Die nächsten Tage verbrachte Max in einer Art von unruhigen Trance. Einer nach dem Anderen verschwanden die anderen Bewohner ihrer Wohnung. Die Räumaktion in der Nachbarwohnung schien alle aufgewühlt zu haben. Max beobachtete es teilnahmslos, wie das Geschehen hinter einer Terrariumsscheibe.

Mehrfach kam auch ihr der Gedanke an Flucht, aber irgendetwas in ihr hielt sie zurück. Selbst ihre Alpträume fühlten sich klebrig an, und waren voller verlockender Stimmen und greifender Hände, die sie an diesem Ort festhielten.

Thommy machte einige Unternehmungen in diesen Tagen und Max folgte ihm dabei. Er trieb Geld auf, größere Summen, die er gegen Drogen oder in Zukunft einzutreibende Gefälligkeiten tauschte. Sie beteiligte sich und tauschte einige der Aluminiumkügelchen in ihrer Tasche ein, erfuhr aber nichts über den eigentlichen Grund ihres Aufenthalts. Der verschwundene Junge und die Gang, bei der er untergekommen sein sollte, waren unauffindbar.

Oder jedenfalls verriet ihr niemand etwas, ob die Sicherheitskräfte damit zu tun haben könnten.

Zwei Tage zogen wie ein großer Nebel an ihr vorbei, eine ungreifbare, aber ominöse Zeit, die einfach nur vorüber strich.

Der Schwindel in ihrem Kopf löste sich erst, als sie und Thommy als letzte in der Wohnung verblieben waren. Eine Ruhe trat ein, durch die sie das Blut in ihren Ohren rauschen und ihr Herz in ihrer Brust hämmern hören konnte.

Der Sturm kam noch am selben Nachmittag.

Stephan Beiß.

Er sah besser aus als vor zwei Tagen, als Max ihn das letzte Mal gesehen hatte. Er hatte die Kleiderhaken und Holzsplitter aus seinem Schädel gezogen und war bandagiert worden, notdürftig. Eine Hälfte seines Schädels wirkte immer noch matschig. Als wäre sein linke Augenhöhle geborsten. Teile des Knochens lagen immer noch frei.

Aber er stand und wenn überhaupt beeindruckten sie die Wunden in seiner Visage nur noch mehr.

Der Mann hält nie inne, dachte Max. Niemals.

Er zwängte sich durch die Tür.

„Beiß!“, sagte Thommy, „Hey, Hallo, schön Sie zu sehen. Kommen Sie rein, setzen Sie sich. Können wir Ihnen was anbieten? Was verschafft uns die Ehre?“

„Falsche Frage“, sagte er, sah sie beide an. Thommy wich vor seinem Blick zurück, fast hinter die Couch. Max blieb dort sitzen, wo sie war.

Sein Blick war nicht so scharf wie vor zwei Tagen, weniger klar. Das Blau seiner Augen war trüber, wie schmutziges Eis. Dennoch fühlte sie sich aufgespießt. Wie ein Insekt an einer Nadel. Wie einer dieser Käfer, die ihr Großvater gesammelt hatte. Eingefangen mit Honig, in einem Netz gefangen, mit Äther benebelt und mit einer Nadel in einem Schächtelchen befestigt.

Zum ersten Mal hörte Max seine Stimme. Ihr fiel auf, dass er bei seinem Räumkommando vor zwei Tagen, nicht ein Wort gesprochen hatte. Keines, das sie gehört hätte. Sie hatte sich eingebildet, seine Stimme zu hören, in ihren Träumen, in ihren Ängsten. Ein Grollen, hatte sie geglaubt, wie von einem Bär in einer Höhle.
Aber Stephan Beiß klang ganz normal. Ein wenig tiefer vielleicht, ein wenig rauer, als eine normale Stimme. Aber doch ganz menschlich. Angenehm beinahe.

Thommy knirschte mit den Zähnen. Er sah zu Max, wieder zu Beiß.

„Wie können wir zu Diensten sein?“, fragte Thommy. Er zwang sich zu einem Lächeln, das schmierig war. Unterwürfig. Wie ein Hund, den man zu oft geschlagen hatte.

„Besser“, sagte Beiß. Er nickte seinen drei Handlangern zu, die mit ihm herein gekommen waren. Zwei von ihnen gingen in die Nebenzimmer, nach anderen Bewohnern suchen. Der dritte ging hinaus, schloss die Tür hinter sich.

Nach einer Minute des Schweigens kamen die beiden aus den Nebenzimmern zurück, schüttelten die Köpfe.

„Sehe, die Ratten sind schon geflohen?“

Thommy versuchte zu lächeln. Es sah scheußlich aus, eine Grimasse unter Halbnarkose.

„Du weißt doch, wie die sind. Ein echtes Tier kommt vorbei und die Feiglinge hauen ab.“

„Süß“, grunzte Beiß. „Hab‘ nen Job für dich, Leucht. So ein Sackgesicht hat uns bestohlen, versucht uns zu verdrängen. Die kleine Zecke hat sich nett und fett in seiner Wohnung festgesetzt. Kennt meine Leute. Du wirst reingehen und ihn für uns ein bisschen auflockern. Klar?“

„Das ist illegal“, sagte Max.

„Oooh, nein, wirklich? Die Scheiße, die ihr hier treibt, auch. Zahlt euren Anteil oder verpisst euch, ich bin nicht die Wohlfahrt.“

Max zog die Brauen zusammen.
„Nein, ist es nicht. Aber Leute so zu behandeln ist trotzdem kriminell.“

Beiß kam näher. Er musste sich bücken, um mit Max auf Augenhöhe zu sein. Und trotzdem hatte er eine massige, fleischliche Präsenz.

„Ich erinner mich an dich“, grollte Beiß. „Hast mich vor zwei Tagen blickgefickt, als ich die Diebe nebenan rausgeworfen habe.“

„Mir die hässliche Seite von Menschen anzugucken ist so eine Art von Berufskrankheit.“

Max hielt seinen Blick aus, obwohl sich ihr der Magen zusammen zog. Seine Augen waren milchig. Besonders das linke, das in der zertrümmerten Augenhöhle. Wie eine schorfige Wunde.

„Bist du ‘n Bulle?“

Es ging ihn eigentlich nichts an. Und es könnte sie in Teufels Küche bringen, wenn er sie für einen Spitzel hielt. Andererseits konnte sie ein wenig Autorität jetzt echt gebrauchen.

Sie ließ es darauf ankommen.

„Früher“, sagte sie. „Jetzt nicht mehr.“

„Hmmmm“, brummte Beiß. Er musterte sie, wie man einen Boxer mustert, bevor man auf ihn wettet. Er sah zu Thommy. „Leucht, du kennst interessante Leute.

Maxine Schwarzbrunn“, sagte er und sah wieder zu ihr. Die Spur eines Lächelns schlich über sein Gesicht. Überrascht stellte Max fest, dass er noch alle Zähne im Mund hatte. Ein Wunder bei einem Mann in seinem Geschäft. Mit seinen Methoden. „Unehrenhaft entlassen. Gewalt gegen einen Verdächtigen, persönliche Motive. Racheakt. Schwere Köperverletzung, versuchter Totschlag. Entlassen, um einer Untersuchungskommission auszuweichen.“

Max presste die Kiefer aufeinander. Das war alles Teil ihrer Polizeiakte, versiegelt und geheim in irgendeinem Archiv der Staatsbehörden. Teil eines Pakts zwischen ihr und den Apparatschiks.

„Wegen unüberbrückbarer Differenz einvernehmlich das Arbeitsverhältnis aufgekündigt“, presste sie zwischen den Zähnen hervor.

Beiß lachte. Eigentlich bellte er mehr. Etwa, wie in Maxines Träumen. Er wandte sich wieder zu Thommy, deutete mit dem Daumen auf Max.

„Ich mag sie. Hat Eier die Kleine. Wo findet ein Versager wie du solche Freunde, hm?“

Thommy hatte der Szene zugesehen, ohne etwas zu sagen. Er hatte nur gestarrt, den Atem angehalten. Sein Blick sagte Max, dass er noch mit ihr darüber sprechen würde. Sie hatte ihm nicht gesagt, dass sie entlassen worden war. Sie fühlte einen Stich im Herzen.

„Haben früher zusammen gearbeitet, oder Max? Bei Weißpapier. Früher. Transportsicherung, Gebäudeschutz. So Sachen. Sie hat einen echten Job danach bekommen. Ich nicht.“

Beiß zog eine seiner Augenbrauen hoch. Ob anerkennend oder skeptisch war schwer zu sagen. Maxine suchte seine Gesichtszüge ab, konnte sie aber nur schwer lesen. Die Wunden entstellten ihn, die Brüche ließen ihn die Lippen und die Wangen komisch bewegen. Schief. Und der dünne Film, der seine Augen eintrübte… Als wäre er… nicht wirklich hier? Oder nicht wirklich er. Als würde sein Blick sich nicht auf Leucht selbst richten, sondern irgendetwas anderes. Hinter ihm. In ihm.

„Kenn den Weiß, guter Mann. Harte Arbeit, mies bezahlt“, sagte Beiß schließlich. „Was suchst du hier, Polizistin – Arbeit oder Streit?“

Max zwang sich zu einem bissigen Lächeln.

„Weder noch. Meinen Bruder. Letzte Familie, die ich habe, soll hier wohnen.“

Beiß‘ Augenbraue senkte sich wieder, sein Gesicht wurde hart. Unnachgiebig. Er nickte und sprach mehr zu Max als zu Thommy. Er verfolgte ihre Lüge nicht weiter.

„Handel bleibt der gleiche. Sogar besser, wenn du dabei bist. Der Typ ist gefährlich. Irre. Zu viel von seinem eigenen Zeug genommen. Heißt Joachim. Joachim Haubenreißer. Wohnung VierSechsZwei. Hat ein Päckchen gestohlen, Haufen kleiner Gläser, lang und dick wie mein Finger. Vertickt das und anderes Zeug an Junkies. Leute wie eure Nachbarn. Ich will sie zurück, bis Ende der Woche. Erledigt das – und vielleicht kann ich euch helfen.“

Beiß musterte Thommy noch einmal, kurz und eindringlich. Ein Mundwinkel zog sich nach oben, in einer Art von entstelltem Lächeln. Dann drehte er sich um und ging, ohne ihre Antwort abzuwarten. Sein Handlanger folgte ihm.

Maxine atmete aus. Sie hatte nicht bemerkt, dass sie den Atem angehalten hatte. Luft war im Moment ihr geringstes Problem gewesen, sie hatte sich nur auf Beiß konzentriert. Sie sank nach hinten auf die Couch. Thommy hing neben ihr, mit dem Oberkörper über der Lehne.

„Ist der immer so?“, fragte sie.

„Du hast ihn die Frau neulich in die Hölle prügeln sehen, oder?“

„Yeah…“

„Was für eine dumme Frage ist das dann?“

„Eine ängstliche.“ Max zog das Drehzeug aus ihrem Pullover. Sie stellte fest, dass sie zitterte und der Tabak neben dem Papier herunter fiel. Sie versuchte, zu atmen.
„Angst, du?“, fragte Thommy. „Ich dachte du fürchtest weder Tod noch Teufel.“

„Du hast ihn die Frau neulich in die Hölle prügeln sehen, oder?“, warf sie ihm seine eigene Frage zurück. Sie gab es auf, drehen zu wollen und drückte Thommy das Päckchen in die Hand.

Er sank neben ihr auf die Couch, nickte langsam.

„Der Job unterscheidet sich nicht groß von unseren anderen“, sagte er. „Wir haben bei Weißpapier andere Dinger gedreht.“

„Das war früher, Thommy. Und tut dir jetzt keinen Gefallen. Weißpapier ist ‘ne Söldnerfirma für Leute die nichts als ihre Ketten zu verlieren hatten.“

„Wirst du jetzt moralistisch?“ Er hielt ihr eine Zigarette hin, zündete sie für sie an.
„Nein, nur gierig. Vielleicht bin ich zu stolz, mich für ein paar Monatsmieten umschießen zu lassen… “

„Und trotzdem bist du hier.“

„Trotzdem bin ich hier“, sagte sie zwischen den Zähnen und der Zigarette hindurch.

„Nicht wegen eines Auftrags von der Polizei jedenfalls.“ Thommy zündete sich selber eine Zigarette an.

„Können wir das später klären? Bitte?“

„Ich verdiene eine Antwort, Max. Worüber hast du noch gelogen? Der Junge, die Gang, nach der du suchst? Auch nur ein Vorwand?“

„Nein. Ich schwöre, ich erkläre es dir, aber nicht gerade jetzt, Thommy. Okay? Später. Nachher. Ich glaube… Ich glaube das hier war eine echt miese Idee. Vielleicht meine schlechteste.“

„Hey, das ist okay. Aber… ich muss wissen, auf wessen Seite du hier bist. Also auf meiner oder der der Bullen. Wenn du rein willst, cool. Kein Ding. Ich mein, will ich auch. Aber ich muss wissen, ob du mich danach direkt bei deinem Chef ablieferst.“

Max starrte aus dem Fenster. Gute Frage, dachte sie. Auf wessen Seite war sie eigentlich? Ihrer. Aber das half ihr nicht viel.

„Nein. Nein, werde ich nicht. Ich will nicht zurück. Bin gefeuert worden. Hab einen Verdächtigen… Einen Täter zusammen geschlagen, der Junge liegt im Koma. Er hatte es verdient und er war schuldig wie sonst nur was, aber…“

Max schüttelte den Kopf. Sie seufzte, blies den Rauch durch die Nase.

„Verstehe.“

„Nein. Nein, tust du nicht. Wir haben ‘ne Menge Scheiße durchgemacht, aber wir haben nie jemanden getötet. Nichtmal schwer verletzt. Vielleicht den einen Junkie bei Weißpapier damals, aber das war eine andere Sache. Erinnerst du dich? Der Typ, der versucht hat, Ramon abzuziehen, als wir gerad dabei waren? Das war ein Unfall. Oder Selbstverteidigung. Aber es… verändert einen. Sie sagen dir immer, dass es das tut, aber man weiß es nicht wirklich, bis man selber jemanden umgebracht hat.“

Thommy kramte eine Flasche unter der Couch hervor. Beinahe leer. Vodka. Die letzten Reste für schlechte Zeiten, wenn es hart kam und sie Trost brauchten. Und wann, wenn nicht jetzt? Sie tranken und starrten an die Wand.

„Deswegen bist du jetzt hier? Hast Blut geleckt?“

„Scheiße, Nein. Deswegen sag ich, dass das eine schlechte Idee ist, Thommy. Klingt nach der gleichen Nummer. Klingt nach ‘ner Falle. Hat überall die gleichen schmutzigen Fingerabdrücke wie die andre Sache drauf.“

„Du meinst ein Typ wie der Beiß lässt sich abziehen und setzt uns drauf an, statt sich die Sache selbst vorzunehmen? Bitte. Irgendwas stinkt. Ich weiß nur noch nicht, was.“

„Kann ich dir sagen, was stinkt: Ihm ist eine Ladung der neuen Designerdroge abhanden gekommen und der Mist ist wertvoll. Und unsere Chance, nach oben zu kommen. Rein zu kommen. Du suchst den Jungen, oder? Hast du selbst gesagt. Glaubst die Bande hat den entführt oder festgehalten oder was auch immer. Selbst, wenn Beiß drin steckt… Anders kommen wir nicht hoch.“

„Ich mag die Sache wirklich nicht.“

Der Alkohol brannte in der Kehle und im Kopf. Brannte die Angst aus, die Zweifel.

„Ich will nach oben, ja. Aber ich will weder in seiner Schuld stehen, noch will ich, dass ein Typ wie der was gegen mich in der Hand hat.“

„Hast du nicht noch Kontakte bei den Bullen? Sicherlich kannst du im Zweifelsfall was drehen, oder? Lass sie Haubenreißer hoch nehmen, wir nehmen nur das Beweismaterial und Beiß ist glücklich?“

„Keine Chance. Unehrenhaft entlassen trifft‘s ganz gut. Der Gerichtsmediziner der Direktion mag mich noch, der Rest… Möglich, dass sie den Kerl hoch nehmen würden, wenn ich einen Tipp liefere. Unwahrscheinlich, dass sie es in den nächsten vier Tagen tun. Undenkbar, dass wir was vom Kuchen abbekommen. Unmöglich, dass es dem Beiß gefällt. Zu riskant.“

Eine Zeit lang schwiegen sie beiden, tranken. Es gab nicht viel zu sagen, aber viel zu denken.

„Dann hau ab“, sagte Thommy irgendwann. Er sah durch die leere Wohnung. Zu den durchgelegenen Matratzen, die sich stapelten. Zu den Überresten von Freunden und Bekannten, die hier für einige Tage geschlafen hatten, bevor sie abgehauen waren. Wie die Kakerlaken bei Licht

„Ich hab dir gesagt, dass es das nicht wert ist. Geh einfach. Geh und such dir was besseres. Ich komm alleine klar. Irgendwie. Du hast die Karriere bei den Bullen verkackt – na und? Du kannst immer noch was aus dir machen. Du musst hier nicht sein, du findest was anderes. Ich nicht.“

Er log. Max wusste, dass er log. Alles nur Scharade und Pantomime. Er brauchte jede Hilfe, die er kriegen konnte. Sie hatte keine Ahnung, wer dieser Haubenreißer war, wie viele… wie viele Leute er hatte. Ob er zu Gewalt bereit war oder mit sich reden ließ.

Wahrscheinlich nicht.

Der Beiß war nicht gerade ein sanfter Kerl. Wenn der zögerte, zuzupacken, dann lag Ärger in der Luft. Gewaltiger Ärger.

Aber Max wollte nicht zurück. Nicht, weil sie dieses Leben vermisst hätte – sondern weil das Angebot für den Jungen zu gut gewesen war.

„Scheiß drauf“, sagte sie, „Ich werd dich nicht hängen lassen. Du hast mir geholfen, ohne Fragen zu stellen. Das zählt dieser Tage viel für mich. Muss es.“

Sie sprang von der Couch, hielt Thommy die Hand hin.

„Los, sehen wir uns die Sache an. Vielleicht finden wir was, vielleicht nicht.“