Jedermann – Teil I: Ein netter Kerl

Ich fühle mich schlecht. Als hätte ich seit einigen Tagen nichts gegessen und meine Magensäfte würden sich über mein beschädigtes, schwächliches Gedärm hermachen. Eine Art von Sodbrennen, glaube ich, obwohl kein Arzt in den letzten Jahren mir etwas dazu sagen konnte. Die meisten hielten mich sogar für gesund.

Ich weiß es besser als sie.

Mittlerweile habe ich mich an das Gefühl gewöhnt. Es kommt alle paar Wochen, kündigt sich langsam an. Erst durch Unruhe, dann Konzentrationsschwäche. Ich kann dann an keiner Frau vorbeigehen, kein Parfum riechen, ohne einige Stunden zu phantasieren. Meine Gedanken beginnen sich um Wildfremde zu drehen, die mich nicht kennen und nichts mit mir zu tun haben wollen. Wie schweißgetränkte T-Shirts klebt ihre Anziehung dann an mir, lässt mich nicht los.

Ich muss sie dann haben. Sie müssen mich rein waschen, den Schmutz von mir abkratzen, mir die dreckige Fleischeshülle mit ihren roten Fingernägeln von der Seele ziehen.

Das ist weniger schaurig, als sie vielleicht denken. Ich schleiche denen nicht hinterher, überwältige und zerre sie nicht in eine dunkle Gasse, um mich zu befriedigen. Es ist keine Geilheit, die mich gepackt hält, sondern Hunger. Freier Wille ist mir sehr wichtig. Jeder meiner Partner hat sich mir freiwillig hingegeben und wollte mich ebenso sehr erlösen, wie ich erlöst werden wollte. Manche wollten es sogar noch mehr als ich, aber das waren die besonders gestörten Exemplare.

Vorwürfe mache ich denen aber auch nicht.

Warum auch? Mein Geschäft sind Träume und die verkaufe ich teuer. Ich bin ein Mann von Welt, manchmal auch ein Allerweltsmann. Ich kann der Mann ihrer Träume sein, wenn sie das wollen – genau so groß und genau so geformt, wie es ihnen gefällt. Ob ich intellektuell oder bodenständig oder meinetwegen schmierig erscheine, das Leben ist nur eine Maske für mich, eine Verkleidung, die nach meinem eigenen Geschmack auswähle.

Nur dass ich sie tragen muss, das habe ich mir nicht ausgesucht.

Diese… ich zögere, es Krankheit zu nennen, denn mein Leben ist nicht weniger erfüllt, mein Körper nicht schwächlicher, mein Geist nicht gefesselter dadurch. Viele meiner flüchtigen Bekanntschaftn haben solche Ticks, die sie in weit größerem Maße einschränken und zu bestimmten Verhaltensweisen zwingen. Nur heißt es dort eben Hobby, Steckenpferd oder Spleen.

Mein Dasein ist durch diese Kondition verändert, aber nicht behindert. Anders als bei den meisten anderen Suchtkranken.

Nun, meine Sucht sind die Frauen. Ihnen widme ich meine Zeit, Energie und ganze Aufmerksamkeit. Daran kann ich nichts schlechtes finden.

Es ist eine Sucht, der ich mich gerne hingebe. Sie füllt das Loch in mir, dass sich alle paar Wochen öffnet. Wenigstens für einige Zeit geht es mir gut, nachdem ich eine Frau verführt habe. Dann kann ich mich wieder im Spiegel ansehen, kann das Haus verlassen, ohne mich widerlich und klein zu füllen.

Dieses Gefühl kommt erst am Ende des Monats wieder. So wie heute.

Die erste Woche nach einem Erfolg bei einer Frau fühle ich mich gut. Beinahe wie ein Mensch, wie ein normaler Mann. Nicht, weil ich meine Männlichkeit unter Beweis gestellt habe, sondern weil die Sorgen für einen Augenblick aufhören. Weil ich für ein paar Tage die Zuversicht finde, aus dem Bett zu kommen.

Nach zwei Wochen sind es nur leise Zweifel, die sich ankündigen. Es sind die Makel an mir selbst, die mir im Spiegel auffallen – die Falten um die Augen, das grauer und grauer werdende Haar. Wenn mich die Blicke von Fremden in der Bahn streifen, besonders die von jungen Frauen, glaube ich, dass sie mein Geheimnis kennen. Dass sie mich verlachen.

In der dritten Woche kommen die Schmerzen dazu. Die Kopfschmerzen, die an mir nagen, die innere Unruhe. Ich bin dann wie ein roher Nerv, der bei jeder Berührung zuckt.s

Die letzte Woche dieses unausweichlichen Rhythmus‘ meines Lebens, die vierte, ist die schlimmste. Ich kann mir dabei zusehen, wie ich vergehe, wie ich wie eine gepflückte Blume verrotte. Mein Fleisch wird fahl und ich erschlaffe. Ich kann fühlen, wie das Leben aus mir schwindet, wie meine jugendliche Kraft vergeht.

Für meine Sucht gibt es keine Therapie: Ich bekomme meinen Fix oder ich gehe ein.

Und ständig kreisen meine Gedanken um diese eine Frage, die ich nicht zu stellen wage und die der Mittelpunkt meines Lebens geworden ist: Was, wenn ich es nicht noch einmal kann?

An allen Tagen dieser Woche ist mir schlecht. Ich bin schweißgebadet und schlafe nicht mehr. Etwas reißt mich alle paar Stunden aus dem Schlaf. Womöglich ist es ein Alptraum, vielleicht der eine. Der, der immer wieder kommt. Ich weiß es nicht, weil ich mir meine Träume seit Jahren nicht mehr merken kann. Sie sind zu mühsam, zu ermüdend in der unendlichen Kombination ihrer immergleichen Elemente. Also vergesse ich sie.

Ich weiß nur, dass ich mich leerer fühle, je länger ich im Bett liege. Ein bisschen leblos, als hätte mein Magen sich schon aufgelöst und einen Teil meiner Seele mitgenommen. Nicht, dass ich an die Seele glaube, aber meiner Übelkeit gehört eine größere Qualität als das rein organische an. Es sind mehr als nur aufwallende Säfte, die mich in Nöte bringen.

Wenn das Ziehen in meinen Innereien unerträglich wird, stehe ich auf.

Mein Müsli schmeckt verdorben, obwohl ich es gestern erst gekauft habe. Ranzig irgendwie, als hätte sich ein unsichtbarer Schimmel darin ausgebreitet. Ich weiß, dass mit dem Essen alles in Ordnung ist, dass es jedes Mal und wiederkehrend nur meine Einbildung ist… aber ich ertrage es trotzdem nicht. Also gehe ich an den Gasherd und mache Spiegeleier mit Speck, das Eidotter noch flüssig und das Schwein triefend im eigenen Fett. Alles ist völlig überwürzt, aber so schmeckt es wenigstens nicht nach Verwesung.

Meine Küche ist grauer geworden über Nacht. Ein dünner Film hat sich über alles gelegt, wie Gaze. Als ich das Fenster zum Hof öffne, zieht warme Luft in mein Appartement und saugt allen Dunst und Nebel heraus. Das Grau bleibt.

Auch Wohn- und Schlafzimmer haben diese Farbe angenommen. Die Drucke von Van Gogh und Cezanne über meiner Couch sind leblos, starr. Ich sehe in ihnen keine leuchtenden Farben, keinen schöpferischen Umgang mit der eigenen Wahrnehmung mehr – nur noch die körperlichen Gebrechen, die zu dieser Wahrnehmung geführt haben. Vincents Bleivergiftung und seine geschwollenen Netzhäute starren mich aus den Bildern an, sonst nichts.

Unruhe begleitet mich den ganzen Tag, den ich zuhause verbringe. Eingesperrt mit mir und meinen Gedanken.

Dann, endlich, klingelt mein Telefon. Nicht das, das ich mit zur Arbeit und auf Verabredungen mitnehme. Das unter meinem Bett in der kleinen Schachtel, die ich unter den Diehlen verberge.

„In zwei Tagen“, sagt die Stimme atemlos. Bei ihrem Tonfall stellen sich mir die Härchen auf, als würde sich eine Hand auf meinen Nacken legen. Sie wartet nicht auf eine Antwort, das tat sie nie. Aber diese Worte befreien mich aus meiner Lethargie.

Ich kann meine Sucht befriedigen, in zwei Tagen. Man wird mir die Mittel dafür geben, wenn ich den Preis bezahle.

Der besagte Tag würde ein Mittwoch sein. Nicht die beste Zeit für meine Jagd, aber sie duldete wenig Aufschub. Schon bis dahin zu überstehen, würde Kraft kosten. Ich fühlte mich verfaulen und alleine den Anschein einer gewöhnlichen Fassade aufrecht zu halten, strengte mich an.

Zum Glück hatte ich bereits jemanden im Auge. Ein Mädchen, das ich einige Male getroffen hatte. Zufällig mehr und gerade vor ein paar Tagen erst. Ich hatte überlegt, die üblichen paar Tage zu warten, das Mädchen erst zum Wochenende hin anzurufen. Es vorher in einer anderen Gestalt auszuhorchen. So spielte ich gern, langsam und von vielen Seiten, um alles über sie zu wissen. Es war ein Zeitvertreib, aber ein schöner, sie so aus der Ferne zu beobachten.

Wenn sie schwer zu haben spielen wollten, sollte mir das Recht sein. Ich versuchte es unter vielen Namen mit vielen Gesichtern und suchte nach ihren Schwächen und Vorlieben und Abneigungen. So kam ich ihnen näher. Näher als durch bloße Fleischlichkeit.

Der Anruf hatte diesen Plan beschleunigt. Ich sah mich im Badezimmerspiegel und fühlte mich von mir selbst abgestoßen. Es ängstigte mich immer wieder, wie sehr mein Körper unter dem litt, was ich nur als banale Appetitlosigkeit und steigenden Ekel empfand.

Es musste in zwei Tagen sein und sie war meine beste Chance. Alle anderen… alle anderen waren noch nicht so weit. Ich konnte sie nicht einschätzen, wusste nicht, wie sie auf diese für mich so wichtige Frage reagieren würden. Sie dagegen, sie war anders. Bei ihr glaubte ich, sie gleich zu verstehen, eine Verbindung zu ihr zu haben. Ich wusste, wie ich mich geben müsste, um genau die Antwort zu bekommen, die ich wollte. Die ich brauchte.

Den Tag des Anrufes verbrachte ich trotzdem mit Vorbereitungen. Mein eingefallenes Gesicht und meine stumpfen Augen verfolgten mich. Ich musste mich wieder lebendig fühlen, zumindest für eine kurze Zeit. Fehler würde es nicht geben.

Ich las noch einmal all ihre Mails und Nachrichten an mich. Belangloses Zeug, höfliche Plauderei. Wann immer ich zu deutlich wurde, zog sie sich zurück. Trotzdem machte sie Andeutungen, erzählte von sich, zeigte Interesse mit vielen Kleinigkeiten. Ich erinnerte mich an unsere Begegnungen. Auf sie aufmerksam geworden war ich auf einer kleinen Feier von vielleicht dreißig Leuten, im Haus von Luis, einem gemeinsamen Bekannten. Sie hatte mich völlig ignoriert, obwohl ich sehr darauf geachtet hatte, von Luis von meiner besten Seite präsentiert zu werden. Ich war ein erfolgreicher Immobilienmakler an diesem Abend, witzig, charmant, mit einem strahlenden Lächeln. Sie war den ganzen Abend so kalt und abweisend gewesen, dass ich fürchtete, sie hätte mein ganzes Spiel durchschaut.

Erst bei unserem zweiten Treffen hatte Sie Interesse gezeigt. Das war in einer Bar in der Warschauer gewesen, wohin ihre beste Freundin – Melissa – mich geschleppt hatte. Das heißt den jungen und etwas verklemmten Schriftsteller, der gerade von seiner Auslandsreise zurück gekehrt war. Melissa war fest überzeugt, sie müsste Johann Schmied vor ihren Freundinnen vorführen und ich hatte mitgespielt, aus Neugier.

Aber nun war ich überzeugt, dass es hier ein Muster gab. Einen Hinweis, worauf das Mädchen dieses Monats stand. Er wollte nur von mir gefunden werden.

Ich dachte an die Details, die sie mir verraten und die ich ihr gestohlen hatte, und was sie für ein Bild von ihr zeichneten. Sie schrieb mit Melissa oft und neben all dem belanglosen Krempel über ihr Leben unterhielten sie sich auch über mich. Dass Melissa sich an mich auch noch als ihren alten Bekannten Johann Schmied erinnerte, den sie seit Jahren nicht gesehen und daher nicht zu deutlich in Erinnerung hatte, machte alles etwas einfacher. Ein dummer, aber glücklicher Zufall, der mir in die Hände spielte.

Die Ablehnung der Kleinen gegen den sportlichen Aufreißer auf der Party – ich vermerkte zufrieden für die Zukunft, dass Melissa besser auf ihn angesprungen war – und wie sie die Augenbrauen bei den beeindruckendsten meiner Geschichten hochgezogen hatte…

Etwas in meinem Kopf rückte sich gerade. Ich zückte dasjenige Prepaidhandy, über das ich mit ihr schrieb, und tippte eine Nachricht an sie. Anrufe hasste ich, sie ließen sich zu schlecht planen.

„Hey,

habe etwas zu feiern und niemandem, der es angemessen würdigen könnte. Morgen Abend Sekt im Kaiserkaffee? Rette mich aus meinem Elfenbeinturm.

J.S.“

Ihre Antwort würde auf sich warten lassen, bis zum nächsten Morgen oder Mittag. Aber das machte nichts. Sie spielte gern auf Distanz – romantische Unterwerfung und Ironie waren ihre Mittel dazu. Ich würde sie am Haken haben. Ich müsste mich nur ein wenig auf den Rücken werfen, ihr das Gefühl geben ihre eisige Königin-Nummer würde funktionieren…und sie würde mitspielen.

Ich war mir ihrer Zusage gewiß, zumindest nach etwas gefühlsduseligem Leiden meinerseits, das ihr das Gefühl von Stärke geben würde. Sie wollte die Ansagen machen, was völlig okay war, solange man ihr eine Auswahl vorgab. Von der Verabredung selbst versprach ich mir nicht viel mehr, als die Freude, an einer guten Lüge arbeiten zu können.
Ein wenig Sekt, eine verwundbare und selbstreflexive Unterhaltung über die Zukunft und dann…

Dann würde sie mich erlösen.

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