KMax‘ Herz raste, als sie an der Wohnung angekommen war, in der ihr angeblicher Bruder leben sollte. Nicht nur, weil sie die Treppen von der ersten bis in die zehnte Etage genommen hatte – sie hatte sich versprochen, den Aufzug zu meiden und nahm ihre Versprechen sich selbst gegenüber sehr ernst.

Sondern auch, weil sie bald hier heraus könnte. Sie war im Irrenhaus gelandet, dessen war sie mittlerweile sicher. Und es begann, auf sie abzufärben. Sie trug noch immer das Halstuch, das sie dem toten Haubenreißer abgenommen hatte, und schlecht sitzende Kleidung, die sie mit Blutgeld bezahlt hatte.

Nur noch den Jungen hier raus bekommen und zu seiner Mutter schleifen… und sie könnte einige Zeit lang weg von hier. Irgendwohin. In die Tropen oder die Karibik und den ganzen Scheiß vergessen.

Sie klingelte. Kurz darauf hörte sie wieder das ihr beinahe vertraute Geräusch von Sicherheitsbolzen und Ketten. Die Eingangstüre öffnete sich einen Spalt, ein breites, milchiges Gesicht kam zum Vorschein. Eine Frau, mittleren Alters.

„Ja?“, blaffte sie.

„Hi! Uhhh… Wohnt hier Basti? Sebastian Corveaux? Ich muss dringend mit ihm reden, wenn Sie mich bitte reinlassen würden…“

„Kenn‘ ich nicht, nie gehört.“ Die Frau drückte die Tür zu, aber Maxine hielt sie mit einer Hand auf.

„Bitte“, flehte sie, so gut sie konnte. Sie würde sich jetzt nicht abwimmeln lassen. Nicht so kurz vor einem Ausweg. „Ich bin seine Schwester. Ich habe ihn seit Monaten nicht gesehen. Bitte.“

„Seine Schwester, sagen Sie?“ Max hatte Fotos von dem Jungen gesehen und wusste, dass sie ihm nicht gerade ähnlich sah mit seinen etwas feisten Bäckchen, mit den blonden Haaren und den grünen Augen.

„Halbschwester.“ Maxine rollte die Augen. „Hören Sie, ich muss Basti sehen. Es ist dringend. Wirklich dringend. Mir ist egal, ob er niemanden sehen will. Unser Vater ist gestorben.“

Das ließ die Frau einen Augenblick innehalten. Sie kniff die Augen zusammen,

„Wie, sagten Sie, wäre Ihr Name?“

„Max. Maxine. Maxine Schwarzbrunn.“

Die Frau überlegte einen Moment, ob ihr der Name etwas sagen sollte. Zu Maxines großer Überraschung tat er das. Die Frau ließ sie ein und Max kam in ein großes Gemeinschaftszimmer. Eine Wohnküche von einiger Größe, mit Sitzplätzen für vielleicht zehn oder fünfzehn Leute, in der sie zu schwitzen begann. Es war warm. Viel zu warm. Die Heizung musste seit Wochen brennen.

Der Wechsel zwischen eisiger Kälte in den zugigen Fluren und jetzt hier, dieser abgestandenen Hitze, lastete auf ihr. Sie fühlte sich unwohl. Ihre Hand war nass, als sie in ihren Nacken fuhr.

Maxine hörte Ketten hinter ihr rasseln. War jeder in diesem Nest hier paranoid? Kurz blickte sie über ihre Schultern und sah, wie die Frau sich weg drehte. Hatte… hatte sie gerade den Schlüssel für die Sicherheitsriegel an einer Kette unter ihrem Hemd verstaut?

Die Frau ignorierte ihren Blick. Sie deutete auf einen von mehreren Türen in einem kleinen Flur nach hinten raus.

„Sebastians Zimmer ist dort, das zweite von links.“

Sie führte Maxine bis zur Tür, klopfte für sie und streckte nach knapp vierzehn Sekunden den Kopf hinein. „Sebastian? Du hast Besuch. Deine Schwester ist hier.“

Die Frau drehte sich zu Maxine herum, flüsterte ihr zu:

„Bitte, lassen Sie sich Zeit. Es ist nicht leicht, ein Familienmitglied zu verlieren… Wenn Sie mich brauchen, ich warte im Gemeinschaftsraum.“

Maxine trat ein. Der Raum war klein. Kleiner, als sie gedacht hätte, dafür aber sauber. In einer Ecke ein Stahlgestell mit Matratze, Kleiderschrank in der zweiten, Schreibtisch mit Stuhl in der dritten, Einbauregal mit Büchern in der vierten. Nicht gerade das Zimmer eines Ausreißers und Drogendämons.

Der Junge lag halb aufgerichtet auf dem Bett. Er musste beim Lesen eingeschlafen sein.

„Sebastian“, sagte Maxine. Der Junge sah exakt so aus, wie auf ihrem Foto. Nur war er seitdem es geschossen worden war etwas abgemagert. „Mein Name ist Max. Ich bin hier, um dich nach Hause zu bringen.“

Der Junge starrte sie an. Schlaf trocknete ihm in den Augen, aber sie konnte fühlen, wie dieser Satz ihn aufgeweckt hatte. Wie sein Herz zu springen und zu rasen begann.

Seine Augen huschten zur Tür hinter ihr, ängstlich. Max machte zwei Schritte von der Tür weg. Sie stand jetzt seltsam verloren in dem kleinen Raum, aber sie fürchtete, an der Tür belauscht zu werden.

„Ich will nicht nach Hause“, sagte er. Sie konnte die Lüge darin schmecken. „Warum hast du gelogen? Ich habe keine Schwester.“

„Ich… ich bin keiner von denen. Offensichtlich“, sagte Max. „Ich heiße Maxine Schwarzbrunn. Du kannst mich Max nennen. Und ich will hier nur raus. Ich will dich hier raus holen.“

„Ich will nicht…“

„Nicht nach Hause, schon klar. Bin trotzdem deswegen hier.“

„Wieso? Wieso solltest du das tun?“

Es gab keine Worte, um das freundlich zu sagen, also sagte Max es direkt: „Dein Vater ist tot. Das Erbe musst du persönlich antreten, sonst fällt es an den Staat. Du warst für deine Familie nicht aufzutreiben, also haben sie mich angeheuert. Maxine Schwarzbrunn, Finder verlorener Träume, stets zu Diensten.“

Sie deutete eine Verneigung an. Als sie sich wieder aufrichtete sah sie in ein junges Gesicht, dem noch das wenige an Sicherheit entglitten war, das er eben gezeigt hatte.

„Vater ist… tot?“

Er hatte sich etwas weiter aufgerichtet, aber war vornüber gebeugt. Mit beiden Händen strich er sich durch das Gesicht, wischte sich die Haare von der schweißnassen Stirn. Er sah weniger entsetzt aus und vielmehr erleichtert.

„Ich kann nicht…“

„Hör mal, Kleiner, Ich hab‘ eine Woche in dieser Mördergrube mit der Suche nach dir verbracht. Ich hab Dinge getan, über die ich wirklich nicht reden will. Dinge, die ich in meiner Zeit bei der Polizei selbst verfolgt hätte. Ja, ich war bei den Bullen und ich weiß auch, dass die Schlampe da draußen keine Handhabe hat, dich hier drinnen einzusperren. Und um ganz ehrlich zu sein kümmert mich einen Scheiß, was du willst. So wie ich die Sache sehe, schuldest du mir was.“

„Das mein ich nicht. Die lassen mich hier nicht gehen. Du bist seit einer Woche hier? Dann musst du den Beiß gesehen haben. Der macht keine halben Sachen und der lässt mich hier nicht raus.“

„Ja, hab ich. Ich hab einen Deal mit ihm, er hat mich hierher gebracht. Ich denke nicht, dass er sich…“

„Dann denkst falsch“

Sebastians Stimme hatte eine Schärfe gewonnen, die sie von einem gerade neunzehn Jahre alten Knaben nicht erwartet hatte.

„Sag Ihnen, ich wäre abgehauen, irgendwo anders hin. Nach Polen, Amerika, irgendwohin. Sag ihnen, sie sollen zu suchen aufhören.“

Max sah ihn an, für einen Augenblick musterte sie ihn mit neuen Augen. Das Scheißerchen war doch gar nicht so feige, wie es erst den Eindruck gemacht hatte.

„Egal wie deine Familie zu dir war“, sagte sie, „da steckt eine ganze Menge Geld drin. Ich hab keine Ahnung wie viel, das hat sie mir nicht gesagt. Aber ich kenne mein Honorar und das… war ne Menge, also muss die Summe beträchtlich sein. Genug, dir ein ganz neues Leben aufzubauen. Ganz woanders. Genug, um keinen von denen je wieder zu sehen und nie wieder in so einem Loch hier hausen zu müssen.“

„Das ist mir egal. Es geht nicht um‘s Geld“, sagte er. „Es geht nicht einmal um mich. Ich… Ich komme hier nicht wieder raus. Aber ich komme klar. Steck du nicht deine Nase hier herein. Geh einfach. Geh, woher du gekommen bist, lass dir dein Geld geben und komm nie mehr wieder.“

Max schüttelte den Kopf.

„Keine Chance. Deine Mutter will dein Gesicht sehen, sonst sehe ich keinen Pfennig.“

„Meine Mutter? Was soll meine Mutter damit zu tun haben?“

„Was glaubst du, wer mich hierher geschickt hat? Kam zu mir, vor ein paar Wochen. Hat sich die Augen ausgeheult. Papi tot, Sohnemann imdicken B an der Spree, wäre gefressen und nie wieder gesehen worden. Sie würde ihn so gerne wiedersehen, sie muss ihn wiedersehen, sonst verfällt das Erbe.“

Sebastian starrte sie an. Endlich richtete er sich ganz auf. In seinen Augen sah Max eine Hysterie, die er nur mühsam beherrschte. Seine Stimme zitterte, als er ganz ruhig und gesetzt sagte:

„Ich glaube dir. Ich glaube, du glaubst selbst, was du sagst. Aber es gibt nur ein einziges Problem damit. Ein kleines, unbedeutendes. Ich habe keine Mutter. Sie starb, als ich noch klein war.“

„Was?“, fragte Maxine, schlaff. Ihr war, als wäre ihr der Boden unter den Füßen weggezogen worden. Sie sackte nach hinten gegen den Schreibtisch. „Nein. Neinneinnein. Ich… Ich habe mit ihr gesprochen, vor drei Wochen erst. Sie hat mir Bilder von dir gezeigt, ihre Unterlagen, Dokumente… Marie Anna Corveaux. Sagte, du wärst vor zwei Jahren hierher gezogen, hättest vor Monaten den Kontakt abgebrochen, wollte dich unbedingt wieder sehen… Sagte… Sagte dein Vater sei gestorben und hätte ein beträchtliches Erbe hinterlassen. Würdest es nur ausgezahlt bekommen, wenn…“

Sie sprang wieder auf, ging auf den Jungen zu. Beinahe hätte sie ihn am Kragen gepackt, aber sie beherrschte sich.

„Deine Stiefmutter also! Kann die Erbschaft nur durch dich antreten. Oder eine Tante, die sich als sie ausgibt, meinetwegen, gierig nach ihrem Anteil an deiner Erbschaft, den sie ohne dich nicht erhält.“

Ein Kopfschütteln war Max‘ einzige Antwort. Fast wirkte es mitleidig.

„Du hast keine Ahnung, wohin du hier geraten bist, oder?“, fragte Sebastian.

„In ein Irrenhaus offensichtlich“, sagte Maxine und starrte ihm in die Augen.

„Wenn deine Mutter tot ist… Wer hat mich dann angeheuert?“

„Keine Ahnung“, sagte er, „aber ich weiß, dass sie dich nicht mehr gehen lassen werden.

Die Geschichte stimmt, zum Teil. Ich bin von zuhause geflohen, vor dem Alten geflüchtet, sobald ich achtzehn war. Bin hierher gezogen, wollte studieren, mal eine richtige Stadt kennenlernen… Und vielleicht einfach nur etwas leben. Er war anständig, immerhin ein wenig. Immerhin war ich sein Sohn. Er hat gezahlt, jeden Monat anstandslos. Mag sein, dass ich mich zu viel herum getrieben habe. Bin an die falschen Leute geraten, auch wenn sie mir damals richtig erschienen. Und jetzt, jetzt bin ich eben hier. Ein Fehler, mit dem ich leben muss, weil ich ihn selbst gemacht habe.“

Max ließ sich auf den Stuhl am Schreibtisch fallen. Ihre Kehle fühlte sich eng an. Sie bekam keine Luft mehr.

„Ist er… Ist er wirklich tot?“, fragte Sebastian.

„Ich weiß es nicht“, sagte sie. „Das war was deine Mu… Was die Frau gesagt hat. Kann sein, dass auch das eine Lüge war.“

Sebastian zog die Knie bis an die Brust, schlang die Arme darum.

„Du warst es, die Jojo erschossen hat, oder?“

Max zuckte zusammen. Weil sie ihn getötet hatte – und weil sie seinen Spitznamen erraten hatte. Schwach nickte sie.

„Deswegen kommen wir nicht raus. Jojo war mein Freund. Früher mal. Ich hab ihn vor zwei Jahren kennengelernt, bevor ich hier gelebt hab. War einer meiner ersten Freunde in der Stadt. Wir waren viel unterwegs, tanzen, reden. Er war… Er war für mich der Beweis, dass man an diesem Abgrund lange tanzen kann, ohne hinein zu fallen. Er hat mir ein Zimmer hier besorgt, vor einem Jahr, als mein alter Vermieter mich rausgeworfen hat. Das war, als ich den Kontakt zur Familie abgebrochen habe. Und dann… Vor ein paar Tagen sollte er nach oben kommen. Weiter nach oben. Das ganze Haus gehört der Firma. Je weiter hoch du kommst, desto wichtiger bist du denen. Desto mehr darfst du sehen.

Hat ihn verändert. Er hat mit mir geredet, vor einer Woche. Sagte, er wollte abhauen, so wie du. Hat mir erzählt, was er da gesehen hat… was er getan hat. Dass er das nicht mehr tun könnte. Wirres Zeug, dachte ich. Von einer Spinnenkönigin in einem Netz. Von einem Sumpf ohne Entkommen.

Er hat dir das auch erzählt, ich sehe es in deinen Augen. Er hat versucht, zu entkommen. Und Beiß hat dich angeheuert, um ihn zu töten.“

„Der Mann war wahnsinnig“, sagte Maxine atemlos.

„Nein… nein. Wenn überhaupt war er der einzig vernünftige hier. Er hat es dir also erzählt?“

Sie verlagerte ihr Gewicht, schlang die Arme um ihren Oberkörper. Die Erinnerung an ihren Aussetzer vor wenigen Stunden war noch frisch, aber schwammig.

Sie erinnerte sich in allen Details, an den Lärm und den Schock. An das Blut an ihren Händen und auf ihrem Gesicht – aber nicht an den Grund dafür. Nicht daran, was Haubenreißer tatsächlich gesagt hatte. Nur an Brocken, die ohne Zusammenhang und Bedeutung schienen.

Der Junge schien sich deutlich besser unter Kontrolle zu haben. Er nickte.

„Mach dir nichts draus. So reagieren wir alle beim ersten Mal. Auf dieses… dieses Geräusch, richtig? So ein Summen in deinem Schädel, wie eine Stimme, aber ohne wirkliche Worte? So ein Gefühl, das dich ausfüllt, bis es deinen Kopf zum Platzen bringt?“

Max starrte ihn an. Der Junge nickte.

„Das ist der Grund, warum hier keiner mehr rauskommt. Er hat es mir erzählt, als er herunter kam. Nachdem er gesehen hat, was auch immer er gesehen hatte. Er hat mir von den Riten erzählt, von Blut und V. Was es mit dir anstellt. Dass er deswegen gehen will. Und deswegen weiß ich, dass wir hier nicht heraus kommen. Das hier ist ein Nest, der Name passt. Aber nicht für uns. Für irgendetwas anderes, das da oben sitzt und sich an uns fett frisst. Wir sind nur das Futter. Die Insekten im Maulwurfsgang.

Ich weiß nicht, wieso sie dich hierher gelockt haben. Ich weiß nicht, wo du herkommst oder was du getan hast, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen, Maxine. Aber jetzt bist du hier, jetzt bist du ins Loch gefallen. Und jetzt lassen sie dich nicht mehr hinaus.“

Sie hatte genug gehört. In ihrer Brust brannte es, als hielte sie jemand gepackt, und sie spürte jeden Muskeln in ihrem Rücken. Mit einer Hand schob sie den Stuhl zurück unter den Tisch, hielt die andere dem Jungen hin.

„Ich bin in noch kein einziges Loch gefallen, aus dem ich nicht wieder hervor gekrochen bin, Kleiner. Und dieses Höllenloch wird nicht das erste sein.“