Jedermann – Teil III: Eine fremde Welt

Ich entschuldigte mich für einen Augenblick und verließ das Kaiserkaffee, in dem ich mit meiner Verabredung zu Abend gegessen hatte. Es lag etwas versteckt in einer Nebengasse des Viertels, wo der ständige Bahn- und Autoverkehr nicht störte. Ich war zugegeben ein wenig stolz: Der Flair von Snobismus und Abgeschiedenheit kombinierte sich ganz wundervoll mit der völlig gewöhnlichen aber konvolut formulierten Karte und den etwas gelangweilten Kellern. Obwohl ich mit Grünspan seit Jahren bekannt war und vermutete, dass er meine Verkleidungen öfters durchschaute.

Während ich rauchte – diese eine Zigarette war nur für mich, denn ich war sicher niemand beobachtete mich in dieser Nebengasse, jedenfalls nicht Therese – telefonierte ich. Meiner Verabredung hatte ich gesagt, ich müsste einen Augenblick mit meinem Vorgesetzten beim Guignol telefonieren, einige Strippen ziehen.

Erneut nur eine halbe Lüge.

Ich hatte mich von Therese überreden lassen – oder wenigstens hatte ich den Anschein erweckt, dass es einiger Überedung dafür bedurfte – ihr die Welt zu zeigen, von der sie träumte. Von der sie glaubte, dass ich auch davon träumte. Sie wollte Schauspielerin werden. Der Jugendtraum eines bürgerlichen Mädchens wahrscheinlich, der auch ohne mein Zutun zerschmettert worden wäre. Ich immerhin würde sie noch für einige Zeit weiter träumen lassen. Das war gütiger.

Also telefonierte ich. Die Stimme, die auf der anderen Seite der Verbindung antwortete, klang rauchig. Heiser. Wie ein einzelner Fingernagel, der sich in der Dunkelheit mein Rückgrat hinunter zieht. Wie das Gefühl heißen Atems dicht bei meinem Ohr.

„Mein Lieber“, sagte sie und mir schauderte.

„Demoiselle d‘Ombrage“, sagte ich, „haben Sie heute Abend Zeit für mich? Für uns?“

„Wenn du mir jemanden mitbringst.“

„Natürlich!“, beeilte ich mich zu sagen, „Es ist nur… Demoiselle, ich… Es kann nicht am üblichen Ort sein. Es ist so, dass… Nun.“

Ich konnte fühlen, wie sich ihre Augen ein wenig zusammen zogen. Obwohl sie einige Kilometer von mir entfernt saß spürte ich ihren Blick auf mir lasten.

„Ja?“, fragte sie.

Mein Herz setzte einen Schlag lang aus. Wie das Kaninchen vor der Schlange.

„Ich möchte die Dame ins Guignol bringen“, sagte ich. Ein einfacher Satz. Sieben kurze Wörter, die einen schlichten Wunsch ausdrückten, der mich alle Anstrengung dieser Welt kostete.


Ihr Schweigen riss mir das Herz aus der Brust. Mehr noch als ihre angedeuteten Zweifel an meinem Urteil es taten.

„Bist du sicher, mein Lieber, dass sie dazu bereit ist? Aus meiner Höhle kommt niemand mehr heraus. Das Guignol verschlingt jeden, der sich herein wagt. An einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit wären wir… nachsichtiger.“

Ihre Stimme war spöttisch. Sie wusste, dass ich mir sicher war. Sie wusste, dass ich bereit dazu war, diesen Preis zu zahlen. Und das war alles, was zählte. Aber sie wollte es von mir hören.

Und um die Wahrheit zu sagen: Dieser Blick, diese Wildheit, mit der meine Verabredung aufgehorcht hatte, als ich von meinen Kontakten Guignol erzählt hatte, machten mich an. Sie zeugten von einem Willen, mich ebenso zu benutzen, wie ich sie benutzen wollte.

Tragisch. Zu einer anderen Zeit hätten wir uns vielleicht menschlich näher kommen können. Heute aber überzeugte mich dieser kurze Moment nur davon, dass sie meine eigene Gier befriedigen würde.

„Ja, Demoiselle“, sagte ich, „ich bin mir sicher.“

„Ich erwarte euch in einer halben Stunde“, sagte sie und beendete das Telefongespräch.

Nicht, dass ich mich beschweren würde. Immerhin war ich fixiert, überhaupt nicht in der Lage, mich mit etwas anderem als dieser Sucht in mir zu befassen. Ich hatte nur diesen Abend, diese eine Chance, den Verfall meines Körpers für einen weiteren Monat aufzuhalten. Morgen oder in ein paar Tagen wäre es zu spät, dann wäre ich zu geschwächt für diese Scharade gewesen. Dieses Spiel, das ihr den Abend so angenehm wie möglich und nach ihren Bedürfnissen gestaltete. Ich kam ihr in meinen Augen sehr entgegen damit.

Es gab keinen Grund, mit meinen wahren Absichten hausieren zu gehen.

Ich ging wieder hinein, zahlte diskret an der Bar die Rechnung für das Abendessen und ließ ein Taxi bestellen. Dann erst ging ich zu meinem Tisch zurück und bat meine Verabredung um Entschuldigung für die Unterbrechung. Ich sagte ihr, dass ich sie in der Tat noch an diesem Abend in das Guignol bringen könnte, wenn sie denn wollte.

Natürlich wollte sie. Kaum fünf Minuten später saßen wir im Taxi.

Das Theater lag in der Nähe des Landwehrkanals, in einer ansonsten grässlich eintönigen Gegend. Zu viele Bürgerliche, die sich dort ausbreiteten und alle interessanten Menschen vertrieben. Die meisten der dort stehenden Häuser waren Wohnhäuser. Ehemalige Mietskasernen der Elendsjahre oder Häuser aus der Gründerzeit, die aufgerissen worden waren, um langweilige Familien aufzunehmen: Ein Hund, eine Frau, eine Affäre, eineinhalb Kinder, zwei Autos.

Das Guignol war anders. Es lag im Herzen dieses kleinen Labyrinths aus identischen Puppenhausleben und man musste als Fremder eine Weile nach ihm suchen, selbst wenn man die Adresse kannte.

Wer länger hier wohnte, kannte es aber. Immerhin war es allen seit Jahren ein Dorn im Auge, was es mir aber nur sympathischer gemacht hatte. Ein uraltes Gebäude, noch aus blankem Ziegelstein und Holzbalken errichtet, dessen Kern noch aus der Vorkriegszeit stammte, passte es weder optisch noch atmosphärisch hier hin.

Als wir aus dem Taxi stiegen, fanden wir uns vor einer dieser langweiligen Hausfassaden wieder.

Therese runzelte die Stirn, hakte sich bei mir unter.

„Ich sehe nichts“, sagte sie, mit vorwurfsvollem Unterton.

„Das wirst du noch früh genug“, sagte ich und führte sie zu einem kleinen Durchgang, der hinten in den Hof führte. Ein dunkler Gang, beklebt mit lauter Plakaten und Postern und Werbung, die so alt war, dass sie eine zentimeterdicke Schicht aus Leim und Papier über dem blanken Stein gebildet hatte.

Wir kamen an ein Eisentor, das den Ausgang auf den Hof hin versperrte. Dort, im Innenhof der Mietskaserne, thronte das Grotesque Guignol.

Und grotesk war es, ein spöttisches Zerrbild dessen, was dort einst gestanden hatte: Eine der typischen Klinkerbau-Kirchen von vor hundertfünfzig Jahren.

Je mehr ich von diesem Bau gesehen hatte, desto mehr bewunderte ich es. Es blieb nie stehen, auch nicht in all der Zeit, in der ich es kannte.Es lebte, schien seinen eigenen Rhytmus zu haben und passte sich der Zeit an, um sich immer wieder neu zu erfinden. Es wucherte in diesem kleinen Innenhof, wie eine Spinne breitete es sich in seinen Lücken aus und spann seine Aura von Gerüchten und Grandeur. Trotz der verfallenden Giebel und der gebeugten Haltung seiner Balken sah man zu ihm auf. Die mittlerweile dunkelroten Ziegel und die ins Leere starrenden Fenster, die gebrochenen Türme und schiefen Dächer, das Efeumeer an seiner Fassade und die ausladenden Seitenflügel vermittelten mir jedes Mal dieses Gefühl von Vertrautheit und Geheimnis. Wie ein lange verlorener Freund, der nach Jahren noch der gleiche ist, aber um einige Erfahrungen reicher.

Therese steckte den Kopf zwischen die eisernen Gitterstäbe. Das Metall wäre kühl an ihrer Haut, schwer auf ihren Wangen. Ihre Augen leuchteten auf, sie sah die hohen Türme hinauf, legte den Kopf in den Nacken.

„Es ist…“, sagte sie, aber wir würden nie erfahren, was das Guignol für sie war. Sie schrie auf und machte einen Satz zurück.

Ein Schrank von einem Kerl war aus den Schatten neben dem Tor getreten. Groß – größer als Johann um mindestens einen Kopf – und breit wie Bär, aber leise, war er plötzlich aus dem Nichts gekommen. Er sah zum Fürchten aus mit seinen Stahlkappenstiefeln, mit der dunklen Uniform und der so absichtlich schlecht verborgenen Waffe an seiner Hüfte.

„Fischer“, begrüßte ich ihn, aber er brummte nur. Er kannte meine Verkleidung nicht und ich bezweifelte, dass jemand sich die Mühe gemacht hatte, ihn einzuweihen. Er war der Türsteher, schlicht und ergreifend. Er war informiert, dass ein Paar einzulassen war und wir trafen auf die Beschreibung zu. Also schloss er auf und ließ uns ein.

Therese versuchte, ihren Schreck zu überspielen, hielt sich aber etwas näher an mich. Wir überquerten langsam, aber zielstrebig den mondbeschienenen kleinen Platz zwischen den Häusern und dem Theater.

„Ist so eine Sicherheit wirklich nötig?“, fragte sie und sah über die Schulter. „Ich meine ein Tor und so ein Typ? In dieser Kleidung?“

„Ach was, Georg ist harmlos. Ein notwendiges Übel. Du würdest nicht glauben, wie dreist manche Leute versuchen, hinein zu kommen. Ich glaube manchmal der Ruf des Theaters ist ebenso sehr ein Fluch wie ein Segen.“

Das stimmte sogar. Gerade weil es so berüchtigt war, gerade weil es so oft von der Polizei durchsucht und von den Behörden zensiert, weil seine Vorstellungen verboten und regelmäßig von der Staatsgewalt überfallen wurden, übte es so eine starke Anziehung aus. Gerade diese Anziehung wieder machte es zu so einem Schandfleck für die ordentlichen Langweiler in der Gegend.

Und gerade deswegen war die Sicherheit so streng: Sie erlaubte es, sorgfältig auszuwählen, wer hinein kam – und wer erzählen durfte, was sich darin abspielte.

Sie lächelte, falsch übrigens, denn so etwas erkenne ich, und zögerte einen Augenblick. Schließlich sagte sie aber:

„Bei mir hat ein hübscher Augenaufschlag gereicht, um rein zu kommen.“

Ich zwang Johann zu dem mitleiderregendsten Lächeln, dessen er fähig war. Zaghaft holte ich den Bund an Eisenschlüssel aus meiner Innentasche und warf einen flüchtigen, fast scheuen Blick zum Tor zurück. Ich löste mich von Therese und trat an das Eingangsportal vor uns. Eine kleine Treppe mit vielleicht einem dutzend breiter, niedriger Stufen führte vom Kopfsteinpflaster empor.

Therese zögerte an ihrem Fuß. Ihre Augen weiteten sich, eine Spur nur. Sie sah hinüber, folgte meinem Blick zum Eisentor, an dem der Türsteher in seiner schändlichen Uniform noch wartete, dann wieder zu mir. Gut sichtbar wechselten in ihrem Kopf verschiedene Gedanken ab, die sich in den feinen Muskeln um ihre Augen verrieten. Ich erkannte Gier, nach neuem und nach Luxus, den ich implizierte. Hoffnung einen echten Ritter gefunden zu haben, Angst vor dem Unkontrollierbaren. Und die Lust, ein Risiko einzugehen, um ihren Träumen doch einmal nachzujagen. Nur ein einziges Mal die Dinge selbst in die Hand zu nehmen.

Die Gier gewann, sie sprang hinter mir die Treppen hoch und folgte mir in die Eingangshalle der ehemaligen Kirche.

Die Luft im Inneren stand. Sie roch schwach nach Weihrauch, nach Alter und Ehrfurcht. Der Innenraum erinnerte noch immer an das Gotteshaus, das er einst beherbergt hatte. Die Bänke für die Theaterbesucher waren noch immer die selben harten Kirchenbänke, auf denen früher Gott und heute dem Exzess gedacht wurde. Nur das Chorgestühl war fortgeschafft und durch weitere Bänke ersetzt worden, die meisten Bilder von Heiligen und die Kreuze entfernt worden.

Durch die bunten Fenster fiel Mondlicht gefiltert und eingefärbt auf die „Bühne“ in die der Altarraum verwandelt worden war. Ich zog meine Begleitung zur Seite, wo direkt in den dicken Mauerstein die Treppen eingelassen waren, die nach oben führten. Zu den Galerien.

Dort oben in luftiger Höhe waren die privaten Kabinen auf einer weiteren Etage eingezogen worden. Sie wollte ich Therese zeigen, nicht die nackten, offenen Theatersitze.

Wir gingen hinein in eine von ihnen. Die Kabine des Direktors, wie das Messingschild an ihrer Eingangstür erklärte.

Die Ausstattung war exquisit, wenn auch etwas angestaubt. Seidenbezogene Sitzbänke, samtene Vorhänge und in der Wand ein integrierter Eisschrank – ein altmodischer ohne Elektrik.Vorne war sie von der steinernen Brüstung begrenzt, die die ursprüngliche Galerie der Kirche gebildet hatte. Therese beugte sich darüber, lehnte den Oberkörper aus dem Logenraum hinaus.

Unter der Galerie hingen die Scheinwerfer und andere Beleuchtungselemente. Sie waren derart auf die Bühne und den Innenraum gerichtet, dass sie jeden Blick nach oben blendeten.

Niemand konnte in diese Kabinen hinein sehen, aber der Zuschauer hatte von dort den perfekten Blick auf die „Bühne“ unter sich, auf den ehemaligen Altarraum.

Erst vor wenigen Monaten war dort unten ein Mensch gestorben, erinnerte ich mich. „Der lebende Tod“ war aufgeführt worden, das erste und einzige Mal. Dort auf dem noch immer mitten auf der Bühne stehendem Altar hatte man den todkranken Künstler gebettet – und die zahlenden Gäste dazu eingeladen, ihm beim Sterben zu beobachten. Den genauen Augenblick abzuwarten, da er sein Leben aushauchte.

„Wer kann sich solche Sitze leisten?“, fragte sie. Ihr Blick war fixiert auf das übergroße Altarbild in nur wenigen Metern Entfernung. Es hätte in ein kunsthistorisches Museum gehört, aber das Guignol hatte eine bessere Verwendung dafür. Eine ästhetischere.

Ich ging zum Eisschrank hinüber und machte uns Getränke. Ihres panschte ich. Sie brauchte einen klaren Kopf, ich den Mut, mich selbst zu vergessen.

„Direktoren“, sagte ich, „Bankiers, Präsidenten, Produzenten…“

Therese wirbelte herum, machte große Augen.

„Welche?“, fragte sie atemlos.

„Bleibt geheim. Diskretion ist im Preis inbegriffen.“

Sie zog die Mundwinkel nach unten, verschränkte die Arme.

„Ich schätze“, sagte sie, „Verschwiegenheit ist hier sehr wichtig. Nicht auszudenken was wäre, wenn einer der Namen der ehrenwerten Herren aus der Politik an die Öffentlichkeit käme… man hört ja so allerlei darüber, was hier vor sich geht.“

Ich lächelte. Gründliche – und unverhältnismäßig routiniert – Durchsuchungen der Behörden nie etwas anderes zu Tage gefördert hatte als geschmacklose Requisiten, ein Sortiment an verkommenen Subjekten im Theaterraum und leere Logen. Aber vielleicht gerade deswegen hielten sich hartnäckig diverse Gerüchte.


„Ich halte es für sehr verständlich, bei einigen Dingen nicht beobachtet werden zu wollen“, sagte ich und bot ihr ein Glas an. Sie war mir ganz nahe, als sie annahm, rutschte ein wenig näher an der Brüstung zu mir. Ihre Hand legte sich einen Moment auf meine, als sie das Glas annahm.

„Was könnte man dentun, das so dringend vor den Augen und Ohren der Öffentlichkeit geheim gehalten werden muss, dass man derartig obszön viel Geld bezahlt?“

Ein Grinsen breitete sich auf meinem Gesicht aus. Es kam ganz natürlich, selbst wenn es das jugendliche Grinsen von Johann war.

„Obszönitäten“, sagte ich.

Therese beugte sich wieder über die Brüstung, eine ihrer schlanken Hände auf den kühlen Stein abgestützt. Als sie sich umdreht, streifte mich kurz ihr Rock.

„Gut, ich schätze von den Bänken unten sieht man nicht, was hier oben passiert“, sagte sie und dachte nach. „Aber

Ich legte vorsichtig eine Hand auf ihren Rücken, recht weit oben. Sie sagte nichts. Ihr Herz raste in ihrem Brustkorb, ich spürte es eben.

„Aber man hört sie“, sagte ich. „Sie und die Frauen, die sie ihr hochnehmen. Manchmal die Männer. Ich glaube manchmal, man hört sie bis nach draußen und nur deswegen ist es den Leuten so ein Dorn im Auge. Nicht wegen der Stücke – die provokant sind und extravagant und regelmäßig genug verboten werden – hassen die Langweiler das Guignol. Sondern weil man hier Dinge tut, die sich einfach nicht gehören.“

„Zum Beispiel?“, fragte sie, atemlos. Sie sah mich nicht an. Das Haar fiel ihr über das Gesicht, aber ich wusste, dass sie rot wurde. Wenn ich jemanden nur genug beobachtete, bekomme ich leicht ein Gefühl für ihre Knöpfe. Dafür, was sie reizt.

Und Therese reizte der Gedanke all der Schandtaten, die hier in den letzten Jahrzehnten geschehen waren.

Ich grinste Johanns jugendliches Grinsen, rückte ihr ein wenig näher. Unsere Hüften berührten sich, stießen an den Hüftknochen aneinander.

„Nun. Die offensichtlichen Sachen“, sagte ich. „Sex. Manchmal ein wenig mehr als das. Manchmal…“

Meine Hand wanderte ihre Bluse hinauf, bis zu ihrem Nacken, von dem ihr Haar gerutscht war und den sie mir und aller Welt präsentierte. Mit den Fingerspitzen zog ich seine Kurven nach, strich über ihre rosige Haut, lauschte ihrem Atem.

„Manchmal tun sie unaussprechliche Dinge hier oben, über die niemand bei Licht sprechen sollte. Dinge, die du dir gar nicht vorstellen könntest.“

Ich hörte, wie hinter uns die Tür aufging. Leise hörte ich es Knarren. Ich bemerkte es nur, weil ich darauf gewartet hatte. Sie an meiner Seite hatte es nicht gehört.

„Vielleicht sollten wir dann bei Zwielicht darüber reden“, schlug sie vor.

Ich löste mich von ihr, langsam. Ich wollte sie weiter berühren, so wie ich seit Wochen nicht berührt worden war. Die Erlösung meiner Sucht, der nächste Schuss, war zum greifen nahe. Ich musste nur das Licht lin der Kabine löschen

Aber ich spürte diese Präsenz hinter mir, die dort ungeduldig wartete, die mich mit ihren Blicken durchbohrte.

Meine Regieanweisung, mein „ab“.

Wortlos drehte ich mich um und ging hinaus. Ich schloss die Tür zur Loge hinter mir und sank davor nieder. Zwar würde niemand daran rütteln, doch mein Körper blockierte jeden Weg nach draußen – bis auf den Sprung über die Galerie. Und darauf folgte ein Sturz von gut fünf Metern auf kalten Stein.

Ein Schrei schnitt mir durch Mark und Bein. Einer, der Fay Wray oder Paula Maxa Ehre gemacht hätte. Er hallte durch den Altarraum, wurde von den ohnmächtig hinabblickenden Säulen und Statuen und Bildern zurück geworfen.

Ich verschloss Augen und Ohren davor. Es war leicht. Ich hatte es die letzten Male so getan, tat es jeden Monat, alle vier Wochen, wenn meine Sucht zu groß wurde. Wenn ich merkte, dass ich unruhig wurde und dass mein Körper verfiel und mich meine Kräfte verließen.

Ich hatte Übung darin.

Aber was danach kam… was folgte, würde unerträglich werden. Wenn es so leise geworden war, dass ich mit meinen eigenen Gedanken alleine war. Und mit den Geräuschen, die aus der Loge drangen.

Mit denen, die den eigentlichen Grund für den infamen Ruf des Guignol ausmachten. Die nur am Rand der Nacht gehört wurden von einigen Unglücklichen, über die nie gesprochen wurde und von denen doch alle wussten.

Ich zitterte und starrte auf den Boden vor mir und schwieg meine Gedanken an, bis ich wieder in die Kabine gerufen wurde.

Isabelle. Demoiselle d‘Ombrage. Sie saß im Sessel des Direktors – des scheinbaren Direktors, der nur eine schöne Fassade für die Welt dort draußen war – und tupfte sich mit einem Tuch die Mundwinkel.

„Eine schöne Stimme“, sagte sie, ohne sich nach mir umzudrehen „hätte es zu etwas bringen können. Nicht bei uns, natürlich, aber in Amerika vielleicht.“

Ich tat mein bestes, die blutleeren Augen zu ignorieren, die aus dem anderen Sessel heraus starrten. Ich hätte sie nicht ertragen.

Die Demoiselle knüllte ihr Taschentuch zusammen, warf es mit spitzen Fingern auf den anderen Sessel herüber. Dann lockte sie mit ihren Fingern nach mir.

Ich folgte ihrer Geste mit traumgleichen Schritten, hatte nur Augen für sie, die leuchtete und mit jedem Jahr jünger aussah, ewiger, als ich neben ihr auf die Knie ging.

Dann erhielt ich meine Belohnung von ihr, nach der ich mich Monat um Monat sehnte, die meinen Körper jung und mein Gesicht formbar hielt:

Ein Scherflein des Lebens, das sie so eben der jungen Therese gestohlen hatte.

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