„Natürlich sind Sie verrückt, Hendrik. Ich denke in dieser Sache werden wir beide uns einig sein. Sie säßen nicht hier, wären Sie es nicht. Sie können nicht mit sich leben und mit dieser Verrücktheit. Tatsächlich zeugt das von Vernunft. Das bedeutet ein Teil von Ihnen, winzig und verkümmert wie er auch erscheinen mag, ist noch vernünftig genug, nicht verrückt sein zu wollen. Sie sind ein empathischer junger Mann. Sensibel geradezu, feinfühlig, auch wenn Sie es nicht glauben wollen. Dieses Geschenk sollten Sie nicht vergeuden. Ich glaube fest, dass in Ihnen ein Mensch steckt.“

Der Doktor faltete die Hände über der Brust. Zum ersten Mal sah ich von seinem Schreibtisch auf, betrachtete seine Handschuhe. Sie waren so weiß, so unschuldig.

„Ich… Ich denke das nicht“, sagte ich. „Ich kann nicht mehr. Sie sollten es besser machen. Sie sollten mir helfen. Aber alles ist schlimmer als vorher. Alles. Die Höhen sind höher, aber die Tiefen… Großer Gott, die Tiefen sind so viel furchtbarer und bodenloser.“

„Ich hatte Sie gewarnt“, sagte der Doktor. Er klang gar nicht vorwurfsvoll. Nicht so bösartig, wie ich es vermutet hatte. Vielleicht befürchtet oder gehofft. Stattdessen zeigte er Verständnis und die kühle Überlegung eines Fachmannes. Ich denke das war fast schlimmer. Ich hatte mit Ablehnung gerechnet. Mit Wut und tadelnden Worten. Stattdessen starrte mir sein klinisches Gesicht entgegen.

Ich weinte. Ich schäme mich nicht, das zuzugeben. Tränen sind eine Regung, die wie alle anderen menschlichen Gefühle gefeiert werden sollten. Selbst jene, die ich damals weinte, denn ich glaube sie waren die letzten Reste dessen, was wirklich unschuldig an mir war.

Ich erinnere mich an sie, mit Schuld und Scham, wie sie mir über das Gesicht liefen. Wie sie rostfarben auf den Boden trafen. Ein Bild meiner Sünden. Meiner Dummheit vielleicht.

„Was haben Sie getan, Hendrik?“

Eine einfache Frage, auf die ich mir eine Antwort mühselig erkämpfen musste. Mir steckte ein Stein in der Kehle, den ich nicht hinunter schlucken, aber auch nicht loswerden konnte. Ich würde an ihm ersticken, wenn ich mich nicht von ihm befreite, doch nichts in meinem Leben hatte mir je mehr Willenskraft abverlangt.

„Gemalt“, sagte ich, würgte das Wort beinahe hervor. „Gemalt wie besessen. Dutzende Bilder in den letzten sechs Wochen. Bilder, die ich selbst nicht für möglich gehalten habe. Die ich mir nicht einmal in Alpträumen vorgestellt hätte.“

„Dann hat die Therapie die gewünschte Wirkung erzielt“, sagte der Doktor. Es war wie ein Schlag ins Gesicht. Ich hob meine Hände, hielt sie ihm hin. Die Fingernägel, die mir zerbrochen waren, unter denen Reste von Haut und Haar klebten. Die Ränder, die ich nicht von den Blutresten hatte befreien können. Das wunde Fleisch, das ich mir mit Wasser und Seife bis auf die Knochen geschrubbt hatte, um die Zeugen meiner Taten loszuwerden.

„Sehen Sie das nicht, Herr Gott? Sehen Sie andere Hände als ich?“

Er runzelte die Stirn, betrachtete meine Hände genauer. Der selbe, klinische, distanzierte Blick. Als wären sie nicht an mir fest gewachsen, sondern in Alkohol in seinem Kabinett eingelegt. Dann nickte er.

„Wohl sehe ich das Blut an Ihren Händen, Hendrik. Doch frage ich mich, was Sie sich von mir nun erhoffen. Was immer Sie getan haben: Sie haben es bereits getan. Sie, niemand sonst. Und es ist getan, alle Bestrafung wäre nur Rache dafür. Ungeschehen kann ich es nicht machen.

Ich bin nicht die Polizei. Sie haben zu verstehen gegeben, dass Sie die Behandlung abbrechen wollen. Damit endet meine Verantwortung für Sie.“

Die Hände zog ich kurz vor mein Gesicht, nur um davor zurück zu schrecken. Es hatte mich Überwindung gekostet, mir das Gesicht damit zu waschen und ich hatte es nicht sehr gründlich getan. Die ganze Zeit musste ich mich selbst im Spiegel meines Badezimmers – Ihres Badezimmers – sehen. Meine Augen, vor einer Angst geweitet, die ich nicht verstand; etwas sehend, das ich nicht begreifen konnte.

Wasser wird bei diesen Flecken nicht helfen, dachte ich, während ich mir die Finger blutig schrubbte.

„Was soll ich jetzt tun?“

Es war eine hilflose Frage. Eine, auf die ich nicht einmal eine Antwort erwartete. Vielleicht hatte ich tatsächlich nur auf eine Bestrafung gehofft. Bösartigkeit hätte mich befreit. Sie hätte meine Gefühle mir selbst gegenüber bestätigt. Hätte mir gesagt, dass ich… Dass ich verrückt wäre, aber doch wenigstens in dieser Einschätzung meiner selbst richtig läge.

Stattdessen sah der Doktor mich ausdruckslos an.


Ausdruckslos, wie ich es seit Monaten von keiner Person mehr erlebt hatte. Bei allen anderen sah ich ihre Gefühle, ihre Seelen oder was auch immer ich dafür hielt. Ich sah es ihnen deutlich ins Gesicht geschrieben, was sie fühlten. Heute verstehe ich, dass mich diese… Fragmente, diese Farben, auch zu meinen Untaten getrieben haben.

Ich hatte einen Käfig um meine Seele herum errichtet. Die Substanz, die mir der Arzt gegeben hatte, hatte diesen Käfig geöffnet und ich konnte nicht länger meine eigenen Gefühle und die von Fremden auseinander halten. Ich nahm sie auf wie ein Schwamm, der über Jahre in der bleichen Sonne gelegen hatte.

Nur bei ihm nicht. Er war fahl wie die Mondnacht draußen vor der Fensterfront. Und blass in seinen Gefühlen. Ich konnte in seinem Gesicht so wenig wie in seiner Seele lesen, was in ihm vorging.

„Das liegt bei Ihnen, Hendrik. Was sie getan haben ist… unorthodox. Ich habe allerdings schlimmere Fälle gesehen. Das wird für Sie nicht vorstellbar sein, Ihr kranker Verstand ist zu fixiert auf sich selbst – ein typisches Symptom von Neurosen – aber ich habe schlimmeres gesehen. Ich habe schlimmeres heilen können.“

Ich schüttelte den Kopf. Ein letztes Aufbäumen. Einer Eingebung folgend stand ich auf. Ging umher. Wie ein Tier. Wie im Käfig.

„Ich kann nicht. Ich weiß nicht einmal, weshalb ich hier bin. Weshalb ich Ihnen diese Dinge sage. Bevor ich zu Ihnen kam, war ich… was? Depressiv? Nein, einfach nur gefühllos. Eine leere Rüstung, ohne Ritter drinnen. Ein Automat, der gefühllos durch das Leben wanderte. Und jetzt? Jetzt…“

„Jetzt fühlen Sie“, sagte der Doktor.

Ich hielt inne, starrte ihn an. Er hatte sich nicht bewegt. Saß dort, in seinem Lehnsessel, Hände über seiner Weste gefaltet.

„Jetzt fühlen Sie jeden Tag mehr, als Sie die letzten Jahre zusammen gefühlt haben. Oder täusche ich?“

„Nein, aber…“

„Aber Sie können es nicht ertragen. Sie ertragen die Menge an Leben nicht, die aus Ihnen hervor sprudelt.“

„… Ja.“

Ich sah aus dem Fenster hinaus, hatte meine Arme verschränkt. Als könnte ich mir selbst damit Halt geben. Diese Fensterfront lud viel zu sehr dazu ein, brütend vor ihr zu stehen und in die Nacht zu starren.

„Ja, ich ertrage es nicht. Ich ertrage diese Gefühle nicht. Ich kann nicht… Ich kann keine Behandlung weiterführen, die mich zu solchen Dingen treibt. Ich habe…“

Der Arzt nickte sehr verständig. Er wägte alles ab, was ich gesagt hatte, was er über meinen Fall wusste. Ich glaube sogar, er wägte ab, was ich nicht gesagt hatte.

„Aber Sie können auch nicht mit sich leben.“

Der Satz war ein Stich, direkt in die Brust. Ich ging weiter auf und ab, biss mir auf die Unterlippe, wollte mich davon ablenken.

„Nein“, sagte ich. „Kann ich nicht.

Ich habe es versucht. Ich habe versucht, ich selbst zu sein. Es geht nicht. Es quält mich. Ich bin ein Geist in einer Rüstung. Nur mit… mit was auch immer Sie mir gegeben haben, fühle ich, bin ich kein Geist, sondern Mensch. Aber es treibt mich zu solchen Dingen. Es…

Befreie ich mich davon, so gehöre ich ins Gefängnis wegen der Dinge, die ich tue. Bleibe ich, so bin ich ein Gefangener in meinem eigenen Körper.

Wie kann ich so eine Entscheidung treffen?“

Der Doktor schwieg eine ganze Weile. Er wägte eine Unzahl an Dingen ab, die ich nicht verstand. Heute weiß ich das. Heute weiß ich, dass hinter jedem seiner Worte eine Gedankenfülle steckte, die ich mir nicht einmal erahnen kann.

„Es gibt noch eine dritte Möglichkeit“, sagte er. „Sie müssen sich nicht spalten. Sie können beide dieser Teile… Loswerden.“

Der Doktor griff in seinen Sekretär. Für einen Augenblick glaubte ich, er würde eine Pistole hervor holen und mir den Ausweg eines Ehrenmannes anweisen. Er war ein Mann solcher Art, dass ich es von ihm erwartet hatte, wenn auch nur für einen Moment.

Ich weiß nicht, ob ich mich dagegen verwehrt hätte.

Stattdessen holte er eine der Phiolen hervor. Eine der kleinen Glasröhrchen mit dem Korken und dem Wachsverschluss, worauf das Emblem mit der Burg und den zwei Schlüsseln als Türmen geprägt war.

Die Dritte, die ich je gesehen hatte. Die letzte, nach der ein Abbruch der Behandlung unmöglich wäre.

Vorsichtig stellte er sie auf den Tisch, schob sie hinüber. Ich stand noch einige Schritte entfernt, aber ich spürte eine Gier in mir aufwallen. Einen Drang, hinüber zu stürzen und die Substanz darin meine Kehle hinunter zu stürzen. Ein Gefühl, das ich bislang nicht gekannt hatte.

„Was soll das?“, fragte ich.

Meine Stimme zitterte. Unwillkürlich machte ich einen Schritt zurück. Die Stimme des Doktors erreichte mich nur gedämpft.
„Es gibt Mittel und Wege, einen neuen Menschen aus Ihnen zu machen. Sie hassen sich, so wie sie sind. Sie hassen sich, wenn sie sich befreien. Also muss der alte Hendrik sterben.“

Mit einer Handbewegung deutete er auf die Phiole zwischen uns.

„Das ist eines der Mittel dazu. Weniger krude, als die Schusswaffe oder das Messer. Die Substanz, die Sie genommen haben, ist ein starkes Psychoenergetikum. Sie befreit den Geist von seinen Fesseln und öffnet ihn – unter meiner Anleitung können wir ihn neu errichten.“

Ich starrte ihn an.

„Wieso?“, fragte ich, „Wieso lassen Sie mich nicht einweisen, rufen die Polizei, die Sicherheit? Sie haben keine Verantwortung für mich, das haben Sie selbst gesagt.“

Der Doktor zuckte mit den Schultern. Eine Bewegung, die nicht zu seiner Gravitas passen wollte. Sie verlieh ihm eine unnatürliche Menschlichkeit.

„Sie interessieren mich. Ihr Fall interessiert mich. Sie sind, denken wir, kein Fall klinischer Schizophrenie. Aber Sie haben eine problematische Strukturierung des Ego und des Selbst, die eine Neigung zu Aggression, Unfähigkeit zur Annahme von Kritik andeuten. Und ich sehe meine Aufgabe nicht als die eines Therapeuten, sondern eines Chirurgen des Geistes. Ich möchte Ihnen helfen, Ihre ungeformte, konfuse Geistesmasse zu der Schönheit zu bringen, zu der Sie imstande sind. Ich sehe in Ihnen eine Art Verwandtschaft. Sie sind ein Künstler mit Farben, ich mit Seelen.

Meinetwegen nennen Sie es einen Anfall von Philanthropie. Ich habe nicht das Bedürfnis, sie im Gefängnis zu sehen, sie hinter Gittern zu studieren. Der Käfig in ihrem Kopf ist bereits Hürde genug.“

Wie vom Blitz gerührt stand ich dort. Ich traute mich nicht näher zu ihm heran, aus Angst, ich könnte die Substanz, den Pakt, annehmen.

„Sie… Sie würden mich nicht verhaften lassen?“

„Nein. Sie müssten natürlich angezeigt werden“ – wie von der Schlange gebissen zuckte ich zurück. Der Doktor sprach weiter – „Aber mit meiner Fürsprache wird man Sie in die Obhut meines Sanatoriums übergeben. Sie wären Patient, kein Insasse.“

„Und meine Bilder?“, fragte ich. Der Gedanke an Herrn Mühsam schoss mir durch den Kopf. Der Kunstagent, der mich angefleht hatte, ihn meine Bilder verkaufen zu lassen. Ich musste malen. Malen. Alles andere war gleichgültig.

„Sie wären frei zu schaffen, was Ihnen in den Sinn kommt. Natürlich müssten Sie mich einen Blick darauf werfen lassen… Um Ihre geistige Gesundheit zu überprüfen. Aber Ihre Bilder wären Ihr Besitz.“

Ein Nachgeschmack von Eisen und Irrsinn breitete sich auf meiner Zunge aus. Ich leckte mir über die Lippen. Mein Blick hing an der Phiole.

Es war ein verlockendes Angebot. Eines, das mit Straffreiheit versprach. Nicht nur für die Tat, die ich in der letzten Nacht begangen hatte. Sondern auch für meine vergangenen Sünden. Ein Angebot, das mich auslöschen und neu erschaffen würde.

Zum Teufel mit den Vorbehalten, mit der Zögerlichkeit. Ich würde der Prophet der Verdammnis sein, den diese Stadt und ihre Bewohner verlangten. Ich würde selbst mein größtes Kunstwerk sein.

Ich sah zu dem Doktor, der mich auf diesen Weg gestoßen hatte. Dann zu der Phiole vor ihm.

Mit wenigen Schritten überwand ich den Abstand zwischen uns.

„Schaffen Sie mich neu“, sagte ich, „reißen Sie meine Psyche nieder und lassen Sie aus den Ruinen Kunst erstehen und sie können von mir fordern, was sie wollen.

Mein Leben, wenn Sie wollen, wird Ihnen gehören.“

Der Doktor lächelte. Ein finsterer Anblick.

„Wenn Sie künftig mit Ihrem eigenen Blut malen, soll mir das genügen.“