Der Weg war ein Spießrutenlauf, das Nest ein einziges Labyrinth in drei Dimensionen. Die Architektur des Komplexes war so verrückt wie seine Bewohner. Treppen endeten ab einem gewissen Punkt manchmal ganz willkürlich in Sackgassen oder beschrieb nach nur einem Absatz einen Bogen zurück zu ihrem Ausgangspunkt. Nur eine von sieben auf einer Etage führte tatsächlich weiter als zwei Stockwerke hinauf. Und je weiter nach oben sie im Turm kamen, desto weniger Wohnungen gab es, desto größer mussten sie sein. Und desto irrer wurden die Gänge. Wie Spiralen wanden sie sich umeinander und kreuzten sich ohne ersichtlichen Grund.

Beide Türme des Komplexes waren in sechs Segmente gegliedert, durch sie sich leichter kontrollieren ließen. Alle vier oder fünf Stockwerke gab es nur einen einzigen breiten Treppenaufgang, der aus diesem Abschnitt in den nächsten oder vorherigen führte.

Alles hier schien nur mit der Absicht errichtet worden zu sein, Besucher in die Irre laufen zu lassen.

Aber es gab Max genug Gelegenheiten, um den vereinzelten Menschen auszuweichen, die sich am frühen Abend noch in den oberen Stockwerken herum trieben. Besser war es, keinem zu begegnen.

Sebastian kannte sich im oberen Drittel nicht aus, er war nie bis in den Kult selbst vorgestoßen, der die obersten Stockwerke besetzt hielt. Halbwachs war unkooperativ, also schlich Max mit den beiden im Schlepptau langsam und unruhig durch die obersten Stockwerke eines enormen Komplexes, der beinahe wie ausgestorben wirkte.

Die Ruhe machte sie nur noch nervöser. Unter ihnen lauerte Beiß, das wusste sie. Wenn Sie er wäre, würde sie die einzelnen Abschnitte abriegeln und Stockwerk für Stockwerk von unten nach oben reinigen. Bis er sie in die Enge getrieben hatte.

Beim ersten Engpass nach oben hatten sie Glück. Sie erreichten die zwanzigste Etage ohne irgendjemandem zu begegnen. Entweder Beiß‘ Handlanger hatten den Aufgang noch nicht erreicht, oder… Oder man stellte ihnen eine Falle.

Die nächsten vier Etagen nahmen sie über einen Zeitraum, der Max wie eine Ewigkeit vorkam. Sie schoben sich zu dritt langsam durch die Gänge. Halbwachs, geknebelt und gefesselt, vorneweg. Hinter ihm die verstoßene Polizistin mit der Waffe in seinem Nacken und den Enden seines Knebels in der anderen Hand. Hinter ihr Sebastian, der regelmäßig einen Blick über die Schulter warf. Wann immer sie an einem Fenster vorbei kamen und Max einen Blick hinaus werfen konnte, erechrak sie etwas.

Der Himmel draußen war noch immer Orange und Lila und Rot in allen Farben des Sonnenuntergangs.

Sie verbrachten nicht viel Zeit hier, sie verrann nur langsamer und zäher als anderswo. Wie die Substanz, die Sebastian sein zweites Leben geschenkt hatte.

Erst in Etage vierundzwanzig trafen sie auf ein Hindernis, das sie nicht umgehen konnten.

Handlanger von Beiß oder Mitglieder der Bande oder des Kultes oder wo auch immer sie hier herein geraten waren. Drei von ihnen hatten den Aufgang ins letzte Segment verbarrikadiert. Ein Schreibtisch war quer über den Gang gelegt worden, so dass sie nicht einfach an ihnen vorbei und hinauf rennen konnten. Dahinter hockten zwei von ihnen. Der dritte, eine Frau mit zottigen Haaren und bulliger Statur, stand etwas abseits. Möglich, dass die Treppe hinauf noch mehr warteten.

Max duckte sich hinter die Ecke. Sie hielt Halbwachs fest im Griff, damit er nicht einfach losstürmen würde. Aber er verhielt sich erstaunlich ruhig.

Sie hatte keine Waffen bei den dreien gesehen, aber das konnte täuschen. Bei Beiß hatte sie den gleichen Fehler gemacht und war von ihm überrascht worden. Die Kerle trugen alle recht weite Kleidung und konnten leicht Schlagwaffen oder Messer darin verbergen. Oder Pistolen. Und sie hatte nur noch zwei Kugeln im Magazin. Nicht genug, um Halbwachs unter Kontrolle zu halten und sich eine längere Schießerei zu liefern. Nicht einmal genug für eine kurze.

Ein Sturmangriff fiel damit aus.

Und sie hatte kein V mehr für eine Wunderheilung.

„Vorschläge?“, fragte Sebastian. Er hatte nur einen kurzen Blick an Max vorbei auf die Gruppe erhascht, aber er kannte ihre Chancen. Er hatte sie am eigenen Leib erfahren, selbst wenn er nicht verstand, wie und wieso seine Verletzung wie durch Zauberei geheilt worden war.

Max schüttelte den Kopf. Sie kniff die Augen zusammen.

Der Tag war so lang, so unendlich lang. Sie wollte ausruhen. Nur für einen Augenblick die Augen schließen und in ihren Träumen an einen schöneren Ort fliehen. Mehr wollte sie nicht.

In ihren Ohren dröhnte es wieder, stärker als je zuvor. Näher. Als wären die tausenden Insekten, deren Flügelschlag sie in letzter immer wieder und wieder hörte, jetzt direkt neben ihr.

Ihr war als könnte sie ein Flüstern darin ausmachen. Eine dünne, zärtliche Stimme, die sie ermunterte, ihren Instinkten zu vertrauen.

Max zuckte aus ihrem Sekundenschlaf hoch.

„Einen“, sagte sie dann.

Sie übergab Halbwachs an Sebastian. „Zähl bis fünfzig. Dann gehst du den Gang hinunter, immer auf die Barrikade zu. Bleib stehen, bevor du sie erreichst und halte dich hinter ihm. Halt sie beschäftigt. Halte Sie irgendwie am Reden, okay?“

Sebastian sah nervös zu dem größeren Mann, den er wie an einer Kandarre hielt.

„Und wenn die zu schießen anfangen? Und wenn er wegrennt?“

„Werden sie nicht“, versicherte Max. „und wird er nicht, wenn er nicht in den Kugelhagel rennen will. Halt dich einfach hinter ihm, dann schießen die nicht.“

Max ging den Weg zurück, den sie gekommen waren. Der Gang, der zum Treppenaufgang führte, hatte zwei Zugänge. Einen auf der Seite, von der aus sich Sebastian gleich nähern würde. Und einen zweiten auf der Rückseite, der zwar von der selben Barrikade versperrt war… der aber im rechten Winkel abging. Von dem aus sie die Sperre flankieren konnte.

Als sie gerade an diesem Gang angekommen war, musste Sebastian um die Ecke gebogen sein. Einer der Männer rief etwa aus, deutete den Gang hinab. Das Trio zog tatsächlich seine Waffen. Die Männer hatten Stichwaffen, ein Küchenmesser und ein Jagdmesser, wie es aussah. Die Frau zog eine Pistole. Unschlüssig deutete sie damit in Richtung von Sebastian. Sie konnte nicht einfach drauf los schießen, ohne Halbwachs zu treffen. Und sicherlich war sie nur über eine Frau – Maxine Schwarzbrunn – informiert worden und nicht über Sebastian, der vor einer Stunde noch an einer Schusswunde gestorben war.


Die Frau rief etwas, das Max in dem verzerrten Echo der Gänge nicht verstand. Mit der Waffe deutete sie in Richtung von Sebastian, mit der anderen Hand gestikulierte sie ihren Leuten, nach vorn zu gehen.

„Ich will verhandeln!“, brüllte Sebastian.

Die Frau zögerte, sah zu ihren Männern. Für nur einen Augenblick ließ sie die Waffe sinken.

Max sprintete nach vorne, hielt sich dicht am Boden. Die Frau sah sie aus dem Augenwinkel, wirbelte herum. Max drückte ab. Zwei Schüsse, zwei Treffer. Blut und Schreie. Dann war sie über der Frau, entwand ihr die Pistole. Einer der Männer überwand seinen Schock, sprang nach vorne und fing sich eine Kugel im Bauch dafür ein. Max zog sich zurück in den anderen Gang. Zu unsicher. Sie hatte gesehen, was eine Phiole mit V bei Sebastian angestellt hatte – und sie wusste nicht, ob die höherrangigen Schläger von Beiß und Mitglieder des Kults regelmäßig Zugang zu dem Zeug hatten.

Max presste sich an die Wand im Gang. Vor ihr auf der Kreuzung lagen zwei Körper. Die Frau verblutete. Sie schien tot zu sein. Ihr fehlte ein Teil des Halses und des rechten Wangenknochen. Zwei kleine Kugeln hatten die Knochen zerschmettert. Der eine Mann krümmte sich vor Schmerz und versuchte sein sprudelndes Blut aufzuhalten. Aber er kam nicht auf die Beine und griff nicht nach seiner Waffe.
Der Dritte – ein schlaksiger Junge, kaum älter als Sebastian – stand mit einem Küchenmesser in der Hand zwischen ihnen. Seine Augen huschten von Max zu Sebastian und der Geisel, wieder zurück. Er machte einen Schritt zurück, weg von den anderen Beiden, und hob langsam die Hände. Das Messer fiel dumpf auf den Boden.

Maxine zögerte. Sie war nicht hier, um auf Unschuldige zu schießen. Sebastian umrundete vorsichtig das Trio. Die zwei Blutenden auf dem Boden und den jungen Mann, der aufgegeben hatte.

„Wir müssen weiter“, sagte er er zu ihr. Sie haderte. Mit sich selbst. Mit der Waffe in ihren Händen.

„Ich weiß“, sagte sie.

„Wenn er Beiß kontaktiert…“, sagte Sebastian.

Max presste die Lippen aufeinander. Sie nickte. Und zerschoss dem Schläger die Kniescheiben. Er würde nirgendwo hin gehen.

Als sie die Kreuzung vor dem Treppenaufgang betrat, hörte sie ein Wimmern. Eines, das von keinem der drei Verletzten vor ihnen kam. Sondern aus der Dunkelheit unter dem Treppeabsatz. Max duckte sich an die Barrikade. Sie richtete die Waffe auf die Nische.

„Ich zähle bis drei“, sagte sie. Ihre Stimme erschreckte sie selbst ein wenig. Sie klang unwirklich, fremd. Wie eine harte, fremde Stimme, die alles das tat, was getan werden musste, wozu sie selbst sich nicht in der Lage gesehen hätte. „Dann komme ich rein und schieße. Oder du kommst vorher raus und wir reden.“
Nicht sehr überzeugend, nachdem sie eben einem Gefangenen das Knie zertrümmert hatte. Sie schob den Gedanken beiseite. Zweifeln konnte sie morgen.

„Eins“, blaffte sie.

Hände kamen aus dem Dunkeln und zogen einen Körper hinter sich her.

„Nicht! Nicht, ich bin‘s!“

Thommy. Thomas ‚Thommy‘ Leucht. Max ließ die Waffe sinken. Einen Moment lang starrte sie ihn an. Dann sprintete sie nach vorne. Sie drückte ihn härter an sich, als sie erwartet hätte.

In seinen Augen sah sie die Reste von Irrsinn flackern. Der selbe durchdringende Blick, den sie bei anderen gesehen hatte. Bei Sebastian und selbst bei Halbwachs. Dieser Blick, der nicht von dieser Welt war und der eine Ahnung davon vermittelte, das dort mehr war, als nur das Sichtbare.

„Man, ich hab mir Sorgen gemacht“, sagte Thommy und schob sie von sich weg.
Sein Lächeln verschwand, als er ihre Hände sah. Das Blut, das ihr bis zu den Ellenbogen geronnen war. Und das den halben Pullover und die Hose von Sebastian durchtränkt hatte. Das Blut des Jungen. Und der drei Menschen, die sie eben erschossen hatte.

„Was machst du hier?“, fragte Max.

„Nachdem du meinen neuen Boss erschossen hast“, sagte Thommy und zwang sich, den Blick in ihr Gesicht zu richten. Auch dort war Blut, wurde Max plötzlich bewusst. Spuren von Blut und Schweiß und Tränen, wo sie sich unwillkürlich im Gesicht berührt hatte. „Nachdem du auf ihn geschossen hast, haben sie mir als deinem Komplizen nicht mehr so recht vertraut. Die drei da sollten mich nach oben bringen, damit Beiß mich verhören kann, sobald er die Suche organisiert hat. Haben nur angehalten, um den Engpass zu verbarrikadieren.“

Max schnaubte. „So viel zur Wiedergeburt durch die Taufe, wie Halbwachs?“

Thommy verzog das Gesicht, wich ihrem Blick aus.

„Ich hätte auf dich hören sollen“, sagte er. „Hätte auf dich hören und abhauen sollen.“

Max umarmte ihn noch einmal. Sie war überrumpelt von wirren Gefühlen, aber jetzt war keine Zeit dafür. Sie musste weiter, weiter, höher in diesem Termitenhügel.

„Dafür ist es noch nicht zu spät“, sagte sie. „Bei Halbwachs im Penthouse gibt es einen Aufzug, bis ganz nach unten. Wir müssen nur dort hin kommen.“

„Oben wird es vor Sicherheitskräften wimmeln. Ihr kommt da nie durch.“

„Wenn du uns hilfst, schon“, sagte Sebastian. Er hatte sich mit Halbwachs nach vorne geschoben. „Du bist einer von denen, oder? Vielleicht hat Beiß ihnen noch nicht Bescheid gesagt. Weder dass du dabei bist, noch dass du unter Beobachtung stehst. So oder so: Dein einziger Ausweg ist mit uns.“

Thommy biss sich auf die Unterlippe.

„Gut. Ich hab‘ eine Idee.“, sagte er und begann, Halbwachs die Fesseln zu lösen. Max fuhr ihm dazwischen.

„Was zum Teufel tust du da?“

„Du hast von dem Kopfgeld gehört, oder? Also tun wir so, als wärst du die Gefangene von mir und Sebastian. Dazu muss Halbwachs frei sein, sonst fällt das Spiel auf. Er wird nicht schreien. Oder, Boss? Keine Sorge. Er wird bestimmt ganz friedlich und aus eigenem freien Willen mitspielen, ja?“

Max starrte Thommy an, als hätte er wie alle anderen hier den Verstand verloren, und dann ihre Geisel. „Wieso zur Hölle sollte er da mitspielen?“, fragte sie.

Thommy lächelte ihr zu. Sein Blick war durchdringend, wie besessen von einer Präsenz, die mehr wusste als er, von der er sich leiten ließ. Wie irgendein unnatürlicher Instinkt.

„Weil er weiß, dass man mit Honig Fliegen fängt.“

Irgendetwas an der Art, wie er es sagte, ließ den Verwalter des Nests ganz ruhig werden. Er sah den Gang entlang zum Fenster. Draußen war es dunkel geworden. Nacht beinahe schon, die letzten Sonnenstrahlen sanken gerade hinter die entfernte Skyline der Stadt.

Halbwachs atmete tief ein und nickte.

Als Thommy ihm den Knebel und die Fesseln abnahm, war er ganz still. Er drohte ihnen nicht einmal oder spottete über sie. „Danke“, sagte er nur ganz leise und ließ Max damit erschaudern.