge er seine eigene Menschlichkeit gegen die Friedrichs ab.

„Nimm es,“ sagte der Alte schließlich. „Nimm es und verschwinde.“

Friedrich sah hinunter zu dem Buch, dann zu ihm. Er leckte sich über die Lippen.

„Wieviel?“

„Nichts. Dein Leben gehört bereits einer Anderen. Nimm es. Ich hole es mir, wenn alles vorbei ist.“


Friedrich öffnete den Mund, wie um etwas zu sagen, um auf einen Preis zu bestehen, auf eine Art von Bezahlung. Dann blickte er zu dem Folianten hinunter, der in altes, brüchiges Leder gebunden war und Jahrzehnte in irgendeinem Regal verbracht hatte. Ihn überkam ein Gefühl von Endgültigkeit, das ihm die Nackenhaare aufstellte.

Wenn alles vorbei ist. Das hieß nichts weiter als: Nach dem Tod – ob durch ihre Hände oder den Zahn der Zeit. So, wie der Alte es wohl von seinem vorherigen Besitzer erstanden hatte.

Hektisch schlug Friedrich das Buch in Wachstuch ein, nickte dem Alten ein letztes Mal dankend zu, dann verschwand er durch die Türe, hinaus in die Stadt.

Das Soavita war ein kleiner, unscheinbarer Laden in einem Kellergeschoss tief in den Eingeweiden der Altstadt. Um es her war eine Großstadt gewachsen, waren Hochhäuser aus dem Boden geschossen und hatten sich in den Himmel geschraubt. Nur das Soavita selbst war der Zeit entkommen. Früher hatte es im Untergeschoss eines mittelalterlichen Häuschens gestanden. Zertretene, rußgeschwärzte Stufen führten durch einen winzigen Eingang, an dem sich auch der kleinste noch den Kopf stieß, hinunter in den Keller eines windschiefen Fachwerkhauses. Von diesem stand nur noch das Fundament und das Soavita – der Rest war von modernen Bauten aus Stahl und Glas ersetzt worden.

Draußen schlug Friedrich eine milde, fast warme Nachmittagsluft entgegen. Die Sonne stach ihm nach der langen Dunkelheit in den Augen und der sanfte Hintergrundlärm der Straße raubte ihm kurz die Orientierung. Er blinzelte verwirrt in den Frühling, sackte einen Moment gegen die Häuserwand.

Früher war ihm der Winter am liebsten gewesen. Aber mittlerweile begrüßte ihn das junge Jahr mit einer Wärme und Helligkeit, die ihm Schutz versprach. Wenigstens vor den Dingen, die da in der Nacht lauerten und sich nicht ins Tageslicht wagten. Er genoss die Sonne für einige wenige Sekunden. Dann schreckte er hoch. Vor Einbruch der Dämmerung musste er in seiner Wohnung sein.

Er presste das Buch an sich, wie einer, der sich im Sturm an einen Baum klammert, um nicht davon geweht zu werden. Das würde seine Rettung sein, oder ein Schutz. Er hatte die alten Seiten ein dutzend Mal gelesen, wieder und wieder gegen andere Quellen geprüft. All die anderen Scharlatane – von Crowley bis von Junzt – waren sich einige: Das Laboratorium Chymicum enthielt in seiner ersten Fassung ein Kapitel, das Pierre Borels dunkelstem Werk entnommen worden war. Ein Kapitel, das in allen späteren Fassungen entfernt und aus den meisten Erstausgaben heraus gebrannt worden war. Es war ein recht wichtiges Kapitelchen. Denn alle die Scharlatane und Trickbetrüger waren sich einer einzigen Weisheit sehr sicher, die sie endlos herunter leierten:

„Beschwöre nicht, was du nicht wieder nieder werfen kannst.“

Aber keiner von Ihnen ließ sich darüber aus, wie man wieder los würde, was man einmal beschworen hatte.

Oder wie man etwas beschwor, was das anging.

Friedrich hastete durch die Straßen, bis er die nächste Hauptstraße fand. Eine dreispurige Allee, die sich durch einen guten Teil der Stadt schnitt wie ein Fluss durch die Landschaft. Er warf sich in das nächstbeste Taxi.

„In die K.-straße bitte, Nummer Zwölf. Fahren sie ruhig über die C.-allee, dort dauert es etwas länger, aber ich brauche ein wenig Ruhe.“

Kaum ein Jahr zuvor hätte Friedrich sich für wahnsinnig gehalten. Tatsächlich war er sogar jetzt noch überzeugt davon, wahnsinnig zu sein. Aber hier war er. Überzeugt, das richtige zu tun, hatte er sich doch darauf eingelassen, der Sache auf den Grund zu gehen. Nicht einfach sein Leben zu verschwenden, obwohl er kurz davor gewesen war, sich in den Abgrund der künstlerischen Aufarbeitung seiner Verbrechen zu begeben.

Er hatte mit seinem Therapeuten darüber gesprochen und die Möglichkeit durchaus in Betracht gezogen: Er hätte den Weg der meisten umstrittenen Künstler gehen können und sein Trauma ausstellen können in Filmen und Büchern und sich für seinen Mut verehren und verachten lassen können.

Doch der Gedanke widerstrebte ihm. Er wollte sich nicht vor Fremden entblößen und nicht aus seinem Elend Profit schlagen. Damit hätte er ihm Macht über sich eingeräumt.

Also blieb ihm nur, sich dieser Sache aktiv anzunehmen.

Er balancierte das Buch auf dem Schoss, griff sein Notizbuch heraus und öffnete es auf der ersten Seite, dem Deckblatt. Dort hatte er sein Mantra festgehalten – die gekürzte Fassung dieses Zeitungsartikels und anderer Aussagen, die er bei Polizei und Presse in den letzten Monaten getätigt hatte. Um nicht zu vergessen. Um nicht umzudeuten und falsch zu erinnern, was ihn wohl überhaupt erst in seinen Wahnsinn trieb.

Seine Lippen bewegten sich, als er mit glasigem Blick die Worte las, die er sich täglich mehrfach vor Augen führte. Das war Teil des Rituals: Er musste ihnen mit seinem Körper Realität geben, er musste sie aussprechen.

„Mein Name ist Friedrich Andersen und ich liebte einst eine Zauberin.

Im Juli des Jahres 20XX stahl ich den Kopf des Herrn Murnau vom Stahnsdorfer Friedhof.

Im Mai des nächsten Jahres erschlug ich aus Liebe meinen besten Freund.

Seitdem ruhen die Toten nicht mehr in ihren Gräbern.“

Friedrich sah von seiner Vergangenheit auf und aus dem Fenster.

Das Taxi wurde langsamer, draußen erkannte er das Wohnviertel, das ihm langsam immer vertrauter wurde. Er lebte erst seit einigen Wochen dort, aber die Gegend gefiel ihm immer mehr. Es gab ein niedliches kleines Café direkt an der Ecke, von dem aus er den vorüber fließenden Verkehr beobachten und über seinen Büchern brüten und Skizzen und Glyphen anfertigen konnte, ohne von der Bedienung gestört zu werden. Und niemand kannte ihn dort oder beachtete ihn groß, wenn er in seiner Nische beim Kamin saß. Dann kam seine Wohnung in Sicht.

Friedrich warf dem Fahrer einiges abgezähltes Kleingeld in die Hände.

Oben angekommen würde er sofort damit beginnen, das chymische Laboratorium zu dekodieren. Er war sicher, hiermit den Durchbruch erzielen zu können, wenigstens einen kleinen. Dieses Mal würde ein Zirkel funktionieren, dieses Mal würde er endlich die Vergangenheit zu Grabe tragen können.

Beinahe in Gedanken verloren ließ er einen Blick über die konfuse Masse von Fußgängern schweifen, die auf der Straße vorbei wogte. Es war eine belebte Gegend, eine modische, das war einer der Gründe, weswegen er hierher gezogen war. Hier konnte er rasch in der Menge untergehen, wenn es sein musste, einfach verschwinden.

Wie vom Blitz getroffen sprang Friedrich zurück in das Taxi. Er packte den Fahrer an der Schulter, schüttelte ihn nach Leibeskräften und schrie:

„Fahren Sie, fahren Sie, Mann! Egal wohin, fort, nur fort von hier!“

Sein Herz raste, es hämmerte ihm im Hals und in der Schläfe, als würde es ihm den Schädel sprengen wollen. Wie ein Ertrinkender klammerte er sich an die Lehne des Fahrers, der ängstlich immer wieder über die Schulter zu ihm blickte, als fürchte er, von Friedrich attackiert zu werden.

Der aber presste das Buch enger an seine Brust und starrte angespannt aus der Rückscheibe des Wagens. Unendlich langsam schob das Taxi sich die Straße entlang, unendlich langsam entfernte sich seine Wohnung immer mehr von ihm, geriet immer weiter in den Hintergrund der Stadt. Es war die dritte dieses Jahr, in die er sich nie mehr selbst hinein trauen würde. Nicht, wenn sie gefunden worden war.

Seine Lippen murmelten ganz ohne sein Zutun die Worte seines Mantras.

„Seitdem ruhen die Toten nicht mehr“, flüsterte er und beobachtete, wie das aufgedunsene Gesicht von Karl Längenfeld in der Masse verschwand. Er hatte ihn ganz deutlich gesehen, dort mitten im Eingang zu Friedrichs Stiegenhaus. Bleich und von gärenden Säften aufgeschwemmt. Mit einer deformierten Schläfe, dort wo Friedrich ihm mit einem Ziegelstein den Schädel eingeschlagen hatte.

Und mit einem hungrigen Grinsen im zerschundenen Gesicht.