Achtundzwanzig Tage verstrichen. Achtundzwanzig Tage, an die ich mich nur bruchstückhaft erinnern kann. Während deren ich so intensiv lebte, wie nie zuvor.

Achtundzwanzig Tage, bis es zur Behandlung meines kranken Geistes nötig war, die nächste Phiole des guten Doktors einzunehmen.

Es war ein erhabenes Gefühl und schrecklich. Haben Sie jemals die Kontrolle über sich verloren, wahrhaft einen Rausch gehabt, eine Raserei der Seele? Das und nichts anderes habe ich während dieser Tage durchlebt. Wie in einem Wildwasserstrom zogen Gefühle, Erinnerungen, selbst Menschen, an mir vorbei. Ich griff nach einigen davon, bekam aber keinen zu fassen. Sie entglitten mir wie die rettenden Äste am Ufer einer nassen Hand entglitten.

Als ich aus dem Strom auftauchte, schmerzte mir alles. Meine Augen glühten. Sie glühten, sie brannten wie kleine, braune Kohlen und sie versengten alles, worauf mein Blick sich legte. Ich lag auf dem Boden meines Zimmers und starrte an die Decke. Sie war die einzige Stelle im Raum, die nicht mit Bildern oder Skizzen angefüllt war. Die einzige freie Fläche, weiß und unschuldig, die ich ansehen konnte, um meinen Gedanken ein wenig Ruhe zu geben. Ich versuchte, mich an die vergangenen Wochen zu erinnern, aber ich bekam nichts aus mir heraus. Keine klaren Gedanken jedenfalls. Es waren Eindrücke, die ich zu fassen bekam. Wie das Nachbrennen der Sonne auf der Netzhaut.

Aus den Augenwinkeln sah ich die Bilder, die ich in den letzten Tagen gemalt haben musste, und erschauderte. Um sie alle legte sich eine Aureole, eine Halo. Sie quälten mich mit einer Intensität, die ich nicht beschreiben kann. Ich sah sie so deutlich vor mir, wie ich Sie jetzt vor mir sitzen sehe, mit der aderblauen Marmorierung ihres Fleisches, so wie ich das Loch in Ihrem linken Hosenbein und die fehlende Manschette sehe. Ich verschloss die Augen vor ihnen.

Die Tür öffnete sich einen Spalt breit. Ein Geruch von verbranntem Tee, von Nadelwald und altem Stoff überfiel mich. Keine Schritte waren zu hören, die Witwe Feodorowna verharrte in der Tür.

Mein Zimmer musste einen wilden Anblick bieten. Dutzende, wenn nicht hunderte Bilder und Skizzen lagen, hingen, klebten und stapelten sich auf jeder freien Fläche. An Schrank, Schreibtisch, Fensterbrett und Regalen. Inmitten meiner Bilder, umgeben von Farbe und Farbpaletten und dem dicken Gestank von Öl, der sich so tief in meine Haare und Kleidung gefressen hatte, dass ich ihn gar nicht mehr wahrnahm, lag ich. Wie eine ausgequetschte Tube Farbe.

Die alte Frau zögerte. Ich öffnete die Augen. Sie fühlten sich glasig an, wie ausgebrannt. Ich beobachtete sie. Sie betrachtete die Bilder. Die Grimassen, die ich gezeichnet, die Auren, die ich um sie her gemalt hatte. Von zwei Dutzend Leinwänden grinste sie die rohe Emotionalität des Menschen an. Lassnig war ein Nichts dagegen, noch viel zu konkret, viel zu formhaft. Sie gab den Körpern eine Seele – ich aber hatte der Seele Farben gegeben.

Es musste ein grässlicher Anblick sein.

„Kommen Sie ruhig“, sagte ich. „Verzeihen Sie die Unordnung, ich bin nicht dazu gekommen. Nehmen Sie die Dinge ruhig beiseite, setzen Sie sich, wenn Sie mögen.“

Die Witwe schlich durch den Bilderwald, versuchte, auf keine der Rahmen oder Leinwände zu treten, wich den Pinseln und Farbtöpfen aus. Einige Zeit später stand sie über mir, ihr Gesicht halb verdeckt von dem Silbertablett in ihren Händen.

Der Tee darauf kochte noch. Er roch wie ein Tannenwald. Stark, schwarz, mit einem distinkten Raucharoma.

„Sie arbeiten zu viel“, sagte sie. Ich fühlte ihren Blick durch das Zimmer streifen, wie ich eine fremde Hand in meinem Kopf gefühlt hätte.

Ich schnaubte.

„Ich arbeite noch nicht genug. Sie wissen, wie es vorher war? Wie Zähne ziehen.“

Die Wohnung, in der ich mich damals einquartiert hatte, gehörte ihr. Einer alte Frau, sechzig oder siebzig Jahre, die seit ich sie kannte von der Pension ihres Mannes lebte. Er musste ein russischer General oder wenigstens Offizier gewesen sein, dem Sie nach dem Krieg nachgefolgt war. Als er gestorben war, hatte sie Ihre Heimat bereits seit vierzig oder fünfzig Jahren nicht mehr gesehen und war daher in der Stadt geblieben.

Nur war ihr ihre große Wohnung zu kalt, sehen Sie? Zu einsam, um sie mit nichts als Geistern und Katzen zu füllen. Also vermietete sie einige Zimmer an Leute wie mich. Und Johann Wagner.

„Es stinkt hier“, sagte sie. Sie hatte den Tee auf den Schreibtisch gestellt, der noch übersät war mit Skizzenblättern, Zeichnungen, heraus gerissenen Fotografien. Sie öffnete die Fenster und die Luft stach mir in die Augen. Fast erstickte sie mich, diese kalte Luft.

Ich richtete mich auf. Die Alte umgab ein dünner Film. Wie eine Ölschicht auf dem Wasser, hätte ich vielleicht gesagt. Oder die selbe Art von Aureole, die meine Bilder umgab. Wenn ich mich anstrengte, konnte ich in diesem schwimmenden Gebilde Farben erkennen, die sie und ihre Gefühle dominierten. Knallpinkes Mitgefühl mit mir, Großzügigkeit in Rosa und unter allem – wie ein Spiegel – eine silbrige Traurigkeit.

Ich blinzelte den Eindruck fort und goss uns beiden etwas von ihrem Tee ein. Sie setzte sich mir gegenüber auf den Stuhl.

Ich wärmte mich an dem Becher in meiner Hand, starrte den aufsteigenden Wasserdampf an. Immerhin schrie er mir nicht sein Seelenleben entgegen. Aber selbst dort, selbst in dieser Bewegung von Vapor, entdeckte ich Schönheit. Entdeckte ich Gefühle, die aus mir heraus kamen.

Mir juckte es in den Fingern, ich suchte mit dem Blick nach einem Pinsel, der diesen feinen Tanz einfangen könnte.

„Ich mache mir Sorgen um Sie“, sagte Feodorowna.

Meine Aufmerksamkeit schnappte zu ihr zurück. Sie hatte ein eingefallenes Gesicht, runzlig, wie es nur Menschen haben konnten, die nicht nur die Nazis, sondern auch die Stalinisten überlebt hatten. Es war nicht grau, nicht alt. Sondern weiß, als hätte ihr Leben alle Farbe aus ihr heraus gesaugt. Sie gebleicht, bis nichts mehr als Knochen und Leib an ihr war.

„Die Miete diesen Monat wird pünktlich sein“, sagte ich. „Ich werde die letzten Monate auch sofort bezahlen können. Zweifeln Sie nicht daran: Ich werde eines dieser Bilder verkaufen können oder drei.“

„Genau das macht mir Sorgen. Sie arbeiten so viel. So plötzlich.“

Ich leckte mir die Zähne, wich ihrem Blick aus. Er war Nadeln, die meine Blase durchdrangen.

„Es ist eben ein spontaner Anfall. Eine Inspiration, Feodorowna, die ich lange nicht gespürt habe. Als wären Ketten von mir abgefallen.“

„Es ist beängstigend. Sie sind nicht mehr sie selbst.“ Dumpf hörte ich das Tapsen ihres Eheringes auf dem silbernen Becher. Sie war unruhig. Ich wusste, was gleich kommen würde. Was immer kam, wenn Sie mir Tee brachte, nur um ein Gespräch zu suchen.

„Sehen Sie mich an, Hendrik.“

Wie eine Mutter zu einem ungehörigen Kind. Oder eine Großmutter zu ihrem Enkel. Ich folgte ihrem Befehl. Selbst ihre Augen waren grau. Silbriggrau, wie der Spiegel auf dem Grund ihrer Seele. Als würde aus ihrem Gesicht kein Mensch sehen, sondern ein Engel. Ein Wesen, das diese Welt hinter sich gelassen hatte, das nur noch im Leib am Leben war, dem die Zeit aber alles menschliche heraus gebleicht hatte. Ich spürte in meinen Fingern dieselbe neue Unruhe, den Drang einen Pinsel zu nehmen und sie in Ewigkeit zu bannen, bevor sie verschwand. Bevor mir die Inspiration wieder flüchtete.

„Nehmen Sie Drogen?“

„Was?“

Ich blinzelte.

„Nehmen Sie Drogen?“, fragte sie wieder. „Lügen Sie nicht. Ich habe das bei anderen Jungen gesehen. Bei Soldaten. Erst Kriegszittern, das bis in die Träume reicht. Dann Lethargie und zerrüttete Nerven. Dann greifen sie zu Drogen. Zu Pervitin und was es heute nicht noch alles gibt. Dann bricht es aus ihnen heraus: Härter, intensiver als sie je zuvor waren.“

Ich lachte und schüttete mir den Tee über die Hand und die Oberschenkel. Das heiße Brennen spürte ich kaum.

„Nein“, sagte ich.

Ich überlegte einen Augenblick, schüttelte den Kopf.

„Das heißt ja“, sagte ich, „aber auf Anordnung des Arztes. Ich habe mich in Behandlung begeben, vor einigen Wochen. Wegen dieser… dieser Zustände. Sie entsinnen sich? Ich kam erst spät zurück. Der Arzt gab mir ein Mittel und ich habe es eingenommen. Vor einigen Tagen war ich erneut bei ihm, er hat sich meine Fortschritte angesehen und gab mir das zweite Mittel.“

„Also nehmen Sie Drogen.“

„Unter Aufsicht eines Arztes, ja.“

Feodorowna runzelte die Stirn. Sie schien nachzudenken, sagte aber nichts. Sie griff in die Schublade, die ich ihr angewiesen hatte, und zog die Phiole heraus. Wie die erste war sie klein, mit einem Korken und einem Wachsiegel versehen, und enthielt eine beinahe schwarze, zähe Flüssigkeit.

„Mir gefällt es nicht“, sagte sie. Sie ließ die Phiole auf einen Stapel Skizzen fallen, stand auf. Sie war so klein, dass sie meine sitzende Gestalt kaum um einen Kopf überragte.

„Es ist gefährlich“, sagte sie. Ihre Stimme war hart geworden.

„Unsinn. Sie machen sich unnötige Sorgen, Feodorowna. Ich bin in Höchstform, so energiegeladen wie noch nie in meinem Leben…“

„Sehen Sie sich ihre Bilder an“, befahl sie. Sie nahm willkürlich eines davon hervor, hielt es so, dass ich es sehen konnte.

Es zeigte die Fratze eines Mannes. Obwohl sein Gesicht normal schien, von keiner Narbe oder Regung verzerrt, wirkte es entstellt. Hass sprang daraus hervor. Rot und Purpur mischte sich zu mörderischen Intentionen, die nur zu bereit schienen, aus der Leinwand heraus zu greifen. Als wolle er die Pranken um den Hals des Betrachters legen und ihn würgen.

Ich erinnerte mich nicht, es gemalt zu haben.


„Das sind nicht sie“, sagte Feodorowna. „Ich weiß nicht, wer das ist, wer dieses Bild gemalt hat, aber nicht Sie. Sie könnten so etwas nicht.“

Ich sprang auf. Tee spritzte auf den Boden, auf die Papiere.

„Weil ich nicht gut genug bin? Ist es das, was sie sagen? Dass ich zu schlecht bin, diese Bilder zu malen, dass ich Drogen brauche, um fähig zu sein? Ich kann malen, Feodorowna, ich kann malen wie kein zweiter und diese Bilder, sie sind nichts, nicht einmal ein Anfang. Sie sind die Aufwärmübungen eines Genies, des nächsten Pollock! Wieso können Sie so etwas nur sagen?“

Ich hatte nicht bemerkt, dass ich die Stimme erhoben hatte. Aber das hatte ich. Feodorowna wich zurück, das Bild wie einen Schild vor sich haltend.

„Weil Sie nicht böse sind“, sagte sie.

Sie flüsterte. Sie sah so klein aus, so zerbrechlich. Wie eine Puppe, nicht wie ein Mensch. Ich könnte sie schütteln. Mit einer Hand hätte ich sie schütteln und fortschleudern können. Wie eine Puppe.

„Diese Bilder sind böse. Sie zeigen das schlechteste im Menschen. Ich habe Sie mir angesehen, als Sie fort waren. Wenn Sie ausgehen, um im Schlamm und Schmutz der Stadt zu suchen, dann lassen Sie Ihre Tür unverschlossen. Das sind nicht Sie, Hendrik. Das ist Wut und Hass und Lust und Gier und Neid, die Sie malen. Aber nicht sich. Nicht das, was in Ihnen ist.“

Ihre Worte verletzten mich. Ich weiß nicht, ob es die ersten Anzeichen des Entzugs waren oder ihr Tonfall, aber ich fiel nach hinten, auf mein Bett. Ich weinte. Der Becher fiel endgültig aus meiner Hand. Der Tee ruinierte die letzten Skizzen, an denen ich gearbeitet hatte.

Feodorowna legte das Bild behutsam zur Seite, mit dem Gesicht nach unten. Als fürchte Sie, wenn Sie es zerstörte, würde ein Geist aus den Rissen und Löchern der Leinwand steigen. Sie sank neben mir auf die Matratze, legte mir die Hand auf die Schulter.

„Ich weiß“, flüsterte ich. „Aber ich muss. Ich muss einfach. Sie können sich nicht vorstellen… Mag sein, dass das nicht ich bin in diesen Bildern. Aber es ist jemand, irgendjemand. Vorher war ich ein Niemand. Und das sind meine Bilder. Verstehen Sie? Ich kann nicht… Ich kann nicht nicht malen. Ich muss es. Und ich selbst, ich kann nicht malen. Nicht mehr. Seit Jahren nicht. Sie erinnern sich? An diese Qualen? Diesen Frust? Mit der Miete im Rückstand für sieben Monate, weil ich nicht ein erbärmliches Portrait verkauft das ganze Jahr? Weil ich seit Jahren nicht eines beendet habe?“

„Hendrik“, sagte sie und ihre Stimme war ganz weich, ganz sanft. Wie Balsam auf meiner rohen Seele. „Ist es das Wert? Sich selbst zu verlieren, meine ich?“

„Nein.“ Ich schüttelte den Kopf, barg ihn in den Händen. Die nächsten Worte fielen mir so unendlich schwer, noch so viel schwerer als meine Entscheidung, einen Arzt aufzusuchen.

„Aber ich ertrage mich auch selber nicht.

Ich kann nicht ich selbst sein… Und ich kann nicht, nicht anders sein. Nicht mit Drogen, nicht ohne. Es ist ein Rausch, eine Raserei der Seele. Aber was soll ich tun? In meinem Elend liegen? Ich kann nicht anders. Ich muss doch etwas tun.“

Feodorowna stand auf.

„Ich habe Angst vor Ihnen, wenn Sie so sind, Hendrik“, sagte sie. Sie war ganz leise, ganz behutsam. Als fürchte sie, ein falsches Wort könnte mich in diese Wut zurück stoßen, die ich gezeigt hatte. Ich weiß, dass ich es ebenso fürchtete.

„Ich habe Angst, dass Sie… Dass sie etwas tun, das sie vielleicht bereuen. Nur um irgendetwas zu fühlen. Sie sind nicht kalt, Hendrik. Tief in ihrem Inneren leben Sie. Egal, was Sie glauben oder behaupten. Tief in Ihnen drinnen leben Sie noch und Sie müssen nur wieder zu sich selbst finden.“

„Ich weiß nicht wie“, sagte ich. „ich weiß es nicht.“

Die Witwe hob den Silberbecher auf, den ich fallen gelassen hatte. Sie stellte ihn zu ihrem auf das Tablett zurück und ging halb hinaus.

„Wenn Sie jemals Hilfe brauchen“, sagte sie, „oder nur jemanden zum reden… Ich bin hier für Sie. Vergessen Sie das nie, Hendrik. Und jetzt kommen Sie, wir wischen den Tee vom Boden. Und sie räumen diese grässlichen Bilder aus dem Weg oder verbrennen Sie und morgen… Wir werden sehen, wie Sie sich morgen fühlen. Dann entscheiden Sie.“

Einen Augenblick zögerte ich, atmete die kühle Luft ein, die durch das Fenster strömte. Sie hatte den Ölgestank vertrieben und erstickte mich nicht länger. Dann machte ich mich ans Werk, die Bilder aus dem Weg zu räumen. Ich musste Raum schaffen für neue Bilder – und neue Gefühle.

Als ich an dem angekommen war, das Feodorowna wie einen Schild gegen mich benutzt hatte, hielt ich inne. Ich entsann mich nicht, es gemalt zu haben. Die Erinnerung war in einem dieser Tage verloren gegangen, die sich meinem bewussten Zugriff entzogen.

Aber ich sah, was ihr solches Unbehagen bereitete, obwohl sie nichts von Farben, von Komposition und Material verstand. Es war lebendig. Nicht lebensecht, keine Nachahmung, sondern wirklich lebendig, wie aus Fleisch und Blut.

Und in meinem Hinterkopf meldete sich eine leise, eine hässliche Stimme.

Es war nicht mit Farbe gemalt.

Alt

„I feel like I‘m being yanked around on a chain I can‘t see. Like I‘m an automaton, driven by impulse, by raw emotion.

Aber wenn ich sie nicht nehme… Bin ich ein Automat ohne Antrieb. Eine zerschlagene Maschine ohne Motor. Verstehen Sie? Ich fühle gar nichts dann, oder ich fühle alles. Einen anderen Weg gibt es nicht. Ist es nicht besser, ist es nicht besser, alles zu fühlen, als gar nichts? Ein Gefäß zu werden für die Gefühle anderer, die mich aus diesen Bildern anspringen? Auch wenn es schlecht ist?“