Marie – ihre Führerin durch die Abgründe der Stadt und, wie sich zeigen sollte, der menschlichen Seele – unterbrach das Gespräch der kleinen Gruppe.

„Meine Herren, meine Dame“, sagte sie von hinter der Bar. „Wir möchten dann die Vorstellung beginnen, damit noch genug Zeit für den Aufstieg bleibt. Eine letzte Erfrischung noch, dann bitte ich Sie, Platz zu nehmen.“

Arthur nahm einen weiteren Gin, einen doppelten, und er war bald schon froh, sich daran festhalten zu können. Er beobachtete das Paar dabei, wie es zu seinen Plätzen ging.

Im hinteren Bereich, schräg gegenüber der Bar, standen zwanzig Sessel die direkt aus einem alten Lichtspielhaus gestohlen schienen. Die Sitze waren mit roter Seide überzogen und die Armlehnen golden lackiert und von ihnen aus sah man auf eine weitere Betonwand. Diese aber wurde ganz von einer Leinwand eingenommen, die so blütenrein weiß war, dass sie nach dem Halbdunkel und den grauen Stahlbetonwänden in den Augen brannte. Arthurkonnte sie nicht lange ansehen, ohne dass ihm unangenehm wurde.

Sie war die Morgendämmerung nach einer langen Winternacht: Schön und schrecklich gleichermaßen.

Arthur blickte noch einmal auf sein Mobiltelefon. Es hatte keinen Empfang. Natürlich nicht. Hier unten schien er sich an einem Ort zu befinden, der zurück in eine Zeit versetzt schien, wo es keine Radiowellen gegeben hatte.

Er warf einen letzten Blick durch den Saal, ehe die Vorführung begann.

Die meisten Gäste hatten Platz genommen, das Paar von eben ganz hinten in den Reihen, in einer Ecke, wo niemand sie beobachten konnte, ohne den den Kopf zu verrenken. Marie machte sich an dem Projektor zu schaffen, den Arthur bislang übersehen hatte. Ein schweres Gerät, das noch mit 35mm Filmrollen arbeitete und nicht nach einem der neueren Modelle aussah.

Er war allein hier unten. Und er würde nie wieder hinaus finden, wenn er nicht bis zum Ende der Vorstellung blieb.

Wie auf ein Stichwort verdunkelte sich der Saal. Er zögerte einen Augenblick, warf noch einen Blick zu Marie, die ihn mit hochgezogenen Augenbrauen von ihrer Position am Projektor ansah.

Dann suchte er sich einen der Sessel aus, an der Seite der Formation. Er fand fand ihn weich und einladend. Die leise Musik, die bis eben aus ungesehenen Lautsprechern gekommen war, veränderte sich. Sie schwoll an, verzerrte sich. Aus dem leisen Rinnsal, das im Hintergrund vor sich hin plätscherte, wurde ein Sturzbach. Farbflecken erschienen auf der Leinwand vor ihnen, erst einzeln und noch verschwommen wurden sie langsam klarer.

Was folgte war eine Reise, die Worte nicht beschreiben und Gefühle nicht fassen können.

Gezeigt wurde ein experimenteller Film, aus den späten neunziger Jahren schätze Arthur. Die Farben darin leuchteten, das Rot und Gelb darin waren so intensiv, dass es ihm Übelkeit bescherte, wie es in dieser Zeit beliebt gewesen war. Er erinnerte ihn an gewisse Werke eines Filmemachers, der mit Zeit und Raum in vergleichbarer Weise spielte. Der sich so auf die Gesichter fokussierte von Menschen, die in Terror und Trauma gefangen waren, dass nur die Ekstase selbst, die rasenden Gefühle, übrig blieb und alles andere aus dem Bild verdrängte. Aufgenommen war er mit nur einer einzelnen Kamera, die alles in einer einzelnen, anhaltenden Einstellung zeigte. Jeder Makel wurde ausgestellt, der Blick konnte sich nirgendwohin abwenden.

Der Zuschauer musste sehen, was es zu sehen gab.

Arthur musste hinsehen.

Das Geschehen, das gezeigt wurde, war einfach genug. Verstörend genug. Die Töne, die aus den unsichtbaren Lautsprechern und von den restlichen Sitzplätzen drangen, waren primitiv. Animalisch gerade zu, so heiser und heiß. Sie mischten sich mit dem Rauschen in seinen Ohren zu etwas, das älter war als alles menschliche.

Es waren Laute, die ihm das Blut in Wallung brachten. Geräusche, die ihn an den Nerven kitzelten und erregten. Die Frau und der Mann, die er an der Bar belauscht hatte – Arthur glaubte, ihre Stimme heraus zu hören, wagte es aber nicht den Blick von der Leinwand abzuwenden und den Geräuschen Gesichter zu geben. Sie flüsterten sich schamlose Dinge zu. Schamlos wie die Leinwand, die Leiber in Ekstase und Erregung zeigte. Sie flüsterten, sie seufzten und stöhnten. Arthur spürte ihre Bewegungen hinter sich, fühlte wie sich heiße Münder auf kaltes Fleisch pressten, wie sich Zähne in Haut gruben.

Und diese Bilder. Diese unausweichlichen Bilder, die sich ihm aufzwangen, die kein „Nein“ als Antwort nahmen.

Eine perverse Lust ergriff Arthur, die er sich nicht erklären, der er aber auch nicht entkommen konnte. Sie nahm ihn ein, drängte alle anderen Gedanken zur Seite. Bis dort nichts war als diese Bilder vor ihm und diese Geräusche um ihn her.

Die Bilder, die auf der Wand vor ihm vorüber zogen, waren so schlicht zu beschreiben, wie sie unmöglich zu begreifen waren.

Sie zeigten nichts weiter als eine junge Frau beim Liebesspiel mit einem erkaltenden Leib. Sein Blick wurde von der Kamera aufgefangen, milchig und gebrochen. Ihrer fixierten sich ganz auf ihn, auf den Leib unter sich, dem sie bei jedem langsamen, tiefen Stoß ihres Beckens mit krallenartigen Händen mehr Fleisch aus dem blutigen Körper riss und ihn Brocken um Brocken verschlang.

Wie lange es dauerte, konnte Arthurnicht sagen. Er konnte nicht sagen, wie lange er sich in die Armlehnen seines Sitzes gekrallt und der Frau dabei zugesehen hatte. Oder wie lange er angestrengt auf die Töne aus dem Raum gelauscht, wie lange er sich wie ein Voyeur dem Rausch der Anderen hingegeben hatte.

Noch konnte er sich erinnern, wie er zurück in seine Wohnung gekommen war. Alles, jeder Moment dieses Tages, war wie ein Rausch an ihm vorbei gezogen, wie ein einziger beschleunigter, rasender Herzschlag, der ihm in dieser kurzen Zeit so viel Leben durch die Adern gejagt hatte, wie sonst in einem toten Jahr der Eintönigkeit. Als hätte sein Leben einen Herzschlag lang ausgesetzt, einen Takt übersprungen.

Irgendwann musste er aus den Katakomben, den Bunkeranlagen unter der Stadt geführt worden, in seinen Wagen gestiegen und in seine ruhige, beschauliche Wohnung gefahren sein.

Er musste sie verlassen haben, denn er fand sich einige Tage darauf in seinem Büro wieder.

Aber ein Stück dieser Katakombenwelt hatte er mit genommen. Es hatte sich in seinen Augen festgefressen.

Seine Sekretärin unterbrach seine Gedanken, ohne ihn ganz aus diesem Rausch wecken zu können.

„Herr Winterstein?“, fragte sie.

Arthur sah sie an. Er ekelte sich. Nicht vor ihr, sie war eine schöne Frau – scharfsinnig, mit einer guten Beobachtungsgabe. Er ekelte sich vor sich selbst, ein wenig, vor diesem Blick, mit dem er sieh ansah. Aus jedem Gesicht schien ihm dieser Ausdruck entgegen zu springen, der sein Herz rasen ließ. Diese blutrünstigen Augen über spitzen Brüsten. Dieser Drang, die Zähne in Fleisch und Blut zu schlagen. Es war irrsinnig, lustvoll, ein Nachhall dieses Erlebnisses dort unten, dieser verzerrten Töne und dieses Spottbild auf der Leinwand.

„Hm, was?“

„Andersen. Er wartet seit einer Stunde draußen.“

„Oh ja. Natürlich, ja, schicken Sie ihn bitte rein.“

Andersen war einer seiner besten Männer. Er hatte vor wenigen Monaten erst seine Partnerin verloren und sich seitdem in die Arbeit geworfen. Wenn er so dringlich etwas von ihm wollte, musste es eine größere Sache sein.

Arthur begrüßte seinen Kommissar mit einem Händedruck.

„Setzen Sie sich. Was gibt es, Andersen?“

Andersen war ein Mann mit breiten Schultern und ebenso breiten Händen. Im Sessel vor dem Schreibtisch wirkte er noch breiter, als wäre ein Riese und kein Mensch.

„Ich möchte, dass sie einen Sondereinsatz absegnen“, sagte er. „Lilienthal und mir sind Dinge zugespielt worden, die… das rechtfertigen. Hinweise auf Mord, Menschenhandel, Sklaverei Wir… Uns ist Filmmaterial zugespielt worden. Privataufnahme. Snuff.“

Arthurs Herz begann zu rasen. Er fühlte, wie sich Schweiß zwischen seinen Schulterblättern sammelte. Und er schämte sich dafür, dass er dieses gefährliche Spiel genoss.

Es wäre seine Pflicht gewesen, etwas zu sagen.

Stattdessen runzelte er die Stirn.

„Sie glauben es hat mit der Bande zu tun, hinter der wir seit einiger Zeit her sind?“
„Den Katakomben, ja.“

„Katakomb“, korrigierte ihn Arthur.

„Diesen Verrückten, ja. Wir glauben eine Art Zuflucht von ihnen gefunden zu haben, tief unter der Stadt. Im Friedrichshain, genauer gesagt. Offenbar gibt es noch eine ganze Menge schwer zugängliche Bunkeranlagen dort unten. Wir haben Zeugenberichte bekommen, denen zufolge sich in den letzten Wochen immer wieder einige dort herum getrieben haben. Lilienthal und ich haben das gestern überprüft: Es gibt einen versteckten Zugang in den Untergrund, aber nach ein paar Metern mussten wir umkehren, weil es zu dunkel und eng wurde.“

Andersen zuckte mit den Schultern.

„Keine Ahnung, was wir finden könnten, aber einen Versuch ist es allemal wert. Mit einem kleinen Erkundungstrupp und abgeriegelten Eingängen, können wir sie vielleicht überraschen und zumindest ein paar dieser Perversen schnappen, die sich daran aufgeilen. “

Arthur erhob sich. Er schüttelte Andersen erneut die Hand, beglückwünschte ihn zu diesem Einfall und sicherte ihm sämtliche Ressourcen zu, um die er gebeten hatte.

Als der Kommissar sein Büro verlassen hatte, sank Arthur wieder in seinen Sessel zurück. Mit der Hand fuhr er sich über das Gesicht, durch den Bart.

Sie würden nichts finden, sagte er sich. Niemand würde etwas finden, weil er nichts getan hatte, das man hätte finden können. Er hatte keinen Namen hinterlassen, keine

Und überhaupt: Er hatte nichts getan, als einem Gerücht nachzugehen, einer Spur.
Kein Gericht der Welt könnte ihm einen Vorwurf machen.

Und trotzdem.

Trotzdem nagte es an ihm, dieser Zweifel. Und diese Schuldgefühle, dass er dieser Vorführung beigewohnt.

Niemand durfte davon erfahren, auch nicht zufällig.

Er würde den Sondereinsatz absegnen. Und Arthur würde dafür sorgen, dass Andersen und das Bombenräumkommando dort unten nichts, aber auch gar nichts finden würden.

Dezernatsleiter Arthur Winterstein würde diesen Fall selbst auflösen.

Wenn der richtige Zeitpunkt dafür gekommen wäre.