Der Fahrstuhl stank erbärmlich. Nach Hundepisse und nassem Gummi. Wohnung Nummer VierSechsZwei war die zweite Wohnung im sechsten Flur im vierten Stockwerk. Damit lag sie drei Etagen über der, die Thommy und Max die letzten Tage über besetzt hatten.

Sie hätten die Treppe nehmen können, entschieden sich aber dagegen. Niemand nahm die Treppen und außerdem musste der Architekt der Wohntürme irre gewesen sein. Die zwei Türme waren in mehrere Segmente unterteilt, die jeweils fünf hoch waren. Zwischen jedem Segment gab es exakt einen breiten Treppenaufgang und keine sonstigen Verbindungen nach oben. Aber auch innerhalb der Segmente führte kaum eine Treppe durchgehend über alle Etagen – manche von ihnen übersprangen ein Stockwerk oder endeten nach nur einem Absatz. Jeder Treppenaufstieg über mehr als drei Etagen war also mit einigen Fußmärschen verbunden.

Mit den Fahrstühlen sah es kaum besser aus. Obwohl die immerhin die ersten zehn Stockwerke abdeckten, waren die Dinger in einem desolaten Zustand. Eigentlich waren es nur Blechkisten, die von einem Stahlseil nach oben gezogen wurden. Max war nicht einmal sicher, ob sie automatische Bremsen oder Sicherungsseile hatten.

Sie war froh, als sie ausstiegen.

Flur Nummer Sechs und Wohnung Vier war leicht genug zu finden, wenn man wusste, wonach man suchen sollte. Es war eine kleine Wohnung, eine dieser Standardbauten mit exakt geschnittenen, gleich verteilten Wänden und Räumen wie es Dutzende, vielleicht Hunderte im Nest gab. Die Flure waren alle unverständlich und wild angeordnet, aber auf jeder Tür prangte die Wohnungsnummer, auf jedem Ein- und Ausgang aus den Fluren war die Zahl abzulesen, mit der sie sich orientieren konnten. Und oft genug auch einige Graffitis und Bandenzeichen.

Als sie der Wohnung standen, hielten sie zum ersten Mal inne.

Thommy sah sie an.

„Hast du irgendeinen Plan?“, fragte er.

„Freundlich fragen, ob er das Zeug raus rückt?“ Sie sah den Gang entlang. Nichts, nur ein halbes Dutzend weitere Wohnungstüren, dann eine Biegung, eine Windung tiefer in das Labyrinth aus Beton. Auf dem Klingelschild stand kein Name. Nichts, kein Hinweis. Sie mussten sich auf das Wort von Beiß verlassen, dass ihr Ziel hier wohnte.

„Sehr witzig“, sagte Thommy.

Max zuckte mit den Schultern. Sie grinste. Mit einem Schritt war sie an der Tür, eine Klingel schrillte. Sie sah, wie sich der Türspion öffnete und ein kaum erkennbares Auge dahinter schob. Für einige Sekunden starrte sie ein unbekannter Unsichtbarer an. Sie lächelte. Der Türspion schnappte wieder zu.

Max runzelte die Stirn. Nichts geschah.

„Guter Plan“, sagte Thommy. Max ignorierte ihn und klingelte erneut.

Dieses Mal tat sich etwas. Die Tür wurde aufgerissen und von Ketten aufgehalten. Drei davon versperrten ihr den Weg und den klaren Blick auf das halbe Gesicht dahinter.

„Was?“

Eine raue Stimme. Bissig, gereizt. Max‘ Lächeln gefror.

„Hiiiii“, sagte sie und bemerkte kaum, dass sie ihre Stimme ein wenig höher schraubte, ein wenig niedlicher gestaltete. So wenig bedrohlich wie möglich. „Ehm… Hier ist die Bude vom Jojo, oder? Wir sind Freunde eines Freundes und naja, also wir dachten, wir stellen uns mal vor.“

Das eine Auge über der pockennarbigen Wange starrte sie an. Es war braun und an den Rändern leicht entzündet, von geplatzten Äderchen durchzogen.

Es blinzelte nicht.

„Haut ab. Kenn‘ euch nicht, will euch nicht kennen. Kein Deal. Nuh-Uh. Verschwindet.“

Die Tür schlug ihnen vor der Nase zu. Das war das, sie waren abgeblitzt. Max hörte noch das Klackern von einem halben Dutzend weiterer Schlösser hinter der Tür. Dann war es still im Flur, bis auf das Summen, das in jeder Wohnanlage dieser Größe vorkam. Das Summen und Flüstern von hunderten Menschen, die durcheinander sprachen und hasteten, auch wenn die Gänge leer waren.

Als würde der Beton lebendig unter ihnen vibrieren.

„Und jetzt?“, fragte Max.

„Kein Plan. Aber sieht nach Haubenreißer aus. Paranoid genug, um den Beiß bestohlen zu haben, ist er. Gehen können wir jedenfalls nicht, wir brauchen den Stoff.“

Max seufzte. Sie warteten. Etwas anderes blieb ihnen kaum übrig. Sie wussten nicht genau, worauf sie warteten, aber sie warteten. Sie hatten etwa vier Tage Zeit, um eine Lösung zu finden. Sie brauchten das Zeug, das Haubenreißer gestohlen hatte. Eine kleine Kiste.

Also warteten sie.

Die Gänge im „Nest“ waren eine Besonderheit. Der Architekt musste wirklich verrückt gewesen sein, denn keiner der Gänge verlief zielstrebig oder auch nur gerade. Sie machten Windungen umeinander und einen unsichtbaren Kern in jedem der zwei Türme, sie bogen in allen möglichen und unmöglichen Winkeln ab, liefen teilweise schräg an oder fielen in eines der unteren Stockwerke ab. Und sie formten Nischen, so wie man sie vielleicht in mittelalterlichen Gassen erwartete hätte – nur eben im vierten Stockwerk eines modernen Wolkenkratzers.

In einer davon richteten sie sich notgedrungen ein. Ob sie dort warteten oder in der Wohnung ihre Zeit verschwendeten, das war beinahe schon egal. Von dort aus konnten sie immerhin Haubenreißers Wohnung im Blick behalten.

Sie warteten vielleicht vier oder fünf Stunden, bis zum Abend, bis sich etwas regte. Haubenreißer bekam nicht viel Besuch. Eigentlich gar keinen. Streng genommen bekam er gar keinen. Er verließ seine Wohnung auch nicht und verhielt sich für jemanden, der angeblich mit Drogen handelte, sehr ruhig.

„Wieso haut er nicht einfach ab?“, fragte Max irgendwann, als ihr langweilig war. „Er könnte doch einfach… Gehen. Ich meine, er muss wissen, wie dumm das ist, mit dem gestohlenen Zeug hier zu bleiben, wo Beiß ihn findet. In der selben Wohnung auch noch.

„Vielleicht glaubt er, Beiß wüsste noch nicht, dass er das war? Ich mein, Beiß scheint das selbst erst vor zwei Tagen raus gefunden zu haben. Deswegen sind wir doch hier.“

Thommy zuckte mit den Schultern. Er hatte ein Kartenspiel dabei und nachdem er zunächst Solitaire gespielt hatte, beschäftigte er sich seit etwa einer Stunde damit, Taschenspielertricks zu üben.

„Sagen wir er haut ab, was dann? Er kommt nicht raus. Selbst, wenn er es bis ins Erdgeschoss schafft, ohne in einen von Beiß‘ Handlangern zu rennen oder einen anderen Kopfgeldjäger…“

„Kopfgeld?“ Max‘ drehte den Kopf zu Thommy. Der zuckte wieder mit den Schultern.

„Klar. Typen wie dich und mich. Ist doch nichts anderes. Also sagen wir, er schafft es runter. Was dann? Dann hat er immer noch einen Haufen Drogen dabei und draußen keine feste Kundschaft.“

Thommy schüttelte eine halbe Packung Spielkarten aus dem Ärmel. „Oder er ist ein Junkie ohne großen Plan.“

Max grunzte etwas.

Dann, endlich, kam Bewegung in die Suche.

Ein Botenjunge, mit Flaum am Kinn, einer Tüte Essen und einem Zettel in der Hand, kam den Gang hinunter. Er suchte die Türen ab, bis er vor der von Haubenreißer stehen blieb. Einen Augenblick lang starrte er auf seinen Zettel, dann zuckte er mit den Schultern, drückte die Klingel, stellte das Essen vor der Tür ab und verschwand wieder.

Einige Minuten später öffnete sich die Tür. Eine Hand streckte sich durch den Spalt, griff nach der Tüte mit dem Essen. Sie zerrte ein wenig und zog, aber hatte rasch das Essen durch den Spalt gebracht, durch den Max heute Mittag angestarrt worden war.

„Ich hab eine Idee“, sagte Sie. „Ich hab ‘ne richtig gute Idee.“

Am nächsten Tag stupste sie Thommy wach, der zusammengekauert in einer Ecke schlief. Für den Fall der Fälle sollte er Rückendeckung geben. Es war später Vormittag oder früher Nachmittag, sie konnte das hier drinnen nicht wirklich sagen. Mehr als ein halber Tag war seit der letzten Lieferung vergangen und niemand hatte die Wohnung betreten oder verlassen.

Aber ein weiterer Botenjunge mit einer weiteren Lieferung Essen, größer diesmal. Maxine fing ihn ab, noch bevor er die Tür erreichte. Sie überzeugte ihn, dass sie eine Freundin von „Jojo“ sei und er ihr das Essen geben sollte. Ein großzügiges Trinkgeld erledigte den Rest.

Sie aßen es selbst. Es tat gut, mal etwas warmes zu essen. Selbst, wenn es nur Pizza war und Max sich nach fast einer Woche bereits wieder nach richtigem Essen sehnte.

Dann warteten sie weiter.

Zwei Stunden später kam der nächste Lieferant. Gegen den späten Abend hatten sie bereits den vierten abgefangen. Haubenreißer musste hungrig sein mittlerweile. Kurz vor dem verhungern. Selbst wenn er vor seinem Diebstahl vorsorglich eingekauft hatte – und Max bezweifelte es – war das mittlerweile mehr als drei Tage her.

Sie entschieden, ihn noch eine Nacht warten zu lassen. Ausgehungert würde er sich vielleicht eher auf einen Handel einlassen. Am nächsten Morgen weckte Thommy sie. Er hielt eine schmierige Papiertüte in der Hand mit dem gelb-roten Logo eines Schnellimbiss‘. Max drehte sich von ihm weg und würgte. Noch mehr Fett.

„Bereit?“, fragte Thommy, während er sich über einen Muffin und Soda her machte.

Max blinzelte sich den Schlaf aus den Augen, sie streckte sich.
„Besser wird es nicht. Wenn er noch hungriger wird, frisst er am Ende uns. Jetzt können wir vielleicht noch mit ihm verhandeln, ihn mit Beiß unter Druck setzen.“

Thommy mahlte mit den Kiefern.

„Und wenn was schief läuft? Wenn er nicht kooperiert?“

Max nickte. Sie zog ihren Pulli nach oben und entblößte neben ihrem Bauch auch den Griff einer Pistole. Ein grobes Ding mit einer kurzen, hässlichen Schnauze. Eine Erbsenschleuder, hätten sie es bei der Truppe genannt. Aber gut für enge Korridore, für kleine Räume. Nicht zu laut, nicht zu schwer. Und mit dem Kaliber lief sie nicht Gefahr, jemandem versehentlich ein paar Arterien zu zerschießen, bevor sie alle Antworten hatte.

„Wieso hast du ne Knarre dabei?!“, zischte Thommy. Er hatte Angst in den Augen. Nicht vor der Waffe – er hatte selbst schon einige davon gehalten, das wusste Max – sondern vor ihr.

„Ich bin gern vorbereitet.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Du weißt, dass die Jungs, hinter denen ich her bin, nicht gerade zimperlich sind, oder?“

„Aber ne Knarre? Der große Gleichmacher? Das erhöht den Einsatz, Max. Macht Leute nervös. Nervöse Leute treffen dumme Entscheidungen.“

Max versteckte die Pistole wieder unter ihrem Pullover. „Ich werd nicht unbewaffnet in diese Wolfshöhle laufen. Und ich werd mich nicht drauf verlassen, dass Beiß oder irgendwer sich um meinen Arsch kümmert, wenn der erst auf Glatteis ist.“

Sie klopften. Thommy klopfte, Max stand sichtbar hinter ihm. Hinter seinem Rücken hatte sie die Hände an der Hüfte, nahe am Griff ihrer Waffe, aber noch gut sichtbar.

„Ihr schon wieder?“

Die Stimme hinter der Tür war noch genau so dumpf wie zuvor. Aber Max bildete sich ein, dass sie hungriger klang. Etwas gereizter als vor zwei Tagen.

„Verschwindet“, sagte sie wieder. „Kenn euch immer noch nicht, will euch nicht kennen.“

Thommy hob eine Tüte in die Höhe. Darin lag eine größere Menge Tütenessen, das sie in einem Supermarkt unten im Wohnturm gekauft hatten. Abgepackte, billige Ware.

„Wir haben Essen mitgebracht. Und Geld. Komm, man. Fünf Minuten. Rein, raus, ihr habt eure Ruhe, wir das Zeug.“

„Wartet hier.“

Sie warteten. Der Geruch von Fett und Glutamat ließ Max schlecht werden. Fünf Minuten später hörten sie Ketten hinter der Tür rasseln. Man öffnete, ließ sie herein und sperrte sofort hinter ihnen wieder zu. Ein halbes Dutzend Ketten, Riegel und Sicherheitsschlösser nahm die Tür ein. Selbst die Scharniere waren verstärkt.

Er stieß sie in die Wohnung, die dunkel vor ihnen lag. Hinter Max und Thommy fiel die Tür ins Schloss und wurde rasch wieder verriegelt. Thommy blickte nervös über seine Schulter und sah, wie die Tür hinter ihnen wieder verriegelt wurde.

„Joachim ist im Wohnzimmer“, brummte der Mann, der sie eingelassen hatte. „Gang runter.“

Thommy hatte Mühe, den Weg durch den dunklen und vollgestellten Flur zu finden. Kein Licht brannte, niemand schaltete es ein. Im Wohnzimmer begrüßte sie Zwielicht.

Es war ein staubiger, vollgemüllter Raum. Schrankwand in Eichenoptik, Kacheltisch, graue Fusselteppiche, keine Vorhänge aber Jalousien, die herunter gezogen waren und nur Dämmerlicht einließen.

Haubenreißer saß in einem Lehnsessel, starrte sie an. Er sah zu der Tüte in Thommys Hand. Max bemerkte, wie gierig er die Luft einzog. Er hatte seit fast zwei Tagen nichts gegessen, außer das, was er in der Wohnung gefunden hatte. Und er hatte sich offenbar statt an fester Nahrung an seinem eigenen Inventar bedient.

Maxine betrachtete den Mann vor sich, ließ ihr Erfahrung die Lücken in seiner Erscheinung ausfüllen. Ungewaschen, paranoid, vermutlich selbst abhängig. Mann um die dreißig, vermutlich vorbestraft wegen anderer Sachen. Er war groß, einen Kopf größer als sie, durchaus muskulös. Keine Tattoos, jedenfalls keine, die sie sehen konnte, aber eine mehrfach gebrochene Nase und Narben. Vermutlich Körperverletzung.

Schwerer Fall, schätzte Maxine. Mindestens fünf Jahre hätte sie gesagt. Vielleicht mehr, je nachdem wie viel er so verschob und wie oft er seine zweite Chance verschwendet hatte.

Trotzdem waren das eine Menge Sicherheitsvorkehrungen für einen vergleichsweise kleinen Fisch. Sie nickte ihm zur Begrüßung zu, hielt ihm die Hand hin. Er schlug aus und deutete auf eine durchgesessene Couch mit graubraunem Polster.

Es stank hier drinnen. Noch mehr als draußen. Als wäre seit Tagen nicht gelüftet worden.

„Was wollt ihr?“

Thommy warf das Essen auf den Tisch.

„Teile“, sagte Thommy. „MDMA. Größere Menge.“

„Wie groß?“

Thommy zuckte mit den Schultern. Er sah zu Maxine, die schräg hinter ihm stand.

„Zwei- bis dreihundert Pillen.“

Haubenreißer pfeifte anerkennend.

„Hast gehört, Paul? Die woll‘n ‘ne Kompanie versorgen. Was, Straßenschlägerei geplant, vorher noch putschen?“

„Ist das ein Problem?“

Haubenreißer überlegte einen Augenblick. Er musterte Thommy, von den zerlaufenen Tretern bis zum ungekämmten Bart.

„Nein“, sagte er. „Geld auf den Tisch.“

Thommy holte das Geldbündel aus der Hosentasche, warf es auf den Tisch mit den Fliesen. Es war alles, was sie noch hatten. Aber wenn sie hier ohne das Diebesgut von Beiß raus kamen, wäre es sowieso wertlos. Der bullige Sicherheitschef hatte klar gemacht, dass er kein Geld als Bezahlung akzeptieren würde.

Haubenreißer griff danach, zählte es mit flinken Fingern. Er nickte dabei und lächelte. Dann schlug er nach seinem nach seinem Nacken. Als ob dort ein Insekt lauern und ihn stechen würde. Sein Blick Augen huschte durch den Raum, blieb letztlich an Max hängen. Er hatte dunkle Augen, aber heller als die von seinem Freund. Im Licht spiegelten sie sich, genau so entzündlich wie die des Anderen. Beide Männer hatten nicht viel geschlafen. Beide waren gereizt. Und wahrscheinlich hatten sie Drogen genommen. Nur welche?

Max leckte sich über die Lippen. Der Drogenhändler warf seinem Kumpel das Bündel Geldscheine zu, der ging ins Nebenzimmer. Wohl um die Ware zu holen.

Haubenreißer schlug erneut nach irgendetwas. Und diesmal war es, als würde Max selbst ein Geräusch hören.Wie das Schlagen von tausend kleinen Flügeln aus Chitin, wie das Summen von Insekten.

„Blutsauger“, grunzte Haubenreißer als Erklärung. „Wie Kakerlaken. Nur mit Flügeln und Zähnen und kleinen Stacheln.“

Ein Schauer und ein Ekel überlief Max. Nicht vor ihm – nicht hauptsächlich – sondern vor dem Bild von hunderten dieser Viecher, die ihr vor dem geistigen Auge standen.

„Ihr seid nicht von hier, oder?“

Thommy schüttelte den Kopf.

„Sind nur kurz hier abgestiegen. Seit vier Tagen oder so? Haben gehört, hier würden größere Mengen verschoben.“

Max hörte ihn kaum über das Brummen in ihren Ohren.

„Würde nicht hier bleiben an eurer Stelle. Würde schnell wieder abhauen. Bin selbst auf dem Weg nach draußen. Das Nest ist ein Morast, aus dem ihr nicht wieder weg kommt. Ein Sumpf, in dem Insekten der scheußlichsten Art ihre Eier legen. Die fressen einen hier drinnen. Die Viecher und der Beiß.“

„Meinst du Mücken?“, fragte Thommy.

„Mücken? Mücken?“

Haubenreißer lachte hysterisch auf. Er zerrte sich das T-Shirt vom Nacken. Eine Reihe Einstichlöcher waren daran zu sehen, auch an seinem Unterarm. Zu groß für Spritzen, viel zu groß. Sie waren riesig, die Haut ringsum nicht angeschwollen, wie von Insektenstichen, sondern nur entzündet und verkrustet.

„Sieht das wie Mückenstiche aus, Man?“

Thommy schüttelte den Kopf, er wurde bleich um die Nasenspitze.

In diesem Augenblick glaubte Max, die Insekten zu sehen, von denen Haubenreißer sprach. Große, garstige Dinger, die sie nicht beschreiben könnte. Zu viele Beine, zu viele Nadeln und Rüsseln und Flügel, um sie zu lange anzusehen. Und groß. Viel zu groß.

Sie schlug danach, obwohl sie sich davor ekelte. Sie wollte es nicht berühren, nicht einmal, um es zu zerquetschen. Aber noch weniger wollte sie davon berührt werden.

Das Vieh zerklatschte auf ihrem Pullover. Sie spürte, wie es unter ihren Fingern platzte. Wie Blut und Eingeweide aus dem Ding hervor quollen und ihre Hand beschmutzten. Angeekelt zog sie sich zurück, versuchte das Gemisch abzuschütteln, aber wie Honig blieb es an ihr Kleben.

„Huh“ sagte Thommy. „Nein. Nein, sieht nicht nach Mücken aus.“

Er sah aus dem Augenwinkel zur Tür, durch die der Kumpane von Haubenreißer gegangen war, um den Stoff zu holen. „Sieht“, sagte Thommy, „Sieht bisschen aus wie Einstiche für V. Hab die mal bei meinem Vetter gesehen. Soll geil sein das Zeug.“

Das war ein Fehler gewesen. Die Temperatur im Raum sank um gute zehn Grad. Haubenreißer sprang auf, schleuderte dabei fast den Tisch um.

„V? Hier gibt‘s kein V. Was für V? Nie gehört. Was is das? Keine Ahnung, schwöre, Herr Kommissar. Haut ab, verpisst euch.“

Sein Kumpane kam bei dem Radau aus dem Nebenzimmer, er und Haubenreißer umkreisten den Tisch, kesselten sie ein. „Verpisst euch“, brüllte Haubenreißer.

Max stolperte aus der Reichweite seiner Hände. Das Geräusch in ihren Ohren wurde stärker. Es war wie das Summen, das sie im ganzen Turm gehört hatte, nur stärker. Durchdringender, bis auf die Knochen.

Sie wusste jetzt, warum die Türme „das Nest“ genannt wurden, wenn es solche Viecher hier gab.

Und dann fielen die Schüsse.