Schuld und Sünde – Teil V: Ein Moment der Schwäche

Zentimeter um Zentimeter öffnete Richard die Tür zur Wohnung. Als fürchtete er jedes mögliche Geräusch, als fürchtete er selbst den Lichtstrahl, der durch den Spalt aus dem Hausflur in das Vorzimmer fiel. Er sah über seine Schulter, den Gang mit seiner endlosen Anzahl an Nischen und Winkeln und durchnummerierten Türen entlang. Dann die andere Seite.

Nichts zu sehen außer PVC-Gummi-Böden mit seiner endlosen Wiederholung von Mustern ohne Ziel und Anfang und das kranke Licht der Glühbirnen.

Richard huschte durch den Spalt hinein, schloss die Türe hinter sich so leise, wie er sie geöffnet hatte, und atmete endlich wieder. Er ließ von Innen den Schlüssel stecken, warf Jacke, Tasche und Schuhe alle in die selbe Ecke und schleifte sich in das einzige Zimmer seiner Wohnung. Dort warf er sich auf die Schlafcouch und starrte auf die dunkle Zimmerdecke.

Das wurde langsam eine Art Ritual für ihn. Ein Tick, den er nicht ablegen konnte.

Es war seine Wohnung, in die er sich stahl, obwohl der Gedanke ihm immer noch fremd war. Seit Jahren hatte er keinen festen Wohnsitz gehabt und noch weniger eine eigene Wohnung, selbst eine so kleine. An die Idee musste er sich erst gewöhnen. So hatte er in der letzten Woche nur zwei Nächte hier verbracht: Die ersten zwei. Dann hatte er sich wieder in der Elendsgilde einquartiert, um der ungewohnten Umgebung zu entkommen.

Das ganze Gebäude erinnerte ihn an ein riesiges Insektennest. Hunderte rannten kopflos umher, eingepfercht in zwei Türme, die sich wie Termitenhaufen in den Himmel schoben. Sie überragten selbst den umgebenden Großstadtdschungel noch um einige Stockwerke und selbst von seinem Zimmer aus hatte Richard einen weiten Ausblick über die Betonwüste, die sich kilometerweit in den Horizont fraß.

Und er hasste es. Es war so weit und so eng gleichermaßen. Vor allem war hier keine Beute zu holen. Nichts, was Melissa ihm erlaubt hätte. Seine Wohnung hatte er nur unter dieser Bedingung bekommen. Er fühlte sich festgenagelt, selbst wenn er die Stille und die Trockenheit und eigentlich alles schätzte: Dass nicht jeder rein konnte bedeutete für ihn im Umkehrschluss, dass er nicht einfach raus konnte.

„Wir scheißen nicht, wo wir fressen“, hatte Melissa gesagt, noch bevor er die Frage hatte äußern können. Als hätte sie seine Gedanken gelesen. Sie hatte ihm die Schlüssel dazu einfach nach zwei Tagen in die Hand gedrückt und gemeint, es wäre jetzt seine. So lange er sie brauchen würde. Was er damit mache wäre ihr egal, aber sie wollte, dass er einmal die Woche hier wäre.

Richard hatte seine alten Reviere vorgezogen. Weniger Regeln.

Nur heute… Heute brauchte er Einsamkeit. Einsamkeit und Melissa.

Er hatte ein Gefühl, dass sie vorbei kommen würde. Dass er sie heute sehen würde. Er konnte nicht sagen, was es war. Natürlich war eine Woche seit ihrem letzten Treffen vergangen. Ziemlich genau eine Woche. Aber das war es nicht. Es war mehr so ein Jucken zwischen den Schulterblättern, wie ein unsichtbarer Blick, der sich dort hinein bohrte. Nichts, was er hätte erklären können, wenn man ihn danach gefragt hätte. Aber er wusste.

Nur wann, war die Frage.

Der Fernseher langweilte ihn. Er schaffte es keine Viertelstunde, dort sitzen zu bleiben, sich diesen Kram anzuschauen, den er die letzten Jahre so zu vermissten geglaubt hatte. Dann schaltete er ihn wieder aus und starrte wieder an die Decke.

Einige Minuten später stand er auf und plünderte seinen Kühlschrank, nur um nach einigen Bissen wieder zum Fernseher zurück zu kehren, durch den er sich gut eine halbe Stunde schaltete, ohne irgendetwas aufzunehmen. Schließlich ließ er ihn einfach rauschen, drehte sich aber von ihm weg. Wie, um nur irgendeine Gesellschaft zu haben.

Gesellschaft, die er hasste, aber ertrug.

Bis er irgendwann doch wieder aufsprang, das Gerät ausschaltete. Angestrengt lauschte er in die Nacht. Hatte er etwas gehört? Er musste etwas gehört haben. Schritte im Flur. Seinen Namen vielleicht? Ganz sicher seinen Namen, wie von einer Stimme direkt an seinem Ohr.

Sie kam.

Richard öffnete die Tür. Er hatte ein Gefühl, eine Idee, dass sie dort war. Und sie stand dort, eine hochgezogene Augenbraue und ein unbeeindrucktes Lächeln auf den Lippen. Er ließ sie ein und wurde sich peinlich der Unordnung bewusst, die er in nur drei Tagen hier angerichtet hatte.

Er besaß nicht viel, aber dieses wenige hatte er in nur zwei Nächten in der gesamten Wohnung verteilt.

Es schien ihr nicht viel auszumachen. Das war das seltsame mit ihr: Es schien ihr nie etwas auszumachen, wo sie war. Immer, immer schien sie das gefährlichste und unerhörteste Ding zu sein, ob sie nun in einem schmuddeligen Junkieappartment war oder in einer blinden Gasse.

Immer ging sie voran, als wüsste sie nicht, was Sorgen waren.

Melissa ließ sich auf der Schlafcouch nieder, schlug die Beine über. Ein kurzer Moment, in dem sie ihn nur musterte, sich winden ließ unter ihrem Blick. Als ob sie ihn nicht schon lange durchschaut hätte.

Wie geht es dir?“, fragte sie, ihre Stimme wie Honig.

Kein Wort, warum sie hier war. Wie sie gewusst hatte, dass er sie brauchte. Dass sie seine Nervosität gefühlt hatte, irgendwie.

Richard knirschte mit den Zähnen. Er atmete tief ein, dann aus. Er fühlte sich wie ein Insekt, das ziellos herum rannte, kopflos. Er musste sich in den Griff bekommen. Seine Impulse kontrollieren. Das war, was ihn immer gerettet hatte. Was er jetzt tun musste.

Er hörte auf damit, im Kreis vor dem Fernseher auf und ab zu gehen. Atmete tief durch.

Das hatte ihn neulich vor einigen Dummheiten bewahrt, als dieser Bulle ihn angegangen war.

Ich verliere die Kontrolle“, sagte er. „Über mich. Über die anderen. Nicht, dass ich je viel davon gehabt hätte, also verliere ich sie nicht wirklich. Aber ich kann es fühlen. Ich weiß es. Die Anderen sind… vorsichtig. Misstrauisch. Sie halten ihre Anteile zurück. Ich weiß es, es war weniger als letzte Woche, als wir angefangen haben.“

Jeder hat Startschwierigkeiten, Richard. Gib der Sache Zeit und du wirst lernen. Letzte Woche warst du selbst noch ein Straßenjunge“, erinnerte Melissa ihn. „Heute arbeiten die Straßenjungs für dich. Ist das weniger als letzte Woche?“

Richard verschränkte die Arme, biss die Zähne aufeinander. Er sah zu Boden. Irgendwie konnte er ihr nicht ins Gesicht sehen. Er ertrug ihren neugierigen Blick nicht, wollte sich nicht beobachtet fühlen. Als ob sie ihm direkt in die Seele blicken konnte und all die hässlichen Gefühle darin.

War es das? War es zu wenig für ihn?

„Nein…“, sagte er nach einer Weile. „Nein, das ist etwas. Viel sogar. Und ich bin auch dankbar, dass du mir geholfen hast. Ohne dich wäre ich gar nicht erst auf die Idee gekommen, eine Bande zusammen zu holen.“

Aber?“

Ich könnte so viel mehr!“, sagte Richard. Er ballte die Faust, entspannte sie wieder. Eine leere Geste, eine hilflose Geste. Er wusste nicht einmal, worauf er wütend war. Auf die Polizistin vielleicht, aber sie war nur die halbe Sache. Endlich sah er auf zu Melissa, die noch immer dort auf seiner Schlafcouch saß, die Beine übereinander geschlagen, die Hände vor den Knien gefaltet.

Ich könnte so viel mehr, wenn nicht dauernd… Wenn nicht dauernd jemand im Weg stünde. Die Jungs halten Geld zurück. Ich weiß es. Mehr, als ausgemacht war. Ich hatte sie im Griff, bis mir etwas dazwischen kam und jetzt verliere ich sie wegen einer kleinen Dummheit.

Melissa zuckte mit den Schultern.Ich habe dir nichts gesagt, was du nicht selbst schon wusstest: Andere zu benutzen ist sicherer und erfolgreicher als sich selbst benutzen zu lassen. Du musst eben lernen, sie sicher zu gebrauchen. Das ist alles.“

Sie zog eine Augenbraue in die Höhe. Er spürte, dass sie neugierig war. Die selbe Neugier, die er sich nicht erklären konnte und die sie regelmäßig mit ihm in Kontakt stehen ließ.

Zur Antwort fischte Richard ein Geldbündel aus seiner Hose. Nicht die saubere Geldklammer, die Melissa ihm gegeben hatte, nicht einmal ordentlich zusammen gelegte Scheine. Einfach nur eine Rolle an Geldscheinen, die er mit einem Gummi zusammen gebunden hatte. Er hielt sie Melissa hin.

Melissa hielt die Hand auf, blieb sitzen. Richard legte es in ihre Handfläche, seine Fingerspitzen streiften ihre Haut. Sie war kühl, sogar kalt, und trotzdem elektrisierend.

Die junge Frau zählte das Geld mit raschen Blicken. Er beobachtete sie, wie sie mit den Schultern zuckte und das Geld auf den Tisch legte.

Es ist weniger als das letzte Mal“, gab Melissa zu. „Du kannst es behalten, du hast es dir erarbeitet.“

„Es ist zu wenig“, sagte Richard. Er wusste, dass er eine Grimasse zog, dass sie ihn unattraktiv machte. Er hasste diese Gesichtsausdrücke, aber er konnte sich nicht gegen sie wehren. Sie kamen immer ungewollt auf sein Gesicht, wenn er nicht arbeitete. Und er wollte nicht arbeiten, nicht mit ihr. Melissa war mehr als ein Ziel für ihn.

Melissa legte den Kopf schief, sie beäugte ihn. Wie ein Insekt unter einer Lupe.

Er war vorsichtig. Vielleicht zu vorsichtig, das wusste er. Aber es war besser, bei Gefahr aus dem Weg zu gehen, so hatte er bislang überlebt und es gab keinen Grund, das jetzt zu ändern.

Weswegen glaubst du, dass es zu wenig ist?“, fragte sie. Er fühlte, wie sich eine Nadel in seine Brust bohrte. Bist du unfähig oder gierig?

„Weil sie den Respekt vor mir verlieren. Dafür hat dieses Miststück neulich gesorgt. Die Gruppe zieht nicht mehr mit, sie reden hinter meinem Rücken. Die Beziehung hat sich verändert, ich bin nicht der Boss.“

Welches Miststück?“, fragte Melissa.

In diesem Tonfall. Diesem Tonfall, bei dem er sich noch mehr wie ein Insekt auf einer Nadel vorkam. Ihm wurde heiß.

So war das nicht gemeint.“
„Wie war es denn gemeint?“

Richard griff wieder in seine Tasche, schleuderte ihr ein Stück laminiertes Plastik hin. Melissa sah dem Stück Plastik zu, wie es über den Couchtisch schlitterte und schließlich kurz vor der Kante zum Halt kam. Sie kniff die Augen zusammen und sah es über ihre Nasenspitze hinweg an.

Da“, sagte Richard, „das ist der Grund, warum ich so… Nein, nicht der Grund, aber sie hat mir gezeigt, wie wenig ich im Griff habee. Wie brüchig meine Stellung ist.“

Melissa las die Informationen auf dem Ausweis, ohne ihn in die Hand zu nehmen. Ein karmesinrotes Stück Plastik. Ausgestellt vom Polizeipräsident für eine gewisse Maxine Schwarzrbunn, Kriminalbeamte im Dienst des Landes Berlin. Auf dem kleinen Foto sah sie gefährlich aus: Kurze, schwarze Haare, an den Seiten ausrasiert, oben stachelig. Eine Weste, über der Hosenträger blitzten und ein arrogantes, angewidertes Gesicht. Zog den Mundwinkel nach oben als wäre sie gerade in irgendetwas ekliges getreten.

Sie“, sagte Richard, „Sie ist der Grund. Hat mich vor ein paar Tagen ausgenommen. Vor versammelter Mannschaft. Hat uns eine Weile beobachtet, angestarrt, als ob ich ihr persönlich was getan hätte – dann hat sie mich ausgenommen und alle Beute der letzten Tage mitgenommen. Seitdem… Seitdem ist mein Ruf dahin, meine Stellung. Seitdem bin ich einer, den man ausnehmen kann.“

Melissa runzelte die Stirn.

„Du hast dich ausnehmen lassen?“

Was hätte ich tun sollen? Sie angreifen? Die ist ein Bulle, oder nicht? Das wär wirklich eine Straftat gewesen.“

Hmmmm“, machte Melissa, ohne ihn anzusehen. Sie starrte den Dienstausweis an, als ob er ihr die tiefsten Geheimnisse dieser Polizistin verraten würde.

Einfach so und grundlos greift dich einer davon auf“, stellte sie fest. „Vor den Anderen und beschädigt deinen Ruf, indem sie sich schadlos hält an dir.“

„Weiß Gott. Ja, vielleicht. Sie starrt zu uns rüber, als hätte ich ihr irgendetwas getan. Ich gehe rüber, frage ob ich helfen kann. Sie sagte, irgendeinem Kerl läge an mir. Keine Ahnung, wer der Typ ist, hab noch nie von ihm gehört. Im nächsten Moment knallt sie mich auf die Brücke, rammt mir ihr Knie in den Rücken und meint, ich sollte wieder zu einem ‚Herrn Doktor Federer‘ gehen, wenn ich mein Geld wieder sehen will. Irgendwer bei der Polizei vielleicht. Hat Wind bekommen von uns, will uns loswerden. Warum auch nicht, wir hatten gut Erfolg, bis sie aufgetaucht ist, hat ja funktioniert.

Bei diesem Namen lauschte Melissa auf, Richard sah es, auch wenn sie es zu verstecken versuchte. Er sah, wie ihre Nasenflügel sich ein wenig blähten, wie ihr Blick kurz zu ihm fuhr, ehe sie den Dienstausweis in die Hand nahm, ihn drehte und wendete. Beinahe, als hätte sie auf diesen Namen gewartet.

Doktor Federer!“, sagte Melissa. Sie lachte und legte dabei den Kopf in den Nacken.

„Hah!“, machte sie. „So etwas glaubst du? Dass Leute wie sie auf eine Erlaubnis warten würden, um Leute wie uns zu schikanieren? Was für ein Unsinn. Sie wird das Geld selbst behalten haben. Der Dieb ist ausgeraubt worden.“

Melissa verschränkte die Arme. Ihr Gesicht war eine Grimasse der Verachtung, von einem sardonischen Lächeln durchschnitten.

Weißt du, wie wenig eine Kommissarin verdient? Zwei-Sieben, wenn sie Glück hat. Die ist ein ganz kleines Licht, ganz unten in der Rangordnung. Gerade raus aus der Schule, das Mädchen. Und von so einer lässt du dich ausnehmen. Kein Wunder, dass die Gruppe dir auf der Nase rumtanzt: Du wirkst schwach, weil du dich widerstandslos ausnehmen und für dumm verkaufen lässt.

Ich hab ihren Ausweis gestohlen“, verteidigte sich Richard.

„Und was tust du damit? Ihn mir zeigen?“

Melissa warf ihm den Ausweis über den Tisch, zu dem Geld, das er in den letzten Tagen gestohlen hatte.

„Du hast ihren Namen, oder nicht? Maxine Schwarzbrunn. Du weißt, wo sie arbeitet, bei der Behörde Lichtenberg, Abteilung Kriminalpolizei. Die setzen doch keine Kriminalistin auf einen Taschendieb an. Das war ein Einzelgang von der, schwarz. Das Geld hat sie selbst behalten. Und du… du warst Kollateral, weil du für sie aussiehst wie alle anderen für dich.

Er riss die Augen auf.

„Wie Beute“, sagte er.

Wie leichte Beute“, betonte Melissa. „Und du weißt, wie man nicht mehr wie Beute sondern wie ein Jäger aussieht, oder?“

Richard musste unwillkürlich grinsen. Er griff nach dem Ausweis, sah ihn mit ganz neuen Augen an.

Wie ein Alphatier“, sagte er und starrte in die laminierten Augen von Maxine Schwarzbrunn.

Beteiligen Sie sich an der Unterhaltung

1 Kommentar

  1. Ich muss mich für den Ausfall von zwei Wochen entschuldigen. Der war keine Absicht, sondern meiner (sehr kurzfristig auf einen Montag angesetzten) Abschlussprüfung und dem anschließenden Depressionsloch geschuldet. Aber Hurra, ich habe mein Studium abgeschlossen! Ich glaube, da sei mir etwas Atempause gegönnt.
    Dafür verspreche ich für nächste Woche ein paar Überraschungen. 😉

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.