Widerwillig nahm Max den Aufzug nach oben. Die Kabine stank genau wie die andere nach nassem Gummi und altem Urin. Sebastian hatte sie überzeugt, dass es schneller wäre. Sie mussten bis in den fünfzehnten Stock, auch wenn sie sich in den Kabinen wie ein Tier im Käfig fühlte.

„Die Frau sagte etwas von einer Fütterung“, sagte Max, um das Rattern der Seile zu übertönen. „Das ist Slang, oder?“

Sebastian schüttelte den Kopf. Er hatte die Kiefer aufeinander gepresst und starrte intensiv nach vorne, auf die Kabinentüren.

„Ich sagte ja wir kommen hier nicht raus“, sagte er. „Die lassen uns nicht raus und nicht rein. Gott, ich hoffe sie lassen uns nicht rein. Das hieße nur, zwischen den oberen und den unteren Stockwerken gefangen zu sein.“

Maxine kaute auf ihrer Unterlippe. Sie hatte die Hände in den Taschen ihres viel zu engen Pullis, berührte mit zwei Fingern den Griff ihrer Pistole. Er gab ihr Sicherheit, für den Fall der Fälle. Aber mehr war aus Sebastian nicht heraus zu bekommen.

Die Fahrstuhltüren öffneten sich und vor ihnen erstreckte sich das fünfzehnte Stockwerk. Es war kein bewohntes Stockwerk, soweit Max das einschätzen konnte. Es gab wenig Türen und noch wenige Gänge. Es waren viele offene Bereiche zu sehen, die von künstlichem Neonlicht durchflutet worden waren und die Decke war hier viel höher als anderswo.

Es erinnerte mehr an eine Art von Portal oder Waldlichtung.

Vor ihnen lag ein großer Ballsaal oder ein Gemeinschaftsraum, der aus dem Beton heraus gehauen schien, wie eine Höhle. Er markierte ziemlich genau die Mitte des Turms. Darunter lagen die Wohnungen von Junkies und Arbeitern. Darüber… unbekannte Gebiete. Eine Halle für allerlei Veranstaltungen. Bingo, hätte Maxine gesagt, oder öffentliche Filmabende oder Wahlkampfreden. Nur dass ihr beim Gedanken an solche Dinge nur langweilig wurde und nicht schlecht wie jetzt. Sie hatte ein flaues Gefühl im Magen, das sie nicht zuordnen konnte.

Sebastian deutete auf eine der Wachen an den Eingängen.

„Teilnahme ist nur auf Einladung drin. Ich bin nie auf einer gewesen. Alexandra schon. Wohnungsvorstände kommen rein, ein paar Leute von der Sicherheit… Aufsteiger. Leute, die weiter nach oben dürfen. Die bessere Wohnungen kriegen. Ein exklusiver kleiner Klub von Verrückten. Jojo hat mir davon erzählt… Bevor er… Du weißt schon.“

„Bevor er vor alledem davon laufen wollte“, sagte Max. Ihre Kehle war trocken. Sie konnte sich nicht daran erinnern, wann sie zuletzt etwas getrunken hatte. „Und wenn sie uns reinlassen?“

„Wird es ungemütlich.“

Sie hatten Glück, die Vorbereitungen für die Party waren fast abgeschlossen. Erste Leute waren bereits auf dem Weg nach drinnen. In regelmäßigen Abständen öffneten sich die Eingangstüren für kleine Grüppchen von Ihnen, selten mehr als zwei oder drei auf einmal.
Sie hatten Unglück, denn das hieß, Stephan Beiß war bereits drinnen und überwachte die Sicherheitsvorkehrungen. Auf Nachfrage bestätigten die Wachposten so viel.

Einer von ihnen deutete mit dem Daumen nach hinten. Der dritte namenlose Lackaffe, mit dem sie heute zu tun hatte. Wie viele von denen krochen hier herum?

„Stephan ist hinten, redet mit dem Boss. Wird wohl noch eine Weile dauern, bis er fertig ist. Wohl nicht vor morgen früh.“

„Lass uns draußen warten, Maxine“, sagte Sebastian. „Irgendwann wird er wieder rauskommen, wir können ihn dann noch fragen, oder? So eilig haben wir es nicht.“

Der Wachposten horchte auf. „Maxine Schwarzbrunn und Begleitung?“, fragte er. Max sah zu Sebastian. Sie nickte, etwas unsicher.

Und wurde zu ihrem großen Schock eingelassen.

„Willkommen zur Fütterung“, sagte der Wachposten, „auf ausdrückliche Einladung vom Chef. Andreas sollte euch eigentlich aus dem zehnten Stock abholen… Aber wenn ihr schon einmal hier seit.“

Mit einem üblen Gedanken trat Max ein.

Drinnen war bereits einiges los. Sicherlich fünfzig Leute hatten sich bereits eingefunden. Eine erhöhte Bühne nahm die hintere Wand ein. In einer Ecke davon stand Beiß, redete mit jemandem, den sie nicht kannte. Der Raum füllte sich langsam, aber beständig. Am Ende waren es über hundert Leute, die sich dort eingefunden hatten. Ein oder zwei bekannte Gesichter sah sie. Alexandra, die Wohnungsvorsteherin von Sebastian. Robert, der Kerl, der sich ihr heute Morgen in den Weg gestellt hatte. Die meisten aber schienen aus den oberen Etagen zu kommen, sie waren besser gekleidet, sauberer. Irgendwo erblickte sie auch Thommy und wäre fast zu ihm gelaufen, aber Sebastian zog sie zum Rand der Menge zurück.

„Wir wollen nicht hier sein“, zischte er ihr zu. „Und wir wollen keine Aufmerksamkeit, oder?“

„Warum gehen wir dann nicht einfach?“, zischte Max zurück. Es war absurd. Sie hatte ihn hierher geschleift und jetzt wollte sie fliehen. Alles hier war falsch.

Das hier, erkannte sie, war die Bande. Nicht die Schläger in den Gängen. Nicht die Junkies auf den unteren Ebenen. Diese Leute hier. Eine Gruppe von Leuten, die für eine legitime Sicherheitsfirma arbeiteten und einen seriösen Industrieriesen, die moderne Sklaverei betrieben.

Sie musste hier raus und es jemandem erzählen. Das hier war größer als der Junge. Größer als ihr Ego.

„Wieso hat die Frau unten es eine Fütterung genannt?“, fragte Max. Sie sah sich nervös um. Der Raum lag in der Mitte des Komplexes, im Kern. Keine Fenster nach außen, nur einzelne Lüftungsschächte – zu klein für jeden von ihnen und außerdem zu weit oben – und die Türen waren schwer und konnten automatisch abgeriegelt werden. Selbst ohne Wachposten vor der Tür. Eine Todesfalle.

„Weil das ist, was passiert. Wir werden gefüttert. Mit Geschenken, sagen die einen. Belohnungen für gute Dienste die anderen.

Ich nenne es Mästen von Vieh.“

Max schauderte. Der Junge sagte ihr nicht alles, hielt irgendetwas zurück. Vielleicht hatte er Angst. Vielleicht traute er ihr nicht vollständig. Vielleicht… s

Ihre Gedanken wurden von tosendem Applaus unterbrochen. Der Mann, mit dem Beiß geredet hatte, war auf die Bühne getreten. „Markus Halbwachs“, flüsterte Sebastian ihr zu. Der Verwalter der Wohntürme. Und wenn Max richtig lag, der Financier und Kopf der ganzen Scheiße, die Beiß so ausheckte.

Er hielt eine Rede, die sie nicht verstand. Er sagte etwas, über Zusammenhalt, über neue Brüder und Schwestern. Über eine ausgeräumte Gefahr und neue Gäste. Sie hörte kaum hin. Sie wollte nur raus hier. Nur darauf warten, dass die Show vorbei war und sie mit Beiß reden konnte. In ihren Ohren rauschte es, übertönte die restlichen Worte von Halbwachs.

Die Luft war zu dick, zu heiß. Funktionierte die Klimaanlage nicht? Sie schüttelte den Kopf, fuhr sich durch die kurzen Haare. Schweiß klebte daran und lief ihr in den Nacken. Alle Ausgänge waren versperrt. Ihr Puls raste plötzlich. Sie hatte den Drang sich zu übergeben.

Sie sah zu dem Jungen neben ihr. Ihm ging es genau so, aber er war zu fixiert auf die Menge und Halbwachs vor sich.

Um sie her geriet die Menge in Bewegung. Bildete Max es sich ein? Sie packte die Hand von Sebastian, hatte Angst ihn hier in diesem Raum aus den Augen zu lassen.

Irgendetwas peitschte die Menge auf. Max hatte derartiges noch nie gesehen. Hunger. Hunger und Lust überkamen sie, die sie selbst noch nie gespürt hatte. Sie spürte ein Loch in ihren Innereien. Eines, das sie füllen müsste. Sie wollte vorspringen, in die Menge hinein. Sebastian hielt sie zurück.

Halbwachs warf Dinge in die Menge. Kleinigkeiten erst. Bündel von Geld, kleine Plastikbeutelchen, die wohl Drogen enthielten. Die Menge empfah sie alle dankbar und mit Jubelkreischen.

Dann warf er brockenweise Fleisch. Rohes, blutiges Fleisch.

Sie hatte Videos von Gefangenen in manchen Lagern gesehen, die so gefüttert wurden. Von Soldaten, die blutiges Fleisch über einen Zaun warfen, als ob sie wilde Tiere fütterten.

Die Menge benahm sich wie eines. Sie zerfetzte sich beinahe. Max sah, wie zwei Männer sich um das gleiche Steak balgten, als ob sie seit Wochen nichts anderes gegessen hätten. Der Geruch war nicht auszuhalten. Dick und schleimig. In ihren Ohren dröhnte der Schlag von tausend Flügeln.

Das Gemenge erreichte einen Höhepunkt – und brach dann plötzlich ab. Halbwachs hielt einen Arm in die Höhe. Zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand hielt er etwas. Eine Phiole, vielleicht so lang und dick wie einer ihrer Finger.

Maxine erkannte sie. Sie hatte schließlich knapp vier Dutzend davon zu Beiß zurück gebracht und einen Mann dafür erschossen.

V.

Halbwachs warf es in die Menge und Raserei brach los. Die Leute explodierten. Ein Handgemenge brach aus. Max wich zurück, wollte nicht in dem Kreuzfeuer der Menge untergehen. Ihre Hand glitt unwillkürlich zu ihrer Hosentasche, worin sich eine weitere Phiole befand.

Sie sah zu, wie sich die Menge im Versuch, an das V zu kommen, zerfleischte. Sie schubsten, stießen und würgten einander, um an die Droge zu kommen. Finger krallten sich in Haare, Zähne bohrten sich in Fleisch, Füße traten in Weichteile.

Max quetschte Sebastians Hand, so fest suchte sie nach Halt. Sie zog ihn von der Menge weg, weiter nach hinten zum Rand des Raumes. Sie spürte noch immer diesen Drang in sich, sich ebenfalls hinein zu stürzen, aber ihre Furcht vor der Gruppe war größer.

Sie hatte einen winzigen Eindruck davon bekommen, wie Beiß diese Bande organisierte. Was dazu gehörte, an Sklaverei und Gewalt. Und Max hatte kein Bedürfnis, aus der einen korrupten Organisation in die nächste zu gelangen.

Nein. Sie wollte nur hier heraus.

Nur ihre Beine wollten ihr nicht gehorchen.

Ein triumphales Gebrüll erschütterte sie. Jemand hatte den Preis des heutigen Abends errungen.

Thommy wuchtete sich auf die Bühne. Seine Augen glänzten, fiebrig. Ihm fehlte ein Stück von seiner Wange, er hatte blutige Abdrücke auf dem Hals und am linken Arm, den er triumphierend in die Höhe reckte. Die Menge heulte auf, aber Thommy schüttelte weiter die Faust.

Darin hielt er die Phiole. Sie glänzte im Neonlicht. Halbwachs trat neben ihn. Er hatte einen verklärten Ausdruck im Gesicht, als sei er der Priester, der in einem dunklen, verfluchten Hain zum Menschenopfer schritt. Er packte Thommys Handgelenk.

„Der Hunger dieses Mannes überwiegt noch seine Furcht!“, sagte er. Seine Stimme zerschnitt die Geräusche der tobenden Menge. „Noch am Morgen war er ein Niemand, ein namenloses Gewürm unter unseren Schuhen. Seht ihn euch an! Seht hin, und erkennt unseren neuen Bruder!“

Halbwachs brachte Thommys Arm nach unten. Er öffnete die Phiole für Thommy, der vor Aufregung zitterte. Sein ganzer Körper musste von Adrenalin vergiftet sein. Mit zittriger Ehrfurcht hob Thommy die Phiole an den Mund – und leerte sie in einem Zug.

Erst geschah nichts. Mit stechenden Augen und irrem Blick wischte Thommy sich das Blut aus dem Gesicht. Ihm schien heiß zu werden. Sein Körper bog sich vor Ekstase, er legte den Kopf in den Nacken und ließ ein Geheul hören, das die Menge gierig aufnahm und erwiderte.

Dann stieß Halbwachs in von der Bühne. Unter Johlen und Gekreische ging Thommy wieder in der Menge unter. Sie empfingen ihn als einen der Ihren.

Max wurde schlecht. Sie drehte sich um, zerrte Sebastian zum Ausgang. Der Junge war wie in Trance, weggetreten. Sie fürchtete, wenn sie seine Hand losließ, würde er selbst in die Menge stürzen.

Als die Musik in ihren Ohren zu hämmern und das Rauschen zu überschreien begann, wusste sie, wie der restliche Abend verlaufen würde. Blut würde kochen, Lust würde ausbrechen. Leute würden ihren Verstand in bestialischer Raserei verlieren, in einem Exzess, den Max nicht würde ertragen können.

Zum Teufel mit Beiß, sie würde einen anderen Weg hinaus finden. Sie hatte noch zu viel Anstand im Leib, um tatenlos bei einer Drogenorgie zuzusehen oder sogar mitzumachen.

Mit der flachen Hand schlug sie gegen die Tür. Es hallte dumpf. Hinter ihr kochte die Stimmung hoch. Schreie wurden laut. Geräusche, denen sie lieber nicht auf den Grund ging. Wieder schlug sie dagegen.

„Lasst uns raus! Hört ihr? Öffnet die verfickte Tür!“

„Das ist eine geschlossene Gesellschaft“, sagte jemand hinter ihr.

Max gerann das Blut. Sie hatte ihn nicht kommen gesehen, aber sie hätte diese Stimme überall erkannt. Sie würde sich in ihre Alpträume schneiden. „Und geschlossen heißt, die Türen bleiben zu, bis die Gesellschaft vorbei ist.“

Stephan Beiß.