Erbschaft – Teil 10: Festgenagelt

Franky verlor seinen Verstand und obwohl er ihn sehr schätzte, trauerte er doch nicht darum.

Er saß im Salon seines herrschaftlichen Anwesens. Und wie das Anwesen selbst im Großen, so war der Salon im Kleinen ein halb renoviertes und halb verfallener Schutthaufen, in dessen Zentrum sich ein Berg an sich Rätseln und Geheimnissen auftürmte.

Rätsel, an deren Lösung sein Verstand verstummte. Machte es ihm etwas aus? War er sich dessen überhaupt bewusst?

Es schien unsinnig zu sein, sich diese Fragen zu stellen.

Ihre Bedeutung war gering. Seine Mutter war – unzweifelhaft – tot. Und was immer auch sie noch vor ihm versteckt hatte, sie hatte die Wahrheit mit ins Grab genommen. Ihre Wohnung war ausgeräumt, seit mehr als einem Monat besenrein. Franky selbst hatte ein Kommando an kräftigen Entrümplern hinein gelassen – Männer mit kleinen Köpfen und breiten Händen, die alles unterschiedslos in Säcke und Kisten gestopft und danach verbrannt hatten.

Nichts von seiner Mutter war übrig. Nichts als die Briefe vor ihm.

Und dieses Bild in seinen Händen.

Ein Foto in Schwarz-Weiß, datiert auf den 7.8.1932. Das Mädchen darauf war unzweifelhaft seine Mutter, so unzweifelhaft wie es der Leichnam gewesen war, den er vor einigen Wochen auf einer Edelstahlschiene unter einem weißen Tuch identifiziert hatte.

Nur dass seine Mutter nicht in den zwanziger Jahren geboren worden sein konnte. Dann wäre sie siebzig bei seiner Geburt gewesen.

Sie war zwanzig gewesen, die Heirat mit seinem Vater war früh geschehen. Eine überstürzte, leidenschaftliche Hochzeit, hatte sie erzählt, mit einem leidenschaftlichen jungen Mann. Und wie alle Leidenschaft war sie irgendwann an sich selbst zerbrochen.

Seine Mutter war keine Greisin gewesen bei seiner Geburt und auch nicht in seiner Kindheit. Sie war immer jung gewesen und hübsch, selbst ihre Verbitterung hatte das nicht auslöschen können.

Eine ganz Weile saß er so dort, vor diesem Haufen, der für ihn nur Unsinn enthielt. Der sein ganzes Leben eine Lüge scholt – und eine schlechte noch dazu.

An wen sich wenden? An die Polizei? Womit denn? Mit einer diffusen Geschichte über eine Tote, die viel älter sein sollte, als sie war? Mit vagen Alpträumen wegen eines alten Hauses und Vermögens in Millionenhöhe? Vielleicht sollte er ihnen von dem seltsamen Fund in seinem Keller erzählen, von dem Verdacht, es könnte sich um ein Grab handeln.

Der Gedanke verweilte einen Moment lang bei ihm. Er sah vor seinem inneren Auge die Staatsbüttel kommen, mit Hammer und Picke würden sie das gesamte Fundament umgraben, würden hervor holen, was immer dort verborgen war… und sie würden unzweifelhaft auf ihn fallen als dem einzigen Verdächtigen. Wem sollten sie sonst die Schuld dafür geben? Seiner toten Mutter, die in Wahrheit fünfzig Jahre älter gewesen sein sollte, als alle ihre Papiere besagten?

Franky verwarf die Idee. Zu gefährlich. Am Ende würde man ihm nur Fragen stellen, die er nicht beantworten konnte.

Und womöglich sein Vermögen pfänden.

Dann überlegte er, sich psychologische Hilfe zu holen, seiner Situation mit professioneller – und diskreter – Hilfe auf die Spur zu kommen. Wäre das nicht originell? Reicher Erbe geht wegen Mutterkomplexen zum Seelenklempner: Fühle mich ungeliebt, nirgendwo zuhaus. Ich habe hier nur diese zwei Millionen Euro und das große, kalte Anwesen, in dem niemand mit mir leben will. Helfen Sie mir, Doc, ich will mich doch nur lieben, wie ich bin.


Frankys Lachen hallte durch den Salon und rüttelte an den Türen. Ein bitteres Geräusch, das ihn selbst erschreckte. Es war zu befreit. Zu ehrlich mit sich selbst.

Nein. Er brauchte Antworten und die würde er nicht in seinem Inneren finden. Nicht, ohne sich in diesem Labyrinth zu verlaufen.

Also griff er zu seinem Telefon. Mechanisch wählte er eine Nummer, die er in den letzten Wochen wieder und wieder gewählt hatte, sobald er ein Problem hatte. Es klingelte nur kurz, dann melde sich eine männliche Stimme.

„Roth hier. Habe Neuigkeiten für Charlotte, brauche ihre Hilfe. Augenblicklich. Sagen Sie ihr Bescheid.“

Die Stimme versuchte, Zeit zu schinden. Sie habe ein Meeting, ein wichtiges, würde bei nächster Gelegenheit zurück rufen. Was es denn gäbe, ob er etwas ausrichten könne?

Franky beschloss, das Spiel mitzuspielen.

„Ein gewisser Leopold von Schlüsselburg war hier“, log er, „und stellt Fragen. Sehr unangenehme Fragen über den Tod meiner Mutter. Und die Rechtmäßigkeit meiner Erbschaft.“

Vage bleiben, Aussagen offen halten. Er hatte keine Ahnung, wer das sein sollte, nur dass seine Mutter ihn für wichtig gehalten hatte.

Und dass seine Mutter Charlotte offenbar gehasst und diesen von Schlüsselburg geliebt hatte.

„Bitte, sie soll schnell kommen“, sagte Franky.

Dann legte er auf und sah den Schatten beim Wandern zu. In seinem Kopf kreisten Gedanken, die er nicht zu denken wagte, die er an den Rand seines Bewusstseins schob und ängstlich beobachtete.

Was nur, was tust du jetzt, Franky?

Verlangst du Antworten? Baust dich vor ihr auf und sagst du bist kein Kind mehr, du erträgst die Wahrheit jetzt?

Sein Blick fiel auf den Hammer. Er war schwer, aber Franky hatte ihn einige Male geschwungen. Er hatte Übung darin. Und wenn er damit eine Ziegelmauer einschlagen konnte… wäre er im Zweifelsfall eine gute Keule. Gut genug, um Antworten aus Charlotte von Bützow heraus zu holen.

Die Frau, die nicht die Anwältin seiner Mutter war, ihm aber ihre Erbschaft verschafft hatte.

Der Gedanke kam ihm ganz plötzlich, ungebeten. Wie die Fragen zuvor. Wie die Wut über Therese vor einiger Zeit.

Was sie wohl gerade tat?

Fickt einen anderen, der weniger rumheult.
Es war das erste Mal, dass er wieder an sie gedacht hatte seitdem. Wirklich an sie gedacht hatte und nicht nur an diesen Abend.

Franky schüttelte den Kopf, als ob das diese Gedanken vertreiben könnte. Therese war nicht hier. Und wenn sie wusste, was gut für sie war, würde sie weg bleiben.

Es klingelte. Franky sah von seinem Papierhaufen auf, durch den dunklen Salon, zu der Eingangstür am anderen Ende des Hauses. Es war Nacht, draußen wie drinnen.

„Tür ist offen“, brüllte er und hörte nur einen Moment später, wie sie hinter dem Gast ins Schloss fiel.

Sie kam mit einem dunklen, wiegenden Gang ins Haus. Ihr Gesicht lag in den Schatten, aber es war unzweifelhaft Charlotte. Das aggressive Klacken ihrer Schuhe verriet sie. Sie stachen beinahe in den Boden, obwohl sie ganz flach waren.

Das Glitzern in ihren Augen sah er, noch bevor ihr Gesicht in den dünnen Lichtkreis des Mondlichts hinter ihm trat. Es war dasselbe Glitzern, das er bei seiner Mutter hin und wieder gesehen hatte. Eine Mischung aus Hingabe und Verachtung.

Sie knippste das Licht mit einem Fingerschnipsenan, das Glitzern verschwand aus ihren Augen. Charlotte besah sich den Haufen Papiere mit hochgezogenen Brauen. Sie sah ihn, inmitten der alten Papiere sitzend, an den Sekretär seiner Mutter gelehnt, im dunkeln. Wieder einmal. Und sie sah die alten Papiere.

Nicht gerade ein beeindruckender Anblick. Ein Mann umgeben von den Liebesbriefen und Tagebüchern seiner toten Mutter. Ziemlich erbärmlich eigentlich. Aber Franky wollte sie nicht länger beeindrucken.


„Das ging schnell“, sagte er, ohne die Uhrzeit zu kennen. Er stand nicht auf, um sie zu begrüßen.

Charlotte ignorierte es.

„Leopold von Schlüsselburg war hier?“, fragte sie.

Franky hätte gelacht, wenn er noch Humor gehabt hätte.

„Du brauchst eine Woche, um mir bei juristischen Sachen zu helfen, aber du hörst den Namen von diesem Kerl und bist hier. Sehr interessant.“, sagte er.

Sein Tonfall war trocken. Er war zu müde für Sarkasmus.

Die Frau überging die Bemerkung. Sie kam näher, bis zum Rand des Papierbergs vor ihm.

„Hat er die Polizei eingeschaltet?“, fragte Charlotte.

Franky zuckte mit den Schultern, verzog die Mundwinkel.

„Ich weiß nicht, hab nie mit ihm geredet. Keine Ahnung, wer der Kerl ist. Bei mir war keine Polizei. Und ich bislang auch noch nicht bei ihr.“

Franky warf ihr einen der Briefe zu, die er gelesen hatte. Von seiner Mutter an diesen Leopold von Schlüsselburg. Charlotte fischte ihn mit spitzen Fingern aus der Luft. „Ich habe nur seinen Namen gelesen. Dachte, er interessiert dich vielleicht. Mehr als ich wahrscheinlich. Und ich musste dringend mit dir reden.“

Charlotte zog die Brauen zusammen. Ihr Gesicht zeigte kaum eine Regung, als sie den Brief überflog. Es war eine Maske aus Fleisch, die sie aufgesetzt hatte, aber sie hatte wohl vergessen, ihr Gefühle einzuschnitzen. Nur dieser Ausdruck von Misstrauen war zu erkennen. Diese Mischung aus Hingabe und Verachtung, die Franky sein halbes Leben lang begleitet hatte.

Sie ließ den Brief aus ihren Händen gleiten. Er schwebte zu den restlichen Unterlagen hinab.

„Was soll das sein?“, fragte sie.

„Das wüsste ich gerne von dir. Meine Mutter hat mich aus dem Testament gestrichen. Sie sagt es dort selbst, auch in ihrem Tagebuch steht es. Keinen Pfennig, heißt es. Nicht für mich, nicht so lange das Haus noch steht… Und trotzdem bin ich der Alleinerbe, weil es gar kein Testament gab. Komisch, oder?“

Charlotte blieb ausdruckslos.

„Sehr“, sagte sie. „Vielleicht hat sie es sich anders überlegt und ihren letzten Willen geändert oder ihn vernichtet? Oder es ist in ihrem Chaos nicht gefunden worden. Bei uns in der Kanzlei hat sie nie eines hinterlegt.“

„Und ihre Wohnung habe ich vollständig verschrotten lassen. Wie schade.“

Franky sah zu Charlotte auf. Sie starrte ihn mit einem Blick an, der seine Augen schmerzte. Als ob ihr Blick ihm die Augen verbrennen würde. Wie nach einer durchwachten Nacht voller Alpträume.

„Aber zum Glück hast du als ihre Anwältin ja den letzten Erben ausfindig gemacht und dem Gesetz genüge getan“, sagte er.

„Bereust du, dass ich dir aus deinem Loch heraus geholfen habe? Dir Reichtum geschenkt habe, von dem du nie etwas ahntest? Dir ein Leben wieder gegeben habe, von dem du nicht einmal wusstest, dass es dir gestohlen wurde?“

„Du leugnest es nicht?“

Charlotte lachte. Ein Geräusch wie von Glocken, klar und hell und stechend in den Ohren.

„Was sollte ich denn abstreiten?“, fragte sie.

„Dass du gelogen hast!“

Franky sprang auf. Sein Gesicht war rot, sein Herz hämmerte ihm in der Brust. Er fühlte diese Wut in sich aufkommen, diese maßlose und ohnmächtige Wut, dass jeder in seinem Leben ihn immer nur belog. Dass die Wahrheit darüber, warum sein Leben so verkorkst war, wie es war, mit seiner Mutter zusammen im Grab faulte – oder auf irgendeiner Mülldeponie der Stadt.

„Dass du mich benutzt hast, aus weiß Gott für einem Grund! Um meiner Mutter etwas auszuwischen? Diesem von Schlüsselburg, ihrer angeblichen Familie?“

Charlotte verdrehte die Augen. Mit der Fußspitze durchwühlte sie den Berg an Papieren vor sich, suchte nach spannenderen Dokumenten darin. Eine beiläufige Geste, beinahe wie gelangweilt. Von Franky, von seiner Verzweiflung.

„Nicht alles dreht sich um dich, Franky-Boy“, sagte sie und bückte sich nach einer ärztlichen Untersuchung. „Die Sache hat sogar sehr wenig mit dir zu tun. Eigentlich nichtmal mit Schlüsselburg. Ich fürchtete nach deinem Anruf schon, er hätte von der Sache erfahren… Aber vielleicht wird er nach all der Zeit doch langsam weich im Schädel. Du, mein Kleiner, warst ein Zufall. Ein glücklicher für mich, ein unglücklicher für deine werte Frau Mama.“

„Schlampe.“

Das Wort hinterließ einen ekelhaften Geschmack in seinem Mund, wie fauliges Fleisch, das man gerade noch rechtzeitig ausspuckte.

„Miststück!“, brüllte er. Die selbe hilflose Wut, die er bei Therese gespürt hatte. Bei seiner Mutter. Bei jeder anderen Person in seinem Leben, die ihm je etwas bedeutet hatte. Diese Unfähigkeit, das zu bekommen, was er wollte. Den Job, von dem er leben könnte, die Freunde, vor denen er sich nicht schämte. Die Antworten, die er verstehen konnte.


Im nächsten Moment war Charlotte an seiner Kehle. Ihre schlanken Finger bohrten sich in sein Fleisch, ihre Nägel stachen. Blut floß, heiß und dick, aus seinem Nacken. Ihre Augen waren ganz nah an seinen. Ihr Blick brannte ihm in den Augen, die zu glühen schienen. Ihr Atem kroch bittersüß über seine Wangen.

„Benutzt?“, fragte sie. „Wozu sollte man dich schon benutzen können? Ich habe dir die Richtung gewiesen, Franky-Boy, aber in den Abgrund bist du ganz allein gesprungen. Sehenden Auges. Oder hast du gefragt, woher ihr Geld kam? Hast du dein schönes neues Leben abgelehnt? Nein. Du wolltest es. Schiebe jetzt nicht mir dafür die Schuld zu.“

Sie hielt ihn gegen den Sekretär gepresst. Beinahe mühelos drückte sie ihm die Luft ab und brach ihm fast das Rückgrat, indem sie in gegen die Kante des Schreibtisches schlug.

Langsam quetschte sie das Leben aus ihm heraus.

Seine Gedanken rasten, stauten sich in seinem Kopf, der zu zerspringen drohte.

Dann, ein Lichtbltz.

Der Hammer.

Seine Hand tastete hinter sich, bekam den harten Griff zu fassen. Er schleuderte ihn in einem weiten Bogen herum, kugelte sich fast den Arm dabei aus. Die Spitze traf. Erst ein Klatschen, dann ein Krachen. Von Eisen auf Fleisch, dann auf Knochen. Charlotte jaulte auf. Ein tierisches Geräusch. Wie ein Hund, der getreten wurde.

Ein großer, aggressiver Hund ohne Leine.

Ihr Griff hielt ihn weiter umklammert. Franky röchelte, hieb erneut zu. Die Spitze bohrte sich zwischen ihre Rippen. Ein Knacken, ein Brechen das in seinen Ohren donnerte. Dann ein weiteres Wutgeheul, das sie zur Seite schleuderte und Franky mit sich riss. Der Papierberg zerstob in Blut und Staub und Knochensplittern.


Sie rangen. Charlotte packte seine Kehle, hämmerte ihm den Schädel gegen das Parkett. Ihre Knie rammten ihm den Brustkorb und den Magen auf den Erdboden. Sie war leicht, aber kräftig. Mühelos trieb sie ihm die Luft und allen Widerstand aus.

Sie war viel kräftiger, als ihre schmale Gestalt vermuten ließ. Viel kräftiger als sie mit gebrochenen Rippen und einem Hammer im Brustkorb sein sollte, der noch aus der Ruine ihres Oberteils heraus ragte.

Sie packte den Schaft mit schlanken Händen. Ein Ruck befreite ihn aus ihrer Wunde. Blut spritzte auf Franky, es war warm. Ihres oder seines, er war sich nicht sicher.

Charlotte schrie auf. Ein Geräusch wie von Lust und Schmerz und Wahnsinn. Der Hammer krachte in den Haufen Bilder auf der anderen Seite des Salons.

Charlotte hockte über ihm, hielt ihn auf dem Boden wie ein Insekt. Sie atmete schwer. Franky sah es durch das faustgroße Loch in ihrem Brustkorb. Der fleischige Sack blähte sich auf, drückte sich gegen die weißen Zähne, die aus ihrem Oberteil kamen.

Ihr Atem roch ganz anders, als er ihn in Erinnerung hatte. Nach Staub und Asche und alten Büchern. Er überdeckte den Gestank ihres Blutes, das weiter auf ihn tropfte.

Franky schnappte nach Luft. Regen konnte er sich nicht. Nicht einmal atmen.

„Ich hasse es, wenn ihr sowas macht. Wenn eure kleinen Pissgehirne glauben, ihr könntet alleine irgendwas auf die Reihe kriegen, ihr reichen Muttersöhnchen. In Wahrheit, Franky-Boy, bin ich doch der einzige, der dir hier die Stange hält. Wo wärst du ohne mich? Hm? Mittellos in irgendeinem Loch in Kreuzberg. Oder diese Schläger, Jimmy und Johnny, hätten dir die Beine gebrochen. Weil du ohne mich mittellos wärst und hilflos.“

Ihr Gesicht verzerrte sich zu einer Grimasse. Charlotte presste die Zähne aufeinander, knurrte wie ein wildes Tier. Sie bäumte sich unter Schmerzen auf, als sie Luft schnappte.

„Ja, ich hab das Testament deiner Mutter gestohlen und es verbrannt. Ich habe mich in den Nachlass deiner Mutter geschlichen, um ihn dir zuzuspielen. Und? Was jetzt? Gibst du deine unrechtmäßige Erbschaft zurück?“

Franky spürte, wie sich ihre Finger um seinen Hals lockerten. Er rang nach Luft. Seine Augäpfel drohten, ihm aus dem Schädel zu springen. Seine Stimme war rauh, ganz gepresst.

„Wieso?“, fragte er.

„Weil ich es wollte. Weil deine Hure von Mutter mich bestohlen hat. Und ich werde es mir zurückholen. Bis auf den letzten Tropfen.“

„Wieso… lebst du noch?“, keuchte Franky hervor.

Das ließ Charlotte innehalten. Sie sah an sich hinab, folgte dann mit dem Blick der Flugbahn des Hammers. Bemerkte die Stücke von Blut und Fleisch und Knochen, die von ihr in einem Bogen bis zur Wand führten. Ihr Lachen hatte nichts menschliches an sich, sondern hatte alle Zurückhaltung verloren. Es klang wie ein Hund, der den Mond anheulte.

Charlotte biss die Zähne zusammen. Sie litt offenbar, aber allein dass sie bei Bewusstsein war, war ein Wunder. Geschweige denn, dass sie sprechen und Franky überwältigen konnte.

„Weil ich wie deine Mami bin, Franky-Boy. Ich fresse kleine Kinder wie dich, mit Haut und Haar, und sauge ihnen das Leben aus den Knochen.“

Ihre Grimasse kam seinem Gesicht noch näher. Sie fletschte die Zähne, kauerte über ihm. Geifer tropfte auf seine Wangen und vermengte sich mit ihrem Blut.

Franky konnte es fühlen. Diesen Druck in seinem Schädel, wie er ihn schon vor einer Weile gespürt hatte. Bei Therese. Als er sie heraus geworfen hatte wegen irgendeines Impulses, eines Gedanken, der nicht zu ihm gehört hatte. Einen Gedanken, der er bis in die seltsame Kammer unter dem Keller verfolgt hatte.

Es war wie ein psychische Ohrfeige, die ihn erfasste und für einen Augenblick das Bewusstsein raubte und alles auslöschte, was nicht zu dieser Ohrfeige gehörte.

Das Brennen in seinen Augen hörte auf. Eine Klarheit und eine Ruhe kam über ihn, wie bei einem Reh im Scheinwerferlicht. Das Gefühl, dass Charlotte ihm mit ihrem Blick die Augen ausbrannte, ebbte ab.

Auch Charlotte spürte es. Sie wurde davon zurück geworfen, wie von einer unsichtbaren Hand nach hinten geschleudert.

Es war ein einziges Wort, das in seinem Kopf dröhnte und das aus der Nacht zu kommen schien, das er aber nicht erfassen konnte.

Ein einziges Wort, das sich ihm einprägte, sich ihm in die Seele fraß.

Nein.

Niemand hatte es ausgesprochen, niemandes Kehle hatte es formuliert. Aber es war dort, zwischen ihm und der blutigen Frau über ihm, und sie beide hatten es gehört.

Charlotte sprang auf. Mit einer Gewandtheit, die er ihr bei ihrer Verletzung nicht zugetraut hatte, war sie auf den Beinen und wich langsam von ihm zurück. Sie riss die Augen auf und presste eine Hand auf ihre Brust. Nicht auf das faustgroße Loch darin, durch das sich Teile ihrer Lunge zwängten, sondern auf ihr Herz.

Sie wirkte verletzter und verletzlicher in diesem kurzen Moment, als sie es wegen des Hammers in ihrem Brustkorb je getan hatte.

Langsam ging sie rückwärts, rutschte kurz auf einem blutigen Stück Papier aus und fing sich mit Mühe wieder.

„Versuch, nicht wegzulaufen!“, zischte Charlotte ihm zu.

Dann war sie verschwunden und ließ Franky keuchend zurück.

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