Schud und Sünde – Teil II: Eine blinde Gasse

Von ihrem Sitz bei der Gleisbrücke aus konnte Melissa den gesamten Hardenbergplatz überblicken. Ihre Beine baumelten über die Kante und schlugen hin und wieder mit den Hacken gegen die Stahlträger unter ihr.

Vor ihr und unter ihr fuhren im Minutentakt die Busse, die auch jetzt in der Nacht noch mit Menschen vollgestopft waren. Mit Gaffern auf dem Weg zum KitKat genau wie mit einheimischen Tieren auf dem Weg zur nächsten Feier oder Junkies auf der Suche nach dem nächsten Wasserloch.

Eigentlich wagte sie sich selten aus ihrem Nest, aus dem Labyrinth von Plattenbauten und Hochhäusern im Osten, hinaus in die offene Nacht. Aber der Bahnhof Zoo war einer der Orte, an dem sie es am ehesten aushielt. Es gab hier alles das im Überfluss, was sie an den Menschen liebte.

Sie hatte eine Schwäche für das kleine Leiden, für die alltäglichen Tragödien. Für den lieblosen Vater und die strenge Mutter, die ihre Kinder zu unselbstständigen Halbmenschen verziehen. Für den Partner, dessen ständige Kleinrederei die Nerven zerrüttet. Solche Leiden höhlten einen Menschen am beständigsten aus.

Und von denen gab es hier eine ganze Menge. Melissa brauchte nur auf ihrem hohen Sitz zu bleiben und den Blick schweifen lassen und konnte sich satt sehen und hören an den gewöhnlichen Problemen der Menschenmasse.

Ihre Lippen schlossen sich um den Strohhalm, der aus dem leeren Plastikbecher in ihrer Hand ragte. Eine routinierte, bedeutungslose Handlung, die sie aus Gewohnheit weiter tat.

Ihre Wette mit Leopold von Schlüsselburg war keine zwei Nächte alt und Melissa wurde langsam nervös. Der alte Herr würde sich Zeit lassen, vermutete sie. Er würde sorgfältigst eine Reihe von Akten durchgehen, Erkundigungen einziehen, Interviews führen – und Ausschau nach einer ganz bestimmten Disposition halten. Ein überkorrekter Bürokrat wie er würde nicht vor nächster Woche eine Spielfigur für ihre kleine Wette bestimmt haben, die exakt in sein Bild von der menschlichen Seele passte.

Sie dagegen… Sie sah sich die Menschen unter sich an, die wie Ameisen über den Hardenbergplatz, zum Zoologischen Garten oder weiter in die City West liefen. Keinen davon kannte sie persönlich, doch alle waren ihr vertraut. Sie sah es in der Art wie sich bewegten und ihre Körper wie eine Last mit sich herum trugen.

Alle hier waren kaputt, zerbrochen. Sie könnte irgendeinen davon auswählen und fände genug Material vor, um einen Mörder daraus zu machen. Es steckte noch genug Bestie in allen von ihnen, um eine unschuldige Beute zu reißen. Es brauchte nur ein wenig Anleitung, ein wenig Offenlegung dieser Triebe, fand sie.

Ein wenig Hunger nach mehr als diesem Käfig, in dem sie sich gefangen fanden.

Und wenn sie sich ansah, wie die meisten von ihnen sich gegen ihre eigenen Freundschaften und Familien und Liebeleien auflehnten… hätte sie leichtes Spiel mit jedem von ihnen.

Melissa schob sich langsam nach vorn, glitt von dem Stahl herunter, der die Bahnhofsgleise über die Hardenbergstraße hinüber führte, und verschwand im Strom der Menge. Mühelos passte sie sich ihr an, folgte den Bewegungen der Masse, die sich von einem Knotenpunkt zum nächsten bewegte, vom Bus zur Bahn, vom Fast Food Restaurant zum Imbiss.

Die meisten Menschen berührten sie nicht, bewegten sich mit ein oder zwei Zentimetern Abstand um sie herum. Die Leute liefen einfach an ihr vorbei, rieben sich lieber aneinander als an der jungen Frau in ihrer Mitte. Als hafte ihr der Geruch eines Raubtiers an.

Die meisten Menschen würden gar nicht sagen können, was genau es an der jungen Frau war, das sie so irritierte. Es war eine unterbewusste Handlung, eine, die Räuber und Beute voneinander trennte. Melissa hätte irgendeinen von ihnen als ihre Spielfigur wählen können, aber sie hatte entschieden, dass Glück allein ihr gegen Leopold von Schlüsselburg nicht weiterhelfen würde.

Nein, sie brauchte jemanden mit Initiative. Mit Instinkt.

Ihre rechte Hand klammerte sich um den leeren Plastikbecher, den sie kurz vor der Brust hielt. Die andere hob das Handy, dessen Leuchten ihr in den Augen stach. Melissa senkte den Kopf und entblößte ihren Nacken dabei, sie starrte bewusst nur auf ihr Handy, blieb sogar stehen in der Menge und wirkte verloren.

Für ihren heutigen Kleidungsstil hatte sie einige Mühe aufgewandt: Sie wollte verwundbar erscheinen, aber nicht verletzlich; ahnungslos, aber nicht leichtfertig. Es war eine schmale Brücke, auf der sie wandern musste, um ein Beutetier vorzutäuschen, ohne wirklich zur Beute für bestimmte Leute zu werden.

Nicht, dass sie mit so einer Situation nicht fertig werden würde. Aber die Wette verlangte, nicht den absoluten Abschaum ins Spiel zu schicken, der ein Mädchen wie sie in einer dunklen Gasse überfallen würde. Und sie verschwendete nicht gerne ihre Zeit.

Sie spürte ein Ziehen an ihrer Schulter. Kaum merklich, wie ein Windhauch, bewegte sich das Riemchen ihrer Handtasche, die sie so weit nach hinten um ihre Schulter geschlungen hatte, dass sie ihr beinahe auf dem Rücken lag.

Aus den Augenwinkeln sah sie einen jungen Mann an ihr vorbei ziehen, dessen Hand gerade in der Innentasche seiner Jeansjacke verschwand. Ausgebeult und formlos, perfekt um eine Reihe von Brieftaschen und Handys darin zu verstecken.

Und wir haben einen Freiwilligen, dachte sie und lächelte.

Als hätte sie gerade einem Liebhaber eine vertrauliche Nachricht geschickt.

Es dauerte eine ganze Weile, sicher zwei oder drei Stunden, bis der Dieb sein Nachtgeschäft beendet hatte. Melissa hatte sich auf ihre Aussichtsposition zurück gezogen, zwischen den Streben und Pfeilern der Bahnbrücke und über den Dächern der Autos und den Köpfen der Menschen.

Sie verfolgte ihn unablässig mit ihrem Blick.

Ein oder zwei Mal drohte er, im Gewühl unterzugehen, aber Melissens Augen waren scharf und sie hatte nichts weiter zu tun, als dort zu sitzen und hatte alle Zeit, ihn jedes Mal wieder zu finden.

Er war jedenfalls kein Dilettant, so viel musste sie ihm lassen. Er blieb in der Menge, die er in wirren, unregelmäßigen Mustern durchschnitt. Mal mit, mal gegen ihre Bewegungen tauchte er in dem Strom der Leiber ziemlich unter.

Er schlug mit geübter Gier und ruhiger Hand zu und suchte sich – wie jeder kompetente Dieb – die schwächsten Opfer aus. Die Abgelenkten, die Angetrunkenen, die Einsamen und alle jene, denen er mehr als nur ein paar lose Münzen aus der Jackentasche ziehen konnte. Er unterbrach seine Verbrechen nur, um abzuwarten, bis die Individuen in der Menge sich ausgewechselt hatten. Aber bis auf diese kurzen Pausen war er ganz darauf bedacht sich zu holen, was ihm nicht zustand.

Melissa zählte mit, wie oft er eine Geldbörse stahl und fand, dass er am Ende der Nacht einiges eingesteckt haben musste. Leicht eine dreistellige Summe, wenn sie nur von Bargeld ausging. Mehr, falls er auch Schmuck gestohlen hatte.

Kurz nach Mitternacht zog er sich endgültig aus dem Gewimmel am Platz zurück. Sie bemerkte es an einer subtilen Änderung in seiner Haltung, der Art, wie er ging. Als hätte er seinen Versuch aufgegeben, unauffällig sein zu wollen. Mit einem Mal gingen ihm die Leute, die sich vorher noch an ihm vorbei zur Bahn oder zum Bus gedrängelt hatten, aus dem Weg.

Der Dieb kämpfte sich aus der Menge zu einer Imbissbude, vielleicht zwanzig Meter von Melissa entfernt auf der anderen Straßenseite. Er orderte irgendetwas und lauerte fünfzehn Minuten darauf, ob jemand ihn aus der Menge an Reisenden hinaus beobachtete.

Dann erst, als er glaubte nicht verfolgt oder beobachtet zu werden, kroch er in sein Versteck.

Er würde erst kurz vor Morgengrauen zurückkehren, überlegte Melissa. Wenn die Nachtschwärmer von ihren Feiern zurück kamen, wenn sie fett und betrunken waren und der Dieb nur noch stehlen konnte, was sie in dieser Nacht nicht versoffen oder verspielt hatten. Das aber wäre umso leichtere Beute.

So lange würde er in sein Versteck zurück kriechen, die Ausbeute der Nacht zählen und – wenn er nicht dumm war – alle persönlichen Gegenstände seiner Opfer fort werfen. Bargeld allein, schätzte sie, würde ihn interessieren. Vielleicht Schmuck und leicht zu verpfändende Dinge, womöglich Drogen. Alles andere war zu heiß und musste noch in dieser Nacht verschwinden.

Wieder glitt Melissa von ihrer Aussichtsposition hinunter, aber dieses Mal bewegte sie sich mit einem Ziel. Sie folgte ihrem Dieb, der gerade hin unter ihrem Ausblick hindurch ging. Sie schloss rasch bis auf zehn Meter zu ihm auf. Er schritt zügig aus, war bereits auf der Rückseite vom Bahnhof Zoo.

Sie sah noch, wie er sich durch eine Lücke im Eisenzaun quetschte, der das Museum für Fotografie vom Kirchenamt trennte.

Melissa ging ihm nach. Sie hatte seinen Geruch aufgenommen, so schnell würde er ihr nicht davon kommen.

Vor ihr tat sich eine Lücke im Beton der Stadt auf. Nicht so sehr eine Gasse, mehr ein Hohlweg zwischen dem Ende des einen und dem Anfang des nächsten Gebäudes, in dem sich der Abraum der Stadt sammelte. Es stank nach Armut, nach altem Obst und Schweiß, die sich mit dem Geruch von Benzin vermengten. Und nach nassem Stein, obwohl es seit Tagen nicht geregnet hatte. Die Mauervorsprünge bildeten Nischen, in denen sich die Ärmsten der Armen niedergelassen hatten. Die, die sich nicht einmal die Mitgliedschaft in der Elendsgilde leisten konnten.

Es war eine blinde Gasse, fernab jeder höflichen Gesellschaft, jeder Zivilisation. Blind, aber offenbar nicht taub: Irgendwo in einer der Nischen hustete jemand, atmete einen rasselnden Atem. Es klang wie das Röcheln einer verwundeten Bestie.

Melissa ging an ihm vorbei. Nicht ihr Freiwilliger, nicht ihr Problem.

Sie senkte den Plastikbecher mit dem zerkauten Strohhalm. Die junge Frau hatte etwas anderes gefunden, in das sie ihre Fänge schlagen konnte: Ihren Dieb.

Sie lächelte, ein wenig säuerlich, ein wenig amüsiert. Der junge Mann hatte sich ein Nest gebaut, wie ein Tier. Hatte eine Matratze zwischen die Vorsprünge im Beton gezerrt, die Rückseite mit Pappe und alten Decken ausgelegt, mit Kissen und Kästen und Tüten eine Art Höhle errichtet.
Dort saß er im Schneidersitz, vor sich ein gutes Dutzend Brieftaschen, deren Inhalt er gerade auf einen Haufen warf. Jede Visitenkarte, die er in die Hand nahm, betrachtete er genau. Manchmal lachte er über eine besonders dumme oder steckte eine andere ein. Karten für Fitnessstudios und Spas vor allem. Keine Bankkarten allerdings, die sortierte er zusammen mit persönlichen Dokumenten auf einen dritten Haufen.

Als Melissa vor sein Zuhause trat, änderte sich seine Haltung. Er löste sich aus dem Schneidersitz, ging langsam auf die Knie. Wenn er sich daran erinnerte, sie vor kurzem bestohlen zu haben, zeigten es seine Augen nicht. Sie starrten nur, wie zwei kleine Knöpfe, die man in sein Gesicht genäht hatte. Ohne Ausdruck dahinter, als habe er nur Augen, weil ein Mensch eben Augen haben sollte – und nicht, damit man darin etwas sehen könnte.

Trotzdem war er… interessant. Auf eine gewisse Art. Er hatte so einen schiefen Zug um die Lippen, der neugierig auf den Witz machte, den er scheinbar dachte. Und er war erstaunlicherweise rasiert. Oder jedenfalls hatte er sich vor ein paar Tagen rasiert und trug keinen verfilzten Teppich unter dem Kinn.

Melissa sah eine gewisse hinterlistige Schläue darin, mit der sie arbeiten könnte.

Mit ihrem zerkauten Strohhalm deutete sie auf eine Brieftasche bei seinen Füßen. Noch hatte er sie nicht ausgeräumt, sondern starrte sie an.

„Das da ist meines“, sagte sie.

Ihr Ton war freundlich, beinahe fröhlich. Er verunsicherte den Dieb.

„Was?“, stieß er hervor.

„Das Portmonee da. Das rosafarbene mit dem Blumenmuster. Das ist meines.“

Der Dieb sah kurz zu dem Geldbeutel, dann wieder zu ihr. Er hatte ihn gestohlen, so viel stand außer Zweifel. Aber hatte er ihn ihr gestohlen? Und sollte er ihn einfach raus rücken?

Melissa sah, wie er überlegte. Er griff nach der erstbesten Lüge, die ihm einfiel.

„Das habe ich gefunden“, sagte er. Sein Blick huschte zur Seite, zum Eingang, durch den er sich gequetscht hatte. „Leute verlieren oft was hier in der Gegend.“

Melissa rollte mit den Augen. Sie griff in die Tasche ihrer Jeans, in die vordere, die so verdammt eng war, das fast nichts hinein passte. Mit spitzen Fingern zog sie eine Geldklammer heraus, hielt sie vor ihm in die Höhe. Zweihundert in großen Scheinen.

„Fein“, sagte sie, „du hast ihn gefunden. Danke dir, aber ich brauche die Papiere darin wirklich wieder. Ich bezahl‘ dich auch.“

Er musterte sie. Nicht sexuell, sondern wie ein Raubtier potentielle Beute. Sie kannte den Unterschied. Er musterte ihre Beine, die kaum so dick wie seine Oberarme waren, ihren freien Bauch, der flach war, aber auch ohne Muskeln. Körperliche Stärke schien sie nicht zu besitzen.

„Du… bist nicht von hier“, sagte er. Ein dummer Satz, wie er scheinbar auch merkte, denn er schob sofort hinterher: „Ich meine, hier ist es gefährlich. Leute verlieren Sachen. Vor allem Bündel voller Geld. Manchmal… mehr.“

Vielleicht doch nicht mein Junge, dachte Melissa und verzog den Mund.

„Du würdest einen fairen Tausch in einen Raub verwandeln?“, fragte sie.

Das schien er nicht zu verstehen. Zugegeben, es war, soweit Diebstähle gingen, alles ziemlich falsch herum. Seine Aufmerksamkeit huschte immer wieder von ihr zur Geldklammer und sie beschloss, dass sie besser alles buchstabierte.

„Na du hast meine Geldbörse doch gefunden, dachte ich? Ich hab da wichtiges Zeug drin und wenn du sie mir gibst, kann ich dir Finderlohn dafür geben. Dachte, das macht man so.“

Sie zuckte mit den Schultern, wedelte mit dem Geldbündel in ihrer Hand. Sein Blick klebte an den Scheinen, wie Fliegen an Honig.

„Es gibt keinen Grund, aus einem Tausch einen Diebstahl zu machen“, sagte sie. „Gib mir einfach meine Börse und ich geb‘ dir das Geld dafür. Und was ich hier hab ist für dich eh mehr wert als das Portmonee. “


Der Dieb griff nach der Geldklammer, aber Melissa wich mit einem Schritt nach hinten aus.

„Ts, ts“, machte sie und wackelte mit den Fingern, die das Geld hielten. „Erst mein Geldbeutel.“

Sein Blick glühte, aber irgendetwas hielt ihn davon ab, einfach aufzuspringen und es ihr zu nehmen. Anstand vielleicht, oder das Bedürfnis, anständig zu erscheinen. Oder ihre Großspurigkeit, ihm mit so viel Geld und Selbstsicherheit in die blinde Gasse zu folgen. Langsam, ohne sie oder seine „Belohnung“ aus dem Blick zu lassen, griff er nach der Tasche mit dem Blümchenmuster und warf sie ihr zu. Melissa fing sie mit den Unterarmen auf, weil sie keine Hand mehr frei hatte, und nestelte kurz daran herum, bis sie sie in ihrer Handtasche verstaut hatte. Dann erst machte sie wieder zwei Schritte nach vorne, hielt ihm die Klammer mit den drei gelben Scheinen hin.

Seine Hand zuckte nach dem Geld, so rasch und geübt, wie sie sich in den letzten Stunden in Dutzende Taschen und Rucksäcke geschlichen hatten.

Melissa verschränkte wieder die Arme, beobachtete ihn, wie er das Geld wegsteckte, ohne es zu zählen.

Sie würde mit ihm zurecht kommen, befand sie. Er zeigte genug von dem Anstand, auf den Leopold bestanden hatte – jedenfalls hatte er noch nicht versucht, ihr irgendetwas in den Hals zu rammen – und sie sah in seinen Augen etwas von der Gier, von der sie gesprochen hatte.

Diesen animalischen Hunger nach mehr als dem, was er besaß. Sie müsste ihm nur die Ketten abnehmen und ihm ein Ziel geben.

„Wie heißt du?“, fragte sie und erhielt als Antwort eisiges Schweigen. Erst starrte er sie an. Dann sah er wieder zum Eingang der Gasse. Schließlich machte er sich daran, seine Beute zusammen zu packen. Warf Brieftaschen und Bankkarten in einen kleinen Karton, die Münzen und Scheine in ein stählernes Kästchen.

„Kleiner“, sagte Melissa, obwohl sie sicherlich fünf Jahre jünger als er aussah, „Ich hab dir gerade zweihundert für meine eigene Brieftasche gegeben, die du mir vor drei Stunden geklaut hast. Ich mach das sicher nicht, um dich an die Bullen zu verpfeifen.“

Er überlegte einen Augenblick. Es war niemand gekommen, den er gefürchtet hätte. Keine Polizei, kein Sozialarbeiter, keine Verstärkung für die junge Frau. Da war nur sie und diese Selbstsicherheit.

Trotzdem witterte er eine Falle. Oder zumindest ein Verkaufsgespräch.

„Richard“, sagte er. Er spuckte das Wort aus wie einer, der es gewöhnt war nur in Halbsätzen zu reden. „Hahntritt.“

„Rich, huh?“ Melissa sprach es aus, als wäre es ein englischer Name. Ein dummer Witz, den der Dieb wohl einige Male gehört hatte. Er verzog den Mund.

„Richard“, sagte selbiger.

Melissa ließ das Lächeln auf ihren Lippen. Bewegung, dachte sie, Bewegung im Gespräch. Der Junge hat seit Jahren nicht mehr mit einer wie dir geredet. Eher noch nie. Hauptsache, er redet.

„Wieso tust du, was du tust?“, fragte sie.

Richard blinzelte. Dann richtete er sich ein wenig auf, streckte die Brust raus. Mit einer Hand gestikulierte er ziellos durch die Gegend. Eine Geste, die die gesamte Gasse einfing. Die Gerüche, das Röcheln des Sterbenden an ihrem Anfang, die feuchte Matratze, auf der er schlief. Eine hilflose, sprachlose Geste, die sein ganzes Leben beschrieb.

„Das meinst du nicht ernst“, sagte er.

Sie zuckte mit den Schultern, folgte mit den Blicken seiner Geste, ließ die Szene einen Augenblick lang auf sich wirken. Es erinnerte sie an zuhause. An das Nest.

„Klar, Umstände und Sachzwänge und all das. Aber ich kenne eine Menge Leute in deiner Situation, die nicht stehlen. Die lieber Zeug ticken oder hartzen. Die wären zwar nicht so gut wie du im Finden von Geld, aber trotzdem: Es gibt immer andere Möglichkeiten.“

Melissa sah, dass sie etwas in ihm erwischt hatte. Seinen Stolz oder sein Ehrgefühl, irgendeine veraltete Tugend, die sie heraus fordern konnte.

„Wenn das eine Predigt werden soll, geb ich dir das Geld zurück“, sagte Richard.

Sicherlich würde er es nicht, aber trotzdem zuckte die Frau erneut mit den Schultern.

„Ich urteile nicht. Meine nur. Warum nicht Drogen oder Bettelei?“

„Drogen sind mir zu heiß. Zu viel Geld und Gewalt im Spiel. Und wenn ich mich von andern rum kommandieren lassen wollen würde, hätte ich einen Job. Ne. Hier ist‘s nicht schön, aber Touris ausnehmen ist leicht und fast niemand meldet das. Das andere wird zu heiß. Da kommen die Leute zu dir. So hab ich alles in der Hand und wenig Risiko.“

„Und Sozialhilfe?“

Richard schnaubte nur zur Antwort, dann schob er seine Beute zusammen. Er saß im Schneidersitz vor ihr, die Arme verschränkt und das Tage- oder eher Nachtwerk – hinter sich gebracht.

„Danke, aber ich arbeite für meinen Unterhalt. Nicht ehrlich und nicht hart, aber ich arbeite.“

Melissa dachte einen kurzen Moment nach – dann improvisierte sie. Das Gespräche hätte auf mehr als eine Art enden können, sie hatte keinen Plan machen können. Also verließ sie sich auf ihre Bauchgefühl, das hatte sie immerhin bis hierhin gebracht.

„Ich könnte dir ein paar Tricks zeigen“, sagte sie. Eines der ehrlichsten Angebote, zu denen eine wie sie fähig war. Und es rief Skepsis hervor, die nur gesund war.

„Du? Mir was zeigen? Nimm‘s nicht persönlich, aber was könnte ein reiches Mädchen einem Straßenjungen schon zeigen? Und weshalb“, sagte er und sie hörte Unterton der Verachtung in seiner Stimme, „weshalb sollte eine wie du das das tun?“

Die Augen der jungen Frau zogen sich zusammen. Aggression. Der Drang, zuzuschlagen, sich zu wehren, den sie nur mühsam unterdrückte. Trotzdem schlich er sich in ihre Worte. Sie zwang sich dazu einzuatmen. Sollte er ein wenig von ihrer weichen Seite sehen. Sollte er den Eindruck haben, dass sie harmlos war, mitfühlend. Der schmale Grad zwischen der Illusion und der Wahrheit, nur ein Opfer zu sein, war Melissa wohl vertraut.

„Ich… Ich war in einer ähnlichen Situation wie du. Bevor ich meinen eigenen Weg durch diese Stadt gefunden habe. Damals hat mir jemand geholfen, hat mir mit ein paar freundlichen Worten die Richtung gewiesen. Der Kampf und die Reise seitdem war meine eigene, aber… Ich schätze ich will das weitergeben. Dir zeigen, dass das kein Loch ist, aus dem du dich nicht selber ziehen kannst, verstehst du? Ich hab ein weiches Herz und Mitgefühl für die fallen gelassenen Dinge dieser Stadt. Für Kehricht wie dich, den alle nur zur Seite schieben.“

In seinen Augen sah sie noch immer die kalte Leere, die sie bei seinem ersten Anblick gespürt hatte. Augen wie Knöpfe.

Sie entschied, auf‘s Ganze zu gehen:

„Ich wurde nicht reich geboren, Schätzchen“, sagte sie. „Niemand in dieser Welt macht mit ehrlicher Arbeit so viel Kohle wie ich.“

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