Schuld und Sühne – Teil IX: Matte Nächte

9Hinter dem Fensterglas erstreckte sich die Nacht. Ein endloses Grau in Grau, das nur am Horizont, hinter den Baumwipfeln von einem dünnen Streifen Weiß unterbrochen wurde. Die fernen Lichter der Stadt hatten das Firmament gefressen, nicht einmal der Mond war zu sehen. Die einzigen Sterne waren die Baukräne in der Ferne, die Scheinwerfer des Fernsehturms, die Bankentürme.
Lichtschmutz.

Es war, paradoxerweise, so finster wegen der entfernten Stadtlichter, dass nicht einmal das Ende des Parks zu sehen war. Geschweige denn Menschen. Die Stadt und der Fensterbogen im Sanatorium waren durch einen kleinen Hain voneinander getrennt , der das Licht selbst ausschloss, und nur den Lichtschmutz im Himmel nicht los wurde. Aber die Menschen waren zu hören. Zu fühlen. Dort draußen rumorte es, nicht so wie vor dem Palais, in dem Melissa zuletzt sehnsüchtig aus dem Fenster gestarrt hatte.

Aber auch hier war sie sich des Schwarms von Menschen bewusst, der dort draußen schwirrte und die Nacht bevölkerte. So, wie sie sich seiner immer bewusst war.

Der Ausblick vom Hügel her über die Stadt war hübsch und die junge Frau konnte verstehen, dass ihr Gastgeber sich in diesem alten Anwesen wohl fühlte. Auch, weil er mindestens ebenso alt wie das Gelände selbst sein musste und es nach seinen exakten Vorstellungen gestaltet hatte. Wahrscheinlich hatte er selbst die Bäume im Parkgelände bereits als Setzlinge pflanzen lassen, um ihren Wuchs über die Jahrzehnte hinweg zu exakt derBlickachse formen zu können, die sich ihr von seinem Büro aus darbot.

Ein Lächeln zuckte über ihre Lippen.

Der Preis für ihren Sieg bei ihrer kleinen Wette wäre eine Gefälligkeit bei Leopold von Schlüsselburg. Sie könnte ihn zwingen ein neues Gebäude zu errichten, ein altes abreißen zu lassen oder – undenkbar für ihn – das Anwesen modernisieren zu lassen. Sie könnte die Blickachse ruinieren und einen völlig fremden Baum dort pflanzen lassen, wo er wie ein Stachel im Blick stecken musste.

Eine kleinliche Rache und eine Verschwendung einer solchen Gabe.

Aber der Gedanke amüsierte sie.

„Sie sind schweigsam, Fräulein Morgenthau“, sagte der Hausherr hinter ihr.

„Ich hielt es für unschicklich, Sie bei ihrer Arbeit zu unterbrechen, mein ehrenwerter Herr.“

Stille herrschte wieder zwischen Ihnen, so wie die letzte halbe oder dreiviertel Stunde. Melissa war sich nicht einmal sicher, ob er die Zeit überhaupt noch verstreichen spürte, so uralt wie er war. Sie aber fühlte den Stich jeder Minute.

„Fürchten Sie, Ihre Gedanken zu verraten, wenn Sie mit mir reden?“, fragte Leopold. „Ich bitte um Verzeihung, doch ich wäre ein schlechter Gastgeber, ginge ich bei Ihnen auf Raubfang. Sie sind Gast in meinen Hallen, nichts läge mir ferner, als mich wie ein gemeiner Dieb in ihren Geist zu stehlen.

Melissa zog die Brauen zusammen. Sie besah sich das Spiegelbild des beleibten Junkers in seinem Fenster. Er saß hinter ihr, an dem überdimensionierten Sekretär, an dem er wohl den Großteil seiner Nächte verbrachte.

Er war geübt darin, in Geistern und Gedanken zu schnüffeln, sie zweifelte nicht daran. Er leitete ein Sanatorium und jeder, der etwas auf sich hielt, wusste, was darin vor sich ging. Dass er in den Alpträumen, den Psychosen und Obsessionen seiner Patienten las, wie andere in einem Buch. Dass er sich nicht mit Analysen und Interpretationen aufhielt, sondern einem nur in die Augen schauen musste, um auch den verstecktesten Gedanken heraus zu finden.

Sie haben mich ertappt, mein werter Herr“, sagte Melissa und drehte sich zu ihm um. Er las in einigen Akten und Papieren. Das hatte er schon getan, als sie angekommen war – auf seine Einladung, natürlich – und seit ihrer Ankunft nicht damit aufgehört.

Es war eines dieser Spielchen, das alle Älteren gerne mit ihr spielten. Sie warten zu lassen für Alltagsgeschäfte, die sie ohnehin schon längst erledigt hatten oder die ein Diener hätte übernehmen können.

Man gewöhnte sich daran. Sie war ohnehin von der letzten Nacht noch befriedigt und beruhigt. Ein leichter Nachgeschmack davon schwebte ihr im Kopf herum und so hatte sie es nicht allzu eilig, den Grund ihres hierseins zu erfahren.

Eher noch hätte sie der Inhalt der Papiere interessiert, doch Neugier war der Katze Tod. Und selbst wenn Leopold sie ihr gezeigt hätte, wäre der Preis dafür wohl zu hoch gewesen.

Sie lesen in mir, wie in einem offenen Buch“, sagte Melissa.

Leopold schnaubte. Er ging nicht auf ihr langweiliges Kompliment ein.

Fräulein Morgenthau, Sie sollten diese Furcht ablegen. Sie schlagen sich nicht schlecht in unserer kleinen Wette. Nein, nein, keine falsche Bescheidenheit. Soweit ich es übersehe, haben Sie den Jungen ziemlich in ihrer Hand. Ein nützliches Werkzeug, wenn Sie sich getrauen würden, Ihn einzusetzen.“

Was meinen Sie?“, fragte Melissa. Es schien, als würde sie endlich erfahren, warum der Junker sie zu sich bestellt hatte.

„Ich denke, der Junge färbt auf. Wo ist Ihr Bravado, Ihre Leidenschaft? Sie spielen vorsichtig und das wird Sie den Sieg kosten.“

Melissa runzelte die Stirn. Sie ging um den Tisch herum. Der Junker hatte ihr den Rücken zugedreht gehabt und keine Anstalten gemacht, sie anzublicken. Erst, als sie ihm gegenüber stand, legte er seine Papiere beiseite.
Schauen Sie nicht so, der Zweifel verunziert Sie. Sie halten Ihren Sieg für gesichert?“

Ich sehe nicht, was ihn noch aufhalten könnte. Der Kleine fühlt in sich Kräfte und Freiheiten, die er noch nie gekannt hat. Er mag ein Feigling sein, aber er hat den Instinkt eines Raubtiers, glauben Sie mir. Ich erkenne so etwas. Er ist bislang mit einigen Missetaten davon gekommen und er ist kurz davor, eine allerletzte zu begehen. Nur um sich zu beweisen, dass die Polizistin nicht besser ist als er. Auch Hunde beißen irgendwann, wenn man sie nur oft genug schlägt.

Leopold gluckste.
„Achten Sie darauf, dass er nicht die Hand beißt, die ihn füttert.“

Melissa ließ sich dazu hinreißen, zu triumphieren. Ein grausames Lächeln umspielte ihre Lippen, sie verschränkte die Arme.

„Sie wissen, dass sich die beiden vorgestern getroffen haben? Er hat mir davon erzählt. Ihre Polizistin hat ihn ein wenig härter angefasst, hat geschworen, ihm das Leben zur Hölle zu machen. Er ist außer sich, völlig paranoid. Er glaubt hinter jeder Ecke wolle ihm jemand etwas böses, traut sich kaum mehr vor die Tür. Er vermutet eine Verschwörung, die ihn in diese Situation gebracht hat. Er hat nicht Unrecht damit, aber ich muss ihn nur umlenken. Ein kleiner Anreiz von mir und er stößt ihr das Messer in den Rücken.“

Und Sie halten meine Dame für zu passiv, nicht?“

„Ja.“

„Zu diszipliniert, zu eingepfercht von ihren eigenen Regeln, zu Paragrafentreu, um sich zu wehren.“

„Ja und nochmals ja. Ich habe die Polizistin beobachtet. Sie ist aggressiv, brutal geradezu. Aber nur, wenn sie sich von Recht und Gesetz gedeckt fühlt, wenn sie straffrei ausgeht, weil eine Autorität ihr diese Brutalität gestattet. So war es bei ihrer ersten Begegnung mit dem Dieb, so ist es bei der letzten gewesen.

Der Herr der Schlüsselburg lehnte sich in seinem Sessel zurück. Er nickte mehrfach, musterte seinen Gast von oben bis nach unten.

„Sie haben gut gespielt. Eine gute Partie für ihr Alter. Sie haben ein Auge für Schwächen, für die kleinen Fäden, an denen die Menschen hängen. Bewahren sie sich das, es wird Ihnen viel nutzen. Aber es ist, wie ich sagte: Sie müssen noch einiges über die Psyche lernen.

Dann stemmte er sich aus seinem Sessel und ging zu einem Beistelltischchen hinüber. Darauf stand ein kleines, schwarzes Telefon, eines der uralten Modelle mit einer Wählscheibe und einer Gabel, auf der ein Hörer lag, der wie ein Knochen aussah.

Offenbar aber war alles nur Schein, denn er hob nur ab und sagte in den Hörer:

„Geben Sie mir den Direktor Weißenfels.“

Eine kurze Pause, in der sein Sekretär wohl etwas sagte.

„Meinethalben, dann seinen Adjutanten. Ja, augenblicklich. Natürlich ist mir die Uhrzeit gleichgültig.

Melissa starrte ihn an.

„Was tun Sie da?“, zischte sie. Er machte alles kaputt. Alles, alles machte er kaputt mit diesem Anruf. Sie wusste es. Sie kannte diesen Blick. Irgendetwas plante er und sie verstand es nicht, was er plante und was er tat. Sie wusste nur, dass er ihren Sieg gerade ruinierte.

Leopold zwinkerte ihr zu, legte einen Finger auf die Lippen, um ihr das Schweigen zu bedeuten.

„Federer hier“, sagte er. Seine Stimme hatte sich verändert. Sie war ein Bellen geworden, ein reibendes, treibendes Blaffen. Wie ein Jagdhund. Als wäre er eine andere Person geworden in nur einem Augenaufschlag. Selbst seine Haltung und ganze Erscheinung war anders. Fort war der joviale alte Herr und vor ihr stand ein alter Militär, mit aller Niedertracht und Gewalt, die er Zeit seines Lebens angesammelt hatte.

Was für eine unfähige Anfängerin haben Sie mir da geschickt?“, knurrte er in den Hörer.Eine Schwachsinnige, sage ich Ihnen, eine Dilettantin. Ja. Ja. Ich habe den Patienten hier sitzen, nach dem sie schauen sollte. Am Boden zerstört, vollkommen aufgelöst. Jahre meiner Arbeit zunichte gemacht an einem Nachmittag. Hat ihm aufgelauert, betrunken offenbar. Ist mir gleich, ob sie bereits beurlaubt ist, Sie, Sie… Wissen Sie, was diese Irre angerichtet hat? Hat den armen Jungen bedroht, ist handgreiflich geworden. In aller Öffentlichkeit. Der Mann traut sich kaum mehr auf die Straße, plappert von Gewalt und Willkür, all sein Vertrauen zu Autoritäten ist für die Katz. Alles dahin. Er bekommt kaum einen geraden Satz raus vor Tränen, weil diese Wahnsinnige ihn auf offener Straße würgt und ihm Gewalt androht.

WAS WEIß ICH DENN, WESWEGEN SIE DAS GETAN HAT“, brüllte der Junker ins Telefon. „Ich habe Sie um einen einfachen Gefallen gebeten und sie schicken mir diese Abrissbirne. Ich habe gehört Sie hätte Akten entwendet, nicht nur meine. Wissen Sie, wie ich das nenne? Amtsmissbrauch. Einen wandelnden Skandal nenne ich das.

Ihre Entlassung, augenblicklich.

Wie? Intern? Ja. Ja, meinethalben. Ich hoffe doch, dass Sie es dem Herrn Direktor Weißenfels weiterleiten, Sie Narr. Nein, keine Öffentlichkeit. Und halten Sie meinen Namen da heraus, haben Sie das verstanden?

Ja. Ich erwarte Ihren Anruf.

Ohne eine weitere Verabschiedung schmiss der alte Herr den Hörer auf die Gabel, dass es schepperte.

Er atmete tief durch, richtete sich seine Weste mit den Silberknöpfen und schlüpfte wieder in seine gewöhnliche Persona, so wie Melissa in einen Morgenmantel.

Was haben Sie getan?“, fragte sie und starrte ihn fassungslos an.

Leopold von Schlüsselburg nahm wieder gegenüber von ihr an seinem Schreibtisch Platz.

„Die Suspendierung von Fräulein Schwarzbrunn angeregt, haben Sie nicht zugehört? Ich dächte, Sie könnten etwas dabei lernen, mir bei der Arbeit über die Schulter zu schauen. Sehen Sie es als einen Olivenzweig, schließlich meinte ich, was ich sagte: Sie haben sich gut geschlagen. Ich glaube, sie kommen in diesen letzten Monaten endlich aus ihrer Kinderei heraus, mein Fräulein.

„Weshalb, um Himmels Willen? Leo…“, sagte Melissa und fing sich gerade noch kurz bevor sie den Älteren mit seinem Namen ansprach.

„Herr von Schlüsselburg“, sagte sie, „Weswegen sabotieren Sie Ihre eigene Spielfigur?“

Wegen Amtsmissbrauch und grober Fahrlässigkeit im Dienst, Sie haben selbst gesagt, sie sei Ihren Jungen körperlich angegangen. Mit der Entwendung vertraulicher Akten… Das sieht nicht gut aus für sie, nicht?“

„Aber…

Melissa runzelte die Stirn. Sie verschränkte die Arme und sah ihren Gastgeber mit ernster Miene an.

„Jetzt hat sie keinen Grund mehr, gegen Hahntritt vorzugehen. Keinen Anlass, keinen Befehl, keinen Auftrag. Nicht einmal einen Kadavergehorsam.“

Im Gegenteil, jetzt hat sie jeden nur erdenklichen Grund.“

Leopold winkte ab.

„Die Regeln nützen der Polizistin nicht, jedenfalls nicht soweit es unsere kleine Wette betrifft. Ich gebe Ihnen da durchaus recht, sehr gut beobachtet. Meine Maxine ist zu spröde, zu vertrauensvoll, was Autorität und Ordnung angeht. Ich habe das soeben behoben. Jetzt gibt es keinerlei Regeln mehr, die sie zurückhalten, denken Sie nicht auch?“

Melissa stützte sich auf dem Sekretär ab. Sie sog die Luft ein, als ob sie etwa protestieren wollte, dann atmete sie aus.

Das kleine Mädchen will gern ein Täter sein. Jetzt ist sie bestraft worden, noch bevor sie etwas getan hat“, sagte sie.

Also kann sie auch genau so gut den Fehltritt begehen, für den sie schon bestraft worden ist.“

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