Unerachtet jedes Eifers – Max und der Junge waren noch immer in der Wohnung gefangen. Die Haushälterin stand zwischen ihnen und der Tür, hatte sie mit Bolzen und Ketten gesichert und den Schlüssel in ihrem Kleid versteckt.

„Alexandra wird mich nie gehen lassen“, sagte Sebastian. Er schüttelte den Kopf. „Dich wird sie vielleicht nicht aufhalten, außer Beiß hat ihr die Anweisung dazu gegeben. Aber mich…“

Max schnaubte. Sie nahm ihren Rucksack vom Rücken und warf ihn dem Jungen zu. Sie brauchte ihre ganze Beweglichkeit.
„Pack ein, was du mitnehmen willst. In fünf Minuten kommst du raus. Schau nicht nach links, schau nicht nach rechts, renn‘ einfach zur Tür. Wir treffen uns draußen, vor dem Treppenhaus. Warte nicht auf mich. Und egal was du hörst: Bleib nicht stehen.“

Sebastians Augen weiteten sich.

„Du wirst sie nicht… Wie JoJo?“, fragte er.

„Ich hoffe nicht“, antwortete Max Und sie hoffte es wirklich. „Aber ich habe die Schnauze voll davon, nach anderer Leute Regeln zu spielen.“

Dann ging sie hinaus, schloss die Tür hinter sich. Sie atmete ein, so tief wie es der brennende Griff um ihr Herz erlaubte. Sie musste die Kontrolle behalten. Vor allem über sich selbst. Kein Zittern, keine Zweifel. Fokus, Max, Fokus.

Als sie in den Gemeinschaftsraum ging, fand sie nur die Haushälterin vor. Sie hatte Tee gemacht, saß auf der Couch und tat, als würde sie lesen. Sie tat, als würde sie lesen, weil Max sehr genau sah, dass es eine Zeitung des letzten Monats war, deren Ränder sich bereits vor Schmutz wellten.

Die Frau bemerkte ihren Blick zur Tür und deutete auf einen der Küchenstühle.

„Bitte, setzen Sie sich“, sagte sie.

„Ich stehe lieber. Gehe ohnehin gleich wieder.“

Sie starrte die Frau an. Max fühlte sich seltsam. Hass kochte ihn ihr hoch. Ein Gefühl, das sie nicht erklären konnte, für das es keinen Grund gab. Die Frau war kaum mehr als ein Rädchen in einem Getriebe, das selbst Max eingezogen hatte. Vielleicht nicht schuldlos, aber zumindest sicherlich nicht böse. Und trotzdem…

„Ich möchte mit Ihnen reden“, sagte die Frau.

„Ich nicht mit Ihnen“, sagte Max. Sie hielt die Hand auf. „Den Schlüssel zur Tür. Etwas plötzlich, bitte. Ich möchte weg sein, bevor Beiß hier auftaucht.“

Die Frau legte ihre Zeitung fein säuberlich zusammen und drapierte sie neben ihrem Teeservice. Ihre Stimme war hoch, aber beherrscht, als lege sie sehr viel Wert auf einen ordentlichen Umgang und bestimmte Protokolle, die eingehalten werden müssten.

„Nein. Ich habe Befehl, sie herein zu lassen. Von hinaus hat niemand etwas gesagt, schon gar nicht mit Schutzbefohlenen. Sie sind mir fremd, und bevor ich nicht heraus gefunden habe, wer sie sind und was sie hier wollen – denn seine Schwester sind sie nicht – bleibt diese Tür versperrt. Herr Beiß hat mir…“

Max sprang. Sie packte die Frau an der Gurgel und riss sie auf den Boden. Teetassen barsten, Stühle schepperten. Sie rammte der Frau die Knie auf die Brust und den rechten Oberarm, umklammerte ihre andere Hand. Hilflos wie ein Käfer auf dem Rücken zuckte sie mit den Beinen, wand sich unter ihr, aber es nützte nichts. Die Frau konnte sich kaum rühren.

„Den verfickten Schlüssel“, knurrte Max.

Sie grunzte, Irritation und Genervtheit brachen sich Bahn. Zu irgendetwas war ihr Polizeitraining also doch gut gewesen – hilflose Hausfrauen überwältigen konnte sie. Sie nestelte am Kragen der Frau herum, fand die Kette, an der die Frau ihren Schlüssel befestigt hatte. Leder, ordentlich verknotet. Sie hinterließ tiefe Male am Hals der Frau, bevor der Knoten nachgab.

„Whoa“, hörte sie den Jungen sagen. Er war hinein gekommen, ohne dass sie es gehört hatte. Und hatte nicht auf sie gehört. Max drehte sich, ohne ihr Gewicht vom Oberkörper der Frau zu nehmen. Sie warf Sebastian den Schlüssel über die Schulter hinweg zu. „Aufschließen“, sagte sie und wandte sich wieder Alexandra zu.

Dann bemerkte sie die zweite Kette am Hals der Frau. Eine Schachtel aus dünnem, gefalteten Papier hing daran, ein Art Glücksbringer vielleicht? Sie maß gute zwei Zentimeter im Kubik, war unverziert und erinnerte an einen Lampion, nur kleiner.

Und sie summte und stach, als Max ihre Hand danach ausstreckte. Das selbe Gefühl wie am Morgen überkam sie. Ihre Ohren dröhnten vor dem Geräusch von tausend Flügeln. Eine Stimme schien sich nach ihr auszustrecken, ganz leise, ganz unmerklich, und sich hinter dem Flügelschlag zu verstecken. Dann sah sie, wie etwas aus dem Anhänger hervor kroch, aufgebläht und riesig.

Wie gestochen fuhr Max zurück, stolperte auf die Knie.

Sie rannte, bevor das Vieh sie berühren konnte.

Die Tür knallte hinter ihr zu. Ihre Hände zitterten, als sie dem Jungen den Schlüssel abnahm und abzuschließen versuchte. Nach einigen Sekunden schob Sebastian sie, ganz behutsam, beiseite. Er schloss mehrfach ab, während Max an der Wand hinabsank.

Max schauderte und schüttelte sich. Sie schlug nach einem unsichtbaren Insekt, das sie auf ihrer Haut fühlte. Als ob es immer noch dort auf ihr saß und Zähne in ihr Fleisch senken wollte.

Es war die selbe Art von Vieh gewesen, das sie in Haubenreißers Wohnung zerquetscht hatte. Groß und stachlig und mit viel zu vielen Beinen, viel mehr als ein Insekt haben sollte. Mit zu vielen Flügeln und Rüsseln und Augen. Wie eine unheilige Mischung aus Spinne, Pferdemücke und Kakerlake.


„Du hast es gesehen, oder?“, fragte Sebastian.

„Ich weiß nicht, was ich gesehen habe.“ Max schüttelte den Kopf. Sie ekelte sich vor Insekten. Das war alles. Das war alles. Egal, wie groß oder klein sie waren.

„Du bist nicht verrückt.“ Er sprach eine Hoffnung aus, die sie sich selbst nicht zu machen wagte.

Der Junge schob den Riemen des Rucksacks beiseite, zog den Kragen ein Stück weit hinunter. Einstichlöcher kamen auf seinem Nacken und Schultern zum Vorschein. Mückenstiche, aber daumendick, mit nässenden Wundrändern und entzündetem Fleisch ringsum. Wie bei Haubenreißer.
„Wir alle hier nicht. Wie ich sagte: Das hier ist das Nest. Nur nicht für uns sondern irgendetwas anderes. Etwas, für das wir Futter sind.“

Max starrte die Wunden an, bis Sebastian sie beschämt wieder unter dem Stoff verbarg. Sie mussten hier raus. Eindeutig. Sie stemmte sich in die Höhe, sah zum Treppenhaus.

„Du hast alles?“
„Alles, was ich brauche“, sagte Sebastian und deutete mit dem Daumen auf seinen Rücken.

„Gut. Falls wir getrennt werden, gehst du zum Ausgang. Du wartest nicht auf mich, du machst keine Abstecher. Du rennst einfach, so schnell du kannst. Klar soweit?“

Sebastian nickte. Und sie machten sich auf den Weg, die Treppen hinunter.

Die Treppen waren der einfachste Weg. Der längste, aber auch der einfachste. Es gab mehrere Aufgänge und Treppenhäuser in jedem der zwei miteinander verbundenen Wohntürme – nicht alle führten gleich viele Stockwerke hinauf oder hinunter, aber das war gleichgültig. Es gab mehrere Wege und das hieß sie konnten unliebsamen Begegnungen aus dem Weg gehen.

Zum Glück war es nicht einmal notwendig. Die Korridore der mittleren Stockwerke waren leer, wie ausgestorben. Erst auf den unteren Etagen begegneten sie wieder Menschen. Hauptsächlich Squattern und Junkies, einige von denen, die Max in ihren ersten paar Tagen im Nest gesehen hatte. Und einige neue. Die wenigsten davon interessierten sich für Max oder den Jungen.

Auf der untersten Ebene, bevor es in die Basis ging, fühlte Max eine Anspannung ihren Rücken hochkriechen, die sich bis in ihre Schultern zog. Sie mussten an Beiß vorbei, an der Sicherheitszentrale. Und so wie Max die Sache mittlerweile einschätzte, hatte er ihr die Erlaubnis gegeben, Sebastian zu sehen und mit ihm zu sprechen – nicht mit ihm das Nest zu verlassen. Jedenfalls wenn die Haushälterin einigermaßen bei Verstand gewesen war.

„Max!“, rief jemand, als sie beinahe die riesige Treppe hinunter erreicht hatten. Sie zuckte zusammen, eine Hand am Gürtel fuhr sie herum. Thommy stand mit erhobenen Händen und einem nervösen Grinsen vor ihr.

„Woah, ich bin‘s nur.“

Ein wenig der Anspannung viel von Max ab, sie entspannte sich.

„Was machst du hier?“, fragte sie.

„Arbeiten. Ich bleib erstmal hier, Beiß meinte er gibt mir nen Job. Wird zwar Scheißarbeit sein. Aber immerhin verlässlich. Nicht groß anders als bei Weißpapier früher. Und du?“

„Abhauen.“ Max deutete mit dem Daumen auf den Jungen. „Hab gefunden, was ich gesucht habe. Dürfte besser sein, wenn wir direkt gehen.“

Thommy schlug zur Antwort nur Sebastian auf die Schulter und beruhigte sie beide.

„Großartig, dass du ihn gefunden hast. Beiß ist ausgeflogen, irgendwo in die oberen Ebenen des Turms. Hat wohl was mit dem Verwalter zu besprechen. Ich… Kann nicht sagen, dass ich für deine Hilfe dankbar bin, Max. Aber ohne dich wär‘s schlimmer ausgegangen.“

Thommy hielt ihr die Hand hin. Sie schlug ein.

„Ebenso, Thommy. Pass auf dich auf.“

Dann verschwand er wieder und Max und Sebastian machten sich wieder auf dem Weg hinaus.

Es gab in der gemeinsamen Basis der Türme vier Ausgänge, einen in jede Himmelsrichtung. Es waren mehr Tunnel, die in den Beton gefräst worden waren und von dem umgebenden – weitläufigen – Platz ins dunkle Innere führten.

Der, bei dem sie ankamen, war verschlossen.

Massive Eisengitter versperrten den Durchgang. Sie waren etwa armdick und zogen sich über die ganzen vier Meter Höhe, um über ihren Köpfen im Stahlbeton zu verschwinden. Ein etwa vier Meter breites und zwei Meter hohes Tor war darin eingelassen. Aber auch dieses war verschlossen und mit einer dicken Eisenkette versperrt.

Zwei Kerle und eine Frau lehnten dagegen. An einer Seite befand sich eine kleine Nische. Sie war mit einer Stahlplatte, in der sich nur ein Guckloch und eine kleine Durchreiche befand, verschweißt. Dealer, hätte Max früher gesagt, die durch die Gitter mit Laufkundschaft handelten. Sie blieb auf Abstand, Sebastian dicht hinter ihr.

„Die arbeiten für Beiß“, flüsterte er und bestätigte ihre Gedanken.

Max rief ihnen zu.

„Wieso ist der Ausgang abgesperrt?“

Die Gruppe unterbrach ihr Gespräch, drehte sich zu ihnen beiden um. Die Frau ergriff das Wort, während ihre Begleiter garstig drein blickten.

„Ausgangssperre. Gibt wohl ein Problem.“

„Huh“, sagte Max. „Wie dumm. Könnt ihr uns rauslassen? Wir sind verabredet.“

Die Frau zuckte mit den Schultern. „Sorry, kann ich nicht machen.“

„Was? Warum?“

„Befehl von oben. Ausgangssperre, hast du nicht gehört? Gab scheinbar ‘ne Schießerei im vierten Stock. Keiner verlässt das Gebäude, bis die Sache geklärt ist.“

„Beiß hat die Sache schon geklärt“, sagte Max. „Scheiße, ich hab die Sache schon geklärt, heute morgen. War vor gerade drei Stunden bei ihm im Büro, hat sich alles aufgeklärt. Frag ihn, wenn du mir nicht glaubst.“

Die Frau schüttelte den Kopf. „Keiner kommt raus. Selbst die Abendschicht muss drin bleiben.“

Sie kniff die Augen zusammen, musterte die kleine Bande sorgsam. Ich könnte es mit denen aufnehmen, dachte sie. Könnte sie erledigen, bevor sie ihre Waffen ziehen könnten, noch bevor sie mich erreichen würden.

Aber das wäre Mord und sie hielt an ihrer Überzeugung fest, bisher nur aus Selbstverteidigung gehandelt zu haben. Sie biss die Kiefer aufeinander. Beiß hatte sie in der Hand. So viel stand fest.
Sie konnte nicht raus, ohne einen Totschlag zu gestehen, von dem kaum jemand wusste.

„Wann macht ihr wieder auf?“, fragte sie.

„Wenn wir den Befehl dazu kriegen. Und nicht früher.“

Einer ihrer Begleiter pfiff, deutete hinaus auf den Vorplatz. Busse waren vorgefahren. Shuttlebusse, ältere Modelle. Einige davon. Die Frau drehte sich um. „Und für die da. Aber die kommen nur rein, nicht raus.“

Ihr Grinsen offenbarte einige angelaufene Zähne.

Max sah zu, wie sich eine Flut aus Menschen auf den Vorplatz ergoß. „Die Tagesschicht“, flüsterte Sebastian ihr zu. „Ich wäre bei der Abendschicht gewesen. Großteil der Leute in den oberen Etagen arbeitet für einen Industriepark in der Nähe. Der Rest für Beiß. Und dem Besitzer vom Industriepark gehört der Turm. Ein ziemlich abgeschlossenes Ökosystem.“

Sie fluchte.

Einen Moment lang überlegte sie, ob sie es an einem anderen Torweg versuchen sollten. Oder ob sie eine Chance hätten, sich durch die Masse durchzuquetschen.

Die Frau schien ihre Gedanken zu erraten.

„Zurücktreten bitte. Glaub mir, ist wie eine Flut, die da auf euch zukommt. Nur eine konfuse Masse. Ihr kommt da nicht durch und wenn ihr dagegen anlauft, werdet ihr zerquetscht.“

Die Torwache zuckte mit den Schultern.

„Alles schon gesehen. Ist nicht hübsch, wenn hunderte Leute über einen Körper trampeln. Wenn ihr raus wollt, müsst ihr das mit Beiß besprechen. Ich lass heute hier keinen mehr raus.“

Eine gesichtslose Menge strömte über den Platz vor ihnen. Die Arbeiter des Nests, von und zu irgendeiner Arbeit gekarrt. Gegen ihren Willen vermutlich, von irgendeinem ominösen Gruppenzwang auf Linie gehalten.

Oder von den Schlägern von Beiß, denen mit den schweren Knüppeln und finsteren Gesichtern, die sie langsam in der Menge sah.

Sie knirschte mit den Zähnen, dann drehte sie sich um.

Zeit, sich Beiß vorzuknöpfen. Er würde sie hinaus lassen. Willig oder nicht.

„Meinetwegen, wo steckt er? Hab gehört, er hätte geschäftlich weiter oben zu tun?“

Die Frau zuckte mit den Schultern. Ihre Kumpanen machten sich daran, die Ketten vom Tor zu öffnen. Die ersten Menschen waren bereits heran. Es waren tausende, wie Max geschätzt hatte. Eingepfercht in Wohnungen, wie die von Sebastian: Sechs, acht oder zehn Leute in jeder Wohnung, kleine Zimmer, dutzende davon auf jedem Gang, hunderte im ganzen Turm.

Ein Termitenhügel für Menschen.

„Soll heute wieder eine Fütterung geben“, sagte die Frau, mit der Max gesprochen hatte.

Das war alles. Dann öffneten sie die Fluttore.