Schuld und Sünde – Teil XII: Spolien

Melissa saß, die Beine übereinander geschlagen, in einem älteren Lehnsessel. In ihren Händen hielt sie noch immer ein Buch, in dem seit etwa einer Stunde schon nicht mehr blätterte, sondern die immer gleichen Verse las, ohne sie aufzunehmen. Es war ein grässlich französisches Buch, das im Vorwort die Langeweile als die schlimmste aller menschlichen Sünden identifiziert hatte. Wenn es damit Recht hatte, war dieses Gedichtbändchen wohl die Erbsünde selbst.

Zwar befasste es sich mit einer Vielzahl an Schaurigkeiten, an Geschmacklosigkeiten, Perversionen und anderen Blumen des Bösen – aber die junge Frau fand sie blass und zart neben dem intensiv blühenden Garten ihrer eigenen Seele.

So fand sie die Zeit an sich vorüber ziehen, während sie hin und wieder in die verregnete Nacht hinaus oder an das andere Ende der Bibliothek blickte. Die Bücher, wie auch das Haus, gehörten dem Herrn Oberst von Büttner, oder einem seiner Handlanger, was letzten Endes das gleiche bedeutete: Er war der Herr im Haus, so wie Leopold im Sanatorium Schlüsselburg und sie in ihrem eigenen Nest.

Und wie es üblich war, wenn sie bei denen zu Besuch war, die älter als sie waren, wartete sie und verschwendete ihre Zeit, bis man sich ihrer erbarmte.

Nach einer Weile kam der Herr von Schlüsselburg dazu.

Wie lange er bereits im Haus gewesen und mit dem Oberst gesprochen hatte, konnte Melissa nicht sagen, aber sie fragte ihn auch nicht danach. Sie begrüßte ihn kühl und zurückhaltend und der Junker machte kaum Anstalten, eine höfliche Konversation mit ihr zu beginnen. Auf das Buch in ihren Händen ging er nur mit der Bemerkung ein, dass er wünschte, damals auch nur annähernd die Psyche und den Horror derart filigran begriffen zu haben, wie der Autor es tat. Für ihn habe es eine halbe Ewigkeit der Studien dazu gebraucht.

Kurz darauf trat der Oberst selbst in die Bibliothek, machte Vorwände für seine Verspätung und drückte seine Hoffnung aus, Melissa habe sich nicht zu sehr gelangweilt. Sie log und lobte seinen ausgesuchten Geschmack in literarischen Dingen und die Seltenheit seiner Sammlung, die sie köstlichst amüsiert habe.

Wie üblich bot der Gastgeber ihnen Erfrischungen an, die die Gäste wie gewohnt ablehnten. Er setzte sich und kam ohne Umschweife zum Grund seiner Einladung.

Wir haben einen schwierigen Fall“, sagte der Oberst. „Die Wette ist, streng genommen, noch nicht entschieden. Sowohl Maxine Schwarzbrunn, das von Herrn Junker von Schlüsselburg ausgewählte Asset, als auch Richard Hahntritt, das Asset des Fräuleins Morgenthau, sind noch am Leben. Keiner von ihnen hat tatsächlich die Tat begangen, obwohl beiden der Willen und die Mittel dazu attestiert werden müssen.“

Er nickte Melissa anerkennend zu.
„Die Anwesenheit von Fräulein Morgenthau
beim entscheidenden Vorfall der letzten Woche verkompliziert die Angelegenheit.

Angesichts der vernachlässigbaren Schäden, die das Asset des Herrn Junkers davon getragen hat und dass Fräulein Morgenthaus Asset gerade so durch die Magie ihres Blutes an der Schwelle des Lebens gehalten wird – im übrigen ein Verstoßen gegen die gesetzte Vereinbarung – muss dem Herrn Junker der Sieg nach Punkten zugestanden werden.“

Die zwei ehrenwerten Herren und die Dame saßen im Kreis, am großen Fenster der Bibliothek hinter der Regen prasselte, und schwiegen einen Augenblick.

Es war eine gedankenvolle Stille, die Melissa nur zu gerne zertrampelt hätte. Sie presste die Kiefer aufeinander und sah hinaus, um keinen der beiden Anderen ansehen zu müssen.

Verloren. Niederlage nach einem Punktesieg.

Fräulein Morgenthau“, sagte der Obrist. Sein Blick lastete schwer auf ihr, aber sie wich ihm weiter aus. Hier und jetzt hieß es, Ruhe bewahren, Contenance, sonst war alles für die Katz.

„Sind sie mit meiner Darstellung der Ereignisse zufrieden?“, fragte er.

Melissa öffnete den Mund, schloss ihn wieder, und erkaufte sich mit einem tiefen Atemzug ein wenig Bedenkzeit. Es war kein Urteil gefällt, noch konnte sie vielleicht eine Reihe von Wörtern finden, eine geheime Formel, die das Herz des alten Militärs erweichen könnte.

Mit Verlaub, Herr Oberst“, sagte sie und begegnete seinem Blickich protestiere. Ich befand mich im vertraulichen Gespräch mit meinem Asset, das er selbst mit mir gesucht hatte. Dass Schwarzbrunn gerade in diesem Moment herein platzen würde, hätte ich kaum wissen können. Hätte ich augenblicklich vom Schauplatz fliehen sollen, ohne den weiteren Verlauf abzuwarten?

Lügen Sie nicht, Fräulein Morgenthau. Ich habe den Geist ihres Assets gründlichst untersuchen lassen. Sie haben körperlich in eben jene Auseinandersetzung eingegriffen, die die Wette, deren Rechtmäßigkeit zu überwachen meine Aufgabe ist.“

Wie ertappt zuckte Melissa ein wenig zusammen.

Wenn er in dieser kurzen Zeit nur mit Richard gesprochen hatte… hatte der Oberst womöglich übersehen, dass Melissa selbst die Polizistin mit einem Tipp in diese dunkle Gasse gelockt hatte. Sie mahlte mit den Kiefern und sah zu Leopold von Schlüsselburg, der diese ganze Zeit über noch kein Wort gesagt hatte.

„Ich griff in das Handgemenge ein, das leugne ich nicht. Aber nur, weil das Asset des ehrenwerten Junkers sich äußert ungewöhnlich benahm und mein Misstrauen weckte.

Der Oberst sah zu Leopold, der aber nur mit vor dem Bauch gefalteten Händen stumm neben ihnen saß, und zuhörte.

„Inwiefern?“

„Ich habe sie einige Zeit selbst beobachtet und ein kurzes Gespräch mit ihr geführt, nur zwei Nächte vor dem Zwischenfall. Sie war gebrochen, antriebslos, überhaupt nicht zu solchen Gewalttaten in der Lage. Sie hätte eher sich selbst als einem Anderen das Leben genommen.“

Der Oberst zog die buschigen Augenbrauen zusammen, blickte streng.

„Sie haben mit dem Asset ihres Gegenspielers gesprochen.“

Es war keine Frage, sondern ein Vorwurf.

Ich kam gerade von einem Besuch beim Herrn von Schlüsselburg und im Torhaus begegnete sie mir. Da wird mir erlaubt gewesen sein, nur einen Blick auf sie zu werfen?“

Der Obrist zog eine Augenbraue nach oben. Diejenige, die nicht das Monokel hielt.

„Sie wissen so gut wie ich, dass insbesondere das Blicke Werfen von unserer Seite aus überaus einflußreich sein kann.“

Es war dieser Moment, in dem der Junker von Schlüsselburg sich in das Gespräch einschaltete.

„Gleich viel, Herr Oberst. Ich habe keinerlei derartige Kräfte auf das Fräulein Polizistin angewandt. Sie haben ein gutes Auge, Melissa, aber Sie denken weiterhin zu sehr in den Kategorien des Übernatürlichen. Die Magie ist noch frisch für Sie, noch neu und ungewohnt, und ich nehme an Sie betrachten sie noch zu sehr als eine Lösung für allerlei Probleme, denen Sie sich nicht gewachsen fühlen. Es wird noch einige Jahrzehnte dauern, bis sie Ihnen derart in Fleisch und Blut übergangen sind, dass Sie ihre Kräfte gleichwertig neben einer Vielzahl anderer Werkzeuge betrachten. Das ist keine Schande und auch keine Anklage, sondern ein Faktum.“

Melissa richtete sich in ihrem Sessel auf, sie bog den Kopf zurück und wollte empört etwas sagen, wollte aufspringen und protestieren. Sie hasste diese patronisierende Art, diese Bevormundung und Erklärung dieser bleichen alten Säcke.

Aber der Junker schnitt ihr mit einer heftigen Geste das Wort ab.

Ich bleibe bei meinem Lob unseres letzten Treffens, junges Fräulein: Sie haben ein Auge für diese Dinge, ein Gespür für die Löcher in der menschlichen Seele, in die sie ihre Klauen schlagen können. Ihre Methoden sind wohl brachial, gleich wohl unbestreitbar effektiv. Aber sie vertrauen zu sehr auf ihr Blut. Ich sage nicht, dass Sie meine Maxine beeinflußt hätten. Aber selbst wie weit dieser Blick, den sie haben, ein Geschenk ihres Blutes ist, ist fragwürdig – ich möchte diesen Punkt nicht weiter ausführen, es ist mir einerlei, ob Sie das zweite Gesicht verwendet haben, um in die Seele ihres Assets zu blicken oder ob es ein natürliches Gespür ist. Die Wahrheit ist, dass sich diese Dinge kaum voneinander trennen lassen.

Aber Sie verlassen sich zu sehr auf ihr Blut. Ohne es wäre der kleine Dieb erledigt. Ohne sie hätte er Sie womöglich verlassen, noch ehe Maxine einem anonymen Tipp folgend diese Gasse aufgesucht hätte. Sie wissen das. Sie fürchten es vielleicht sogar, jung wie sie sind. Sie haben sich zu tief und zu schnell in sein Leben eingemischt und dabei Fragen aufgeworfen und die Antworten darauf haben ihn von Ihnen entfremdet.

Also haben Sie ihn mit Blut an sich gekettet, wie einen bissigen Köter, den sie nicht anders kontrollieren können.“

Der Junker von Schlüsselburg ging sie ohne Unterlass an. Jedes seiner Worte war ein Urteil, das tiefer schnitt und grausamer war als jede Strafe, die der Oberst ihr hätte auferlegen können. Und noch war er nicht am Ende.

„Alles, was den geschändeten Leib ihres Assets noch am Leben hält, ist ihr Blut und die Magie darin. Und es ist zu wenig, um ihn zu heilen, aber zu viel, um ihn sterben zu lassen. Und er liebt sie. Sie haben ihn, von vorn bis hinten, ruiniert. Er ist eine Gefahr. Für Sie, für uns, und muss ausgeräumt werden.

Bei diesen Worten senkte Melissa den Blick, starrte auf ihre Hände, die sie zwischen den Knien gefaltet hatte. Unwillkürlich wurde ihr heiß, eine Reaktion aus früheren Tagen, die sie noch immer nicht unter Kontrolle hatte. Blut schoss ihr in die Wangen und sie sank weiter in das Polster ihres Sessels zurück.

Mit Widerspruch hätte sie sich nur noch mehr entblößt und ihm Recht gegeben.

Das genügt, Herr von Schlüsselburg“, sagte der Oberst. Seine Stimme war mit einem Male erstaunlich sanft.

„Sei es, wie es sei. Sie haben aktiv und wissentlich gegen die Regeln der zwischen ihnen geschlossenen Wette verstoßen, berechtigter Zweifel oder nicht: Sie hätten zu mir kommen müssen, ehe sie etwas unternehmen.“ Er hob die Hand, würgte ihre Einwände ab, als sie den Kopf hob und ihm einen bittenden Blick zuwarf. „Ja, selbst wenn es den Tod ihres Assets bedeutet hätte. Sogar ganz besonders dann, da es sich um einen spielentscheidenden Eingriff gehandelt hätte, der Ihnen den Sieg zugesprochen hätte.

Darüber hinaus haben Sie mit ihrem Eingriff die Regeln unserer Art verletzt oder sind dem mindestens gefährlich nahe gekommen. Wie der Herr von Schlüsselburg richtig bemerkt, ist die fortgesetzte Existenz von Richard Hahntritt ein schwerer Bruch des Paktes. Ich habe seine medizinischen Unterlagen besorgen lassen – die Ärzte beginnen sich bereits zu fragen, wie er mit derartigen Verletzungen noch bei Bewusstsein sein kann, wieso sein Körper die ihm zugeführten Blutkonserven mit erschreckender Geschwindigkeit kannibalisiert, weshalb nekrotisches Herzgewebe sich regeneriert, nur um erneut abzusterben…

Nicht mehr lange und sie werden Fragen stellen, die wir nicht beantwortet wissen wollen.“

Melissa klammerte die Finger um die Lehnen ihres Stuhls, krallte sich in die Löwenköpfe, die dahinein geschnitzt worden waren.

Das war der Lauf der Dinge. Die Ungerechtigkeit gehörte dazu. Sie waren beide älter, sagte Melissa sich. Sie hätte damit rechnen sollen, dass sie sich gegen eine jüngere verbünden würden. Selbst wenn sie einander normalerweise spinnefeind waren.

Betrogen und bestraft für einen technischen Fehler. Unwillkürlich dachte sie an die Polizistin und die kalte, impotente Wut, die sie das letzte Mal in ihr gespürt hatte. Der sie sich nun verwandt fühlte.

Sie zwang sich, zu atmen. Obwohl es eine nutzlose Handlung war, beruhigte sie Melissa.

Eine drakonische Strafe, erwartete Sie. Eine Verdopplung der geschuldeten Gefallen vermutlich, eine zweite Zahlung an den Oberst, damit er hinter ihr aufräumen würde. Selbst wenn – und vielleicht gerade weil – sie das auch selbst hätte erledigen können.

Nach einiger Beratung mit dem ehrenwerten Herrn von Schlüsselburg, werden wir Sie nicht für jugendliche Übertretungen bestrafen, die möglicherweise sogar Mitgefühl entspringen und einem Funken an Menschlichkeit, der zu bewundern und nicht zu bestrafen ist.“

Melissa öffnete den Mund. Sie wollte sich gegen die Implikation erwehren, wollte darauf bestehen, dass sie zu jedem Zoll das gleiche Ungeheuer wie sie war. Sie wollte erneut protestieren,

Schloss dann aber die Lippen wieder, nickte, und murmelte ein „Ich danke Ihnen.“

Wir sind keine Tyrannen“, sagte der Oberst. „Diese Regeln existieren zu Ihrem eigenen und unseren Schutz, Fräulein Morgenthau, selbst wenn Sie sich von Ihnen eingepfercht fühlen. Sie sind ein Käfig für die Bestie in uns, die wir niemals, niemals entkommen lassen können.

Wir sind uns also einig: Das Fräulein Morgenthau schuldet dem Herrn von Schlüsselburg eine Gefälligkeit und wird die Konsequenzen ihres Fehlverhaltens selbst so diskret als möglich beseitigen.“

Er erhob sich, was auch für Leopold und Melissa das Zeichen war, aufzubrechen. Der Oberst nickte Leopold zu, beglückwünschte ihn zu seinem Sieg. Melissa reichte er die Hand – eine seltene Ehre – und beglückwünschte sie.

„Sie haben gut gespielt, junges Fräulein, vor allem für ihr Alter. Mit Ruhe und Geduld. Ich werde ihren Weg weiter verfolgen“, sagte er und hielt ihre Hand so fest, dass sie sich nicht von ihm abwenden konnte.

Sehr genau. Ihre Spiele werden spannend bleiben. Ich freue mich darauf ihre nächste Wette zu begleiten. In ein oder zwei Jahrzehnten.“

Die beiden Altherren entließen Melissa in die Nacht. Und als sie wieder den Geruch von Smog und Herbstwind und Finsternis auf ihrem Gesicht spürte, war sich die junge Frau nicht sicher, ob es eine Warnung oder ein Versprechen gewesen war.

Sie wusste nur, dass diese Katz und Maus Spiele eine der wenigen Freuden ihrer endlosen Nacht waren.

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