Schuld und Sünde – Teil X: Ein Gespräch unter zwei Augen

1Der „Adjutant“ des Leiters der Polizeidirektion #6 reagierte schnell auf den Anruf des ehrenwerten Herrn Doktor Sanatoriumsleiter. Man informierte den Direktor Weißenfels, dieser benachrichtigte den Dezernatsleiter Arthur Winterstein und bereits am nächsten Vormittag war die bereits beurlaubte Maxine Schwarzbrunn suspendiert. Eine interne Untersuchung wurde eingeleitet, gegen die Proteste des Herrn Winterstein.

Max erhielt die Papiere ihrer Vorladung und wurde dazu aufgefordert, vor einer Kommission Stellung zu diversen Vorwürfen zu nehmen. Ihr wurde unterstellt, ihr Amt missbraucht zu haben, der Zivilibevölkerung und ihrem Amt durch ihr Verhalten geschadet und sich direkten Befehlen widersetzt zu haben.

Sie kämpfte. Sie wurde laut und wütend und bestand darauf, dass sie provoziert worden sei, dass alles ein abgekatertes Spiel sei mit diesem Dieb und Betrüger, dass man es auf sie abgesehen hätte.

Alles nützte nichts. Die Kommission zeigte sich uneinsichtig, ohne die Gründe für die Vorwürfe zu nennen. Oder auch nur, weshalb sie einer angeblich anonymen Quelle vertraute, von wo dieser Verrat kam. Sie stellte nur in Aussicht, dass man ihre Kündigung erwarte, ehe es zum Prozess käme. Dezernatsleiter Winterstein überbrachte ihr die Nachricht, dass auch er und die Direktion diesen Schritt begrüßen würde.

Man räumte ihr drei Tage – bis zum nächsten Montag – Bedenkzeit ein. Danach würde die Angelegenheit vor Gericht gehen und sie nicht nur entlassen, sondern wahrscheinlich auch verurteilt werden.

Noch am selben Tag überreichte ihr ein traurig dreinblickender Andersen einen Schuhkarton, der ihre persönlichen Gegenstände beinhaltete. Schreibzeug, ein paar Andenken und ihre Kaffeetasse. Maxine warf alles in den nächstbesten Mülleimer vor der Wache und trat nach, damit es hinein passte.

Sie wusste, dass Richard es gewesen war. Sie wusste es einfach. Winterstein hätte ihr den Rücken frei gehalten, wenn nicht von Außen Druck gekommen wäre. Der Dezernatsleiter änderte nicht von heute auf morgen seine Meinung zu solchen Dingen und fiel auch keinem Untergebenen in den Rücken.

Richard musste einen Weg gefunden haben, zurück zu schlagen. Irgendwie hatte die Ratte es geschafft, einen Wirbel zu machen, bis zur Direktion zu kommen damit oder irgendjemand anderen dafür einzuspannen. Die Scheiße roch zum Himmel.

Und jetzt?

Jetzt war es einfacher, sie loszuwerden, als die ganze Sache öffentlich auszutragen.

Es war unfair. Schlicht und ergreifend.

Die Regeln schützten einen Verbrecher. Einen Verbrecher, der ihr gegenüber die Tat gestanden hatte.

Wieso war sie nur so dumm gewesen und hatte sein Geständnis nicht protokolliert? Wieso war sie nicht gleich am selben Abend, als er sie in der Kneipe überrascht hatte, zu Winterstein gegangen und hatte den Barmann als Zeugen eines Geständnisses angegeben?

All seine Vorwürfe wären als Versuch gewertet worden, seiner Strafe zu entkommen.

Aber nein. Sie war so dumm gewesen und hatte nach den Regeln spielen wollen. Und jetzt war es unmöglich für sie geworden, ihn sich zu greifen.

Und trotz alledem ließ ein Satz sie nicht in Ruhe:

Irgendetwas hier stinkt“, hatte der Dieb ihr gesagt und angedeutet, dass es eine Verschwörung gab. Dass irgendjemand sie beide gegeneinander ausspielte und auf einander gehetzt hätte, dass es komisch war, dass sie ihm begegnet war, so kurz, nachdem er sich aus seinem Loch hervor getraut hatte.

Aber zu welchem Zweck hätte das geschehen sollen? Und war es so unnatürlich?

Er war ein Dieb – schlicht und ergreifend, er hatte das nicht verheimlicht – und sie verhaftete Diebe für gewöhnlich. Nichts daran war auffällig für sie.

Sie verwarf den Gedanken wieder. Sie hatte exakt zwei Mal mit dem Doktor Federer gesprochen. Einmal auf Wunsch des Direktors Weißenfels, um einem Freund der Direktion #6, der sie oft genug in schwierigen Fällen unterstützt und wertvolle psychologische Perspektiven gegeben hatte, zu unterstützen.

Und einmal telefonisch, nach dem Einbruch in ihrer Wohnung, woraufhin der Doktor sich höflich aber bestimmt von allen weiteren Verwicklungen distanziert und Maxine für ihre Dienste gedankt hatte.

Nie hatte er besonderen Druck auf sie ausgeübt. Und ganz sicherlich profitierte er nicht davon, sie ihres Amtes zu entheben. Vor dieser ganzen Affäre hatte sie ihn überhaupt gar nicht gekannt und es gab keinen Grund für ihn, sie loswerden zu wollen.

Oder?

Hätte die Sache von einem anderen losgetreten worden sein, einem unbekannten Dritten, aus ihr unerklärlichen Gründen?

Nein. Es hätte schon jemand wildfremdes den Herrn Doktor impersonieren, sich in das Sanatorium schleichen und zudem den Herrn Direktor Weißenfels einen Gefallen abringen müssen. Eine Sache der Unmöglichkeit, fand sie, und verwarf auch diese Idee.

Aber in einer Sache hatte Hahntritt Recht gehabt: Es war Federer, der sie in diese Situation gebracht hatte, wenn auch nur indirekt. Vielleicht könnte er sie auch wieder retten.

Nachdem Maxine also ihre Wut am Mülleimer vor dem Polizeirevier ausgelassen hatte, ging sie zum Sanatorium Schlüsselburg. Sie würde sich zu gehen weigern,bis der feine Herr sie wenigstens sehen würde. Er hatte ihr diese Sache eingebrockt, er würde sie dort hinaus holen können.

Noch war es möglich, noch war sie nur auf unbestimmte Zeit suspendiert. Noch hatte sie drei Tage Zeit, um den Vorwürfen zu begegnen und sich einen Leumund zu besorgen.

Zähne knirschend musste Maxine zugeben, dass es sie weniger Überzeugung kostete, sich zu diesem Schritt durchzuringen, als sie sich gewünscht hätte.

Vor nicht allzu langer Zeit war sie sicher gewesen, überzeugt gewesen, dass sie zu den Guten gehörte. Dass sie – nicht allein, nicht immer und vor allem nicht immer zu ihrer eigenen Zufriedenheit, aber doch – das Gesetz vertrat.

Hätte sie von diesem Satz Leopolds gewusst, sie hätte dem falschen Doktor Federer zugestimmt: Ihr Vertrauen war erschüttert.

Sie würde diese Angelegenheit selbst regeln, wenn es auch bedeutete, den alten Mann um einen Gefallen zu bitten. Selbst, wenn es hieß, ihm etwas zu schulden und die Regeln etwas zu biegen.

Zum Teufel mit den Regeln.

Sie würde tun, was gerecht war, wenn es schon nicht richtig war.

Als sie am Sanatorium ankam, war es bereits dunkel. Die Sonne war schon länger untergegangen und mit ihr die meisten Reste von Max‘ Selbstrespekt. Sie würde den Doktor noch heute treffen, sagte sie sich auf dem Weg zum Gelände. Notfalls würde sie die ganze Nacht dort warten und darauf bestehen.

Das Sanatorium war ein abgeschlossener Bereich in der Stadt, ein umzäunter Park mit nur einem einzigen Zugang zum Gelände. Bei ihrem letzten Besuch war Maxine mit dem Dienstwagen durch das Torhaus gefahren und in das Parkgelände hinauf. Dieses Mal war sie zu Fuß und stapfte durch die Straßen auf das Torhaus zu.

Es schob sich am Ende einer breiten Pflasterstraße, plötzlich und unvermittelt, zwischen die Wohnhäuser: Ein Torbogen aus roter Klinke über der Straße, zwei kleinere daneben über den Gehwegen. Wie der Eingang zu einer alten Burg, es fehlte nur der Wassergraben.

Eine Frau wartete dort, lehnte gegen die Pfeiler, die die Torbögen trugen. Sie hatte die Arme um ihren Oberkörper geschlungen und schien Maxine zu beobachten. Mit ihren Blicken folgte sie Maxine bei ihrem Gang durch die hohle Gasse, die ihr wie eine Ewigkeit vorkam. Sie sah aus wie eine Katze, die eine in der Ferne vorbeihuschende Maus fixierte.

Max ignorierte sie zunächst. Sie war selbst in ihren Gedanken versunken, die um die immer wieder gleichen Punkte kreisten. Um den Doktor und den Dieb.

Aber als sie fast an ihr vorüber war und schon fast im Schatten des Torbogens, sagte die Frau etwas. Maxine blieb stehen und drehte sich halb zu ihr um.

„Bitte?“, fragte Max.

Die Frau war jung, schlank, schmächtig gerade zu, und hatte honigblonde Locken, die ihr bis über die Schultern fielen. Sie trug keine Handtasche bei sich, wie Max auffiel, und in den Hosen ihrer Taschen konnte unmöglich vieles Platz haben.

Ich habe Sie gefragt, ob Sie wohl eine Zigarette für mich hätten“, sagte sie.

Max schüttelte den Kopf, klopfte sich die Taschen ab.

„Ja, natürlich, wo hab ich denn…“

Sie fand die Schachtel, bot sie der jungen Frau an.

Danke. Ich rauche eigentlich nicht… Nicht mehr, aber heute ist wohl so eine Nacht, in der ich Ausnahmen machen darf.

Sie steckte sich die Zigarette zwischen die Zähne, die lang und weiß und wundervoll waren. Dann reichte sie Max Hand. Als Max sie ergriff, war ihr Fleisch kalt und trocken, als ob sie schon eine ganze Weile hier in der kühlen Nacht gestanden hätte.

„Andrea“, stellte sie sich vor.

„Max“, sagte Max und zündete sich ebenfalls eine Zigarette an. Als sie das Feuerzeug entzündete, konnte sie sehen, wie Andrea leicht zusammen schrak, als ob das Feuer ihr unangenehm wäre.

Andrea rauchte auch zurückhaltend, fast gar nicht. Den Sargnagel schien sie auf einer Armlänge Abstand zu halten, aber sie war sehr gut darin, so zu tun, als würde sie rauchen, und Max bemerkte nur, dass sie anscheinend nicht oft oder gerne rauchte. Trotzdem tat sie es.

Vielleicht hatte die Frau einen besonders schweren Fall besucht, vielleicht suchte sie nur die Gesellschaft?

„Für einen Besuch ist es sehr spät, oder nicht?“, fragte Max.

Die junge Frau lächelte, wich ihrem Blick aus.

Besuchszeiten gelten für mich nicht wirklich…“ Sie seufzte mit einer Melancholie, die Maxine keinem Menschen je zugetraut hätte.Aber manchmal muss man etwas mit eigenen Augen sehen, um es zu begreifen. Damit man es akzeptieren kann.

Ich weiß, was Sie meinen“, sagte Maxine. Sie blickte in die Stadt hinter sich zurück.

Etwas in ihrem Blick musste ihre Stimmung verraten haben.

Sie schauen unglücklich aus“, sagte die junge Frau. „Als wäre ein Teil von Ihnen gestorben.“

Ist einfach nicht mein Tag“, sagte Max. „Oder vielleicht auch mein Jahr.“

Sie ließ die Schultern hängen und starrte die hohle Gasse hinunter, die zurück in das Gewirr der Straßen und Viertel führte. Obwohl es Nacht war, leuchtete der Horizont in einem dünnen Orange.

Irgendwie haben Sie aber Recht. Ich liebe meinen Job, wissen Sie? Ist so eine Art Berufung für mich, ein Teil von mir. Alles für die Katz wegen eines dummen Fehlers.

Ha. HaHa. Verzeihen Sie, Sie haben sicherlich andere Probleme.“

Die junge Frau zuckte mit den Schultern.

Als Sie? Heute Nacht nicht wirklich. Darf ich fragen, was das für ein Fehler war?

Sie hat die Augen eines Raubtiers, dachte Max. Ein Blick, der einem bis ins Fleisch fuhr. Beunruhigend bei so einem ruhigen Mädchen.

Max schüttelte den Kopf. Sie seufzte und stellte zum ersten Mal fest, dass ihr das Atmen schwer fiel. Als ob ein Gewicht auf ihr lastete, dessen Sie sich nicht bewusst war. Als ob der Blick von Andrea ihr so auf der Brust lag. Ihr schnürte sich die Kehle zu, sie musste schlucken.

„Ich… Ich weiß auch nicht. Ich sollte einen Job erledigen, hat mein Boss gesagt. Einen einfachen, für einen Freund. Dem Doktor etwas helfen bei einem Patienten, ein kleiner Gefallen unter Freunden. Und jetzt… Jetzt bin ich irgendwie verlassen und allein und ich verstehe nicht, wie das passieren konnte. Plötzlich werd ich schuldig gesprochen dafür, dass ich meinem Boss einen Gefallen getan habe.

Das… das macht nicht viel Sinn, oder?“

„Im Gegenteil, Max, das ergibt sogar eine Menge Sinn. Geben Sie dem Doktor die Schuld daran?“

Max runzelte die Stirn, dachte kurz nach.

Tat sie das? Sie wusste nicht, wem sie die Schuld an ihrem Elend geben sollte. Es war so ein diffuses und undurchsichtiges Knäuel an Verwicklungen, die sie nicht sah oder verstand, dass sie nicht auf einen Einzelnen hätte zeigen und ihm die Schuld geben können.

„Ich glaube nicht. Am ehesten noch dem Patienten, bei dem ich dem Doktor helfen sollte. Aber… aber seit einigen Tagen bin ich mir nicht mehr so sicher, wie viel Anteil er wirklich hat. Er hat mir gesagt, dass es nicht einmal seine Entscheidung war, diesen ganzen Mist anzufangen. Aber ich weiß nicht, wie viel ich ihm davon glauben kann.“

Die junge Frau sah Max an, wieder mit diesem Raubtierblick, wie eine Katze die Maus.

„Hat er das? Das klingt, als wären Sie beide nur der Spielball unglücklicher Umstände gewesen.“

„Oder irgendeiner Verschwörung“, sagte Max.

Dann lachte sie über sich und diesen Gedanken.

„Andererseits ist der Mann verrückt, paranoid, und sieht überall Verschwörungen, wo keine sind.“

„Was wollen Sie dann hier?“, fragte die junge Frau und schnippte ihre halbgerauchte Zigarette fort. „Das klingt alles weniger nach einem Fehler und mehr nach Irrtümern.“

Maxine zuckte mit den Schultern.

„Hilfe, denke ich. In drei Tagen bin ich meinen Job los, wenn ich meinen Boss nicht überzeugen kann, dass ich unschuldig bin. Ich hoffe er kann mir dabei helfen.“

Die junge Frau verschränkte die Arme und lenkte den Kopf schief. Sie lächelte. Ein enthemmtes Lächeln, dachte Max, eines, das sich nicht um Meinungen oder Konventionen scherte und einfach ganz natürlich war.

„Also, Max. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg dabei. Sie können diese ganze Sache sicherlich bald hinter sich lassen“, sagte sie, „und zu ihrem alten Leben zurück kehren.“

Max sah der jungen Frau für einen Augenblick hinterher. Sie ging mit einer Eleganz und Gewissheit, die Max neidisch machte. Sie war mit Sicherheit kein Opfer, nicht einmal in diesen Umständen, die sie nachts in eine Irrenanstalt getrieben hatten.

Dann machte sich Max auf den Weg durch das Gelände, hoch zum Anwesen, das auf einem kleinen Hügel thronte. Das Sanatorium bestand aus mehreren kleinen Gebäuden, die in der Parkanlage um das Haupthaus, das ehemalige Anwesen, herum geworfen schienen.

Die Wege waren nur schwach erleuchtet, aber sie genoss die Ruhe. Der Weg und die stille Nacht erlaubten ihr, etwas Abstand zu den Ereignissen der letzten Zeit zu gewinnen. Es war ein wenig, als würde sie aus ihrer gewohnten Welt heraus kommen und von dort draußen, von diesem sicheren, abgegrenzten Platz außerhalb all der Hektik und des Alltags, einen neuen Blick darauf bekommen.

Eine neue Perspektive.

Als sie oben ankam, hatte sie die mysteriöse Frau beinahe schon wieder vergessen.

Zu ihrer großen Überraschung ließ Thaddäus, der wie auch bei ihrem ersten Besuch in der Nacht den Dienst an der Rezeption übernahm, sie ohne Umstände herein.

Sie wartete vielleicht fünf Minuten, bis er den Doktor Federer informiert hatte, der „wieder einmal“ bis spät in die Nacht hinein arbeiten würde. Der Doktor ließ sie ohne Aufheben nach oben in sein Büro bitten, wo er wie zuletzt an seinem Sekretär über Akten und Papieren gebeugt saß und in unleserlichster Handschrift Notizen anfertigte.

Er begrüßte sie mit einem freundlichen Druck seiner Handschuhe und Max setzte sich ihm gegenüber.

Wie kann ich Ihnen helfen, Frau Kommissarin“, fragte er.

Max fand die Frage unangenehm. Wie er dort saß, wie er die Frage stellte, das alles erinnerte sie an einen Arztbesuch. Sie barg die Hände im Schoss.


Nennen Sie mich Max, bitte. Oder Maxine. Ich bin nicht mehr lange eine Kommissarin.“

Das schien den Doktor zu überraschen, er zog eine Augenbraue in die Höhe.

„Wie bitte? Wieso das? Sie wechseln nicht etwa den Dienst? Hören Sie, wenn das irgendetwas mit meiner Bitte zu tun hat – ich weiß, ich habe mich da sehr bedeckt gehalten, aber ich würde mir wünschen, dass Sie wegen mir keine Unannehmlichkeiten erdulden müssten…“

Ich stehe vor einer internen Untersuchung“, sagte Max. „Man hat mir unmissverständlich wissen lassen, dass man mir den Prozess machen und mich unehrenhaft entlassen wird, wenn ich nicht bis Montag meine Kündigung eingereicht habe.“

Der Blick des Doktors verfinsterte sich.

„Ist es wegen ihres Anrufs neulich? Wegen Richard?“

Ich vermute es, ja. Das heißt, ich weiß es. Man wirft mir Amtsmissbrauch vor. Ich soll ihn und einige seiner Kumpanen ausgebeutet und mich selbst an ihnen bereichert haben. Ich… ich glaube, dass Hahntritt Druck auf die Direktion ausübt oder auf das Dezernat, um sich an mir zu rächen. Er hat mich neulich aufgesucht, hat mich provoziert. Ich… Ja, ich habe zugeschlagen, vielleicht etwas zu kräftig, aber er ist zu mir gekommen. Er hat sich mir aufgedrängt und ich habe mich gewehrt.

Der dicke Mann in seinem Lehnsessel seufzte und lehnte sich nach hinten. Er sah auf seinen rechten Handschuh, der müßig einen Füllfederhalter herum schob.

Jetzt wollen Sie, dass ich ein gutes Wort für Sie einlege.“

Max atmete tief ein.

Es war so viel einfacher, wenn er es ansprach. So viel weniger erniedrigend, wenn sie ihre Bitte nicht selbst aussprechen müsste.

„Ja.“

Sie wünschen, dass ich dem Direktor Weißenfels telegraphiere und ihm darlege, in welchem Ausmaß Richard sich eine Vendetta gegen ihn einzubilden in der Lage ist, wie weit er gehen würde, um diese paranoide Vorstellung aufrecht zu erhalten, wie er sogar bereit wäre, Sie zu Gewalt gegen sich selbst aufzustacheln, um diesen Wahn zu rechtfertigen.“

Der Doktor ballte die Hand, er blickte Max direkt an. Die rutschte in ihrem Sitz nach vorne, bis fast zur Kante. Sie fühlte ein Aber in der Luft, eine Forderung, einen Preis für ihre Bitte, der sie bis zum Zerreißen anspannte.

„Aber ich frage mich doch, warum Sie damit zu mir kommen.“

Max hatte mit vielem gerechnet, mit der Forderung nach Geld oder Gefälligkeiten, selbst mit einer unwahrscheinlichen und verächtlichen Forderung nach einem Abendessen mit ihr oder dergleichen.

Aber nicht damit.

Ihr wurde aller Wind aus den Segeln genommen.

„Äh… Wie… Wie meinen Sie das?“, fragte sie.

Wieso nehmen Sie die Sache nicht selbst in die Hand?“

Weil Sie… Nun. Also. Wenn Sie bei dem Herrn Direktor sich für mich einsetzen, wird er sicherlich die Prüfung verschwinden lassen oder jedenfalls nicht meine unmittelbare Entlassung fordern. Ich bin mir sicher, dass er…“

„Ja Ja, das weiß ich selbst“, sagte der falsche Doktor und winkte ab. „Lassen Sie mich so fragen: Wieso üben Sie nicht einfach Ihr Amt aus, statt es zu missbrauchen?“

Seine Augen funkelten bei diesem Satz und Max fühlte, dass sie sich seinem Blick nicht entziehen konnte. Er war magnetisch, beinahe hypnotisch. Es waren dunkle Augen, ganz ruhig und gesetzt, die sie in ihren Bann zogen. Sie waren so ganz anders als der stechende Blick der jungen Frau von vorhin, sie waren so viel tiefer, wie ein endloser Abgrund der Zeit.

„Sie meinen…“

„Ich meine, dass viele Ihrer Kollegen in den letzten Jahren mit ähnlichen Problemen zu mir gekommen sind und ich ihnen stets das gleiche gesagt habe: Der Zweck heiligt die Mittel und Zweck der Schutztruppen ist es, gefährliche Elemente von den Straßen zu entfernen. Führen Sie Richard Ihren Kollegen vor und ich werde dem Herrn Direktor mit Freuden bestätigen, was ich Ihnen so eben gesagt habe: Dass Richard gefährlich ist und sie in Notwehr gehandelt haben, wenn auch präventiv.“

Leopold von Schlüsselburg in seiner Verkleidung als Doktor Federer lehnte sich nach vorne. In der Stille seines Büros klangen seine Worte vertraulich, er raunte sie, obwohl er nicht fürchten musste, von jemand anderem als Max gehört zu werden.

Vielleicht ist es besser, Fräulein Schwarzbrunn, wenn Sie die Regeln brechen, um die Gesetze aufrecht zu erhalten, und sich den Herrn Hahntritt selbst vorknöpfen.

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