Hendrik Schakal – Teil I: Die Sonne meiner Seele

Mein Untergang begann mit einem Arztbesuch.

Ich hatte damals seit einigen Jahren Probleme mit dem, was man meinen Geisteszustand nennen könnte – Schlaflosigkeit, Reizbarkeit, Lethargie, das übliche – und mich nach einigen Überwindungen entschieden, die Hilfe eines Fachmanns in Anspruch zu nehmen.

Dieses Vertrauen war nur der erste in einer langen Reihe von Fehltritten, die mich mit einigen Umwegen schließlich in die Hölle führten.

Nicht die sprichwörtliche, ich bitte mein Leiden Ernst zu nehmen und nicht mit religiösen Gefühlen zu verspotten. Ich meine die wirkliche Hölle, die die anderen Menschen sind. Die wir im täglichen Miteinander errichten. Dieselbe, in der jedem Gesicht seine versteckte Bösartigkeit eingeschrieben sind, in der in jeder Geste eine Hinterhältigkeit zu lesen ist.

Ich weiß, dass Ihnen all das wie das Gestammel eines Irren vorkommen muss. Und ich gebe Ihnen recht. Bevor ich mich freiwillig der ärztlichen Untersuchung unterwarf, war ich bloß ein Irrer. Ich war lethargisch, geistig blind gegenüber meinen eigenen Bedürfnissen und denen anderer – aber doch harmlos. Wirklich sehen lernte ich erst danach. Der Prozess, den ich beim Nervenarzt durchlief, öffnete mir die Augen für diese Wahrheit in mir selbst.

Ich sehe seitdem klarer die Hässlichkeit in meiner eigenen Seele, falls sie denn existiert.

Ich erinnere mich, wie ich dort saß, in dem großen Büro des Herrn Doktor im Dachgeschoss seines Sanatoriums. Wie viel Furcht ich vor ihm hatte, der sich doch nach bestem Wissen und Gewissen bemühte, meiner Krankheit auf den Grund zu gehen. Ich war nervös, weil ich den halben Tag in den Gängen und Wartezimmern der Anstalt verbracht und weil ein Arzt nach dem anderen kurz mit mir gesprochen und mir die selben Fragen wie der vorherige gestellt hatte, nur, um mich dann an den nächsthöheren zu übergeben.

Es war eine kleine Irrfahrt gewesen. Mit jeder verstreichenden Stunde wurde ich unruhiger. Es war eine endlose Ungeduld in mir. Zwar hatte ich eingesehen oder jedenfalls vermutet, dass meine Heilung einige Zeit in Anspruch nehmen würde, doch derart lange Wartezeiten und Ungewissheit…

Gegen Abend schließlich landete ich dort. Im Büro des Anstaltsleiters.

Ein jovialer Mann, schien es mir damals, mit einem altmodischen Backenbart und einem freundlichen Blick, der mit aller Gewissenhaftigkeit die Untiefen meiner Seele erforschte.

Ich hatte die Hände zwischen den Knien und starrte auf die Unterlagen vor ihm. Ich kam mir albern vor, als er die von mir angegebenen Beschwerden vorlas. Wie ein kleiner Junge, der eine Dummheit gestanden hatte und nun von Erwachsenen dafür belächelt wurde.

„Sie sind beständig müde und antriebslos“, sagte der Doktor, „fühlen Ihre Triebe unterdrückt, wie gedämpft und sehen sich in Ihrer Arbeit beeinträchtigt.“

Ich nickte, ohne etwas zu sagen.

„Sie sind Künstler und fühlen sich blockiert.“

„Maler, genau genommen“, sagte ich.

„Sie wollen sich selbst einliefern lassen“, sagte der Doktor. „Weil sie sich in ihrem Geisteszustand beschädigt sehen.“ Es war eine Feststellung, keine Frage. Er hatte mir noch gar keine Fragen gestellt, die ganze Zeit nicht. Ich glaube, er wiederholte überhaupt nur meine eigenen Antworten, die ich seinen Kollegen bereits gegeben hatte.

„So ist es.“

„Hm“, brummte der Doktor. „Ich liebe Malerei. Besonders natürlich Füssli und Friedrich. Die modernsten und verständigsten Köpfe unserer Zeit.

Sehen sie mich bitte an, Hendrik. Ich darf doch Hendrik sagen?“

„Natürlich, Herr Doktor“, sagte ich, ohne aufzublicken.

„Hm“, macht der Doktor wieder. „Sie sind freiwillig zu uns gekommen, sehe ich das richtig?“

„Ganz recht. Weil ich… weil ich mich für krank halte. Im Kopf eben. Krank im Geist, nicht im Körper. Obwohl auch der sich schwach anfühlt. Es sticht und zieht an allen Stellen. Ich… Ich war einmal gesund. Früher. Jetzt nicht mehr.“

Ich leckte mir die Lippen, starrte zwischen meinen Knien hindurch. Des Doktors Büro verfügte über einen Teppich mit sehr feinem Muster. Silbergewirkt, dachte ich, mit vielen Wirrungen und Irrungen und Heraldik. Ich glaubte sogar, einen Schlüssel darin zu erkennen, nach dem Muster alter Märchenbücher.

Irgendetwas in mir sträubte sich, ihm in die Augen zu sehen. Selbst als ich den Blick endlich hob, sah ich ihm auf die Ohren oder das Kinn. Aber nicht in die Augen.

„Und wie glauben Sie, dass wir Ihnen helfen können, Hendrik?“

„Das… Also das weiß ich nicht. Deswegen bin ich ja hier. Weil ich nicht weiter weiß. Weil ich leide.““

„Also dieses Urteil müssen Sie schon dem Fachmann überlassen“, sagte der Doktor. Er hatte eine Augenbraue nach oben gezogen. Sie war buschig wie ein Pinsel aus Eberhaar, und verlieh ihm trotz seiner belustigten Miene einen tyrannischen Blick.
„Also Hendrik, das ist höchst irregulär. Sie dagegen scheinen mir gänzlich regulär. Üblicherweise kommen unsere Patienten nicht freiwillig zu uns, sie verstehen? Und normalerweise lässt sich schnell heraus finden, inwiefern sie… Verrückt ist ein hässliches Wort. Sagen wir also: Inwiefern diese Menschen geistig abnorm sind.“

Ich zögerte einen Augenblick und wünschte, ich hätte eine gute Antwort darauf gehabt. Vielleicht hätte ich dann mein Problem ernstlich behandeln können.

„Das kann ich Ihnen nicht sagen.“

„Sie werden es versuchen müssen. So, wie es derzeit steht, halte ich sie vielleicht für ein wenig erschöpft, aber diese Dinge sind normal. Vor allem unter Kreativen sind solche Phasen ganz gewöhnlich.“

„Mein… mein Leben ist grau. Ich lebe es, bewusst und bestimmt und rational, aber… Aber ich fühle nichts. Verstehen Sie? Ich fühle mich wie gefangen in meinem eigenen Verstand. Als würde ich hinter dicken Gitterstäben sitzen und eine Welt dort draußen betrachten, von der ich kein Teil bin. Es gibt keine Gefühle in mir, in meiner Welt. Nur dort draußen. Aber dort komme ich nicht hin.“

Der Doktor betrachtete mich einen Augenblick lang eindringlich. Irgendetwas in mir, irgendeine Verzweiflung in mir, ließ mich aufblicken. Ich fühlte mich, als ob sein Blick sich in meinen Geist fraß, als ob er all das in meinen Augen las, was ich zu sagen nicht in der Lage gewesen war. Mir war, als wäre ein Gewicht nicht von meiner Brust genommen, sondern dort heraus gerissen worden.

„Hm“, sagte der Doktor wieder und nickte dieses Mal. „Wenn die Sache sich so verhält.“

Der Doktor wuchtete sich hoch. Eine beeindruckende Gestalte, dachte ich. Trotz seiner geringen Körpergröße war er ein Mann von Format. Etwas an der Art, wie er sich bewegte. Er ging zu den Regalen, die die eine Seite des Büros einnahmen. Zwischen den Büchern und den Eichenschränken befand sich ein Medizinschränkchen, vielleicht ein Drittel so breit wie er. Aus der Innentasche seiner Weste holte er einen schweren Eisenschlüssel und öffnete den Schrank.

Eine endlose Aneinanderreihung von Tigelchen, Fläschchen, Phiolen, Dosen und Büchsen öffnete sich vor ihm. Aus der obersten Schublade, ganz hinten versteckt, holte er ein Kästchen und ging mit ihm – ohne den Medizinschrank hinter sich zu schließen – zum Sekretär zurück, von wo aus ich ihm zugesehen.

Der Doktor stellte das Kästchen vor mir ab, aber gerade außer Reichweite, und strich mit seinen Handschuhen darüber. Beinahe streichelte er es, als wäre ihm lieb und teuer, was darin war.

Das Kästchen war vielleicht eine Elle lang, eine Hand breit und ebenso tief. Es war schwarz, aus einem matten Holz, das ich nicht identifizieren konnte. Eingelegt war es mit feinem Silber. Das selbe Muster wie auf dem Teppich fand sich darauf: Eine Burg mit zwei Schlüsseln anstelle von Türmen.

Ein weiterer Schlüssel, den der Doktor dieses Mal an einer Kette um seinen Hals trug, öffnete die zierliche Silberschnalle. Das Kästchen schnappte auf. Ich konnte seinen Inhalt nicht sehen, nur wie der Doktor vorsichtig und ehrfurchtsvoll hineingriff, um eine winzige Phiole zu produzieren, die er zwischen Daumen und Mittelfinger hielt.

Er legte sie zur Seite auf ein Polster aus Samt, das ich dort erst nicht bemerkt hatte, dann schloss er die geheimnisvolle Box wieder. Der Schlüssel verschwand unter seinem Hemd.

„Wenn Sie willens sind, Hendrik, sich unserer Behandlung zu unterwerfen – und wenn Sie es aus ihrem eigenen freien Willen heraus tun – so kann ich Ihnen dieses Panazee verabreichen.“

Ich runzelte die Stirn und nickte. Damals hätte ich alles versucht, alles, um aus diesem Zustand auszubrechen, in dem ich mich selber hielt. Aus dem ich nicht ausbrechen konnte, weil ich im Krieg mit mir selber lag.

Nur deswegen hatte ich nach Hilfe ersucht. Weil ich jemand Fremden brauchte, der von Außen auf meine zerrissene Seele blicken und mir helfen konnte. Der mich befreien könnte aus diesem Käfig, den ich mir selbst geschaffen hatte.

Der Leiter des Sanatoriums Schlüsselburg… hielt wortwörtlich den Schlüssel dazu in seinen Händen.

„Nur Sie können entscheiden, ob Sie sich dieser Behandlung unterziehen wollen. Ich kann Ihnen nur die Substanz übergeben und Sie warnen: Sie ist potent, über alle Ihre kühnsten Vorstellungen hinaus. Sie ist ebenso in der Lage, den menschlichen Geist zu zerschmettern wie ihn zu stählen.

Nur Sie können entscheiden, ob Sie es derart versuchen wollen. Außerhalb der kontrollierten Bedingungen dieses Kästchens verdirbt die Substanz rasch. Mit den ersten Sonnenstrahlen wird sie ihre Wirkung einbüßen und in nichts weiter zerfallen als inerte Eiweiße, Wasser und eine Reihe an mikroskopischen Mineralien.“

Er überreichte mir die Phiole, ich empfing sie mit beiden Händen. Es war eine dunkle Flüssigkeit, fast schwarz. Nur einige wenige Milliliter, die zäh-viskos in dem dünnen Glas herum wirbelten. Auf der Öffnung steckte ein Propfen aus Wachs, dunkelrot und dick.

Ich konnte nur auf diese Substanz starren. Den Doktor nahm ich kaum noch wahr, als er weiter sprach. Besser, hätte ich auf ihn gehört und seine Warnungen ernst genommen.

„Sollten Sie sich entscheiden, die Behandlung zu beginnen, wird die Substanz einen simplen Prozess in Bewegung bringen: Sie wird Sie energetisieren. Ihr Gefühlsleben wird sich um ein Vielfaches potenzieren, Ihre Begierden und Gelüste ungeahnt anschwellen. Die Welt wird Ihnen schärfer vorkommen, größer als je zuvor. Das kann ein schmerzhaftes Erlebnis sein, doch nur so werden wir die feinen Details Ihres Geistes und seiner Krankheit ausfindig machen können.

Während der ersten drei Monate können Sie die Behandlung jederzeit abbrechen. Sie müssen allerdings die nächste Dosis in spätestens 28 Tagen einnehmen – sonst verfliegt der Stoff endgültig und alle positive Wirkung kehrt sich in ihr Gegenteil um. Es ist eine überaus unangenehme Erfahrung. Es wird Ihnen kein Schaden daraus erstehen, jedenfalls kein physischer. Ihr Geist aber wird Narben davon tragen. Wahrscheinlich wird es Ihnen nach Abbruch der Behandlung schlechter gehen als zuvor.

Es gibt für ihr Leiden keine einmalige Heilung, dessen müssen Sie gewiss sein. Krankheiten des Geistes sind schwer zu behandeln, sie sind zäh, sie sind wandelbar. Nur allzu oft erwächst dieser Hydra ein neuer Kopf, wenn der alte gerade abgeschlagen scheint. Nach Ablauf der drei Monate werden Sie die Substanz regelmäßig nehmen müssen, oder alle positive Wirkung kehrt sich binnen weniger Tage in ihr Gegenteil um. Sie würden verwelken und sterben.

Es gibt dann kein Zurück mehr.“

Ich weiß nicht mehr, wie ich nach Hause kam oder ob ich meiner Haushälterin, der Witwe Feodorowna, sagte, wo ich bis zu dieser späten Stunde gewesen war.

Ich weiß nur, dass ich mich die restliche Nacht über in meinem Zimmer einschloss. Ich saß über meinen Schreibtisch gebeugt und zerbrach mir Verstand und Seele über dieser Substanz.

Mögliche negative Konsequenzen ängstigten mich ebenso wie die positiven. War ich bereit dazu, mich selbst aufzugeben? Die Person, die ich bis zu diesem Punkt in meinem Leben, über all die Jahre, gewesen war? Selbst wenn es grässliche Jahre gewesen waren, so waren es doch meine gewesen.

Sie wegzuwerfen kam mir damals vor, als wäre ich Verräter an mir selbst geworden. Als hätte ich allen Schmerz umsonst gelitten. Und wenn ich diese Substanz einmal eingenommen hätte…

Und doch wollte ich von ihnen fort. Was ich dem Arzt gesagt hatte, war nichts als die Wahrheit gewesen, vage wie ich geblieben war: Ich hasste mich. Ich hasste alles, was ich tat, was ich sah, was ich fühlte und dachte.

Ich war in einem Käfig gefangen, den ich mit meinen eigenen Händen über die letzten Jahre meines Lebens geschaffen hatte. Der mich zurück hielt und dem ich nicht entkommen konnte. Jeder Fluchtversuch, jeder Ausbruch zu mehr Glück, Zufriedenheit, selbst zu Kreativität, endete in einem Rückfall. In einem neuerlichen Angriff dieser Hydra, wie der Arzt es genannt hatte.

Ich wälzte meine alten Tagebücher, die Aufzeichnungen meiner Träume und endloser Nächte ohne Schlaf, ohne Erholung.

Es gab keine einzelne Quelle für diese Gefühle. Ich hätte nicht auf einen einzigen Moment meiner Kindheit zeigen können, auf ein schreckliches Erlebnis mit meinen Eltern oder einer Verlobten, dem alle mein Elend entsprangen. Aus tausend kleinen Wunden floss das Leid. Und jede einzelne davon hatte die Hydra in meinem Kopf gefüttert, bis sie mich mit Haut und Haar zu verschlingen drohte.

Lange rang ich mit mir, bis in die späten Stunden der Nacht, wenn die Dunkelheit am tiefsten ist.

Als ich sie endlich einnahm, stieß mich die Substanz durch eine Tür, die ich nie wieder würde schließen können. Kopfüber fiel ich in eine Welt der Farben, des Rausches und der Gefühle, die ich noch immer nicht beschreiben kann.

Gleich zu Beginn fühlte ich mich anders, überwältigt. Die Wirkung setzte bereits nach wenigen Sekunden ein.

Es war ein Gefühl von Leben, das ich so noch nie gekannt hatte. Sie veränderte etwas in mir – dauerhaft, wie ich später feststellen sollte – und zerschlug die Mauern meines Gefängnisses.

Es war ein heißes Gefühl, das sich erst in meiner Kehle und in meinem Magen ausbreitete. Wie ein Donnergrollen schoss mir die Substanz durch die Eingeweide, jagte durch meine Adern. Ich sprang von meinem Tisch auf, ich fegte all meine Unterlagen beiseite. Tagebücher und Traumnotizen klatschten auf das Parkett, der Wind stahl einige durch das Fenster davon.

Mir war es gleich.

In dieser ersten Nacht malte ich, wie ich in all den Jahren zuvor noch nie gemalt hatte. Erinnerungen kochten in mir hoch, vielleicht angeregt von meinen eigenen Ängsten und Tagebüchern, und brandeten aus mir heraus auf das Papier. Mir war, als bräche zum ersten Mal seit Jahren die Sonne in die Mitternacht meines Geistes ein.

Es gab nur eine Sache. Eine Kleinigkeit, wirklich, die den Sonnenaufgang meiner Seele trübte.

Ich konnte nicht aufhören.

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