Schuld und Sünde – Teil VII: Das Gesicht der Maxine Schwarzbrunn

Maxine Schwarzbrunn sah aus, als hätte sie in eine Zitrone gebissen und auf der gummiartigen Schale herum gekaut, bis nicht mehr als eine geschmacklose Masse davon übrig war.

Sie saß auf einem ungepolsterten Holzstuhl in ihrem Revier und ballte die Hände abwechselnd zu Fäusten und entspannte sie wieder. Eine sinnlose, leere Geste, die sie beschäftigt und vom Denken abhielt. Sie kaute auf nichts herum, mahlte mit den Kiefern. Nichts wünschte sie sich mehr als eine Zigarette – abgesehen vielleicht davon, den Hals von diesem kleinen Dieb in ihre Finger zu bekommen.

Den halben Nachmittag hatte sie dort gesessen, auf die weiße Wand gestarrt. Und ihre Fäuste immer wieder geballt und entspannt. Abwechselnd erst die eine, dann die andere. Ihre Kollegen hatten sie aus ihrer eigenen Wohnung geworfen. Zu viel Ablenkung, zu wenig Hilfe.

Also saß sie im Präsidium und starrte auf die Wand vor sich. Oder auf das Schildchen neben der Tür, auf dem Dezernatsleiter Arthur Winterstein zu lesen war.

Max musste mit ihm reden. Wenn er schon nicht mit ihr reden wollte.

Ab und an kam ein Kollege vorbei – derselbe, der sie her gefahren hatte – und brachte Kaffee, fragte, ob sie etwas brauchte. Unnötige Fragen. Eine Zeitverschwendung, diese ganze Warterei. Sie wusste, wer es gewesen war. Winterstein würde es wissen. Das ganze Prozedere von Spurensuche und Protokollierung befriedigte nur sich selbst.

Sie wollte raus gehen und etwas tun. Nicht unbedingt gegen Hahntritt, aber gegen irgendjemanden. Irgendjemand musste büßen. Aber niemand erlaubte es ihr. Also saß sie dort, auf diesem Stuhl vor der Dezernatsleitung, und ballte und entspannte ihre Fäuste abwechselnd. Erst die eine, dann die andere.

Den halben Nachmittag lang.

Dann, endlich, öffnete sich die Tür. Ein rotes Gesicht mit weißem Backenbart schaute heraus, suchte sie, fand sie dort sitzen, schnauzte „Schwarzbrunn“ und verschwand wieder.

Max folgte ihrem Vorgesetzten in sein Büro.

Es war geschmackvoll eingerichtet, nicht so minimalistisch wie ihres. Das alte Holz, die Lederbespannung der Möbel und der Geruch nach Zigaretten – obwohl das Rauchen in öffentlichen Gebäuden auch für hochrangige Beamte seit einigen Jahren bereits verboten war – verrieten einen Unterton im Charakter von Winterstein, den sie sehr mochte. Eine genießerische Note, die auch einen Arbeitsplatz als etwas persönliches empfand. Er war ihr, trotz seiner Art, sympathisch. Ihr entging auch nicht, dass er hinter dem massiven Sekretär Platz nahm, den sein Sessel mit der hohen Lehne wie ein Thron überragte.

„Setzen Sie sich, Schwarzbrunn“, sagte Winterstein und deutete auf einen der Sessel vor sich. Dunkles Holz, mit grünem Leder bespannt und gepolstert.

Danke sehr.“

Der alte Mann musterte sie, so wie einige ihrer Kollegen die Leute ansahen, die hierher kamen, um Gewaltverbrechen aufzugeben. Die Opfer von Schlägern und Vergewaltigern.

Max biss die Zähne zusammen. Sie wusste, welche Frage gleich kommen würde. Die gleiche Frage, die immer kam.

„Wie geht es Ihnen?“

Gut“, sagte Max. Sie blinzelte, atmete tief ein, tief aus. Dann zwang sie ihre mahlenden Kiefer auseinander.

„Also den Umständen entsprechend. Ein wenig durch den Wind, aber alles in allem in bester Verfassung. Hochmotiviert. Bin voll bereit, es dem Kerl zu zeigen und die Sache heute noch anzugehen.“

Wintersteinzog seine buschigen Brauen hoch.

Das ist nicht ihr Fall. Sie sollten die Sache ruhig angehen lassen, Schwarzbrunn.

Aber es war meine Wohnung!“

Eben deswegen ist es unethisch, sie dort einzusetzen. Sie sind nicht neutral und ich denke wir sollten uns erst einmal um Sie kümmern. Andere werden dem Einbruch nachgehen. Genau für solche Fälle haben wir ja Arbeitsteilung.

Max ballte wieder die Fäuste. Fast hätte sie geknurrt, besann sich aber und schlug sich nur auf die Oberschenkel.

Dezernatsleiter Winterstein, bei allem gebührenden Respekt. Ich weiß, wer es war. Sie wissen, wer es war. Wieso lassen Sie mich nicht einfach ihn festnehmen? Lassen sie Andersen ihn festnehmen, meinetwegen, wenn es Ihnen um Befangenheit geht. Eine Stunde Verhör und er spuckt alles aus. Ich verspreche es.“

Das ist keine Frage des Respekts, Schwarzbrunn, außer vielleicht vor dem Protokoll und den Regeln. Die gibt es aus einem Grund: Um Emotionalität zu vermeiden.

Ich bin nicht…“, sagte Max, seufzte dann aber. Sie zwang sich zur Ruhe, presste sich förmlich in das Polster ihres Sitzes. Die Hände legte sie auf den Armlehnen ab, spreizte sie. Dann sagte sie so ruhig, wie sie es konnte:

Ich weiß, dass er es war. Er will sich rächen, weil ich ihn hochgenommen habe, oder weil er gestört ist und einen Schuldigen braucht und ich stand gerade genug im Weg herum, um jetzt dran zu sein. Er hat meinen Ausweis gestohlen – gestohlen, denn ich glaube nicht, dass ich ihn zufällig am selben Tag verloren habe, wie er mir über den Weg lief – und daher leicht heraus finden können, wo ich wohne, wo ich arbeite. Seit einer Woche etwa lungern Leute vor meinem Haus. Ich weiß, dass sie mit ihm zu tun haben. Ich weiß, wie wir ihn kriegen, ich bitte Sie. Lassen Sie mich etwas Druck auf die Typen ausüben, dann führen die uns hin. Einen Tag, höchstens.

Winterstein schüttelte nur den Kopf, er dachte nicht einmal über ihren Vorschlag nach.

Selbst wenn Sie recht haben sollten, Maxine – und wir werden das prüfen, verlassen Sie sich darauf: Wir lassen niemanden hier zurück, ja? – kann ich sie nicht darauf ansetzen. Das ist nicht ihre Fall.“

Mit Verlaub, aber das ist es. Doktor Federer hatte mich darum gebeten und Sie selbst haben mir den Auftrag von Direktionsleiter Weißenfels erteilt, dieser Bitte nachzugehen. Es ist meine Wohnung, die da geplündert worden ist. Nicht zufällig, sondern ganz gezielt meine Wohnung. Nichts ist gestohlen worden, kein Geld, keine Wertsachen, keine Schränke durchwühlt worden. Nur Ermittlungsunterlagen sind gestohlen worden.

Er wusste, wonach er suchte, und es hat mit dieser Bitte an mich zu tun.

Maxine hatte gut darüber nachgedacht, hatte es sich in den letzten Stunden, seit ihrer Heimkehr und der Ankunft der Kollegen, mehrfach durch den Kopf gehen lassen.

Projizierte Auto-Aggression“, dachte Sie. Die Unfähigkeit Hahntritts, sich selbst als verantwortlich an seinem Leben zu akzeptieren. Selbsthass, den er an anderen ausließ. In seiner Wahrnehmung hasste Sie ihn, weil er sein Leben verkorkst hatte. In seiner Wahrnehmung war es gerechtfertigt, sie dafür zu hassen, seine Wut gegen sich selbst an ihr auszulassen, damit er diese Schuld nicht annehmen müsste.

Er musste es gewesen sein. Vor allem war er nicht im Sanatorium aufgetaucht, das wusste sie von einem Anruf von vor einigen Tagen.

Dezernatsleiter Winterstein ließ einen Seufzer hören. Er öffnete eine Schublade seines Sekretärs, zog eine Packung Zigaretten heraus und hielt Max eine davon hin. Es war ein Abend für solche Sachen.

Ich glaube Ihnen“, sagte er, während er die Zigarette anzündete. „Ich glaube Ihnen nicht nur, dass Sie es glauben, Frau Schwarzbrunn. Ich glaube Ihnen auch, dass dieser Delinquent, um den Sie sich kümmern sollten, der Einbrecher war.

Unglücklicherweise ändert das nichts an den Tatsachen.

Tatsache ist, dass dieser junge Mann ein Alibi hat, das zu widerlegen überaus schwer werden wird. Sehen Sie mich nicht so an. Herr Beiß – der Besitzer des Industrieparks – hat vor einer Viertelstunde mit mir telefoniert. Er schwört Stein und Bein, heute gegen Mittag ein Vorstellungsgespräch von Herrn Hahntritt überwacht zu haben.“

Der Dezernatsleiter betrachtete die glimmende Spitze seiner Zigarette, schüttelte das Haupt.

Wir werden diese Angelegenheit also strengstens nach Vorschrift behandeln, ist das klar? Dass Sie diese Unterlagen überhaupt mit in ihre Unterkunft genommen haben, ist ein dienstrechtliches Vergehen sondergleichen“, sagte er.

„Herr Doktor Federer…“

„Ist nicht Ihr Vorgesetzter, Maxine. Wenn der feine Herr Anstaltsleiter medizinische Unterlagen mit Ihnen teilt, ist das sein Problem. Sie haben vertrauliche Unterlagen in ihre Privatwohnung mitgenommen. Unterlagen, die dem Dienstgeheimnis unterliegen. Die der Doktor Ihnen gar nicht erst ohne gerichtliche Anordnung hätte übergeben dürfen. Selbst, wenn Sie gestohlen worden sind… Gerade, weil sie gestohlen worden sind, ist die ganze Angelegenheit eine einzige Ethikuntersuchung, die nur einen Windhund davon entfernt ist, das halbe Revier auseinander zu nehmen. Sie, mich, ihre Kollegen.

„Irgendetwas muss ich doch tun“, sagte Maxine. „Irgendetwas, ich bitte sie! Wir können das nicht auf uns sitzen lassen. Ich kann das nicht auf mir sitzen lassen. Sie wissen, wie das läuft, der Junge wird nicht aufhören. Der ist ein Delinquent, eine… eine… catilinarische Existenz. Der ist erst zufrieden, wenn er alles zerstört hat, was ihm einfällt.“

Werden wir, verlassen Sie sich drauf. Aber nicht Sie. Sie werden nichts tun. Das ist ein Befehl, Schwarzbrunn.“

Maxine sackte in ihren Sitz zurück.

„Maxine“, sagte Winterstein wieder etwas versöhnlicher. „Maxine, sehen Sie mich an.“

Widerwillig hob Sie den Blick. Der Leiter des Dezernats Lichtenbergwar ein älterer Herr, Backenbart, Bürstenhaarschnitt. Eingefallen und aufgedunsen gleichermaßen. Seine grünen Augen waren blutunterlaufen, aber scharf.

„Sie sind jung, das ist gut. Bewahren Sie sich das. Aber wissen Sie, wie lange ich diese Arbeit schon mache?“

Dreißig Jahre.“

Dreißig. Jahre. Glauben Sie, mir ist das noch nie passiert? Jedem im Dezernat ist das passiert. Jedem. Einzelnen. Unsere Kunden sind Abschaum. Sie wussten das, als Sie sich diesen Job ausgesucht haben, oder?“

Max blickte zur Seite weg, suchte nach einer höflichen Antwort.

Schließlich nickte sie nur.

„Mörder. Vergewaltiger. Drogenhändler. Menschen ohne Gefühl, ohne Sinn und Verstand. Vor zwanzig Jahren hatte ich mit einer kleinen Bande zu tun. Sehen Sie mich an, Maxine.

Eine kleine Bande. Beinahe bedeutungslos für das große Ganze, kleine Fische im Meer von Verbrechen. Die festzunehmen hat die Kriminalitätsrate um vielleicht ein halbes Prozent verbessert, wenn überhaupt. Kleine Fische für uns. Für die aber… war es alles, was sie hatten. Und sie hatten Angst, es zu verlieren. Wie Tiere in die Ecke getrieben, haben sie zu beißen angefangen. Sind in mein Haus eingebrochen, haben mir Dinge untergeschoben. Wollten mich mit sich runter ziehen oder dazu bringen, sie laufen zu lassen.

Hat nicht funktioniert, natürlich nicht, ich habe die Untersuchungen durch interne Ermittlungen ertragen. Die Interviews, die Befragungen, die Zweifel an einem makellosen Dienst, bei dem jeder Schritt notwendig war um die Scheiße dieser Stadt jeden Tag neu weg zu spülen.

Aber meine Familie nicht. Hat sich nie wieder sicher in dem Haus gefühlt, in dem ich aufgewachsen bin. In dem mein Vater aufgewachsen ist. Heute besitze ich weder das Haus noch die Familie.

Ihr erster Fall war ein Dieb. Seien Sie froh, dass es nichts schlimmeres war.“

Er winkte ab.

Sie sind für heute entlassen, Schwarzbrunn. Gehen Sie nach Hause. Räumen Sie auf, dekorieren Sie die Wohnung um, reißen Sie alles heraus, was Sie an diesen Vorfall erinnert, und ersetzen Sie es durch etwas neues. Beschaffen Sie sich einen Hund, die Gesellschaft wird Ihnen gut tun. Für die ist das eine persönliche Angelegenheit, aber nicht für uns. Für uns ist es rein geschäftlich.

Vergessen Sie das nie.“

Max erhob sich. Sie drückte die Zigarette im Aschenbecher aus, bedankte sich bei Dezernatsleiter Winterstein für seine Zeit und versprach, seinen Rat zu befolgen.

Der Weg nach Hause war lang, länger als sonst. Sie fühlte sich unwohl in der Öffentlichkeit. Beobachtet, selbst wenn alle Leute in der Bahn nur in ihre Mobiltelefone und Zeitungen blickten.

Das Gefühl wurde schlimmer, als sie ihre Wohnung betrat. Das Schloss war ausgetauscht worden, die Kollegen hatten nur ein paar Fotos gemacht, ohne sich durch ihr Leben zu wühlen. Andersen hatte nicht einmal einen Kommentar über ihre Lektürevorlieben abgelassen.
Die Zimmer waren noch genau so, wie sie immer waren. So, wie Maxine sie nach dem Einbruch vorgefunden hatte. Und trotzdem hatte sie gewusst, dass jemand dagewesen war.

So, wie sie es jetzt wusste, mit absoluter Sicherheit.

Für einen Augenblick der Ewigkeit, starrte sie nur. Starrte in ihre Wohnung, ihr Wohnzimmer. Sie versuchte, sich alles anders vorzustellen. Umgeräumt, neu eingerichtet von Geld, das sie nicht hatte, nach einem Geschmack, der ihr gleichgültig war.

Ohne diese Beschmutzung durch den Einbruch.

Aber sie konnte es nicht. Der Gestank klebte an allem, nicht nur der Einrichtung. Die Wohnung selbst war befleckt. Es war ein Schmutz, den sie nicht abwaschen konnte. Sie versuchte es. Sie versuche, ein wenig aufzuräumen, begann sogar damit Bücherstapel aus den Regalen zu holen, ihre Chaiselongue zu verrücken und Platz zu schaffen.

Dann hörte sie wieder damit auf, setzte sich in die Mitte des nun von Büchern bedeckten Fußbodens, zog die Beine an und atmete tief ein. Aus. Wieder ein.

Endlose Minuten versuchte sie nur zu atmen und nicht an dem Gestank ihrer Wohnung zu ersticken.

Ihre Hand knallte auf das Parkett. Der Schmerz holte sie zurück. Das Stechen in der Unterseite ihrer Hand übertönte ihre Zweifel. Es übertönte den Mist, den man ihr einreden wollte.

Maxine Schwarzbrunn, sagte sie sich, ist kein Opfer. Und sie würde sich nicht zu einem machen lassen.

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