Einer der sechs Männer trat vor, hob seinen Stahlknüppel über den Kopf. Der Rest umzingelte Max und Thommy. Bedrohlich ließen sie ihre Waffen schwingen, die Kanthölzern und Totschläger.

Der vermeintliche Anführer ging an ihnen vorbei, auf die Meute hinter ihnen zu. Er brüllte fast, obwohl es totenstill im Gang war. Seine Stimme hallte vom Beton wieder.

„Ihr habt sie aufgehalten, Leute, gut gemacht! Wir danken euch allen, Stephan übernimmt ab hier. Keine Sorge, wir haben davon gehört und werden die Mörder nicht davon kommen lassen. Über sie wird gerichtet werden, verlasst euch drauf.“

Einer aus der Gruppe kam trotzdem näher. Der selbe, der Maxine erst hatte greifen wollen, bevor sie ihm die Pistole ins Gesicht gedrückt hatte.

„Sie haben Haubenreißer umgebracht“, sagte er. „Einen von uns.“

Der Anführer sah über die Schultern, zu Max. Sein Blick wanderte zu ihrem Rucksack, als vermutete er darin das gestohlene V.

„Und dafür werden sie die Quittung erhalten, verlass dich drauf. War gut, dass ihr sie aufgehalten habt. Beiß wird dich dafür belohnen, Robert, dafür sorg ich. Jetzt geht Heim, verschließt die Türen und die Fenster. Wir kommen wieder, wenn alles getan ist.“

Max spannte sich an. Sie starrte zu dem Mann herüber, die Finger um den Griff ihrer Waffe geklammert. Es lag Gewalt in der Luft, und sie waberte nicht nur aus dem zerschossenen Wohnzimmer von Haubenreißer heraus. Es war eine trockene, summende Anspannung im Gang zu spüren.

Aber wie durch ein Wunder tat die Meute, wie ihr geheißen. Robert blieb noch einen Augenblick, zögerte. Er spuckte auf den Boden.

„Mörderin“, zischte er, dann ging er wie die Anderen zurück in seine Wohnung.

Maxines Gedanken rasten mit ihrem Herzschlag um die Wette. Blieben nur noch sechs, die zwischen ihr und einer Flucht vom Tatort standen. Sechs schlecht rasierte Männer mit nervösen Blicken und nachlässiger Kleidung. Alle mit spitzen Blicken, die immer wieder zu ihrer Waffe und ihrem Rucksack huschten. Männer, die nicht den Eindruck machten, als wären sie sich ihrer Sache zu sicher. Die nervöse Finger und unruhige Gedanken hatten.

Sie presste ihre Finger um den Griff ihrer Pistole. Sie hatte vier Kugeln aus Haubenreißers Körper geschnitten. Mindestens eine steckte in seinem sterbenden Freund, der hinter den Handlangern von Beiß lag und verblutete. Eher noch zwei.

Blieben also sieben Kugeln im Magazin.

Genug, wenn sie mit jedem Schuss einen von ihnen außer Gefecht setzen konnte. Wenn Thommy schaltete und sich wehrte…

„Frau Schwarzbrunn?“, fragte der Anführer der kleinen Truppe.

Max sank das Herz. Wenn er wusste, wer sie war, dann handelte er im Auftrag von Beiß. Dann war sie erledigt. Sie wusste das. Banden hatten einen eigenen Verhaltenskodex, eine Struktur. Und ein Typ wie Beiß förderte sicherlich ein gesundes Maß an Rivalität.

Derjenige, der die Beute brachte, würde die Belohnung erhalten. Das war, was Kopfgeld wirklich bedeutete.

„Ich nehm‘ den dummen Blick als ein Ja. Wir sind hier, um hinter Ihnen aufzuräumen.“ Er streckte die Hand aus, deutete auf ihre Pistole. „Geben Sie mir die Waffe“, sagte er.

Max sah zu Thommy. Er nickte. Sie schüttelte den Kopf.

„Nein. Wieso? Ich trau‘ euch nicht.“

„Weil Sie genug Dummheiten für einen Tag angestellt haben. Waffen machen die Leute leichtsinnig. Geben Sie mir die Waffe oder ich brech‘ sie Ihnen aus den Fingern und schleif‘ Sie dann zu Stephan.“

„Gib ihm die Knarre“, zischte Thommy dicht an ihrem Ohr. „Wir stecken zu tief in der Scheiße, um uns rauszureden.“

Sie sah dem Wortführer in die Augen. Sie hatte diese Sache schon besiegelt. Max hatte sich, ob sie wollte oder nicht, entschieden, diese Sache durchzuziehen. Den Jungen hier heraus zu holen.

Auf eine gewisse Weise hatte sie bereits den endgültigen, den höchsten Preis dafür gezahlt. Den eines Lebens. Nicht ihres Lebens… aber immerhin. Sie könnte jetzt nicht wegrennen, ohne diesen Preis umsonst gezahlt zu haben.

Sie hielt dem Wortführer die Waffe hin, er nahm sie mit einem Halstuch um die Finger entgegen. Wollte keine Fingerdrücke hinterlassen. Cleverer Junge.

„Karl, Willy – ihr bleibt hier. Zieht Paul zu Haubenreißer in die Bude und passt auf, dass keiner Schnüffeln kommt.“

Das war also sein Name, dachte Max, während sie über die Leiche stieg. Komisch. Sie hätte schwören können, er hätte mit einem ‚B‘ begonnen.

Flankiert von den restlichen vier Schlägern gingen sie den Gang hinunter. Dann die Treppen rauf, wieder einige Gänge entlang, ein anderes Treppenhaus hinab. Immer weiter durch das Hochhauslabyrinth eines irren Architekten. Keiner von Ihnen kam ihr zu nahe oder versuchte es mit Geplauder. Wenn sie ehrlich war, war sie dankbar dafür.

Sie hatte keinen von ihnen für den Job gebraucht und auch keine Hilfe von Ihnen erwartet. In wenigen Tage wäre sie eh fort und dann wäre es gleichgültig, was die von ihr dachten. Oder wollten oder erwarteten. Dann wären sie wieder unter sich und konnten ihre langweiligen, viehischen Leben führen, bei denen sie sich über die immer gleichen drei Themen unterhielten. Nicht einmal Thommy unterhielt sich mit ihr. Umso besser, dachte Max, dann musste sie nicht überlegen, ob sie ihm böse war, weil er sie zu dieser Scheiße überredet hatte.

Es dauerte Ewigkeiten, bis sie sich vom vierten in den ersten Stock begeben hatten. Sie hielten direkt am kleinen Platz – mehr eine Lichtung im Betonwald – der vor der Haupttreppe hinunter in die Basis der Doppeltürme führte. Dort in der Basis lag eine Geschäftsebene. Supermärkte, Schnellimbisse und derlei Kram. Der Felsblock, aus dem sich die Wohntürme wie eine besonders hässliche Blume erhoben.

Oder ein Termitenhügel, dachte Max.

Wenn sie sich nicht irrte, war die Haupttreppe der einzige Eingang in die oberen Etagen. Und der einzige Ausgang. Die Fahrstühle und Treppen des restlichen Gebäudes führten alle nur bis zu dem Gang hinter ihr.

Auf der Tür, vor der sie standen, prangte Türnummer 1.11.1. Und auf einer kleinen Platte über dem Klingelschild las sie: „Stephan Beiß – Gebäudesicherung“

Wer auch immer rein oder raus wollte, musste hier vorbei. Im wörtlichen wie übertragenen Sinne.

Der Wortführer öffnete ihnen die Tür und schloss sie auch wieder hinter ihnen.

Das Büro vor ihnen war groß, aber übersichtlich. Eine Reihe von Trennwänden teilte den Raum auf. Max vermutete, dass es an den Seiten Lager gäbe oder Betten. Für den Fall der Fälle würden Sicherheitskräfte hier übernachten oder auf die Matratzen gehen. Wenn man die Schläger und in Dienst gepressten Junkies denn Sicherheitskräfte nennen wollte.

„Bitte die Rucksäcke zeigen“, sagte der noch namenlose Wortführer.

Max sah zu ihm, dann zu Thommy. Sie zögerte. Alles, was sie besaß, befand sich darin. Ohne ihn wäre sie völlig bloß gestellt, noch schlimmer als nackt.

Schließlich überließ sie ihn dem Mann.

Er warf einen flüchtigen Blick hinein, wühlte im Inhalt herum. Er zog das zerlesene Buch mit einem Schnauben heraus, öffnete das Täschchen mit Hygieneartikeln und schloss es ebenso rasch wieder. Dann warf er ihr anstandslos den Sack wieder zu und nahm sich Thommys vor. Er bediente sich nicht am Geld oder den Drogen, er kommentierte die Blutspritzer darauf nicht. Nur das Messer nahm er an sich und schob es in seinen Gürtel.

„Keine Messer oder Stichwaffen“, sagte er und gab Thommy den Rucksack zurück. Er deutete auf eine Tür im hinteren Ende des Raumes.

„Stephan erwartet euch. Nach Ende der Audienz erhaltet ihr das Messer wieder.“

Max und Thommy gingen ohne Umschweife dorthin. Sie ertappten sich beide dabei, wie sie Ausblick nach einem Wasserspender oder einer Art von Büroküche hielten, als sei das hier ein ganz normaler Arbeitsplatz. Max‘ Kehle fühlte sich ausgedörrt an.

Als sie das Büro betraten, kauerte Stephan Beiß gerade über einem Stapel an Papieren.

Es war surreal, diesen Berg von Mann Papierkram erledigen zu sehen. Wie ein Löwe, der Schach spielte, oder ein tollwütiger Köter, der die Zeit las. Die einzige Situation, in der Beiß einen Stift benutzen sollte, dachte Max, war um jemanden damit ein Auge auszustechen.

Er sah auf, nickte ihnen zu und füllte einen weiteren Zettel aus.

Sie studierte sein Gesicht und war überrascht. Es waren kaum noch Spuren des Massakers von vor vier Tagen vorhanden. Keine offenen Wunden, keine Blutungen. Nicht einmal Narben. Er konnte kein Mensch sein, dachte Max. Er war ein Golem aus Fleisch und Knochen, eine unförmige Masse, die sich nur immer wieder selbst zusammen formte, um das Abbild eines Mannes zu bilden.

„Haubenreißer ist tot“, sagte Max in die Stille hinein.

„Hab ich gehört. Er und sein Freund. In der eigenen Wohnung erschossen. Tragisch.“

„Die Polizei…“

„… ist informiert und hat kein Interesse an der Sache.“

Beiß legte seinen Stift zur Seite und sah Max endlich in die Augen. Sein Blick war wieder klar und eisig, wie vor wenigen Tagen. „Niemand mag die hier sonderlich und die mögen uns nicht. Eine Abmachung, die uns sehr gut gefällt. Gibt weniger unangenehme Fragen.“

Max öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Sie zog die Stirn in Falten.

„Zwei Menschen sind erschossen worden“, sagte sie. Als ob das etwas ändern würde. Als ob ein Eingeständnis ihrer Schuld das war, was sie Sache besser machen würde. Aber irgendetwas in ihr weigerte sich, diese Tat gefühllos hinzunehmen.

„Raubüberfall“, sagte Beiß und verzog das Gesicht zu einer Fratze. „Tragische Angelegenheit. Aber so ist das Leben von Drogenhändlern. Gefährlich. Manchmal brennt bei Kunden eine Sicherung durch und im kurzsichtigen Rausch nehmen die ihre Quelle für Stoff aus. Eine nette Erklärung, gibt die Schuld dem Opfer und befreit einen davon, zu genau hinzuschauen. Überrascht, dass deine Kollegen so kaltschnäuzig sind?“

Ihr Schweigen quittierte er mit einem Schulterzucken.

„Habt ihr mein Zeug?“

„Haben wir“, sagte Max. Zu ihrer Überraschung trat Thommy nach vorn und leerte seinen Rucksack über dem Schreibtisch von Beiß aus.
„Und noch mehr“, sagte er.

„Behaltet es“, sagte Beiß. Er wirkte angeekelt. „Ich bin nicht an Drogen interessiert.“

„Wir sind keine Räuber“, erwiderte Thommy. Dieselben Worte, die Max ihm gegenüber benutzt hatte.
Beiß hob überrascht eine Augenbraue. Scheinbar war er von seinen Leuten anderes gewohnt.

„Dann spende es der Heilsarmee. Interessiert mich nicht, was ihr damit macht. Haubenreißers Besitz ist seit eben öffentlich. Bald werden sich die Anderen wie Geier auf Aas stürzen. Gebt‘s denen, wenn ihr gute Christen spielen wollt.“

„Ich will arbeiten, um zu überleben. Ich hab es satt, ein Parasit zu sein. Wie einer behandelt zu werden. Das war der Deal.“

Das ließ Beiß einen Moment innehalten. Er musterte Thommy, als sähe er ihn gerade das erste Mal

„Abgemacht. Aber erst das V..“ Er sah wieder zu Max. „Du hast es?“


Sie öffnete ihren Rucksack, zog das Kästchen heraus und schob es Beiß über den Schreibtisch hinüber. Er öffnete es, zählte die Phiolen darin.

„Es fehlen welche“, sagte er missmutig.

„Vier Stück“, sagte Maxine und nickte. „Wir haben gebraucht, bis wir rein gekommen sind. Haubenreißer hatte sich eingebunkert, niemanden rein gelassen. Denke er hat sich an seinem eigenen Vorrat berauscht. War ziemlich durch den Wind. Hat ständig was von Insekten erzählt, die ihn fressen und seine Gedanken kontrollieren würden.“

„Hm“, machte Beiß und klappte die Kiste zu. „Und deswegen hat er zu schießen angefangen?“

„Vermutlich“, log Max.

Er musste nicht wissen, wer von Ihnen zu schießen angefangen hatte. Beiß hatte so schon genug in der Hand gegen sie, da musste sie ihm nicht noch die Wahrheit auf einem Silbertablett präsentieren.

„Du schuldest mir Antworten. Wieso besorgst du dieses Zeug, wenn du kein Händler bist? Und für wen?“

Beiß legte den Kopf schief, sah sie an.

„Tue ich das? Ich schulde dir eine Antwort, das war unsere Abmachung. Wo der Junge ist, den du suchst. Dein…wie war das? Dein Halbbruder? Stiefbruder? Das ist die einzige Antwort, die du von mir bekommst. Du findest das V, ich finde den Jungen.“

„Ich hab das V.“

„Ich hab den Jungen.“

Beiß verzog sein Gesicht. Ein Grinsen, vielleicht, bei dem er seine kantigen Zähne zeigte.

„Ich würd so nicht bei ihm auftauchen. Siehst scheiße aus. Schlimmer, als hättest du jemanden erschossen“ Er deutete zur Tür. „Mach dich sauber. Bad ist hinten links, schließ es ab. Komm wieder her, wenn du fertig bist.“

Dann wandte er sich Thommy zu, als wäre die Angelegenheiten für ihn erledigt.

Max zog ab. Das Badezimmer war ein kleineres Bürotoilette. Zwei abschließbare Kabinen, zwei Waschbecken, Seifenspender. Sie schloss die Tür und ließ Wasser im Waschbecken auflaufen.

Als sie Hoodie und Hose auszog, die beide blutbesudelt waren, hatte sie zum ersten Mal seit Tagen die Chance, sich in einem Spiegel anzusehen. Zeit, sich um sich selbst zu kümmern.

In den Falten ihrer rechten Hand hatte sich Blut gesammelt – eine größere Menge – und war eingetrocknet. Das Zeug war bis in ihre Haare gelangt. Sie stank.

Sie fuhr sich mit den Fingern durch die Haare und über die Wange. Überall Blut und Schmutz und Speichel. Gedankenlos wusch sie sich die Hände. Die Seife half nicht, sie verteilte nur noch mehr Blut auf der Keramik.

Max verfluchte Haubenreißer, verfluchte Beiß, verfluchte ihre ganze beschissene Entscheidung.

Sie gab auf, als ihre Knöchel zu bluten begannen. Keine Chance. Blut würde sie da nie raus bekommen. Sie knüllte den Hoodie zusammen, stopfte ihn mit dem anderen Beweismaterial in eine Mülltüte und dann ihren Rucksack.

Halbnackt ging sie aus dem Badezimmer und fing Thommy ab, der gerade aus dem Büro von Beiß kam.

„Thommy, du musst runter in einen der Läden. Ich brauch Kleidung. Stell dich nicht so an. Ja, verdammt. Hose, Pulli, neue Schuhe. Größen S und 34. Keine verfickten Absätze, klar?“

Er machte sich auf den Weg.

„Und bring Tape mit!“, brüllte sie ihm hinterher.

Max verkroch sich wieder im Bad und begann mit einer Katzenwäsche.

Eine halbe Stunde später war er wieder da und Maxine halbwegs aufgeräumt. Der Pullover war zu eng, die Hose etwas zu weit. Immerhin passten die Schuhe und Thommy hatte daran gedacht, Zahnbürste und Deo mit hinein zu legen.

Sie präsentierte sich Beiß, der ihr anstandslos einen Zettel überreichte. Ein Karteikärtchen, das er in der letzten Stunde geschrieben haben musste. Darauf stand:

Sebastian Corveaux

Wohnung 10.5.23

Eine Wohnung in der zehnten Etage. Um einiges größer als das Loch, in dem sie selbst die letzten Wochen gehaust hatte, und nur etwa zu einem Drittel den Turm hinauf.

Max seufzte. Wenn Beiß einigermaßen bei Verstand war, hatte er er sie schon lange durchschaut. Er hatte etwas angedeutet. Hieß das, er wusste über sie Bescheid? Oder hieß das nur, dass sie ihm egal war?

Bei einem Typen wie ihm war Max sich nie sicher, was sie denken sollte. Einen wie ihn konnte sie nicht einfach einschüchtern, um die Wahrheit aus ihm heraus zu bekommen.

Mit einem Knoten im Magen machte sich Max an ihren Aufstieg.