Hendrik Schakal – Teil III: Der Wind der Faulheit

KIch warf das Bild von mir, schleuderte es zu meinen anderen Schöpfungen und verließ fluchtartig das Haus. Den Mantel griff ich mir vom Stuhl und hastete durch die Wohnung. Feodorowna rief ich eine kurze Verabschiedung zu, dann war ich aus der Tür.

Ziellos trieb es mich um. Irgendwohin, dachte ich mir, ich musste irgendwohin, wo ich diese Bilder nicht sehen konnte. Wo ich nicht darüber nachdenken musste, wann ich sie gemalt hatte. Und womit.

Ich versuchte, den Menschen, die mir begegneten, nicht in die Augen zu blicken. Ich wollte ihre Gesichter nicht sehen. Zu viele Farben, zu viele Gefühle prasselten auf mich ein. Ich spürte, wie die Wirkung der Substanz nachließ. Langsam wuchsen die Gitterstäbe in meinem Schädel wieder heran. Und obwohl ich sie fürchtete, begrüßte ich sie auch. Sie schützten mich ebenso sehr vor der Welt, wie sie mich von ihr abtrennten.

Ich ertappte mich dabei, wie ich mich daran festklammerte. Wie ich es nicht loslassen wollte, obwohl es mich ängstigte. Wie ein Mann, der in der Finsternis seinen Weg verloren hat, lief ich jedem Lichtlein nach und verzweifelte daran.

Ich wollte fühlen. Ich wollte sehen, schmecken, leben. Aber mit jeder Stunde des Tages, mit jedem Strahl der Sonne spürte ich, wie mehr dieser Substanz in mir verdampfte.

Es war der achtundzwanzigste Tag und eine Sache war mir gewiss: Am nächsten Morgen wäre nichts davon übrig. Ich wäre wieder alleine, mit mir selbst in diesem Gefängnis eingesperrt, das ich selbst errichtet hatte.

Solche und andere Gedanken gingen mir durch den Geist, ich verfolgte keinen davon zu einer Entscheidung. Stattdessen lief ich irgendwohin, suchte mein eigenes Unglück. Durch die Parks, die Gassen und Alleen. Die Frankfurter Allee hinunter, mit den leerstehenden Prachtbauten. Sie war breit genug, dass ich niemanden ansehen musste, von niemandem angesehen wurde.

Ich wich den Staatsbütteln aus, ohne einen Grund dafür zu haben. Ich hatte nichts illegales getan, dachte ich, ich hatte alles unter der Verordnung eines anerkannten Arztes in einem bekannten Sanatorium eingenommen. Trotzdem wich ich Ihnen aus und schämte mich dafür, weder ganz ich selbst noch völlig jemand anderes zu sein. Wenn Sie mich aufgehalten und gefragt hätten, wer ich sei – ich denke, ich hätte es ihnen nicht sagen können.

Nach einigen Stunden dieser Anspannung landete ich in einem Café. Es lag an der Karl-Marx, an einer der endlos langen Häuserfronten zwischen Alexanderplatz und Frankfurter Tor. Direkt neben der Kaffeestube fand sich auch ein Buchladen, der vom selben Paar betrieben wurde. Ich hatte dort schon einige rastlose Tage zugebracht, wurde dieses Mal aber nicht willkommen geheißen.

Das Radio spritzte Chopin an die Wände, die wenigen Besucher ergossen sich in Karottenkuchen und Soda. Eine Frau im Nebenzimmer rieb sich das Gesicht mit Gottfried Benn. Ein groteskes Bild, das mich anwiderte. Aber ich musste sie nicht betrachten. Ich wollte mich mit mir selbst beschäftigen und ein wenig essen.

Nur einer von ihnen stieß mich nicht instinktiv ab.

Ein Mann. Er war schlank, groß gewachsen, aschblondes Haar. Keine ungewöhnliche Gestalt, von der Narbe über dem linken Auge einmal abgesehen, aber sie verlieh ihm Charakter. Er hatte einen Kaffee bestellt – oder was damals als Kaffee galt – und die abgelegte Tageszeitung eines anderen Gastes aufgeschlagen.

Ich weiß nicht, was es war, aber er zog mich an. Dabei fand ich ihn weder attraktiv noch sonst etwas, das will ich nicht falsch verstanden wissen. Es war ein Eindruck, ein ganz flüchtiger, der mich ergriff. Ich habe immer ein kleines Büchlein bei mir – es ist in rotem Leder eingebunden und mit einigen hundert Seiten festem Papier gefüllt. Eine Angewohnheit aus meiner Zeit, als ich noch zeichnen konnte oder malen. Ich hatte es in den letzten Jahren kaum benutzt, die ersten fünfzehn Seiten oder so waren angefüllt mit einigen Notizen, Beobachtungen, Elementen, die ich gesehen oder gemacht. Der Rest war leer. Eine Mahnung an meine Krise.

Als ich den Mann ansah, musste ich ihn darin festhalten.

Es war nicht… nicht wie der Rausch, der mich in den letzten Tagen ergriffen hatte. Es war unschuldiger. Ich hatte etwas in seinem Gesicht gesehen, in seinem Blick, das mich zu meinem Büchlein greifen ließ.

Ich sperrte ihn mit wenigen Bleistiftstrichen in mein Buch ein. Ich glaube, ich sah etwas in ihm, einen Funken seiner Träume vielleicht. Ich konnte sein Leben vor mir sehen, nicht klar und nicht deutlich, aber ich glaube ich hatte einen Eindruck seiner Gedanken in diesem Moment.

Ein Schatten legte sich über mich. Erschrocken sah ich auf und erkannte den Mann über mir. Während ich gezeichnet hatte, hatte sich herüber geschlichen und mich einen Augenblick lang bei der Arbeit beobachtet.

„Markus“, stellte er sich vor.

Ich sah ihn an, festgefroren an meinem Bleistift und dem Büchlein in meinen Händen.
„Sie sollten schon wissen, wie Sie ihr Kunstwerk betiteln werden“, sagte er, „Und es ist ein Markus.“

„Hendrik“, sagte ich.

„Sind Sie Zeichner? Sollten Sie nicht erst um Erlaubnis fragen, ehe Sie fremde Leute so einfach zeichnen?“, fragte er.

„Ich weiß nicht“, sagte ich. „Früher hätte ich wohl ja gesagt. Heute weiß ich es nicht mehr.“

„Wenn Sie keiner sind, sollten Sie einer werden“, sagte Markus. „Sie haben Talent. So wenig, wie ich von Kunst verstehe, würde ich das jedenfalls sagen. Sie… haben mich erschreckend gut eingefangen. Wie ich mich fühle, meine ich. Als hätten Sie einen Blick auf meine Seele geworfen.“

Ich leckte mir die Lippen, wich seinem Blick aus.

„Danke“, sagte ich und ignorierte die Stimme in meinem Kopf, die mir sagte, dass es nur die Drogen waren. Dass ich selbst ein talentloser Scharlatan war. „Sie würden das nicht sagen, wenn Sie meine anderen Werke kennen würden.“

„Nein? Wie sehen ihre anderen Stücke denn aus?“

„Grässlich. Ich glaube, ich werde sie verbrennen. Ich sollte sie verbrennen. Es war nicht wirklich ich, der sie gemalt hat. Sie sind mir zugeflogen. Wenn das einen Sinn ergibt.“

„Nicht wirklich, aber Sie sind der Künstler.“

Markus zuckte mit den Schultern, er zog einen Stuhl heran.

„Darf ich?“, fragte er und setzte sich, ohne die Antwort abzuwarten. „Wie kommen Sie auf die Idee, es wären nicht ihre Bilder? Sie haben sie gemalt, oder nicht?“

Ich überlegte einen Augenblick. Ich konnte ihm kaum sagen, dass ich unter dem Einfluss irgendeiner Droge gemalt hatte und mich an die letzten Reste davon klammerte, ehe mich die Untiefen einer Geisteskrankheit zurück in die Schafenskrise stürzten.

„Njaaa“, sagte ich, zog die Laute einzeln in die Länge. „Ich habe in den letzten Jahren nicht viel gezeichnet. Alles Mist, Müll, uninspiriert. Probleme im Kopf, sehen Sie? Konnte einfach nicht. Sehe ein weißes Blatt und bekomme es mit der Angst. Ich sehe Menschen und sehe ein weißes Blatt. Und sonst nichts. Keine Emotionen. Keine Gestalten. Nur eine weiße Fläche, die mich auslacht. Bin unfähig, sie mit Bedeutung zu füllen. Alles ist blutleer. Nicht ein vernünftiger Gedanke kommt aus mir heraus.“

Markus nickte, deutete auf die Zeichnung von ihm. Ich begann, mich dafür zu schämen.

„Wenn so uninspirierte Zeichnungen aussehen, muss ich wirklich ihre anderen Bilder sehen. Junge, sie haben Talent. Ich könnte sie gut verkaufen.“

„Man würde mich entartet nennen“, sagte ich. Ich senkte meine Stimme, sah mich in dem Lokal um. „Antisozialistisch.“

„Hendrik“, sagte er und kam mir verschwörerisch nahe. „Entartet sind nur die, die das sagen. Glauben Sie mir, insgeheim haben die alle einen Pollock in irgendeiner Datscha hängen. Irgendwo, wo sie es niemandem außer ihren kleinen Apparatschikfreunden zeigen.“

„Sie können die nicht verkaufen“, sagte ich.

„Ich kann alles verkaufen. Wieder nickte er und lehnte sich zurück. Er zog eine Papierschachtel aus seiner Westentasche, zündete sich eine Zigarette an. Mit dem Glimmstängel deutete er auf mich. „Ich kann ihre Bilder verkaufen. An Erich selbst, wenn es sein muss. Ich weiß wie. Sie kümmern sich nur ums Malen.“

„Njaa“, sagte ich… „Das ist so recht die Sache, sehen Sie? Ich kann nicht malen. Seit Jahren nicht.“

„Haben Sie nicht gesagt, sie haben erst neulich einige Sachen fertig gestellt? Sie wären nur nicht von Ihnen?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Nein, ich meine sie dürfen nicht.“

„Weshalb nicht? Sind sie pervers? Schauen Sie nicht so, das ist ihr Problem, nicht meines. Ich will nur wissen, ob sie mehr solcher Bilder haben.“

„Nein. Also ja, aber die werde ich verbrennen. Ich ertrage sie nicht.“

Schweigen.

Markus nahm einen Zug seiner Zigarette. Tief. So tief, ich konnte den Tabak seine Lungen über den Tisch hinweg verbrennen hören.

Ich sah ihn einen Augenblick lang an, ließ ihn auf mich wirken.

Da war sie wieder. Diese Aureole, die ich um jeden Menschen in den letzten Tagen gesehen hatte. So eine Spur von Emotion, die sich aus seinem Leib heraus blutete, die die Umwelt benetzte wie ein Regenbogen. Wie ein Gespenst seiner selbst, das über seinem Kopf hing. Wovon tagsüber träumte, was ihn nachts verfolgte.

Damals war es schwer für mich, die Unterschiede zwischen diesen Dingen zu erkennen, die Feinheiten und Nuancen. Markus wirkte damals auf mich nur kalt, ein helles Blau. Ganz ruhig, ganz gelassen, von einer unersättlich scharfen Neugier, die sich durch meine Ausreden schnitt wie Wind durch einen Sommernachmittag. Es war Gier.

Ich wusste damals, mit diesem einen Blick, was ihn umtrieb. Wovon er träumte. Es war ein Wille, den ich sonst nirgendwo kennen gelernt habe. Dr. Vielfraß, wie wir ihn später nennen würden, war ein Mann unersättlicher Gelüste. Selbst in seinem Unterfangen, Käufer für unsere schmierigen kleinen Fotografien und unsere albernen Zeichnungen zu finden.

„Können Sie andere zeichnen?“, fragte er.

Ich sah zur Seite. Auf die Straße, als ob dort die Antwort und nicht nur Unglück wartete.

„Ich weiß es nicht. Es… es gefällt mir nicht, so zu arbeiten, wie ich gearbeitet habe. Das bin nicht ich. Das ist jemand anderes, der diese Bilder gemacht hat. Und ich weiß nicht, wie er es getan hat.“

Markus verzog das Gesicht.

„Nun… Das ist eine Entscheidung, die nur sie treffen können. Aber lassen Sie mich Ihnen eines sagen: Ein Wind geht in der Stadt und er trägt den Geruch von Fäulnis mit sich. Ich rede nicht von Politik, aber wenn… Egal, ob Ihre Hände schmutzig sind oder nicht. Der Geruch wird nie verschwinden. Ob Sie es geschafft haben oder nicht. Er ist hier. Sie finden sich entweder damit ab oder Sie ersticken dran, so wie wir alle.“

Er stand auf, drückte die Zigarette aus und nahm seinen Mantel. Eher er das Lokal verließ, warf er mir eine Visitenkarte hin.

„Mein Angebot steht: Sie zeigen mir ihre Bilder – und wenn sie nur halb so gut wie diese Zeichnung sind, verkaufe ich sie. Überall.“

Ich nahm die Karte in die Hände. „Markus Mühsam – Galerist“ stand dort und ein Postfach

„Meinen Sie das ernst?“

„Sie und ich. Wir werden diese Stadt umgraben und dem Verwesungsgeruch auf die Spur kommen. Wir werden all den Würmern und Krabbeltieren zeigen, was unter den feuchten Steinen lag. Ich werde ihnen die Hölle zeigen, in der sie leben. Ich werde sie dazu zwingen, wenn sie es nicht wollen. Wir haben Buchstaben, um auch Blinde sehend zu machen.“


Mit diesen Worten winkte er mir und verließ das Lokal.

Er ließ mich mit Gedanken zurück, mit einer halbfertigen Karikatur seiner selbst… und einer Anschrift auf einer knochenweißen Pappkarte.

Ich wusste dann und dort, dass ich vor einer Wahl stand. Selbst, wenn ich nicht das ganze Ausmaß dieser Entscheidung absehen konnte, stand ich an der Kreuzung zwischen Leid und Bedeutungslosigkeit.

Als ich nach einigen Überlegungen aus dem Café hinaus trat, strich mir der Geruch um die Nase, von dem Markus erzählt hatte. Ein Geruch von Eisen und Irrsinn und ich wusste, was ich zu tun hatte. Zum Teufel mit den Konsequenzen.

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