6Noch am nächsten Tag entwurzelte Richard sein Leben einmal mehr. Er suchte die Bande an Dieben und Halunken an ihrem üblichen Treffpunkt auf und erzählte ihnen so viel von seinem Plan, wie sie wissen mussten: Sie würden weiterer Schikane entgehen, den Standort wechseln und die Verluste der letzten Woche anders ausgleichen.

Etwas mehr als die Hälfte der Gruppe verließ ihn. Sie würden ihr Glück anderswo versuchen sagten sie. Mit Anderen, die nicht gleich den Schwanz ein kniffen. Richard schrieb sie ab, ohne ihnen nach zu trauern. Besser, einen klaren Schnitt zu machen, besser, unbeeindruckt und kalkulierend zu wirken.

Zwei aber kamen mit und er war ihnen unendlich dankbar, auch wenn er es nicht zeigte.

Die Gegend, in die Richard und seine zwei letzten Freunde zogen – Willem und Robert hießen die beiden – lag im Osten der Stadt. Einige Kilometer Luftlinie von ihrem letzten Platz an der Spree entfernt. Es gab keine Touristen dort und wenig Besucher. Eine Wohngegend, in der sich Mietskaserne an Mietskaserne reihte, nur unterbrochen von einzelnen Kirchen, asbestverseuchten Schulen und kleinen Einkaufshallen.

Sie würden etwas anderes versuchen, sagte Richard, und die Taschendiebstähle sein lassen. Stattdessen würden sie ein Haus beobachten. Das dort, direkt an dem kleinen Park mit den blauen Bänken, in dem sie für eine Weile lagern würden. Die Nummer 13. Die Schlampe von neulich, sagte er, wohnte dort.

Willem, der etwas älter war, beschwerte sich darüber. Solche Dinge brachten kein Geld und selbst er hätte besseres zu tun, als Löcher in die Luft zu starren. Er lenkte erst ein, als Richard ihm eine fixe Summe binnen einer Woche versprach. So lange er auf ein paar Tage versorgt wäre, würde er hier bleiben. Dann könnte er immer noch gehen.

Der jüngere Robert war leichter zu handhaben – er zog ohne Umstände mit. Er suchte wohl mehr den Anschluss und wollte ein paar Tricks lernen, als alles Andere. Wenn er nicht selbst irgendwo einsteigen müsste, wäre er für einen üblichen Anteil dabei.


Für die nächsten Tage lagerten sie in diesem kleinen Park herum, tranken und vertrieben sich die Zeit. Hin und wieder ging Richard fort, kam mit Essen und mehr Vodka und Korn wieder. Noch waren die Nächte warm, auch wenn sie bald eines Morgens aufwachen und Frost vorfinden würden.

Es war leichte Arbeit, die fast angenehm hätte sein können. Trotzdem war Richard nervös.

Immer, wenn Maxine Schwarzbrunn kam oder ging, überlief es ihn kalt.

Die Polizistin kannte sein Gesicht. Einerseits würde sie das misstrauisch machen, wenn sie ihn hier sehen würde. Andererseits war das auch gut so. Sollte sie seine Visage einmal in der Nähe ihrer Wohnung sehen. Sollte sie ruhig wissen, dass er etwas vorhatte. Dass er sich wehren würde, wenn sie so mit ihm umsprang. Solange er sich nicht beim Einbruch selbst festnehmen ließ, wäre er unantastbar. Das hatte Melissa ihm zugesichert. Sie kenne jemanden, dessen Wort mehr zählen würde als das einer kleinen Kriminalbeamten.

Trotzdem war ihm bei diesen Blicken unwohl, mit dem seine Schergen und er selbst die Frau verfolgten. Das war anders als die Taschendiebstähle, die er gewöhnt war. Das hier war keine Jagd, es war ein Hinterhalt, ein Lauern.

Drei Räuber, die im Gebüsch auf eine nicht gerade unschuldige, aber doch junge Frau lauerten und ihr Leben beobachteten. Nicht nur ihre Brieftasche.

Sie hatte keinen Hund. Keinen Freund und keine Frau. Sie verließ die Wohnung alleine und kehrte oft alleine zurück. Höchstens hatte sie eine Katze, um sich die Einsamkeit zu vertreiben – jedenfalls nichts, um das sich Richard sorgen müsste. Ihre Tage verliefen alle gleich: Sie verließ das Haus im späten Morgengrauen, gegen 6Uhrund kehrte am frühen Abend wieder. Manchmal ging sie noch einmal fort, wohl in eine Bar oder zu einer Verabredung. Wenn sie einer Begleitung zurück kehrte, dann mit wechselnden Personen, die niemals bis zum Morgen und höchstens für einige Stunden blieben. Das Wochenende verbrachte sie mit Einkäufen und einem Nachmittagsausflug irgendwohin.

Sie schien ein einsames, arbeitsames Leben zu führen.

Ein Glücksfall.

Fünf Tage nach ihrer Ankunft sah Richard den Zeitpunkt gekommen. Er informierte Willem und Robert über ihre Positionen: Der Ältere sollte auf der Parkbank sitzen und Ausschau halten, der Jüngere am Eingang des Treppenhauses als Verbindungsmann dienen und bei Gefahr hinauf rufen. Nicht ideal, dachte Richard, aber es würde reichen.

Den Einbruch selbst ging er alleine an. Richard hatte einen Sperrhaken besorgt, ein einfaches Werkzeug, um Schlösser aufzubrechen. Im Zweifelsfall würde Gewalt den Rest erledigen.

Im Treppenhaus flirrte die Luft, verstopfte ihm die Kehle. Er begann unter seinen Handschuhen zu schwitzen, erste Zweifel zu haben. Schon der Weg in den zweiten Stock, wo die Wohnung der Polizistin lag, ließ ihm Schweiß den Rücken runter laufen.

Einen Moment lang wartete er, lauschte auf Geräusche aus den anderen Wohnungen. Nichts. Trügerische Stille, fand er, und machte sich an die Arbeit.

Das Schloss weigerte sich für endlose Minuten, nachzugeben. Es biss sich an der Tür fest, knurrte gefährlich auf, als Richard mit seinem Eisen ansetzte. Mit einem verletzten Jaulen schnappte es schließlich beiseite, verwundet und getreten. Ein nutzloses Stück Metall, das jedem Vorbeigehendem sein Leid und einen Einbruch klagen würde.

Das Treppenhaus vibrierte noch und Richard dachte, jeden Augenblick würde ein Bewaffneter die Treppe hinunter poltern, um ihn fest zu nehmen.

Er huschte in die Wohnung.

Einen Augenblick erstarrte er, wagte es nicht zu atmen. Er lauschte. Auf Geräusche aus dem Flur, im Rest der Wohnung. Ob nicht doch jeden Moment eine Gestalt aus einer dunklen Ecke stürmen und ihm einen Schlagstock in den Nacken hauen würde.

Aber nichts öffnete sich, nichts schrie Gefahr. Nicht einmal eine Katze sprang aus den Schatten.

Richard entspannte sich. Er lehnte die Tür hinter sich an und nahm die Wohnung in Augenschein. Eine Altbauwohnung, eine kleine. Gerade zwei Zimmer, eine Küche, und ein Bad gingen vom Flur ab. Sie hatte hohe Decken, in denen jeder seiner Atemzüge hallte, und zerrissenes Parkett, auf dem jeder seiner Schritte knarrte. Das erste Zimmer war das Schlafzimmer, spartanisch eingerichtet. Ein kleines Bett für eine Person, ein Nachttisch und ein Kleiderschrank, der eine Ecke des Zimmers einnahm. Sonst nur leerer Raum, der sich im Ganzkörperspiegel des Schranks verdoppelte.

Der Nachttisch war leer bis auf ein Buch – Harry Keogh: Das Tagebuch eines Lebemannes – und eine Leselampe. Kein Schmuck, keine persönlichen Gegenstände. Nicht einmal Sexspielzeug.

Das Badezimmer lag gegenüber und war ebenso minimalistisch. Ein kleines Regal mit Tiegelchen und Flaschen über dem Waschbecken, undekoriert weiße Keramik. Kein Spiegel.

Er warf einen Blick hinein, dann ging Richard weiter ins Hauptzimmer. Das eine Zimmer, das halbwegs eingerichtet schien.

Maxine Schwarzbrunn verfügte über keinen Fernseher, nicht einmal eine Couch. Eine Wand des größeren Raums wurde von Bücherregalen eingenommen – noch mehr Schmutz wie der von Keogh auf ihrem Nachttisch: Ben Gärtner, Anaïs Nin; E.L.James. Schund, den Richard als Frauenliteratur abtat und nicht weiter beachtete.

Unter den Fenstern, die zur Straße und auf den Park hinunter blickten, stand eine Liege. Eine Chaiselongue, hätte jemand gesagt, der etwas mehr von solchen Dingen verstünde. Darauf eine Reihe an Decken und Bücher verteilt, offenbar Fräulein Schwarzbrunns Abendbeschäftigung. Richard sah aus dem Fenster und überblickte den Park. Einige Male hatte er eine Gestalt – Schwarzbrunn offenbar – am Fenster gesehen. Sie musste ihn gesehen haben, oder jedenfalls das Trio an Räubern, die sich seit fast einer Woche im Park nieder gelassen hatten. Aber auf diese Entfernung konnte man keine Gesichert ausmachen. Richard sah Willem auf seiner Bank im Park sitzen, hätte ihn aber nicht erkannt, wenn er ihn nicht selbst dorthin gesetzt hätte. Sie nickten sich zu, dann zog Richard sich zurück.

Die andere Ecke des Zimmers wurde von einem Regal und Schreibtisch eingenommen, einem schmalen Ding mit Stelzen als Beine, das unter einem Berg an Papieren wackelig wie ein junges Reh wirkte.

Wenn Richard irgendetwas von Wert oder Interesse finden würde… dann dort. Der Rest der Wohnung schien rein funktional zu sein, nur dazu da, um die Polizistin Maxine Schwarzbrunn schlafen, essen und sich entspannen zu lassen.

Richard begann, die kleinen Regale neben dem Schreibtisch zu durchsuchen. Er arbeitete rasch, verließ sich auf seinen Diebesblick, obwohl er nicht genau wusste, wonach er suchte. Geld, hauptsächlich. Etwas, das den Verlust wett machen würde, den er erlitten hatte, vielleicht noch ein wenig mehr. Irgendetwas, das er den Jungs im Triumph zeigen könnte, das über den psychologischen Sieg über die Polizistin hinaus gehen würde.

Aber er fand nichts.

Kein Geld, nirgendwo. Nichts in einer brauchbaren Größe.

In einer kleinen Schatulle fand sich Kleingeld, ein paar ausländische Münzen und Tand aus Urlauben. Keine Wertpapiere. Keine Kreditkarten.

Und nicht die paar hundert Euro, die sie ihm gestohlen hatte. Die er zurück wollte.

Bankunterlagen und Kontoauszüge fand er, die seine Hoffnung noch weiter sinken ließen. Schwarzbrunn besaß gar nichts. Jedenfalls nicht genug, um Geld dieser Größenordnung herum liegen zu lassen. Das wenige, was sie besaß, war in Versicherungen angelegt, Sparkonten… Sie war, soweit es bewegliche Finanzmittel anging, so arm wie er. Noch schlimmer: In der letzten Woche waren keine paar hundert Euro auf ihren Konten eingegangen.

Sein Blick fiel auf die Unterlagen auf ihrem Tisch. Es sah wie Arbeit aus, die sie mit nach Hause genommen hatte. Nicht, dass er gewusst hätte, wie Arbeit aussah. Aber es waren Stapel von Papierheftern und -ordnern und einzelne Blätter, die dazwischen geklemmt waren. Ein Haufen von wertlosem Polizeimist.

Richard sank auf den Boden zurück, plumpste auf das Parkett wie ein nasser Sack.

Wo war das Geld hin? Sie konnte… Sie konnte es unmöglich wirklich weg gegeben haben? Es konnte nicht so sein. Das war absurd. Idiotisch. Nur ein Schwachkopf würde in ihrer Situation ein paar hundert Mäuse weg werfen, um einen Fall wie ihn zum Therapeuten zu bekommen. Oder ein Idealist, was auf‘s selbe raus kam. Und die Polizistin, die ihn letzte Woche vor versammelter Mannschaft demontiert hatte, schien keines von beidem zu sein.

Irgendetwas hier war falsch. Irgendetwas hier war unfair und hinterhältig.

Er starrte auf das Regal, in dem für ihn nichts von Wert zu finden war. Umsonst, alles umsonst. Ein sinnloser Einbruch, sinnloser Ärger.

Fast schmerzhaft spürte er den Schweiß auf seiner Haut, wie die Hitze seinen Pulli hoch kroch, unter seinen Handschuhen kochte. Es begann, ihn in den Fingern zu jucken.

Richard sprang auf, schlug zu. Das Regal bebte, die Papiere darin schüttelten sich. Es war das einzige, was er tun konnte – Dokumente das Fürchten lehren.

Miststück!“, sagte er und schlug erneut zu.

Was, war sie besser als er? Weil Sie Geld nicht behielt, selbst wenn sie es gestohlen hatte? Doppelt gedemütigt und bestohlen stand er dort und wusste nicht, was anzufangen sei.

Richard warf einen giftigen Blick zur Tür. Beinahe bedauerte er, dass die Polizistin ihn nicht in diesem Moment überraschte. Es hätte ihm etwas gegeben, woran er seine Wut hätte auslassen können.

Das Regal war ein zu dankbares – und irgendwie unschuldiges – Opfer.

Aber schadlos musste er sich halten, sonst war alles für die Katz. Dann hätte er auch weglaufen können vor einer Woche und sich alles hier ersparen können. Er musste sich an ihr rächen, wenn er schon nicht sein Geld zurück bekam. Irgendetwas musste er stehlen, etwas wichtiges, sonst wäre es um seinen Ruf geschehen.

Und er ertrüge nicht, diese verächtlichen Blicke noch einmal zu sehen. Das war überhaupt erst der Grund, der ihn zu diesem Scheißleben geführt hatte. Nein. Er musste etwas tun, irgendetwas, um sein Gesicht zu wahren.

Er sah wieder zu den Stapeln auf ihrem Tisch. Mit einer Hand warf er sie zur Seite, verteilte sie im halben Raum.

Mit einem Blick überflog er sie, suchte nach irgendetwas, irgendeinem Hinweis…

Und fand ihn.

Eine Akte. Mit seinem Namen drauf. Er hatte noch nie eine Polizeiakte in den Händen gehalten, ganz besonders nicht seine eigene.

Er fiel auf die Knie, schlug sie auf.

Dort, auf der ersten Seite, standen sein Name, sein Geburtsdatum. Und ein Einlieferungsschreiben in ein „Sanatorium Schlüsselburg“. Eine Irrenanstalt, in der er angeblich für Monate eingesessen hatte. Richard verstand kaum die Hälfte der Dinge, die dort über ihn gesagt wurden. „Komplexe Schizophrenie“. „Paranoische Anlagen“. „Projizierte Auto-Aggression“. Nur ein Wort verstand er: Paranoid. Irgendein Quacksalber, den er nicht kannte, erklärte ihn für paranoid. Und hier vor sich hatte er den Beweis dafür, dass jede Paranoia gerechtfertigt wäre.

Sein Herz drohte zu zerspringen, er fühlte sich leicht im Kopf. So musste es sich anfühlen, wenn man wirklich verrückt wurde, wenn man nur den Drang hatte, zu lachen und umzufallen, weil alle Welt irgendwie schief war. Wie aus den Angeln gehoben.

Richard wusste nur noch eine Sache. Einen festen Punkt hatte er, daran erinnerte er sich in diesem Moment, als er auf ein psychologisches Gutachten starrte, dass ihm „aggressive Tendenzen“ und „problematische Persönlichkeitsstruktur“ attestierte:

Er war mit Sicherheit nie in irgendeiner Anstalt gewesen. Und er würde heraus finden, wer solche Lügen über ihn verbreitete und wieso.

Seine Hände zitterten. Sein Blick huschte zum Fenster, hinter dem er den Park erahnen konnte, dann zur Eingangstür, die vom Treppenhaus her deutlich sichtbar aufgebrochen war.

Er hatte nicht zu viel Zeit. Nicht genug, um sich diese Zweifel leisten zu können.

Richard stopfte den Hefter in seine Jacke und sprintete aus der Wohnung. Sein Herz raste, seine Schritte polterten auf dem Parkett, dass er glaubte sie müssten im ganzen Block zu hören sein.

Erst kurz vor dem Ausgang zügelte er sich, fiel in einen Trab. Er ging an Robert vorbei, gab ihm nur ein kurzes Handzeichen, dass er in fünf Minuten folgen sollte.

Vorbei an Willem, der auf seiner Parkbank saß und mit neugierigem Blick zu ihm aufsah. Richard klopfte sich auf die Jackentasche zum Zeichen, dass er etwas eingesteckt hatte. Der ältere Dieb schüttelte nur den Kopf: Niemand war gekommen oder gegangen. Alles war ruhig.

Richard machte sich auf den Weg, um so weit wie möglich von der Wohnung zu verschwinden.

Sechsundzwanzig Minuten. Sechsundzwanzig Minuten hatte Richards Spuk gedauert und war ereignislos verlaufen. Das Geld war dahin, aber die Nachricht war angekommen, laut und deutlich: Don‘t fuck with me. Ich weiß, wo du wohnst.

Es war eine Schande, dachte er, dass er Fräulein Schwarzbrunns Gesicht nicht würde sehen können, wenn sie von der Arbeit zurück kam.

Willem und Robert würden ihm davon erzählen müssen – er musste derweil alles über ein Sanatorium Schlüsselburg heraus bekommen.