Schuld und Sünde – Teil VIII: Unangenehme Fragen

Der junge Mann war allein. Er saß auf der Rückenlehne einer Parkbank, die Turnschuhe auf der Sitzfläche abgestellt, und genoss die Reste der Abendsonne. Es war eine kleine Insel der Ruhe inmitten eines ansonsten zubetonierten Stadtviertels, die nur wenige Minuten von größeren Bahnhöfen und Straßen entfernt lag. Er trank nicht, er rauchte auch nicht. Er saß nur dort, das eingefallene Gesicht stumm in die Gegend gerichtet und dachte über sein Leben nach.

Beinahe wäre es idyllisch gewesen.

Wäre er nicht ein Dieb und seine Gedanken nicht schändlich gewesen.

Als Max auf ihn zukam, verzog sich sein Gesicht. Eine Grimasse, die unangenehme Gedanken verriet. Maxine malte sich aus, dass er an jeder einzelnen Entscheidung zweifelte, die ihn hierher gebracht hatte. Dort, auf diese Parkbank, in ihr Schussfeld.

Er wippte mit den Füßen und den Knien und versprühte eine nervöse Energie, als würde er jeden Moment losspringen und davon laufen wollen.

Max kam vor der Parkbank zum Stehen, verschränkte die Arme. Einen Augenblick lang stand sie nur dort, sagte nichts. Sie gab ihm Zeit für seine Gedanken, beobachtete ihn. Er war ein staksiger Junge in zu großer Kleidung, mit unruhigen Augen und nur ein paar Fusseln am Kinn. Er war noch jünger als Hahntritt, der auch noch ein Kind in ihren Augen war. Ein gefährliches vielleicht, aber ein Kind.

Wie heißt du?“, fragte sie.

Der Junge wich ihrem Blick aus, sah zur Straße, als ob er von dort Hilfe erwarten würde.

Was geht Sie das an?“, fragte er zurück.

Instinktiv griff Maxine in ihre Hosentasche. Dann fiel ihr auf, dass sie noch keinen Ersatz für ihren Dienstausweis bekommen hatte.

Sie überspielte es mit einem Grinsen.

„Du weißt verdammt genau, was mich das angeht“, sagte sie. „Du und deine zwei Kumpane, ich weiß, dass ihr es wart.

Dass wir was waren?“

Du weißt, wer ich bin, oder?“

Der Junge leckte sich über die Lippen.

Polizei.“

Max nickte.

Und du weißt, wieso ich hier bin?“, fragte sie.

Der Junge sah sie endlich direkt an. Ein kurzer, scheuer Blick, der ihre Zivilkleidung abtastete, ihre freien Oberarme und Schultern, ihre kurzen Haare.

Er grinste frech.

Keine Ahnung. Hab‘ den ganzen Nachmittag die Polizei gesehen. Haben die ne Leiche gefunden? War‘s wer, den ich kenne? War‘s ihre Mutter?

Spar dir den Scheiß, Kleiner, ich bin heut nicht in Stimmung dafür. Du weißt, weshalb ich hier bin?“

Einen Augenblick lang zögerte der Junge, verzog das Gesicht. Schließlich zuckte er mit den Schultern, brummte ein unverbindliches „uh-huh“ und sah wieder zur Straße hinüber.

Max kam noch näher. Nähe war der Schlüssel. Die meisten Menschen wurden nervös, wenn man etwas aufdringlich wurde. Man musste gar nicht aggressiv sein, sondern nur in ihre Privatsphäre eindringen. Ihnen zu nahe kommen, sie in ihrer kleinen Welt stören. Das war der Trick: Ganz nachlässig in die intimste Welt Anderer dringen.

Sie stellte ein Ben auf der Bank ab, dicht neben seinem.

Ein Grinsen verzerrte ihre Gesicht.

Rauchst du?“, fragte sie. Sie zog die Hand wieder aus der Tasche, zündete sich eine Zigarette an und lehnte sich soweit vor, dass sie die geplatzten Äderchen in seinen Augen sehen konnte. Er zuckte mit den Schultern, nahm die Kippe und steckte sie sich hinters Ohr, ohne sie zu rauchen.

Wir machen das so, Kleiner: Du sagst mir einfach, wo er ist…“

Wer?“, schoss der Junge sofort zurück.

Du weißt genau, wer.“

„Nicht die Spur einer Ahnung“, sagte er und leckte sich wieder über die Lippen. Sein Blick huschte wieder zur Straße. Er wartete auf jemanden.

Wie alt bist du? sechzehn? Gerade so noch jung genug für den Jugendknast, hm? Alt genug für eine längere Sitzung auf jeden Fall.“

Seine nervösen Bewegungen stoppten. Er fror ein wie ein Reh im Scheinwerferlicht. Offenbar mochte er es nicht, in die Ecke getrieben zu werden, konnte aber nicht viel dagegen tun. Weglaufen konnte er nicht, so dicht, wie Maxine ihm war. Und er konnte nicht handgreiflich werden, um sich zu befreien.

Er hatte Angst, aber kein Mittel dagegen.

Maxine musste ihm nur einen Ausweg zeigen, einen kleinen.

Wir machen das so, Kleiner: Du sagst mir, wo er ist und die Geschichte ist zu Ende. Ich schleife dich nicht auf‘s Revier und du siehst mich auch nie wieder. Außer vielleicht du steckst das nächste Mal in der Scheiße und mit der Hand in jemand anderes Tasche. Dann kann ich dir vielleicht sogar helfen.

Endlich sah der Junge sie wieder an. Länger diesmal. Und alles, was Maxine sah, war ein verängstigter, kleiner Junge mit ein paar Fusseln am Kinn und ein paar Jahren voller Pech und schlechter Entscheidungen.

Kann ich nicht“, sagte er.

Du kannst oder du willst nicht?“

Ich kann nicht. Keine Ahnung, wo er ist.“ Er blinzelte und sah wieder weg. „Von wem auch immer Sie reden.“

Dann fixierte der Junge einen Punkt hinter ihr. Maxine drehte sich halb um. Ein älterer Mann – der letzte der drei – kam von der Straße her auf sie zugeeilt. In seinen Händen eine Plastiktüte mit Bierdosen, in seinem Gesicht ein finsterer Blick.

Mit so einer Gewalt hielt er auf die Parkbank zu und so wild begann er zu gestikulieren, dass Max einen Schritt zur Seite machte, um nicht von ihm umgerannt zu werden und ihm frontal zu begegnen.


Gut, dass du da bist“, sagte Max und setzte wieder ihr überhebliches Grinsen auf. „Ich wollte deinem Kumpanen gerade erklären, wie ihr um den Knast rum kommt. Es ist eigentlich ganz einfach…“

Aber weiter kam Sie nicht. Der Ältere hielt gar nicht an für sie, sondern zog den Jungen einfach mit, packte ihn am Oberarm und zerrte ihn von der Bank. Fort von ihr. Max und ihre Proteste ignorierte er und schimpfte nur lauthals über die Schikane der Polizei. Laut genug, um einige Aufmerksamkeit zu erregen, sobald sie auf der Straße waren. Irre, aber klug: Einige Passanten warfen ihr garstige Blicke zu und Maxine blieb überrumpelt neben der Parkbank stehen, die verglimmende Kippe im Mundwinkel.

Sie bezweifelte, dass Sie die beiden je wieder sehen würde.

Die nächsten Tage zählten zu den zermürbendsten ihres Lebens. Sie war von der Arbeit freigestellt und zu bezahltem Urlaub verdonnert worden. Einmal hatte sie versucht, in ihrem Büro aufzutauchen, nur um von Andersen wieder vor die Tür gesetzt zu werden.

„Befehl vom Dekan“, sagte er, zuckte mit den Schultern und versprach, sie über alles wichtige auf dem Laufenden zu halten. Ja, er würde ihr auch Unterlagen vorbei bringen, wenn sie das unbedingt wollte – aber zuhause, nicht hier.

Im Sanatorium wich man ihren Fragen aus. Der Doktor Federer ließ ausrichten, die Sache sei sehr betrüblich. Man bedauere, Herrn Hahntritt derartig falsch eingeschätzt und Frau Schwarzbrunn in diese missliche Lage gebracht zu haben. Die Eskalation der Umstände sei enttäuschend und man habe vollstes Vertrauen in die exekutiven Prozesse der städtischen Polizei.

Eine Sackgasse für Maxine, die deswegen bald die Wände hoch ging, hatte sie doch gehofft, wenigstens der Doktor würde zu ihr stehen. Er hatte sie in diese Lage gebracht und könnte leicht Direktor Weißenfels überreden, sie offiziell darauf anzusetzen. Aber der Doktor hielt sich bedeckt und sie musste allein in ihrer Wohnung sitzen und anderen die Arbeit überlassen.

Nur, dass sie es zuhause nicht lange aushielt: Die gleiche bedrückende Stimmung, die sie beim Aufräumen von den Beinen gefegt hatte, blieb noch in der Wohnung. Sie konnte sich nicht in diesem Raum aufhalten, ohne alles durcheinander werfen zu wollen. Ihre Leseecke war befleckt, beständig wanderte ihr Blick zu dem Schreibtisch, der ohne ihre Unterlagen kahl aussah, nackt irgendwie.

Sie konnte nicht lesen, sie konnte nicht arbeiten, nicht einmal schlafen konnte sie. Bei jedem Geräusch schreckte sie hoch, lauschte für einen Augenblick, ob darauf heimliche Schritte im Flur oder das Knarren einer Schublade zu hören war, und legte eine Hand auf den Totschläger, den sie seit dem Vorfall besorgt hatte.

Also trank sie viel. Sie ging oft aus, manchmal in diese Bar oder jene. Zwei oder drei Mal ließ sie sich verführen, nur um die Nacht nicht zuhause verbringen zu müssen. Meist endete sie doch nur in ihrer Stammkneipe um die Ecke, einem schäbigen Lokal mit Eichenvertäfelung und rauchgegilbten Tapeten. Es war eine ziemliche Spelunke, die beinahe nur von Abschaum und Alkoholikern besucht wurde, aber Max hatte sie irgendwie ins Herz geschlossen. Im Gegensatz zu den angesagteren Bars der Stadt versuchte hier niemand, mit ihr zu flirten oder auch nur zu reden. Man saß im Dunkeln, sah Sport oder Nachrichten auf dem Fernseher über der Theke und versoff das Leben.

Und es gab eine kleine Küche, die sie vor dem Hungertod rettete.

Maxine saß an der Theke, etwa vier oder fünf Tage, nachdem sie freigestellt worden war – an die genaue Uhrzeit erinnerte sie sich später nicht mehr, schwor aber, es wäre erst nach drei Bier gewesen – als sie eine Stimme hörte.

Seine Stimme.

Die von Richard Hahntritt, ganz dicht in ihrem Rücken.

Max stellten sich die Nackenhaare auf, sie schüttelte den Kopf, als ob sie so diesen Gedanken daraus verscheuchen könnte.

Einbildung“, sagte sie sich und atmete tief ein. Die gleiche Angst wie bei dem Typen neulich Nacht. Dein Unterbewusstsein spielt Streiche. Ignorier es einfach, dann kann es nicht gewinnen.

Aber die Stimme verschwand nicht. Im Gegenteil setzte sie sich neben Sie an die Bar. Mit dem Gesicht von Hahntritt.

Hab gehört, Sie suchen nach mir“, sagte er.

Sie starrte ihn an. Er lächelte zurück.

Was zum Henker wollen Sie von mir?“, fragte Maxine.

Ihre Stimme war ein Knurren, ihre Knöchel wurden weiß beim Griff um ihr Glas.

Das wollte ich Sie eigentlich fragen. Robert meinte, Sie hätten vor ein paar Tagen nach mir gefragt. Dachte mir, ich bin ein anständiger und pflichtbewusster Bürger und schau, wie ich Ihnen behilflich sein kann.

Frau Kommissarin.“

Max hätte ihm am liebsten ihr Glas in den Rachen gestopft. Aber sie war im Urlaub. Und es gab zu viele Zeugen, um damit durchzukommen.

Für die ist es persönlich“, erinnerte sie sich an Wintersteins Worte, „aber nie für uns.

Also spülte sie ihre Wut hinunter, ehe sie daran erstickte.

Sie bemerkte, dass er anders gekleidet war, ordentlicher. Er war gekämmt, seine Kleidung sauber. Offenbar schlief er nicht mehr auf der Straße und es ging bergauf mit ihm.

Ich wollte wissen, was sie in meiner Wohnung verloren haben.“

Ich weiß nicht, wovon Sie reden.“

Spar dir den Scheiß, Richie. Wenn ich was in der Hand hätte, hätte ich deinen Arsch vor Tagen von der Straße gezerrt und das weißt du. Also: Wieso?“

Hahntritt zuckte mit den Schultern. Er bestellte etwas zu trinken und schien nachzudenken. Schließlich fand er zur Wahrheit.

Sie haben mich bestohlen“, sagte er. „Und Sie haben mich grundlos lächerlich gemacht vor Leuten, deren Respekt ich verdienen wollte. Das konnte ich nicht auf mir sitzen lassen.“

Maxine schnaubte.

„Ich habe dir deine Beute abgenommen, Richie, das ist wohl kaum Diebstahl.“

Hahntritt fuhr herum.

„Ich habe es verdient!“, zischte er. „Sie hat… Es war eine Bezahlung, eine faire, für saubere und legale Arbeit. Seltsam, aber legal.“

„Ehrliche Arbeit…“, sagte Max und schnaubte wieder.
Ich habe es nicht gestohlen“, sagte Hahntritt.

Maxine seufzte, schüttelte den Kopf. Eine absurde Situation, fand sie, und ihr unangenehm.

Sie schwieg und wünschte sich, dass Hahntritt gehen würde. Dass er sie in Ruhe lassen und sie mit ihrem Leben weiter machen könnte.

Wieso haben Sie für diesen Doktor Federer den Handlanger gemacht?“

Befehle“, sagte sie schlicht und zuckte mit den Schultern. „Der Direktor hat gesagt, ich soll ihm einen Gefallen tun, kleine Sache. Einen entlaufenen Irren zurück in die Klapse schleifen, bevor er Schaden anrichtet.“

Maxine lachte bitter.

„Stellt sich heraus, dass du nicht entlaufen bist, sondern der Herr Doktor nur seine Statistik aufhübschen will. Dachte mit ein wenig Druck würdest du von alleine wieder zu ihm gehen. Falsch gedacht.“

Das – und ich bin kein Irrer“, sagte Hahntritt.

Die ruhige Überzeugung, mit der er das sagte, ließ Maxine aufhorchen. Sie sah ihn an, die Stoppeln im Gesicht, die klaren, scharfen Augen.

Er hielt ihren Blick aus.

„Ich war nie bei einem Psychiater und nie in einer Anstalt.“

Du bist ein Lügner, Richie, und ein Dieb.“

Ein Dieb vielleicht, aber ich lüge nicht. Von diesem Doktor Federer habe ich noch nie gehört. Ich schwöre es. Ich habe diese Akte gesehen, die sie von mir hatten und für wen auch immer die ausgestellt worden ist: Nicht für mich.

Hören Sie, Maxine…“
Nenn mich nicht beim Namen“, zischte sie ihm zu. Ihre Augen waren enge Schlitze, der Griff um ihr Glas wieder fester geworden.

Hahntritt hob abwehrend die Hände. Im Flüsterton fuhr er fort:

Frau Kommissarin. Ich glaube, dass jemand uns beide an der Nase herum führt. Irgendetwas hier stinkt. Ich kenne diesen… diesen Doktor nicht, wer auch immer das sein soll, und nur ein paar Tage, nachdem ich aus meinem bequemen Platz im Schatten geholt werde, setzt der sie auf mich an? Kommt Ihnen das nicht verdächtig vor?“

„Das einzig verdächtige hier bist du, Richie, und dass du nicht im Gefängnis bist.“

Ich bitte Sie doch nur mir zuzuhören, wenn Sie mir schon nicht glauben. Das Geld, das Sie mir abgenommen haben, ich habe es von einer Frau bekommen, nur einige Tage zuvor, die nur von mir verlangt hat, dass ich über mein Leben erzähle und ich glaube sie und dieser Doktor…“

Max leerte ihr Glas, knallte es auf die Bar. Sie atmete ein, dann aus.

Mit einer fließenden Bewegung griff sie nach rechts, packte Hahntritts Hemd und schlug ihm mit dem Unterarm vor die Brust. Der Schwung riss ihn vom Hocker, sie sprang hinterher, landete auf ihm.

Der Aufprall trieb ihm alle Luft aus dem Leib. Er hustete, röchelte nach Luft.

Ihr Gesicht war über dem von Hahntritt, ganz nahe. Aus den Augenwinkeln sah sie die anderen Säufer in ihrer Kneipe. Köpfe hatten sich umgedreht, zwei Männer waren aufgestanden. Der Barmann kannte Max, seit einigen Monaten schon, und hielt die beiden mit einer Geste auf Abstand.

Max kauerte über Hahntritt, hielt ihn mit ihren Knien und ihrem Gewicht auf den Boden gepresst.

All die Wut, all ihr Frust, entluden sich an ihm.

Sie würde nicht das Opfer sein.

Hast du irgendeine Ahnung, was du mir angetan hast, du Ficker?“, sagte sie. Ihre Stimme war ein Knurren, tief, als schnappte sie nach seiner Kehle.

Alles was ich im Leben hatte, war dieser beschissene kleine Job, eine Aufgabe. Du hast das gestohlen, kleiner Dieb. Ich steh so kurz vor einer Internen wegen dir, dass ich beurlaubt wurde.

Ich hab nichts zu tun, außer dir das Leben zur Hölle zu machen. Verstehst du das?

Lass mich in Frieden. Verpiss dich.

Oder ich mach dich fertig.“

Als Max wieder über ihm stand, blieb Hahntritt atemlos am Boden liegen. Sie rückte sich ihre Jacke zurecht, fuhr sich durch die Haare, die ihr in die Stirn gefallen waren. Ein Blick durch die Kneipe zeigte ihr eine Mischung aus Amüsement über den „kleinen Dieb“ und Schock über ihre Aggressivität. Sie ignorierte es.

Sie ging zur Tür, deutete mit dem Daumen auf den am Boden liegenden.
„Er zahlt meine
n Deckel für heute“, sagte sie und ging.

Irgendwohin, nur nicht nach Hause.

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