Als Maxine Schwarzbrunn wieder zu sich kam, war es, als tauche sie aus einem See aus Lärm auf. In ihren Ohren brandete das Summen von tausend Flügeln. Das Fleisch zitterte ihr noch in Lust und Ungeduld und sie sah sich mit bebendem Blick um.

Um sie her war Chaos, Rauch und Blut. Sie kniete hinter dem umgeworfenen Tisch, die Stirn an die Keramikplatten darauf gepresst. Ihr Herz raste. Sie kam auf die Beine, würgte, und erbrach einen Schwall aus Galle auf den Haufen aus Tabak, Gras und Plastikbeutelchen zu ihren Füßen.

Die Waffe in ihren Händen glühte, ihr brannte die Brust, als ob jemand ein glühendes Eisen hinein gejagt hatte.

Sie sah, wie Thommy sich über den Sessel ihr gegenüber beugte. Seine Schultern hoben und senkten sich rhythmisch. Eine hilflose Geste.

„Thommy“, hörte sie sich sagen. „. Thommy, lass. Der ist hin.“ Woher wusste sie das? Sie wusste nicht einmal, was passiert war. Dann, etwas lauter: „Thommy!“

Er hörte nicht, war wie weggetreten. Über der leblosen Gestalt im Sessel, der vier Kugeln in Hals und Brust steckten. Überall Blut. Sie musste eine größere Arterie getroffen haben. Während der Ausbildung hatte sie gehört, dass der menschliche Blutkreislauf noch dreißig Sekunden nach einer größeren Verletzung seinen Blutdruck aufrecht erhalten konnte. Dass ein Herz für dreißig Sekunden noch Blut mit einem solchen Druck pumpte, dass es bis zu einem halben Meter aus den Wunden schießen konnte.

Der Raum lieferte den Beweis zur Schultheorie.

Max erinnerte sich an ein Geräusch. Das Geräusch von tausend Flügeln. Flügeln, aber ohne Gefieder, sondern aus Chitin und Membran, die gegeneinander schlugen. Und dann… dann eine Explosion aus Wut und Hass und Gewalt.

Sie sah sich um. An die eine Hälfte der letzten paar Minuten erinnerte sie sich nicht mehr. Die andere hätte sie auch gerne vergessen. Max hatte schreckliches mit dem Raum angestellt. Alles war in Einzelteile zerschossen oder zerschlagen worden. Es war vorher bereits unordentlich gewesen, aber jetzt herrschte Anarchie.

Max fand nur eine Leiche.

Sie packte Thommy am Pulli und im Nacken. Sie zerrte ihn auf die Beine, weg von Haubenreißers Leichnam. Zwang ihn, ihr in die Augen zu sehen. Sein Blick schwamm in einem kleinen See. Er weinte nicht, sah aber den Tränen nahe aus.

„Thommy“, schrie sie. Es hatte den gewünschten Effekt. Er wurde starr und bleich. Wie Haubenreißer.

„Wir brauchen den Stoff. Dieses V-Zeug. Wir müssen es Beiß bringen, sonst ist der Deal geplatzt.“

Sie deutete auf den Flur, auf die Blutspur, die geöffnete Haustüre.

„Dieser Ben oder Bill oder wie auch immer, ist weg. Sie werden in finden. Er blutet wie eine abgestochene Sau und wir haben eine Menge Lärm gemacht. Die Jungs vom Beiß werden ihn finden, in fünf Minuten. Und dann werden sie uns finden. Klar soweit? Die werden uns das V abnehmen und ihm selber geben und dann sind wir am Arsch. Wir werden nichts weiter von Beiß sehen als die Absätze seiner Stiefel.“

Vorsichtig ließ sie den Pullover von Thommy los. Er zitterte, aber er blieb stehen. Sein blasser Blick ging an ihr vorbei, zu den blutigen Abdrücken an den Schlössern und Ketten. Max sah, wie er grün im Gesicht wurde.

„Ich suche im Schlafzimmer“, sagte er und stolperte los.

Maxine nickte und begann ihre Suche im Wohnzimmer.

Haubenreißers Behausung war mehr ein Gefängnis als eine Wohnung. Ein Käfig, in dem er sich selbst eingesperrt hatte, um die Welt draußen nicht zu ertragen. Aber sobald jemand die Hand in den Käfig gesteckt hatte… hatte er danach gebissen.

Wie ein Tier, das unter Anspannung stand.

Kein Wunder, dass Beiß sie beide vorgeschickt hatte, statt selbst den Kopf hinein zu stecken.

Aus dem Nebenzimmer hörte sie, wie Thommy Regale und Kommoden aus ihren Verankerungen riss. Wie er Rückwände eintrat, Klamotten und alles mögliche andere durcheinander warf.

Er ließ seine Verwirrung an den Möbelstücken aus. Aber er ging systematisch dabei vor. Immerhin war er ein Profi und das hier nicht ihr erster Raubüberfall.

Nur der erste mit einem Toten.

Max schüttelte den Kopf. Nicht jetzt. Sie hatte keine Zeit für solche Gedanken. Ihre Brust schmerzte. Der Rauch und der Gestank von Galle stachen ihr in den Augen. Sie zitterte noch, selbst unter dem Gewicht der Pistole in ihrer Hand.

Der Raum war eine Ruine. Die Schrankwand hinter ihr löste sich unter ihrem Griff, fiel auseinander. Sie musste darauf aufgeprallt sein, von Haubenreißers Freund dort hinein geworfen, bevor sie ihm eine Kugel in die Niere gejagt hatte. Mit dem Lauf ihrer Pistole wühlte sie durch die Scherben und Splitter, fand aber nichts. Nichts, was größer war als ihr Zeigefinger. Der umgeworfene Tisch hatte alles weitere im Zimmer verteilt, die Schießerei… die Todeskämpfe einige der Tüten und Behälter aufgerissen.

Max wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht. Wieso war ihr so heiß? Sie fühlte sich, als ob sie glühte. Der Ärmel ihres Pullis fing Blut auf, Speichel und Schweiß. Ihr Schweiß, ihr Speichel – sein Blut. Haubenreißers Freund. Der Mann, der gerade blutend durch das die Wohnanlage kroch. Sein Gesicht war wieder vor ihr, in ihrem Kopf. Ganz nah, mit knotig hervor tretenden Adern und entzündeten Augen. Mit den aufeinander gepressten Kiefern, die nach ihrer Kehle schnappten. Ein Gesicht, das sie mit ihrer freien Hand von sich fern zu halten versuchte, mit Mühe um jeden Zentimeter kämpfte.

Auch diesen Gedanken versuchte Max zu verdrängen, selbst wenn sie von ihm träumen würde. Der Mann war so gut wie tot, sie hatten ihn erschossen und Haubenreißer auch. Das waren die Fakten, jetzt musste sie damit umgehen.

„Wir brauchen einen Schlüssel!“, brüllte Thommy aus dem Nebenzimmer. Er hatte das gesamte Zimmer gründlichst zerlegt. Schränke ausgeleert, Kommoden heraus gerissen, Betten mit einem Küchenmesser aufgeschlitzt. Im Boden des Kleiderschranks war er fündig geworden: Eine Gorillakiste füllte den gesamten Fuß des etwas hochstehenden Schranks aus. Und war mit einem dicken Schloss gesichert.

Wenn irgendwo, dann bewahrte Haubenreißer sein Lager darin auf.

Max ging zurück zu seiner Leiche, tastete sie ab. Er – Sie, zwang Max sich zu denken, Sie die Leiche – war noch warm. Stank nach Paranoia. In den Hosentaschen ein Schlüsselbund, Feuerzeug, Kleingeld. Um seinen Hals fand sie, was sie gesucht hatte: Einen kleinen Schlüssel aus Messing. Blut klebte daran. Max riss einen Fetzen aus Haubenreißers Hemd, wischte damit das Blut ab.

Der Tatort war eine Katastrophe. Alles schrie ihren Namen. Max verfluchte ihren Aussetzer. Jeder Schwachkopf mit etwas Erfahrung würde sie als Täterin ausmachen können – aber solange sie bei klarem Verstand war, konnte sie versuchen, ihre Spuren zu verwischen.

Zuerst ging sie zu Thommy ins Nebenzimmer. Haubenreißers Schlüssel öffnete wie erhofft die Kiste. Es war eine Schatzkiste für Verbrecher. Einige Stapel Geldbündel, alles kleine Scheine, Gras, Pulver, Steine, Pillen – in kleinen und großen Tüten. Alles in allem einige zehntausend wert.

Max pfiff durch die Zähne. Das erklärte, weshalb Haubenreißer sich offenbar absetzen wollte.

Thommy begann, einiges davon in eine Tüte zu schaufeln. Geld in eine, Opiate und Derivate in eine andere. Er sah sie nicht an dabei und Max hätte sich gewundert, wenn er nach Erlaubnis gefragt hätte.

Sie besah sich das kleine Kästchen näher, das im hinteren Bereich der Gorillakiste stand. Es war aus schlichtem, aber stabilem Holz gefertigt, mit einem kleinen Schnappschloss aus Silber. Sie öffnete es und fand Glasflaschen auf einem Samtbezug stehen. fünfundvierzig Stück, halb so lang wie ihr Zeigefinger und etwas dünner. Sie enthielten vielleicht vier oder fünf Milliliter, eine Standardgröße. Sie waren aufgereiht in einer stählernen Halterung, alle mit einem Korken verschlossen und mit Wachs versiegelt.

Knappe zweihundert Milliliter einer ihr unbekannten Flüssigkeit und Droge. Zweihundert Milliliter, für die sie getötet hatte. Für die Beiß sie ebenfalls töten würde, wenn sie verschwand. Da war Max sich sicher.

Und dennoch. Drei der Löcher in der Halterung waren bereits leer. Drei Gläschen fehlten.

In ihrem Hinterkopf meldete sich eine kleine Stimme. Eine, die sie bei der Polizei schon in Schwierigkeiten gebracht hatte. Eine, die dort seit ihrer schlimmen Jugendphase wohlfühlte. Max steckte eine der Flaschen ein.

Hektisch schloss sie das Kästchen wieder, wickelte es in einen Fetzen ein und steckte sie in ihren Rucksack.

Thommy war ebenfalls fertig. Er hatte den größten Teil der Beute in einen Rucksack gesteckt, den er irgendwo hier gefunden hatte In seiner rechten Faust hielt er eine weitere Tüte. Geldscheine waren darin. Ein paar blutig, der größte Teil zerknittert. Einige hundert in kleinen Scheinen. Tausend vielleicht, schwer zu sagen. Er hielt ihr die Tüte vor die Brust, sah ihr in die Augen.

Max schüttelte den Kopf.

„Ich bin kein Räuber“, sagte sie, „Ich will kein Geld und keinen Anteil. Ich habe einen Job und für den werde ich bezahlt werden.“

Thommy starrte sie an. Er zog die Augen zusammen, schien etwas sagen zu wollen. Dann besann er sich, zuckte mit den Schultern und stopfte das Geld in den gefledderten Rucksack zu der anderen Beute.

Sie warf einen Blick über die Schulter, ins Wohnzimmer. Zur Leiche.

„Lass uns den Schaden begrenzen“, sagte sie. „Fünf Minuten, vielleicht zehn, dann wird es zu heiß.“

Sie wühlte in den Überresten des Kleiderschranks herum, bis sie ein Halstuch fand, das einigermaßen frisch roch und zog es sich bis über die Nase. Falls jemand sie beobachten würde, würde er nicht viel mehr als ihre Augen sehen. Thommy vermummte sich mit seinem Pullover.

Sie zweifelte daran, dass einer der Nachbarn neugierig werden würde. Niemand achtete aufeinander, in diesen Ameisenhaufen von Gebäuden. Oder auf den Krach, der manchmal aus anderen Wohnungen kam.

Jedenfalls war niemand in ihrer Behausung während der letzten Woche scharf darauf gewesen, sich in anderer Leute Angelegenheiten einzumischen.. Aber nur für den Fall.

Methodisch begannen sie, ihre Spuren zu beseitigen. Die Kugeln zu suchen, die sich durch Körper ins Mobiliar gefressen hatten. Die wenigen Dinge, die sie hier angefasst hatten. Den Zigarettenstummel aus dem Aschenbecher. Selbst die Fingernägel von Haubenreißer säuberte sie mit einem Fetzen Stoff und steckte alles zusammen in einen der Plastikbeutel, die überall herum lagen.
Sie würde es verbrennen müssen, zusammen mit ihrem blutbesudelten Hoodie. Sie brauchte ohnehin einen neuen. Dieser hier stank, nachdem sie die letzten Tage darin gelebt und geschlafen hatte.

Ein kurzer Blick glitt über den Teppichboden. Sie bezweifelte, dass sie die einzigen hier gewesen waren in den letzten Wochen. Wenn sie Spuren hinterlassen hatten – Haare, Hautschuppen, selbst Speichel – dann auch alle anderen. Es sollte unmöglich sein, sie nur mit der Spurensicherung zu belasten.

Was nur Beiß und Haubenreißers Freund übrig ließ, die die Sache Ihnen anhängen konnten.

Max fluchte. Genau die Situation, die sie hatte vermeiden wollen. Dumm, schimpfte sie sich in Gedanken. Dumm und impulsiv, das war sie.


Sie warf Thommy einen letzten Blick zu, dann sprinteten sie aus der Wohnung.

Kaum waren sie aus der Tür, da rannten sie in einen Pulk aus Menschen.
Eine Traube hatte sich auf dem Flur gebildet. Max erstarrte, blinzelte in die Menge. Nachbarn, wie es schien. Sie sah die Spur aus Blut auf dem Linoleum. Haubenreißers Freund hatte sich durch den Gang geschleppt, von einer Haustür zur nächsten. Blutige Abdrücke auf den Wänden und an den Klingeln zeigten an, dass er nach Hilfe gesucht hatte.

Sein regloser Leib am Ende des Ganges zeigte, dass er keine bekommen hatte. Immerhin war er noch nicht Beiß in die Hände gefallen. Und war kein Zeuge mehr.

Die Leute starrten Max und Thommy an. Wie zwei Bankräuber sahen sie aus: Mit Masken vermummt und säckeweise Beute über den Schultern. Sie begann, sich durch die Menschen zu schieben. Zwanzig oder dreißig von Ihnen hatten sich versammelt. Die halbe Bewohnerschaft des Gangs, wie es schien. Sie bewegten sich nicht, machten keine Anstalten, ihr die Flucht zu erleichtern. Sie behinderten Max zwar auch nicht, aber sie machten nicht gerade Platz.

Max stieß sie zur Seite. Es fühlte sich für sie nicht nach Menschen an, die dort standen. Mehr nach einem Haufen Tieren, die sie umringten, die ihr den Atem stocken ließen. Sie rang nach Luft. In ihren Ohren begann es wieder zu dröhnen.

Dann war sie jenseits der Meute – und rannte los. Zum Gang, vorbei an dem ausblutenden Fleisch von Bill oder Ben oder wie auch immer er geheißen hatte.

Und prallte gegen eine weitere Wand aus Menschen. Sechs Typen versperrten ihr den Weg zu den Treppen.

Sie zog die Pistole aus dem Gürtel, wedelte damit. Nichts. Keine Reaktion. Nicht die gewöhnliche Art von Nachbar. Dann erst sah sie die Knüppel und erkannte zwei der Gesichter wieder. Sie waren dabei gewesen, als Beiß vor vier Tagendie Nachbarswohnung ausgeräumt hatte.

Deswegen wusste er es, realisierte sie. Deswegen wusste Beiß, dass Haubenreißer seinen Stoff hatte. Weil er die Komplizen hochgenommen hatte. Und dann hatte er sie wie billige Geigen gespielt.

Max machte einen Satz zurück, versuchte Abstand zwischen sich und die Schläger zu bringen.

Umdrehen und in die andere Richtung fliehen, dachte sie und warf einen Blick über die Schulter.

Sie war gefangen, in einem engen Flur mit weiß gekalkten Wänden und eingekesselt zwischen dreißig Leuten, deren Nachbarn sie gerade erschossen und beraubt hatte – auch wenn es Notwehr gewesen sein musste – und den Handlangern des blutrünstigen Sicherheitschefs.

Einer der Männer hob seinen Knüppel, ein Stahlrohr mit einem hässlichen aufgeschraubten Stück am hinteren Ende, und trat nach vorn.