Erbschaft – Teil XI: Die Wahrheit

Franky rollte auf die Seite.

Flüssigkeit platzte aus seiner Kehle, bedeckte den Staub und die Papiere vor ihm. Angst und Magensäfte mischten sich mit Tropfen seines eigenen Bluts. Die Kehle schmerzte ihm, aber die Krämpfe hielten ihn im Griff, quetschten ihn aus, bis er nichts mehr zu geben hatte.

Es war hell im Salon. Die von ihm erst neu verlegte Glühbirne leuchtete alles in erbarmungslosem Detail aus.

Die verschmierten Papiere, die von Charlottes Flucht weiter im Raum verteilt worden waren.

Die übelriechende Galle vor ihm.

Die Stücke von Fleisch und Blut und Knochen, die an der hinteren Wand klebten.

Er bekam es nicht in den Griff. Nicht die Situation. Nicht was passiert war. Nicht das blutige Tagebuch vor ihm, beschmiert mit Angst und Erbrochenem.

Was zum Teufel war das gewesen?

Ein Ghoul, flüsterte etwas in ihm. Ein Stimmchen hinten in seinem Kopf, ganz leise und fast vergessen. Ein Leichenfresser.

Der Gedanke kam ungebeten, wie so viele andere in den letzten Nächten. Franky stemmte sich auf die Knie. Er fühlte sich schwach. Wie ein Welpe, den man im Nacken genommen und geschüttelt hatte.

Ein Leichenfresser… Was zum Teufel?

Franky schwankte zur Wand hinüber. Charlotte… Sie hatte den Schlosserhammer mit einer Kraft aus ihrem Körper gerissen, dass sie ihren Brustkorb weiter zertrümmert hatte – und den Hammer mühelos in die Wand gegraben. Franky zerrte daran. Einmal, zweimal, dann hielt er das Ding in den Händen.

Sie sollte tot sein, dachte Franky. Er hatte ihre Rippen zerschlagen, ihre Lunge war von hundert Knochensplittern durchbohrt worden. Und von einem vier Zentimeter langen Stachel aus rostfreiem Stahl.

Trotzdem war sie aufgestanden und gelaufen, als wäre alles in Ordnung.

Sie hatte noch sprechen können.

Charlotte von Bützow sollte schon seit Jahrzehnten tot sein, nicht erst seit heute. Hundert andre Dinge hätten sie vor Urzeiten töten sollen.

Franky blinzelte, schüttelte den Kopf. Als ob er die Gedanken vertreiben könnte. Woher wusste er diese Dinge? Wieso waren Sie in seinem Kopf?

Er blickte zu der Eiche im Garten hinüber. Sie war dunkel, im Mondlicht und dem Lichtschmutz der umgebenden Stadt beinahe nicht zu erkennen. Der Anblick ließ ihn erschaudern.

An Schlaf war nicht zu denken. Nicht heute. Nicht mit den Dingen, die er erlebt und gesehen hatte. Nicht so, wie er sich fühlte. Seine Gedanken rasten, sein Kopf war heiß wie ein überdrehter Motor. Er zitterte am ganzen Köprer – und er hielt den Hammer wie eine Waffe vor der Brust die ganze Zeit, bereit auf jeden Schatten einzuschlagen.

Und trotzdem fühlte er sich in einem Wachtraum gefangen.

Bilder erschienen vor seinem geistigen Auge, die er nie gesehen hatte und die doch real waren. Wie die Träume, die er in den letzten Wochen wieder und wieder gehabt hatte. Nur wo diese Episoden und Erinnerungen an seine Vergangenheit gewesen waren, waren diese Träume neu – oder jedenfalls zeigten sie nicht seine Vergangenheit.

Franky konnte nicht länger sagen, ob er träumte oder wachte oder ob er wachend in einen Traum gegangen war; ob sich unter seinen Füßen ein Weg in die Traumlande aufgetan und er hinein gegangen war, wie in einen anderen, einen unbekannten Raum in seinem eigenen Haus. Durch eine Tür, die nur in seinem Irrsinn existierte.

Sein Kopf füllte sich bis zum Bersten mit Trugbildern, mit Visionen aus anderen Zeiten und Orten.

Er sah die Stadt um sich herum, die Häuser rund um sein Anwesen, Monster aus Stahl und Glas und Beton, wie sie schrumpften.

Jahrzehnte flossen an ihm vorbei, zurück in die Vergangenheit. Bomben zerschmetterten die Gebäude ringsum, nur die Villa blieb stehen. Russische und Amerikanische Granaten und Geschosse zerschlugen die Straße, die Brauerei hinter dem Haus.
Trümmer türmten sich auf, der nächtliche Himmel entzündete sich.

Im Hagel der Geschosse, schleiften drei Männer einen Körper durch die Straßen. Ein zerschundener Leib in zerrissener Kleidung, blutig und in Fetzen. Man brachte ihn ins Haus, in den Keller. Franky sah das Gesicht seiner Mutter, die sich über den Leib beugte, der wie eine Puppe von den Männern gehalten wurde. Sie warfen ihn in ein Loch, sie gossen Bronze darüber… und seine Mutter schleuderte einen der Männer hinterher.

Seine Schreie ertranken in der Masse aus heißem Metall.

Franky schnappte nach Luft und fiel in die Gegenwart zurück.

Er war hier und heute, in dem von ihm frei geräumten Kellerloch. Eine blutbeschmierte Gestalt, die sich durch die Gänge und den Staub schleppte, in der einen Hand ein Hammer, in der anderen ein Brecheisen.

Eine fahle Kreatur, die den Mund zu einem wütenden Schrei öffnete. Ähnlich derjenigen, die vor sechzig Jahren dort begraben worden war.

„Was bist du?!“, fragte Franky. Die Worte hallten durch die Gänge. Ungehört, scheinbar, denn nur sein Echo antwortete ihm. Sein Echo und die aufgewirbelte Luft im Kellerloch.

Es war ganz still, ganz ruhig, als eine Stimme in seinem Kopf sagte:

Nur ein toter Lügner.“

Die Stimme gluckste. Ein dunkles, finsteres Geräusch, wie ein Morast in dem ein Mann sich verirrt hatte und ertrank.

Ein Geist, an die Fundamente dieses Anwesens gekettet; ein Zauberer, aus der wachen Welt verbannt in die Träume eines dünngeistigen Nachkommens.“

Franky zitterte und sah sich um. Niemand war mit ihm im Raum. Niemand sprach. Und trotzdem hörte er die Stimme in seinem Schädel.

Und er ahnte, von wo sie kam, wo sie ihren Ursprung hatte. Er fühlte es, wie er selten nur irgendetwas gefühlt hatte. Wie ein Finger, der an einer noch offenen, kaum verheilten Wunde zupft, war er sich dieses Gefühls sicher.

Und aus irgendeinem Grund konnte er nicht einfach fliehen. Etwas hielt ihn an diesen Ort gebunden, fesselte ihn an diese halbe Ruine.

Die Wahrheit, hörte er seine eigenen Gedanken, wie in weiter Ferne. Ich will die Wahrheit wissen und daran ist nichts falsches.

Aber waren es seine Gedanken, nur weil sie in seinem Kopf waren? Es war ein Gedanke, den Franky selbst denken würde, fand er, aber er fühlte sich fremd an. Genau wie die kalten Grabeshände, die an den Narben seines Geistes zupften. Und er war sich sicher, er fühlte es, in einer dunklen, versteckten Ecke seiner Seele, dass es diese Stimme war, die sich in seine Gedanken geschlichen hatte und ihm Lügen zuflüsterte oder verführerische Wahrheiten.

Nur was Franky selbst dachte und was zu denken sich ihm aufdrängte, vermischte sich, wurde untrennbar. Er konnte nicht mehr unterscheiden, welche Gedanken er selbst dachte und welche sich von außen in seinen Kopf schlichen.

Sie alle kamen mit der gleichen Stimme zu ihm.

Je näher er der geheimen Kammer in seinem Keller kam, je näher er der Kupferplatte kam, die irgendetwas dort unten verborgen hielt, desto untrennbarer wurden die Gedanken in seinem Kopf.

Nur eine Gestalt war deutlich für ihn, eine Ahnung, die sich ihm aufdrängte und die er nicht mit einzelnen Gedanken, sondern nur mit dem Denken an sich in Verbindung bringen konnte. Eine rauchige, alte Figur, aber ohne Körper. Wie ein Nebel in Menschengestalt, der sich in Gedanken so leicht schleichen konnte wie ihn geschlossene Zimmer oder vergrabene Keller.

Du willst die Wahrheit, sagte sie. Und ich kann sie dir schenken. Genau wie deine Freiheit.

Franky lachte ein bitteres Lachen.

„Was auch immer du bist – wenn es dich wirklich gibt und ich nicht nur den Verstand verliere…“

Muss sich das ausschließen?

„Wenn es dich gibt… wie könntest du mir meine Freiheit schenken? Freiheit wovon? Ich habe mehr Geld, als ich je im Leben ausgeben könnte. Ich kann gehen, irgendwohin, nach Amerika oder Japan, und mein Leben in Frieden verbringen. Und du… du liegst in einem Kupfergrab in meinem Keller. Gott weiß, warum und wozu und wie – aber du bist der Gefangene hier. Nicht ich. Ich bin frei. Ich kann gehen.“

Du kannst weglaufen, schnarrte die Stimme. Das ist alles. Weglaufen vor einem Schatten. Nicht einmal deinem Eigenen. Ahhh… So viele Dinge, die du noch lernen musst, die ich dir beibringen kann. Du bist reich – na und? Was ist Reichtum, ohne den Mut, ihn einzusetzen? Du vergeudest ihn im Versuch, deiner Mutter zu entkommen. Leugne es nicht, ich habe es in deinen Träumen gesehen.

Franky zuckte zusammen, als hätte die Stimme ihm eine Ohrfeige gegeben. Er fühlte es. Die Stimme… Sie hatte auch seine Träume mit kalten Händen betatscht, hatte seine Erinnerungen umgegraben und mit knorrigen Fingern darin gestochert auf der Suche. Nur wonach?

Hatte sie sich von seinen Alpträumen, von seinen Erinnerungen und Gedanken genährt, Frankys schlechte Entschuldigung eines schlechten Gewissens ausgesaugt wie eine Spinne ein gefangenes Insekt? Oder war sie einfach gelangweilt gewesen, einsam?

Er starrte auf die Platte vor sich, auf ihre Windungen, die er nicht verstehen konnte, nicht einmal wirklich sehen. Sie verschwammen vor seinen Augen, wie ein schneebedecktes Feld in der Mittagssonne.

„Wieso tust du das?“, fragte Franky und wurde immer leiser und leiser, denn er fürchtete sich vor seinen Gedanken und Hintergedanken. Und vor der Antwort.


Weil ich das gleiche will, wie du, mein Junge. Frei sein. Ich bin wie du. Oder ich kann es sein, wenn du nicht achtsam bist. Ich bin ein Gefangener deiner lieben Frau Mama und du, Frank, bist mir ähnlich. Steht es so schlecht um die Welt, dass Miteid mit einem Mitgefangenen dir verdächtig scheint?

Franky sank auf die Knie. Vor ihm diese Grabplatte, diese Tür zwischen Wachen und Traum, die er nicht einmal wirklich sehen, geschweige denn verstehen konnte. Die Platte war eisig unter seinen Fingern. Grabeskälte, die sich ihm bis in die Knochen fraß. Als Franky die Hand fortzog, blieben Fetzen seiner Haut an dem kalten Metall hängen. Blut tropfte aus den Rissen in seiner Hand.

Befreie mich und ich zeige dir die Geheimnisse, die deine Mutter ins Grab geworfen hat – in ihres und in meines.

Die Stimme dröhnte jetzt, eifrig, gierig auf ihre Freiheit.

Franky schob sie beiseite und auch seine eigenen Gedanken. Er wollte an nichts weiter denken als den Hammer in seiner Hand, an das Gefühl von schwerem Eisen und einem klaren Ziel.

Wenn er den Verstand verlor… was war dann dabei, seinen Irrsinn auszuleben? Wenn er verrückt war… wenn er geistig krank war, dann seit so langer Zeit, dass es keine Heilung dafür gab. Dann hatte sich die Krankheit bis ins Mark gefressen und war so sehr ein Teil von ihm, dass er nicht mehr zwischen ihr und sich unterscheiden könnte.

Das Brecheisen stürzte auf die Platte nieder. Franky packte sie mit beiden Händen, hob sie über seinen Kopf. Wieder und wieder rammte er den gehärteten Stahl vor sich auf den Boden. Es gab nichts in seinem Kopf als diesen Drang, die Kupferplatte zu zerstören. Immer und immer wieder, wie ein Rammbock, knallte das Brecheisen vor seinen Knien auf den Boden. Bis seine Muskeln erschöpft und seine Arme taub und seine Gedanken ganz leise geworden waren.

Nicht ein Kratzer war auf dem Metall zu sehen. Es war makellos wie an dem Tag, als Franky es aus dem Beton gebrochen hatte. Nicht einmal die Gravuren waren zerkratzt oder undeutlicher als ohnehin schon. Nur das Eisen in seinen Händen hatte sich verborgen.

Die Stimme in seinem Kopf verlachte seine Anstrengungen.

Beherzt, aber unnütz, mein Kind. Deine Mutter war irre und ihr Meister grausam, aber sie waren nicht unfähig. Was mich hier hält, ist stärker als alles Eisen. Blut und Knochen binden mich und nichts anderes wird diese Fesseln lösen.

Franky atmete schwer. Es war kalt geworden in der engen Kammer unter seinem Anwesen. Sein Atem kristallisierte vor ihm, und vor Schweiß und Kälte fing er zu zittern an. Die Arme sanken ihm. Er ließ einen schweren, tiefen Seufzer hören.

„Wer bist du?“, fragte er. „Verliere ich den Verstand?“

Du kannst nicht verlieren, was du nie besessen hast, oder? Und du kannst nicht finden, was immer schon ein Teil von dir war. Ich bin ein Teil von dir, Frank.

Das Lachen der Stimme dröhnte in seinem Kopf. Es war das wärmste hier im Raum, ein väterliches, sorgendes Geräusch, das seinen Geist einhüllte wie eine warme Decke, während sein Leib fror.

Ich bin Athanasius Roth und du, du bist Fleisch von meinem Fleisch, das Kind meiner Kinder. Nur entfernt verwandt vielleicht, aber doch. Über deinen Vater, offensichtlich.

Ich bin eingesperrt für ein Verbrechen, das auch du begangen hast, Junge. Das hier war mein Heim, meine Zuflucht vor der Welt, lange vor deiner Geburt. Und wie du wollte ich mehr wissen, als die Welt dort draußen mir zugestehen wollte.“

Er fror. Franky fror bitterlich, aber er konnte nicht aufstehen, nicht in das Haus oben gehen, wo er auch nur gefroren hätte. Jeder Schatten dort war kühl, schon als er eingezogen war, hatte das Haus nichts von der sommerlichen Wärme aufgenommen.

Seine Beine erlaubten es ihm nicht, aufzustehen. Und seine Arme waren zu schwach, ihn empor zu stemmen.
Also saß er dort, in seinem dunklen Keller und starrte auf die Metallplatte, auf diesen Kupfersarg, von dem eine unnatürliche Kälte ausging.

Auf die Windungen darin, die ein Bild formten, das er nicht verstand. Das sich fin seinen Geist fraß.

Willst du mich und dich befreien? Dann schreibe dir diese Wahrheit ins Fleisch, dröhnte die Stimme von Athanasius Roth in seinen Gedanken. Schreib dir die Magie meines Kerkers in die Brust, Frank, und stiehl deiner Mutter das einzige Geheimnis, das sie wirklich vor dir verbergen wollte: Mich.

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