Max zwang sich, zurück in die Wohnung zu gehen und die Tür hinter sich zu schließen. Es kostete sie Überwindung, nicht einfach ihren Instinkten nachzugeben und den einfachen Ausweg zu wählen – über das Geländer der Terrasse.

Sie sah zur Eingangstür. Es klang, als hämmerte jemand mit einem Rammbock darauf ein. Max erschütterte unter den Hieben, aber sie verstand nichts, was draußen geredet wurde. In der Lobby fand sie eine Konsole, eine Gegensprechanlage mit Video.

Ein gutes Dutzend Männer stand dort herum. Vier von ihnen benutzten einen Feuerlöscher als eine Art improvisierten Rammbock, um damit auf das Türschloss einzuhämmern.

Der Rest hielten Schusswaffen in den Händen und war bereit, in die Wohnung zu stürmen.

Die Videoqualität war zu schlecht, um Details an Beiß auszumachen – aber er stand und bellte Befehle. An sich ein Ding der Unmöglichkeit mit fünf Kugeln im Leib. Auf den Bandagen, die man ihm um Brust und Oberarm gewickelt hatte, bildeten sich dunkle Flecken. Sie glänzten, als wären sie nass.

Max ging in den Salon zurück.
Sie waren gefangen zwischen Hammer und Amboss. Hinter ihnen Beiß. Sie hatte gesehen, wie ihm jemand größere Stücken Hartholz ins Gesicht geschlagen hatte. Sie hatte ihm mehrfach in den Rücken geschossen. Nichts schien ihn aufzuhalten und sie zweifelte daran, dass es dieses Mal anders laufen würde.

Und über ihnen… über ihnen hielt sie nur ein unangenehmes Gefühl zurück.

Sie nahm Sebastian die Pistole ab, entsicherte sie.

„Wir nehmen den Weg, den Thommy gefunden hat. Hier können wir nicht bleiben. Zu schlecht zu verteidigen, zu offen. Sebastian du übernimmst Halbwachs. Wenn er Anstalten macht, Beiß zu unterstützen… Nimmst du das Messer.“

Thommy führte sie zu dem verborgenen Durchgang. Regelmäßige Erschütterungen dröhnten durch die halbe Etage, durch die hohen Räume des Penthouse.

Der Durchgang befand sich in der Bibliothek – natürlich – hinter einem Bücherregal, das sich nicht groß von den anderen unterschied. Es war ein Loch, das direkt in einen lichtlosen Schacht im Beton führte, in dem sich eine kleine Wendeltreppe nach oben wand. In das aller oberste Stockwerk. Das echte Nest. Thommy behauptete ihn gefunden zu haben, als er sämtliche Bücher aus den Regalen gerissen und durch den Raum geworfen hatte.

Max hatte keine Zeit, über seinen Bücherhass zu urteilen und folgte hindurch.

Halbwachs war bereits bei der Erwähnung des Durchganges unruhig geworden. Er wollte protestieren, wollte sich durch den Knebel hindurch bemerkbar machen. Als sie in der Bibliothek ankamen, wehrte er sich aus Leibeskräften gegen Sebastian und bäumte sich auf. Er wollte nicht durch dieses Loch – und warf sich auf den Boden, trat um sich, um nicht dort hinein zu müssen.

Sie ließen ihn zurück und schlossen den geheimen Durchgang hinter sich.

Auf der Wendeltreppe war es eng und stickig und heiß. Kein Lufthauch ging. Es war, als hätte es hier niemals Luft gegeben. Die Atmosphäre lastete ihnen auf der Brust und Max spürte, wie Thommy vor ihr in der Dunkelheit hustete. Seine Brust bebte unter den Anfällen. Zeit streckte sich endlos bei ihrem Aufstieg, obwohl sie kaum mehr als zwei Minuten dafür gebraucht haben konnten.

Als sie die Treppe verließen, brannte das kalte Licht der LEDs ihnen in den Augen. Nach der kurzen, aber vollständigen Finsternis schien es ihnen unnatürlich von der Decke hinab. Das Trio löste sich voneinander, traute sich aber nicht weiter in die geheime Zuflucht hinein.

Es war still dort oben. Selbst ihr Atem wirkte gedämpft, weil keiner von ihnen wirklich zu atmen wagte. Nur in ihren Köpfen hörten sie alle noch dieses Rauschen. Wie von tausend Flügeln, die irgendwo weiter hinten ihren Ursprung haben mussten.

Max war die erste, die einen Schritt in das Areal hinein machte. Die Durchgänge und die Wände sahen so aus wie in der unteren Etage, wie im Penthouse von Halbwachs: mit Gips modellierte Säulen und Wände, Durchgänge, die breit genug für eine Kutsche oder ein Auto gewesen wären. Nur, dass es hier kein Tageslicht gab und keine Fenster, durch die es hätte kommen können.

Vor ihnen gingen drei Gänge ab.

In einem davon sah sie etwas an den Wänden glitzern und ging darauf zu. Sie hatten nicht viel Zeit. Beiß würde bald schon durch die Eingangstür brechen – wenn Halbwachs ihn nicht schon eingelassen hatte – und den geheimen Durchgang bald öffnen. Selbst, wenn er sich wie der Verwalter einfach weigern sollte, den Durchgang zu betreten: Max musste einen Ausgang finden. Einen Ausgang finden oder sterben.

Das Licht im ersten Raum schaltete sich an, als Max ihn betrat. Sie erstarrte. Hinter sich hörte sie Sebastian nach Luft schnappen. Sie verstand, warum. Sie hatte die Male an seinem Hals und auf seiner Brust gesehen. Sie war sicher, auch bei sich ein oder zwei zu finden.

Der Raum war voller Insekten. Dutzende Brutkästen waren an den Wänden aufgereiht. Schmale Glasbehälter mit Wärmelampen, in denen unzählige Larven und Kokons sich nebeneinander auf kleine Bäumchen reihten. Die selben stachligen, übergroßen Insekten, vor denen sie sich in ihren Träumen ekelte. Die von Haubenreißer und Sebastian gefressen hatten, die den gesamten Wohnkomplex verseuchten.

Max näherte sich einem der Terrarien. Sie entdeckte Fetzen von Haut und Fleisch, die auf dem Sand herum lagen. Dünne, weiße Partikel staken daraus hervor, wie Teile von Knochen. Neben ihr griff sich Sebastian an den Hals. Die Insekten saßen zum Teil auf den Kokons auf, zum Teil klebten sie an den Wänden. Sie hatten zu viele Gliedmaßen, zu viele Mäuler und Rüssel und Stachel und ähnelten keiner Spezies, die Max je gesehen hatte. Sie waren zu groß, zu missgestaltet.

„Wir müssen sie verbrennen“, flüsterte Sebastian.

Ein Flattern schwebte durch die Glaskästen. Eines nach dem anderen schlugen die Kreaturen ihre Flügel, wurden unruhig in ihren Käfigen.

Dann barsten sie von den Wänden. Hunderte. Tausende von ihnen, wie ein Schwarm Fledermäuse, die in ihrer Bruthöhle gestört worden waren, kreisten sie um sie, setzten sich ihnen auf die Wangen und Hände. Stechend, beißend, summend in allen widerlichen Tonlagen. Maxine warf sich auf den Boden, kauerte sich unter einen der Tische, betete, dass es bald vorbei wäre. Sie fühlte, wie die Viecher ihr die Reste des Blutes von der Haut pickten.

„Ich habe mich gefragt, wie lange ihr wohl hier hinauf brauchen würdet. Länger als erwartet jedenfalls. Dann wieder seid ihr aus eigenem Willen hier.“

Max begrub ihren Kopf unter ihren Armen, versuchte ihr Gesicht zu schützen. Sie kannte diese Stimme. Sie kannte sie aus ihren Alpträumen, aus den schlaflosen Nächten der letzten Monate, noch bevor sie hierher gekommen war. Und besonders aus den letzten Tagen: Sie war das Flüstern, das sie in ihrem Hinterkopf begleitet hatte. Die Stimme in aller Deutlichkeit zu hören, verursachte ihr Übelkeit.

Es war eine Stimme aus tausend Quellen, übertragen vom Schlagen tausender Flügel, ihre Frequenz und Höhe von tausend Insekten so moduliert, dass sie wie eine menschliche Stimme klang.

Eine Stimme, die Legion war.

Auf ein geheimes Zeichen stob der Schwarm auseinander. Er flog noch, aber einen guten Meter über ihren Köpfen, knapp unterhalb der Decke – und, als Max sich umdrehte, auch hinter ihnen. Der Weg zurück war versperrt. Vor ihnen gähnte ein weiteres schwarzes Maul im Beton.

„Tretet ein“, flüsterte die Dunkelheit. „Kommt in das Innerste meines Nestes und seid willkommen als meine Gäste. Nicht so schüchtern.“

Max kroch weiter nach vorn. Sie klammerte sich an ihre Waffe, als ob die etwas ausrichten könnte. Was brachte eine Pistole dagegen, wenn sie nicht einmal Beiß töten konnte? Was würde ein Messer bringen?

Vor ihnen, hinter dem ersten Gang mit den Terrarien, lag ein Empfangszimmer. Ein gewöhnliches, vielleicht etwas teurer eingerichtetes. Eine Reihe von Klubsofas und -sesseln, ähnlich wie die von Halbwachs, und Beistelltischchen. Geschmackvoll, wenn auch düster eingerichtet. Die Betonwände waren nackt, der Teppich schwarz, die Sitze dunkelbraun.

Es war leer bis auf diese Möbel.

Und eine Frau.

Eine Frau mit honigblonden Haaren und gelben Augen, saß dort mit übergeschlagenen Beinen und gefalteten Händen.


Max riss die Pistole in die Höhe, zielte auf die Brust der Frau. Fünf Kugeln. Vielleicht genug. Gerade genug.

„Oh bitte. Du konntest Stephan damit nicht töten und er ist nur der Floh, der sich von meinem Blut ernährt.“ Die Frau lächelte. „Ich bin der Wolf.“

Irgendetwas an ihr kam Max bekannt vor. Sie konnte die Augen nicht von ihr nehmen, zermarterte sich das Hirn. Aber sie kam nicht drauf. Es war wie eine Lücke in ihrem Gedächtnis, ein schwarzer Fleck in ihrer Erinnerung, den sie nicht in den Blick bekam.

Plötzlich spürte sie einen Stoß im Rücken, einen Schlag in die Kniekehlen, dann gegen die Hand. Die Waffe fiel zu Boden. Jemand packte ihre Haare, zerrte ihren Kopf nach hinten, und legte ein Messer an ihre Kehle.

Max sah in das verzerrte Gesicht von Thommy.

„Ich bin euren Träumen gefolgt, meine Königin“, plapperte er, seine Stimme heiß und heiser, „ich habe euren Willen in meinen Träumen gesehen. Die Mörderin und den Jungen bringe ich euch, wie verlangt. Segnet mich, segnet mich mit eurem Blut, damit ich jeden Morgen euren Namen preise!“

Die Frau zog eine Augenbraue und einen Mundwinkel in die Höhe.

„Überaus tapfer von dir.“ Ihr Blick war Eis. Sie hob eine Hand, machte eine wegwerfende Bewegung. Das Geräusch von tausend Flügeln brach in den Raum ein.

Max würde sich immer an Thommys Schreie erinnern, als sie ihn wegtrugen.

Sie blieb auf ihren Knien.

Sie sah sich nach Sebastian um. Der Junge war katatonisch. Er hockte hinter ihr, zusammen gekauert an der Wand, und starrte mit großen Augen zu der Frau hinüber. Er erinnerte sich an sie. Er wusste, wer sie war. Wie Thommy, wie… Wie jeder im Nest hatte er sie in seinen Fieberträumen gesehen. In der Substanz, die er genommen hatte. V.

Max wandte sich dem Monster in Menschengestalt vor ihr wieder zu. Zumindest verdiente sie Antworten, bevor es mit ihr zu Ende ging.

„Was willst du von uns? Weswegen sind wir hier?“

„Mein Name ist Melissa. Erinnerst du dich an mich?“

Max starrte sie an. Nichts. Sie hatte das Gefühl, dass sie sich erinnern müsste. Dass dort irgendetwas war. Aber wann immer sie danach griff, wann immer sie ihre Gedanken nach dieser Erinnerung ausstreckte, entwich sie ihr. Sie schüttelte den Kopf.

Die Frau – Melissa – schnaubte. „Eines muss ich dem alten Mann lassen, er war echt gründlich, was dein Gedächtnis angeht. Du erinnerst dich schon noch daran, weshalb dein ganzes Leben den Bach runter gegangen ist, oder Maxine? Wie du hierher gekommen bist, als Privatermittlerin?“

„Nicht“, sagte Max und schüttelte den Kopf. „Nicht Maxine. So nennt mich meine Mutter. Das bin ich lange nicht mehr. Max. Immer nur Max.“ Sie seufzte. „Ich weiß nicht mehr. Was zählt das jetzt?“

„Versuch, dich zu erinnern, Max. Bitte.“

Wieder schüttelte sie den Kopf.

„Ich weiß nicht. Ich… ich versuche, mich zu erinnern, aber da ist ein Loch, als ob ich es wissen müsste, aber nicht weiß. Nicht… nicht wie eine vergessene Erinnerung, sondern eine gestohlene. Ich… ich glaube, ich habe einen Mann geschlagen, einen Verdächtigen. Was zählt das schon? Sie schulden mir eine Antwort, was…“

„Einen Dreck schulde ich dir!“ Melissa zischte plötzlich. „Du hast dich an mir vergangen, Max. Du hast dich an mir vergangen und jemanden getötet, der mir gehört hat, der mein Blut und Eigentum war. Du hast mich eine Wette gekostet. Ich. Hasse. Verlieren.“

Beinahe hätte Max aufgelacht.

„Rache also. Einfach nur Rache“, sagte sie.

Melissa nickte. Sie sank zurück in die Kissen ihres Sofas. Ihr höflicher aber distanzierter Ausdruck kehrte zurück. Eine Maske, unter der sie die Bestie verbarg.

„Nur Blut kann Blut reinwaschen“, sagte Melissa.

„Was ist mit dem Jungen?“

„Er kümmert mich nicht. Aber er gehört mir, so wie alles hier in diesen Türmen. Was hast du im Tausch gegen ihn anzubieten?“

Endlich verstand Max, was Sebastian ihr die ganze Zeit gesagt hatte.

Es war kein Nest für sie und ihn oder irgendjemand anderen. Sie waren das Ungeziefer, das sich im Bau von etwas anderem, größerem herum trieb. Und das war sie. Die Spinne, das Ungeheuer, das seine Fäden spann. Und sie hierher gelockt hatte.

Sie nickte, biss sich auf die Lippen.

„Nichts“, sagte sie. „Nur mich.“

„Dein Leben schuldest du mir bereits. Im Tausch für den Mann, den du getötet hast.“

Max sah zu Sebastian, zu dem blutigem Fleck, der die Seite seines Pullovers bedeckte. Und zu der kleinen Narbe von einer schweren Schusswunde darunter, die eine Phiole von V geheilt hatte.

Und Max wusste, woher die Substanz kam.

Sie sah zu der Frau. In ihren Augen funkelte die Gier, gelb und ungeduldig.

„Dann ein anderes Leben. Ein weiteres. Segne… Segne mich und ich…“ Max würgte. Alles in ihr schrie nach Flucht, aber ihre Beine gehorchten ihr nicht. „Ich werde dir dienen. Zwei Leben lang.“

„Wer nur ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt“, sagte Melissa. „Du bist ein guter Mensch, Maxine Schwarzbrunn.“ Ihr Tonfall war höhnisch. Sie zuckte mit den Schultern, als wäre es eine Gleichgültigkeit, die sie besprachen. „Abgemacht“, sagte sie und blickte zu Sebastian.

„Sebastian Corveaux, du kannst gehen. Niemand wird dich aufhalten, ich schwöre es.

Einen letzten Rat gebe ich dir mit: Kehre nach Hause zurück. Kehre zu deinem langweiligen Vater zurück. Dort wirst du Frieden finden. Hier bist du nichts als Futter. Andre sind nicht so milde.“

Eine neuerliche Bewegung ihrer Hand und der Strudel aus Insekten hinter ihnen, der Gang nach unten, öffnete sich.

Sebastian schreckte aus seiner Starre erst auf, als sein Name genannt wurde. Sein Blick zitterte, als er auf Melissa fiel, als weigerten sich seine Augen, sie sehen zu wollen. Er kroch zu Max hinüber, umarmte sie. Er drückte ihre Hand, ganz fest, und nickte. Dann rannte er, rannte so schnell seine Beine ihn trugen.

Max hoffte nur, dass der Kult in den anderen Stockwerken die Nachricht bekommen würde.

Und dann setzte sie sich an den Tisch, um mit dem Teufel ihren Pakt auszuhandeln.

ENDE