Schuld und Sünde – Teil XI: Ein ungetrübter Blick auf die Dinge

Nachdem Richards Versuch, mit Maxine vernünftig zu reden, gescheitert war, war er geflüchtet um seine Wunden zu lecken. Nicht vor ihr – nicht nur – sondern vor seinen eigenen Zweifeln. Vor dem leisen Flüstern in seinem Kopf, das ihn überhaupt nur zu der Polizistin getrieben hatte.

Ein paar Tage, nachdem Melissa in sein Leben getreten war, setzte irgendein Fremder ihm die Polizistin auf den Hals. Nachdem er monatelang so unauffällig wie möglich gewesen war, bescheiden gewesen war.

Er hatte sich geweigert, Melissens Wohnung wieder zu betreten. Irgendwie hatte er Kontakt mit Melissa aufgenommen, hatte einen Zettel in der Wohnung gelassen, wo er auf sie warten würde: In der blinden Gasse, in der alles begonnen hatte. In seinem alten Loch, in das er sich wieder verkrochen hatte.

He would get to the bottom of this, even if he felt for Melissa. No women was worth being toyed with like this, having his sanity questioned like this. Er würde sich dieser Sache stellen.

He felt she would come at night. Ohne den Grund dafür zu kennen, vermutete er es. Sie war noch nie tagsüber bei ihm gewesen. Manchmal glaubte er nicht einmal daran, dass es sie überhaupt wirklich gab, dass sie nicht nur ein Traum war, der seinem Kopf entsprungen und Gestalt angenommen hatte.

Aber je näher der Sonnenuntergang rückte, desto nervöser wurde er. Das Röcheln aus der anderen Ecke der Gasse machte ihn unruhiger als früher. Es half wenig dabei, dass die Sonne schon lange vor Einbruch der Nacht nicht mehr bis auf den Grund der Gasse schien, dass es nicht einmal Fenster gab, in denen sich das Licht hätte brechen können, sondern nur ein diffuses Zwielicht in dieser blinden Gasse.

Richard fühlte die Minuten verstreichen und mit jedem Grad, den die Sonne weiter hinter den Horizont sank, fühlte er ein Gewicht auf sich lasten, das er nicht erklären konnte.

It came crashing down on him about an hour before midnight.

Als sie plötzlich vor seiner Schlafnische stand.

Melissa, die Arme verschränkt, das honigblonde Haar in den Nacken gebunden, die selbe furchtlose Arroganz im Gesicht, die sie bei ihrer allerersten Begegnung gezeigt hatte.

„So dankst du mir also meine Hilfe“, sagte sie. „Indem du mich zurück weist und in eine dunkle Gasse lockst.“

Sie machte einen Schritt auf ihn zu, eine Geste von Richard stoppte sie.

„Bleib genau da“, sagte er und streckte eine Hand nach vorn. „Bleib da, wo ich dich sehen kann.“

Auch, wenn sie in der Dunkelheit nur schwer auszumachen war. Aber er wollte sie nicht näher an sich heran lassen. Etwas an ihr stieß ihn ab.

Melissa sah verletzt aus. Sie zog eine Schnute, bewegte sich aber nicht von der Stelle.

„Was ist los, Richard? Ich… ich bin verletzt. Ich dachte, wir hätten hier etwas am Laufen, etwas gutes. Ich wollte dir nur helfen, wieso stößt du mich fort?“

„Du spielst mit mir. Hier läuft was, ein abgekatertes Spiel. Und ich will wissen, worum gespielt wird.“

„Natürlich spiele ich mit dir, Dummerchen.“

Die junge Frau lachte und ihr Lachen läutete wie Glocken in der engen Gasse, die das Geräusch vervielfältigte.

„Ich dachte das war von Anfang an klar? Du dachtest nicht wirklich, eine schöne Fremde hat einfach Erbarmen mit dir, weil du leidlich süß bist und überhäuft dich mit Geld und Geschenken?“

Sie tippte sich gegen die Stirn, rollte mit den Augen.

„Ich Trottel. Verzeih mir, Richard, es ist meine schlechteste Angewohnheit, wirklich. Mit dem Essen zu spielen.“

Ihre Stimme jagte ihm Schauer über den Rücken. Sie war kalt und gefräßig, sie schnitt durch alle Höflichkeit und hatte nichts mit der freundlichen Person gemein, die ihm in den letzten Wochen immer wieder mit Rat zur Seite gestanden hatte. Die den Eindruck erweckt hatte, sie würde sich um ihn scheren.

Das schmerzte mehr als die blauen Flecke, die Maxine ihm verpasst hatte.

„Aber wieso ich? Warum dieses Spiel?“

„Ich habe etwas in dir gesehen“, sagte sie und der Wechsel im Ton ihrer Stimme schleuderte Richards Trauma herum.

Sie kam näher, wischte seine Gegenwehr zur seite. Ihre Hand legte sich um sein Handgelenk und presste es gegen die Wand neben ihm, die andere zog ihn am Nacken zurück. Ihre Haut war kalt und trocken, ihr Griff unnachgiebig. Sein Fleisch zitterte unter ihrer Berührung.

Der Blick in ihren grünen Augen ließ sein Herz rase. Ihr Gesicht war seinem so nahe, dass er ihren Atem spüren konnte.

Das heißt, er hätte ihren Atem spüren können, wenn sie denn geatmet hätte.

„Ich habe einen Hunger in dir gesehen, mein Kleiner, mit dem ich mit gut auskenne. Einen Hunger, den ich gebraucht habe, den ich immer noch brauche. Und dem du dich hingeben wirst.“

Sprachlos starrte Richard zu ihr auf. Ihre Zähne schienen länger zu wirken, wie die Fänge einer Schlange oder eines Wolfes. Ihr Gesicht war animalischer geworden, kruder, als ob sie unmerklich und Stück für Stück eine innere Bestie entfesselte.

„Was zum Teufel…“, flüsterte Richard. Er spürte, wie seine Knie weich wurden, aber Melissens Griff hielt ihn aufrecht vor ihrem Gesicht.

„Ich bin der Hunger ganz tief in deinem Herzen, Kleiner. Das Verlangen in dir, das du wie eine gefährliche Bestie angeleint lässt. Und es wird Zeit, dass du es befreist.“

„Nein. Nein, ich will nicht.“

„Oh… oh, Nein ist keine Antwort mehr. Ich brauche eine sehr bestimmte Sache von dir. Und die werd ich bekommen.“

Sie fixierte ihn mit ihrem Blick, wie ein Insekt auf einer Nadel hing er dort unter ihrem Blick, unfähig, sich zu bewegen oder auch nur Widerworte zu geben.

„Du wirst die kleine Polizistenschlampe töten“, hörte Richard sie sagen. Die Worte dröhnten in seinen Ohren. „Sie ist auf dem Weg hierher, Willem hat ihr von mir ausgerichtet, wo sie dich finden kann. Ist mächtig sauer, hat wegen eurem kleinen Streit einen Prozess am Hals.

Du hast eine einfache Entscheidung zu treffen, Süßer: Töte Sie. Oder lass dich von ihr töten.

Und du wirst sie töten. Dafür sorge ich.“

Die Gewissheit, mit der Melissa das sagte, ließ Richard erbeben. Er bäumte sich in ihrem Griff auf, aber es half nichts. Sie war unendlich viel stärker, als ihre dünne Gestalt vermuten ließ.

„Ich kann nicht. Ich kann niemanden töten“, sagte er. Er wusste, dass seine Stimme zitterte, dass er den Tränen nahe war. Es war ihm gleichgültig – er wollte Melissa nicht mehr beeindrucken, er wollte nur noch fort von ihr.

Sie ließ sein Handgelenk los, ihre linke Hand wanderte nach hinten zu ihrem Gürtel. Die andere hielt Richard im Nacken gepackt, auch wenn ihre blanke Präsenz wohl gereicht hätte, ihn an der Flucht zu hindern. Ein Messer blitzte vor seinen Augen. Die Schneide war schmal, vielleicht so breit wie sein Daumen, und doppelt so lang.

Der Stahl fraß sich mühelos in das weiße Handgelenk. Dunkles Blut sprudelte hervor, ohne dass Melissa auch nur eine Miene verzogen hätte.

„Blutmagie wird dich schon dazu bringen“, flüsterte sie und presste ihm ihre Wunde auf den Mund.

Das Gefühl war unbeschreiblich.

Als hätte man ihm den Boden unter den Füßen weggezogen und ihm gleichzeitig Flügel gegeben. Als ob sein Herz zerspringen würde und alle Scherben weiterschlagen und weiterleben würden.

Es schmeckte nicht nach Blut, was sich scheinbar mit einem eigenen Willen seine Kehle hinunter zwang, sondern nach Ambrosia. Ein Beigeschmack von Honig betäubte seine. Er konnte fühlen, wie es sich in ihm ausbreite. Wie ein Rausch, wie ein Rasen, den sein panisch schlagendes Herz im ganzen Körper verteilte.

Und er raubte ihm den Verstand. Wie eine Uhr, die immer schneller zu ticken begann, deren Zahnräder so schnell drehten, dass die Zeiger auf dem Ziffernblatt zu einem Wirbel wurden, so drehte sich alle Welt um ihn. Schneller, schneller. Nur noch Melissa vor ihm, dann neben ihm. Dann überall um ihn. Wie ein Kreisel, der immer schneller dreht. Ohne Anzuhalten. Nur mit dem Ziel, alles auseinander zu sprengen.

Ein Schrei flog ihm in den Rücken und riss ihn aus dem Himmel zurück.

ZURÜCKTRETEN“,schrie jemand.

Schmerz dröhnte in seinem Rücken, dumpf. Etwas hatte ihn getroffen und er trat zur Seite. Mehr, um die Quelle des Schreis in den Blick zu bekommen. Was immer Melissa getan hatte, es pumpte ihn auf, ließ ihn den Schmerz vergessen.

Ekstase in seinen Adern.

Sie war in Zivil, Stiefel und ein T-Shirt. Eine breite, aggressive Haltung. In ihrer Faust ein Totschläger, ein hässlicher Klumpen schwarzen Eisens. Damit hatte sie ihn in die Seite geschlagen und hielt ihn jetzt abwehrend vor sich.

Sie. Die Polizistin. Maxine.

Neben ihr Melissa. Blut strömte ihre Handgelenke hinunter. Es trocknete auch auf seinem Kinn. Der Geruch betörte ihn. Wie Honig. Er wollte mehr davon. Aber zwischen ihr und ihm stand sie. Die Polizistin. Sie beachtete Melissa nicht, hielt den Blick auf Richard fixiert.

Melissa war gegen die Wand gesunken. Sie starrte das Schauspiel an. Ihre Augen reglos, aber scharf. Tot und doch lebendig. Hätte die Polizistin nur den Kopf gedreht, dachte Richard, hätte sie einfach den Blick gewendet, sie würde das perverse Spiel sehen, das mit ihnen beiden gespielt wurde.

Sah sie es denn nicht? Sah sie nicht das Grinsen, diese Erwartung in ihrem Gesicht?

Er gurgelte, trat nach vorn, deutete auf Melissa. Er musste sie sehen machen, musste ihr zeigen, was sie nicht sah.

Nicht sehen konnte.

Bleib weg“, rief Maxine und holte mit dem Schlagstock aus. Die Kugel an seinem Ende traf seine ausgestreckte Hand. Ein Geräusch wie brechender Reisig und das Messer klapperte zu Boden.

Richard taumelte zurück, blinzelte.

Wieso hatte er das Messer in der Hand gehabt?

Er spürte nicht, dass der Totschläger ihn getroffen hatte, sah nur, wie sein Handgelenk in unnatürlichem Winkel abstand.

Wie war das passiert?

Seine Seele war ein Maelstrom aus Verwirrung, aus Gefühlen, die er nicht kannte und die zu stark waren, um sie zu beherrschen.

Er blickte zu Maxine. Sie sah wie verwandelt aus. Nicht, wie er sie in Erinnerung hatte.

Ihr Gesicht war verzerrt, vor Wut, vor Hass. Auf ihn. Auf sich vielleicht. Hässliche, rote Flecken schienen sie zu umgeben, und das wenige Licht hier hinten verzerrte sie noch mehr. Als ob ihre Gefühle Gestalt angenommen hätten oder wenigstens Farbe und aus ihr heraus flossen.

Richard sah den Hass in ihren Augen funkeln. Diese Verachtung.

Und er wusste, dass Melissa Recht gehabt hatte. Dass sie auf Gewalt aus war. Dass es nur einen Ausweg gab, dass er sie töten musste. Dass er diese Energie, diese übersprudelnde Kraft in seinen Adern gegen sie richten musste.

Mit einem Knurren sprang er nach vorn.

Seine Knochen brachen wie altes Holz.

Maxine wich zur Seite aus, der geschwärzte Stahl ihres Totschlägers dröhnte auf seinem Fleisch. Er fühlte seine Rippen bersten, hörte seinen Schädel auf den Boden schlagen. Sie war über ihm, drosch erbarmungslos auf ihn ein. Sein Widerstand brach wie sein Handgelenk, wie seine Rippen. Haut und Fleisch platzten auf, Blut spritzte.

Eine Minute, vielleicht, dann war er erledigt.

Richard sah, wie eine schmale Hand sich um den Nacken von Schwarzbrunn schloss und wie Melissa sie wie ein ungezogenes Tier hoch hob und von sich schleuderte. Zwei, drei Meter entfernt prallte Maxine auf den Boden, überschlug sich ungelenk.

Mit der Übung einer trainierten Kämpferin sprang sie auf, holte mit dem Schlagstock aus, um sich mit einem Sprung nach vorn zu katapultieren und ihrem unbekannten Angreifer die Knie zu zertrümmern.

Wie angewurzelt hielt sie inne.

Du ruinierst es“, zischte Melissa „Du ruinierst meine Wette. Du warst am Ende, ein Wrack.

Maxine sah zu der Frau auf, die zwischen ihr und Richard stand, dann zu ihm hinunter auf den Asphalt.
Grauen breitete sich in ihrem Gesicht aus.
Darüber, was sie angerichtet hatte, wozu sie in der Lage gewesen war. Was dort vor ihr stand, mit geifernden Fängen, mit der Kraft dreier starker Männer und einer Stimme wie ein Teufel.

Dann machte sie auf dem Absatz kehrt und rannte, rannte so schnell sie konnte in die Nacht.

Richard röchelte. Er wollte ihr nachrufen, wollte um ihre Hilfe flehen. Aber er brachte kein Wort heraus.

Sein Leib musste zerschmettert sein, auch wenn er es kaum fühlte. Er konnte sich nicht bewegen, konnte nicht atmen. Nicht einmal wirklich sehen. Alles um ihn her floss ineinander, flirrte mit einer Intensität, die von der Magie in ihm kommen konnte oder seinen Wunden. Seine Netzhaut löste sich ab und sein Schädel schien ihm zu zerspringen.

Das letzte, was er sah, war Melissa, die über ihm kniete. Alle Liebe, alle Zuneigung, die er in ihrem Gesicht je zu sehen geglaubt hatte, war daraus verschwunden.

Ihr Gesicht war kalt, gefühllos. Eine Totenmaske, die das Lächeln neu gelernt hatte. Ihre Augen fixierten ihn wie ein Insekt auf einer Nadel.

Sie sah ihm dabei zu, wie er zerbrochen dort auf dem Asphalt lag, in der blinden Gasse abseits aller Zivilisation. Wie sein zerschundener Körper zitterte und aufzugeben drohte. Und wie sein Herz trotzdem noch pumpte und schlug und ihn zusammen hielt. Angetrieben nur noch von unzähligen Leben, die sie selbst gestohlen hatte.

Deine Feigheit ist mich heute teuer zu stehen gekommen“, sagte sie, „Sei dankbar, dass ich mein Geschenk an dich nicht zurück nehmen werde: Es ist alles, was dich noch am Leben hält.“

Sie berührte seine Wangen. Ihre Hände waren kalt wie Schnee und trocken wie Eis und brannten auf seinem heißen Fleisch. Die Berührung raubte ihm das Bewusstsein.

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