Max erstarrte. Sie hörte, wie ihr Herz in ihrer Brust hämmerte. Wie ein Hammer, der auf einen Amboss fiel. Immer und immer wieder, viele Male die Sekunde.

Vor ihren Augen verschwamm das Portal aus der Halle hinaus. Es war verschlossen, der Weg versperrt. Hinter ihr spürte sie Stephan Beiß, den bulligen Sicherheitschef. Und hinter ihm „die Fütterung“ – den Drogenexzess, der langsam aber sicher gewalttätig wurde.

Unendlich langsam schloss sie die Augen, zwang sich zum atmen. Gegen den Widerstand in ihrer Brust. Sie schloss die Geräusche aus, die vom lauten Techno nur unzureichend übertönt wurden. Animalische, viehische Geräusche. Wie Brunftgeschrei und Schmerzen.

Langsam drehte sich Max zu der Szenerie um, drückte den Rücken durch. Autorität liegt in der Körperhaltung, hörte sie ihren Ausbilder im Geiste sagen. Eine feste Stimme, ein gerader Gang sind mehr als nur Zier, sie sind Werkzeuge.

Beiß sah aus wie heute Mittag. Von ein paar Narben abgesehen war nichts von der massiven Verletzung in seinem Gesicht übrig geblieben. Alles war rasant und gut abgeheilt.

Hinter ihm herrschte Chaos. Die Meute war völlig außer Kontrolle geraten. Max war dankbar, dass sein breites Kreuz die schlimmsten Eindrücke von ihr fernhielt. Nur die Geräusche. Die Geräusche drangen zu ihr durch. Das Klatschen von Fleisch auf Fleisch. Die Laute, die die Menschen dort von sich gaben in einer Mischung aus Blutrausch und Enthemmung.

„Stephan“, sagte Max und konzentrierte sich, so gut es eben ging, auf sein Kinn. Sie wollte ihm nicht in die Augen sehen. „Wir wollten den Spaß gar nicht aufhalten, waren gerade auf dem Weg nach draußen.“

Beiß grunzte. Im Gegenlicht konnte sie seine Augen nicht erkennen. Aber seine Körperhaltung gefiel ihr nicht. Breit, angespannt. Aggressiv.

„Schade. Dachte, wir könnten zusammenarbeiten. Kann nich sagen, dass mir dein Stil gefällt, aber wir brauchen gute Leute.“ Er deutete mit einer Handbewegung zur Seite. Hin zur Meute. „Daher die Einladung.“

„Danke“, sagte Max, „aber nein danke.“

Der Sicherheitschef nickte, kratzte sich das Kinn.

„Kann dich nicht gehen lassen. Nicht mit dem Jungen.“

„Er ist mein kleiner Bruder und wir hatten eine Abmachung, oder? Das war der Sinn der ganzen Sache?“

„Der Deal war, dass ich den Jungen finde und du ihn sehen darfst. Da hast du ihn gesehen. Nicht mehr, nicht weniger. Von gehen war nie die Rede.“

Sie sah zu Sebastian neben ihr. Der Junge war bleich, im Licht der Halle sah er noch bleicher aus. Er klammerte sich wie ein Ertrinkender an ihren Oberarm.

„Du meinst wir wissen zu viel.“

Beiß bleckte seine kantigen Zähne. Eine hässliche Fratze, die Max wieder an einen Golem denken ließ. Die dröhnende Musik schien ihn nicht weiter zu stören, auch nicht die Geräusche hinter ihm. Wie oft hatte er diesen Fütterungen schon beigewohnt? Wie abgestumpft musste er sein?

„Ich mein“, sagte er und schien dabei über jedes Wort nachzudenken, „Ich mein ich kann dich nicht gehen lassen. Hast gute Arbeit getan, deinem Kumpel gefällt‘s bei uns. Ich mein mir wär lieb, wenn du hier bleibst, mit ihm redest. Mit den anderen. Vielleicht gefällt‘s dir auch.“

„Ich denke nicht, Stephan. Danke. Bin mehr die Einzelgängerin. Find das eigentlich ganz geil, mein eigenes Ding zu machen. Kannst mich ja mal anrufen, wenn ihr eine Detektivin braucht.“

„Schade. Aber du wirst die Füße schon stillhalten. Wir halten uns da gegenseitig den Rücken frei, bin ich mir sicher. Nur dem Jungen, dem trau ich da nicht.“
Eine deutliche Drohung. Mit aller Willenskraft zwang Max sich zu einem arroganten Lächeln.

„Ausgeschlossen, dass ich ihn hier bei euch lasse“, sagte sie.

Beiß war unbeeindruckt.

„Dann haben wir ein Problem“, sagte er. Ein Satz, der Max übel werden ließ. Sie war einmal Polizistin und noch früher Söldnerin im Straßenkrieg gewesen. Sie hatte keine Angst vor Gewalt. Aber vor Beiß fürchtete sie sich.

„Wir werden doch sicherlich eine vernünftige Lösung finden, Stephan“, sagte sie. Ihre rechte Hand glitt aus ihrer Hosentasche, zu ihrem Gürtel. Dort, wo unter dem zu weiten, schlabbrigen Pullover ihre Pistole steckte.

Sieben Kugeln, dachte sie. Sie musste dieses Tier von Mann mit sieben Kugeln fällen.

Das Geräusch, das die Musik nur schwer übertönt hatte, wurde wieder stärker. In ihren Ohren dröhnte es. Wie von tausend winzigen Flügeln. Max schwamm der Blick für einen Augenblick. Sie sah zur Menge, die sich immer noch in wilder Raserei zerfleischte und wieder vereinigte. Tanz, Sex und Gewalt vermischten sich miteinander. Der Geruch von Blut und Körperflüssigkeit hing in der Luft. Ihre Hand krallte sich in ihren Gürtel, als ob sie sich selbst damit festhalten könnte.

„Alles in Ordnung, Stephan?“

Eine neue Stimme schob sich durch den Schleier aus Lärm. Max blinzelte. Hinter Beiß trat ein Mann hervor. Halbwachs. Der Mann, der eben noch der rasenden Meute Stoff und Geschenke zugeworfen hatte. Der Priester der Bestialität.

„Nur ein kleines. Fräulein Schwarzbrunn hier wollte gerade gehen und unser‘n jungen Freund mitnehmen.“

Halbwachs sah sie intensiv an. Er hatte einen Blick, der schlimmer war als der von Beiß. Durchdringender. Als wüsste er genau, wen er vor sich hatte.

„Fräulein Schwarzbrunn sagst du? Das fänden wir betrüblich. Wir haben uns vorhin bereits um sie gesorgt. Alexandra meinte, sie seien sehr überstürzt abgereist.“

„Ich will nur meinen Bruder hier heraus bringen“, sagte Max. „Keine Umgebung für einen Jungen. Sie verstehen?“

„Natürlich“, sagte Halbwachs. „Aber sehen Sie, Fräulein Schwarzbrunn, in einer Gemeinschaft wie der unseren gibt es Zusammenhalt. Verantwortung. Fällt einer aus der Reihe, so muss ein Anderer seinen Platz einnehmen. Einen kräftigen jungen Mann können wir nicht einfach entbehren. Es sei denn natürlich, sie bürgen für ihren… Bruder.“

Max stutzte.

„Sie würden ihn gehen lassen? Einfach so?“

„Natürlich.“ Halbwachs nickte. „Mein Ehrenwort darauf. Sebastian darf zu seiner Mutter zurück kehren. Die Details der Abmachung werden wir mit Ihnen besprechen und nur mit Ihnen.“

Die Erkenntnis trieb ihre Fänge in Max, als wäre sie in eine Bärenfalle geraten. Wie Stahlkiefer, die sich um ihre Gedanken schlossen und sie einfingen.

Beiß hatte sie hierher gelockt. Er oder jemand, für den er arbeitete. Von Anfang an hatte er gewusst, dass Sebastian nicht ihr Bruder war. Dass sie angeheuert worden war, um ihn zu finden. Und wer auch immer sie angeheuert hatte, hatte ihm befohlen, sie hier zu behalten.

„Wenn es uns hier heraus bringt“, sagte Max. „Lassen sie uns nur hier raus. Von dem Anblick wird mir schlecht.“

Halbwachs nickte Beiß zu. Maxine ging ihm aus dem Weg und zog Sebastian mit sich. Der bullige Sicherheitschef hämmerte gegen die Tür. „Aufmachen!“, grollte er und übertonte noch den Bass, der aus der Anlage kam.

Nur zwei Gedanken lebten in ihrem Kopf. Dass sie verraten worden war, dass Sebastian der lebende Köder für sie gewesen war.

Und dass sie ihn niemals gehen lassen würden.

Das Tor öffnete sich vor ihnen wie das gähnende Maul eines Ungeheuers.

Max stieß Sebastian zur Seite, er prallte gegen Halbwachs. Die Schüsse ihrer Waffe gingen im Lärm der Meute unter. Sie durchsiebten Beiß. Drei Kugeln lösten sich aus nächster Nähe in seinen Rücken: Zwei schossen ihm durch die Lunge, bohrten sich vor ihm in den Laminatfußboden auf dem Gang. Die dritte bohrte sich in seine rechte Schulter, zerschlug die Knochenplatte.

Die Schläger sprangen zur Seite, gingen in Deckung. Beiß sackte in der geöffneten Tür nach unten, unendlich langsam wie ein fallender Sack Reis.

Vier Kugeln im Magazin, dachte sie und hechtete zu Sebastian, der mit Halbwachs zu Boden gestürzt war. Sie zog Halbwachs mit einem Arm um seinen Hals unter dem Jungen hervor und auf die Beine.

Geiselnahme, dachte sie. In der Ausbildung schon ein paar Mal geübt. Waffe hinter der Geisel lassen und den Kehlkopf im Griff halten.

„Basti, hinter mich“, zischte sie dem Jungen zu und positionierte sich neu. Den Rücken zur Wand, sodass sie Beiß‘ blutenden Körper und die Meute halbwegs im Blick hatte. Die hatte nichts gehört und noch weniger bemerkt. Sie war mit sich selbst beschäftigt. Mit dem Blut und dem Fleisch, das sie in ihrem Rausch selbst quälte. Max schauderte und richtete ihre Aufmerksamkeit auf den Ausgang. Raus, erst einmal. Nur raus.

Sie ging an Beiß‘ blutendem Leib vorbei. Draußen warteten ein paar seiner Schläger. Die selbe Art, wie heute Morgen schon: Wieselgesichtige Typen mit Hiebwaffen in den Händen.

„Weg“, sagte sie. Ihre Stimme kam ihr hoch vor. Schrill. Nahe an der Hysterie. Seltsam, dachte sie. Sie fühlte sich innerlich ruhig. Abgesehen von diesem Rauschen in ihren Ohren. Wie von tausend Flügen.

„Weg und auf Abstand bleiben. Wir gehen. Keiner folgt uns, oder ich jag Halbwachs ‘ne Kugel durch‘s Hirn.“

Langsam schob sie sich vorwärts. Sebastian war hinter ihr, eine Hand an ihrem Rücken, Halbwachs vor ihr. Er hielt ihren linnken Arm umschlungen, als ob er dadurch den Griff um seine Kehle lockern könnte. Es waren etwas sechs von den Schlägern dazu gekommen, mittlerweile. Sie bildeten zwei Halbkreise um sie, hübsch im Abstand von drei Metern. Nahe genug, um sie erledigen zu können. Aber sie wollten ihren Boss nicht auf dem Gewissen haben und hielten sich brav an Max‘ Forderung.

Unendlich mühsam bewegten sie sich durch den weiten Gang, der fast schon eine Lichtung im Betonwald war. Schritt um Schritt schob die Gruppe sich vorwärts, in einer schwer atmenden Prozession, bei der jeder seinen Platz hatte und sich keinen Fehltritt erlauben konnte.

Dann knallte ein Schuss durch den Gang. Ohrenbetäubend laut, hier draußen, wo er durch den Beton hallte und der Lärm aus der Halle etwas leiser war. Max auf den rasierten Schädel vor sich. Halbwachs lebte noch, sie hatte nicht versehentlich abgedruckt, trotz des Fingers um den Abzug.

Sie fuhr herum, Halbwachs wie einen Schild vor sich haltend. Ohne darüber nachzudenken drückte sie ab. Zwei weitere Kugeln fraßen sich Beiß in den Oberkörper. Eine zerschlug das Schlüsselbein, die zweite den rechten Oberarm. Die Waffe fiel ihm aus der Hand, sein Arm klatschte blutignass auf das Laminat. Aber er kroch vorwärts.

Bleiben zwei Kugeln, dachte sie und starrte Beiß an. Wieso hielt der so viel aus? Sie ging rückwärts, langsam, einen Arm um Halbwachs‘ Hals geschlungen und mit dem anderen die Waffe auf Beiß‘ Schläger gerichtet.

Sie fühlte keine Schmerzen. Sie suchte danach, spürte in ihren Körper hinein, ob sie die Wärme von Blut fühlte, die sie wohl über den Schock hinweg gespürt hätte, oder das plötzliche Stechen einer Wunde. Aber nichts. Max war nicht getroffen worden. Vielleicht ein Blindgänger, vielleicht ein Fehlschuss.

Sie schob den Gedanken beiseite und drängte sich rückwärts durch den Gang. Zu den Fahrstühlen. Eine Wahl hatte sie nicht, aber sie musste die Leute hinter sich lassen.

Sebastian drückte ohne ihren Befehl den Rufknopf. Siebenundvierzig Sekunden verstrichen. Die längsten in ihrem Leben. Jede einzelne Sekunde war eine Ewigkeit, in der ihr Herz alle Herzschläge eines ganzen Lebens schlug, in der ihr der Schweiß über Hals und Nacken rann und ihre Hand zitterte, als wäre ihre Pistole aus Blei.

Siebenundvierzig Sekunden, in denen Stephan Beiß mit vier Kugeln im Körper und einem zerschmetterten rechten Arm weiter den Gang hinunter kroch. Max beobachtete ihn mit geweiteten Augen dabei, wie er sich unaufhaltsam weiter auf sie zu bewegte, obwohl er entsetzlich geschunden war. Sie wusste nicht, was er zu erreichen hoffte, aber sie wollte es auch nicht erfahren.

Mit einem Rumpeln und einem Klingeln öffnete sich hinter ihr der Fahrstuhl. Sie ging hinein, zerrte Halbwachs mit sich, obwohl er sich wehrte.

Sie hatte darüber nachgedacht. Ohne den Verwalter wären sie schneller – aber auch verwundbarer. Er war in jedem Fall eine kostbare Geisel. Zu kostbar, um ihn einfach laufen zu lassen.

Als sich die Türen vor ihr schlossen, atmete sie zum ersten Mal. Sie rammte dem Verwalter ihr Knie in den Rücken, schleuderte ihn gegen die Wand. Die Fahrstuhlkabine schwankte gefährlich.

Max verband ihm mit ihrem Gürtel die Hände hinter dem Rücken. Ihre Hose würde eben nicht rutschen dürfen.

Dann erst sicherte sie ihre Waffe wieder.

„Das war knapp. Das war gottverdammtscheiße knapp“, sagte sie, „aber wir haben es geschafft. Mit Halbwachs kommen wir hier raus, Sebastian, oder? Eine Stunde noch und wir sind irgendwo im Westend.“

Sie zwang sich zu einem Lächeln und sah zu dem Jungen, der hinter ihr an das Panel mit den Stockwerken gesunken war. Die Aufregung war zu viel für ihn gewesen.

Das Lächeln fror Max auf dem Gesicht ein. Er atmete flach und schwitzte stark. Auf seinem Pullover breitete sich eine rote Pfütze aus. Rund um das Einschussloch in seiner Seite.